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CMer Neueste Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 105.

Fernsprecher 951 und 952. Donnerstag, 10. April 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Ehre besteht in Taten...!

Ei« Abschiedswort an Lehrer Grebe.

Wie uns mitgeteilt wird, hat der am ersten April in den Ruhe­stand getretene langjährige Vor­sitzende des Hessischen Bolksfchnl- lehrer-Vereins, Lehrer Grebe in Cassel, eine ihm anlätzlich seines Ilebertritts in den Ruhestand zu­gedachte Ordens-Auszeich­nung mit Dank abgelehnt.

Am dreiundzwanzigsten Juni achtzehnhun­dertsiebzig, nah' vor dreiundvierzig Jahren, schrieb Gustave Courbet, weiland der Seinestadt gefeiertster Maler, an den Minister der schönen Künste (der den längst mit dem Lorbeer des Ruhms Gekränzten zum Ritter der Ehrenlegion proklamiert hatte):... Ich muß diesen Orden, den Sie in meiner Ab­wesenheit für mich erwirkt haben, nach meinen Grundsätzen ohne weiteres ab lehn en. Zu keiner Zett, in keinem Fall, aps keinem Grunde hätte ich ihn angenommen! Noch weniger Würde ich es heute tun, wo der Verrat sich von allen Seiten vermehrt und das menschliche Ge­wissen sich über soviel eigennützige Gesinnungs­losigkeit betrüben muß. Ehre besteht weder in einem Titel, noch in einem Orden, sondern in Taten und ihren Beweggründen. Und zum größten Teil in der A ch t u n g v o r u n s selbst und den eignen Ideen. Ich ehre mich dadurch, daß ich den Grundsätzen meines Lebens treu bleibe; wenn ich sie aufgäbe, würde ich die Ehre aufgebe« um des äußeren Scheines willen. Ich bin fünfzig Jahre alt und immer mein eigner Herr gewesen; lasten Sie mich mein Leben als ein Freier beschlie­ßen; wenn ich tot bin, soll man von mir sagen: Er hat keiner Schule, keiner Sekte, keiner Rich­tung, keiner Akademie, besonders keinem Sy­stem angehört, nur dem der Freiheit ...!*

Der Minister des zweiten Kaiserreichs, der diesen Brief erhielt, ehrte in dem Künstler, der also schrieb, den freien Mann und erachtete das Bekenntnis einer stolzen Mannesseele, die ihre Freiheit nicht durch ein Ordensbändchen ketten lasten wollte, würdiger, als den ehrfurchtsvollen Dank eines durch Stern und Band Beglückten: Eourbet erhielt seine Freiheit wieder, und als er, im tiefen Abendschatten des Lebens, von hinnen schied, durste er von sich sagen, daß seine Seele nie beschwert gewesen von Eitelkeit und nicht'gem Schein. Courbets Männerstolz ward in der Erinnerung lebendig, als man jüngst las, Hessens Lehrerschaft rüste gegen den Zauberbann von Stern und Band, und eine Vertreterversammlung des Hessischen LandeS- Lehrervereins werde über einen Antrag des Darmstädter Bezirksvereins beschließen, der kurz und entschlossen die These ausstellte:Or­densauszeichnungen sind mit dem Wesen des Volkschullehreramts unverträglich!* Der Vorstand der Lan­desorganisation sollte durch den Verein der Leh­rer in Hessens Hauptstadt ersucht werden, bei der vorgesetzten Behörde dahin vorstellig zu wer­den, daßzukünftig VolkSschullehrer zu Or- densauszeichnungen nicht mehr vorgeschla­gen werden". Das Erkenntnisprinzip, aus dem die gegen die Tradition sich auflehnende Forde­rung heranwuchs, verdiente vorbehaltlose Schätzung, offenbarte im Jahrhundert des Scheins und der Aeußerlichkeiten Ernst und Reife männlicher Pflicht-Auffassung und weckte weit über Hessens Grenzen hinaus daS Echo ehrender Anerkennung.

Die Lehrer von Darmstadt erklären: Or­densauszeichnungen sind mit dem Wesen des Volksschullehreramts unverträglich, lind sie ha­ben bei der Formulierung dieses Grundsatzes vielleicht an Gustave Courbets Auffassung ge­dacht, der im Glitzern eines prunkenden Or­denssterns Gefahr für die Freiheit lauern sah und den aufrechten Mann nicht von der Schwere einer güldnen Kette niederdrücken las­sen wollte. Darmstadts Lehrer waren die er­sten, die dem System den Krieg erklärten und entschlossen die Konsequenzen der Erkennt­nis zogen. Daß Ordensauszeichnungen an sich mit dem Amt des JugendbiKmers unver­träglich seien, war s o frei und s o nachdrücklich bis dahin nicht ausgesprochen worden; in Preußen beispielweise hat die Lehrerschast sich bis heut darauf beschränkt, gegen die Art der Ordensverleihungen an Lehrer zu protestieren, da der übliche Adler der Inhaber deS Hausor­dens von Hohenzollern (bei Viertel- oder Halb­jahrhundert-Jubiläen an in hartem Dienst Ergreiste verliehen) der sozialen Wertschätzung des Lehrerstands nicht gerecht wurde: Ein Ein­wand, dem man (wenn das Ordenssystem nun schon einmal als zum Betrieb und zur ureigen­sten Wesensart des modernen Staats gehörig betrachtet werden soll) die innere Berechtigung

nicht versagen kann. Es ist denn auch wieder­holt der Fall gewesen, daß ergraute Pädago­gen, denen als Jubiläumsgruß der Adler Ho- henzollcrns ins Altersheim flog, die Ehrung abgelehnt haben, eben aus der Erwägung her­aus, daß dem Werk langer Jahrzehnte im Dienst der Volkerziehung höhere Schätzung zieme. Der dankende Verzicht des verdienst­vollen Leiters des Hessischen Volkschullehrer- Vereins auf äußere Ehrung seines Lebens­werks entsprang der Erkenntnis, die vor vier Jahrzehnten Gustave Courbet als Zeugnis aufrechter Männlichkeit niederschrieb:Ehre besteht weder in Titeln noch Orden, sondern in Taten und ihren Beweggrün­den...!" F. H.

Verlobung im Kaiserhaus?

Prinz Adalbert und Prinzessin Olga.

Ein Telegramm aus Homburg v. d. Höhe berichtet uns: Wie von gut unter­richteter Seite verlautet, findet während des Aufenthalts des Herzogs von Cum­berland in Homburg v. d. Höhe die Verlobung des Prinzen Adal­bert von Preußen mit der Prin­zessin Olga von Cumberland statt.

Es wurde gemeldet, der Herzog und die Herzogin von Cumberland beabsichtigten, an der Hochzeit ihres Sohnes, des Prinzen Ernst August von Braunschweig-Lüneburg, mit der Prinzessin Viktoria-Luise nicht teilzu­nehmen. Wie uns hierzu von durchaus z u - verlässiger Seite gemeldet wird, ist diese Nachricht unzutreffend, denn es sind bis her über die Teilnahme des Herzogpaares an den Berliner Hochzeitsfeierlichkeiten noch keine Bestimmungen getroffen. Zurzeit liegt nur erst das Programm für den Besuch vor, den der Herzog und die Herzogin von Cumberland der kaiserlichen Familie in den nächsten Tagen machen werden. Das Herzogspaar reist zunächst von Gmunden nach Frankfurt am Main und nimmt dort im Hotel Frankfurter Hof Wohnung. Der Besuch bei der kaiserlichen Familie beginnt am zehnten April und dauert vier Tage. Am dreizehnten April erfolgt die Abreise. Das Herzogspaar wird am zehnten April vormittags Frankfurt verlaffen, um sich nach Homburg v. d. Höhe zu begeben, wo wahrscheinlich ein großer Empfang statt­findet, über den die näheren Bestimmungen noch nicht bekannt geworden sind. Ob ein gro­ßer militärischer Empfang stattfindet, ist noch nicht bekannt, sicher ist, daß der ganze kaiser­liche Hof den Herzog und die Herzogin von Cumberland empfangen wird. Von Homburg v. d. Höhe aus wird sich

der Herzogliche Hof

Von Cumberland voraussichtlich zuerst nach Wien begeben und dort längere Zeit (wahr­scheinlich einen Monat) Aufenthalt nehmen, bevor die Rückkehr in das Schloß von Gmun den erfolgt. Anschließend daran wird sich der Herzog von Cumberland mit der Familie vor­aussichtlich zu den Hochzeits - Feierlich- feiten nach Berlin begeben, wenn nicht (wie gemeldet wurde) von einer Teilnahme an dieser Feier doch noch abgesehen wird. Sollte das Herzogspaar nicht zu der Hochzeit nach Berlin reifen, so ist der Grund selbstverständ­lich nicht in der Tatsache zu suchen, daß die Hochzeit in die Gedenktage des Automobil­unglücks bei Nackel fällt, bei dem am zwanzig ften Mai vorigen Jahres der älteste Sohn des Herzogs von Cumberland, Prinz Georg Wil­helm, sein Leben einbüßte, denn der Kaiser würde selbstverständlich einen dahingehenden Wunsch des Herzogs von Cumberland bei der Festsetzung des Hochzeitstermines berücksichtigt haben. Nach den Berliner Festtagen toirb das Schloß von Gmunden dem jungen Prinzen paar einige Zeit als Aufenthalt dienen. Später (im August voraussichtlich» erwartet man den Besuch des Kaisers in Gmunden, lieber diese Dispositionen ist aber bis heute Näheres noch nicht sestgelegt.

*

Englandfahrt des Prinzen Heinrich.

Kiel, 9. April. (Privat - Tele­gram m.) Prinz Heinrich von Preußen ist gestern abend 8 Uhr 50 Minuten von hier nach England abgereist. Die Reife, auf der der Prinz nur von seinem Adjutanten, Kapi- tänlentnant von Hugo, begleitet ist, trägt einen vollständig privaten Charakter und hat keinerlei politische Bedeutung. Prinz Heinrich wird auf der Reise auch dem englischen Königspaar einen Besuch abstatten.

Reisedispofitionen des Kaisers.

Homburg v. d. Höhe, 9. April. (Pri­vat - Telegramm.» Der Kaiser hörte ge­stern einen Vortrag des Chefs des Militärka- brnetts von Lynckcr und arbeitete später mit dem Vertreter des Auswärtigen Amtes, von Treutlcr. Am dreiundzwanzigsten April tritt der Kaiser eine militärische Inspektionsreise nach Straßburg und Metz an. Die Kai,

s e r i n verlegt am zweiten Mai mit ihrem Hofstaat ihren Aufenthalt von Homburg v. d. Höhe nach Wiesbaden.

Neue Sorge im Milan.

Papst Pius abermals erkrankt!

Der P a p st, dessen Gesundheit noch nicht vollständig war, ist neuerlich erkrankt. Es wird versichert, daß die am vierten April lombardischen Pilgern gewährte Audienz und die letzten Empfänge den Papst stark ermüde­ten, obwohl er vorsichtigerweise keine Reden hielt. Die Aerzte rieten dem Papst, sich längere Zeit Schonung aufzuerlegen, doch wollte dieser die Audienzen nicht ausfallen lassen.' Auch wünschte er, die K onsta nt i n - F ei e rn durch die bekannte Rede zu eröffnen, lieber die Krankheit des Papstes liegen uns folgende Draht-Meldungen vor:

Papst Pius ist nierenleidend.

(Privat - Telegramm.)

Rom, 9. April.

Nachdem der Pap st am Montag zwei lange Pilgerempfänge abgehalten batte, fühlte er sich gestern plötzlich unwohl und fiel in Ohnmacht. Ter Leibarzt Dr. Amiei und Professor Marchiafava wurden sofort gerufen und nahmen eine Injektion beim Papst vor. Er erholte sich darauf und konnte sich mit der Umgebung unterhalten. Die Aerzte empfahlen dem Papste dringend eine längere Bettruhe. Nachts hatte der Papst lieber, das am Mor­gen etwas fiel. Sein Zustand ist noch immer besorgniserregend. Die vatikanischen Kreise schwächen alle Mitteilungen über die Krankheit des Papstes ab, so daß in den offi­ziösen Meldungen nur von einem leichten Un­wohlsein die Rede ist. Indessen vermag die nächste Umgebung des Vatikans ihre schwere Besorgnis nicht zu verbergen. Die Aerzte beschränken sich darauf, sehr vage und ersichtlich zu optimistische Mitteilungen über den Zustand des PapsteS zu geben. Trotz aller bisherigen

Vertuschungs- und Ableugnungeversuche läßt sich nicht mehr die Tatsache unterdrücken, daß die Aerzte eine starke Schw ft dj u n g der Herzfunltionen des Patienten schon vor längerer Zeit konstatierten. Schon lange sucht man den Unregelmäßigkeiten des Herz­muskels zu begegnen. Gestern wurde ein we­niger ernstes Faktum konstatiert: Bei der Urin­untersuchung fand man sehr beträchtliche Ei- weißausfcheidungen als unverkennbares Symp­tom eines schweren Nierenleidens. Seit Montag abend hat die Temperatur zwar sehr geschwankt, ist ober nie völlig normal gewesen. Dies alles läßt begreifen, daß der anfängliche Optimismus der vatikanischen Kreise jetzt einer nur zu berechtigten Angst gewichen ist. Gestern früh besuchte Professor Marchiafava den Papst, der zu Bett liegt; der Besuch dauerte eine Stunde. Die Schwestern des Papstes wur­den von der Erkrankung benachrichtigt und be­suchten ihn daraufhin. Die angesetzten Audien­zen wurden wegen des Zustandes des Papstes abgesagt.

Kein Grund zur Besorgnis?

Das offiziöse Blatt des Vatikans, der Osservatore Pomano meldet: Seit Montag abend ist der Papst unpäßlich infolge eines Jnfluenzarückfalls, der keinen G r u n d z u r Besorgnis bietet, aber doch einige Tage ab­soluter Ruhe notwendig macht. Alle Kardinäle und das diplomatische Korps verlangen vom Staatssekretär Merry del Val Nachrichten über den Gesundheitszustand des Papstes. Tie Schwestern und die Nichte des Papstes besuchten diesen am gestrigen Nachmittag und verweilten biS um sieben Uhr abends bei dem Kranken.

Russische Spinn in Ungar«.

Russischer Spion mit französischem Geld!

(Privat - Telegramm.)

Budapest, 9. April.

Die hiesige Polizei verhaftete vor einigen Tagen einen russischen Spion, der feit einem Jahre in Budapest wohnt und wichtige militärische Geheimnisse an Rußland ausliefer­te. Er ivohnte hier unter dem Namen Niko­laus Bravura seit dem dritten März vo­rigen Jahres. In seiner Wohnung wurden sehr viele wichtige Schrift st ücke beschlag­nahmt. Bravura verfügte über bedeutende Geldmittel, die durch eine franzöfifcke Bank angewiesen wurden. Man vermutet, das Bravura, der aus Petersburg gebürtig ist, und dem russischen Militärstande angehört, zahlreiche Mitschuldige hat, doch stellt er jede Spionageabsicht in Abrede. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß Bravura ein rufsischer General st absosfizier ist. Festgestellt wurde, daß er monatlich große Beträge aus Paris auf dem Wege über die Budapester Na­

tionale Wechselbank von einer vornehmen fran­zösischen Firma erhielt, die ihm ein Kontokor­rent eröffnet hatte. Unter den Papieren wur­den überraschend gelungene Skizzen verschie. bener ungarischer Befestigungen und eini besonders vollkommene Landkarte Oberungarn} gefunden. Noch belastender sind die Zeichnun­gen und Ausweise über die Wehrmacht de, Donau-Monarchie, besonders genaue Daten über die Kriegsstärke eines Armeekorps und seiner Waffengattungen, eingehende Stu­dien über die Maschinengewehrabteilungen uni die Artillerie, sowie Uniformzeichnungen. Eft beim Verhör anwesender Generalstabsofizie, erklärte: Dies seien militärische Geheimnisse, die nur der Generalstabsoffizier kenne.

Wehrdebatte: zweiter Tag! Nach dem Kanzler die Parteien; erste Red ner Garnitur: Bafserrnanrr, Kanitz, Müller- Meiningen, Erzberger und Scheidemann.

Hafte schon am Montag die Sitzung des Reichstages mit der Rede des Reichskanz­lers bei Beginn der Verhandlungen ihren Hö­hepunkt erreicht, so zeigte die gestrige Fortset­zung der Erörterungen ein einziges sonderlich großes Moment. Selbst ein so gewandter Redner wie der nationalliberale Führer Baf- sermann schien sich ausgegeben zu haben; er brachte in feinen Darlegungen kaum etwas Neues und gab im Wesentlichen Das wieder, was man bereits vom Regierungstisch gehört. Immerhin brachte er eine ziemlich erschöpfende Darstellung der ganzen Situation. Der kon­servative Führer Graf Kanitz schloß sich im Wesentlichen (soweit die Militärvorlage an sich in Frage kam) dem Standpunkt des Vorred­ners an und erhoffte von der Nation dieselbe Opserfreudigkeit tote vor hundert Jahren. An­ders Herr Müller - Meiningen, den die Fortschrittliche Partei vorgeschickt hatte. Er ging weniger auf die internationale Lage ein, vielmehr kritisierte er die Militärverhält- nisse sehr eingehend, indem er sich sehr aus­führlich mit gewissen, angeblich bestehenden Uebelständen befaßte. Trotz aller Schärfe klang aber keineswegs ein rundesNein- aus feinen Ausführungen heraus: Seine Partei ist vielmehr durchaus bereit, das Notwendigste zu bewilligen. Mit feinen Angriffen hatte der freisinnige Redner den Kriegsminister herausgefordert, der die Darlegungen des Vor­redners zu widerlegen versuchte, Nachdem noch der Pole Seyda flipp und klar erflärte, daß seine Parteinicht mitmache", kamen Zentrum und Sozialdemokratie zum Wort und man at­mete auf, als gegen halb acht Uhr die Feier­abendglocke läutete.

*

Die gestrige Sitzung.

Am Bundesratstisch: Der Reichskanzler, Schatz­sekretär Kühn und Kriegsminister v. Heeringen.

Die Nationalliberalen.

Abgeordneter Basfermann: Man wird sich fragen müssen, ob die Verschlechte­rung der Lage auch für Deutschland fühlbar wird. Ich will nicht untersuchen, ob nicht die Diplomatie manches anders hätte gestalten können. Es ist keine Frage, daß durch den Bal­kankrieg eine Verschiebung der Machtverhält- ntffe eingetreten ist. Ein Konfliktsstoff ist für die Zukunft jedenfalls aufgehäuft. Auch in Kleinasien bereitet sich manches Bedenkliche vor. Diese Möglichkeiten dürfen nicht außer Acht gelassen werden. Wir freuen uns, daß während der Balkanwirren der Dreibund erneuert worden ist, jedoch ist die Aktionsfähig­keit Italiens im Dreibund ziemlich einge« schränkt. Es muß einige Rücksicht auf Frank­reich und England nehmen. Wir haben auch den Eindruck, daß die Potsdamer Entre- vne nicht die Erwartungen erfüllt hat, die man in sie gefetzt hat. Immerhin freuen wir uns der gestrigen Versicherungen des Kanz­lers. Daß wir uns auf alle Eventualitäten rü­sten, auch im Osten, wird uns niemand ver­übeln. Tie Kriegsgefahr ist in den letz­ten Jahren eine permanente geworden. Deutschland hatte mehrere Krisen zu überste­hen, so in Bezug auf Bosnien und Marokko. Die Meinung, daß die Bündnistreue Deutschlands das Machtgelüste Oesterreichs ge­stärkt bat, ist genügend widerlegt worden. Die deutsche Macht bat den Frieden be­wahrt. Ich meine, daß in unserem Volke eine ernfte, entschlossene Stimmung herrscht und es reif genug ist. die Gefahr zu erkennen, und bereit, ine Konsequenzen zu ziehen. Was wir errungen haben, wollen wir nicht verlieren. Die Zahl unserer Feinde ist großer geworden. Wir wollen jeder Ge­fahr gewachfen fein. Angesichts der Weltlage sind meine Freunde bereit, diese Vor­lage zu bewilligen. Dies ist eine nationale Pflicht, ein Gebot der Selbsterhaltung! (Led- hafter Beifall.)

Die Konservativen.

Abgeordneter Graf Kanitz: Die Vorlage ist ein Friedenswerk ersten Ranges. Sie ist eine bittere Notwendigkeit. Wir dürfen dem Reichskanzler dankbar dafür sein, daß er diese Vorlage eingebracht bat, die den Frieden ga-