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COler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

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Nummer 138.

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 21. Mai 1913.

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Beteranen-Tragödie.

Offiziöse Theorie und deutsche Wirklichkeit.

Allgemeine« Milgefühl erregt in Wilmersdorf bei Berlin der Selbstmord de« achtundsechzigjährigen Krtegsinvaliden Wilhelm Weiland, der dort in der Seefenerftratze 28 bei einer verheirateten Tochter wohnte und sich am Sonntag morgen erhängt e. weil er seinen Kindern nicht weiter zur Last fallen wollte. Weiland, der als Ulan 1810/71 jt mttgemacht, war seit mehreren Jahren erwerbs­unfähig, und die kärgliche Unterstützung, dis er al« KricgStnvalide erhielt, reichte nicht einmal fürs EL" * tägliche Brot. Die Tochter nahm deshalb, obwohl sie zwei kleine Kinder besitzt, mehrere Aufwartestellen an. um etwas mitzuverdienen. Am Sonntag morgen erhängte sich dann Weiland im Korridor.

Am letzten Sonnabend erzählte uns die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, das offiziöse Organ der deutschen Reichsregierung, daß das Vaterland der Denker und Dichter für seine Veteranen treulicher sorge, als irgend ein andres Land der Erde, errechnete das Sprach­rohr des Regierungswillens, daß die Deihülsen an Kriegsteilnehmer in Deutschland von 1,8 Millionen Mark im Jahre 1895 auf 29 Millio­nen im Jahre 1912 angewachsen seien, und zurzeit von 368 000 Veteranen 245 070 der Reichs-Beihilfe teilhast würden. Einen Tag später ging, vom Millionen-Segen vaterlän­dischen Danks kaum berührt, der achtundsechzig­jährige Kriegsteilnehmer W e i l a n d in Wil­mersdorf in den Tod, weil der Greis, durch die Strapazen eines Feldzugs frühzeitig zer­mürbt, es nicht mehr ertrug, seinen Kindern zur Last zu fallen! Und nun entscheide das deutsche' Gewissen, welche Tatsache eindring- k ich er zu den Enkeln spricht: Die Präzeptoren- Kundgabe des offiziösen Moniteurs, oder die Tragödie dieses Achtundsechzigjährigen, den die vom Regierungsblatt so laut gerühmte Für­sorge des Reichs nicht vor dem Verzweiflungs­schritt der Lebensendung angesichts des Jam­mers ungeminderter Daseinsnot zu bewahren vermocht? Die imposante Millionenzifser, die jetzt im Reichsetat als sichtbares Zeugnis vater­ländischer Dankesschuld an unsre Veteranen prunkt, mag, gemesien an der Winzigkeit der im Jahre 1895 für diesen Zweck bereitgestelltcn Mittel, mit der unverantwortlichen Verständ- ntSlosigkeit früherer Zeit einigermaßen versöh­nen: Daß sie auch heut noch unzulänglich ist, daß ihre Verteilung dem tatsächlichen Be­dürfnis nicht gerecht wird, und daß der Neun- Andzwanzig-Millionen-Aufwand die am ver­zweifeltsten mit Not und Elend Ringen­den nicht vor -üftern Katastrophen zu schützen vermag. Das ;eigt uns jetzt die erschütternde Tragödie des Milmersdorfer Veteranen, die wie eine schwere Anklage wider das deutsche Gewissen in den Seelen brennt.

In dem millionen-glitzerndcn Rechtfer­tigungsversuch der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung war der Satz zu lesen:Das Reich ist nur zur Unterhaltung derjenigen Vete­ranen verpflichtet, die (in den Feldzügen) g e < sundheitltchen Schaden erlitten haben, und die Beihülfe hat nur die Bedeutung der Erstattung einer Dankesschuld!" Mit an­dern Worten: Eine Verpflichtung zur Versorgung seiner Veteranen besteht für das Reich überhaupt nicht: was es an Beihülfen den alten Kriegern gewährt, ist ein Almo­sen, gespendet von einem Wohltäter, der sein Dasein dem Beschenkten verdankt! In diesem Satz offenbart sich die Auffassung vom Wesen der Veteranen-Fürsorge, wie sie im Kreise der uns Regierenden besteht, in ihrer ganzen ethi­schen Dürftigkeit; in diesem Satz spiegelt sich die Verständnislosigkeit amtmännischer Denkart gegenüber denjenigen Pflichten und Aufgaben der Nation, die zwar nicht vom Buchstaben des Gesetzes bestimmt, aber vom ungeschriebnen Gesetz nationalen Empfindens und von der Er­kenntnis vaterländischer Dankbarkeit geheiligt sind, und es ist für die große Mehrheit des deutschen Volkes sicherlich tröstend und beglük- kcnd zugleich, daß sie über die Tankespflicht de« Reichs gegenüber den greisen Helden gro­ßer Kriege deutscher, menschlicher und idealer den», als die Schriftgelehrten offi­ziöser Meinung, deren Empfinden die warme Herzensregung deutscher Volkheit beim Erin­nern an das von den,Vätern Errungne längst fremd geworden. Es klingt wie ein Hohn, wenn das Organ der Reichsregierung am Schluß seiner Ausführungen (gewissermaßen entschuldigend) sagt:Dazu (zu den neunund­zwanzig Millionen aus Reichsmitteln) tritt int Deutschen Reich die private Veteranen-Für- sorge mit großer Opferwilligkeit hervorFühlt man in der Wilhelmstratzen-Sphäre nicht, wie beschä m e n d es für das Reich, das jährlich Milliarden für Wehr und Rüstung austvendet, ist, wenn der Mangel ausreichender Fürsorge de» Reichs die private Wohltätigkeit zwingt, sich unsrer alten Krieger anzunehmen und von ihrem Lebensabend des Elends grausamste Härten fernzuhalten?

Jeder Pfennig, der von der Hand des Mitleids gespendet wird, um die Veteranen- Not zu lindern, ist eine Anklage wider das Reich, jede Opsergabe von privater Seite eine schmerzliche Demütigung der alten Krieger, deren Dankanspruch das Vaterland, für das sie einst unter Einsetzung von Blut und Leben gekämpst, mit jährlich neunundzwanzig Millionen angemessen und ausreichend zu er­füllen glaubt. Mit welchem Erfolg, zeigt jetzt wieder das Milmersdorfer Veteranen-Drama! Die monatlichen Bcihülfen, die das Reich be­dürftigen Veteranen bisher gewährt, stellten sich auf zehn bare Reichsmark; nach dem neuen Gesetz werden sie auf zwölf Mark und fünfzig Pfennige erhöht: Zwei Mark und fünf­zig Pfennige Mehr-Almosen im Monat sollen ausreichen, die Rot zu bannen und von der Schwelle der. Armut-Hütte greiser Krieger die Sorge hinwegzuscheuchen! Daß seit dem Jahre 1895. als das Vaterland der Deutschen ganze 1,8 Millionen Mark alsDanktribut" an seine Veteranen opferte, die Kosten der Lebens­haltung sich fast verdoppelt, daß die Kriegsteil, nehmer, die 1895 (sünfmrdzwanzig Jahre nach dem letzten Feldzug) noch arbeits- und erwerbs- .hig waren, beut längst erwerbsunfähige Greise geworden und, soweit sie noch am Leben, meist der Pflege bedürfen: Das wird in dem Artikel des offiziösen Blattes, der die vor­nehmste Pflicht deutscher Treue gegenüber Ver­dienst Und Heldentat wie das Zufälligkeitspro­dukt einer Laune umtänzelt, nicht gesagt, hätte aber nicht ungesagt bleiben dürfen, weil diese Tatsachen die Notwendigkeit der Beilnil- fen-Erhöhung ohne weiteres erweisen. Es sind sicherlich nicht Zufälligkeiten, wenn im Verlauf von neun Monden fünf Veteranen-Tragö- dien sich ereignen, die alle auf die gleichen Ur­sachen weisen: Not und Elend! Als der alte Veteran Drux in Berlin auf offner Straße verhungert und verelendet, zusammenbrach, wurde uns erzählt, der Greis habenu3 Liebe zur Landstraße" sich der Fürsorge entzogen: vielleicht hören wir auch jetzt, da das Elend abermals ein Opfer gefordert, schwichtigende Erklärung, die das Gewissen sänftigen soll. Aber all diese Erflärungen und sämtliche neunund zwanzig Millionen Reichsbeihülfe schaffen die eine Tatsache nicht aus der Welt, daß im deutschen Vaterland alte Krieger in den Tod gehen, weil das Reich es nicht vermag, ihren Lebensabend menschenwürdig zu gestal­ten. Und diese Tatsache ist ein charakteristisches Dokument unsrer Zeit des Humanität-Svorts und des Phrasen-Ueberschwangs ...! F. H.

Zar Menetekel von Toni.

Frankreichs Heer gegen die Republik.

Die Militär-Meuterei in Toul (Frank­reich), über die wir gestern schon eingehend be­richtet haben, ist ein deutliches Zeichen der Spannung, die in Frankreich zwischen einem großen Teil des Volks und der Regie­rung der Republik besteht, und die durch die Forderung der dreijährigen Dienstzeit nun auch das Heer in Mitleidenschaft gezogen bat. Gestern ist den Meutereien in Toul eine nicht minder bedenkliche Soldaten-Kundgebung in Belfort gefolgt, wobei es zu revolutionären Ausschreitungen kam. Wir erhalten darüber folgenden Bericht:

Die Stützen der Republik.

(Privat - Telegramm.)

Paris, 20. Mai-

Unter den Soldaten der Belforter Gar­nison herrscht wegen der Zurückbehaltung der Jahresllaffe 1910 große Erregung, die sich gestern dadurch Luft machte, daß die Sol­daten des fünften Bataillons, als sie von einer Nachtübung zurückkehrten, trotz Anwesenheit ihrer Vorgesetzten die Internationale sangen. Später, als sie sich in ihren Stuben befanden, sang ein großer Teil der Soldaten revolutionäre Lieder. Die Unteroffi­ziere, die erschienen waren, um die Ordnung wieder herzustellen, wurden mit Hohnrufen empfangen. Ein Feldwebel wurde sogar g e - schlagen. Es gelang ihm jedoch, durch seine Energie, die Soldaten wieder zur Vernunft zu bringen. Als er dann aber einen der Ruhe­störer in Arrest abführen wollte, versammelten sich 500 Mann auf dem Kasernenhofe und san­gen laut revolutionäre Lieder. Daraufhin wurde das sechste Bataillon des 242. Regiments requiriert, das die Ruhe wieder herstellen sollte. Als die manifestierenden Soldaten ihre Kame­raden ankommen sahen, zogen sie sich zurück.

Verbrechen der Antimilitaristen?

Weitere Depeschen aus Paris berichten uns: Auf der Bahnstrecke Belfort-Mülhausen wurden in der Nacht zum Sonntag in der Ge­gend des Bahnbofes Clermont mehrere B a l - k e n und Steine auf die Schienen gelegt,

doch wurde das Hindernis von dem Paris- Mülhausener Schnellzug hinweggefegt. Rach dem Urheber wird gefahndet. Er steht in dem Verdacht, bei Hericourt ein ähnliches At­tentat verübt zu haben, bei dem ein Lokomo­tivführer seinen Tod fand. Den Soldaien- demonstrationen von Toul und Belfort wird von der gesamten Presse eine große Be- de u t u n g beigemcssen. Der gemäßigte Figaro schreibt: Hoffentlich wird die Regierung erbar­mungslos gegen solche anarchistischen Hetzer des allgemeinen Arbeiterverbandes, die derar­tige Revolten durch Reden und Geld anstiften, Vorgehen.

Zar neue rroemel-MSrchen.

Wer tilgt: Der Malin oder Troemel?

Wir haben schon gestern über das eigen­artige Interview berichtet, das ein Mit- arbeiter des Pariser Matin in Saida in Algerien mit dem in die Fremden-Legion eingetretenen Usedomer Bürgermeister Troemel gehabt haben will und das offensichtlich den Versuch darstellt, den Fall Troemel als durchaus harm­los und den Fremdenlegionär Tunze (in den sich der Bürgermeister von Usedom unter der Wirkung eines krankhaften Geisteszustandes verwandelt hat) als den glücklichsten Menschen der Welt hinzustellen. Wir erhalten über das Interview jetzt folgenden eingehenden Bericht:

Das Interview mit Troemel.

(Bericht unseres 0. U.-Mitarbeiters.)

Paris, 20. Mai.

Der Fall des deutschen Fremdenlegionärs Troemel, genannt Tunze, kann nach Ansicht der Pariser Presse vorläufig als erledigt gelten, da angeblich zwei Punkte festgestellt worden sind: Einmal, daß der bisherige Bürgermeister von Usedom nicht verrückt ist, und zwei­tens. daß er entschlossen ist. als Soldat in Saida in Algerien zu bleiben und möglichst rasch zu einem höheren Grad aufzusteigen. Ein Berichterstatter des Matin ist eigens nach Saida gereist und hat dort Troemel getroffen, als er eben die Kaserne verließ. Troemel ist (so er­zählt der Interviewer des Matin) ein Mann von 32 Jahren, mittelgroß, mit offenem, in­telligentem Gestchtsausdruck. Er fpricht Fran­zösisch mit Schwierigkeit, weil ihm oft das rich­tige Wort fehlt, kann sich aber leicht verständ­lich machen. .Die Unterhaltung zwischen uns wurde daher 'in französischer Sprache geführt, und wir geben den Inhalt des Gesprächs ge­treu wieder: »Ich stamme aus einer wohl­habenden Kaufmannsfamilie (sagte Troemel). Mit 17 Jahren machte ich mein Abiturientenexamen, wurde mit 19 Unterleut­nant im 56. Infanterie - Regiment in Wesel und verheiratete mich mit 20. Die militärische Laufbahn gefiel mir und ich hatte sie voll Ver­trauen gewählt. Das Schicksal aber war ge­gen mich: Eine Verletzung am Bein, die ich mir ganz zufällig bei einem Unfall zugezogen hatte, zwang mich bald, die Armee zu verlas­sen. Ich beschäftigte mich in der Folge mit kaufmännischen Geschäften, bis ich als Dreiundzwanzigjähriger zum

Bürgermeister der Stadt Usedom gewählt wurde; mit 25 Jahren erhielt ich ein Mandat für den preußischen Landtag. Vier Jahre später stellten mich die Liberalen als Kandidaten für den Reichstag auf. aber ich wurde nicht gewählt. Da ich ein forscher Freisinniger war, stand ich na­türlich mit der Regierung sehr schlecht. Der Verdruß, den ich infolge meiner politischen Ge­sinnung hatte, verleidete mir das bürgerliche Leben, und ich begann mich wieder nach dem Waffenhandwerk zu sehnen, zumal, da meine Wunde am Bein vollständig ausgeheilt war. Ich wollte Soldat sein mit all der Glorie und all den Gefahren, die die militärische Lauf­bahn begleiten. Da fiel mir die Fremden­legion ein, denn ich kannte ihre Geschichte aus Schilderungen der Heldentaten, die sie bei all den Kolonialervedifionen und vor allem in Marokko vollbracht hat. Die Legion schlägt sich, und das zog mich zu ihr! Auf eine Frage des Journalisten bestritt hier Troemel ganz entschieden, daß er sich zu seiner Flucht durch andere als die angegebenen Gründe habe be­stimmen lasten: Es sei vor allem nicht wahr, daß er wegen Zwistigkeiten mit seiner Familie (der Er-Bürgermeister ist verhei­ratet und Vater dreier Kinder) die Heimat ver­lassen habe. Als mein Entschluß, in der Frem­denlegion zu dienen, gefaßt war (fuhr er fort), ordnete ich allx meine Angelegenheiten und fuhr mit Wissen meiner Frau nach Paris, wo ich mich anwerben ließ. Ich will ein guter Soldat sein, will in den Kolonien oder in Ma­rokko ins Feld ziehen und will mir meinen militärischen Rang wieder erringen, lieber die Aufnahme, die ich in Frankreich gefunden, kann ich nur Rühmendes sagen.

Was ist nun wahr?

Depeschen aus Stettin melden uns Das im Matin veröffentlichte Interview mit dem Usedomer Bürgermeister Troemel ist in zahlreichen kontrollierbaren Einzelheiten un­richtig. Troemel wurde erst mit 27 Jahren Bürgermeister in Usedom. Er war niemals Preußischer Landtagsabgeordneter, vielleicht

reußischer, da er früher Bürgermeister in Hirsch­berg a. S. war. Als Reichstagskandiimt ist er nicht durchgesallen, sondern damals zum ersten Male im Dämmerzustände tier« schwunden. Von Schikanen wegen seiner po­litischen Gesinnung ist nichts bekannt.

Sie SDione von Borkum.

Brandon, Trench «nd Stewart begnadigt!

Ein Privat-Telegramm mel­det «ns ans London: Die Ent­schließung des Deutschen Kaisers, die wegen Spionage verurteilten eng­lischen Offiziere Brandon, Trench und Stewart in dem Augenblick zu be­gnadigen, wo König Georg eine« Besuch in Berlin abstattet, hat hier den beste» Eindruck hervorgerusen. Wenn man in den schmeichelhaft ge­haltenen Artikeln auch verschiedent­lich daran erinnert, daß die Verur­teilten stets ihre Anschuld beteuert Hütten, so hebt man doch hervor, daß der Akt de« Kaisers in hohem Maße anzuerkennsnund zu würdigen sei.

Die Spione von Borkum, die Herren Brandon, Trench und Stewart, haben wirklich nicht Anlaß, mit dem Schicksal zu hadern: Die vier Jahre Festungshaft, die ihnen im Dezember neunzehnhiwdertzehn das Leip­ziger Reichsgericht auferlegte, waren, an der Schwere des Vergehens und der daraus für das Reich erstehenden Gefahr gemessen, eine Sühne, wie sie milder nicht denkbar schien, und die Vollstreckung der Strafe hinter den Festungsmauern von Wefel und Glatz hat den dreiGentleman-Spionen" den Verlust der Freiheit so erträglich wie nur möglich gestal­tet. Und nun kommt, kaum daß die Hälft« der Strafe verbüßt, die Begnadigung an­läßlich des Fürstenrendezvous in Berlin: Läßt sich eine freundlichere Schicksal-Fügung überhaupt ausdenken? Daß man jenletts des Kanals die Attigkeit gegenüber England, di« in dem Begnadigungsakt sich offenbart, in rau­schenden Dithyramben feiert, kann man ver­stehen; h i e r z u l a n d indessen wird die Frag«, ob es zweckmäßig gewesen, schon jetzt den drei Sündern von Borkum die Freiheit wieder­zugeben, nicht so ohne weiteres Bejahung fin­den, denn schließlich haben wir doch weit we­niger Anlaß, rechtskräftig verurteilte Uebel- täter von ziemender Buße zu befreien und dem Ausland Beweise unsrer Artigkeit zu geben, als das Reich vor drohenden Gefahren zu schützen. Und die Herren Brandon, Trench und Stewart hatten sich in ihrer Spionagetätig­keit als eine Gefahr für das Reich erwiesen! Als mildernder Umstand kam bei ihrer Verur­teilung in Betracht, daß sie bei ihren Spionage­versuchen ganz allein vorgegangen waren und keinen Versuch gemacht hatten, einen deutschen Staatsangehörigen

zum Verrat zu verleiten.

Auf diesem Wege, durch Bestechung deutscher Werftangestellter, hatte sich der englische Rechts­anwalt Stewart seine Kenntnisse von Einzel­heiten deutscher Kriegsschiffe verschafft. Er wurde am dritten Februar 1912 vom Reichs­gericht zu drei Jahren sechs Monaten Festungs­haft verurteilt. Man bat den drei Engländern seinerzeit die Bezeichnung .Gentleman-Spione" angehängt, um damit zum Ausdruck zu bringen, daß sie nicht aus niederen Motiven ihre Spio­nageversuche unternommen haben. Daß durch ihr gefährliches Treiben die Sicherheit des Reichs in ernster Weise gefährdet worden ist, ist aber eine so schwerwiegende Tatsache, daß es völlig gleichgültig bleiben kann, aus welchen Motiven fremde Spione unsre Küste be­suchen. Mit großer Genugtuung ist es denn auch allgemein begrüßt worden, daß vor an­derthalb Jahren ein höchst voreiliges Gnaden­gesuch dieser »Gentleman-Spione" kurzer Hand abgelehnt wurde. Trench und Brandon hüben jetzt mehr als die Hälfte. Stewart dagegen noch nicht ein Drittel seiner Strafzeit verbüßt. Wenn ihnen der Rest der Strafe jetzt erlassen wird, so wird es mit Rücksicht auf den dieser Tage bevorstehenden Besuch des Königs von Eng­land zu der Hochzeitsfeier im deutschen Kaiser­hause geschehen fein. Wir wollen hoffen, daß man in England diesen sehr weitgehenden Gnadenakt des Kaisers richtig würdigen und der Eindruck dieser Begnadigung jenseits des Kanals ein solcher sein wird, daß sich das Reichsgericht nicht wieder mit .Gentleman- Spionen" zu befassen haben wird, die unsre Küftenwerke mit verdächtigen Absichten um­schleichen. Oder haben wir etwa Anlaß, die Sorge um diese Dinge in feslfeierlichen Maien­tagen zu vergessen . . .? -an.

*

Die englischen Hochzeitsgäste.

(Privat-Telegramm.)

London, 20. Mai.

Tie Teilnahme des Publikums an der Reise des Königspaares nach Deutschland zur Teil­nahme an der H o ch z e i t s f e i e r im Kaiser­haus ist durch die Freilassung der drei Engländer Brandon, Trench und Stewart noch