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COler Neueste Nachrichten

Hessische Abend^Ltung

Cafleler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 16. Mai 1913

Fernsprecher 951 «nd 952.

Kummer 134

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Reue Katastrophen auf See.

Depeschen aus Paris berichten uns: Aus Paimpol wird gemeldet, daß daS Segelschiff T o c r m e r t", das Anfang Februar mit sechsundzwanzig Fischern nach Island abging, mit der gesamten Besatzung untergcgan- g e n ist. Die SegeljachtZezettes", die sich an der Regatta in St. Trapez beteiligen wollte, ist von einem Fischdampfer aus dem Meere treibend, aufgefunden worden. Ter Besitzer und dessen Sohn werden vermißt. Die übrige Besatzung des Schiffes konnte gerettet werden. Die in den letzte« Tagen herrschenden schweren Stürme auf See haben im gesamte» Küstenge­

biet große Schäden angerichtet und auch die Fischerflotte schwer heimgefucht. Zahlreiche kleine Fahrzeuge sind verunglückt.

Nährboden der Sünde, sondern der Uebereifer. die pädagogisch« Treibhauskultur und das mangelnde Verständnis gegenüber dem natüc- lichften Bedürfnis der Jugend: Der freien Be­tätigung jugendlicher Kraft abseits von Buch und Bank.

Die Erkenntnis der Schuld bahnt aber be­reits den Weg zur Umkehr, und wer heut (und grade im .hysterisch kränkelnden" Deutsch, land) di« Heranwachsende Generation am Sonn­tag bei Flötenspiel und Trommelklang durch bi« Gaue ziehen sieht, wie sie, im Ahnen wer­dender Männerkraft. Kriegsspiel und Wehr­kraft übt, der steht mit ehrlicher Freude, wie die Jugend von heute sich bereits auf den R ü ck- weg vom weltfernen und weltfremden Ziel einer unglücklichen Erzichungsidee befindet, in deren Kalkulation die Natur keinen Platz ge­funden hatte. Wir sehen also aus einem Ge­biet, in dem alle Hofsnungen deutscher Zukunst wurzeln, «inen Gesundungsprozeß, einen Um­schwung zum Bessern und eine Abkehr vom Prinzip toter Bücherweisheit, und diese Er­kenntnis ist der wirksamste Trost gegenüber dem düster« Pessimismus Knoops, der in sei­ner Analyse der Psyche des zwanzigsten Jahr­hunderts offenbar Ursachen und Wirkungen nicht sorgfältig genug auseinandergehalten hat. Vielleicht ist unser Jahrhundert über­haupt hysterisch: Manches spricht dafür, und manches bleibt zu beklagen, aber es ist dann eben der »Zug der Zeit", der uns der Hysterie in die Amre führt und unsre Kultur in ihrer feinsten Ausstrahlung zum Verhängnis werden läßt. Hätte Gerhard Knoop unsre Politik als Produkt der Hysterie gebrandmarkt: Man würde kein Wort dagegen sagen können; das Deutschtum als solches aber in seinen Volks, psychologischen Erscheinungen der Hysterie zeihen, ist ungefähr dasselbe, wie wenn man sagen wollt«, Herr Gerhard Knoop predige den Zeitgenossen das Evangelium entschwund- ner Pfahlbürger-Seligkeit ...! F. H.

8in Blick in den Spiegel.

Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts.

.Werden wir hysterisch?" .Die Frage klingt ] seltsam in einer Zeit, die das Jahrhundert der Nervosität genannt wird, und es überrascht deshalb auch einigermaßen, daß Gerhard Knoop im Münchner März die bange Frage mit Erscheinungen in Verbindung bringt, de- . ten krankhafte Art unferm Auge fast nicht mehr erkennbar ist, weil wir das Natürlich-Gesunde, das Einfach-Ruhige, mit einem Wort: Das .Einst" bereits längst aus dem Blickbereich ver­loren haben. Es ist sicherlich nicht unwichtig, der Entwicklung der nationalen Psyche sorg­lichste Aufmerksamkeit zu widmen, und es kann uns nicht gleichgültig lassen, wenn Strömun­gen und Einflüsse sich geltend machen, die die Gefahr einer Schädigung der Volkspsyche in sich bergen. Gerhard Knoop steht diese Gefah­ren bereits dicht über unfern Häuptern sich ballen: .Die Mutter kann nicht das Kind an die Brust, die Familie den Großvater nicht in seinen Sarg legen, ohne sich einer Fülle von Lehren, Meinungen, Aufklärungen, Ratschla­gen, Theorien und Gegentheorien bewußt zu sein, die von allen Seiten (in öffentlichen Vor­trägen, in Zeitungen, in Familienblättern, in Vereinen, Schulen und Kasernen) auf den arme» Deutschen des zwanzigsten Jahrhunderts her­unterregnen, bis er, den festen Boden der Tat­sachen unter den Füßen verlierend, in einer Flut von Worten hilflos umhergetrieben wird . . .!"

Es läßt sich nicht leugnen: Der Deutsche des zwanzigsten Jahrhunderts ist wirklich ein anS Mitleid rührender Erdenpilger, und Herr Knoop hat nicht ganz unrecht, wenn er sagt, daß all unser Sein, unser Tun und Lassen, un­ser Hoffen und Sehnen schließlich .in einer Flut von Worten" umhergetrieben wird, meist, ohne zur rechten Zeit den sichern Strand zu gewin­nen. Aber es geht uns ja nicht besser oder schlechter als den übrigen Kulturmenschen des zwanzigsten Säkulums, das nun einmal das Wort in den Mittelpunkt der Dinge stellt und selbst die Tat e r st d a n n achtenswert und bei* fallswürdig findet, wenn sie ihm im rauschen­den Schwall der Worte vorS Auge geführt wird! Die Hysterie äußert sich wohl in ähn­lichen Formen, wie wir sie im zwanzigsten Jahrhundert als.Auswüchse einer bis zum Extrem gesteigerten Unrast beklagen, aber man kann dieseHysterie" nicht nach Nationalitäten oder Völkern abgrenzen, weil sie weder deutsch noch französisch, weder englisch noch russisch, sondern einfach international: DaS charakteri­stische Merkmal und (wenn man will) die Krankheit unsrer Zeit ist. Oder will Herr Knoop etwa behaupten, daß der Russe oder Amerikaner nicht in der gleichenFlut von Worten hilflos umhergetrieben wird", in der er trauernden Auges den armen Deutschen versinken steht?

Ein weiteres Merkzeichen zunehmender Hysterie erblickt Knoop in der jagenden, rasen­den und nirgend-ruhenden Hast unsrer Zeit: In dem Richtwartenkönneu! .Wir haben nicht mehr die Geduld, unsre Kinder ungestört heranreifen zu lassen, wir treiben ste mit Gewalt und vor der Zeit in allerlei In­teressen und allerlei Organisationen hinein und auf Reisen in allen ihren Ferien ... und sollten doch wissen, daß die ruhige, pflanzen­artige. an einen engen Raum gebundne Ju­genderziehung die tüchtigsten Männer ergibt. Wenn Bismarck zwischen männlichen und weib­lichen Völkern unterschied, so haben die Deut­schen sich auf jeden Fall in dem letzten Viertel­jahrhundert der weiblichen Art genähert und somit wohl auch den weiblichen Gleichge­wichtsstörungen des Wesens." Auch mit die- s e r Klage wandelt Herr Knoop auf der breiten Straße der Erkenntnis: Unsre Jugenderziehung ist wirklich dem Ideal längst entfremdet, unsre Jugend, die sich glücklicherweise dazu aufgerafft hat, den .bleichen Bücherwurm" mit der Waffe des Sports zu bekämpsen, seufzt unter einer turmhoch gehäuften Last trockn«: Schulweisheit, und es ist sicher mehr als bloße Ironie, wenn Männer von der pädagogischen Bedeutung Gurlitts und andrer moderner Er- ziehungspraktiker sagen, die heutig« schulmäßige Erziehungsmethode sei der gefährlichste Feind der Jugendfrische. Indessen: Das Uebel muß an der Wurzel gepackt werden, und es ge. nügt nicht, daß wir den Verdacht hysterischer Infektion dadurch abzuwenden suchen, daß wir wieder .warten" lernen. Staat und Gesellschafi penschen die Jugenderziehung zur wildesten Energie, und der Effekt ist: Bücherweisheit auf Kosten der Geistesfrische und der Jugendkrast! Hier ist nicht hysterische Ueberreizung der

artige Gesetzgebung auf dem Gebiete des geist. liche« Ordenswesens in den Einzelstaaten fort« gesetzt, um Klarheit über diese Fragen zu ge« roinnen. Wann der Bundesrat sich mit dem Beschlüsse des Reichstages beschäftigen wird, läßt sich nicht Übersehen, frühestens jedoch int Herbst dieses Jahres.

iin Drama in Set Last. (Eine neue schwere Flieger-Katastrophe in Johannisthal; Zusammenstoß zweier Flugzeuge in der Lust; ein Flieger ist tot, der andere lebensgefährlich verletzt!

Auf dem Flugplatz Johannisthal bei Berlin hat sich gestern abend ein schwerer Anfall zugetragen. Wenige Minuten vor acht Ahr sind dort zwei Flugzeuge in der Luft zusammen- gestoßen. Beid: Apparate stürzten ab. Der Führer des Flugzeuges der Luftverkehrsgesellschaft, Hauptmann Jucker, wurde getötet, der mit­fahrende Schüler schwer verletzt. Der Führer des Harlanapparates und fein Schüler wurden ebenfalls aus dem Flugzeug geschlendert, habe« aber nur leichte Verletzungen erlitten.

De: gestrige Unfall auf dem Flugplatz Jo­hannisthal ist das schwerste Unglück, das sich bisher auf dem Berliner Flugfelde er* eignet hat, und es scheint, daß die Katastrophe auf Umstände zurückzusühren ist, die sich hätten Velineiden lassen. Ans Luftschiffer* Kreisen wird uns zu den jüngsten Kata­strophen im deutschen Flugsport geschrieben: Es ist an der Zeit, auf einen Uebel st and im deutschen Flugwesen hinznwcisen, der mit vol­lem Recht als eine öffentliche Gefahr bezeich­net werden kann. Das deutsche Flugzeugfuh- rer-ZcugniS, mit dem die deutschen Flugzeug­führer ihre Qualifikation zur Führung einer Flugmaschine, also zum Fliegen auf Flug­plätzen und über Land und zur Mitnahme von Passagieren erhalten, ivird heute noch durch die Erfüllung von Bedingungen erworben, die tm Februar 1911, also vor zweieinviertel Jahren, festgesetzt worden sind. Seit dieser Zeit ist, trotz der enormen Fortschritte des Flugwe­sens, eine Verschärfung der Prüfungsbedin- gungen nicht eingetreten. Ter Flieger hat danach nichts weiter zu tun, als in zwei Flü- gen fünf achiförmige Schleifen zu fliegen, ein­mal dabei die Höhe von fünfzig Metern zu er­reichen und nach beiden Flügen ohne Abstel­lung des Motors glatt zu landen. Ein Flieger, der diese Bedingungen erfüllt, ist reif zur Teil­nahme an allen Wettbewerben und zur Lehrtä­tigkeit. Es liegt für Jeden, der mit dem Heu* tigeu Stand des Flugwesens einigermaßen vertraut ist, auf der Hand, daß diese Leistungen unter keinen Umständen mehr genügen können. Im Februar 1911 konnte man nicht gut von dem Flieger mehr verlangen, wenn man über­haupt das Flugwesen fördern wollte. Heute, wo die Flugzeuge so sehr vervollkommnet sind, wo es Schüler gibt, die

die Piloten Prüfung schon nach den wenigen ersten Flügen bestehen, kann man nicht nur, sondern muß auch erheb­lich mehr verlangen. Der Gleitflug, eine conditio sine qua non für jeden Ueberland- flieger wie Flugplatzflieger, gehört heute noch nicht zu den Dingen, die der Schuler gelernt zu haben braucht, wenn er seine Prüfung ab­legt. Die Fluglehrer üben heute den Gleit- flug mit den Schülern nicht einmal, oft beherr- scheu sie ihn selber noch nicht. Ebenso reicht die Höhe von fünfzig Metern, die maximal er­reicht werden muß, heute bei weitem nicht mehr aus. 100 Meter wäre das Geringste, das bei einem neuen Examen verlangt werden müßte. Die Heeresverwaltung hat bereits eine verschärfte Fliegerprüfung eingeführt, bei der sie einen Ueberlandflug von 250 Kilometern und einen Kurvengleitflug mit abgestelltem Motor auf 250 Meter Höhe verlangt. Der ganze Ueberlandflug muß in kriegsmäßiger Höhe von 800 Metern ausgeführt werden. Wenn auch diese Bestimmung für private Flug­zeugführer zu scharf wäre, so müßte doch auch von ihnen etwas wenigstens einigermaßen An­näherndes gefordert werden. Endlich müßte die Qualifikation vom Fliegen von der zum Erteilen des Flugunterrichts völlig getrennt werden. Das Fliegerzeugnis von 1911 mußte damals als Notbehelf annehmbar erscheinen, heute, wo die Möglichkeit zur Erfüllung schwe­rerer Bedingungen für die meisten Flieger ge­geben sind, muß im Interesse der künftigen Flugschüler und der Oesientlichkeit, die den Ge­fahren des Fluges immer mehr ausgesetzt ist, ein neues verschärftes Pilotenexa­men unbedingt verlangt werden.

Die Ursachen des Unglücks.

(Draht - Meldung.)

Berlin, 15. Mai.

Die Ursache des im Flugsport mit solche« Schwere einzig dastehenden gestrigen Unfalles in Johannisthal wird folgendermaßen borge*

Wieder eluMarlne-llnglück!

Explosion an Bord des S 147.

Schon wieder ist unsere Marine von einem schweren Unfall betroffen worden, der, wenn er auch nicht den Umfang annahm, wie der Untergang des Torpedobootes8 178", doch den Tod zweier braver Marineangehöriger her­beigeführt hat. Es handelt sich um eine Ex- plosions-Katastrophe an Bord des Torpedo­bootesS 147, deren Ursachen noch nicht aufgeklärt sind. Die amtliche Untersuchung ist zwar eingeleitet worden, doch hat sich bisher noch nicht feststellen lassen, welche Umstände die Explosion herbeigeführt haben. Wir verzeichnen folgende Meldung:

Helgoland, 15. Mai.

Bor Helgoland, zwifchen der Düne und dem Unterfeebootshafen platzte auf dem TorpedobootS 147" gestern mittag der Hochdruckzylinder. Zwei Mann der Be­satzung sind tot und drei wurden schwer verletzt und mußten ins Marinela­zarett gebracht werden. Die zweite und die fünfte Torpedobootsflottille kehrten mit der Flagge auf Halbmast nach Helgoland zu­rück. Zuerst hieß es, daß der Unfall sich aus dem TorpedobootS 148" zugetragen habe und daß vier Mann getötet seien. Die Meldung wurde später berichtigt.

Die Namen der Getöteten sind: Heizer An­tonia und Gottfried K u l i b a s ch, der letz­tere ans Klebow in Pommern. Verletzt wurden der Maschinist S t r ö tz e l - Königsberg, der Maschinistenmaat Otto Krüger- Buddenha­gen und Jngenieurafpirant Hans Lüde, m a n n-Bernburg. Das Befinden der Ver­letzten, die nach Helgoland gebracht worden sind, ist sehr ernst. Sie hatten bis kurz vor Mitternacht das Bewußtsein noch nicht wieder­erlangt und es besteht kaum noch Hoffnung, sie am Leben erhalten zu können. Dem K a i - fer wurde sofort telegraphisch Bericht über die Katastrophe erstattet, ebenso dem Reichs- marineamt.

Um die Heeres Milliarde.

Dor und nach der Pfingst-Paufe.

Wie jetzt offiziös bekannt gegeben wird, wa- ren die Vorbesprechungen, die vor den Pfingstferien wegen der Deckungsvorlagen zwischen dem Reichskanzler und den Parteien stattfanben, unverbindlich und führten zu keinem positiven Ergebnis. Erst wenn nach Wiederaufnahme der Reichstagssitzungen die Fraktionsmitglieder vollzählig wieder anwe­send sind, sollen zwischen dem Reichskanzler und den Führern der bürgerlichen Parteien ver­bindliche Verhandlungen über die Dek- kungssrage beginnen, liebet dre Verabschie­dung der Wehrvorlage im Reichstag wird uns berichtet:

Erledigung bis zum Jubiläum! (Von unserrn parlamentarischen Mitarbeiter.!

Berlin, 15. Mai.

Zwischen der Reichs-Regierung und Vertretern der Reichstags-Fraktionen hatten in den letzten Tagen Besprechungen über die Beratung und Verabschiedung der Wehr- und Steuervorlagen stattgefundcn. In diesen Besprechungen hat die Regierung den Wunsch geäußert, die Wehrvorlage zunächst in der Kommission zu verabschieden und erst nach Verabschiedung dieser Vorlage in bte Beratung der Deckungsvorlagen einzutreten, während die Kommission die Absicht hatte, nach der ersten Lesung der Wehrvorlage zu­nächst die erste Lesung der Deckungsvorlagen vorzunehmen. Die Regierung fürchtet mit Recht, daß durch diese Praxis die Verabschie­dung der wichtigsten Vorlagen sehr verzö­gert wird und die Wehrvorlage erst Ende Juni Gesetzeskraft erlangen kann. Der Hee­resverwaltung ist aber daran gelegen, die Vor­lage bis Anfang Juni verabschiedet zu sehen, damit die für den ersten Oktober 1913 geplanten Neueinrichtungen zu diesem Termine auch geschaffen werden können. Namentlich wegen der Neuordnung des Ersatzgeschäftes ist die baldige Erledigung der Vorlage notwen­dig. Die Kommission wird sich bereits in der nächsten Woche mit dieser Anregung beschäfti­gen. Wahrscheinlich wird der Wunsch der Ne­gierung Erfüllung finden, damit auch das

Plenum deS Reichstags sich mit der Wehrvorlage bald nach dem Wie­derzusammentritt beschäftigen kann. Was die Deckungsvorlagen anbetrifft, so sind in den Besprechungen die einzelnen Wünsche der Fraktionen betreffs der einzelnen Steuerpro. jette eingehend besprochen worden, sodaß die Regierung die Stimmung der Fraktionen ge­nauer kennt. Die Fraktionen werden sich beim Zusammentritt des Plenums nochmal mit den Deckungsvorlagen auf Grund der in -den Pfingstbesprechungen erzielten Resultate be* schäftigen, da die Kommission mit der Be­ratung der Steuervorlagen erst nach dem 26. Mai beginnen wird. Die Regierung scheint auch nicht abgeneigt zu fein, eine Trennung der Deckungsvorschläge vorzunehmen und sich zunächst mit der Verabschiedung des Wehrbei­trags zufrieden zu geben, die Beratung der übrigen Teckungsgesetze aber auf den Herbst zu verschieben, zumal der Reichstag im Juni kaum Zeit finden dürfte, alle Vorlagen zu ver­abschieden. Irgendwelche Beschlüsse liegen zwar noch nicht vor, doch herrscht der Wunsch vor, bie Wehrvorlage mit der Vorlage über den Wehrbeftrag bis zum Regierungs­jubiläum verabschiedet zu sehen.

Sommerarbett im Reichstag.

Der Reichstag wird bis zur Sommer- pause außer der Wehrvorlage und den Deckungsvorlagen noch eine Reihe anderer Vorlagen verabschieden. In erster Linie han­delt es sich um zwei Vorlagen, deren Verab­schiedung dringend erwünscht ist: Tas Staaisangehörigkeitsgesetz und der Entwurf über die Errichtung von Jugendgerichten. Fer­ner sollen die Entwürfe über die Tiätengewah. rung an Schöffen und Geschworene und über das deutsch-russische Literatur Abkommen, so­wie die beiden Entwürfe über die Gewährung freier Bahnfahrt an die Reichstagsabgeordne. ten und über die Einführung der Konzessions- Pflicht für Kinematographen-Theater noch ver­abschiedet werden.

Bundesrat und Jesuitengesetz.

Berlin, 15. Mai. (Privat.Tele­gramm.) Wie aus Bundesratskreifen ver­lautet, wird ein Beschluß über bie Aus. Hebung beS Jefuiteugefetzes seitens des Bundesrats vorläufig nicht gefaßt werden. Zunächst werden mit Hilfe der Ein- relftaaten bie Erhebungen übet die verschieden-