CMer Neueste Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
3. Jahrgang.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonntage 27. April 1913
Nummer 120
Fernsprecher 951 und 952.
Drahtmelduugen:
Wien, 26. April.
wissen.
Cetinje, 26. April-
F. H.
Tragödie deutscher Geistes-Kultur
leicht verletzt. Beim Einschlagen einer Granate in das Konsulatsgebäude wurde er von Granatsplittern ins Gesicht getroffen.
Geheimrat Hugenberg erklärt:
Ich nehme für mich und selbstverständlich für die Firma Krupp in Anspruch, dass die Her-
Bon informierter Seite wird nochmals erklärt, dass Oesterreich-Ungarn von seinem Standpunkt in der Skutarifrwge nicht abgehen werde. Es werde weder eine Verschleppung, noch eine Aenderung oder eine Umgehung der geforderten Regelung zulas- fen. König Nikolaus müsse Skutari wieder heraus geben. Nötigenfalls werde Oesterreich seine Entschlüsse allein durchzuführen
Arbeit geleistet, um den Leib nähren zu können: Sein Märtyrertum soll also nicht angetastet, eilt Heldenmaß im Dulden nicht krittelnd be- nängelt werden. Tas düstre Bild der Dach- tube, von Elend und Sorge gerahmt, ist indessen nicht allein des Schicksals Werk, nicht nur des Verhängnisses Fügung: Arno Holtz' Lyrikbände (Perlen in güldner Fassung) sind in zehn- und dreitzigtausend Exemplaren verbreitet, ein von seiner Meisterhand geformtes Drama errang nicht nur die zehnte Buchauflage, sondern gewann auch im ersten Sre- geslauf fast sämtliche großen Bühnen Deutschlands und Oesterreichs, beherrscht noch heilt das Repertoire tonangebender Theater und wurde zu einem Tantieme-Erfolg, der den Durchschnitt weit überragt. Ein zweites Drama ließ abermals den Goldstrom fließen, und es läßt sich nach Adam Riese unschwer errechnen, daß aus diesen Werken dem Schöpfer eine Einnahme zugeflossen (und noch nicht der- siegt) ist, die selbst nicht durch Bescheidenheit gezierte Freunde solider Daseins-Behaglichkeit ansehnlich zu nennen pflegen. Gewiß: Mit Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann und andern Sonntagskindern dichterischen Glücks kann Arno Holtz sich hinsichtlich des wirtschaftlichen Effekts seiner Schöpferkraft nicht messen. Er besitzt weder Segeljacht, noch Schloß, noch Automobil und ein Bank-Konto bei Bleichröder oder Schaaffhausen hat nie sei- nett Schlummer gefährdet. Aber der Dichter in der Dachstube, der darbende und hart mit Not und Sorge ringende Liebling der Musen, der vom Undank der Banausen in des Elends Abgrund verstotzne geistige Wegführer zur Er- kentnis: Diese Schauerbilder aus einem wechselvollen Leben sind Gemälde des Menschlichen im Dasein dieses Dichters, Ergebnisse einer Sorg- und Planlosigkeit, die in der persönlichen Eigenart Arno Holtz' wurzelt, und die natürlichen Konsequenzen einer (gewollten oder ungewollten) Entziehung von denjenigen Anforderungen, die die bürgerliche Gesellschaft an jeden ihr Angehörenden, der auf den Ertrag seiner Tätigkeit angewiesen ist. stellen muß! Seien wir also ehrlich und nicht nur sentimental: Die Tragödie des Dichters Arno Holtz ist vielleicht die Tragödie eines Verkannten, aber sie ist n i ch t (wie's uns erzählt wird) die
Der hier weilende montenegrinische Fi- nanzminister erklärte in positiver Form. Montenegro werde Skutari weder sich abkaufen, noch auf anderem Wege sich abnehmen lassen. Es habe Skutari erobert und werde es n i ch t wieder räumen. König Nikita soll sich geäutzert haben, dass, falls nur ein einziger österreichischer Soldat die montenegrinische Grenze überschreite, er sofort die Feir»- seligkeiten eröffnen würde.
Belgrad, 26. April-
König Nikita von Montenegro wird heute in Skutari seinen feierlichen Einzug halten. Der König wird vom Erbprinzen Danilo, den Prinzen Mirko und Peter und den Generälen in Skutari begrüßt. Alsdann wird der Sättig eine Proklamation an die Bewohner von Skutari erlassen. König Nikolaus hat sich entschlossen, mit seiner Familie dauernden Wohnsitz in Skutari zu nehmen.
Gegenüber all diesen (mehr oder weniger sensationell gefärbten) Mevdungen steht ine einfach« Tatsache, daß man noch nirgends einen Entschluß Zefaßt hat was mm »u tun ist. Am wenigsten tn SBrcn selbst Zum tausendsten Male vielleicht bereits haben Trup- pen in den südlichen Gebieten der Donamnonar- chie wieder einmal den Befehl erhalten, bereit zu sein, wie in die Welt posaunt wird Von einem Einrücken in Montenegro, den Sandschak oder Serbien verlautet bis zur Stund« aber nichts. Also Bluff! Beiderseits in Wien und Belgrnd-Eetinie.
Am Grünen Tisch in London.
London, 26. April. (Privat-Tele. gramm.) Die gestrige Botschafter- Konferenz fand unter dem Borsitz des Ministerpräsidenten Asquith statt. Das wichtigste Ergebnis der Sitzung war die Betonung der völligen Einmütigkettder Mächte, die bereits gefaßten Entscheidungen aufrechtzu- erhalten. Man erwartet, daß binnen wenigen Tagen offtziell dem König Nikita notifiziert werden wird, daß er Skutari aufzugeben habe. Die nächste Sitzung der Bot- fchafterkonferenz findet am Montag unter Vorsitz Grey's statt.
Auf dem Weg zum Frieden?
Wie», 26. April. (Privat . Telegramm.) Bon diplomatischer Seite verlautet, dass die Friedensfrage günstige Fort- schritte mache, auch die Gefahr eines Konflittes zwischen den Balkan-Verbündeten sich vermindert habe. Es sei zu hoffen, daß Serbien alle Punkte feiner Bündnisverträge innchalten und nicht mit übertriebenen Forderungen an Bulgarien herantreten werde. In Sofia wird offiziös mitgeteilt, daß fpätestens morgen die Kollektivschritte der Gesandten der Großmächte betreffs Abschluß eine VorfriedetH erfol. gen werden. Der Vorfrieden wird in Lands n unterzeichnet werden.
Skutari: Ein Trümmerhaufen.
>.«f,rH«i8nretfe- DU f«68flefpaltene Zell- für -tnh-tmtsch, AischLfr« 15 Pfg., tur all», roärtiae ^nf erste 25 Pf, Reklame,elle für elahetmtsche Geschäft, 40 Pf, für auSnxv-«g- SefrMfte to SBf Einfache Beilagen für vte»-famtallftag-werde- mit 5 Mark pr« Taufen» de. rechnet Wegen ihrer dichten BerbreitlMg tn der Reilden, UN» der Umgebung stab ble d^Fe'et Neuesten Nachrichten ein vorzügliches JnfertionSorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Aratze ä BerÜner “7rtretanS: SW.. rzriedrichsiraSe 18. Telephon: «mt Moritzpla« 12584
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3er Kaiser und Kmvv.
Die aufaegebeue Fahrt des Kaisers; Krupp» affäre «. Kaiserretse; Kaiser Wilhelm, Fürst Henckel von Donnersmarck und Arnhold.
Die Oeffentlichkeit hat sich lebhaft mit den Gründen beschäftigt, die den Kaiser veranlaßt haben, die geplante Erholungsreise auf dem neuen „Imperator" aufzugeben. Die Reue teert nämlich als Ersatz für den Korfu-Aufent- halt gedacht, auf den der Kaiser m diesem Fabre wegen der gespannten politischen Lage verrichtet hat. Man hat nun angenommen, daß die Kaiserreise auf dem .Imperator" unterblieben ist, weil in den letzten Tagen die politische Lage neue Schwierigkeiten und Verwicklungen erfahren hat. Ueber die tatsächlichen Grunde des Verzichts auf die Reise gehen uns folgende authentijcye
Hugenberg: „Nur Lappalien ...!"
Wir gaben bereits gestern die Mitteilungen wieder die der Generaldirektor der Krupp- Attiengesellschaft, Geheimrat Hugenberg, einem Vertteter der Kölnischen Zeitttng über die Anklagen des Abgeordneten Liebknecht gemacht hatte. Jetzt hat sich Geheimrat Hugenberg auch einem Vertteter der großindustriellni Rheinisch- Westfälischen Zeitung gegenüber über den Fall geäußett und dabei nähere Mitteilungen über die „Bestechungen" gemacht.
Stellung stehen. Dieser Grundsatz, der längst in allen großen Privatbetrieben durchgefuhrt ist, soll und darf vom Staate in Wahrung der wichttgsten Interessen nicht außer Acht gelas- en werden. . .!
Droht neue Balkan-Gesahr?
Friedensglocken und neues Kriegsgeschrei!
Den offiziösen beruhigenden Auslassungen in Berlin und Wien über die internationale Lage (über die wir beretts gestern berichteten) stehen eine Reihe von Meldungen, besonders aus Cetinje und Belgrad, gegenüber, nach denen das Verhältnis zwischen Oesterreich- Ungarn einer- und Montenegro-Serbien anderseits aus des Messers Schneide an- gelangt sein soll. Man möchte beinahe sagen: Wild, wilder, am wildestem schreien abwecy- selnd die Kriegshetzer in Cetinje und Belgrad, und dieser Tatsache gegenüber nehmen sich die offiziösen Deschwichttgungen jedenfalls einigermaßen seltsam aus. Wir verzeichnen folgende
Wien, 26. April. (Privat - Telegram m.) Nack Mittcilnngen aus Skutari sind dort fast sämtliche Häuser durch das Bombardement zerstört oder beschädigt worden. In kömmliche Unbestechlichkeit des preussisch- das englische Konsulatsgebäude sind drei Gra- deutschen Beamtentums uns zuni allrnninde- natcn gefallen. Der englische Bizekonful ist stcn ebenso hoch steht wie dem Abgeordneten
Informationen zu:
Die aufgegebene Kaiserfahrt.
(Von unserm Berliner W. L.-Mitarbeiter.) Berlin, 26. April.
Offiziös wird die Aufgabe der Imperator"- Fahrt damit begründet, dass der Kaiser nach der Durchführung der Reise später nach Wiesbaden kommen würde, als es nach den ursprünglichen Dispositionen beabsichtigt war. Es ist aber kein Zweifel, daß diese Begründung nur eine Ausrede ist, denn was den Kaiser zum Besuch von Wiesbaden veranlaßt, sind nur Dinge der äußeren Repräsentation, Feste und Feierlichkeiten, die sehr wohl eine Verzögerung oder eine Abkürzung ermöglicht hätten. Die Reise dürste vielmehr aus anderen Gründen unterblieben fein, und diese Gründe werden in Deutschland sicher ausserordentlich gutgeheitzcn werden, wenn man sie erfähtt. Es besteht auch kein Grund, sie mit dem Schleier des Geheimnisses zu umgeben. Wie man weiß, hatte der Kaiser für die Jmpe- ratorfahrt eine Anzahl Berliiter G r o ß k a u s- leute, Großindustrielle und Groß- f in anzier 8 eingeladen. Ihre Liste kennen zu lernen, ist doppelt interessant. Unter ande- ren befanden sich darunter das Haupt des Fürstentrustes, Fürst Henckel von D o n n e r s - marck und der Geheime Kommerzienrat Arn- hold. Geheimrat Arnhold ist aber niemand anders als der Vorsitzende des Auffichtsrats der Deutschen
Waffen- «nv MunitionS-Fabvik.
Das ist dasselbe Unternehmen, von dem jetzt zweifelsftei bekannt geworden ist, daß es im Interesse seiner Armeeliesernngen in den Pariser Figaro Notizen lanzieren wollte, die ihm die Geschäfte mit Deufichland erleichtern soweit. Dieselbe Gesellschaft, die die Opferwilligkeit des deufichen Bolles auf wenig geraden Wegen zugunsten ihrer Dividenden auszubeuten gttmchte! Es hätte nun zweifellos im höchsten Grade verstimmen müssen, wenn der Kaiser gerade jetzt die Gesellschaft der Herren von der Deutschen Waffen- und Mu- nitionsfabrik gesucht hätte. Andererseits konnte man den Geheimrat Arnhold wie den Fürsten von Donnersmarck, die einmal eingeladen waren, auch nicht gut wieder „ausladen". Dazu find ihre Beziehungen zum Berliner Hofe und dessen Geschäften schon wieder viel zu eng. Nun hat man einen Ausweg in der Weise ge- ftmden, dass der Kaiser selber auf die Reise verzichtete. Die Liebknecht'schen Enthül- lungen im Reichstag werden übrigens wahr- scheinlich auch noch einige andere Nachspiele haben. Geheimrat Arnhold stand auch auf der Liste derjenigen Kandidaten, die zum Kaiserjubiläum den erblichen Adel erhalten sollten. DaS erscheint nach der jetzigen Stimmung in der Oeffentlichkeit wohl auch nicht mehr gut möglich.
senspein gewobnen Aufruf.sich ans Volk derDen- ker und Dichter wendet, um dem Fünfzigjährigen in der Dachkammer aus milden Spenden gutgemeinter Opferwilligkeit den Jubeltag lichter und sonniger zu gestalten, als des Dichters eigne Kraft in fast drei Jahrzehnten emsiger Arbeit es vermocht. Die Gönner-Gemeinde (deren Präsidium Namen ersten Ranges zieren) spricht von der Tragödie eines unsrer Erleuchtetsten und Besten, von einer Tragödie, die banausische Verständnislosigkeit und schnö. der Undank deutscher Literatur-Konsumenten verschuldet, und niemand wird ihr wehren wollen, diese Tragödie (zu der Arno Hos^tz in einer Kundgabe an die deutsche Presse selbst den Epilog geschrieben) durch die Opferwilligkeit deutscher Anteilnahme am Schicksal eines Hartgeprüften zu mildern, sie der schroffsten Härten des Elends zu enttteiden. Indessen: Im Mittelpunkt dieses Schattenbilds aus einem Dichterleben steht Arno Holtz s e l b st und die rechtigkeit zwingt zu der Frage: Inwieweit trägt er selbst Schuld an der Gejtalttmg eines Schicksalwegs, der einen hochbegabten Dichter und rastlos schöpferischen Geist nach drei Dezennien regster Tätigkeit in die Enge der Mansarde bannt? „Unterm Strich" wird's uns erzählt: Arno Holtz hat der Freiheit seiner dichterischen Erkenntnis, der unbeengten Individualität seines Schöpfergeists alle andern Regungen untergeordnet; nie hat ihn die Rücksichtnahme auf Aeußerlichkeiten um Haares Breite vom Weg der Erleuchtung drängen können; nie hat er schwächlich Konzessionen gewährt, nie der Laune der Mode sich unterworfen! So (hören wir) ward er ein Einsamer, ein Vergessner und ein Verkannter. Und es ist fast ein Wunder, daß wir seiner uns nun erinnern!
Jst's wahr? Arno Holtz watet nicht im Schlamm der ausgetretnen Pfade; er ist «in „Eigner", hat steile Wege entdeckt und der Er- keruttnis neue Hochziele geworben; er hat gehungert und gedarbt, um frei sein und unveengt bleiben zu können, und er hat, während sein Hirn über ragenden Problemen sann, Taglöhner-
Wie war es möglich?
Das Urteil gegen de« Spion Kohler.
Der soeben vom Reichsgericht wegen vollendeter und versuchter Spionage verurteilte Handlungsgehilfe Kohler aus Breslau war (wie in der Urteilsbegründung des Reichsgerichts ausgefühtt wird) „vom elften Januar bis sechsten Mai 1911 und dann von April bis Mai 1912 als Schreiber bei einer Militärbehörde gegen 2.50 Mark Tagegeld an- gestellt gewesen. In der Zwischenzeit war er ohne Verdienst. Er hatte kein Vermögen und befand sich in dringender Not." Durch den großen Aufwand, den er bald darauf trieb, lenkte sich der Verdacht schwerer Spionage auf ibn. Es heißt dann in der Ntteilsbegründung weiter:
Die Untersuchung ergab, daß eine große Anzahl von Schriftstückeu von der Hand des Angellagten vorhanden war, sowie auch eine Preisgabe des Inhalts gewisser geheimer Urkunden militärischer Art, die teils ausführliche Abschriften, teils Auszüge darstellten. Die Schuwanzeigen häuften sich. Schließlich räumte er ein, daß er im Jahre 1912 sowohl mit dem russischen, als auch mit dem französischen Nachrichtendienst in Beziehungen getreten sei. Nur als Angestellter der Militärbehörde war es ihm möglich, den Inhalt geheimer Aktenstücke abzuschreiben oder ihn zu Hause nach Aufzeichnungen wiederzugeden. Ein großer Teil der Menstücke, die ihm zugänglich waren, waren solche, deren Geheimhaltung unbedingt geboten war. Der Angellagte hatte über die Geheimhaltung kernen Zweifel. Als Lohn bekam er von Frankreich geringe, von Rußland sehr erhebliche Summen ausgczahlt. Sein Vorsatz war von vornherein auf möglichst ausgiebige Benutzung der Gelegenheit, in Frankreich und Rußland viel Geld zu verdienen, gerichtet.
Es erregt stärkstes Befremden, daß einem Ausbilfeschreiber, der von der Mtlt- tärbehörde gegen dürftiges Tagegeld be;cbas- tigt wird. Aktenstücke zugänglich sein konnten, deren „Geheimhaltung unbedingt geboten" war. Man sollte annehmen, daß in für die Landesverteidigung derart wumtge Aktenstücke nur vorsichtigst ausgewählte Personen Einblick erhalten. Tas Vertrauen, das man in einen Beamten setzt lhier war es sogar nur ein vorübergehend beschäftigter Schreiber) darf aber nicht im diametralen Gegensatz zu seinen Bezügen und zu feiner
Deutsche NichterTragödie.
Noch ein paar Worte über Arno Holtz.
In das Jubiläums-Glockengeläut, das nun schon seit Monden, das Wiegenfest fünfzigjähriger Zeitgenosseu-Größen umtönend, durchs Vaterland der Denker und Dichter klingt, schallt peinlicher Mißklang: Arno Holtz, unsrer Besten und Geistig-Reichsten einer, begeht den Tag der Vollendung fünfzigjährigen Erdenwallens in kultur-spottender Dürftigkeit, durch Not und Sorge ins Jammer-Dunkel einer kahlen Dachstube gebannt! Ein Märtyrer: Sagen seine Bewundrer; ein des Lebenswerts Spottender: Murren die Gegner, deren hyper- asthetische Seele das Mansardenkammer-Milieu schmerzt. Das Jubeljahr der „Fünfziger" war überreich an Lorbeerprunk und Festbankett- Gerede, zu aufdringlich fast garniert mit Let- tern-sstuhm und Druckerschwärze-Ehren, und wir fanden, als die Flut mählig abebbte und man wieder atmen durste, ohne fürchten zu müssen, eines Großen Welteintrittsstunde durch Profanen Erdenhauch zu entweihen, daß man des Guten reichlich viel getan. Don Gerhart Hauptmann, dem erdenfernen Höhenmenschen in Schlesiens ragenden Bergen, bis zu Conrad Mberti-Sittenfeld, dem fruchtbarsten Literatur- Produzenten zwischen Maas und Memel (der den Drang verspürte, die Alltagsgeschichte seiner fünfzig Erdenjahre der Zeitgenossenschaft in zwanzig sanften Feuilletons zu erzählen): Der gleiche Lärm, der gleiche Ueber- schwang, das gleiche Menn! Man hat's nun bis zum Ueberdrnß gehört, würdigt das Verdienst, fünf Jahrzehnte gelebt und drei von ihnen als Liebling der Musen durchschwelgt zu haben, menschlicher und ruhiger, und wagt I sogar (hier und da) die schüchterne Randbe- M merkung, daß zum Jubilieren der Schnee des Alters und eines Lebenswerks Vollendung gehöre. Daß diese Erkenntnis das Fest- geränsch endlich überstimmt, und den Puls völkischen Jntelletts nach überlanger Fieberzeit beruhigt, ist ein Zeichen gesunden Empfindens, das auf die Dauer selbst an der imposantesten - Phrasen-Parade den Geschmack verliert.
Arno Holtz, von der Wiege bis zur Dachkammer des Schicksals enterbtes Stieflind, hört heut in tausend Blätterspalten den Genius seiner Meisterschaft bejubeln, hört, wie er als Pfadfinder und Pionier neuer Kunst-Offenbarung sich um Geist und Kultur unvergängliche Verdienste erworben, und liest (zehn Zeilen weiter unterm Strich), wie das unvermeidliche Gönnettum in einem aus Mitleid und Gewis-