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Casseler MW NMichtm

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Mittwoch, 2. April 1913

Nummer 98

Fernsprecher 951 und 952.

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Sie ©entfernen von Moabit.

Spieler-Romantik im Gerichtssaal.

Draußen in Moabit, im backsteinernen Tempel der reichshauptstädtischen Gerechtigkeit, haben sich in der letzten Märzwoche nach lan­ger Trennung drei alte Bekannte wiederge­sunden: Der Rentner Stallmann, der Pri­vatier Cramer und der Leutnant außer Diensten Niemela. Daß der Ort des Wie­dersehens die eisenbeschlagne, gltterstab - be­wehrte Anklagebank des Kriminalgerichts ge­wesen, war nicht ihre Schuld, braucht auch nicht als Triumph der Nemesis applaudiert zu wer­den, sondern ist (wie so manches Idyll aus Er­den) einer Fügung freundlichen Zufalls zu danken, di« es der strafenden Gerechtigkeit er­möglichte, den Rentner Stallmann aus dem fernsten Winkel des Erdrunds für die teure Heimat zu erretten. Seit einer Woche erfreuen wir uns nun am Schauspiel des Prozesses; Tag um Tag bringt der forensische Kinemato- graph der Beweisaufnahme neue interessante Bilder; der Zuhörer-Raum in den kahlen Hal­len von Moabit gleicht einem Gesellschaftssaal im fashionabelsten Berlin W*W, und die drei Leute Hinterm Gitter der Anklagebank, die die Anklage des gewerbsmäßigen Falschspiels in Jdealkonkurrenz mit Betrug und arglistiger Täuschung zeiht, sind dem Jntereffe des Tages fast so wichtig und bedeutsam geworden wie die Majestät der Schwarzen Berge. Wir hörten aus bengalisch - feuilletonistisch sprühenden Be­richten, der Rentner Rudolf Stallmann, der jenseits der vaterländischen Grenzpfähle Ba­ron Korfs-König hieß, präsentiere sich selbst in der Rolle des Angeklagten als .vollendeter Gentleman"; an der .weltmännisch-unerschüt­terlichen Ruhe" des Privatiers Cramer splittre der schärfste Speer staatsanwaltlichen Tempera­ments, und der Leutnant Niemela verleugne sogar vorm Tribunal von Moabit nicht die Le­bensart des gewesnen Offiziers: Holzpapierne Romantik, die ein paar Wochen vorher auch den Vampyr Sternickel ins mythische Heldentum

Grünen Tisch Milch oder Limonade getrunken, ob der gewcsne Jnsanterie-Leutnant bei der Prinz Heinrich-Fahrt einen Benz- oder einen Horch-Wagen steuerte und ob der Privatier Cramer seiner Freundin Diamanten oder Saphire zum Wiegenfest fchenkte; es interessiert auch kaum, daß Herr Bujes gebügelte Bein­kleider trug und im Verkehr mit Prinzen und Thronfolgern sich wie ein wohlwollender On­kel gebärdete; die Kernfrage des Rechts und der Gerechtigkeit lautet kurz und bündig: Haben die drei, von der Sonne aller Breiten­grade beschienenen Ehrenmänner fasch ge­spielt und betrügerisch operiert, oder nicht? Das zu ergründen, ist Pflicht und Auf­gabe des Gerichts. Die Lösung der Aufgabe mag (da das Milieu, das den Ereignissen fei­nen Stempel aufdrückt, dem Sichtbereich des Normalauges entrückt ist) schwierig sein; sie wird aber dadurch nicht leichter, daß vorm Forum des Gerichts der ganze Sagen- und Reminiszenzen - Kreis abenteuernder Spieler- Romantik entschleiert und sensationslüsternen Kriminalstudenten ohne Eintrittsgebühr ein Schauspiel geboten wird, in dessen wild durch- einanderwirbelnden Momentbildern die blinde Göttin zuweilen in fast komischer Rolle er­scheint. Oder gibt es keine Hemmungen gegen das Bestreben, das Tribunal zur Szene zu machen. . .? b'. II.

Sie Milliarde fiirr Heer.

Nachoster-Arbeit im Reichstag.

Der Reichstag, der nach mehrwöchent- lichen Offerieren seine Beratungen wieder auf­nimmt, hat bis Pfingsten umfangreiche Arbei­ten zu erledigen, so daß möglichste Abkürzung der Verhandlungen dringend geboten ist, wenn nicht mit einer Sommertagung gerechnet werden soll. D!e Wehr- und Deckungsvorlagen sind (der Ankündigung des Bundesrats gemäß) rechtzeitig erschienen, und die Parteiführer sind zurzeit eifrig damit beschäftigt, in die schwie­rige Materie einzudringen, um alsbald dazu Stellung nehmen zu können, lieber die Be­handlung der Heeres- und Deckungsvorlage im Reichstag wird uns geschrieben:

Erledigung bis Pfingsten?

(Von unserm E. IV.-Mitarbeiter.)

Berlin, 1. April.

Die Fraktionen des Reichstags werden sich mit den Heeres- und Steuervor­lagen in Fraktionssitzungen bereits am Donnerstag dieser Woche beschäftigen. Um den Meinungsaustausch innerhalb der Fraktionen zu fördern, werden einige Tage sitzungsfrei bleiben, um in der zweiten April­woche die e r st e L e s u n g der neuen Vorlagen vornehmen zu können. Man rechnet damit, daß die Fraktionen für ihre Fraktionssitzungen etwa drei Tage beanspruchen werden. Die erste Lösung der neuen Vorlagen wird voraussicht­lich eine ganze Woche in Anspruch nehmen. Der Seniorenkonvent des Reichstages wird sich über die geschäftliche Behandlung der Vorlagen und die Arbeitsdispositionen im April ebenfalls im Laufe einer Woche schlüssig machen. Bezüglich der geschäftlichen Behand­lung der Vorlagen soll der Vorschlag gemacht werden, die Heeresvorlage der Budgetkommis­sion zu überweisen, die den Militäretat noch zu beraten hat und die

mit der Etatsberatung noch etwa zwei Wochen beschäftigt sein wird. Die einzelnen Steuergesetze sollen einer besonderen Kommission (ähnlich wie bei der Finanzreform) zur Einzelberatung über­wiesen werden, damit dies« Vorlagen sofort nach der ersten Lesung der Kommissionsbera­tung unterzogen werden können. Man^hofft, auf diese Weise in der Hauptsache das Schick­sal der Steuergesetze in der Kommission b t s Pfingsten entscheiden zu können. Wahrend der Pfingstftrien hätte alsdann die Regierung Gelegenheit, über strittige Punkt« in den beider­seitigen Auffassungen Verhandlungen mit den Parteien zu pflegen. Das Kriegsministermm legt nach wie vor Wert darauf, die Heeres- vorlagen bis Pfingsten verabschie­det zu sehen da durch die Vorlagen, die zu einem gewissen Teile bereits am ersten Ottober in Kraft treten werden, auf militärischem Ge­biete umfangreiche Vorarbeiten notwendig wer­den. Ob dies möglich sein wird, ist allerdings fraglich.

Reichstag und Regierung.

Berlin, 1. April. (Son unferm Korre- s p o n d e n t e n.) In R e g r e r u n g s k r e r - sen hat die verschiedenartig« Auffassung der neuen Gesetze in der Presse keine Verwun­de rung erregt. Man horst trotz der abfäl­ligen Kritik in manchen Organen mit dem Reichstage in kürzerer Zeit, als vielfach ange­nommen wird, eine Einigung über die

neuen Steuern herbeiführen zu können. Die dem- Reichstage unterbreiteten Vorschläge des Bundesrats sind eben nur V _o rs ch l a g e, die abzuändern das verfassungsmäßige Recht des Reichstags ist.

Sos Strafgericht ssmovar. Flotipen-Demonstration gegen Montenegro!

Europas Geduld mit dem ungeberdigen Balkan-Sturmgefellen in den Schwarzen Ber­gen ist nun doch zu Ende gegangen, und die Großmächte sind Lbereingekommen, gegen Montenegro, das Eroberungspolitik auf eigene Faust zu treiben versucht, eine Flöt- ten-Demonstration zu veranstalten, durch die König Nikita gezwungen werden soll, sich den Friedensbemühungen der Mächte anzu- passcn. An dieser Maßnahme gegen Monte­negro werden sich nur zwei Mächte beteiligen: Oosterreich-Ungarn für den Dreibund und England für die Triple-Entente. In­zwischen werden Vorkehrungen zur Durchfüh­rung der Flotten-Demonstration getroffen:

Oesterreichs Flotte unter Dampf!

(Privat-Telegramm)

Pola, i- April.

Wie bekannt wird, hat gestern früh das in Cattaro versammelte österreichisch-un­garische Geschwader den Befehl zum Auslaufen erhalten. Das Geschwader lag etwa zwanzig Kilometer von Antivari. Es besteht aus den Schlachtschiffen Erzherzog Franz "Ferdinand, Zrinh und Radetzki, dem Panzerkreuzer St. Georg, dem Kreuzer Ad­miral Spaun, mehreren Torpedobooten und Torpedobootszerstörern. Das breiundzwan- zigste Landwehr - Infanterie - Regiment in Zara wurde um halb sechs Uhr nachmittags auf einem Lloyddampfer eingeschifft, der in nördlicher Richtung abging.

Montenegro trotzt weiter!

(Privat-Telegram m.)

Celinje, 1. April.

Allem Anschein nach hat M o n t e n e g r o die feste Absicht, den Mächten zu trotzen. Die Prinzen Mirko und Peter sind bereits zur Armee abgegangen. Das Volk ist der Ansicht, daß die montenegrinische Regierung den Ratschlägen der Mächte keinerlei Aufmerksamkeit schenken möge. Man äußert, die Mächte können sagen, was sie wollen, wenn es zur Tat komme, werde man sehen, wie weit die Einigkeit Europas gehe. Die montenegrinische Regierung hat noch keine Antwort auf die Note der Mächte gegeben, die ihr am Freitag nachmittag zu­gestellt wurde; es steht auch nicht fest, wann diese Antwort erfolgen wird.

Aus London liegt heute folgende Mel­dung des Renfer-Büros vor: Die Botschafter- Vereinigung ist gestern nachmittag zusammenge- treten und hat sich um sechs Uhr bis zum Mitt­woch vertagt. Die Antwort der Verbündeten auf die Vorschläge der Mächte ist auf dem Wege. Alle Mächte haben eine Flotten­demonstration gebilligt, doch dürften nicht alle daran teilnehmen. Von Montenegro ist hinsichtlich Skutaris noch keine Antwort eingetroffen. Gestern waren in London Ge­rüchte verbreitet, daß König Nikita von Montenegro zu Gunsten des Erbprinzen Da­nilo abzudanken beabsichtigt. Angeblich soll der König in letzter Zeit wiederholt Ohn- machtsansälle gehabt haben.

Die Lage ist sehr ernst!

Rom, 1. April. (Priva11elegramm.) Wie ans Mitteilungen der Tribuna hervorgeht, hat die gestrige Sitzung der Botschafter­konferenz in London den Beratungen über die Form der Flottendemonstration gegen Montenegro gegolten. Man sieht die Lage, nachdem an der Wiederaufnahme der Beschießung von Skutari nicht mehr zu zwei­feln ist, für sehr ernst an. Endgültige Be­schlüsse über die Att der Durchführung bet De­monstration sind gleichwohl nicht gefaßt worden.

Rieder mit Oesterreich!

Petersburg, 1. April. (Priv attele- gramm.) Die Abreise des bulgarischen Ge­nerals D i m i t r i e w hat zu einer imposanten slavischeu Manifestation und Kundgebung gegen Oesterreich Anlaß gegeben. Mehr als fünftausend Personen war bei der gestrigen Abreise des Generals am Bahnhof versammelt, die die russische und bulgarische Nationalhymne sangen. Unter anderen wurden Rufe laut: Rieder mit Oesterreich!" Die Er­regung gegenüber Oesterreich wächst in Ruß­land von Tag zu Tag mehr.

Am Vorabend der Blockade?

Wien, 1. April. (Privattelegramm.) Ueber die bevorstehende Flottenaktion gegen Montenegro wird an amtlicher Stelle

strengstes Stillschweigen bewahrt. Von anderer Seite erfähtt man aber, daß die öster­reichisch-ungarische Flotte aus der Bucht von Cataro ausgelaufen ist und sich vor Antivari befindet. Eine englische Flottille soll sich auf der Fahrt von Korfu nach dem Norden be- inben. In ben Häfen werben Vorbereitungen ür bie Einschiffung von Truppen ge. troffen. ______________

Ser König der Millionen t.

John Pierpont Morgan ist tot!

InRom ist gestern der amerikanisch« Milliardär John PierpontMor« gan, der ,,Kö«ig der Millionen", nach langem Leiden gestorben. Morgan war schon seit Monaten schwer leidend und befand sich in Rom au? der Rückreise von einer Fahrt nach Aegpten, die er zur Wie- derherstellung seiner Gesundheit unternommen hatte. Der Krank« war in der letzten Zeit bis znm Skelett abgemagert und litt unter schwere« neurasthenischen Anfällen. Morga« hat ein Alter von 75 Jahren erreicht.

Fern von Amerika, in der ewigen Stadt im sonnigen Italien, ist der sechsundsiebzigjahrtge König der Dollarkönige", P i e r P o n t M or. gan, vom Tod ereilt worden. Und doch nicht :ern von seiner Heimat; denn dieser Mann war ein Welt Herr scher, wie nur je einer gelebt hat. Die Vereinigten Staaten waren em zu enger Rahmen, um die Fülle dieser beispiellosen Macht zu fassen. Standen doch selbst die Schiffe, die den Ozean durchfurchten, unter dem Korn- mando des von ihm ins Leben gerufenen Ver­bandes. Man schreite die Jahrtausende der Weltgeschickte zurück, und man wird k e i n e Persönlichkeit finden von ähnlicher Stellung und ähnlichem Einfluß wie Pierpont Morgan. Geldriesen, wie Krösus im Altertum oder die Fugger im Mittelalter, mögen über ihre Umge­bung ebenso schroff emporgeragt haben, wie der verstorbene Finanzgigant über dte semige, aber damals bedeutete die Geldfülle nicht viel mehr als eine kaum begrenzte Möglichkeit zur Befriedigung eigener Bedürfnisse. In der Hand Morgans ist sie unendlich viel mehr gewesen, nämlich eine Organisation, die faft bet Staats-Souveränität gleicht, die Herrschaft verleiht über das Wirtschaftsleben unermeßlich weiter Gebiete. Man schätzt das Vermögen des Verstorbenen auf zehn Milliarden Dollars, 40000 Millionen Mark. Obwohl das eine in ihrer fabelhaften Größe jedes Vor- ftellunasvermögen überschreitende Zahl ist. ist das noch nicht einmal das Entscheidende. Daß aber der größte Teil der Banken der Ver­einigten Staaten, ein weites Eisenbahn­netz, die bedeutendsten Versicherungs- Gesellschaften, zirka sechs Prozent der Eisen- und Kohlen - Produktion- ein aroßer Teil der Kupfer-Erzeugung und sogar der Nordatlantische Schiffahrt?- pool unter seiner Kontrolle standen, daß es kaum ein wirtschaftliches Bedürfnis in ben Vereinigten Staaten gibt, für dessen Deckung Morgan nicht den Preis vorgeschrieben hatte: Das ist das Charakteristische, nie geschichtlich vorder Erlebte in der Machtstellung dieser Persönlichkeit, die nun am Ende ihres Erd«n- laufs angelangt ist!

Morgans letzte Stunde«.

(P r i v a t - T «l e g r a m m.)

Rom, 1. April.

Morgans Tod wurde von feiner Familie und dem Direftor des Grand Hotels, wo Mor­gan die ganze Beletage bewohnte, drei Stunden geheim gehalten, um bie Nachricht zuerst chriffriett nachNewyork gelangen zu lassen. Der TobeSkampf Morgans währte zwei Stunden. Niemand hatte erwartet, daß die Katastrophe so rasch eintreten würde. Morgan war noch am Ostersonntag zur Pe- terskirch« gefahren; er fühlte sich anscheinend wohl und bestellte das Automobil auch für bCtf Abend. Die Abendfahrt nach bet Via Appia konnte aber nicht mehr stattfinden. Nach der Rück­kehr von bet Kirche fiel Morgan in eilte tiefe Ohnmacht, man brachte ihn zu Bett. Da8 Bewußtsein kehrte zwar wieher, bie Kräfte ver­fielen aber immer mehr, unb alle Bemühungen ber Aerzte scheiterten an ber nervösen Abspan­nung bes Kranken, die bas Bewußtsein trübte, unb an der Unmöglichkeit, ihn ausreichend zu ernähren. Seit Sonnabend morgen fiel Morgan von einer Ohnmacht in bie andere. Gestern in den ersten Morgenstunden entfchwand bas Bewußtsein unb in ben Mittagftunden ttat bet Tod ein.

*

Das Lebenswerk eines Krösus.

Aus Pierpont Morgaus Werdegang.

Wie aus N e w y o r k berichtet wird, hat die Nachricht von dem in Rom erfolgten Hinschei- ben Morgans in den dortigen Finanzkreisen tiefen Eindruck hinterlassen, obwohl man

emporhob.

Seit dem Harmlosen-Prozeß, seit den Ta­gen ber Wolff - Metternich - Tragikomödie sind uns die Typen der modernsten Jndustrieritter- schast bertraut; wir staunen nicht mehr, wenn Herr Cramer erzählt, er habe mit Prinzen und Durchlauchten in Monte - Carlo, Ostende oder Spa um Vermögen hazardiert, finden es nicht ungewöhnlich, sondern nur nochinteressant", daß der Handlungsgehilfe Skallmann sich zwi­schen Abend und Morgen in einen Baron ver­wandelt und nach mancherlei Jrrfahtt durch drei Erdteile schließlich als Gatte einer exoti­schen Millionen - Erbin und Bischof-Nichte im stillen Hafen d«S Glücks landet; lächeln ver­ständnisinnig, wenn der Angeflagte dem kreuz­verhör-forschenden Vorsitzenden erklärt, er habe nur deshalb aus eigner Machtvollkommenheit sich bie Siebenzacken-Krone des Barons Korss- König verliehen, umsein Fortkommen" (als Spieler) zu erleichtern, und sind nicht erstaunt, wenn die drei Sünder in der Anklagebank, müde lächelnd und fast gelangweilt durch die Neugier richterlicher Fragesteller, erzählen, in der internationalen Spielerwelt werde des alten Fürsten Windischgrätz Herrenmensch- Grundsatz, nach dem der.Mensch erst beim Baron anfängt, ohne weiteres und ohne Apparate niedlichste Wirklichkeit, weil jeder Priester des Baccarats und Roulette Graf, Marquis oder (zumindest) Baron fei. Die Art, wie die drei Gentleman - Sünder in der An- llagebank dem Gericht die terra incognita ber Spieler-Sphäre, das champagnerduft-atmen- be Milieu ber internationalen Lebewelt ent­schleiern, paßt in das Getriebe unsrer Straf« rechtpflog« hinein wie ein Lustspiel-Einakter ins S$enenbtlb des Dramas, und bei schärferer Beobachtung fühlt man instinktiv, wie in die­sem Prozeß der Angeflagte gewissermaßen zum Mentor, zum Wegzeiger einer Wirklichkeit wird, deren Wesensart dcm Normalbegriff unsrer Justiz entrückt ist.

Wir haben uns daran gewöhnt, die Sensa­tions-Prozesse. die unsrer Strafrechtspflege je nach Art und Milieu ein bestimmtes Gepräge zu geben pflegen, mehr als forensische Schau­spiele denn als Atte strafender Gerechtigkeit zn betrachten, und wenn als sichtbarer Ausfluß biefer Auffassung im Spielerprozeß Stallmann der Filmzauber in ernsthast-bedrohliche Nähe rückte und der Vorsitzende daran erinnern mußte, daß im Moabiter Kriminalgericht über Gut und Böse entschieden, aber nichtTheater gespielt" werde, so beweist Das, welche Be- griffS-Verwirrung die systematische Verrückung der Grenzenunsres Strafrechtsbetriebs im zwanzigsten Jahrhundert hervorgebracht. Es ist für die Oeftentlichkeit sicherlich recht gleich­gültig, ob bet Spielerkönig Stallmann am