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Nr. 97.

Dritter Jahrgang.

Weler Neueste Nachrichten

L Beilage.

Dienstag, 1. April 1913,

SerSpielerkonig Stallmann.

Sie weitere Verhandlung des Prozesses.

Der «roße Prozeß gegen den Sptelerkönig Rudolf Stallmann und feine Genossen hält die ReichKhauptstadt noch dauernd in Erregung, und das Interesse an der Verhandlung hat eher zu- als abgenommen. Zu der Sonnabend­sitzung war eine Reihe von Zeugen geladen, darunter die Schwester NiemelaS, ein Schwager Niemelas. die Hauptleute Deckhaus und von Werder, die Leutnants von Dippe und DziallaS, der angebliche Forstaflessor von Bergest, ein Fräulein von Redern und verschiedene andere. Zu Beginn der Verhandlung, über die uns der nachfolgende Bericht zugeht, gab eS einen klei­nen Zusammenstoß zwischen dem Staatsanwalt und dem Angeklagten Niemela.

Geschichten vom Grünen Tisch.

(Bericht unseres P. 8-Korrespondenten.)

Berlin. 31. März.

In der Sonnabend-Verhandlung des Spie­ker-Prozesses Stallmann und Genossen ver­wahrte sich zu Beginn der Sitzung der Ange­klagte Niemela erregt gegen den Vorwurf der Staatsanwalts, er habe unter falschen Vorspie­gelungen an der Prinz Heinrich-Fahrt im Juni 1910 teilgenommen. Er sei stets flei­ßig und arbeitsam gewesen, sonst würde man ihn nicht im Alter von dreiundzwanzig Jahren alS Offizier nach Frankreich gesandt haben; er habe durch Schrfftstellerei sehr viel Geld ver­dient. Es wurde dann in die Behandlung des der Anklage zugrunde liegenden Falles Dippe eingetreten. Stallmann erklärte hierzu, er habe von Bujes den Wechsel Dippes erst nach lan­gem Sträuben angenommen, da Bujes an ihn eine größere Summe verloren hatte und nicht zahlen konnte; für den Wechsel habe er etwa 50 000 Mark gegeben. Daß Spieler sich gegen­seitig aushülsen, sei selbstverständlich; an dem Wechsel sei ihm gar nichts gelegen gewesen. Auf Ersuchen Dippes habe er den Wechsel nicht durch die Barck einziehen lassen, sondern ihn dem Dippe in Berlin präsentiert und zwar durch Newton, der dabei verhaftet wurde. Die im Laufe der wetteren Vernehmung geäußerte Ver­mutung des Staatsanwalts, daß ein gewisser Bohn an den Stallmann vor langen Jahren einen als unbestellbar aus Paris zurückqekom- menen Brief geschrieben hatte, mit dem Falsch­spieler Bouch4-Bohn identisch sei. wie? Stall­mann enffchieden zurück. Die Anklage gegen Kramer basiert darauf, daß Kramer versucht ha­ben soll, von Dippe unter allerlei Drohungen Geld zu erpressen, indem er ihn des Meineids bezichttgte und dergleichen. Kramer will aber nur. tm Interesse DipveS gehandelt haben. Er behauptete auch, mit Niemela verhandelt zu ha­ben, um für Dippe

das nötige Geld

zu erhalten, damit dieser sich in Argentinien eine Existenz gründen könne. Die Sache habe sich aber zerschlagen und er habe die Schuld­scheine, die bereits ausgestellt waren, zerrissen. Kramer muß dann aber zugeben, daß er davon Abschrfften besatz, auf denen «r die von den Originalen abgetrennten Unterschriften Dtppe's angebracht haße, was nach feiner Meinung gar nichts zu bedeuten hatte. Die hierauf vernom­mene Schwester des Angeklagten Niemela, eine Lehrerin, gab an, daß sie ihren Bruder im gan­zen mit etwa 25 000 Mark unterstützt habe, da­mit er feine Reiselust stillen konnte. Auch der Schwager Niemelas. Oberingenieur Gasch, bekundet, daß er Niemela wiederholt größere Bettäge gegeben habe. Hauptmann Beck- Haus schilderte als Zeuge die Att und Weise, wie er durch den Grausen Wolff-Metter.

»ich mit Stallmann bekannt geworden fei. Er sei mit Metternich zusammen einmal in der Britisch-Japanischen Ausstellung gewesen und sei dort von Stallmann zu einem Diner einge- laden worden, nach dessen Beendigung ein Spiel «ntriert worden sei, an dem er sich an­fangs nicht beteiligt habe. Hierbei hätten Met. ternich und Stallmann wegen der geringen Einsätze des letzteren Streit bekommen, was er aber für fingiert gehalten hätte, da er kein Mißtrauen gegen Metternich habe hegen können, nachdem er gewußt habe, daß dieser ein Neffe des deutschen Boffchasters in Lon­don sei und gesehen habe, wie ungezwungen Metternich mit der englischen Hofgesellschaft verkehrte. Metternich und er hätten bei dem Spiel je 7000 Mark verloren. Diese habe Met­ternich gegen e'tteit Wechsel für ihn bezahlt, was er als Schiebung bezeichnen müsse. Rechts, anwalt Bahn legte gegen diesen Ausdruck Ver­wahrung ein, und auch der Vorsitzende hielt ihn für unzulässig.

Heftige Zusammenstöße im Gerichtssaal.

Im weiteren Verlauf der Verhandlung kam eS mehrfach zu heftigen Zusammenstößen zwi­schen den Vetteidigern und dem Zeugen Beck- haus. Die Rechtsanwälte Meher und Walter Bahn stellten verschiedene Fragen an den Zeu­gen, deren Beantwortung ihm anscheinend un- ängenehm war, denn er wandte sich jedeSmal an den Vorsitzenden mit der Frage: -Mutz ich denn diese Frage beantworten? RecktSanwalt Bahn machte dann dem Zeugen den Borwurf, daß seine Aussaae zum Teil unwahr sei und den objektiven Tatbestand verschleiere. Der Zeuge wurde darauf sehr erregt und bemerkte, aus keine weitere Frage mehr zu antworten, wenn diese Beleidigung nicht zurückgenomMen würde. »Ich bin deutscher Offizier und kann mir derartiges nicht sagen lassen/ erklärte er mit großer Emphase. Rechtsanwalt Bahn er- widert darauf, daß er dem Zeugen ke'ine subjek­tive. sondern lediglich objektive Unwahrheit habe vorwerfen wollen und diesen Vorwurf durchaus aufrechierhalten müsse.

Ireibund und Ireiverbmd.

Die künftige Machte,Konstellation.

(Don unserem militärischen Mitarbeiter.) Berlin- 31. März.

Nachdem jetzt di« endgültigen Angaben über den Umfang der deutschen Heeresver- stärkung vorliegen und nachdem die Ein­führung der dreijährigen Dienstzeit in Frank­reich beschlossene Tatsache geworden ist. läßt sich, wie uns von militärischer Seite geschrieben wird, die künftige Weltkonstellation übersehen. Das deutsche Heer wird in zwei Jahren um 4000 Offiziere, 15 000 Unteroffiziere und 117 000 Mannschaften vermehrt werden. Dadurch er­höht sich der Friedensstand auf 661176 Köpfe, das heißt Mannschaften. Dazu kommen 31985 Offiziere. 5568 Sanitätsoffiziere und Beamte, 109 535 Unteroffiziere und 15 000 Einzährig, Freiwillige. Nach der Durchführung der Bor. lag« wird also, wenn der Berechnung die Zah­len des Etats für 1913. wie eben geschehen, untergelegt worden, das deutsche Heer eine Ge- samfftärke von rund 824 000 Köpfen haben. Das französische Heer wird demgegenüber nach der Einführung der dreijährigen Dienstzeit 781 000 Köpf« stark sein. Danach ergeben sich für Drei, bnnd und Tripleentente folgende Zahlen: Der Dreibund verfügt über 824 000 Mann deutscher Truppen, 399 000 Mann österreichischer Trup­pen und 291000 Mann italienischer Truppen. DaS ergibt eine Gesamtstärke von 1515000 Mann. Gegenüber siebt die Tripleentente mit 254 000 Mann englischer Truppen, 781 000 Mann französischer Truppen und 1345 000 Mann russischer Truppen. Rur nach den Zah­len beurteilt, ergibt sich also eine bedeutende

Unterlegenheit des Dreibundes gegenüber der Tripleentente, die über im ganzen 2380 000 Mann verfügt. In Wahrheit ist das Krästo- verhältniS jedoch ein wesentlich anderes. Zu. nächst ist zu brachten, daß

die Heere des Dreibundes

drei Landheere sind, während von den Heeren der Tripleentente das englische für einen Land­krieg nie in Bettacht kommt. England hat erst vor kurzem unzweideutig erklätt, daß es sein Herr für einen Landkrieg auf dem europäischen Frstlande niemals hergeben würde. Ebenso­wenig kommt die kolossale Heeresstärke. die für Rußland auf dem Papier steht, in Frage. Das russische Heer verteilt sich auf so gewaltige Landstrecken und Rußland hat überdies mit der Ordnung an den anderen Grenzen so viel zu tun, daß es nur einen Bruchteil seines Hee­res für einen europäischen Krieg würde ver­wenden können. Dazu kommt, daß man sehr daran zweifeln darf, ob die genannte Zahl wirklich als Kopfzahl der russischen Armee gel. ttn darf. In die 1345 000 Mann sind schon sämtliche Grenzwachen mit einbezogen. End­lich muß die Wehrfähigkeit des französischen Heeres nicht nach der Zahl, die auf dem Papier steht, sondern nach den wirklichen Verhältnissen eingeschätzt werden. Die Einführung der drei­jährigen Dienstzeit zeigt deutlich genug, wie die Ding« in Frankreich tatsächlich liegen. Man greift dort bereits zu Gewaltmitteln, während wir unser Heer noch ohne weiteres aus dem Bollen heraus verstärken können und nicht ein. mal unsere Reserven brauchen. Wie wenig unter Umständen die Reserven für den Krieg in Rechnung zu stellen sind, hat der Balkankrieg deutlich gezeigt. Das französische Heer besitzt also, wenn es sich schon im Frieden seiner Re­serven bedienen mutz, fraglos eine Schlagkraft, die weit geringer ist. als die Zahl im ersten Augenblick erkennen läßt. Man muß also von den Truppenzahlen der Tripleentente einen ganz beträchÄichen Abstrich machen, und man kommt dann zu dem Resultat, daß wir unbe- sorat in die Zukunft blocken können: Daß die künftige Weltkonstellation durchaus dem Drei­bunde das Uebergewicht verleihen wird.

AU« West.

Die Hochflut-Katastrophe in Amerika.

(Privat-Telegrammtt

Newhork, 31. März.

Das Fallen der Flüsse im Innern van Fn- diana und Obio hat die Ströme Ohio und Mff- issippi. in die jene Flüsse münde», über die Ufer treten lassen Die Stadt Cincinnati ist von einer der schlimmsten Ueberschwemmungen bedroht, die sie je erfahren hat. KrieaSsekretär Garrison ist in Dayton angekommen. Die Lage hat sich dort wesentlich gebessert. Furcht­bare Szenen spielten sich noch ab, als die Wassermossen die Winterquartiere von Hagen, veck und des Wolaee-ZirkuS in Ohio überflute­ten. Zwölf Elefanten rissen sich los und gerieten in einen Kampf miteinander. Neun Elefanten wurden tot aufgefunden. Der Ver­bleib der drei anderen ist noch unbekannt, wahr­scheinlich sind sie in die Wälder entflohen Ma« vermutet, daß auch die Riesenschlangen, die Bären, Löwen und Tiger denselben Weg genommen haben. Weiter ist de» Verlust von dreihundert Pferden, die außerordentlichen Wert besitzen, zu beklagen.

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Wirbelsturm auf dem Schwarzen Meer.

AuS Konstantinopel berichtet uns fol­gens Pttvab-Telegramm: Verderbliche Wirbel­stürme wüttn auf dem Schwarzen Meer. Meh­rere Schiff« erlitten schwere Havarien. Vom Personendampfer .Suwarow", der mit dem Dampffchiff.Konstantin" zusammenstteß konn- ten alle einundsechzig Fahrgäste in Sicherheit

gebracht werden; die Mannschaft soll nicht voll> zählig gerettet sein. Von mehreren Dampfenr fehlt bis heute jede Nachricht, man fürchtet, daß sie mit Mann und Maus mrtergegangerr sind.

Die verschwundene Exportfirma.

Daß Firmeninhaber aus irgend einem Grunde plötzlich nach unbekannten Zielen ver­schwinden, ist nichts Außergewöhnliches, daß aber eine ganze Firma samt Bureau usw. auS- rückt, dürfte denn doch zu den Seltenheiten ge­hören. Dieser Fall hat sich in Berlin im Hause Potsdamer Straße 56 zugettagen, wo am ersten Februar dieses Jahres die Firma M. Schöning und Co., Lebensmittel-Exportge­schäft, eingezogen war. Sogar vier Schreibma­schinendamen mit den dazu gehörigen Maschi­nen wußten das Prestige der Firma zu wahren heften. Die Leichtgläubigen waren Lieferanten von Kunstblättern, Zigarren, Lebensmitteln usw., die auf Kredit lieferten, weil nach den Angaben einer Auskunftei der eine der Inhaber allein ein persönliches Vermögen von 50000 Mark haben sollte. Seit dem ersten März ist nun die -Firma" verschwunden, und sogar die vier unbezahlten Schreibmaschinen sind mitge­nommen. Die Inhaber benutzten die Gelegen­heit des Umzuges eines anderen Hausbewoh­ners, um ihre Sachen unbemerkt fortzuschaffen. Die Kriminalpolizei ist bemüht, die Persönlich­keiten der beiden Firmeninhaber aufzuklären.

« Eine Jagd auf Leben und Tod.

An der belgisch-französischen Grenze spielte sich dieser Tage, wie uns aus Avisnes be­richtet wird, zwischen Schmugglern und Zoll­wächtern eine Jagd auf Leben und Tod ab. Die Schmuggler versuchten, mit ihrem Auto in wahnsinniger Fahtt die Grenzstation zu pas­sieren, wurden jedoch sofort von Zollwächtern gleichfalls im Automobil verfolgt. Es ent- spann sich nun eine wilde Jagd, in deren Ver­lauf die Zollwächter immer mehr zu den Schmugglern aufrückten. Diese lenften nun den Wagen auf einen Nebenpfad, um auf diesem zu entkommen. Hier stießen sie jedoch mit einem herrschaftlichen Wagen zusammen, dessen beide Werde sofort getötet wurden. Der Kut­scher blieb mit schweren Verletzungen am Chausseerand liegen, während die Schmuggler ihre wilde Fahrt fortsetzten. Schließlich stürzte das Automobil in einen Chausseegraben und wurde total zertrümmert, während die Ban­diten wie durch ein Wunder unverletzt blieben und ihre Flucht zu Fuß fortsetzten. Sie entka­men in den nahe gelegenen Wäldern. In dem Automobil wurden für etwa 40 000 Francs eingeschmuggelte Zigarren und Zigaretten ge­funden.

Ei« türkisches Heldenmädchen.

In der tüttischen Presse wird gegenwättig ein eigenartiger Brief einer jungen Türktn veröffentlicht, die als Mann verkleidet auf dem Wege nach Konstantinopel ist, um von dort nach Adrianopel zu gelangen. Es heißt in dem Schreiben, das an die Mutter des Mädchens gerichtet ist:Ich kann nicht länger mehr un- tättg zu Hause bleiben, so lang unser Vater­land alle Augenblicke so riesige Verluste erlei­det. Vergib mir, daß ich mir mein Haar ab ge­schnitten habe, behalte es zum Andenken an mich. Ich habe Männerkletdung angezogen, und mein langes Haar wäre mir bei der Aus­führung meines Planes nur hinderlich gewe­sen. Ich werde mich in Ada-Bazar als Frei­williger melden und ich hoffe, daß niemand mein Geschlecht erraten wird. Nichts kann mich von meinem gefaßten Entschlüsse abbringen. Wenn ich meinen Weg nicht nach Adrianopel finden kann, werde ich Selbstmord begehen. Mein Onkel ist in Adrianopel, und ich bin überzeugt, daß er mich mit offenen Armen empfangen wird. Ich werde ihm tagen, daß ich mich selbst dem Vaterlande opfern werd«. Sollte ich sterben, beweint mich nicht, denn ich folge einem heiligen Rufe. Auch ich werde bei der Vetteidigung des Bodens, unter dem mein Vater schläft, sterben."

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