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Casseler Neueste Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Sonntag, 23. März 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 91

Fernsprecher 951 und 952.

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Kin AuserKehmgsTrmm.

Öfter«, das Fest versöhnender Liebe.

Osterfriede strahlt überm Tal des Lebens: Nach den düstern Schatten der Winternacht dämmert der Morgen des Frühlings wie der Künder neuen Glücks und neuer Hoffnung her­auf, und in der Sterblichen Seelen regt sich, wie Harmonienklang aus einer andern Welt, das Ahnen des Ewig-Unvergängli­chen, dessen Wunder sich im Werden neuen Seins und neuen Lebens nun abermals un- serm Auge erschließt. In den düstern Tagen der Wintersonnenwende quält die Sehnsucht nach dem versöhnenden Gottesfrieden die Her­zen, nach jenem Frieden, der das Menschenda­sein verklären soll, und den doch nur Wenige auf der Lebensbahn erkämpfen, weil ihre See­len sich nicht zu befreien vermögen vom Bann der Niederungen, der ihr Empfinden in die Sorgen des Alltags niederzwingt und die freie Entfaltung edlen Menschentums an den Klip­pen der Daseinskümmerniffe scheitern läßt. Durch den Nebeltag des Winters und die Eis­nacht der Enttäuschung trägt die Sehnsucht nach Frieden die Hoffenden auf schmalem, schwan­kendem Kahn dem Augenblick der Erfüllung ent­gegen, und wenn dann im jungen Lenz der helle Sonnenstrahl die Herrschaft über des Winters dunkle Nacht erkämpft, wenn aus dem Grab oerblichnen Lebens des Daseins unvergängliche Natur mit neuer Kraft empor zum Lichte ringt, dann empfindet auch das harte Herz und die verfinsterte Seele den beglückenden Hauch ewi­gen Seins, und für kurzer Augenblicke Dauer erhebt sich das Menschliche in uns zum hellen Jubel über des Lebens und der ew'gen Wahrheit Sieg.

Fromme Legende umzaubert den Geist der Ostern mit dem Strahlenkranz göttlicher Hoff­nung-Erfüllung, in der sich Kraft und Freiheit zum idealen Bunde einten. Die zagenden Seelen der Schwachen erhoben sich zum stolzen Bekennermut der Apostelfreudigkeit, überwan­den des Zweifels Anfechtungen in der uner­schütterlichen Zuversicht auf den Sieg des ver­klärten Ideals und wurden durch die Kraft in- ncren Lebens zu Helden unvergeßlicher und unvergänglicher Tat. Die Jahrhunderte, die uns vom Sonnenland jener wunderbaren Zau­bertage trennen, sind auch am Ideal vergeistig­ter Menschenliebe nicht spurlos vorübergegan- gen. Manches Kleinod frommen Christenglau­bens ward gedunkelt von der Wandelbarkeit irdischen Schicksals, der auch des Herzensehnens Traum und Inhalt untertan sind; die alles be­seligende Liebe, aus der der Born des Geistes quoll, dessen Urgewalt das Erdrund bezwang, hat manchen Wermuttropsen in sich aufnehmen, manchen Schwerischlag erdulden müssen, und das Idealbild weltverbrüdernder Menschen- Eintracht, das wie ein ferner Stern überm Erden-Tempel der Christenheit thront, ist un­fern Tagen immer noch so unerreichbar wie den geheimnisvoll-erhabnen Stunden jener wun­derbaren Hoftnung-Erfüllung, da der Menschen sterbliche Herzen den Geist himmlischer Kraft und göttlicher Glück-Erkenntnis in seiner ge­waltigen Ofsenbarungsgrötze erkannten. Zwei Jahrtausende baden in die ehernen Tafeln ewi­ger Liebe die Geschichte wechselvollen Schicksals eingegraben!

Hat in unfein Tagen, die von nüchterner Ta- seinsauffassung beherrscht sind, des Geistes ideale Kraft sich vermindert, sind wir be- geisterungsärmer, an Werten des Lebenin­halts dürftiger geworden? Der helle Geist österlicher Freude flutet heut wie damals durch die Welt, umfunkelt von Sonnenglanz und jun­ger Frühlingspracht, bejubelt von Vogelsang und Menschenhymnen, und das Morgenrot, das in der Väter Tagen auf rosenrotem Flügel das Glück der Ostern durch die Lande trug, strahlt heut wie ehedem zauberhaft im Osten. Aber die österliche Welt, die Gemeinschaft der Lebenden hat sich gewandelt: Der Idealis­mus, der einst die Menschheit aus den Banden knechtischer Abhängigkeit und vom Wahn bru­taler Taseinsauffassung erlöste, ist unsrer Zeit fremd geworden. Tie harten Forderungen des Lebenskampfs gönnen dem auf der breiten Heerstraße der sozialen Gegenwart mühselig Pilgernden nur selten den siücht'gen Sonnen­strahl glücklichen Sichselbst-Vergessens, lassen in der Mittagglut eines entnervenden und rastlo- sen Ringens um des Daseins kärgliche Güter die ideale Freude am Zweck des Lebens kaum aufkeimen und scheuchen den Frieden, des die Menschen auf Erden teilhaftig werden sollen. Wohin das Auge schaut: Kampf und Leiden­schaft, Groll und Hader, und im Tal des Le­bens, von den Höhen hinabreichend biS Abgrundtiefe düstrer Niederungen, ächzt und stöhnt das Millionenheer der Sterblichen unter der drückenden Bürde der Sorge, von der Peit­sche des Hungers immer wieder zu verzweifel-

Alwin Römer.

5n des Todes dunklen Landen lhieit besiegt dich grimmer ssieidl Heiland, ach dein kreuzesleid Drückte schmrr;oer;agt uns nieder; Kun erscheinst du leuchtend wieder In des festes Krührotschein, Lind mein her; stimmt lenzfroh rin, Wenn aus erznem Glackenmunde Lraufenü strömt dir SstrrKunde: Kufrrpanden..

Sir sich früh zur Heimat fanden, Srasseln richten tief im Hain Froh ihr Kestchen wieder ein; Seewärts bei den SilberKätzchen Ist rin lauschig Kosrplötzchrn, Gutorrstrckt im Lwriggrtrirb: Meister Kink wählt's und srin lirb! Dankerfüllt in tiefstrr Serie, Jubelt er aus voller kehle:

Kufrrstanden ..,:

Itnj wird's wieder in den Landen, Mrjwarm küsst manch Sonnenstrahl Lraune knospen rings im Lai; And sein treulich Werben lohnen Lagernd blaue Lrokuskronen; Wart auch blinkt vom Kasenrand hold rin schneeig' Llütendanül Lrste Lotrn, Krühlingssiückchrn, Läutrn Iris nicht tun Glöckchen:

Larte grönr Llattgirlanürn Deckt der Wind am Sromdrrrstrauch And fein frifcher Märzenhauch Aebrrwellt die grauen Schosirn, Draus dir >unge Saat gequollen; Writ am Südhang, unter Schlrh'n, Weih er schon rin Veilchen stehn. Las mit seinen sähen Düften künden will in Krühiingslüften: puferstandrn... 1

B

ter Kraftanspanung getrieben. Ist hier der Geist noch wirksam, der einst Tod und Grab bezwang, um der M e u s ch e n l i e b e gewaltig- ste Offenbarung irdische Wirklichkeit werden zu lassen?

Was uns geblieben, ist das Produkt histo­rischer Entwicklung, die in der Zeiten Wandel

Sturm und Sonnenschein sah und bedingt war von den Richtlinien der Kultur, die das Ideal traumhafter Seligkeit dem Menschenauge im Bild der Erkenntnis zwar näher brachte, es den Herzen aber entfremdete und die See­len einsam werden ließ. Wir denken heut, von der Kulturwarte des zwanzigsten Jahr­

hunderts herabblickend auf die Wildnis geisti­ger Vergangenheit, an das Osterwunder zurück wie an einen beseligenden Traum, dessen Zau­ber in der Seelenstimmung zartesten Saiten wie eine ferne Melodie aus Engelsmund noch leise nachklingt. Wir erbauen uns an der Er­innerung froher Kindheittage, da des Geistes Schwingen, unberührt vom Hauch der Welt, sich zum beglückenden Flug ins Reich frommer Andacht und gläubigen Vertrauens entfalteten und die Seele in keuscher Scheu und aubeten- der Bewunderung erschauerte. Das war des Herzens Reine, die einst des Osterwunders Se­ligkeit empfand, mit ihrer Kraft das Weltge- vande erfüllte und die Niedrigkeit menschlicher Knechtschaft zu den höchsten Höhen idealer Ver­klärung emportrug. Wir ahnen diesen Geist; Baum und Strauch, Blume und Blüte künden ihn, Fels und Meer predigen seine Wunder- krast, und wenn wir am Tag der Ostern sin­nend wandern durch den Garten menschlicher Kultur, spüren wir sein Regen auch tief im eignen Herzen: In der Sehnsucht nach dem Unbewußten und Ungekannten, dem das Weltall untertan. . .! F. H.

Sstergloiien: Kriegsgefahr.

Die österreichisch-montenegrinische Krise.

Daß Oesterreich Montenegro gegenüber Ernst zu machen gedenkt, wird jetzt auch von amtlicher Seite bestätigt. Der österreichisch-un­garische Botschafter von Merrey teilte der Con- sulta in Rom offiziell mit, daß seine Re­gierung beschlossen habe, wegen der Vorgänge in Skutari eine Flottendemonstra- lion vor Antivari zu veranstalten und das Geschwader bereits unterwegs sei. Er legte Italien nahe, sich an der Demonstration zu beteiligen. Italien dürfte im Laufe des heutigen Tages seine Entscheidung treffen. In­zwischen hat die montenegrinische Regierung aus die Forderungen Oesterreichs geantwortet:

Die Antwort aus Cetinje.

(Privat-Telegramm.)

Wie», 22. Marz.

Die Antwort der montenegrinischen Re­gierung aus die Vorstellungen des österreich- ungarischen Geschäftsträgers ist eingelaufen. Sie laute jedoch in allen Punkten unbe- sr i e d i g en d. König Nikolaus hat die For- rung, der Zivilbevölkerung von Skutari den Abzug zu gestatten, abschlägig beschieden. Der König erklärt, daß er bedauere, daß Sku­tari so unter dem Feuer gelitten habe; er habe den Befehl erteilt, die Beschießung künftig nur gegen die Befestigungen zu richten. An hiesiger amtlicher Stelle wird erklärt, daß diese Zusage nichtalsausreichendbetrachtet wer­den könne. Was die Ermordung des Paters Palic anbetrifst, so hat Montenegro erklärt, daß es seine Souveränität in den besetzten Ge­bieten nicht zulassc, die Untersuchung durch österreichische Funktionäre in dieser Affäre füh­ren zu lassen. Montxenegro lehnt also die dies­bezüglichen Forderungen Oesterreich-Ungarns ab. Bezüglich der völkerrechtlichen Verletzung in San Giovanni di Medua gegen das Schiff Skodra" hat Oesterreich-Ungarn die strengste Bestrafung der Schuldigen gefordert. In die­sem Punkte lautet die Antwort Montenegros ausweichend. Wie an amtlicher Stelle er­klärt wird, steht ein energischer Schritt bevor, um den Forderungen Oesterreich-Un­garns Geltung zu verschaffen.

Die Mächtemahnen" weiter!

Wie uns cm weiteres Privat-Tele» gramm aus Wien meldet, haben sich die Mächte über die Fiiedensvorschlüge, die sie den Balkanstaaten machen werden, be­reits geeinigt und diese Vorschläge dürften morgen den Balkanverbündeten überreicht wer­den. Die Vertreter der Großmächte werden den Kriegführenden den dringenden Rat erteilen, weiters zweckloses Blutvergießen, wenn irgend möglich, zu vermeiden. (Wie die Balkan- Staaten die ^Friedens-Mahnungen" der Groß­mächte zu bewerten pflegen, haben sie bereits hinlänglich bewiesen: Sie ignorieren die Mächte einfach!)

*

Franz Ferdinand Eisenfaust.

Berlin, 22. März. (Privat-Tcle« gramm.) Ein sehr bekannter Berliner F i» nanzmann und Vcrmögcnsvcrwalter ari­stokratischen Besitzes hat in den letzten Tagen von einem ihm persönlich nahestehenden, in der Lefsentltchkeit vielgenannten Mitglied des österreichischen Hochadels einen Brief erhalten, der sich mit dem österreichischen Thronfolger und seinem Einfluß auf die Politik befaßt. Es heißt darin:Auch der montenegrinische Konflikt ist mit ein Ausfluß der Ueberspannung des österreichischen Empfindens, und durch den Erz­herzog Franz Ferdinand erhielt die internatio-