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Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 6. April 1913

Nummer 102

Fernsprecher 951 und 952.

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Casseler Abendzeitung -tzM Hessische Abendzeitung

Re Flucht hotm Leben.

Tragödien des Lebens: Selbftmordepidemie!

In der letzten Woche (innerhalb steben Tagen) endeten in Cassel fünf Personen ihr Leben durch Selbstmord, während in einem sechsten Falle die Ausführung des Selbstmordes nur durch eine« Zufall verhindert wurde. Unter den fünf Freiwilligen des Todes befanden fich zwei in jugendlichem Alter.

EZ gibt im Menschenleben Momente, in de­nen die Verzweiflung alle Hemmungen kühler Vernunft und ruhiger Ueberlegung durchbricht und der Mensch ohnmächtig dem Wellenschlag des Schicksals unterliegt. In den letzten sieben Wochentagen, noch umrauscht von der Erinnerung an frohe, lustdurchtränkte Stun­den, waren in Cassel fünf Opfer der Flucht vorm Leben und innerhalb der Reichsgrenzen zweiunddreißig Tragödien zu be­klagen, deren düstrer Aktschluß ein Menschen­leben vernichtete. Seit Jahren kennt die Stati­stik der »Freiwilligen des Todes" nicht eine so hohe Ziffer, und in allen den Fällen, in denen iu den jüngsten Tagen Menschenleben freiwillig geendet wurden, waren die Ursachen, die die Unglücklichen zum verhängnisvollen Schritt ins dunkle Land der Schatten drängten, tragischer Natur. Das Leben birgt ja so viel Kummer und Schicksalshärte, so viel Elend und Jam­mer, daß auch der Starke manchmal unterliegt und den Kampf gegen des Geschickes Tücke durch den letzten Schritt, den Gang in den Tod, endet. Man fühlt tiefes, inniges Mitleid mit den Opfern des Daseinskampfs, die am Weg zum Ziel müd zusammenbrachen und den Kampf um's Ideal mit der Opferung des eig­nen Jchs bezahlten. Und doch mischt sich in diese Anteilnahme am Geschick eines unglückli­chen Menschen auch das bittre Empfinden, daß im Grunde doch immer nur die menschliche Schwäche der Anlaß und die treibende Kraft auf dem Wege zum Verhängnis ist.

F Die Häufung der Selbstmorde ist (tote so manches andre bedauerliche Moment im Bilde der Gesellschaft von heute) ein betrübliches Zeichen unsrer Zeit, der Periode der Nervosität und Kultur-Ueberreizung, die den Menschen härter als früher in das sausende Getriebe des Daseinskampfs zwingt und vom Einzelnen eine Anspannung der Kräfte ver­langt, die man noch vor wenig Jahrzehnten nicht kannte. Der soziale Kampf im zwanzig­sten Jahrhundert ist der Mühlstein, auf dem die Nerven der menschlichen Gesellschaft zermürbt werden, und alle Kultur-Verfeinerung, aller geistige und wirtschaftliche Fortschritt haben es nicht verhindern können, daß an dem höchsten Wertstück des »Jahrhunderts der Aufklärung": Der menschlichen Gesellschaft selbst, eine Dege­neration merkbar wird, deren Wirkungen mit jedem Tage deutlicher und charakteristischer in die Erscheinung treten. Es ist sicherlich kein Zufall, wenn beispielsweise kürzlich in der vor­nehmen Welt der Zaren-Residenz, die dem Le­bensgenuß in ungehemmtem Drange huldigt, eine förmliche Selb st mord-Epidemie ausbrach, der (wiederum charakteristisch) grade die besten und hoffnungsvollsten Blüten der Jugend dieser Kreise zum Opfer fielen. Hier waren es die Ueberfättigung mit den Gütern der Kultur und der Ekel vor dem Raffinement des modernsten Lebensgenuss, s, die die Ver- ztoeiflimg zeugten und die die Welt Fliehenden dem Schicksal in die Arme trieb.

Bei Denen, die im Kampf ums Da­sein still am Wege sterben, allein mit ihrem Harm, ist nicht der Ueberdruß am Genießen des Schicksals Trieb: Sie fallen als Opfer der Entbehrung und des Elends, aber imgrunde ist auch hier die Ursache die gleiche, mag sie auch in Aeußerlichkeiten sich unterscheiden: Die Einen wie die Andern erliegen der Schwä­ch e, und ihr selbstgetoollter Tod erlöst sie von einer Last, die sie nicht mehr tragen zu können wähnen. Und es ist seltsam, daß in den meisten der jüngsten Tragödien die Unglücklichen sich in die Stille der lenzgrünen Natur zurückgezo­gen batten, bevor sie für immer von dieser Welt des Kummers und der Enttäuschung Abschied nahmen. Die Sehnsucht nach der stillen Einsamkeit eines menschensernen Erden- winkels paart sich mit Weltschmerz und Da- seinsweh und der letzte Blick todestrauriger Augen gleitet über ein in idvllischer Schönheit blinkendes Stückchen dieser Erde, von der der nächste Augenblick die Seele des im Kampf Er­lognen Hinwegtragen soll in jenes Land, aus dem es keine Heimkehr gibt. Auch Das ist charakteristisch für unsre Zeit und ein Symptom der Stimmung menschlicher Psvche in Momen­ten, in denen das Schicksal schwer und erbar­mungslos seine Hand auk eines Sterblichen

Zeppelins Heimkehr.

Der deutsch.frauz östsche Zwischenfall erledigt: Z. IV freige- gebe« und he im gekehrt; Abreise des Luftschiffs aus Luneville und Landung in Frescaty; korrektes Verhalten der französischen Behörde«.

Schulter legt. Es sind Tragödien des Lebens, die sich abseits vom Weg des Menschenglücks und der Erdenfreude abspielen, Tragödien, die wie ein Verhängnis unsre Zeit geleiten und deren Ursachen im DegenerationS- Prozeß des zwanzigsten Jahrhunderts wur­zeln ...! F- H-

Es ist also gekommen, wie's zu erwarten war: Das LunevillerZ IV-Jntermezzo ist ohne schmerzliche Nachwehen geblieben, das Luftschiff hat gestern bereits die Heimreise antreten können und der Zwischenfall hat sich (soweit die Situation sich heute übersehen läßt) in Wohlgefallen aufgelöst. Daß diesseits und jenseits der Vogesen die Chauvins den Vorfall als Agitationsmittel benutzen werden, läßt sich nicht hindern; das Verhalten der französischen Behörden gegenüber der Besatzung desZ IV* beweist indessen, daß man auch in Frank­reich bemüht ist. das Verhältnis zum östlichen Nachbar nicht durch übergroße Schroffheit zu verschlechtern Die Franzosen haben sich in der Affaire wie Gentlemen benommen und wir schulden ihnen die Anerkennung, daß sie alles vermieden haben, was irgendwie geeig­net gewesen wäre, die Angelegenheit unnötig zu verschärfen. Wir verzeichnen folgende Drahtmeldungen:

Paris, 5. April-

Der Zwischenfall von Luneville ist gestern zur vollständigen Zufriedenheit auf­geklärt und abgeschlossen worden. Der Genera! Hirschauer hat seine Untersu­chung beendet und festgestellt, daß die deut­schen Luftsch-ffer vollkommen korrekt vor- gegongen sind. In der Untersuchung wurde festgestellt, daß di- deutschen Offiziere keiner­lei Beobachtungen und unerlaubte Manöver unternommen haben. Daraufhin hat General Hirschauer den Borfall für erledigt er­klärt.

Luneville, 5. April-

Das LuftschiffZ IV stieg gestern um 11.45 Uhr zur Rückfahrt auf. Es kreuzte über eine Stunde über dem Manöverfelde und hatte stark mit dem Winde zu kämpfen, der es nach Norden zu treiben drohte. Die Offiziere befanden sich n i ch t in dem Ballon, sondern fuhren mit der Eisenbahn zurück. Um 1.30 Uhr verließ daS Luftschiff Luneville in der Richtung nach Metz, wo es um 4.15 Uhr auf dem Lustschiffplatz Freseath landete.

Ob durch das Mißgeschick des IV den Franzosen irqendtoelche Konstruktions- Geheimnisse bekannt geworden sind, läßt sich vorerst wohl mit Sicherheit nicht sagen. In einer Meldung aus Friedrichshafen heißt es zwar, das Luftschiff sei nur von einem Po­lizeikommissar wegen Untersuchung über der- mutliche Spionage betreten, im übrigen aber von den Militärbehörden als deutscher Boden respektiert worden, dagegen wird über Paris aus Luneville gemeldet, daß Ge­neral Hirschauer mit seinem Stabe eingehend den Zeppelin, die Gondeln sowie die gesamte innere Einrichtung besichtigte, und in Privat- nachrichten beißt es, daß dies unter Protest des Luftschifführers geschehen sei. Meldungen von den beteiligten Deutschen selbst sind dar-' über indessen noch nicht bekannt geworden, sodaß sich die verschiedenen Gerüchte nicht auf ihre Richtigkeit hin prüfen lassen.

Die Heimkehr des Odysseus.

(Privat-Telegramm.)

Metz. 5. April-

In der Nähe der Ballonhalle von Fres - e a t q hatten sich gestern nachmittag ungeheure Menschenmengen angesammett, um das Luft­schiff bei seiner H e i m k e h r zu begrüße«. In langsamer Fahrt kam der reuzer näher und landete schließlich wohlbehalten auf dem freien Platz vor der Halle. Es wurde von den Haftemannschaften erfaßt und in die Halle gebracht. Tie Jnfaflen waren, da sie fast 41 Stunden ununterbrochen Dienst getan hat­ten, vollkommen erschöpft, Die Erlaubnis zum Rückzug desZ. IV wurde erteilt, nachdem dessen militärischer Führer sein Ehrenwort gegeben, daß die Bemannung nicht die ftan- zösische National - Verteidigung berührende Puntte beobachtet hätte. Die Offiziere find bereits im Auto an 6er Grenze angekommen. Zunächst war eine spätere Stunde zum Aufstieg angefetzt. Ein früherer Abzug war jedoch in­folge der heftigen Windböen nötig, die das Luftschiff nochmals auf das Schwerste gefährde­ten. Bei diesem Zwischenfall hat fich das fran­zösische Militär alle Mühe gegeben, als ob es sich um ein eigenes Luftschiff handelte.

Korrekt, aber nicht freundlich!

(Privat - Telegramms

Metz, 5- Avril.

Die Aufnahme, die die deutschen Lustschiffer vomZ. VI auf dem Marsfelde bei L u n e - ville fanden, war korrekt, doch we­

nig freundlich, im Gegensatz zu den Meldungen der französischen Blätter. Wie die ihnen zuteil gewordene Behandlung ausfiel, geht aus den Gnzelheiten hervor, die hier be­kannt werden. Ter Besatzung war es kaum möglich, in Luneville etwas, zu effcn z$u be­kommen, nur die Offiziere erhielten eine Klei­nigkeit aus der Offizicrsmesse. Kapitän Mund wurde vom Luftschiff weggestoßen mit den Worten:Sie haben hier gar nichts zu suchen!" Die französtschen Offiziere gaben den deut­schen Kameraden den Rat, sich nicht in die Stadt zu wagen. Aber nicht nur die Besatzung des Schiffes empfand die Feind­seligkeiten von Militär und Zivil: Auch am Luftschiff und am Material machten die Fran­zosen ihrem Unmut Luft. Die Hintere Gondel wurde mit Gewalt auf den Boden gestoßen, so daß für eine beschädigte Gondelstrebe ein Tan­nenstamm eingesetzt werden mußte. Kapitän Glund protestierte gegen diese Ausschreitungen sehr energisch, worauf die Behörden ent­sprechende Schutzmatzregeln trafen.

Der Abschied von Luneville.

(Privat - Telegramm)

Luneville, 5. April-

Ein Waggon mit Wasscrstoffgas Zylin­dern war gestern vormittag auf dem hiesigen Bahnhof eingetrossen. Die Zylinder wurden au den Landungsplatz geschafft, wo mit der Auffüllung des Luftschiffes um zwölf Uhr begonnen wurde. Kurz nach zwölf Uhr kam das französische Fliegergeschwader von Epi- nal zu der Landungsstelle geflogen, und wäh­rend einer Viertelstunde kreuzten die französi­schen Aeroplane über dem deutschen Luft­schiff. Die Bevölkerung begrüßte das Erschei­nen der französischen Flugzeuge mit Hoch­rufen. Bei der Gleichgewichts-Feststellung kam es zu einigen erregten Momenten. Das Schiff erhob sich schief in einem Winkel von 45 Grad und man mutzte einige Mann an die Hintergondel kommandieren, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Zehn Mi­nuten vor ein Uhr nachmittags hat der Zeppe­linballon das Manöverfeld von Luneville ver­lassen. Er fübrte an Bord nur Zivilisten/Von der Erde aus konnte man beobachten, daß das Schiff sehr schwer gegen den Wind auzukämp- fen hatte. Die Führer des Luftschiffes haben 10000 Francs Zoll erlegt, denn diese Zahlung war eine Vorbedingung der Freigabe des Luftschiffes. Die Offiziere des Z. IV ver­ließen Luneville im Automobil des Maire, daS sie zur deuffchen Grenze brachte. Die Auffahrt des Z IV von Luneville erfolgte, während auf dem Marsfelde Zehntausende von Personen Aufstellung Genommen hatten, die bei der Auf­fahrt des Luftschiffes in völligem Schwei­gen verharrten.

Schüsse auf das Luftschiff?

(Privat - Telegramm>

Metz, 5. April-

Aus Aeutzerungen von Teilnehmern an der Fahrt des Z. IV geht hervor, daß die deuffchen Lustfchiffer in Luneville nicht sehr zuvorkom­mend behandelt worden find, wie die bis­herigen aus Frankreich stammenden Berichte be­haupteten. Rach der Höhenfahrt, die über 2000 Meter hinausging, wollte die Leitung des Lufffchiffes direkt »ach Friedrichs- h a fe n zurückkehren, weil starker Wind herrschte. Man stieg herab, und durch den Nebel sah mau bereits französische Soldaten. Man wußte also, daß man sich verirrt hatte. Als das Schiff auf 1000 Meter herabgegangen war, merkte die Be­satzung, daß von unten auf das Luft­schiff geschossen wurde. In Luneville selbst wurde einer der Offiziere, oIS er durch die Stabt fuhr, von der Menge belästigt. Die Mo­toren des Z. IV sind sämtlich intakt, wegen Ge­wichtserleichterung hat man einen Motor de­montiert und in Luneville zurückgelassen, wo er von einem Manu der Besatzung bewacht wird. Man hat kein Gas nach der Landung abge­geben; das aus Friedrichshafen gelieferte Gas diente lediglich zur Nachfüllung des während der Höhensahrt entwichenen Gasguantums. Tie Einwohner von Luneville, die sich an das festliegende Luftschiff heranschlichen, haben an der Gondel über hundertmal die Worte »Vive la France* und andere Inschriften angebracht. Tas Verhalten der Bevölkerung den deuffchen Luftschiffern gegenüber gab sehr oft zu ern­sten Besorgnissen Anlaß und bedurfte eindringlicher behördlicher Schutzmaßnahmen.

Mlsmaten Reviremrntt Bevorstehender Wechsel auf dem deutsche« Botschafter-Posten in Paris; statt Schoen Bernstovff; Schoen geht nach Petersburg.

Die Fragen, die von der deutschen Diplo­matie unserer Tage zu behandeln sind, und außerordentlich schwierig und kompliziert. Sie zu lösen, gibt es natürlich eine Unmenge von Wesen und Möglichkeiten. Daß nun gelegent­lich über diese Wege und Möglichkeiten Mei- nungs Verschiedenheiten auftauchen zwischen den Diplomaten, denen die Behand­lung dieser Dinge obliegt, ist ebenfalls begreif­lich Und es ist weiterhin erklärlich, wenn dann diese Meinungsverschiedenheiten ernstere Konsequenzen zur Folge haben. Eine von diesen Konsequenzen wird nun der baldige Rücktritt des deuffchen Botschafters in Paris, des Herrn vonSchoen fein. Es wird uns darüber berichtet:

Der neue Kurs itt Berlin.

(Information unseres W. L.-Mitarbeiters > Berlin, 5. April.

Herr von Schoen war als Nachfolger be3 Herrn von Tschirschky Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, bis er in dieser Stellung durch Herrn von Kid eilen ersetzt wurde. Schon als er noch als Staatssekretär wirkte, war es bekannt, wie sehr er ein Verehrer fran­zösischer Kultur war. Und da sich die Angriffe auf seine Tätigkeit und sein Talent als Staats­sekretär ständig mehrten, betrieb er nichts em« figer. als die Abberufung unseres damaligen Vertreters in Paris, des Fürsten Radolin. dessen geeigmtfter Ersatzmann er zu fein glaubte. Sein Wunsch ging auch in Erfüllung:

wurde im Sommer 1910 Botschafter in Paris. Da er ein ausgesprochener Fran­zosen freund war, hoffte man von seiner Berufung eine Besserung der deutsch-sran- zösischen Beziehungen. Wie man nun weiß, haben sich unsere Beziehungen zu Frankreich trotz der Vermittlungstätigkeit des Herrn von Schoen durchaus nicht verbesseff. Das Gegenteil ist eingetreten: Niemals ist seit 18 <0 der Deutschenhaß in Frankreich so groß gewesen, wie heute. Es war nun das Bestre­ben des Herrn von Schoen, die deutsche Regie­rung zu veranlassen, ihre Schritte gegenüber Frankreich immer möglichst milde und wenig aggressiv zu gestalten. Die deutsche Regierung aber ist sich schon lange darüber klar, daß

die Politik des Glaceehandschuhs gegenüber Frankreich nichts fruchtet. Deshalb hat sie sich schon lange zu einem entschiedeneren Ton gegenüber Frankreich entschlossen. Das ist auch aus den offiziösen Aeußerungen der letz­ten Zeit, die sich mit Frankreich befassen, sehr deutlich zu hören. Herr von Schoen glaubt aber den neuen Kurs gegenüber Frankreich nicht mit­machen zu können. Er sieht darin ein Wachsen der Gefahr. Und so schweben schon seit Wochen Verhandlungen, die ein Revirement an- bahnen. Es ist leicht möglich, daß Herr von Schoen Paris mit Petersburg vertauscht. In Petersburg wird Deutschland zurzeit von dem Grafen Pourtales vertreten., Graf Pourtales steht an der Grenze der Siebzig und hat schon wiederholt den Wunsch zu erkennen gegeben, in den Ruhestand zu treten. Ein zu­nehmendes Gehörleiden erschwert ihm seine di­plomatische Tätigkei-t außerordentlich, und nach­dem Frankreich den rührigen Herrn Telcassee nach Petersburg gesandt hat, wäre in Peters­burg auch eine rührigere Vertretung der deutschen Interessen erwünscht. Herr von Schoen dürfte sich für den Petersburger Posten dadurch besonder? eignen, daß er aus seiner Tätigkeit die russischen Verhältnisse bereits kennt, und sich als früherer hessischer Dragoner­offizier der besonderen Gunst der Zarin er­freut, die ihn schon aus ihrer Jugendzeit kennt.

Graf Bernstorff in Paris?

Me weiter bekannt wird, ist für die Nach­folge Schoens in Paris der Botschafter Graf B e r n st o r f f in Washington in Aussicht ge­nommen. Bernstorff wird kaum bet einem neuen Revirement übergangen werden dürfen, denn erstens ist ihm schon lauge ein Posten in Europa zugesagt worden und zweitens hat man ihn bei Neubesetzungen in europäische Positio­nen schon zweimal übergangen: Man hatte ihm sowohl die Londoner Botschaft wie auch das Auswärtige Amt zugesagt. Bevor sich Graf Bernstorff das dritte Mal übergehen läßt.