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Casseler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 13S.

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, 22. Mai 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

zwei Fahre spater!

Reichslandverf aff ungrEinft das.Lebenswerk des Kanzlers"; heute eine Gefahr fürs Reich?

Als der Pariser Matin, behend orientiert durch kundige Thebaner in der reichsländischen Statthalter-Residenz, die Nachricht brachte, in Berlin sei man (ein paar Wochen nach dem Kaiserbesuch) zur Energie erwacht und gedenke, im Sorgenland westlicher Grenzwacht, das Herr Theobald von Bethmann Hollweg vor ein paar Jahren mit der Morgengabe der Verfassung umschmeichelt, den Schutzdamm der Dikta­tur aufs neue zu errichten, glaubte man Hier­zuland an ein Pariser Maien-Märchen, erdacht und erzählt zu dem Zweck, den düster schwe­lenden Feuerbrand gallischen Chauvinismus zur züngelnden Flamme zu entfachen. Das Märchen hat sich indessen derweil als Wirk­lichkeit entpuppt: Dem Bundesrat liegen zwei Anträge vor, die nichts mehr und nichts weniger bedeuten, als eine Rückwärts-Revision der reichsländischen Verfassung, von der der Kanzler einst im Ton des Triumphators sprach: .Sie wird gelingen!" Sie ist gelungen, Wirk­lichkeit geworden trotz der Schwierigkeiten, die den Weg zum Ziele säumten, und ihre Väter müssen es nun als schmerzliche Korrektur un­kluger Kalkulation empfinden, daß der Erfolg der Großtat nicht zum Verdienst, sondern zur Anklage wider ihre Urheber geworden. Dem Statthalter im Reichsland soll das (von der Verfassung nicht vorgesehne) Recht eingeräumt werden, .die Handhabung des Reichsvereins- gesctzes der Eigenart der reichsländischen Ver­hältnisse anzupassen", das heißt: Er soll berech- ligt sein, Vereine, die in deutsch-feindlichem Sinne wirken, ohne weiteres aufzulösen, und für die Reichsland-Regierung wird ferner die Bestignis verlangt, mißliebige Preßorga. ne, beten anti-deutsche Tendenz erwiesen ist, des Rechts der freien Meinungsäußerung zu entkleiden. Diese beiden Anträge, die zurzeit dem Bundesrat zur Beschlußfassung vorliegen, gründen sich (wie uns offiziös erzählt wird) auf die Erkenntnis zwingender Notwendigkei­ten und fic sollen der Regierung die gesetzlichen Handhaben bieten, der antideutschen Agitation im Reichsland mit der durch die Gefahr der Lage gebotnen Energie entgegenzutreten.

Einer Regierung, die stark und entschlossen ihre Pflicht erfüllen will, dürfen die zur Erfül­lung dieser Pflicht erforderlichen verfassungs­rechtlichen Vollmachten nicht geweigert werden: Man wird also auch der Reichsland-Regierung die Mittel in die Hand geben müssen, deren sie zur ersprießlichen Arbeit auf der Erde Elsaß- Lothringens bedarf. Eine andere Frage ist in­dessen die: Waren zurzeit der Vorbereitung der rcichsländischen Verfassungs-Re­form die Zustände in Elsaß-Lothringen der­art erfteulich und angenehm, daß kein Verant­wortlicher sich bemüßigt sah, Sicherungen zu verlangen? War der Kanzler, der in jenen Ta­gen vom Verfassungsgeschenk an das Reichs­land mit erhabner Stimme wie von einem .Lebcnswerk" sprach, vom heiligen Geist des Friedens und der Liebe so erfüllet, daß er's mit seiner Verantwortlichkeit als vereinbar er­achten durfte, die, von Frankreich durchs Schwert zurückeroberten, dem Galliergeist in vier Jahrzehnten wechselvoller Germanisie- rwlgsarbeit kaum entwöhnten Provinzen einem Bersassungs-FreiheitSglück auszuliefern, an das im alten Preußenland Idealisten nur in gau­kelnden Traumgebilden zu denken vermögen? War der Statthalter des Kaisers, in dessen Sa­lon der antideutsche Fanatiker Wetterls von zarter Hand als Zierde der Eorona verhät­schelt wurde, s o tief überzeugt von der Sieger­kraft seiner Energie, daß er dringlichste Mah­nung an den nach dem Lorbeer desBefreiers" langenden Kanzler als unziemend erachten durfte? Der Reichstag, der sich mit Herrn von Bethmann Hollweg in die Verantwortung für das reichsländische Verfaffungswerk teilt, wird berufen sein, über diese Fragen erschöp­fende Antwort zu heischen: er wird auch dar­über zu entscheiden haben, ob das plötzliche Er­wachen zur Energie der .starken Hand" sich auf zwingende Notwendigkeiten gründet und ob tatsächlich in den zwei Jahren, die seit der Verwirklichung des Verfassungsgedankens ver­ronnen. sich Dinge ereignet haben, die das Reich zwingen, eine von ihm selbst gewollte und als Großtat gepriesne Handlung als un- nüy und übereilt zu korrigieren.

Man hat am Reichsland viel gesündigt: Sie Geschichte der Statthalterschaft ist (von Manteuffel bis Wedel) eine einzige Kette von Enttäuschungen, und die Germanisicrungs- Arbett, die in den dem Deutschtum zurück­

eroberten Provinzen geleistet worden, war sel­ten von glücklichem Geist geleitet. Einmal Sturmwind, einmal lindes Säuseln; hier Eisenfaust, dort zarte Liebkosung: Wo nach diesem System gearbeitet wird, kann kein Erfolg gedeihen, und wenn wir heut zurück- schauen auf die vier Jahrzehnte reichsländi­scher Vergangenheit, müssen wir uns selbst ge­stehen, daß wir nicht unschuldig sind am Wer­den jener Dinge, die jetzt den Männern in Straßburg die Sehnsucht nach der Diktatur als aller Weisheit letzten Schluß erscheinen lassen. Man erinnert sich (es war in den Kind­heittagen reichsländischen Versassungsglücks) jener schrill durchs Land hallenden Straß­burger .Scherbenrede" des Kaisers, die diesseits und jenseits der Vogesen wie ein Alarmruf vernommen wurde, und es darf bei dieser Gelegenheit auch daran erinnert werden, daß (bisher unwidersprochen) behauptet wird, die Initiative zur .Kursänderung" int Reichs­land sei in den Tagen des jüngsten Kaiser­besuchs in Straßburg erwacht, und erst im A n - schluß an diese Offenbarung habe die reichs­ländische Regierung sich zum Handeln ermannt. Trifft Das zu, dann würden gegen die Anträge auf Einengung der dem Reichsland vor zwei Jahren gewährten Verfassungsrechte die schwer­sten B e d e n k e n sich regen, und es würde dann das ganze Verfassungswerk sich als eine ver­hängnisvolle Irrung offenbaren, deren Wir­kungen man zu spät erkannt. Die Dringlichkeit der bereits angedeuteten Fragen an die Träger der Verantwortung müßte in diesem Falle den Reichstag veranlassen, mit aller Energie eine völlige Klärung der reichsländi- schen Frage zu verlangen, denn schließlich hat das Parlament des Reichs doch nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, seinem Willen Geltung zu verschaffen. Und dieser Wille müßte stark genug sein, eine Politik der Stimmungs-Momente, der Augenblicks-Regun­gen und des Einzelwillens zu verhüten ...!

F. H,

Das Rsichsland-Parlament.

(Privat-Telegram m.) Straßburg i. E-, 21. Mai. In der gestrigen Sitzung der zweiten Kam­mer des elsaß-lothringischen Landtags wurden von der Fraktion der Lothringer, von der So- zialdemokratie, dem Zentrum und den Fort­schrittlern Interpellationen über die geplanten Ausnahmemaßnahmen im Vereins­und Prefferecht eingebracht. Staatssekretär Zorn von Bulach erklärte sich zur sofortigen Besprechung der Interpellationen bereit. Die Beantwortung der Interpellationen wurde aber auf die Sitzung am kommenden Donners­tag verschoben.

Set Reichstag will spare«!

Die gestrige Sitzung der Budget-Kommission.

Bei der gestrigen Beratung der Wehr- Vorlage in der Budgetkommission des Reichstags brachte das Zentrum einen An­trag ein, der die Streichung von 1008 Leut­nants und Oberleutnants sowie von 1044 Un­teroffizieren verlangt. Außerdem sollen die verlangten Regimentskommandeure bei den Bezirkskommandos Hamburg, Celle, Duisburg, Düsseldorf. Erfurt, Flensburg, Frankfurt a. M.. Gera, Lüneburg, Metz, Munster, TUsit und Weimar gestrichen werden.

Die Dienstzeit im Heer.

(Privat-Telegram m.)

Berlin, 21. Mai.

In der gestrigen Nachmittagssitzung der Budgetkommission des Reichstags entspann sich eine bedeutsame Debatte über die Dienst­zeit. Die Sozialdemokraten beantragten ge­setzliche Festlegung der einjährigen Dienstzeit für alle Waffengattungen. Von Seiten der Fortschrittspartei lagen mehrere Re­solutionen auf Erleichterung und Abkürzung der Dienstzeit bei probeweise nur anderthalb­jähriger Dienstzeit bei einzelnen Regimentern vor. Sämtliche Anträge wurden, nachdem der Kriegsmini st er sie bekämpft hatte, abgelehnt. Dagegen wurde eine fortschritt­liche Resolution angenommen, die die Unter­stützung aller Organisationen fordert, die sich eine systematische Ausbildung der schulentlas­senen Jugend zum Ziele setzen. Angenom­men wurde ferner ein Antrag Erzbergers auf Reform des einjährig-freiwilli- gen Dienstes int Sinne einer Erweiterung und Erleichterung der Zulassung.

Das Zentrum gegen den Kanzler?

Berlin, 21. Mai. (Privat - Tele. gramm.) Die gestrigen Streichungs-Anträge des Zentrums in der Budgetkommission erregen in Regierungskreisen um so größeres Aussehen, als schon in den ersten Tagen des April, als

das Zentrum zusammen mit den Sozialdemo­kraten zahlreiche Abstriche am Militäretat vornahm, der Reichskanzler dem Zen­trum mitgeteilt hatte, daß er Bedenken trage, ihm noch die Beschlußfassung über die großen Militärvorlagen anzuvertrauen. Diese War­nung hatte damals ihren Zweck erreicht und das Zentrum hatte dem Kanzler zufriedenstel­lende Erklärungen abgegeben. Umsomehr er­klären sich die Regierungskreise für befrem. bet durch die Tatsache, daß das Zentrum jetzt erneut derartig umfangreiche Abstriche vor­nimmt.

Gallische GötzendSmmerung.

Frankreichs Heer gegen die Republik!

Die Soldaten-Demonstrattonen gegen die dreijährige Dienstzeit in Frankreich sind mehr als Manifestationen überreizter Hirne: Sie sind das Symptom der Zer­setzung der französischen Armee durch die Politik, und diese Erkenntnis bestimmt auch die französische Presse, nichts zu beschönigen und nichts zu verschleiern, fottbent die Dinge beim richtigen Namen zu nennen und die Regierung zu energischen Maßnahmen aufzusordern. Ob es zu diesenenergischen Maßnahmen" noch Zeit ist, ist allerdings eine andere Frage; jeden­falls beweisen die Vorgänge in Toul. Belfort und Paris, daß in der Armee eine sehr ge­fährliche Gärung herrscht. Wir verzeich­nen folgende Drahtmeldungen:

Die Garung im Heer.

(Privat - Telegramm.)

Paris, 21. Mai-

Unter den in der französischen Hauptstadt garnisonierenden Regimentern dauert die G ä - rung fort. Es soll zu neuen Ausschrei­tungen gekommen sein, jedoch ist Näheres sehr schwer darüber zu erfahren, da die Mili­tärbehörden größtes Stillschweigen bewahren. In der Kaserne Tourilles verlang­ten gestern die verheirateten Soldaten, die dort vornehmlich wohnen, daß ihre Frauen und Kinder mehr Gelegenhett hätten, sie zu besuchen. Verschiedene Zeitungen geben der Meinung Ausdruck, daß die Ausschreitungen nur eine Folge der durch den Bäckerstreik verursachten Ueberanstrengungen der Soldaten seien. Wei­tere Ausschrtttungen werden aus einer Kaserne gemeldet. Unter anderem haben hier Soldaten die Internationale gesungen.

Die Meuterer von Toul.

(Privat-Telegramm.)

Raneh, 21. Mai.

Die Untersuchung des Generals Pau über die Zwischenfälle in Toul wurde gestern in einer Konferenz, die der General mit den Mili­tärbehörden hatte, abgeschlossen. Der General fuhr sofort mit dem Automobil nach Nancy ab. Die Militärbehörden beobachten strengstes Stillschweigen über das Resultat der Untersuchungen; bis jetzt ist noch keine Be­strafung von Soldaten erfolgt. Heute im Laufe des Tages begibt sich General Pau nach Belfort, um die Untersuchung über die dort vorgekommenen Manifestationen aufzunehmen. Mit der Untersuchung der Militärbehörde geht Hand in Hand die Untersuchung der Polizei­behörde, die vier Inspektoren nach Toul ent­sandt hat, um festzustellen, inwieweit Zivil­personen an den Manifestationen beteiligt waren.

Hochrufe auf die Sozialisten!

(Privat-Telegramm.)

Paris, 21. Mai.

Der Matin berichtet aus Massone: Gestern abend bildeten sich auf dem Plan d'armes eine Gruppe von etwa hundert Soldaten des 134. Linienregiments, die eine Manifestation in den Straßen der Stadt ausführen wollten. Je mehr der Zug in die Stadt vordrang, um fo größer wurde er. Die Soldaten riefen während des Umzuges: .Rieder mit dem Gesetz der dreijährigen Dienst­zeit!" Andere fangen die Internatio­nale, wieder andere brachten Hochrufe anf die Sozialisten aus. Der Zug löste sich aber schließlich auf, ohne daß es zu Zwi­schenfällen gekommen wäre. Die Militärbe­hörden beorderten sofort ein Bataillon in die Stadt, um neue Manifestationen zu verhüten. Der Abend verlief aber ruhig, es kam nirgends zu Ruhestörungen.

Rieder mit der Armee!'

Wie uns ein weiteres Privat-Tele­gramm aus Paris berichtet, durchfuhren gestern abend in Bologne sur Seine zwei Au­tomobile mit roten Fahnen und Plakaten, auf denen zu lesen stand: .Nieder mit dem Gesetz der dreijährigen Dienstzeit, nieder mit dem Krieg und nieder mit der Ar­mee!" die Straßen bet Stadt. Der Polizei gelang es, die Insassen eines Automobils zu

verhaften und das Gefährt zu beschlag- nahmen. Das zweite Automobil entkam. Spä­ter kam es zwischen jungen Leuten, die von der Aushebung kamen, und Sozialisten zu einer blutigen Schlägerei, lieber vierzig Per­sonen wurden verhaftet.

Sie Hochzeit im Kaiserhaus. Vermählung der Prinzessin Viktoria Luise; Standesamtliche u. kirchliche Eheschließung Sonnabend, den vierundzwanzigsten Mai!

Wie jetzt offiziell mitgeteilt wird, wird am nächsten Sonnabend, nach­mittags um 4-/2 Ahr im Knrstjrsten- zimmer des Königlichen Schlosses in Berlin v)n dem Minister des Köni-g- lichen Hauses im Beisein der engeren Familie des Brautpaares die stan­desamtliche Eheschließung der Prinzesfin Viktoria Luise von Preußen mit dem Prinzen Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, erfolgen. Anschließend findet um fünf Ahr nachmittags in der Schloßkapelle die Feier der kirchlichem Vermählung statt.

Berlin in Erwartung": Die Linden sehen schön aus! Sie sind nämlich gar nicht ein bis­chen dekoriert. Nicht der kleinste echte Teppich hängt bis zur Stunde zum Fenster heraus, es sind Äine Flaggenmaste errichtet und keine Guirlanden schlingen sich von Laterne zu La­terne. Morgen werden freilich Fahnen in Hülle und Fülle wehen, aber man hatte sich ei­gentlich doch gedacht, daß die Hochzeit bet Kaisertochter und der Empfang so ganz besonderer Gäste auch äußerlich irgendwie vorbereitet würde. Zum Jubiläum wird sich ja Berlin schmücken. Und da solche Dekorationen tüchtig Geld kosten, so kann man es verstehen, wenn die gute Stadt Berlin nicht gleich zwei­mal hintereinander in den Säckel greift. Vom ästhetischen Standpuntt ist diese Sparsamkeit durchaus z>t begrüßen. Die offiziellen Tapezie­rer der Residenz haben nicht immer Wunder­werke vollbracht, und so zeigen sich die Linden in ihrer natürlichen Schönheit, die wirk­lich keine geringe ist. Da steht doch wirllich das Edelste beieinander, was Berlins Baukunst hervorgebracht hat, und es soll uns nicht mit Bitterkeit erfüllen, daß diese gute Bauepoche schon ein bischen lange zurückliegt. Auch die neue Königliche Bibliothek des Herrn Ihme hat Toilette gemacht und von ihrer Front das letzte Gerüst beseitigt. Sehr anheimelnd sieht der gewaltige Bau ja nicht aus, aber der Baumei­ster hat sich wenigstens von eignen Ideen fern- gehalten, und so wird der Gesamteindruck bet Feststraße nicht geschädigt. Das Schönste aber sind die Linden selbst, die sich mit ihrem jun­gen Grün

anfs Festlichste geschmückt

haben, und unter denen man so behaglich wan­deln und so gemütlich (der Stuhl fünf Pfen­nig!) sitzen kann. Sonderbar, wie diese Straße von dem gewaltigen Leben der Großstadt zwar gestreift, aber nicht erfüllt ist. Wer sich eben noch in Hast und Eile mit sämtlichen Ellenbo­gen durch die Friedrichstraße gerudert hat, wird ein sanfter, guter Mensch und ein liebenswür­diger Patriot, wenn er in die Linden einbiegt. Man kann noch so dringend zu tun haben: Wenn unter den Linden jemand stehen gebtte- beu ist, stellt man sich zu ihm, macht das Mündchen auf und starrt erwartungsvoll ins Leere. Es konnte doch sein, daß wer kommt. Gewöhnlich kommt aber niemand. Und doch stehen in der Gegend der Wache immer vieryun- beet bis fünfhundert Personen, die Brust von guten Gedanken bewegt. Es sind nicht alles Berliner, die da stehen, ja es ist ganz bemer­kenswerter Zuzug vom Lande zu konstatieren. Derbe märkische, preußische und pommersche Ge- stalten: Vater, Mutter und die Töchter, soweit sie schulftei sind. Sie lesen eifrig im Führer durch Berlin, was mein lokalpatriotisches Herz mit Freude füllt. Aber auch spindeldürre Eng­länderinnen sind da, die vielleicht heute freund­licher als einst bei uns angesehen werden. Vielleicht revanchieren sie sich durch anständige Trinkgelder in den Hotels: Es war ja nur ihre Sparsamkeit, die sie in Deutschland so unbe­liebt gemacht hat. Und dann sollen auch rus­sische Polizisten da sein, aber man sieht es ihnen nicht an, denn sie sind äußerst geheim...!

Paul Schlesinger.

* . *

Hochzeit und Hohe Politik.

Das Rendezvous in den Schären.

(Privat-Telegramm.)

Paris, 21. Mai.

Der Petersburger Korrefpondent des Petit Parteien depeschiert feinem Blatte: Wenn man den Besuch des Zaren in Berlin als eine rein familiäre Angelegenheit betrachtet, so mutz demgegenüber betont werden, daß die Zusam­menkunft, die bei dieser Gelegenheit zwischen dem König von England und dem Za«