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________________Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 12S.

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 8. Mai 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Bürgermeister Ztoemel.

edoms Bürgermeister; Fremdenlegionär!

Der verschollene Bürgermeister Troemel ans Usedom ist «ach einer von ihm selbst bei seine« Verwandten eingetroffenen Nach­richt in Saida in Algier, wo er bei dem zweiten Fremde« Regiment der Fremdenlegion eingetreten ist, angelangt. Der Magistrat z« llsedom ist von der Nachricht be­reits verständigt. Troemel hat sich seine« Angaben zufolge auf fünf Jahre für - die Fremdenlegion verpflichtet. Wie er dazu ge­kommen sei, köane er nicht angebe». Die Geschichte klingt wie ein Märchen, und ist doch tragisch-grausame Wirklichkeit. Der Rann, der seit vier Jahren als Bürgermeister >er kleinen Haffstadt U s e d o m ein verantwor- rungsvolles Amt versieht, ist ein Kranker, .inet jener seelisch Verdüsterten, die, der na- Lrlichen Hemmungen des Empfindungslebens n Momenten des Affekts beraubt, zum willen­losen Wesen, zum Spielball einer in ferne Lraumwelten sich versteigenden Phantasie wer- wn. Vor zwei Jahren verließ Bürgermeister troemel plötzlich Amt, Heimat und Familie, rrte wochenlang plan- und ziellos durch die Seit und kehrte schließlich nach der Stätte amt- icher Wirksamkeit zurück, ohne irgend eine kufklärung darüber geben zu können, wo er in -er Zwischenzeit geweilt, was er getrieben und oelche Umstände ihn bewogen, dem Ort, der hm Heimat und Lebenskreis geworden, zu ent­liehen. Es ist damals die Frage aufgeworfen vorden, ob ein Mann mit diesen sichtbaren Merkmalen psychischer Schwäche dem Amt eines Ltadt-Oberhaupts fernerhin verpflichtet bleiben türse, und es wurde in der Erörterung über liefen rechtlich und menschlich wichtigsten Punkt >es Falles von wissenschaftlicher Seite daraus Angewiesen, daß der Dämmerungszu land, in dessen Bann Bürgermeister Troemel sie abenteuerliche Fahrt unternommen, zwar sie freie Willensbestimmung für die Dauer der psychischen Störung ausschließe, im übrigen aber nicht eine ständige Schwächung des geisti­gen Vermögens darstelle, und aufgrund dieses Gutachtens hat vor zwei Jahren die Bürger­schaft von Usedom sich mit der Tatsache ver­söhnt, an der Spitze der Kommunalverwaltung einen verantwortlichen Beamten zu sehen, des­sen Persönlichkeit das Rätsel einer noch uner- gründeten Seelen-Krankheit barg. Auch die Aufsichtsbehörde fand nicht Anlaß, dem Kran­ken als Kranken fein Recht werden zu lasten: Bürgermeister Troemel blieb im Amt, suchte in zweijähriger eifriger Pflichterfüllung die Erin­nerung an das Gewesne vergessen zu machen und vermochte cs, Vertrauen und Zuversicht der seinem Verwaltungsamt Anvertrauten neu zu festigen.

Nun ist abermals eine Katastrophe zu betrauern. Tragischer und verhängnisvoller als vor zwei Jahren, weitreichender in den Wirkungen und rätselhafter in den Begleiter­scheinungen ! Der Bürgermeister als Fremden-Legionär; ein bedauernswer­ter Kranker (getrieben von einem Instinkt, des­sen Wesensart noch keine Wissenschaft ergrün­det) in den Fängen eines Schicksals, dessen Tragik erschüttert; ein der Kraft des Willens entglittner Unglücklicher am Endziel eines We­ges durch Dämmerung und Nacht zum Abgrund des Verhängnisses: D a s ist die düstre Wirklich­keit wissenschaftlicher Theorie, der Schicksal-Be­weis gegen die gelehrt begründete Auffas­sung vom Wesen der Harmlosigkeit jenes Zu­stands vollkommener Seelen-Verwirrung, der den Bürgermeister von Usedom schon einmal »as Opfer seines Leidens werden ließ. Die moderne Kriminal-Geschichte kennt die .Tragö­dien der Willenlosigkeit", verzeichnet Hunderte oon Fällen, in denen Seelen-Kranke im Zustand geistiger Dämmerung zu Verbrechern wurden und später, aus demTraum des Unbewußten" erwacht, für eine Schuld büßen mußten, an die m ihrer Erinnerung kein Gedanke, keine Ahnung mahnte. Vor ein paar Jahren unter­hielt man sich in der Gelehrtenwelt über den rätselhaften Fall eines Hamburger Kauf­manns, der auf der Fahrt nach Berlin spur­los verschwand und nach Halbjahresfrist, nach­dem alle Hoffnung, das Dunkel des Geheim­nisses zu lichten, längst gefchwunden, aus Sombay im fernen Indien das erste Lebens­zeichen zur Heimat sandte. Wie er nach In­dien gekommen, w i e er dem abenteuerlichen Gedanken unterlag, planlos in die Welt hin­auszuwandern und wie er es vermocht, ein Kalbes Jahr hindurch jeden Gedanken, jede »rinnerung an Heimat und Lieben zu bannen: 'Sie bat der Kranke s e l b st es zu enträtseln ver­

mocht, und erst die später angestellten Ermitt­lungen lichteten das Dunkel des Geheimnisses: Der plötzlich in Dämmerung Versunkne hatte in Berlin am Bahnhof eine Fahrkarte nach Bremen gelöst, war dort an Bord eines Schif­fes gegangen und erwachte (nach sechs Mon­den) erst wieder zum Bewußtsein, als er eines Tags in Bombay auf dem Markte inmitten einer schreienden, feilschenden und wild gestiku­lierenden Menschenmenge stand!

Rätsel der Seele": Sagt die Wissenschaft! Gewiß: Rätsel, die noch zu lösen sind, aber man denke an das Furchtbare, das diese Rätsel an Wirklichkeit umschließen können! Man denke an die (in der Kriminalgeschichte mehrfach nachgewiesne) Möglichkeit eines Ver­brechens im Zustand völliger Willenlosigkeit, denke an die Schwierigkeit des Beweises straf­rechtlicher Unverantwortlichkeit, und schätze die Gefahren ab, die aus diesen Möglichkeiten für die Gerechtigkeit sowohl wie für den Kranken erwachsen können, und man wird nicht erst zu beweisen brauchen, daß es sich bei den Unglück­lichen, die (wie der Bürgermeister von Usedom) zeitweise der Herrschaft über Hirn und Willen beraubt sind, um Kranke handelt, die weitest­gehender Fürsorge bedürfen. Es ist furchtbar, denken zu müssen, daß ein mit diesem Leiden behafteter Unglücklicher, der der Wirklichkeit, sei­nem natürlichen Jdeenbereich und seinem nor­malen Gedankengang weit entrückt ist, nach lan­ger Irrfahrt eines Tags im Kerker erwacht, mit der Anklage schweren Verbrechens belastet und im tiessten Innern doch sich keiner Schuld bewußt; verpflichtet, der sühneheischenden Ge­rechtigkeit gegenüber den Wahrheitsbeweis straftechtlicher Unverantwortlichkeit zu erbrin­gen! Kein Zweifel: Hier klafft eine Lücke im Gesetz, und der Fall des Bürgermeisters von Usedom ist ein neuer zwingender Beweis für die Notwendigkeit ausreichender Fürsorge für diese vom Schutz des Gesetzes nicht geschirm­ten Unglücklichen, deren Tragödien die düster­sten Kapitel der Kriminalgeschichte füllen. Bür­germeister Troemel ist aus der Erde Afrikas ge­landet. ist als dem Dienst eines fremden Lands verpflichteter Söldner aus dem Dämmerungs­traum erwacht, und wie jener Schicksalgefährte aus Hamburg, der auf dem Marktplatz in Bom­bay vom Geschrei der Händler ins Leben des Bewußtseins zurückgerufen wurde, ist der Bür­germeister Troemel angesichts einer erschüttern­den Schicksalsfügung zur Erkenntnis der Wirk­lichkeit erwacht, Der Fall weckt, rein menschlich betrachtet, aufrichtiges Mitleid mit dem Opfer der Tragödie; wichtiger aber als die mensch­liche Teilnahme am Schicksal deS Bürgermei­sters von Usedom ist die Erkenntnis Dessen, das sich als Pflichtgebot staatlicher Ordnung gegen­über dem Schicksal jener Unglücklichen ergibt, die willenlos dem Verhängnis entgegeneilen: Schutz und Fürsorge...! F. H.

Kalmarer Intimitäten.

Ei« elsässischer Abgeordneter geprügelt.

In K o l m a r im Elsaß hat sich gestern eine peinliche Geschichte ereignet: Der nationalisti­sche Landtagsabgeordnete Kübler wurde, als er gerade zu einer Kommissionssitzung nach Straßburg fahren wollte, auf dem Bahnhof in Kolmar von dem Lebtet Hildwein mit ei­ner Hundepeitsche geprügelt, und zwar bandelt es sich bei der Affäre um tue Rache eines beleidigten Gatten. Ein Privat- Telcgrcrnm meldet uns darüber:

Der Abgeordnete Kübler, der zum na- tionatistischen Flügel des elsaß-i ithringischen Zentrums gehört, hatte in der Sitzung der zweiten Kammer des teichsländischen Land­tages vom 29. April die Frau des Lehrers H i l d w e i n eines unerlaubten Verhältnisses zu dem Lehrer Sutter beschuldigt. Auf die Aufforderungen, feine unwahren Behauptun- tungen entweder zurückzunehmen, ober zum Zweck gerichtlicher Austragung zu wieder­holen machte Kübler zunächst Ausflüchte und versteckte sich schließlich hinter seiner Ab- geordneten-Jmmunität. Ter beleidigte Gat­te, der Möglichkeit beraubt, sich Genugtuung zu verschaffen, züchtigte daher gestern den Abgeordneten Kübler in der offenen Bahnhofshalle zu Kalmar mit einer Hundepeitsche. Kübler zog den R e - volver, wurde aber von einem Kollegen Hildweins am Gebrauch der Waffe verhin­dert

Wie uns weiter berichtet wird, will Küblet gegen den Lehrer Hildwein Strafanzeige wegen tätlichen Angriffs und Bedrohung stel­len. Hildwein hatte vor einigen Tagen offen erllärt, er werde sich Genugtuung verschaffen, nachdem Kübler in feigster Weise sich jeder Rechtfertigung entzogen habe. Kübler war offenbar aus einen Angriff vorbereitet, denn er truo feit einigen Togen ständig einen scharf-,

geladenen Revolver bei sich und hatte sich von der Polizei sogar einen Waffenschein ausstellen lassen, weil et (wie er angab) sich bedroht fühle und der Waffe zu seinem per­sönlichen Schutz bedürfe.

König Alfons in Paris.

Höflichkeitsphrasen und Demonstrationen.

Der König von Spanien ist gestern vormittag mit großem Gefolge in Paris ein« getroffen und mit dem üblichen, umständlichen Zeremoniell empfangen worden. Auf dem festlich geschmückten Bahnhof waren der Prä­sident der Republik, der Ministerpräsident Barthou, die Präsidenten des Senats und der Kammer, sowie eine endlose Zahl von hohen Würdenträgern zur Begrüßung erschienen. Be­sonders groß war das Aufgebot von Militär und Polizei, die den Bahnhof und die Straßen, durch die König Alfons nach dem Mi­nisterium des Auswärtigen fuhr, besetzt hielten.

Der ausgepfiffene König.

(Privat Telegramm.)

Paris, 8. Mai.

Anf der Fahrt des Königs Alfons vom Bahnhof nach dem Elysee, die er in Begleitung deS Präsidenten Poincaree unternahm, hatten sich etwa sechzig in entlegenen Straßen beschäf­tigte Arbeiter an die spalierbildende Menge her­angedrängt, pfiffen den König bei der Borbei­fahrt aus und riefen:Mörder, Mörder!" Ein halbes Dutzend Verhaftungen wurden vorgcnommcn. Im Elyfee fand Frühstücksta­fel statt. Darauf begab sich der König in das Auswärtige Amt, wo er abgestiegen ist. Ge­stern abend fand im Elysee ein großes Diner statt. Um die für gestern abend geplanten Kundgebungen vor der spanischen Botschaft zu verhindern, war ein starkes Machtaufgebot der Polizei und Munizipalgarde herangrzogen worden. Da es den ganzen Boulevard Cour- celles abgesperrt hielt, konnte die gegen zehn Uhr aus den Seitengassen nach dem Hause der spanischen Botschaft vorrückenden

Anarchistengruppen zurückgetrieben werden. Mit einer solchen Gruppe kam es in der rue Pony, da die Polizei mit der blanken Waffe einschreiten mußte, zu einem heftigen Zusammenstoß, bei dem die Anarchisten zwölf Verwundete hatten. Die verfolgten Ma­nifestanten sprangen in ein Cast und demolier­ten es samt dem Mobiliar gründlich, wobei fie die schweren eisernen Zündholzbehälter gegen die Polizisten warfen. In allen anderen Sei­tengassen wurde die Polizei ebenfalls angegrif­fen, wobei es noch mehrere Verhaftete und Verwundete gab. Das Programm des Besuchs deS Königs trägt in der Hauptsache einen m i - litärischen Charakter und es ist daher möglich, den König während feines Pariser Aufenthalts fortgesetzt mit einer starken Poli- zeimannschaft oder Truppenabteilung umgeben zu sehen: Diese Maßnahme ist getroffen wor­den, weil man Besorgnisse vor Attentats- versuchen hegte.

Das Diner im Elysee.

Ein weiteres Privat - Telegramm aus Paris berichtet uns: Die Toaste, die der Präsident bet französischen Republik und der König von Spanien bei dem gestrigen Diner im Elysee ausbrachten, waren ganz allgemein gehalten und gingen nickt über die üblichen Höslichkeitsphrasen hinaus. Präsident Poincars führte aus, di« Freundschaft zwischen Frankreich und Spanien sei traditionell und nicht erst seit bet Verstän­digung über Marokko hätte bei benben Natio­nen die Solidarität ihrer Interessen bestanden. In seiner Antwort dankte der König für die Gefühle bet Freunbschast, bie bas französische Volk mtt Spanien verbänden.

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Was will Dom Manuel?

Die Rohalisten-Kouferenz in Lugano.

(Privat - Telegramm.)

München, 8. Mai.

Hier vorliegende Nachrichten deuten dar­auf hin, daß die Versuche, in Portugal die Republik zu stürzen und den Exkö­nig Manuel wieder auf den Thron zu setzen, gegenwärtig fortgesetzt werden. Vor zwei Tagen meldete der hiesige Hofbericht ganz harmlos, daß König Manuel von München nach der Schweiz abgereist sei. Am Freitag findet aber (wie aus Lugano gemeldet wird) eine Zusammenkunft des Exkönigs Manuel mit seinen Vertrauten statt. Die Ge­rüchte von einer Unterstützung der Pläne durch die Witwe des Herzogs Karl Theo­dor, einer geborenen Prinzessin von Bragan- za, tauchen aufs Neue auf. Die Konferenz in Lugano, die als harmlose Begegnung des ver­trieb«»'- Königs mit Freunden hingestellt wer­

den dürfte, beweist in Wahrheit seinen Ent­schluß, seine Pläne kräftiger als bisher ins Werk zu setzen. Am Sonnabend fährt König Manuel wieder zu feiner Braut zurück, um die PfinMeiertage am Hofe von Sigmaringen zu verleben.

Das Buch des Kronprimen. Deutschland in Waffen": Das neue Werk des Kronprinzen; derKronprinz an das Volk.

Dar bet der deutschen BerlagSanstalt In Stuttgart verlegte Buch ..Deutschland In Waffen* zu dem der Kronprinz dar Borwor geschrieben hat, tst dem Buchhandel Übergeben worden und tst uns soeben zugegangen. Das Buch schildert In Wort und Btld das deutsche Heeres - und Martneleben. Der Kron- Prinz hat außer dem Vorwort, das den Haupt­wert des Buches bildet, auch noch einen Beitrag Über das Garde du Corps-Reglment geltefett. Die anderen Beiträge stammen von Land- und ? lottenofflzleren, die Bilder von den Professoren Röchling, Etöivcr, Knötel, Junker und anderen.

Als Schriftsteller unterstände ber Kron­prinz bes Reichs eigentlich bem mehr ober weniger strengen Urteil jedes Kritikers so gut, wie ber letzte Dichterling. Aber bie litera­rische Kritik kommt hier gar nicht in Frage, benn ein literarisches Kunstwerk wollte ber Kronprinz ja nicht schaffen. Ihm kam es dar­aus an, etwas zu sagen. Und das tut er in der Einleitung des Buches frank und frei mit dem merklichen Bewußtsein: Daß sein Appell an bas beutsche Volk mehr Aufmerksamkeit und offene Herzen finben werbe, als ber eines an­deren. Mit dem Bewußtsein also: Daß er die Worte über den Wert und die Notwendigkeit unseres Heeres als Kronprinz des Deutschen Reiches spreche. Daß aus die­sem Appell trotzdem ein allzu bewußter Stolz und nur einmal (da ber Kronprinz von bet Möglichkeit eines ewigen Weltfriedens redet, die er natürlich negiert) ein wenig Schärfe gegen politisch auf anderem Boden Stehende herausklingt: Das macht auch das neue Buch und seinen Herausgeber (wenn dieser Aus­druck nicht zu viel sagt) wieder sympathisch. Daß die Einleitung von ber Honb des Kron­prinzen ein Appell an bas beutsche Volk ist, ein Appell für unser starkes Heer unb unsere starke Flotte, ist schon gesagt. Bemerkenswert ist habet, baß ber Kronprinz bei dieser Gelegen­heit auch auf die letzten

Ereignisse auf dem Balkan anspielt:Die Geschichte der allerletzte« Zeit noch hat uns im Osten interessante Beispiele für die beherzigenswerte Lehre geliefert, (so schreibt er da), daß ein an Kopfzahl schwäche­res Volk durch unverbrauchte Kriegstüch­tigkeit und frischen Elan dem einst von Kennern hochgeschätzten, aber aus seinen Lor­beeren ruhenden Gegner besiegt." Daran schließt sich freilich ein Satz, der zum Wider­spruche reizt. Auch Das hätten die Erlebnisse ber jüngsten Zeit deutlich gezeigt (so meint der Kronprinz da), daß die Sympathien der Kulturvölker heute noch, wie in den Schlachten ber Antike, mit bem forsch unb tapfer kämvfenben Heere seien. Das trifft in ber Verallgemeinerung sowohl wie in bem beson- beren Fall doch wohl nicht zu: Im Balkan­krieg waren die Sympathien Deutschlands wie beinahe ganz Europas auf ber Seite ber un­terlegenen Türken. Diese Tatsache genügt schon als Argument gegen bes Kronprinzen Be­hauptung, bie allerdings sonst (bei gleichen Ver­hältnissen) in der Regel gewiß zutrifft. Aber ganz abgesehen von diesem einen wenig wich­tigen Satz findet sich in ber Einleitung man­ches, baS beherzigenswert wäre, auch wenn es nicht von soBober Stelle" ausgesprochen würbe. So sei auch hier vor allem eine Stelle herausgehoben, in ber ber Kronprinz sich in entschiebenen Worten gegen die

Ueberkultur und Verweichlichung unserer Tage wendet, und die auch ein guteS Beispiel für denforschen" Stil (um ein Wort des Kronprinzen zu gebrauchen) des Schrei­bers gibt. Es heißt da:Seit bem letzten großen Kriege hat Deutschland eine Periode wirtschaftlichen Aufschwunges hinter sich, die fast etwas Beängstigendes an sich hat. Der Wohlstand ist in allen Kreisen unseres Volkes derart gestiegen, daß die Ansprüche an die Lebenshaltung und den Luxus sich üppig entwickelt hoben. Run soll gewiß nicht undankbar verkannt werden, daß ein hoher wirtschaftlicher Auffchwung viel Gu­tes schasst. Aber die Schattenseiten dieser allzu raschen Entwicklung treten vielfach peinlich und drohend hervor. Schon hat die Be­deutung des Geldes bei uns ein Gewicht ge­wonnen, das man nur mit Sorge betrachten kann. Die tüchtige Leistung als solche gilt heutzutage leider häufig schon weniger als das Vermögen, das einer ererbt ober errafft hat. Und auf welche Weise bas Vermögen ver­bi ent worden ist, danach wirb schon kaum mehr gefragt. Die Sucht nach bem Besitz mög­lichst großer Geldmittel droht alte und ehrwür, bige Begriffe zu verschieben. Tinge, bie früher nicht alsfair" oder besser gesagt nicht alSan-