Einzelbild herunterladen
 

C Mer Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

Die Lasttier Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der AbonnementSpret« beträgt monatlich «0 Pfg. bei freier Zustellung i«S Hau«. Bestellungen werden jederzeit von der Seschäftistelle oder den Bote» entgegengenommea. Druckerei. Verlag und Siüialtton: Schlachthosftrabe 48/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bi» 8 llhr abend«. Sprechstunden der DuSkimft Stell«: Jeden Mittwoch und Frettag von « bl« 8 Ubr abend«. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstr. 16, Telephon: Amt Morlgplatz 12584.

Jnfertionlpreise: Di« fechtgespalten« geile für einheimische »«schäft« 15 'Bffl., tut au«, wärttge Inserat« 45 Vf, Reklame,eil« für «inheimtjch« Befchist« 40 Pf, für auswärtige Geschäft« «a Pf. Stnfach, Beilagea für di« »esamtaustag« w«rden mit »Mark pro Tausend be. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung sind di« Lasteier Neuesten Nachrichten ein vorzügliche« Jnsertiontorgan. Geschäftsstelle: »ölnischs Straß« 5. Berliner Vertretung: 6W, Friedrichstraße 16. Telephon: Amt Morlhplah 12684

Äurnrner 140«

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 23. Mai 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

dem allzu früh geküßten Mund als Zeugin vor den Richtern, neben ihr als Angeklagter ein jugendlicher Mechaniker, der seine Tat wie ei­nen Knabenstreich stammelnd zu entschuld

der an der Beerdigung teilnahm, hielt an der Gruft eine Ansprache und schloß mit den Wor­ten:Hier an der offenen Gruft Eures Käme-

Jas Leben ein Spiel?

Die zunehmende Entwertung des Lebens als die Tragödie de« zwanzigste« Jahrhunderts.

Innerhalb der letzten vier Wochen find allein in Deutschland vierund- vierztg Personen Liebestra- gSdien und Familiendramen zum Opfer gefallen. Von diesen vler- «ndvierzig Opfern befanden sich acht- «ndzwanzig im Alter von siebzehn bis fünfundzwanzig Jahren. Die Liebes- tragSdien verteilen sich auf Angehörige aller Gesellschaftsklassen und Berufe. In 10 Füllen hatten die Liebenden in völligem Einverständnis gehandelt.

DaS Leben selbst webt immer die düster­sten Dramen, die erschütterndsten Tragödien und die tollsten Burlesken, und wer hellen Auges den Film deS Ereignis - Wirbels an sich vor­überhasten läßt, gewinnt auch au? dem schein­bar Alltäglichen, aus dem Nüchternen und Reizlosen Eindrücke, die mehr Wert repräsen­tieren, als drei Bände moderner Sozialphilo- sophie. Und wenn man die Flut der schaffen­den, zerstörenden, natürlichen und gewalttätigen Aeußerungen des Lebens prüfend vergleicht, er­kennt man als eines der erschreckendsten Symp­tome der sozialen und psychischen Verfassung unsrer Zett die verminderte Schätzung, die Entwertung deS Lebens über­haupt! Dem hier sich offenbarenden ethischen Defekt der human sich gebärdenden Menschheit des zwanzigsten Jahrhunderts haben unsre besten und ehrlichsten Denker Worte bitterster Anklage und eindringlichster Ermahnung ge­widmet, und in ihren Schriften spiegelt sich die furchtbare Bilanz der hekatombenweisen Opfer, die Industrien und Bergwerke, Krieg und Ver­kehr, tausend vermeidbare Nöte und selbst- geschaffne Gefahren alltäglich nur deshalb fordern, weil sich der Sinn für den Le- benswert deS Individuums ebenso ge­schwächt hat, wie daS soziale und moralische Deraniwortlickkett-Gefühl Furchtbare Kata­strophen ereignen sich, die die Umsicht hätte abwenden können, und in der Mechanisierung des Lebens und in der Verarmung idealen Empfindens offenbart sich die tiesste Tragik unsrer Kultur, gähnt der Weg zu einem Abgrund!

Ein noch viel schlimmeres Symptom, und zwar das Symptom einer psychischen Ent­artung. ist jedoch die auffallende Erschei­nung, daß das eigne Leben immer mehr an Wert verliert, daß es bei jeder Verstimmung und Erschütterung, bei jedem Hindernis im Beruf und bei den Wünschen der Leidenschaft wie wertloser Ballast abgeschüttelt wird. Von dieser Krankhett ist namentlich unsre Jugend befallen. Da sind die Schüler-Selbstmorde aus enttäuschter Eitelkeit, der Selbstmord in heroi­scher Pose. Nervosität und seelische Schlaff­heit, im tiefsten Grunde aber ein rücksichtsloser Egoismus, wirken in diesem Spiel mit dem Leben mit. In den meisten Fällen ist es das erste Aufflammen der Liebesleidenschaft, der Genius des Geschlechts, der den tragischen Ausgang herbeiführt. Frank Wedekind hat diese Tragödie vomErwachen des Frühlings" in noch hemmunglosen jungen Seelen gezeichnet: Das versengende Auflodern früher Sinnlich­keit, dem Eltern und Erzieher so wenig Ver­ständnis. so wenig sorgsames Zartgefühl ent­gegenbringen. Zu dieser Dichtung haben die letzten Ereignisse traurige Kommentare und Bestätigungen geliefert. Das hervorstechende Moment dieser Vorfälle war der gemeinsame Tod, der Doppelselbsttnord der Liebenden. Man erinnert sich noch an den Selbstmord eines Lie­bespaares vornehmster Abkunft in einem Coups des österreichischen Südbahnzugs. Es waren zwei in ihrer Liebesanschauung und ihrem Willen Vollreife Menschen, die an einer aus- sichtSlosen Liebe scheiterten. Und eben wieder hat bei Berlin die Verzweiflung über die Tragödie ihrer Seelen-Sehnsucht zwei Un­glückliche, Onkel und Nichte, in den Tod gehetzt.

Aber nicht immer haben Herzensaftären ei­nen so traurigen und so unveränderlichen Ab­schluß. Zuweilen kommt es bei dieser Lebens­flucht nur zu einem kindischen Versuch und daS Drama erhält nicht nur durch seine Motive, sondern auch durch seine Ausführung einen Einschlag von Komik. Ein derartiges keines Drama spielte in seinen letzten Szenen vor wenigen Tagen im gerichtlichen Verhandlungs- faal: Die Helden waren zwei halbfertige Menschen, eine Siebzehnjährige und ein Neun­zehnjähriger, beide gefesselt in den Banden der Liebe. Die Liebe dieser beiden Werdenden

digen suchte. Nach einem jubelnd verlebten Frühlingsfest war es, als die Beiden den när­risch-traurigen Entschluß faßten, gemeinsam in den Tod zu gehen. Etwas rauh eingreifende Mutterhände hatten die beiden Liebenden zu trennen versucht, und das junge Mädchen hatte eS nicht zu verwinden vermocht, daß der Liebste geschmäht und in ihrer Achtung herab­gesetzt wurde. Nicht in Schönheit wollten die Beiden sterben, sondern sie suchten den Tod zu­erst durch übelriechendes Gift, und als sie da­vor mit Abscheu erfüllt wurden, griffen sie Pistole und zum Küchenmesser.

Das Alles schloß indessen wie eine Farce, wie eine mißratne Dilettanten-Tragödie: Der junge Mann fand einsichtsvolle und mild' gestimmte Richter und kam mit einer Drei- Mark-Strafe (nickt wegen Mordversuchs, son dcrn . . . wegen Ucbertreiung des Waffcnver- bois) davon. Man Has dieses Urteil mit dem Herzen gutgeheißen, aber nicht ohne schwere Bedenken, ob mit dieser Milde ber artigen hyper­sensitiven jugendlichen Romantikern. die mit dem Tode in so leichter und frivoler Weise ihr Spiel treiben, nicht ein Freibrief erteilt wird. Man denke nur an andre, in ihrer Grausam­keit unvergessne Fälle, in denen die Entartung und der Egoismus zu entsetzlichsten Taten ge­diehen. Sie batten denselben Grund, der den neunzehnjährigen Mechaniker zu seinem mißlungnen Versuch leitete. Man hat in diesen (glücklicherweise noch vereinzelten) typischen Vertretern einen dekadenten Zustand unsrer Jugend zu sehen, die bei dem ersten Anlaß eignes und fremdes Leben hinzuopfern ent­schlossen ist, und ein Aufstieg aus den Tiefen dieser Verirrung wird nur möglich fein, wenn das System der Erziehung das Leben wie­der wertvoll, inbaltreich und in seinen innern Regungen ideal zu gestalten vermag. Was wir heute an ungezählten Beispielen sehen, ist De­ka d e n c e, und was wir ersehnen, ist Erstar­kung zu rüstiger Lebenskraft, zu Lebensmut und Tatfreude! Alle Humanität unsrer Zeit kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir schwach und tatarm geworden sind, und wir sehen das wahre Spiegelbild dieses Niedergangs in den Tragödien und Tragikomödien der Jugend, die das Leben wegwirft, um . . . eine Träne zu verbergen! F. H.

Sie Stützen der Republik.

Neue französtsche Truppendemonstrationen.

Die Untersuchung über die Soldaten-Kund- gebungen gegen die dreijährige Dienst­zeit in Frankreich hat ergeben, daß in einer Kneipe in der Nähe der Kaserne des 146. In­fanterie-Regiments in Toul ein Bündel Zir­kulare untergebracht war, in denen die Sol­daten zu Manifestationen aufgefordert wurden. In den Zirkularen heißt es:Jetzt ist der Augenblick gekommen, gegen den Staats- st r e i ch, der durch die Kammer sanktioniert wurde, sich aufzulehnen. Jeder vernünfttge Mensch erkennt an, daß die dreijährige Dienst­zeit unnütz und verbrecherisch ist." In­zwischen haben sich neue Demonstrationen er­eignet:

Die Garung dauert fort!

(Privat - Telegramm.)

Parts- 22. Mai.

Die Militärprotestbewegung gegen die drei­jährige Dienstzeit hat sich nunmehr auch auf die Garnison von Nancy ausgedehnt. Im Speisesaal des achten Infanterieregiments wurde gestern nachmittag die Internatio­nale angestimmt und feindliche Rufe gegen das Gesetz über die dreijährige Dienst- zeii wurden laut. Einige Offiziere griffen ein und machten dem Zwischenfall rasch ein Ende. Mehrere Artilleristen wurden ins Gefängnis eingeliefert. Auch in anderen Kasernen von Nancy machten sich Unruhen bemerkbar und die Soldaten sollen für Sonntag eine große Manifestation planen. In Chalons für Marne versuchten gestern einige Artilleristen eine Kundgebung, gingen jedoch auf Zureden eines Unteroffiziers auseinander. JnCommercy und Lörouville (im Maas-Departement) ver­sammelte sich abends eine Anzahl Soldaten des 154. und 155. Infanterieregiments im Kaser­nenhofe und gaben ihrer Unzufriedenheit über die Zurückbehaltung der dritten Jahresklasse Ausdruck. Die Regimentsobersten stellten die Ordnung wieder her.

Der Kommandeur von Toul.

Toul, 22. Mai. (Privat - Tele- gramm.) Gestern fand hier die Beisetzung eines Soldaten des sechsten Artillerieregiments

Der Regimentskommandeur,

raden erlafseich alle Strafen totg en der Mn «ifestationen. Ich habe Ver­trauen eb Mich und ich glaube, daß Ihr meine Handlung zu schätzen versteht!" Das Vorge­hen des Regimentskommandeurs hat hier den besten Eindruck hervorgerufen. Die be­reits ins Gefängnis abgeführien Soldaten des Regiments wurden sofort wieder aus dem Ar­rest entlassen.

Die Rüstungs-Magnaten.

Ein deutscher Schifisbau-Trust in Sicht?

Die Verhältnisse im deutschen Schiffbau verdienten es, wieder einmal der Aufmerksam­keit weiterer Kreise nahe gerückt zu werden. ES bereiten sich hier Vorgänge vor, die für die künftige Gestaltung des VerkehrSmarkies be­langvoll sind. Man wird sich entsinnen können, daß von Zeit iu Zeit auS den Kreisen der Schiftsbauindustrie Klagen über mangeln­de Rentabilität kommen. Auch jetzt tauchen diese Klanen wieder auf, deren Ge­samttendenz gewöhnlich darauf hinausläuft, daß der Schiffsbauindustrie zu niedrige Preise gezahlt würden. Wir erhalten dazu von unterrichteter Seite folgende Mitteilungen:

Der Trust auf dem Marsch.

(Informationen unseres W. ^.Mitarbeiters.) Berlin, 22. Mai.

In Schiffbau- Industrie-Kreisen wer­den zurzeit sehr energisch Schritte vorbereitet, um die Schiffbaudividenden zu steigern: Ein Sch i ffb aut r ust ist auf dem Wege, der die verwandten Unternehmen gleicher Art unter einen Hut bringen soll, um auf diese Weise eine allgemeine Preisdiktatur zu schaffen. Was das bedeutet, ist schnell zu begreifen: Es bedeutet, daß der deutfche Welthandel und un­sere Industrie, die ihre wichtigsten Transport­mittel von dem Trust beziehen müssen, für biefe Transportmittel in Zukunft noch hö­here Preise zahlen müssen als bisher. Bebentungsvoll ist babei, baß man auf Haube! itnb Industrie eine Pression insofern ausüben will, als gerade die jetzige Zeit ber Hochkon­junktur ausgenützt werben soll, nm sie zu höhe­ren Preisen zu nötigen. In bicfett Tagen erst schrieb die freikonservativePost", bte ja den Kreisen der RüstungSinbustriellen so nahe steht, über bie beabsichtigte Trustbilbung:Was geschehen soll, geschehe aber bald, denn heute ist fraglos der Zeitpunkt mit Rücksicht auf die gute Beschäftigung fast sämtlicher Un­ternehmungen ein günstiger!" Diese Mahnung ist doppelt interessant, weil sie gleichzeittg fest­stellt, daß die in Frage kommenden Unterneh­mungenfast sämtlich-

gute Beschäftigung airfweisen.

Trotzdem klagt man aber über bie Notlage ber Branche:Lerne zu Nagen, ohne zu lei» beit/ Ist nun eine Notlage ber deutschen Schiffbau-Industrie wirklich vorhanden? Das kann beweisbar bestritten werden. Es hat nicht nur die Zahl ber schiffbauenben Unter­nehmungen zugenommen, sonbern auch bie Zahl ber von ihnen beschäftigten Arbeiter, woraus resultiert, daß hier bie Arbeits- und damit auch bie Derbienstmöglichkeiten ftänbig gewachsen sind. Auch zahlt die Mehrzahl die­ser Unternehmungen durchschnittlich gute Divi­denden, und das Symptom schlechter Wirt­schaftslagen, nämlich Fallissements, ist bis auf zwei ganz kleine Unternehmungen betreffende Fälle schon seit Jahren nicht mehr zu ver­zeichnen. Auch am Deutschen Reich verdient bie Schiffbauindustrie fortgesetzt mehr: Un­sere etatsmäßigen Mittel, die der Schiffbau- industrie zugute kommen, wachsen von Jahr zu Jahr. Der springende Punkt ist nun, daß eine Trustbildung in ber Schiffbauindustrie auch den Reichsetat höher belasten würde, da bas Reich ber b e st e K u n d e bei Schiffbau- inbuftrie ist. Unb hier lauern die Gefahren, auf die bie Oeffentlichkeit rechtzeitig hingewie­sen werben muß!

*

Neue Weltpolttik-Märchen.

Qentfäe Weltpolitik und...kein Krieg!"

Unter bem TitelDeutsche Weltpolttik unb kein Krieg" erscheint in ben nächsten Tagen in Berlin in bcm Verlag von Puttkammer und Mühlbrecht ein Buch, bas sich mit ben Richt­linien bei deutschen Politik beson- beis feit dem Fortgänge des Füisten Bülow und dem Amtsantiitt des jetzigen Kanzleis be­faßt. In verschiedenen Zeitungen, in denen bas Buch auf Grund ber Aushängebogen be­sprochen wirb, macht sich bei Glaube breit, als ob bieses Buch, bas sozusagen ein Pro­gramm ber beutfcben Reichsregie­rung wiedergebe, von amtlicher Seite au8 in­spiriert worben sei. Wir erfahr» hierzu aus

Grund eingehender Erkundigungen, daß diese Annahme ir r t ü m l i ch ist. Das Werk Deutsche Weltpolitik unb kein Krieg" stellt eine Arbeit rein privaten Charakters bar, mit der weder der Reichskanzler, noch sonst irgend welche amtliche Persönlichkeit etwas zu tun hat.

Wllmer-Kkilmenmgm.

Die Flucht vor den Wiener Gläubigern z ent» täuschte Hoffnungen; der Abgesandte König Ludwigs des Zweiten; Liszt und die Frauen.

In ihrenLe collier des joura überschrie­benen Erinnerungen, bi« vor einiger Zeit in bet Revue de Paris veröffentlicht würben, erzählt Judith Gautier, bte Tochter Theophils Gautiers, von ihren Begegnungen mit Wagner unb Lifzt ' Au« Wagner« eigenem Munbe er­fuhr Ye, wie Subroig bet Zweite von Sanem bemnotleibenben Genie" zu Hilfe kam.

Richard Wagner hatte während mehrerer Monate in der Wiener Oper bie Proben zu Tristan" geleitet. ES fehlte ihm an Geld und er lebte auf Kredit; fein Werk (so hoffte er) würbe ihm soviel bringen, baß er seine Schul- ben bezahlen könnte. Der Gastwirt, ber ihn ausgenommen hatte, wartete auf bie Premiere mit fast ebenso großer Ungebulb wie Wagner selbst; von Zeit zu Zeit legte er seine Rech­nung vor, bamit sie nicht ganz in Vergessen- beit gerate. Noch siebzig Proben würbeTri­stan" plötzlich fürunspielbar" erklärt. Jetzt würben bie Gläubiger zu einer unmittelbaren Gefahr. In Wien kannte man bamals noch das Schuldgefängnis . . .! Und Wagner rettete sich, indem er nach Stuttgart floh. Ein Kellner des Hotels, in dem er sich verborgen hielt, brachte ihm eines Tages eine Visiten­karte:Von Pfistermeister, Hofsekretär Seiner Majestät des Königs von Bayern" stand dar­auf. Wagner hatte keinen Grund, auf eine kö­nigliche Freundlichkeit gefaßt zu sein; er war überzeugt, daß dieser Pfistermeister ein Gläu­biger fei, ber unter einem Vorwanb zu ihm ge­langen wollte. Deshalb weigerte er stck. ihn zu empfangen. Der Hofsekretär ließ sich jedoch nicht abweisen: der König habe ihn ge­schickt und er könne doch nicht so ganz unver­richteter Sache heimkehren. Von Pfistermeister überreizte Wagner, als er endlich vorgelassen war, bas Pilb bes Königs unb als Geschenk ei­nen mit Diamanten gezierten Ring. Er hatte übcrbieS ben Befehl, Wagner sofort mitzu- bringen. Unb Wagner war so ergriffen, daß er weinen mußte. . . Gelegentlich einer Abend- unterbaltung bei der Gräfin Schleinitz in München lernte Judith Gautier auch

Lenbach und Liszt kennen. Liszt sah in feinem schwarzen Priester» rock ein bißchen unbedeutend aus. . .Aber welche Löwenaugen (schwärmt Madame Gautter), was für glühende, stechende Augen­sterne unter ben buschigen Brauen! Welche überlegene Ironie in ben Winkeln des brei­ten Mundes mit ben bünnen Lippen! In die­ser ganzen Haltung, die durch Wohlwollen ge­mäßigte Majestät! . . " Man erwies ihm große Ehren und verhielt sich ihm gegenüber fast de­vot, fast kriechend. Die Frauen Mrzten auf ihn zu, knieten nieder, küßten ihm die Hände, er­hoben die Augen in Verzückung. Dann kam eine Dame, die einst blendend schön gewesen war, unb bie Thöophile Gautier, Muffet und Heinrich Heine besungen hatten: Die Gräfin von Kalergis, bie inzwischen Gräfin Mnchanow geworben war. Sie war noch immer zart und weiß, aber man ahnte so etwas wie Reispu- ber. Liszt hatte bas sanfte milbe Wesen eines Priesters. Er näherte sich Frau Gautier und sprach mit ihr über ihren Vater, ben schönen Thöo. Die anberen Frauen würben geradezu eifersüchtig, umbiängten den Meister, ba­ten ihn, etwas zu spielen, unb quälten ihn, bis er aufgebracht war.Er gibt nicht nach," er­zählte Judith Gautier,weist bie Damen ziemlich scharf zurück, meint, baß Frau Mu- chanow spielen könnte, und daß es ihm viel mehr Vergnügen bereite, zuzuhören, als sich an bas Klavier zu setzen, wenn sie ba sei." Die Gräfin erhebt sich nachlässig unb die Gesell-, schäft etwas geringschätzig musternd: langsam zieht sie bie Handschuhe aus unb ihr Lächeln sagt deutlich, daß sie sich nur deshalb opfert, weil sie Liszt etwas Unangenehmes ersparen will, und daß sie sich über die

eifersüchtige Wut der Frauen, die jetzt gezwungen fein werden, ihr Beifall ztt» zujubeln, amüsiert unb luftig macht. Unb Liszt führt Jubith Gautier ans Büfett unb plaudert mit ihr von C osima. Er war ein paar Jahre vorder in Rom Abbö geworden, unb man er­zählte sich offen, baß er sich nur deshalb habe ,um Priester weihen lassen, weil er nicht ewig in ben Banben bet Fürstin Wittgen- stein bleiben wollte: er hatte Angst, baß die Fürstin ibn würbe heiraten wollen. Durch fei­nePtiesterwürde" befreite er sich zudem noch von zahllosen anderen Damen, bie ihn mit ihrer Liebe gerabezu belästigten. Ganz wörtlich ist baser befreite sich" hier nicht zn nehmen; beim er blieb auch im Priestergewande immer noch ber alte Damenfreund, unb fagte bloß den Damen ab, die er nicht immer voll

hatte in bett Kinberfchuhen begonnen und wat voll von himmelblauer Sehnsucht und kindlicher Empfindsamkeit. Ein zartes Mäd­chen stand mit einem Verlegenheitslächeln auf statt.