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Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 20. Mai 1913

Hummer 137

Fernsprecher 951 und 952.

Englands neuester Triumph.

Deutschland und die Koweit-Frage.

Am letzten Sonnabend bat nun endlich auch die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung Anlaß gefunden, sich über die Ko Weit- Frage zu äußern. Dos Kanzlerblatt brachte eine recht dürftig gehaltene Darstellung der Entwicklung der Frage und bemerkte dazu:

Mehr kann über den augenblicklichen Stand der Angelegenheit, ohne die Ver­handlungen zu stören, nicht gesagt wer­den und ist auch von den an den Verhand­lungen beteiligten auswärtigen Instan­zen offenbar nicht gesagt worden. Prompt erschien die englische Antwort darauf. Wenige Stunden, nachdem die Norddeutsche Allgemeine Zeitung die Verschwiegenheit der

stück veröffentlichen könne. Troemcl schrieb darauf auf ein Blatt Papier folgende Worte: In die Fremdenlegion in Saida eingeireten, erkläre ich, daß ich mich hier sehr gut be­finde und nicht nach Deutschland zuruck- kehren will. Ich wünsche freiwillig in der Fremdenlegion zu verbleiben.

Snfertton*preUe: DU fed) «gehaltene 3«iU für etnttetmifdje «rschäft, 15 Pkg-. für au», roärttge guterate 25 Pt, sRetlomejeU« für einheimisch« SeschÄte 40 Pf, für auäiw.'üige Geschäfte «a Pf. Einfache Beilagen für die iSesamtaufiaze werden mit 5 Mark vro Taufen» de. rechnet. Wegen ihrer dichten Berdrettung in der Melden, und »er Umgebung find die Saffeter Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» Jnsertionrorgan. «efchäft»stelle: Sölnische «trabe 5. Berliner Vertretung: SW, ^riedrtchstrabe 16. Telephon: Amt M-ritzplah 12684

an den Verhandlungen beteiligten auswärti­gen Instanzen" gerühmt hatte, brachte die Londoner Times neue Mitteilungen zu diesem Thema, die sie nur von den betreffenden Instanzen erfahren haben konnte. Danach wird im Bezirke Koweit am Persischen Golf ein Zu­stand geschaffen der sich von dem in Aegyp­ten so gut wie gar nicht unterscheidet, was besagen will, daß Koweit. wenn auch nicht der Form nach, so doch in Wirklichkeit eng- li s ch wird.

Die Casteier Neuesten Nachrichten erfdjetnen wöchentlich sechsmal und zwar abend«. Der AbonnementSprei« beträgt monatlich 60 Pfg. bei freier Zustellung in« Hau«. Bestellungen werden lederzeit von der Geschäftsstelle ober den Boten entgegengenommen. Druckerei. Verlag und Redaltion: Schlachthofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur oon 7 bi« 8 Uhr abend«. Sprechstunden der Au«kmift. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bis 8 Uhr abend«. Berliner Vertretung: SW, griedrichsir. 16, Telephon: Ami Morihplatz 12584.

Die englischen Hochzeits-Gaste.

(Privat-Telegram m.)

London- 19. Mai.

König Georg und Königin Mary von England haben heute morgen London verlaffen, um sich nach Deutschland zur Teilnahme an den Hochzeitsfeierlichkeiten der Prinzesiin Viktoria Luise mit dem Herzog Ernst August von Cumberland zu begeben. In Port Vicwria wird das Königspaar an Bord de».

Hochzeit im Kaiserhaus.

Hochzeit der Prinzeffin Viktoria Margarete von Preutze« mit dem Prinzen von Rentz.

Wie wir schon kurz telegraphisch berichteten, hat am Sonnabend im Potsdamer Neuen Pa­lais die Vermählung der Prinzessin Vikto­ria Margarete von Preußen mit dem Prinzen Heinrich XXXIII. Reuß j. L. stattgefunden. Der Kaiser und die Kaiserin, das Brautpaar und die Eltern des Bräutigams versammelten sich im Apollosaal, die Mitglie­der der Königlichen Familie im Mufchelsaal. Sodann erfolgte der Abschluß der Ehepakten und darauf durch den Minister des Königl. Hauses Grafen A. zu Eulenburg die standes- amttiche Eheschließung. Der Kaiser erteilte hierauf den Befehl zum Beginn der kirch­lichen Zeremonie, und der Oberzere- monicnmeister geleitete das Brautpaar in die Jaspisgalerie zu den Plätzen rechts vom Altar. In dem Moment, als das Brautpaar die Ringe wechselte, gab die hinter den Communs ausgestellte Batterie des zweiten Garde-Fcld- Artillerie-Regi.ments dreimal zwölf Kanonen­schüsse ab. Rach der Trauung war im Mar­morsaal eine Familie:: täfel angesagt, an der unter andern der Reichskanzler, der Staats­sekretär von Iagow und Staatsminister Dr. von Trott zu Solz teilnahmen. Zum Schluß wurde im Muschelsaal die traditionelle Vertei­lung des Strumpfbandes durch die stell­vertretende Oberhofmeisterin vorgenommen

Die Spiel-Cour im Schloß.

So ost eine Prinzessin von Preußen, mit der Prinzessinnen - Krone geschmückt, die nur an solchem Tage den Kronschatz verläßt, vor den Traualtar tritt, erwachen allerhand Hochzeitsbräuche, die eine Geschichte von Jahr­hunderten haben, für flüchtige Stunden zu neuem, farbenreichen Leben. Und so war es auch bei der Hochzeit am Sonnabend. Ta ist zunächst die Spiel - Cour, die darin be­steht, daß Kaiser und Kaiserin sich nach der Trauung mit dem Neuvermählten Paar« im Weißen Saale des Berliner Schlaffes unter einem Thronhimmel an einem Spieltisch niedcrlassen. Rechts und links sieben gleiche Tische für die übrigen fürstlichen Anwesenden, und hinter deren Stühlen nimmt ihr Gefolge Aufstellung. Nun nahen sich in Reihen zu Drei und Vier in langem Zuge, dicht aneinander ge­schloffen, alle Hochzeitsgäste, schwenken, mit mi­litärischer Genauigkeit, vor dem Thronhimmel zur Front ein, erweisen ihreCour" durch «ine tiefe Verbeugung, vollführen dann wieder eine halbe Wendung nach der früheren Richtung und verlaffen den Saal durch die entgegenge­setzte Tür. Ehemals wurde während der Spiel- Cour wirklich ein Kartenspiel ge­spielt, jetzt aber sind vom Spiel nur noch der Name und ... die Tische geblieben.

Die Strumpfband-Verkeilung.

Vom Brauch der Strumpfband-Vek» t e i l u n g, die früher durchaus wortgetreu vorgenommen wurde, und die auch am Sonn­abend nach der kirchlichen Trauungszeremonie und im Anschluß an die Hochzeitstafel statt­fand, hat sich nur noch ein kleiner, symbolischer Rest erhalten. Ehemals übergab die junge Prinzeffin, sobald sie sich in Anwesenheit ihrer Eltern und übrigen Verwandten im Brautge­mach niedergelegt hatte, ihr Strumpfband ihrem Vater. Der König verteilte es in einzel- ncn Stücken an die Prinzen, die ihre Degen­spitzen damit umwanden und auf diese Weise der Hochzeitsgesellschaft den Beweis erbrach­ten, daß der Tag sein vorgeschriebenes Ende erreicht hatte. Jetzt verteiü die Oberhofmeiste- rin, luenn die Neuvermählten den Saal ver­laffen haben, an die Eingeladenen ein Erin- nerungszeichen, das immer nochdas Strumpfband" genannt wird, aber nur ein klei­nes Seiden- oder Samtbändchen ist, das den Namenszug der Braut mit Krone und das Da­tum des Tages in goldenen Buchstaben trägt. Eine vollständige Sammlung solcher Strumpf­bänder aller in Berlin vermäblten preußischen Prinzessinnen besitzt das Archiv des königlichen Hausministeriums.

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Sechs Wochen vor Kiel.

Das kommende Minister-Sterben?

Noch ein paar Wochen, und in den Gewäs­sern vor Kiel werden schmucke Boote durch die Wogen streichen, werden Sport und Poli- t i k zum trauten Bund sich einen, und unter be­sterntem Rock Exzellenzen-Herzen zittern. Was wird dieWoche" bringen? Dem prunken­den Schauspiel des Waffersports Pflegt ge­wöhnlich (als politisches Dessert) das M i n i- stersterben zu folgen, und trotzdem auf of­fiziösem Papier uns erst dieser Tage wieder mit achtenswerter Festigkeit versichert wurde, daß über allen Wipfeln die Ruh' des stillen Friedens wohne: Das Geraune im Blätterwald über dieNemesis von Kiel" will nicht zum Schweigen kommen, und selbst wenn man vom Geplauder der politischen Domestikenstube ab­sieht, bleibt noch genügend Anlaß, um ein paar Exzellenzen besorgt zu fein, von denen auch ernste Leute behaupten, daß des Herbstes fal­lend Laub sie nicht mehr im Amtstuhl schrecken werde. Daß wir Jahr um Jahr diese sommer­liche Krisen-Zeit durchbeben müssen, und noch immer zur Hundstag-Premiere den Spuk des blauen Briefes" sahen, hat unsre Nerven ein wenig abgestumpft, und wir erschrecken schon nicht mehr, wenn fettgedruckte Gazetten-Spal- ten uns heut dieses und morgen jenes Mini­sters nahe Schicksalstunde künden. Wir haben uns an den bescheidnen Nervenkitzel dieses ftöhlichen Rätselratens mit der Zeit gewöhnt, wie wir uns an Herrn von Bethmann Holl­wegs grau in grau getönteNachfolge Bis­marcks" haben gewöhnen müssen, und würden sicher etwas vermissen, was sonst unser som­merliches Wohlbefinden zu verklären Pflegte, wenn die gute und wohltätige Norddeutsche Allgemeine Zeitung eine Tages verkünden wür­de:Die politische Entenzucht ist, von unver­antwortlichen Personen betrieben, grober Un­fug. Wir warnen Leichtsinnige!"

Exzellenz von Heeringen, der Minister des Krieges, hört seit Wochen sein Grabgeläut. Es klingt so ernsthaft, wie wenn der Herr Kriegsminister bereits zum nächsten Ziehtermin" den Möbelwagen bestellt hätte. Tie Skeptiker freilich lächeln: Mathias Erzber- ger, der Mann aus Buttenhausen, gegen die Exzellenz im Heldenbart, gegen den Kriegsmi­nister, der im Kabinett Bethmann Hollweg nie ein Wässerchen trübte, und der vom Tag seiner Erhebung zur Exzellenz int Ministerium des Kriegs bis heut immer nur den einen Wunsch hatte, des Nächsten Frieden nicht zu stören: Wie reimt sich das? Herr von Heeringen ist (darüber läßt sich nicht streiten) in der Frage des Duell-Erlasses am Lorbeerbäumchen des Erfolgs weit vorübergeschritten, hat im vor­pfingstlichen Parlaments-Turnier manche Hoff- nung enttäuscht und nach dem Urteil einfluß­reicher Parademänner vomKnickergeist des Reichstags" mehr Prunkstückchen des Militär- Etats abknabbern lassen, als unverantwortlicher Duldasamkeit erträglich schien. Aus dem Strauch­wald offiziöserMeinung dröhnte wochenlang zum Ohr des Kriegsministers die grollende Stimme zürnentder Gegner und nur wie zartes Säuseln flang, was das Kanzlerblatt der Wilhelmstraße bent Hartbedrängten an (unerläßlicher) Recht­fertigung zuteil werden ließ. Hat unterm Sturm auf Heeringen" die Homogenität des Kabinetts gelitten? Die Eingeweihten behaupten's und auch der Kriegsminister selbst scheint zu ahnen, daß feines Wirkens Feier­abend nahe: Er will scheiden, nachdem die Heeresvorlage glücklich unter Dach, ohne Groll und Hader; pflichtgemäß, wie's dem alten Krieger ziemt!

Justizminister Veseler

steht als Zweiter auf der Kieler .Opferliste", oder eigenttich: Er stebt seit drei Jahren zwischen Sein und Nichtsein, mit dem Unter­schied nur, daß sein Bedürfnis nach Ruhe heut sich fühlbarer macht als je. Herr Befeler, der nun schon manches Jahr als Hohepriester preu­ßischer Gerechtigkeit seines Amtes waltet, hat des Ministerseins Freud und Leid bis zur Neige gekostet, ist dabei alt und grau gewor­den und sehnt sich nun nach dem Feierabend, den ihm billige Rücksichtnahme auf die lange Zahl ehrenvoll durchkämpfter Dienstjahre sicher nicht weigern wird. Sein Scheiden würde keine Lücke ins Gefüge des Kabinetts reißen: Die Zahl der Anwärter ist nicht gering, und da Herr Beseler schon früher vom Abschiednehmen gesprochen, hatte man auch Zeit, den Erben zu küren. VomGespenst" der Opferung bliebe in diesem Falle also nichts mehr, als das Bild eines Personenwechsels, der, wenn er zur Tat­sache wird, niemand überraschen, sondern als

FmMer neue Troemsl Rütse!!

Ein Interview mit Legionär Troenrel

Wie aus Saida in Algier berichtet wird, hat die französische Militärbehörde aus eigenem Antriebe verfügt, daß der Geisteszustand des als Legionär in die Fremdenlegion eingetrete­nen Usedomer Bürgermeisters Troemel un­tersucht werde. Die hiermit betrauten Perlonen. drei Militärärzte, hätten einstimmig erkannt, daß Troemel geistia völlig gesund sei. Mehrere Blätter veröffentlichen Unterredungen mit Troemel. der erklärt habe er habe seinen Entschluß, in die Fremdenlegion einzutreten. mit Zustimmung seiner Gattin aus­geführt. Wir erhalten darüber folgenden Drahtbericht:

Der Bürgermeister als Legionär.

(Privat-Telegram m.)

Paris, 19. Mai.

Das Echo de Paris veröffentlicht in einer Depesche aus Cron ein neues Interview seines Korrespondenten mit dem Bürgermeister Troemel. Troemel wiederholte, daß er sich wissentlich und im Einverständnis mit seiner Fran in die Fremdenlegion habe aufnehmen lassen, daß er sich darin glück­lich fühle und froh sei, bald Franzose werden zu können. Der Zwischenfall von Fort Saint Jean in Marseille sei von den deutschen Blättern falsch wiedergegeben worden; er habe niemals den Wunsch gehabt, zu desertieren und auch niemandem beauftragt, sein Enaagement in der Fremdenlegion zu annullieren. Bevor er nach Frankreich gereist fei, habe er seine Ge­schäfte in Deutschland geregelt, und da er D a - ter dreier Kinder sei, habe er vorher das Einverständnis seiner Frau einge. holt. Er hoffe, in der Fremdenlegion bald be. fördert zu werden, nachdem er sich in Ma­rokko tapfer geschlagen habe. Er meinte, daß die Soldaten in der Fremdenlegion besser ge­stellt seien als in Deutschland, daß der Dienst nicht so schwer, die Disziplin nicht so drückend und die Nahrung besser sei. Er amüsiere sich über diejenigen Blätter, die sich mit feiner Angelegenheit beschäftigen.

Schriftliche Erklärungen Trocmels.

Der Korrespondent des Pariser Matin sen­det seinem Blatte den Bericht über ein Inter­view mit Troemel. Der Korrespondent fragte Troemel, ob er ihm schriftlich be­stätigen wolle, daß er in der Fremdenlegion bleiben möchte, damit er dann dieses Schrift-

logische Folge natürlicher Entwicklung nur das Interesse eines selbstverständlichen und in fei­nen Motiven klar erkennbaren Schauspiels wel­ken kann. Wir hätten ht Herrn Beseler, wenn er von bannen geht, einen allzeit pflichteifrigen, emsigen und umsichtigen Beamten zu betrauern: Keinen Schöpfergeist, keinen Pionier moderner Entwicklung, aber einen ruhigen, in jahr­zehntelanger Amtzeit zu pedantischer Akkura­tesse erzognen Juristen, dessen Hand kaum sicht­bar über dem schwerfällig - knarrenden Räder­werk unsrer Justiz waltete.

Der Minister des Handels, dieErzellenz des verfthlten Ressorts", Doktor Reinhold Sydow, sehnt sich ebenfalls nach Luftveränderung; erbat sie schon, als Schorlemer und Dallwitz längst morsch ge- wordne Säulen erneuerten, und hat erst vor nicht langer Zeit dem Kabinettschef das drin­gende Ersuchen unterbreitet, für die Handels- Regierung passenden Ersatz zu schaffen. Herr Sydow ist als Minister stets dieExzellenz des verfehlten Ressorts" gewesen: Man zwang ihn, mitten aus dem friedlichen Idyll der Post- verwaltung heraus, in die Folterkammer der Reichsfinanzsorgen, in der er recht und schlecht mit dem Dämon Defizit gerungen hat; man beorderte ihn zum Handelsgeschäft, als er im Labyrinth des Stengel-Erbes grabe auf her Verzweiflung Gefrierpunkt stand, und man hat ihn unter der Last überschwerer Bürde stöhnen lassen, ohne Verständnis für sein Klagen zu haben. Nun endlich scheint die Erlösung nah: Herr Krätke, dem das Tempo der Verkehr- Entwicklung längst über's greise Haupt hin- ausgewachsen, hat (spät genug) erkannt, daß die Reichspostverwaltung nicht wie ein aebrem- ster Wogen auf holprigem Weg zu Tal ge­fahren, sondern zur Höhe moderner E n tw i ck - lung emporgerungen werden muß. Und da es dem in langer Jahre Last Ergreisten wider­strebt, noch an des Daseins Abend bas System zu wechseln, wäre Erlösung auf beiben Seiten leicht zu haben: Herr Sydow kehrte nach langer Irrfahrt zurück an bie Stätte, an der er seines Daseins schönste (und ersolgreichste) Jahre verlebte, und man würde Herrn Krätke lchei- den sehen, ohne sein Andenken durch Weh- mutszähren zu verwässern. Wird Kiel nun Kummer oder Freude bringen ...? F. H.

3ie Krone von Albanien.

Der Prinz zu Wied als Thron-Kandidat.

Die Lösung der albanischen Frage bereitet den europäischen Großmächten fast noch größere Schwierigkeiten als die Beendigung des Krieges am Balkan. Nachdem das Ein- wochen-Königtum Essad Paschas so schnell fein Ende gefunden, ist jetzt die Besetzung des alba­nischen Fürstenthrones wieder in den Vorder­grund des Interesses gedrängt worden und un­ter den Kandidaten, die von den Großmächten für den Albanierthron ins Auge gefaßt sind, befindet sich auch ein deutscher Prinz: Der Prinz Wilhelm Friedrich zu Wied, dessen Kandidatur angeblich bie günstigsten Aussichten haben soll. Aus Wien wird borüber berichtet:

Prinz Wied als Albaner-Fürst?

(Draht - Meldungen.)

Wien, 19. Mai.

Prinz Wilhelm Friedrich zu Wied, der in hiesigen politischen Kreisen als aussichtsreichster Kandidat für den alba­nischen Thron genannt wird, ist Protestant und steht im 39. Lebensjahr. Er ist preu­ßischer Hauptmann im Großen Gene­ralstab, ein Sohn des verstorbenen Fürsten Friedrich Wilhelm zu Wied und der Prinzessin Marie der Niederlande. Sein älterer Bruder ist das Mitglied des preußischen Herrenhauses, Wilhelm Friedrich, Fürst zu Wied; fein jün­gerer Bruder, Prinz Viktor, ist Legationssekre- tär an der deutschen Gesandtschaft in Christia- nia. Prinz Wilhelm Friedrich ist mit Prin­zessin Sophie von Schönburg-Wal­denburg vermahlt. Die Kandidatur soll bet der jüngsten Anwesenheit des Staatssekretärs von Iagow in Wien besprochen worden sein und allgemeine Sympathien gefunden haben. Die Anregung zn dieser Kan­didatur ist, wie es heißt, vom Prinzen Gott­fried Hohenlohe ausgeaangen. her be­kanntlich vor kurzem in besonderer Mission in Bukarest und Petersburg gewesen ist. Zu den neuen Gerüchten über Essad Paschas ehr­geizige Pläne erüärt dessen Schwager Sureja Bei Blora, er habe die feste Neberzeugung. daß alle diese Gerüchte über Essad tendenziöse Erfindungen seien. Es werde jedenfalls unrichtig fein, daß Essad Pascha die provi­sorische Regierung in Valona stürzen und selbst eine Regierung einsetzen wolle.

Die Kandidatur des Herzogs von Urach.

Ein weiteres Privat-Telegramm aus Wien meldet uns: Bereits vor vier Tagen brachte eine ungarische Korresvondenz die Meldung, daß Prinz Wilhelm Friedrich zu Wied aussichtsreichster Kandidat für den Thron Albaniens sei. Vorläufig ist nur Taflache, daß sich die Aussichten des .Herzogs Wilhelm von Urach. Grafen von Württemberg, ver- fchlechtcrt haben, weil er katholisch ist und die Großmächte einen Fürsten wünschen, der keiner der drei Konfessionen Albaniens angehört. Es bestätigt sich, daß der Staatssekretär von Ja- gow während seines Wiener Aufenthaltes mit dem Fürsten von Hohenrollern-Sigmaringen zusammnetrifft. wahrscheinlich zur Besprechung der Kandidatur des Prinzen zu Wied.

Immer noch Balkan-Gefahr?

Wien, 19. Mai. (Privattelearamm.) Die Neue Freie Treffe läßt sich aus Belgrad melden, daß eine Verständigung zwifchen Serbien und Bulgarien in kürzester «trift zu er­warten fei. Hiervon ist jedoch an den obersten diplomatifchen Stellen, die eS unbedingt willen müssen, nichts bekannt. Es wird im Ge­genteil die Situation a 16 recht ernst angesehen. Militärische Schritte Bulga­riens, falls Serbien die besetzten Gebiete nicht herausgibt, hängen nur von der Rückendek- k u n g ab, die Bulgarien sich verspricht.

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Hessische Abendzeitung

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