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Hessische Abendzeitung
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Nummer 130.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonnabend, 10. Mai 1913.
3. Jahrgang
Fernsprecher 951 und 952.
Kiu Lenznacht-Traum?
Das Märchen von der Wahlrechts-Reform.
Das Neueste: Der neue preußische Landtag wird am vierzehnte« Juni das erste mal zu einer kurzen Tagung zusammentrcten. Der König wird den Landtag persönlich mit einer Thronrede eröffnen. Wie von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, wird die Thronrede unter anderem einen Satz enthalten, der sich ans die Reform des Landtagswahlrechts bezieht. Es soll eine neue Wahlreformvorlage angekiiudigt und deren Grundzüge bekannt gegeben werden.
Also Maienglöckchen-Klang! Vor ein paar Wochen erst sah man im Unterhaus aus Dallwitz kantiger Exzellenzenstirn die Zornesader schwellen, als Herr Schiffer den Heerbann der Nationalliberalen zum heiligen Kampf um Vie Wahlreform aufrief, die am Rcgierungs- tisch Vereinsamten sanftmütig und eindringlich an die Erfüllung längst - gegebnen Versprechens mahnte und, als selbst die Milch schifferlich-srommer Denkungsart überm Feuer inn'rer Erregung zu brodeln begann, mit erhabner Stimme durch den Saal ries, die Wahl- resorm sei der Stein des Aergernisies auf dem Weg des Friedens zwischen Regierung und Volk. Nachdem Herr Schiffer, umjubelt von den links von seinem Stuhle Sitzenden, eisig belächelt von den rechts Versammelten, also gesprochen, stand auf von der olympischen Bank der Herr Minister des Innern, Exzellenz von Dallwitz, räusperte sich und ließ Folgendes vcr- nehmen: »Die Reform des bestehenden Wahlrechts ist eine Frage der inner« Politik Preußens, deren Ordnung weder durch Zwang noch durch irrige Deutelung gefördert werden kann. Die Regierung ist bemüht gewesen, den organischen Ausbau des bestehenden Wahl- recAs in verständiger Rücksichtnahme auf berechtigte Jntereffen zu verwirklichen; an der Uneinigkeit der Parteien und der mangelnden Fruchtbarkeit des Parlaments ist indeffen dieser, deutlich und sichtbar offenbarte Wille zur Tat gescheitert. Wenn also wirllich aus dem Inhalt einer königlichen Thronrede das Versprechen einer Wahlrechtsreform herausempfunden werden könnte, so wäre diesem Versprechen durch die Bemühungen der Regierung bereits sinngemäß Erfüllung geworden, und das Parlament selbst trägt die Schuld am mangelnden Erfolg des gutgemeinten Versuchs, Nun, nachdem der Regierung ehrlicher Wille von den Parteien schnöde verkannt, behalten wir es uns vor, den Zeitpunkt neuen Versuchs nach eignem Errneflen zu bestimmen. . .!* Als der Herr Minister des Innern diese WoHe sprach, regierte mit Sturm und Regenschauer der April: Heut ist Mai; die Sonne strahlt, und selbst im alten Baum quillt frischer Saft durchs dorrrende Gezweig'!
Am vierzehnten Tag im Juni soll das neue Preußen-Parlament im Weißen Saal des Zol- lernschlosses sich zur feierlichen Premiere versammeln, soll aus des Königs Mund die Mahnung zu treuer Pflichterfüllung im Dienst des Volkes hören und gleichzeitig ein neues Herrscherwort über die Wahlreform, abermaliges Versprechen baldiger Sehnsucht-Verwirklichung vernehmen! Verglichen mit dem schroffen Hall der Dallwitz-Rede im Unterhaus Hingt diese Botschaft süß und lockend, und wenn zwischen der maien-schönen Gegenwart und der Parlaments-Premiere zum Junimittag nicht die Kampfzeit der L a n d t a g s w a h l der Geister wartete, könnte man versucht sein, dem Herrn Minister des Innern alle Herzenshärte abzubitten, die seiner Rede Echo draußen im Land geweckt. Aber die Landtagswahl steht vor der Tür, der Kamps um die Ledcrpfühlc im Palais an der Berliner Prinz Albrecht-Straße spannt alle Nerven, und im Mittelpunkt dieses Kampfes steht (ein Fels im M«er) die Wahlrechts-Frage! Daran denkt man auch im Kreise der Regierenden, spürt im Erinnern an die Erregung, die Dallwitz' Schroffheit bis wett hinein in die Reihen nattonalliberalcr Bescheidenheit geweckt, einiges Unbehagen und sehnt sich nach der Zauberformel, die den mäh- lig einfetzenden Sturm fchwichtigcn, den Groll der überlang Enttäuschten sänftigen könnte. Und Rot macht erfinderisch: Unverbindliche Rede verpflichtet noch nicht zu tatsächlicher Leistung, ein diskreter Hinweis auf die Mög lichkeilen künftigen Geschehens darf als vom Zweck geheiligtes Mittelchen kluger Tak- ttt auch vom grimmigsten Gegner nick» allzuscharf bekrittelt werden, und freundwilligc Be- rciffchasi dienstbarer Meinungmacher crleich- tert den Ruf in den Blätterwald, ohne daß der offiziöse Apparat knarrend den Pfingstftieden stören müßte. Das (dünkt unst ist vorerst
der taffächliche Wettgehalt der stohen Maien- Boffchaft: Ein wenig Stimmungszauber, ein Wenig Fata morgana; weiter nichts!
Wie etwa denkt Herr von Bethmann Hollweg sich die »Grundzüge" der neugeplanten Reform, die die Thronrede vom vierzehnten Juni (ein zweites Mal) ankündigen soll? Die parlamentattschen Kämpfe um die Wahlrechts-Neuordnung in den Frühlings- und Sommettagen neunzehnhundertzehn haben keine Möglichkeit irgendeiner Lösungsform unberühtt gelassen; in Oberhaus und Unterhaus ist die Frage der Wahlrechtsreform so eingehend, erschöpfend und intensiv besprochen und bekompromisielt worden, daß nicht das fernste Winkelchen der Materie unerhcllt geblieben. Es wäre auch, ohne den Fluch des Verhängnisses aufs Preußenland heraufzubeschwören, möglich gewesen, aus dem Grundsatz- uud Traditionen - Handel der Patteien Greifbares und Nützliches herauszudestillieren, wenn der Wille zur Tat die Nerven gestählt hätte. Aber dieser Wille war offenbar nur eine Suggestion, die rasch verflog, und als dann plötzlich der Ministerpräsident dem Parlament erzählte, daß die Staatsregierung an der weitern Behandlung der Frage kein Interesse habe, spürte man, wie wenig Interesse diese Frage überhaupt je bei den Regierenden zu wecken vermocht: Die Ettlärung des Ministerpräsidenten war das aufrichtige Bekenntnis der Regierung zur Untätigkeit in der Wahlrechtsfrage! Daß dem Parlament die Schuld am Fiasko aufgebürdet werden konnte, dantt Herr von Bethmann Hollweg den Schwächen der Parteien und den Jnteresse-Gcgensätzen zwischen Rechts und Links; die tatsächliche Verantwortung aber trifft dennoch die Regierung, die die Unfruchtbarkeit der Patteienkämpfe in ihrem Sinne genutzt. Derweil sind nun bald drei Jahre verronnen, und nach den Offenbarungen, mit denen Herr von Dallwitz uns vor ein Paar Wochen erst erfreut, darf angenommen werden, daß die Stimmung, in deren Spiegelbild neunzehnhundettzehn der Fall der Wahireform den Regierenden wie glückliche Erlösung erschien, auch heut «och ungeschwächt und unberühtt vom Geist bessrer Ettenntnis besteht und ihres Sieges sicher ist. Oder sollte etwa über Nacht in der Berliner Wilhelmstratze ein Wunder geschehen sein? Kaum; Herr von Btthman« Hollweg verneint als Philosoph die Möglichkeit der Wunder, und sein Adlatus Dallwitz hat ja auch bewiesen, daß Preußen kein Wunderland ist. Sodaß also vom Mär- lein nahen Sommerzaubers nur der süße Traum der Hoffnung bleibt, der (so kalkuliett man in Berlin) im beginnenden Landtags- Wahlkampf wie lindernder Balsam alte Wunden kühlen soll. . .! F. H.
Die Meistersinger von Köln.
Nach dem Frankfurter Sängerkrieg.
Der Frankfurter Sängerwettstreit (über dessen Erttscheidungstag wir im heutigen Feuilleton eingehend berichten) hat bekanntlich den Berlinern den Preis der Kaiserkette einaettagen, die bisher der Kölner Männer- gesangverein besaß. Diese Enffck^idung der Preisrichter hat in Köln große Mißstimmung bervorgerufen und zwar aus dem Grunde, well man dort in der Zuerkennung des Preises eine Ueberschätzung der Leistungen der Berliner Sanger fleht. Es wird uns darüber depeschiert:
Köln droht mit Boykott'.
(Telegramm unsers Korresvondcnten.)
Köln. 9. Mai.
Tie Kölner Blätter drücken einstimmig ihr Erstaunen über den gestrigen Ausfall des Kaifer-Wettsingens in Frankfurt aus und finden die Zuweisung der Kaiscttette an den Berliner Lehrergefangverein unbegreiflich. Der bekannte Musikkritiker Karl Wolff erklärt km Kölner Tageblatt, die Kölner Sänger dürf. ten es ihrer Ehre schuldig sein, nicht noch einmal nach Frankfurt zu gehen, da sic nach den einmaligen Ettahrungen eine Beteiligung am Kaiserwettstreit als Lotterie- s p i e.l betrachten müssen, während sie m Wirk, lichkeit nach Maßgabe ihrer Leistungen m Frankfurt allgemein als die besten anerkannt wurden und auf den höchsten Preis im Wett streit rechnen Surften. Nach unseren Informationen dvttte es tatsächlich so kommen, daß der Kölner Männergesangverein von einer weitere« Teilnahme an dem Kaiserwettstreit absieht.
Unglück bei der Kaiser-Heimfahrt.
Als der K a i s c r gestern im Automobil von Frankfurt nach Wiesbaden zurückkehrte, ereignete sich in Frankfurt durch das Verschulden eines Radfahrer- ein schwerer Unfall yJn ocr Ecke der Frankfurter- und Humboldtstraße fuhr
der Radfahrer in die Menge, als gerade die kaiserlichen Automobile die Straße passierten. Der Lenker des dritten kaiserlichen Autos mußte so scharf bremsen, daß der vorn sitzende Diener von seinem Platze geschleudett wurde. Das Hinterteil des Automobils quetschte oen zwölfjährigen Sohn des Viktualienhändlers Ruß so unglücklich an eine Plakatsäule, daß der Junge an den erlittenen Verletzungen einige Stunde« später im Krankenhause starb. Den Chauffeur des kaiserlichen Automobils trifft keine Schuld.
Sfutari steht in Flammen.
Vor der Räumung: Brandstiftung!
Die bisherige Erfahrung, daß fast jeder Tag des Krieges am Balkan eine neue Ueber- raschunq bringt, scheint auch in Zukunft noch Geltung behalten zu sollen. Nachdem König Nikita beschlossen hatte, Skutari zu räumen, schienen alle Schwierigkeiten beseitigt. Jetzt kommt eine neue unerwartete Komplikation, indem die Montenegriner das gewonnene Sku- tari, bevor sic es räumen, niederbrennen. Die darüber vorliegenden Nachrichten lauten zwar ngch widersprechend, doch kann an der Tatsache, daß Skutari in Flammen steht, kein Zweifel bestehen. Wir erhalte« darüber folgende Meldungen:
London, 9. Mai.
In Skutari ist ein g e w a l t i g c r B r a n d ausgebrochen. Tas Feuer entstand gestern mittag in dem großen Bazar von Skutari, dem größten Gebäude der Stadt. Bei den völlig mangelnden Lösch- und Hilfsmitteln ist eine Katastrophe unvermeidlich. Ma« wird wohl nicht fehl gehen, wenn man an- nünmt, daß die Montenegriner vor dem Verlassen der Stadt ihren Grimm über das ihnen verloren gegangene Skutatt durch die Einäscherung Ausdruck geben wollten. Der Brand wütet noch mit großer Hefttgkeit fort.
Wien, 9. Mai.
Skutari steht in hellen Flammen. Die Landung eines internationalen Korps war für morgen geplant. Wegen der Zerstörung Skutaris entgegen der Vereinbarung werden die Engländer wohl ernstlich vorgehen müssen. Außerdem soll Essad Pascha wieder gegen Skutari vorrücken. Die Räumung Skutaris durch die Montenegriner war von dem montenegri- nffchen Minister für heute zugesagt »arbeit. Es wird vermutet, daß die Monte- negttner den Brand angelegt haben.
Wie uns Depeschen aus C e t i n j e melden, wird in dortigen Regierungskreisen erflätt, Montenegro erwarte von de« Mächten für die Räumung Skutaris eine Entschädigung sowohl materieller als auch territo ri- aler Natur. Es wird darauf hingewiesen, daß dir Verzichtleistung auf die Stadt nur unter dem Eindruck von Versicherungen beschlossen wurde. Montenegro müsse für dieses gebrachte Opfer anderweitig entschädigt werden. Sowohl die schwierige wirtschaftliche Lage, als auch die Stimmung der Bevölkerung ließen es als nötig erscheinen, daß die Mächte in kürzester Frist diese Frage erledigte«.
RMtas SkutariTranen.
Wien, 9. Mai. (Privattelegramm.) Ter Korrespondent des Reuen Wiener Tageblattes wurde vom König Nikolaus in Cettnje in Audienz empfangen. Der König er- klätte ihm folgendes: Nur mit schwerem Herzen habe ich mich im Interesse der Erhaltung des Friedens bewegen lassen, meine Bereitwilligkeit zur Räumung Skutaris zu geben, das das Ziel und die Sehnsucht meines geliebten Volkes war und die natürliche Grenze für mein Land bildet. Auch tat ich es, um den Mächten meinen guten Willen zu bezeugen und aus Liebe zu meinem Volke, das nach dem so schweren Kriege den Ftteden hcr- beisehnt. Möge Europa diesen Opfermut Montenegros, das foebcn dem Frieden Europas unschätzbare Dienste geleistet hat, ebenfalls anerkennen.
Zwei Stunden Friedensrat.
London, 9. Mai. (Privat-Tele- g r a m m.) Die gestrige Botschafterkonferenz dauerte über zwei Stunden. Wichtige Entscheidungen wurden nicht getroffen. Ter Vorschlag Oesterreichs und Italiens bezüglich Albaniens lag vor, blieb aber undiskutiert und ungeprüft. Es wurde beschlossen, diesen Vorschlag den Regierungen der Großmächte zu übermitteln zwecks Besprechung und Bcant- Wartung. I» der Kanferenz wurde bekannt gegeben, daß die Türkei und die Gratzmächte ihre Einwilligung zu den Friedensprä- l i m i n a r i e n bereits gegeben Hütten, daß die Antwart des Balkanbundes aber nach fehle.
Die Frage der Räumung Skutaris wurde diskutiert, Einzelheiten jedoch den Blockadeadmiralen überlassen.
Hochzeit und Hohe Politik-
Das Fsirsten-Rendezvous i« Berlin.
Die bevorstehende Vermählung der Priw zessin Viktoria Luise von Preußen mit dem Prinzen Ernst August von Cumberland wird bekanntlich am deutschen Kaiserhof ei« Fürsten-Rendezvous herbeiführen, dessen politische Bedeutung auch dann nicht unter« chätzt werden darf, wenn man annehmen will, daß die Hochzeitsfeier im Kaiserhaus lediglich als Familienfest gedacht ist und demgemäß mit politischen Interessen nicht in Verbindung gebracht werden soll. Daß in der Tatsache der Fürsten-Zusammenkunst an sich schon eine be- timmte politische Bedeutung liegt, läßt sich je- denfalls nicht leugnen und am wuchtigsten dürfte, von diesem Standpunkt aus betrachtet, die bevorstehende Zusammenkunft zwischen Kaiser und Zar sein. Wir erhalten dazu -olgende Mitteilungen:
Der Kaiser und der Zar.
(Informationen von diplomatischer Seite.)
Berlin, 9. Mai-
Der bevorstehende Zarenbesuch am Kaiserhof ist ein sichtbarer Beweis für das un. getrübte, freundschaftliche Verhältnis zwischen dem Kaiser und dem Zaren. Zwar gilt der Besuch einem Familienereignis am beut« chen Kaiserhof, aber man kann sicher sein, daß, wenn das Verhältnis zwischen Kaiser und Zar ein noch so enges wäre, bei einer politischen Mißstimmung zwischen Deutschland und Rußland von einem solchen Besuch keine Rede ein könnte. Man braucht zum Beweise nur daran zu erinnern, daß König Eduard von England trotz seiner persönlichen guten Beziehungen zum Kaiser in den Jahren der Spannung mit diesem nicht zusammentraf. Es muß hier bemerkt werden, daß über die Hee- resverstärkung an der deutsche« Ostgren- ze keinerlei Verstimmung beim Zaren herrscht. Der Zar weiß sehr wohl, daß Rußland an der deutschen Grenze ungemein viel stärker gerüstet ist als wir, und daß es für Deutschland eine Notwendigkeit ist, dieses Mißverhältnis der Heereskräfte auszugleichen. Der russische Kriegsminister hat dem Zaren unlängst einen umfangreichen Bericht über das deutsch-russische Kräfteverhältnis an der Grenze erstattet, auS dem hervorgeht, daß man die Lage richtig beurteilt und die deutsche Verstärkung an der Ost- grenze nicht als eine Bedrohung Rußlands ausfaßt. In allen Truppengattungen ist
Deutschland an der Grenze erheblich schwächer gerüstet als Ruß- land. Der Bericht erwähnt, daß in den Provinzen Posen, Preußen und Schlesien große Landesstrecken ohne militärische Besetzung sind und daß auch an Fe st ungen ein Mangel besteht. Rach dem Bettcht des russischen Kriegsministers stehen an der Grenze 104 Eskadrons Kavallerie, zu denen noch 56 Kosakensotnien hinzukommen. Demgegenüber hat Deutschland nur 89 Schwadronen auszuweisen. An Attillette ist Deutschland verhältnismäßig gut gerüstet, da es 108 Batterien Feld- attillerie und 38 Batterien Fußartillerie hat. während Rußland nur 132 Batterien auftoet- fen kann. Der russische Kriegsminister erkennt auch an, daß Deutschland im Hinblick auf die politische Konstellation, durch die Rußland als Verbündeter an die Seite Frankreichs gestellt ist, Vorsichtsmaßregeln treffen muß, gegen die man nichts einwenden könne. Wie seinerzeit die Zusammenkunft zwischen Zar und Kaiser, die nach der Lösung der bosnischen Frage erfolgte, dazu diente, über die politische Lage die letzte Klarheit zu schaffen, so wird auch der gegenwärtig bevorstehende Besuch des Zaren in Berlin die etwa noch bestehenden kleinen Gegensätze auszugleichen geeignet sein.
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BerlinerFürsten-Rendezvous.
Die Teilnahme am Kaiser-Jubiläum.
Es ist bekannt, daß anläßlich der Hochzeit der Tochter des Kaiserpaares das englische wie das russische Herrscherpaar nach Berlin kommen. Man hm in diesem Zusammenhang eine allgemeine Fürstenrevue in der Reichs- Hauptstadt erwartet und ist nun überrascht, zu hören, daß Oesterreich und Italien bei der Hochzeitsseier nicht vertreten sein sollen. Das könnte zu unliebsame« diplomatische« Kombinationen Anlaß geben und es ist daher von Interesse, Folgendes festzustellen: Das Dementi, daß Oesterreich und Italien keinen Vertreter zu den Festlichkeiten senden, bezieht sich nur auf die Hochzeitsfeier der Prinzef-