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Hessische Abendzeitung
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Nummer 136.
Fernsprecher 951 unv 952,
Sonntag, 18. Mai 1913.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
Nach der Wahl.
Randbemerkungen zu Len gestrigen Wahlen in Preuße« : Die Flucht vor der Politik. ' Im Preußenland war gestern Wahltag, und . . . niemand hat's bemerkt! Das Ereignis, das eines Volkes Stimmung und Willen offenbaren sollte, ist vorübergegangen, ohne an Gewissen und Empfinden zu rühren: Ein Wahltag wie Dutzende vor ihm, die im Kielwasser deutscher Politik kaum sichtbare Spuren hinterlassen. Daß es so gctommen, daß der Aufruf ans Volk so schwächlichen Widerhall gefunden und die Wahl in Ost und West, Nord und Süd lebenloser Formakt geblieben, danken wir nächst den Harten des geltenden Wahlrechts in erster Linie den Schwächen und Un- voükommenheiten unsres politischen Lebens, hinter denen die Schuld sich sicher wähnen darf. Hermann B a h r hat jüngst in einem geistvollen Artikel im März diese nationale Erbsünde vom volks-psychologischen Standpunkte aus untersucht und ist dabei zu intereffanten und jur das Wesen des politischen deutschen Volkstums außerordentlich charakteristischen Schlüsien gekommen. Bahr steht auf dem Standpunkt, daß die große Mehrheit des deutschen Bürgertums sich deshalb von der Politik abwcnde, weil sie ihm ideell und praktisch zu wenig Anregung biete, und weil die Hast des Parteibetriebs dem eigentlichen Daseinsempfinden der Volksmehrheit fremd bleibe. Der heutige deutsche Durchschnittsmensch empfindet zwar sein und der Volkheit politisches Schicksal instinktiv als ungerecht, aber er steht dem Reformgedanken ebenso ratlos gegenüber wie die Parteien. Während indeffen die Parteien wenigstens in .Prinzipien" schwelgen, wird der Einzelne im Kampf der Geister untereinander verwirrt und verzichtet schließlich ganz auf die Anteilnahme an einer Sache, die ihm praktisch wenig wertvoll und ästhetisch durchaus reizlos dünkt.
Der Durchschnittsmensch hat in der heutigen Welt keinen Platz für seine Sittlichkeit, und er fühlt deutlich, daß sein Idealismus neue Wege und neue Ziele heischt. Worauf ihm dann die Liberalen erklären: Es geht eben nicht anders; es wird immer so bleiben. Und die Sozialdemokraten: Bevor nicht der große Zusammenbruch kommt, kann es nicht bester werden. Wann: Morgen, übermorgen? Wer weiß es? Und so wendet sich der Bürger von aller Politik ab, und zieht es vor, mit einer so üblen und zweifelhaften Sache, wie die Politik es nun einmal zu sein scheint, Hand und Kopf nicht in Berührung zu bringen. Das (erklärt Bahr) ist heut in Deutschland das innere Verhältnis der meisten anständigen Bürger zur Politik, die ja nun doch einmal Das, worauf es ankommt, nicht anzufasten wagt, und daß trotzdem die „rote Flut" nicht noch höhere Wellen schlägt, liegt imgrunde daran, daß Das, was zum Bürgertum gehört, und für s i ch also ein sichres Stück Gegenwert besitzt, dieses nicht einer ungewissen Zukunft opfern mag, die man ihm im losen Gefüge geheimnis- voller.Entwicklungs-Tcndcnzen" von ferne zeigt. Jnsolgedeffen reizt weder Rechts noch Links; das Spiel' verliert an Interesse und die Zahl der .Jndifferentisten" wächst wie der Sand am Meer. Was Bahr hier im Ton des Anklägers sagt, ist nicht anzuzweifeln: Der sechzehnte Maitag erst hat's wieder bewiesen. Aber Tas, was Bahr .Das deutsche Problem" nennt, ist in Wirklichkeiat doch nur eine deutsche Schwäche, eine Zeitkrankheit und ein Mangel tatfrohen Idealismus, der in nn- i'erm politischen Leben immer deutlicher erkennbar wird, und dem es auch zu danken ist, daß da? Interesse an der Politik einer lauen Gleichgültigkeit gewichen, die niemand mehr begeistern und kein Ideal mehr beleben kann.
Die Politik an sich ist daran nicht schuld, denn die Staatsklugheit und ihr Prinzip sind geblieben, was sie immer waren: Variable Theorien der Nützlichkeit, vom Augenblick bestimmt und geformt, und dem Bedürfnis des Moments angepaßt. Auch hat sich die Notwendigkeit politischer Arbeit nicht vermindert, ist vielmehr dringender geworden als je, und die Interessen, die heut die Wagschalen des Kampfs beschweren, berühren Volkswohl und nationales Gedeihen weit unmittelbarer als früher, wo der Radius der Ziele sich bescheidner wölbte. Dennoch ist die Tatsache unbestreitbar, daß die Politik im Volk beträchtlich an Svmpathie eingebüßt hat und infolgedessen auch ihrerseits der Berührungspunkte verlustig gegangen ist, die sich bei größerer Jnteressenwärme zwischen Arbeit und Zielobjckt von selbst ergeben. Es kann also auch nicht befremden, daß der Mangel an
Persönlichkeiten im politischen Leben unsrer Zeit immer sühlbarer wird und demgemäß auch der P a r l a m en t a r i s m u s des Reizes neuer und großer Wegziele ermangelt, in wenig ertragreicher Alltagwerkelei seine beste Kraft vergeudet und seinerseits das politische Leben kaum noch zu befruchte» vermag. Die Rückwirkung auf die Anteilnahme des Volks an den Werken der Politik kann da natürlich nicht ausbleiben, und die Stimmung des sechzehnten Maitags darf in dieser Beziehung als authentischer Gradmesser für die Tiefgründigkeit völkischen Interesses gewertet werden.
Das alles dünkt indessen noch nicht der Uebel größtes: Auch früher war der Begriff politischer Arbeit kein einheitliches Grundprinzip, sondern ebenso wandelbar und im gleichen Maße den Einwirkungen der Tagesstimmung unterworfen wie heut. Nur die Arbeitsform und der R a h m e n der Betätigung haben sich verändert: Der Parlamentarismus von heute beruht im wesentlichen auf der Kraftäuße- rung parteilicher Interessen, deren Geltendmachung im Wettbewerb der Parteien untereinander jene Leidenschaft erzeugt, die die Politik mit den Schroffheiten eines erbitterten und meist wenig erbaulichen Kampfs crfitttt, und es ästhetischem Empfinden kaum wünschenswert erscheinen lasten kann, in diese wild- bewegte Arena des Zanks und der Kleinlichkeiten hinabzusteigen. Daneben regiert der Doktrinarismus die Stunde: Die .Theorie" und das „Prinzip" sind alles, die praktische Arbeit im Bereich nächstliegender Möglichkeiten und Notwendigkeiten tritt in den Hintergrund, und das Nützlichkeitsprinzip unterliegt den Kursschwankungen parteilicher Opportunität. Ist's ein Wunder, daß der „unpolitische Durchschnittsmensch" (wie Bahr den Mehrheitstyp des deutschen Bürgertums nennt) diese Flut der Leidenschaften und Kleinlichkeiten nicht als Produkt ernster politischer Arbeit zu würdigen vermag, ssadern geneigt ist, unser ganzes öffentliches Leben, als „auf Un- sittlichkcit und Ungerechtigkeit beruhend", peinlich zu meiden? Der .unpolitische Durchschnittsmensch" empfindet eben, daß die Ideale, die seine Vorstellungswelt verklären, andrer Art sind als die, die sich ihm im Phrasenschwall papierner Weltreform offenbaren, und so denkt er, daß eine jede ernsthafte und wirklich volkstümliche Politik damit zki beginnen hätte, an diesem Wunden Sündenpunkt Gerechtigkeit zu schaffen. . .! * F. H.
Wahl Tumult in Berlin.
(Privat - Telegramm.)
Berlin, 17. Mai.
Für den zehnten Berliner Wahlkreis hatte die Wahlleitung für die gestrigen Wahlmänner- wahlen etwa dreihundert Hilfskräfte angenommen. Die Auszahlung der entsprechenden Beträge sollte abends nach Schluß der Wahl in de» Germaniasälcn erfolgen. Die Ent. lohnung ging im Anfang auch glatt, bald aber füllte sich der Hof des Gebäudes mit Leuten, die offenbar gar keine Arbeit geleistet hatten und von der Parteileitung Geld unter der Vorspiegelung zu erlangen suchten, daß sie ihren Ausweis verloren hätten. Die Parteileitung war dem Vorgehen der Menge gegenüber völlig machtlos. Es blieb den Leitern schließlich weiter nichts übrig, als vom nächsten Polizeirevier Beamte zu Hilfe zu rufen. Die Schutzleute konnten nur unter großer Mühe die Demonstranten, die sich weigerten, das Lokal zu verlassen, obwohl ihnen zu- gefichert wurde, daß sie am nächsten Tage ihr Geld erhalte» würden, veranlasse», de» Korridor und den Hof zu räumen.
Vierhundertneunzehn Wahl-Ergebniffe.
Berlin, 17. Mai. (Privat - Telegramm.) Bis heute nachmittag lagen 419 Ergebnisse der gestrigen Urwahlen zum preußischen Abgeordnetenhause vor. Danach können als gewählt gelten: 138 Konservative, 44 Freikonservative, 64 Na - tionalliberale, 28 Fortschrittliche Volks- Partei, 99 Zentrum, 8 Polen, 2 D ä - nen, 7 Sozialdemokraten. 29 Stichwahlen hab»! stattzufinden. Daran sind beteiligt die Konservativen fünfzehmnal, die Frei- koiiservativen viermal, die Nationalliberalen zwölfmal, die Bolksparteiler dreizehnmal und die Sozialdemokraten zehnmal.
Neuer Riesenbrand in Lübeck.
Brandstifter im Lübecker Hafen.
(Privat - Telegramm.)
Lübeck, 16. Mai.
Heute morgen zwei Uhr brach infolge von Brandstiftung int Hafen von Lübeck ein neuer Riesenbraud aus. Verbrannt
sind die Holzlager der Großhandlungen von Havemann und Sohn und Brüggemann und Sohn. Als die Feuerwehr auf der Brandstätte eintraf, bildete der ganze ungeheuere Komplex ein einziges Fenermeer. Auf dem Terrain der Lübecker Maschinenbau-Gesellfchaft verbrannte das Zollgebäude. Durch den Brand sind etwa fünfhundert Arbeiter brotlos geworden. Die Polizeibehörde setzte eine Belohnung vo» dreitausend Mark auf die Ermittlung des Brandstifters aus. Der am Quai liegende Dreimaster „Annie" aus Finnland wurde ebenfalls ein Raub der Flammen.
Matur im Reichrlaud?
Die Regierung plant Ausnahme-Gesetze!
Wir berichteten gestern nach einem Privat- Telegramm aus Paris über die aussehenerregende Meldung des Matin, nach der die Regierung der Reichslande beim Bundesrat die Einführung von Ausnahme-Gesetzen für Elsaß-Lothringen beantragt haben sollte. Die Zweifel, die dieser Nachricht begegneten, werden jetzt beseitigt durch eine Straßburger Meldung des offiziösen Wolff- schen Depeschenbüros, nach der „die elsaß- lothringische Regierung beim Bundesrat eine Ergänzung b c 8 Vereinsgesetzes vom 19. April 1908 und die Einführung des Reichspreßgesetzes unter Hinzufügung einer Bestimmung über den Vertrieb ausländischer Druckschriften für die Reichslande beantragt bat." lieber die geplanten gesetzgeberischen Maßnahmen wird uns berichtet:
Kaiserbesuch: Neuer Kurs?
(Privat - Telegramm.) Straßburg, 17. Mai.
An hiesiger amtlicher Stelle werde» die vom Pariser Matin veröffentlichte» Nachrichten über geplante Ausnahme-Gesetze für Elsaß-Lothringen bestätigt. Die Nachricht wird mit dem Straßburger Kaiserbesuch Ende April in Verbindung gebracht, denn es besteht Grund zu der Annahme, daß der Statthalter bei Gelegenheit des Kaiserbesuches die darauf bezüglichen Vorschläge unterbreitet und die kaiserliche Genehmigung zur Ausübung der Gesetze erlangt hat. Es bandelt sich darum, einen Nachtrag zu dem Vereinsgesetz vo» 1908 zu schaffe», in dem Sinne, daß der Statthalter durch eine einfache Verfügung alle Vereine, die die Sicherheit deS Landes gefährden, und deren Tätigkeit nickt mit ihren Satzungen übereinstimmt, a u f- lösen kann. Die zweite Vorlage, die dem Bundesrat unterbreitet werden soll, richtet sich gegen die in französischer Sprache erscheinenden
Zeitungen und Zeitschriften
sowie die aus Frankreich kommenden Blätter, deren Einführung und Verbreitung sie verhindern soll. Zn diesem Zweck soll dem Reichspressegesetz ein neuer Paragraph hinzugefügt werden, der der Regierung die notwendigen Machtmittel an die Hand gibt. Sehr bedauerlich ist es, daß es wieder ein französisches Blatt ist, das eine Nachricht von so weit- tragender Bedeutung zuerst veröffentlichen kann. Der Matin hat ja auch von feinem Straßburger Korrefpondenten die bekannte „Scherbe n r e b e" des Kaifers zuerst erhalten, und der Temps konnte zuerst die Liste der vom Kaiser erwählten Senatoren veröffentlichen. Auch heute ist man in Regierungskrei- fen auf daS Peinlichste davon überrascht gewesen, daß die französische Presse diese Maßnahme» veröffentlichen konnte. Die Diskretion deS amtlichen Apparates hat alfo auch in diesem Falle versagt.
Das Fiasko der Verfassung?
Die neuen Gesetzesvorlagen werden naturgemäß in den Reichslanden selbst zunächst stark kritisiert werden, und diese Kritik wird sicher auch im Reich einen starken Widerhall finden, denn es ist zweifellos sehr fraglich, ob die Vorlagen ihren Zweck erreichen, oder nicht vielmehr die dringend nötige Beruhigung des Landes erst recht vereiteln werden. Einem Lande, das man für reif genug gehalten hat, um ihm das Reichstagswahlrecht als Landtagswahlrecht zu geben, kann man nicht gut mit solchen Ausnahmegesetzen kommen. So stellen diese Maßnahmen letzten Endes eine sehr scharfe Kritik der Regierung an ihrer eigenen Gesetzgebung dar. Auf der andere» Seite freilich mußte die Regierung gegenüber der antideutschen Agitation einen entscheidenden Schritt tun. denn die Zustände im Reichsland waren nachgerade unhaltbar geworden.
Der Thron von Braunschweig.
Verhandlungen im Staats-Ministerium.
Braunschweig, 17. Mai. (Privat - Telegramm.» Mit der Neugestaltung der braunschweigischen Thronverhältniffe beschäf
tigte sich gestern das herzogliche Staatsmini- sterium. Der Sitzung wohnte auch der braun« fchweigische Bevollmächtigte beim Bundesrat Wirklicher Geheimer Legationsrat Boden, bei, der sich heute nachmittag nach Berlin zurück- begebeit wird. In der Sitzung wurden Fra- gen erörtert, die sich auf die Vermählung deS Prinzen Ernst August mit der Prinzessin Viktoria Luise und die demnächstige Neugestaltung der braunschweigischen Thronverhältniffe beziehen.
Sm-stmcht bleibt krank...!
Die kranke Durchlaucht und der grüne Mair Frühlings-Idyll ans dem AckermSrker Land.
Im Auftrag der Berliner Staatsanwaltschaft ist dieser Tage der Fürst zu Eulenburg in Schlotz Liebenberg einer erneuten Untersuchung unterzogen worden, deren Ergebnis die Feststellung war, daß der des Meineids angeklagte Fürst immer noch nicht verhandlungsfähig ist und infolgedeffen die Durchführung des Prozesses auch weiterhin auf unbestimmte Zeit verschoben werde» mutz lieber den Gefilden der Uckermark wölbt sich der Himmel wie ein stahlblaues Kuppeldach. Von der Station Löwcnberg aus führt der Weg eilte Meile weit durch saftgrüne Fluren, an saat-wogenden Feldern entlang gen Liebenberg, dessen Helle Dächer verstohlen durch den Laubwald blinken: Ein Idyll im Sommer- sonnenbrand, eine Oase in der grauen Wüste des Märker Sandes. Drunten im Dorf, das wie eine Bastei dem Horst der Eulenbur- g c r vorgelagert ist, empfängt den Fremden der forschende Blick des Argwohns: Die Liebenber- ger, wider Willen der großen Welt draußen be- kannt und vertraut geworden, wittern in Allem, das nicht tm dürren Boden der Uckermark Wurzel» schlug, Gefahr, sehen im harmlosen Wanderer mit dem Reisestock in der Hand bett Kundschafter mächtiger Feinde und scharen sich in trutziger Entschlossenheit vor der Neugier wie vor einem Verhängnis abwehrend zusammen. Der Wirt im Dorf und der Tagelöhner, der Ackerknecht und der Händler: Sie scheinen allesamt geeint und verbündet zu sein, um wie mit einer lebenden Mauer das Idyll von Sie« benberg zu schirmen, das unentschleierte Geheimnis der Uckermark vor schnöder Profanierung zu behüten.
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Die leiseste Frage nach Durchlaucht- Schicksal begegnet schroffer Abweisung; „in Liebenberg nichts Neues": D a s ist Kern und Inhalt aller Wahrheit in der Uckermark! Durchlaucht ist immer noch (wie feit Jahren) ein todkranker Mann heut wie einst rollen die Wagen der Aerzte durchs Schlotzportal und wieder heim, und es überrascht nur die stattliche Zahl der Gefährte, die Tag um Tag auf der staubigen Landstraße einherjagen, und die nach Liebenberger Bürgerzeugnis ausnahmslos die Wunderheiler zum Schloß und heimwärts tragen, die feit Jahren sich mühen, des Fürsten zu Eulenburg und Herlefeld schwächlich glimmendes Lebensfünkchen zu erhalten. Ein flüchtiger Blick durchs Eisengitter, hinein in den grünen Zauber des Schloßparks, kann schon den Konflikt mit Gesetz und Recht und Schloßverwaltung bringen: Im Umkreis von einer Viertelstunde Wegs ist Schloß Liebenberg umgürtet mit einer einzigen, undurchdringlichen, schreienden und kategorifch abwehrenden Kette von Warnungstafeln, die auch den Kühnsten schrecken, well auf den häßlichen hölzernen Bretterflächen Jeder mit harter Pön bedroht wird, der es wagen sollte, als „Unbefugter" seinen Fuß über den Schutzwall von Liebenberg zu setzen. Die Absperrung eines Pulver- tnagazins ist ein Kinderspiel gegenüber der Wehr, die Schloß Liebenberg den natürlichen Regungen rnenfchlicher Reugier entgegen» stemmt.
„Auf ärztlicheAnordnung!" erklären die blinzelnden Bürger von Liebenberg, wenn man fragend auf dies Massenaufgebot allzu- sürsorglichen Warnungeifers zeigt. Es muß also stimmen: Ein todkranker Mann, der seit Jahren um sein Leben ringt, bedarf der Ruhe, empfindet profane Neugier als guälende Last und sucht sich zu verbergen vor dem schadenfroh-forschenden Auge der unbarmherzigen Welt. Man fühlt ordentlich, wie eine starke Mitleid-Regung sich aus tiefstem Seeleninnertt zum Bewußtsein emporringt, und bittet den braven Bürgern von Liebenberg, die so treu und teilnahmsvoll sich um eines Menschen Schicksal sorgen, heimlich den Verdacht ab, als seien sie die Kronzeugen einer ungeheuerlichen Komödie, die feit ein paar Jahren in den grünen Gefilden der Uckermark spielt, und deren Aktschluß vorläufig nicht abzusehen ist. IM. merhin: Ein Haus, in dem ein Schwerkranker um sein Dasein ringt, das feit Monden die Herberge der berühmtesten Heilkundigen des Erdrunds ist und dessen Umgebung durch keines Unbefugten Schritt entweiht werde«