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Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Freitag, 11. April 1913

Nummer 106

Fernsprecher 951 und 952.

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Sie Sage von Homburg.

Der Cumberlander Besuch beim Kaiserpaar.

Depeschen aus Homburg v- d. H- berichten uns: Das Herzogspaar von Cumberland, begleitet von der Prinzessin Olga und dem Prinzenpaar ML- von Baden, traf heute vor» mittag um 11.50, von Frankfurt kom­mend, in Homburg ein und wurde auf dem Bahnhofe im Fürstenpavillon vom Kaiserpaar, von dem Prinzen Adalbert, sowie dem jungen Braut­paar, der Prinzessin Viktoria Luise und dem Herzog Ernst August, emp­fangen. Prinz Adalbert von Preußen, der bereits heute Homburg verlassen wollte, hat seinen Aufent­halt um einige Tage verlängert.

So ist nun doch Wirklichkeit geworden, was bis zu den jüngsten Frühlenztagen ein Märchen schien: Hohenzollern und Cumber land in seinen Häuptern vereint! Die Zeit der Rätsel und Legenden ist vorüber, das Fragespiel über die Form des letzten Schritts welf-zollernscher Versöhnung beendet und die Tatsache des Friedens von Homburg als Schlußstück der Apotheose von Karlsruhe vollzogen! Der feierliche Homburger Empfang des Herzogs von Cumberland durch den Kai­ser hat bewiesen, daß die Begegnung der Ober­häupter des Welfen- und Hoyenzollernhauses als ein geschichtliches Ereignis aufgefaßt wer­den soll, und gewiß wird der zehnte April des Jahres 1913 auch in den Geschichtsbüchern des Deutschen Reichs als ein denkwürdiger Tag festgehalten werden. Daß in ernster Zeit, die das Reich zu gewaltigen Anstrengungen im Interesse dauernder Sicherung seiner Macht und Größe zwingt, jede Zwietracht unter den deutschen Fürstengeschlechtern gebannt wird, ist ein sichtbares Zeichen deutscher Ein­tracht, und in diesem Sinne wird es auch in allen vaterländisch gesinnten Schichten des Volks gewürdigt. Die Entwicklung der Wel- fensrage unter der Regierungszeit Wilhelms des Zweiten (von dem Schönbrunner Gespräch am vierten Oktober 1888 bis zum heutigen Tag, der den Herzog von Cumberland und seine' Gemahlin mit dem Kaiserpaar im jun­gen Grün der Taunuspracht zusammenführt) hat für die innere und äußere Politik des Reichs eine erhebliche Tragweite erhalten, und niemand wird bestreiten wollen, daß ihre nun­mehrige Lösung glücklich und politisch-klug ge­wesen.

Schon Bismarck hatte erkannt, daß die Welfenfrage nicht zur dauernden Gefahr für den innern Frieden des Reichs werden dürfe, und auch dem großen Kanzler schien der Weg zum Frieden durch die Liebe als der sicherste und nächste. Aber seine Bemühungen, eine Fa- milienverbindung zwischen Hohenzollem und Welfen zustande zu bringen, schetterten an den­selben Gründen, die bis in die jüngste Zeit hinein die Verständigung gehindert haben: Ein­mischung und Einflüsterung von außerhalb! Wilhelm dem Zweiten ist es Vorbehalten ge­blieben, in fast vierteljahrhundertlanger unver- droffner Arbeit den Weg zu finden, zehrende Zwietracht auszutilgen.Das Vorwiegen der dynastischen Anhänglichkeit und die Unentbehr­lichkeit einer Dynastie als Bindemittel für das Zusammenhalten eines besttnrmten Bruchteils der Nation unter dem Namen der Dynastie ist eine spezifisch reichsdeutsche Eigentümlichkeit": So lesen wir in Bismarcks Gedanken und Er­innerungen. Als eine mit dem Volk fest ver- bundne Dynastie hätte der erste Kanzler auch die Welfen gern für die Einheit des neuen Reichs genutzt, als Faktor, der die besten Eigen­schaften'des deutschen Volks (Heimattreue und Liebe zur eignen Scholle) immer von neuem belebe und vertiefe. Auf den Säulen dieser Form des Einzelstaatswesens aber thronte für Bismarck unerschütterlich imd fest das die Ge­samtheit umfassende Nationalgefühl. Und Bismarcks Idealen standen politische und per­sönliche Tatsachen gegenüber, die beseitigt werden mußten, ehe jene sich erfüllen konnten. Dazu gehörte Zeit. Geduld und Kraft, und es sind denn auch fast fünf Dezennien ver­rauscht. ehe der Traum des Friedens sich er­füllte.

Zwischen Schönbrunn bis Homburg liegen fünfundzwanzig Jahre versöhnender Vorarbeit. Als der junge Kaiser am dritten und vierten Oktober 1888 bei Kaiser Franz Josef in Schön­brunn weilte, ergriff er die Gelegenheit einer .Aussprache mit dem gleichfalls anwesenden Herzog Ernst August von Cumberland, und be­reits damals versuchte der Kaiser den Herzog unter gewissen Voraussetzungen zum Verzicht auf Hannover zu bewegen. Die Bemühungen scheiterten (wie wir heute bestimmt wissen) an Jntriauen. die^die Lärm Maria Feodorowna

von Rußland, Prinzessin Dagmar von Däne­mark, im Einverständnis mit den russischen Panslawisten und Agitatoren für ein russisch- französisches Bündnis spann, und es ist eine eigenartige Fügung, daß auch heute französische Chauvinisten und russische Panslawisten emsig bemüht sind, gegen Deutschland den Völkerhatz und Völkerneid zu schüren. Vielleicht ist heute hinter den Kulissen das Bild nicht anders, als vor fünfundzwanzig Jahren: Die Akteure haben gewechselt, das S y st e m aber ist geblie­ben und im Zusammenhang mit diesen Tatsa­chen betrachtet, gewinnen die Tage von Hom­burg für uns nicht nur geschichtliches, sondern auch historisch -politisches Interesse. Was auf dem Altar des Friedens zwischen Zollern und Welfen an Wertstücken dynastischer Faiyi- liin-Tradition geopfert, was auf beiden Seiten der versöhnenden Liebe als Morgengabe dargebracht wurde, ist heut noch nicht bekannt, wird erst erkennbar werden, wenn die geheimen Staatsarchive sich dem profanen Blick erschlie­ßen und kann ebensowohl beglücken als ent­täuschen. Die Tage von Homburg aber braucht nicht grübelnder Pessimismus zu verdüstern: Sie sind die offizielle Besiegelung eines Frie­densschlusses, den wir alle aus innerster Ueber- zcugung billigen, weil er eine Zwietracht endet, die den V o l k s k ö r p e r schwächte. Und die­ser Sorge Ende dünkt uns wichtiger, als die Opferung irgend eines dynastischen Hoffnung­traums ...! F- n.

Bor dem Balkan Friede«?

Fricdensschlnß: Ende dieser Woche!

Die bärtig-heroische Majestät der Schwarzen Berge scheint nun doch eines. Bessern sich zu be­sinnen: Montenegro will demvereinten" Druck Europas nachgeben (natürlich nur gegen Gewährung einer angemessenenKompensa­tion"), die Hoffnung auf Skutari mit_ Tränen der Entsagung begraben und der mühseligen und wenig dankbaren Friedensarbcit der Mäch­te weiterhin nicht mehr besondere Schwierigkei­ten bereiten. Das ist heute die Signatur der Lage, aus der man glaubt schließen zu dürfen, daß nunmehr des Friedens holder Engel dicht vor Eurodens Schwelle stehe. Nachstehend die neuesten Drahtmeldungen:

Petersburg, 10. April.

In diplomatischen Kreisen wird mitgeteilt, datz der Friedensschlutz voraussichtlich Ende dieser Woche erfolgen werde. Es wird sodann eine Konferenz sämtlicher Bot­schafter und Staatsmänner stattfinden, die an der Balkanfrage interessiert sind, um die noch immer nicht ganz gelöste Grenzfrage zu regeln.

Konstantinopel, 10. April.

Das Komitee-Blatt versichert, datz der Präluminarfriede nahe ist. Es könne als sicher gelten, datz die Türkei keine Kriegsentschädigung zu zahlen habe. Ein bei Tschataldscha getroffenes Abkommen über eine Waffenruhe wird als Borzeichen einer bevorstehenden Einleitung der Friedens- verhandlungen gedeutet.

Cetinje, 10. April.

Der Zar sandte an den König von Mon­tenegro ein Handschreiben, worin er ihm (wie von autoritativer Stelle versichert wird) zur Nachgiebigkeit rät. Auch Serbien nimmt fetzt in der Skutari- Frage eine versöhnliche Haltung ein und hat sich ge­weigert, seine Truppen nach Skutari zu ent­senden.

Rach einem uns aus London zugebenden P r i v a t t e l e g r a m m hat die internationale Lag« weitere Fortschritte zur Besserung gemacht. Die Haltung Rußlands in der Frage der Flottendemonstration bat Oesterreich davon überzeugt, daß auch Rußland viel daran ge­legen ist, die völlige Ruhe auf dem Balkan bald wieder hcrgestellt zu sehen. Die russische Regierung billigt nickst allein die De­monstration gegen Montenegro, sondern sie bat sogar Serbien und Montenegro zum Nachgebcn veranlaßt..

Oesterreichs Entweder... oder!

Belgrad, 10. April. (Privat-Tele- gramm.) Rach einer diplomatischen Infor­mation wurde Serbien durch Vermittlung Rußlands benachrichttgt, datz Oesterreich- Ungarn in den Sandschak einmarschie­ren werde, wenn die serbischen Truppen nicht sofort von Skutari zurückgezogen würden. In­folge des aktiven Verhältnisses Rußlands hat die serbische Regierung den Abzug der Truppen angeordnet.

Eine Flottenaktion Englands?

London, 10. April. (Privat, Tele­gramm.) Alle in Malta liegenden eng­lischen Kriegsschiffe habe« Order er­halten. sich zur Ausfahrt bereit zu ballen.

Man glaubt, datz diese Matznahme mit der Haltung der Mächte Montenegro gegen­über im Zusammenhang steht. Nähere Mit­teilungen darüber liegen allerdings noch nicht vor. In Petersburg hat gestern die dritte Sitzung der Botschafterkonferenz stattgefunden und man hört, datz eine baldige L ö s u n g des bulgarisch-rumänischen Konflikts zu erwarten sei.

Assessor Lewicki vor Gericht.

Das Urteil: Drei Jahre Zuchthaus.

Wie wir schon gestern telegraphisch berichte­ten, hatte sich am Mittwoch vor der Strafkam­mer in Kiel der Regierungsassessor Withold Lewicki aus Kiel wegen Er- Pressung, passiver Bestechung und B e- leidigung zu verantworten. Der Verhand­lung des Prozesses wohnten mehrere Justizbe­amte bei und im Zuhörerraum befanden sich eine Anzahl höherer Marineoffiziere und An­gehörige der Kieler Gesellschaft. Die Afsäre des Angeklagten wurde aufgerollt im Februar die­ses Jahres, als Lewicki bei der Regierung in Köslin beschäftigt war. Aus Grund einer An­zeige, die von Kiel nach Köslin weitergegebcn worden war, erfolgte dort seine Verhaftung, über die wir damals eingehend berichtet haben.

Durch Leichtsinn ins Anglück.

Bericht unsers j<l-Korrespondenten.) Kiel, 10. Avril.

Die Anzeige gegen Lewicki ging von dem sehr wohlhabenden Kieler Fabrikanten B ü n d- g e n s aus, dem Inhaber einer Firma für land­wirtschaftliche und sonstige Maschinen, der im Nebenberuf das dänische Konsulat verwaltete. Bündgens war zurzeit, als der deutsch-engli­sche Interessengegensatz sich zu einem Konflikt auszugestalten drohte, in den Verdacht geraten, an einem Spionageversuche zu Gunsten Englands beteiligt gewesen zn sein. Er erhielt mehrfach Vorladungen vor die Kieler Polizei und wurde von dem Angeklagten verantwortlich vernommen. Bündgens, der sich keiner Schuld bewußt war, fürchtete aber, das; die weitere Untersuchung ihm Scherereien bereiten und ihm namentlich sein Auslandsgeschäft beein­trächtigen würde und versuchte daher alles Mögliche, um die Untersuchung möglichst schnell zu Ende zu bringen. In dieser Phase der An­gelegenheit erbot sich Lewicki gegen die Zah­lung von 20000 Mark, die er aber an­geblich für amtliche Zwecke verwenden wollte, die Sache aus der Welt zu schaffen. Der Fa­brikant, dem es auf Geld nicht ankam, ging darauf ein und zahlte die 20 000 Mark. In der Folge sollen dann auch die Akten über die angebliche Straftat des Konsuls Bündgen verschwunden sein. Nachdem Lewicki die ersten 20 000 Mark erhalten hatte, trat er bald mit neuen Forderungen an den Konsul heran, bis dieser schließlich

insgesamt 140000 Mark geopfert

hatte. Da er aber einsah, daß die Forderun­gen des Assessors doch nicht aufhören würden, erstattete er Anzeige, worauf Lewicki in Köslin verhaftet wurde. Lewicki ist am 25. April 1880 geboren und unverheiratet.- Sein Vater ist Kreisarzt in einer kleinen Stadt Westpreußens. Er hat noch drei Geschwister, mit denen zusammen er sich in das elterliche Vermögen von ungefähr J 80 000 Mark teilte. Bereits im Alter von einundzwanzig Jahren bestand er das Referendar-Examen und trat dann in das Ostpreußische Ulancn-Regiment Graf Dohna ein, um sein Jahr abzudienen. Die militärische Dienstzeit verschlang fast seinganzesErbe, sodaß er für die Folge­zeit gezwungen war, Schuldenzu machen. Der Vorsitzende hält dem Angeklagten vor, daß er bereits als Student über seine Verhältnisse gelebt habe. Lewicki hatte sowohl in Kiel wie in Köslin sehr luxu­riös gelebt. Er bewohnte in Köslin eine elegant eingerichtete Fünszimmerwohnung und trat als eleganter Mann auf. Unter seinen Bekannten wußte man aber allgemein, daß er schon längere Zeit mit pekuniären Schwierigkeiten zu kämpfen hatte und sich verschiedentlich wegen finanzieller Unter­stützung an seine Freunde wenden mußte. Diese Hilfe wurde ihm auch verschiedentlich zuteil, da man annahm, daß Lewicki sich durch eine rei­che Heirat rangieren werde.

Drei Jahre Zuchthaus!

Im Mai vorigen Jahres erhielt Lewicki den Auftrag, den Polizeipräsidenten von Schrö­der zu vertreten. In diese Zeit fällt die Be­kanntschaft mit Bündgens. Als die Vernehmung des Angeklagten diesen Punkt erreicht hat, stellt der Vertreter der Anklage den Antrag auf Ausschluß der Oeffentlichkeit wegen Gefährdung staatlicher Interessen, dem vom Ge- richtshof stattgegeben wird. _ Alle Beteiligten

müssen den Gerichtssaal räumen. Nach mehr stündiger Verhandlung wurde Lewicki weger Betrugs und passiver Bestechung zu d r e: JahrenZuchthaus und f ü n f I a h r e > Ehrverlust verurteilt. Ein B ankdep oi von 75 000 Mark, das aus den Erpressungsgel dcrn stammte, wurde für beschlagnahmt erklärt

Heer-Mrme im Rrichrtag. Der Schluß der Wehr-Debatte; scharfe Zu­sammenstöße zwischen dem Baherngeneral, Abgeordneten Haeusler und dem Kriegs Minister; der Reichskanzler spricht abermals

So ist denn der gestrige letzte Tag der ersten Lesung der Wehrvorlage im Reichstag zum lebhaftesten geworden. Von Anfang an verhin­derten spannende Reden das Abflauen, da- man befürchtet hatte. Der Volksparteiler Doormänn verbesserte in vielen Punften den etwas befremdenden Eindruck, den die ge­strige Rede seines Fraktionskollegen Müller- Meiningen gemacht. Er ist für Prüfung aber auch für rasche Entscheidung.Was nötig ist, muß möglichst bald geschehen." Nach einigen Uebergängen kommt dann die Sensation des Tages: Das Auftreten des Zentrumsabge- ordneten Haeusler, der ohne Einverständ­nis seiner Fraktion das Wort ergriff. Haeusler ist bayerischer General, aber wie Oberst Gaedke, Major Moraht ein ebenso eifriger wie bissiger Verfechter radikaler Militärwünsche. Er bringt sie mit seltener Vollzähligkeit vor und stellt sich der Vorlage mit den größten Bedenken gegen­über. Das erregt Aufsehen. Haeuslers ganze Haltung widerspricht den Ausführungen der offiziellen Zentrumsredner Spahn und Erz­berger derart, daß man allgemein die Köpfe schüttelt. Am meisten im Zentrum selber, wo übrigens Haeusler als Außenseiter schon immer gefürchtet war. Als Haeusler geendet, gibt es denn auch ein frenetisches Klatschen links, heftiges Zischen rechts, und dort, wo die Fraktionsgenossen des Redners sitzen, benom­menes Schweigen. Kriegsminister von H er­ring e n erhebt sich sofort, seine Widerlegung ist scharf. Aber da sie mit Zahlen arbeiten tarnt, meistens überzeugend. Weit rücksichtsloser noch geht der bayerische Militärbevollmächtigte, Ge­neralmajor Wenninger, eine schlanke Of­fizierserscheinung mit strammem Schnurrbart ins Zeug. Der aktive bayerische General strei­tet dem inaktiven rundweg jede Sachverständig­keit ab. Schrill klingen Glockenstgnale durch das Haus. Der Reichskanzler hat noch einmal das Wort genommen. Von allen Sei­ten strömt es in den Saal. Es sind aber nur kurze Bemerkungen, die Herr von Beethmann zu machen hat. Der Kanzler freut sich, den Eindruck gewonnen zu haben, daß das gleiche Verantwortungsgefühl, das die Regierung be­seele, auch die große Mehrheit der Parteien er­fülle und schließt mit nochmaliger Betonung der ernsten Bedeutung der Entscheidungen des Hauses.

*

Schluß der Wehr-Debatte.

Die gestrige Sitzung des Reichstags.

Am Bundesratstische: Kriegsminister von Heeringen und Schatzsekretär Kühn. Die erste Beratung der Wehrvorlage wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Doormänn (Fortschr. Vp.): Die Vorlage muß kühl und nüchtern und ohne jeden Enthusiasmus geprüft werden und was die Be­gründung der Vorlage nicht bietet, muß in der Kommission nachgeholt werden. Es ist die größte Heeresvorlage, die jemals gemacht worden ist. Die Ueberzengung, daß ein starkes .Kriegsherr notwendig ist, ist überall verbreitet. Möchte die erhöhte Tüchtigkeit unseres Heeres dazu dienen, unserem Vaterlande den F r i e - d e n zu erhalten.

Generalmajor von Wandel: Die Militär­verwaltung bat die Frage des Ersatzes einge­hend geprüft. Genaue Berechnmrgen und Untersuchungen haben ergeben, daß es ohne Zweifel möglich sein wird, den Mehrbedarf des Ersatzes voll zu erzielen. 1893 konnten wir 60 000 Mann mehr einstellen, ohne die Anfor­derungen herunterzusetzen. (Beifall rechts.)

Abg. Dr. Haegy (Elsässer): Wir Elsaß-Lo­thringer tun alles, um versöhnend zu wirken. Die Friedensliebe geht aus von der Angst vor dem Kriege. Dem Weltftieden wird am besten mit einer Ablehnungder Vorlage gedient.

Abg. Werner-Hersfeld (Ref.-P.): Das Vor­gehen des Herrn Wetterlee hat ganz gewiß nicht dem Frieden gedient. Die Vorlage ist notwen­dig, um uns

den Frieden zu fichern.

Deutsche und französische Sozialdemokraten werden auch nicht in der Lage fein, uns den Frieden zu sichern. Herr Nikita, der Souve­rän der Hammeldiebe, darf den europä­ischen Frieden auch nicht stören. Präsident Dr. K a e m p f ruft den Redner zur Ordnung. (Stürmische Heiterkeit links.)

Abg. Dr. Frank (So;.): Eine provokatorische Vorlage kann nicht anders als Provoka­tion wirken. Es wird der Tag kommen, an dem Rußland mehr Sorge um seine Ostgrenze machen muß, wie wir. Unter 100 000 Wehr­pflichtigen sind 50 000 Sozialdemokraten, wenn sie in die Kaserne h i n e in ü e h e n, und 80 000