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Nr. 97. 3. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

TienStag, i. April 1913,

jedenfalls im Augenblick fehrernstund kri- lifcher als je zuvor, und es ist mit allen Möglichkeiten zu rechnen. . ,

*

Wie Adrianopel fiel.

Der erste authentische Kriegsbericht.

(Privat « Telegramm.)

Sofia, 31. März.

Der soeben erschienene erste authentische Be­richt aus Adrianopel besagt, daß die Be­satzung hinreichend mit Lebensmitteln ver­sorgt war. Bei der Uebergabe wurden noch zweitausend Säcke Mehl vorgefunden. Von den Vorräten der Besatzung wurde noch viel­fach die Zivilbevölkerung unterstützt. Jeder­mann erhielt die meiste Zeit über reichliche Ra­tionen Käse und Brot, außerdem frisches Fleisch und Konserven. Erst in den letzten Wochen wurden die Rationen aus Sparsamkeit karger bemessen. Unter der Besatzung herrschten keine Epidemien, sondern nur ge­wöhnliche Krankheiten. Unter der Zivilbevöl­kerung kamen einzelne Fälle von Typhus und Ruhr vor. Während der ganzen Belagerungs­zeit herrschte rmtcr der Besatzung und der Zi­vilbevölkerung Ruhe und Zuversicht. Man hielt die Festung für uneinnehmbar. Durch die Beschießung wurden bloß mehrere Privathäuser und eine kleine Moschee zerstört und etwa sechzig Zivilisten getötet. Die Selim- Moschee ist bloß an der Eingangspforte leicht beschädigt. Erst die letzte allgemeine Beschie­ßung und der General st urm haben die Besatzung erschüttert. Der ungestüme

Angriff auf die Ostforts, der bei Dunkelheit und Nebel überraschend ein­setzte, übte auf alle furchtbare Wirkung aus, die noch durch die Wehklagen der Bevöl­kerung erhöht wurde. Als auch ein Teil der Besatzung den Kopf verlor, eilte Schükri Pascha selbst von einem Fort zum andern, um den Soldaten Mut zuzusprechen. Am 26. März» drangen gegen Morgengrauen die Bulgaren in die Werke von Aurnautköj ein und machten alles bis auf den letz­ten Mann nieder, sodaß die Gräben mit Leichen angefüllt waren. Dies brach den Wi­derstand Schükri Paschas, der bis dahin vollste Kaltblütigkeit bewahrt hatte. Schükri Pascha befahl, alle Pulverdepots und Militärgebäude in die Luft zu sprengen. Er telegra­phierte nach Konstantinopel, die Festung könne sich nicht länger halten, und ließ den drahtlosen Funken-Apparat zerstören. Als vormittags das 23. bulgarische Regiment in die Stadt ein­drang, ließ Schükri Pascha die weiße Fah­ne aufziehen und befahl, das Feuer einzustel­len. Nachmittags erfolgte die Uebergabe Schükris an General Iwanow. . .!

Prinz Heinrich bei Effad Pascha.

Athen, 31. März. (Privat . Tele­gramm.) Der jur Beisetzung des Königs hier weilende Prinz Heinrich von Preu­ßen stattete gestern gemeinsam mit dem Kron­prinzen Georg von Griechenland dem in Ke- phissia gefangenen Verteidiger von Janina, Essad Pascha, einen Besuch ab. Der Prinz ließ sich von dem Pascha alle Einzelheiten über die Belagerungszeit der Stadt berichten und sprach dem gefangenen Verteidiger der Fe­stung seine Anerkennung aus.

$as Kaiserpaar im Taunus.

Der Homburger Kuraufenthalt.

In Homburg v. d. H., wo das Kaiser­paar mit der Prinzessin Viktoria Luise gegen­

wärtig zur Erholung weilt, ist es in den letzten Tagen schon verhältnismäßig lebhaft gewor- den. Die Elektrische bringt täglich zahlreiche Besucher von Frankfurt herüber, und es sind auch schon einige Kurgäste eingerroffen: Ho­tels und Kurvillen haben diesmal früher als sonst den Betrieb ausgenommen. Die Kur­verwaltung hat den Elisabethen- und den Kai- serin-Augusta-Brunnen für die Trinkkur schon eröffnet: dies geschah sonst erst am ersten Mai. Ebenso sind im Kaiser Wilhelmsbad die Bade- räume für die Kaiserin zum Gebrauch herge­richtet. Man nimmt an, daß die Kaiserin, die täglich Elisabethenbrunnen trinkt, auch Bäder nehmen wird. Die Kurverwaltung hat sich für alle Fälle vorgesehen. Der Kaiser be­schränkt sich lediglich auf die Luftkur, er wird sich vielleicht später einmal entschließen, die auch für gesunde Menschen so wirkungsvollen Homburger Bäder zu gebrauchen, wenn erst die Badeleitung ins Schloß ausgeführt ist. Bei dem Uebersluß an Badewasser, den Homburg jetzt dank der letzten erfolgreichen Bohrungen zu verzcickmen hat, ist die Stadt gerne bereit, eine Badeleitung

nach dem kaiserlichen Schloß auszuführen; die Mittel sind schon bereitgestellt, lieber den Aufenthalt der Kaiserlichen Familie und des Hofes wird weiter berichtet: Der ge- famte Hof nahm am gestrigen Sonntag vormit­tag an dem Gottesdienst in der Erlöserkirche teil. Später hörte bet Kaiser den Vortrag des Vertreters des Auswärtigen Amtes, Gesandten von Trentler. Zur Frühstückstafel waren ge­laden Landrat Ritter von Marr und Oberbür­germeister Lübke.. Am nachmittag gegen vier­einviertel Uhr fuhren da? Kaiferpaar und die Prinzessin Viktoria Luise nebst Gefolge in Au­tomobilen in den Taunus. Der Weg führte die Kaiserlichen Herrschaften über die Saalburg, wo sich eine ungeheure Menge anqesammelt hatte, in der Erwartung, daß das Kaiferpaar dort Halt machen würde. Das Publikum wurde aber in seinen Hoffnungen getäuscht, denn die Automobile fuhren in schnellem Tempo an der Saalburg vorbei: sie schlugen den Weg über Webrbeim nach Usingen ein, überall von den zahlreichen Touristen und Passanten lebhaft begrüßt. Die Kaiserliche Familie machte auf der Kanonenstraße Halt, verließ die Automo­bile und machte einen längeren Spaziergang. Im Freien wurde auch der Tee eingenommen. Später wurden die Automobile wieder bestie­gen und in flotter Fahrt ging es über Ober­ursel nach Homburg zurück.

Englands Thronfolger in Friedrichshafen. Der Prinz von Wales ist, von Stuttgart kom­mend, gestern abend mit seiner Begleitung in Friedrichshafen eingetroffen. Er wurde vom Grafen Zeppelin, dem sein Befuch gilt, und fei­ner Begleitung empfangen. Der Prinz wird voraussichtlich zwei Tage dort bleiben und die Luftfchiffahrtsanlagen besichtigen: er wird auch eine Fahrt mit einemZeppelinfchiff unternehmen.

Vie PoM? Ze« Inges.

Der Kronprinz und Pächter Sohst.

Tex Kronprinz, der bekanntlich fei- nerzcit auch in der Angelegenheit Hohenau-

Lynar-Eulenburg den Kaiser unterrich­tete, soll jetzt auch im Falle des Guts­pächters Sohst eingegriffen haben. Es verlautet aus zuverlässiger Quelle dazu: Die Affäre des Cadiner Borwerkspächters Sohst, die in der Oeffentlichkeit schon so viel peinliches Aussehen erregt hat, scheint jetzt eine Wendung erfahren zu haben, und zwar durch den K r o np r i n z en. Der Kronprinz hat die Angelegenheit ün die Hand genommen und es steht zu erwarten, daß in der Affäre demnächst bestimmte Entscheidungen erfolgen werden. Es

waren andere Herren, die vor einiger Zeit den Thronerben ersucht hatten, etwas zur »Rege­lung der Sache" zu tun. Während eines Emp­fanges beim Oberpräsidenton von Ostpreußen zu Ehren der Mitglieder des dortigen Provin­ziallandtages geschah es, daß der Kronprinz denselben Herren, die ihn schon vorher inter­pelliert hatten, laut und deutlich, daß alle Um, stehenden es verstehen mußten, erklärte, er habe das in Frage kommende Material be­reits gesammelt und werde es dem Vater bei nächster Gelegenheit in Berlin persönlich unterbreiten, da sonst Ge­fahr vorhanden wäre, daß er von seiner Um­gebung weiterhin in Unkenntnis gehalten würde. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Kronprinzen lebhafter Dank von den Freunden des Herrn Sohst ausgesprochen, die heute mehr denn je davon überzeugt sind, daß dem Pächter von Cadinen schw e r e s Unrecht zugefügt worden ist.

Reue Sorge im Vatikan!

Rom, 31. März. (Privattelegramm.) Im Vasikan wird bezüglich des Befindens des Papstes von maßgebender Seite erklärt, daß die Influenza des Papstes wohl verschwunden sei, der Papst aber noch an großer Schwäche leide. Tie Schwäche halte trotz der sorgfältigen Behandlung durch die Aerzte an und könne den Zustand des Papstes g e - f ä h r l i ch gestalten. Die allgemeine Meinung ist, daß der Papst von seiner Krankheit stark angegriffen ist. Eine gefährliche Krise könne von einem zum anderen Augenblick ein­treten, doch könne der Papst auch wieder ge­nesen und dann vielleicht ein hohes Alter er­reichen.

Der Regierungswechsel in Reust. Das fürst­liche Hofmarschallamt in Gera hat anläßlich des Ablebens des Fürsten eine Hoftrauer von einem halben Jahre, sowie eine Landestrauer bis zum 26. April angeordnet. Ein gestern er­schienenes Patent gibt die Uebernabme 6er Re­gierung des Fürstentums Reuß j. L. durch den bisherigen Erbprinzen Heinrich den Siebenmtd- zwanzigsten bekannt, sowie gleichzeitig die Uebernabme der Regentschaft von Reuß ältere Linie.

9I$oes Dom läge.

Ein Ballon-Unglück auf dem Meer?

Flensburg, 31. März. (Privat - Tele­gramm.) Im Alsensund hat sich am Sonn­abend ein Ballonunglück ereignet, das noch der Aufklärung bedarf. Zwischen Fünen und Al­fen fahen Fischer einen Freiballon auf der Wasseroberfläche über das Meer treiben. Sie fuhren dem Ballon nach, verloren aber bald die Spur. Gestern wurde im Alsensund ein Bal­lon ohne Gondel angetrieben. Es hat den - m- schein, als ob die Hängetaue der Gondel ange­trieben worden sind. Der Ballon, der keinen Namen tragt, führt die Nummer 1857. Anschei­nend handelt es sich itm einen ausländischen Ballon, da die deutschen Freiballons sämtlich Namen führen. Uebet den Verbleib der Jn- fassen hat bisher nichts feftgeftettt werden kön­nen.

Zwei Opfer einer Auto-Katastrophe.

Essen (Ruhr), 31. März, (Privat-Tele, gram m.) Auf einer Vergnügungsfahrt, die in animierter Stimmung unternommen wurde, ist ein Automobil der Gewerkschaft »Viktoria Matthias" verunglückt, wobei zwei Personen den Tod sanden. Der Chauffeur hatte eine Kurve zu kurz genommen. Das Fahrzeug stürzte infolgedessen um und begrub drei In­sassen unter sich. Der Chauffeur und ein Elek-

trotechniker aus Essen waten sofort tot Eine andere Person wurde nut leicht verletzt. Ein vierter Insasse war bei der Kurve hetausge- schleuden worden: et kam ebenfalls mit ver­hältnismäßig leichten Verletzungen davon. Ein die UnglückWelle passierendes Auto veranlaßte die Ueberführnng der Toten und Verletzten nach Essen.

XX Selbstmord aus Furcht vor Geisteskrank­heit. In feiner Wohnung in der Hornstraße in Berlin hat der neunundvierzig Iahte alte Verlagsbuchhänbler Viktor Unger, der Mit­inhaber des Kunstverlags Unger und Fengler. seinem Leben durch Erschießen freiwillig ein Ende gemacht. Vorher hatte er seinen Hund erschossen. Aus hinterlassenen Briesen geht hervor, daß Unger die Tat aus Furcht vor Gr, blindung und Geisteskrankheit verübt hat.

ttr Ein Diebstahl in der Spandauer Geweht- fabrik. Vor kurzem wurde im Lagerraum der königlichen Gewehtfabrik in Spandau ein Zielfernrohr gestohlen, dessen Fabrikation ge- heimgehalten werden sollte. Den Nachforschun, gen der Direktion und der Kriminalpolizei ge, lang es jetzt, den Dieb in der Person eines Büroangestellten, der Familienvater ist, zu er« Mitteln. Er wurde, nachdem er die Tat ein« gestanden hatte, aus dem Dienst entlassen.

x: Noch eine Auto-Katastrophe. Auf der Chaussee Liegnitz-Obermtchelsdotf rannte das Automobil eines Arztes, in dem sich der Chauffeur sowie mehrere von diesem eingela­dene Personen befanden, gegen einen Baum. Die Insassen wurden sämtlich aus dem Wagen herausgeschleudert. Der Destillateur Graf aus Haynau, der Kaufmann Müller und her Mon­teur Derlei waren sofort tot, ein Gastwirt nrb ein Chauffeur erlitten schwere Verletzungen.

XX Eine Einsturz-Katastrophe in Wien. Von einem im Abbruch begriffenen Hause in der Mariahilf-Straße in Wien stützte ein Teil des ersten Stockwerkes ein. In demselben Hause befindet sich trotz des Abbruches noch ein offe­nes Konfekttonsgeschäft. Die Zugänge zu dem Geschäft wurden durch das herabstürzende Mauerwerk derart verschüttet, daß die Feuer­wehr erst die großen Spiegelscheiben entfernen mußte, um das Personal retten zu können. Ob Personen verletzt sind, siebt noch nicht fest.

XX Studenten-Demonstrationen in Peters­burg. Gestern nachmittag gegen vier Uhr ver­anstalteten die Studenten der Militärmedizini- schen Akademie in Petersburg, die Kaiserhymne singend, einen Straßenumzug. Im Zentrum Petersburg angelangt, zersprengte berittene Polizei den Zug und verhaftete einige (Stuben, ten. Für heute sind weitgehende Vorsichis- maßregeln gegen die Wiederholung derartiger Demonstrationen getroffen worden.

Vas Neueste oiis Assel.

Der erste April!

Es gibt wohl kaum einen Tag im Iahte, der mit fo gemischten Gefühlen begrüßt wird wie der erste April. Wie eine gewaltige Welle, flutet er über unser öffentliches Leben, reißt unaufhaltsam altes, überlebtes nieder und macht junge, unverbrauchte Kräfte frei für den großen Kamps, das Leben! Aus Schule. Heer flutet es hinein, die Zeil, die ewige Mahnerin, stößt in ihr Horn, und wehe denen, die ihrem Ruf das Ohr verfchließen. Uebet ihre Körper geht die Entwicklung weiter, und ob auch Taufende sich verbluten ...! Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß dieser gewichtige Zeitpunkt bei allem Ernst nichts von seiner hei, teren Nebenbedeutung verloren hat. Wer möchte auch den Aprilscherz missen! Gehört es doch zum festen Bestand der irdischen Freu­den, dem lieben Nächsten einen Schabernack zu spielen. Es muß ja nicht gerade ein eingeschla-

Feuilleton.

Sinnspruch.

Weißt du, welcher im Leben fein eigener Freund ist?

Ter ist es, der wie ein Feind wacker sich selber bekämpft.

> Robert Hamerling.

Dir Cshirr im hofthrstrr.

Die Künstlerin als Ortrud in Lohengrin.

Unter den virtuosen Gesangskünstlerinnen in des Wortes bester Bedeutung steht die C a - hier. Sie ist ein glänzender Typus univer­seller Künstlerschaft. Wo immer man sie auch hört: Ihre reiche, überreiche Gesangskunst ent­faltet dieselbe Genialität: Konzettsaal wie Buhne sind gleichermaßen ihre Wirkungsstätte. Hier wie dort vermag sie die allerschwierigsten gefangstechnischen Probleme mit der gleichen begnadeten Souveränität, mit der gleichen vollendeten Schönheit zu lösen. Hier wie dort erflingt ihre blühende Altstimme, im tiefen Dämmer ober im purpurnen Leuchten, vom be- raufchenden Presto bis zum zartesten Piauissi- mo, mit der gleichen hinreißenden Sieghaftig- keit. Dazu lodert in der Künstlerin eine wahre Dämonie des Temperamentes: Eine dramati- fche Darstellerin, die nur Gestalten von der größten und der seltensten Lebensfülle in der Charakteristik zu schaffen vermag. Eine Ortrud der Cahier muß also etwas Meister­haftes, etwas Vollendetes werden. Ein Ein­druck, der tief durch die Seele wuchtet.

Und eine Gestalt, die Leben wahrhaft fprühte, stand schon im stummen Spiel des ersten Aktes vor uns: Ungezügelt-Wild, unge­brochen-heidnisch, dämonisch wie tragisch, voll teuflischen Wahns. Einem Symbol des Ver­derbens gleich reckte sich diese Ortrud in eher­ner Größe im Drama empor. Nur der zweite Akt ringt die kurzgedrängte, erst eigentlich lebendige Charakteristik dieser Ge­stalt: Wenn sie dem rasenden, verheerenden Sturmwind ähnlich dahinbraust, giftige lieber» rebung, berechnende Teufelei, stählerne Härte, schlangenhaste Weichheit spielten wie wech­selnde Lichter eigentümlich rasch über das Duett mit Telramund dabin. Die geschmeidige Umgarnung der ahnungslosen Elsa ward mit grausam-nüchterner Wahrheit charakterisiert: t» pastosem GesangSvortrag kam endlich der

despotische Gewaltakt vor der Kathedrale zu leidenschaftlichem Ausbruch! ... So darf man nach dieser Meisterleistung der Frau Cahier auf ihre Carmen füglich gespannt fein.

Als Telramund hörten wir Herrn Schütz- Wiesbaden: Der Sänger hat im Dramatischen (wie das Duett des zweiten Attes zeigte) seine Stärke. Da Fräulein von der Osten noch un­päßlich ist. hatte Fräulein H o s a ck e r die Par­tie der Elsa plötzlich übernommen. Die Künst­lerin schien durch die Wirkung verschiedener Momente etwas befangen zu fein; sie hätte ruhig etwas mehr aus sich heraus gehen kön­nen. Denn was sie gefänglich zu geben hatte, war technisch rein und schön, ruhte also auf einer sicheren Basis. Eine Steigerung ins Ge­biet der dramatischen Wagnerfängerin hinein darf man billigerweife nicht fordern, da ja das Koloraturfach die Gerechtsame der Künst­lerin ist. Herr Brandenberger batte in der Titelpartie wieder einen schönen künstleri­schen Erfolg zu verzeichnen: Besonders mit der Gralserzählung, die von tiefer Wirkung war.

B «er.

Dreitausend mal in einem Theater diri­giert! Der Dresdener Hoskapellmeister Adolf Hagen verabfchiedete sich 2-onnabend nach dreißigjähriger erfolgreicher Tätigkeit im kö­niglichen Opernhause unter großen Ovationen des Publikums. Hagen bat über dreitausend- mal im Lpernhause dirigiert. Er leitete außer­dem die musikalischen Ausführungen in der ka­tholischen Hofkirche, wirkte häufig- int Tonkunst, lerverern und war eine Reibe von Jahren ar­tistischer Direktor des königlichen Konservato­riums und Dirigent der Treyßigschen Sing­akademie.

Zwanzigtanscnd Mark für Bachs ..wohl­temperiertes Klavier". Bei einer Versteigerung von Musikautogravben im Hause Leo Liep- mannssohn in Berlin brachte das Hauptstück der Sammlung, das Original-Manuskript von Jo­hann Sebastian Bachs »Wohltemperiertem Klavier", erster Teil, enthaltend 24 Präludien und 24 Fugen, den hohen Preis von zwanzig­taufend Mark. Das erste Präludium dieses be- beutenben Bach-Wettes biente der Gönn ob schon Meditation »Ave Matta" zur Unterlage.

DieKinder des ersten Apttl". Am ersten April, dem Tage der Narenschickung, geboren worden zu fein, kann heute tVemanbem mehr Spott eirttraflen, denn es ist der Geburtstag

des Eifernen Kanzlers. Aber es sind auch noch andere bemerkenswerte Persönlichkeiten, die am ersten April das Licht der Welt erblickt ha­ben. Noch heute gedenkt die Schule des be­rühmten Pädagogen Stephani, des Er­finders der nun herrschenden Lautiermethode beim Lesen. Eindunddreißig beziehungsweise dreiunddreißig Jahre vorher wurden am ersten April der Jyllendichter, Maler und Radierer Salomon G e ß n e r und Josef Haydn ge­boren. Kinder des ersten April sind feiner der Historiker und reaktionäre Politiker M. C. N. von Niebuhr und Ferrncoio Busoni.

ui» Tas Münchener Deutsche Museum. Der Ausbau des Deutschen Museums in München wird augenblicklich mit allem Nachdruck betrie­ben. Man ist jetzt damit beschäftigt, für jeden Saal eine Liste der vorhandenen und noch wün- ''chenswerien Gegenstände zusammenzustellen. Diese Listen und Pläne von den einzelnen Sä­len werden an die ersten Fachleute Deutschlands, an Physiker, Techniker. Chemiker und Land­wirte, geschickt, mit dem Ersuchen, die Listen und Pläne zu ergänzen und zu verbessern. Im Herbst soll dann mit der Inneneinrichtung des Museums begonnen werden.

Ein Hohenzollernprinz als Maler. Unter ben jüngeren künstlerisch begabten Prinzen des Hohenzollernhauses befindet sich auch ein Ma­ler. Es ist der Sohn des Prinzen Friedrich Leopold Friedrich Leopold der Jüngere, wie er sich nennt, der schon wiederholt von ferner Begabung Zeugnis ablegte, nicht durch kunst­gewerbliche Versuche, sondern auch durch eine Sette von Landschaften, die kürzlich unter an­derem Namen in einem der bekanntesten Ber­liner Kunstsalons auftauchten. Jetzt hat sich der junge Prinz an Karl Ha gerne ist er. den aus­gezeichneten märkischen Landschafter, ange- schlossen.

Die Gefahr einer Vereisung Englands. Aus London wird uns gefchrieben: In wissenschaftlichen Kreisen erregt eine inter­essante neue Theorie großes Aufsehen, die sich in einigen Punkten auf die bisherigen Ergeb­nisse der Scottschen Expedition zu stützen scheint, derzufolge die Temperatur in der Ant­arktis im Laufe der letzten Jahre im Abneh - men begriffen sein soll. Wie ein englischer Geologe namens Tr. Croll behauptet, wäre es möglich, daß sich überhaupt im Lause bet Jahr- hunberte die Polgrenzen um etliche Grabe ver­schieben könnten, fo daß also im Falle eines

Tieferrückens des Nordpols England unfehl­bar in eine Eiszone hin einkäme. Dr. Croll erklätt, daß nach seiner Berechnung England in etwa 50 000 Jahren völlig von Eis bedeckt sein müsse.

Eine Ehrung Ernst von Pofforts. Wie ans Petersburg berichtet wird, wurde Ernst von Possart eine bisher nie dage- toefene Ehrung zuteil. Der Altmeister der rus­sischen Schauspielkunst, Hofschauspieler Dawy­dow, holte Possart ins Kaiferliche Alerander- theater, wo die gesamte Truppe des Hoftheaters seiner harrte. In begeisterter Rede feierte Dawydow den deutschen Gast als Künstler, Leh­rer und Bühnenleiter. Possart dankte und wurde darauf gebeten, sein Porträt zu stiften, das einen würdigen Platz im Foyer des russi­schen Hoftheaters neben Salvini finden soll.

SchMkr-Antrrhilltungsgbrnd.

Zu Gunsten der Loge »Zur Einigkeit und Treue" veranstaltete dos bekannte Sängerehe­paar Liebeskind einen Schüler-Unterhal- tungsabend im Zentral-Hotel. Tie Herrschaf­ten, die gestern auftraten, haben sämtlich das typisch Schülerhafte bereits abgeftreift und brauchten den Schritt in die Oesfentlichkeit nicht zu bereuen. Das größte Interesse ver­dient Herr Franz Bachmann, der einen profunden Baß von seltener Fülle besitzt. Der Klangfarbe nach ein echter Sarastro, wie ihn nicht jede Bühne besitzen wird! Ein ursprüng­liches Soubrettentalent ist Fräulein Spren­gel, bie ihren hübschen Sopran geschickt ver- wenbet. Auch Herr Hafer (Tenor) singt mit Geschmack und weiß hesonders bie mezza voce berftänbia zu gehraucken. Schönes Material besitzen Fräulein Cornelius (Mezzosopran) unb Herr E ck, ein echter Heldentenor. Eine »Jungdramatische" mit reichen Stimmitteln ist Fräulein Breßler; ein Freischützduett hätte sie sich allerdings etwas mehr Reserve auferlegen müssen, da sie ihre Partnerin völlig übertönte. Als stimmbegabte Sängerinnen zeigten sich ferner Fräulein Siebold und Fräulein F r e be r t i u g. Technisch am weite­sten vorgeschritten ist unzweifelhaft Fräulein Schier, die bie Koloraturen in einer Arie aus »Die luftigen Weiber" bis zum h hinauf mit Eleganz nahm. ... Der Abend bracht« durchweg erfreuliche Eindrücke: matt kann Leh­rern und Schülern zu biefem Erfolge nur gra­tulieren. Nder.