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Hessische Abendzeitung

Casseler Abendzeitung

3. Jahrgang.

Fernsprecher 951 und 952.

Donnerstag, 2V. März 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 89

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Die Königs-Tragödie.

Wie wir bereits durch Aushang gemeldet haben, wurde gestern nach­mittag in Saloniki König Georg von Griechenland ermordet. Das Attentat aus den König erfolgte nachmittags 5 Ahr 15 Minuten. Der König befand sich in Begleitung seines Adjutanten gerade auf einem Spaziergange, als er von einem unbekannten Manne erschos­sen wurde. Fünfzehn Minuten nach dem Attentat starb der König.

Ler König der Hellenen t.

Der Königsmord in Saloniki.

Die Tragödie am Balkan hat sich im letzten Szenenbild zum erschütternden Drama verdü­stert: Georg der Erste, der König der Hellenen, ist als Opfer fanatisierter Leidenschaft durch Mörderhand gefallen, und die Geschichte des griechischen Königshauses aus deutschem Stamm (schicksalbewegt und wechselvoll wie die ganze Vergangenheit des Volks, das dem acht­zehnjährigen Dänenprinzen vor fünf Jahrzehn­ten die Krone des Hellenenkönigs übertrug), beschließt ihren ersten Kapitelabschnitt mit dem Schreckgemälde eines furchtbaren Verbrechens. Tie Kugel des Mörders, die gestern im Stra­ßengewühl von Saloniki den König der als Sieger in die eroberte Stadt eingezognen Griechen niederstreckte, soll (nach der einen Version) den phantastischen Plan eines kran­ken Hirns verwirklicht, nach der andern der Ausführung eines Akts wilder Rache gegolten haben; die Königstragödie vom achtzehnten März umhüllen Rätsel und Geheimnisse auf allen Seiten und die bisher vorliegenden Nach­richten lassen nicht erkennen, welche Regung des Verbrechens die Waffe wider den König erhob. Sicher ist nur das Eine: Zwischen dem Königsmord in Saloniki und der durch den Balkankrieg bis zur höchsten Erregungshitze aufgepeitschten Volksleidenschaft besteht ein ursächlicher Zusammenhang und die (noch unbestätigte) Meldung, daß der Mörder ein Grieche ist und daß der Anschlag wider den Träger der Hellenenkrone als politisches Ver­brechen wider den Landesherrn zu bewer­ten sei, kann deshalb nicht überraschen.

Die Dänen-Dynastie aus dem Hellenen- Thron hat um ihr Königtum von Ansang an einen ununterbrochnen Kampf geführt; das Haus Holstein-Sondcrburg-Glücksburg ist im Land der Enkel der Leonidas niemals heimisch geworden und mehr als einmal hing das Schicksal des Throns und der Dynastie am dünnen Fädchen einer Zufall-Fügung. Fast fünfzig Jahre hindurch (seit dem letzten Okto­bertag 1863) saß Prinz Wilhelm von Däne­mark als König Georgios der Erste auf dem Hellenenthron, und wenn auch gerechte Wür- digung seiner Herrschertätigkeit ihn nicht mit dem Lorbeer des Helden und Reichbeglückers umkränzen kann, so darf ihm doch die Aner­kennung nicht versagt werden, daß er, der als Jüngling zum Träger einer Königs- und Schicksalkrone berufen ward, allzeit ehrlich be­müht gewesen ist, seinen Pflichten als Fürst und seinen Aufgaben als konstitutioneller Re­gent gerecht zu werden. Georg der Erste, nah am Ziel späten Heldentums durch Verbrecher­hand aus der Lebensbahn gerissen, war kein Mann der rücksichtslosen Tat, kein Stürmer und Gigant, der im Kampf um ferne Höhenziele die Massen mit sich fortzureißen vermochte: Er war eilt König des guten Willens, ein Fürst ehrli­chen Strebens, dem Ueberschwang und welten- sormende Phantasie stets fremd gewesen u. der auf dem Thron des Griechenkönigs nie der Sor­ge um Zukunft und Schicksal der Dynastie ent­bunden ward. Die Geschichte seiner fünfzig­jährigen Herrschaft ist reich an demütigenden Momenten, fast übersät von Schicksalschlägen und Heimsuchungen, und in allen Tagen seines Königtums stand vor Georgs des Ersten Seele die Erkenntnis, daß sein Haus dem Griechen­volk int Innersten seines Wesens fremd geblie­ben und in fünf Jahrzehnten königlicher Herr­lichkeit nicht den dürftigsten Wurzelboden im Empfinden der Nation gefunden.

Georg der Erste hat die Tragödie des Fürsten aus fremdem Stamm und Land" in seinem eignen König-Schicksal erfahren: Kein bis zur Rücksichtslosigkeit tatkräftiger Realpoli­tiker wie Ferdinand von Bulgaren, kein beson­nen, aber intensiv arbeitender Organisator wie Karol von Rumänien, kein Operelten-König im Stil des Serben-Peters, steht König Georgs Gestalt wie die eines Märtyrers inmitten der Geschichte des Hellenentums, von Wenigen geliebt, von Vielen bekämpft, von den Meisten auftichtig bedauert. Als er, ein Jüngling im lockigen Haar, ins Land der Griechen einzog, geleiteten ihn nationale Begeisterung und die Hoffnung auf den Thron, daß der Sohn des neunten Christian von Dänemark das in lan­ger Demütigung zermürbte Volk der Griechen zu den Gipfelhöhen neuen Ruhms und neuer Zukunft emporführen und dem imterm Türken­joch seufzenden Land den Pfad zur Freiheit und Größe bahnen werde. Die Hoffnung wan­delte sich indessen noch in den Lenzentagendes jungen Königtums zur Enttäusckmng: Unter den innern Parteikämp-cn und den Wirren im Lande selbst verblich der Glanz der Krone zum Schattenbauch, gegen die junge Dynastie regten sich Argwohn und Abneigung, und als aus den Feldern Thessaliens den

Das Trauerspiel des Balkankrieges hat ein ebenso jähes, wie furchtbares Intermezzo auf­zuweisen: GeorgderErste, König der Hel­lenen, ist gestern nachmittag in Saloniki von ruchloser Hand ermordet worden. Die näheren Umstände und Beweggründe des Königsmor­des sind noch nicht bekannt, und man steht also vorläufig vor der furchtbaren Tat, ohne ihre Einzelheiten und Begleitumstände zu kennen. Die einzige Vermutung, die ohne nähere Kennt-' nis ihrer Gründe auszusprechen gestattet sein mag, ist vielleicht die, daß der G e g e n satz zwischen Griechen und Bulgaren, der in der letzten Zeit, und gerade in Saloniki, besonders stark geworden ist. das Verbrechen geboren ba­den kann. Ueber das tragische Ende des Kö­nigs liegen folgende Drahtmeldungen vor:

Auf der Straße erschossen!

(Privat-Telegram m.)

Saloniki, 19. März.

Das Ende des Königs Georg hat die ganze Stadt in Ausruhr gebracht. Wie jetzt sest- steht, wurde auf den König, während er gestern nachmittag feinen gewohnten Spaziergang in den Straßen Salonikis machte, ein Revol­verschuß abgefeuert. Die Kugel durch­bohrte das Herz. Der König wurde zu einem Krankenhaus gebracht, starb aber, noch bevor der Transport dort anlangte. Der König setzte so großes Vertrauen in seine Sicherheit, daß er in Saloniki in Begleitung eines Reit­knechtes Spaziergänge unternahm. Seine Um­gebung war hierüber sehr beunruhigt und gab ihm bis vor einigen Tagen vier Gendarmen zur Begleitung mit. Gestern war der König be­sonders gut gelaunt. Auf seinem Spazier­gange unterhielt er sich mit seinem Adjutanten über das bevorstehende fünfzigjährige Re­gierungsjubiläum. Als die beiden gerade im besten Gespräch waren, fiel plötzlich ein Schuß. Der Adjutant drehte sich um und ergriff den Mörder am Hals, konnte aber nicht verhindern, daß be$ Schutz, der dem König zu- gedacht war, se'n Ziel erreichte. Der Mörder, der offenbar die Absicht hatte, noch weiter zu schießen, wurde durch den Adjutanten daran verhindert. Nach dem Schüsse stürzte der König sofort zu Boden und wurde nach einem in der Nähe beftndlichen Hospital geschafft, starb aber schon während des Transportes.

Der Mörder des Königs.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Athen, 19. März.

Die erschütternde Nachricht von der Ermor­dung des Königs Georg, die gestern gcgcr abend aus Saloniki hier eintraf, hat in ganz Griechenland ungeheure Aufregung hervor­gerufen. Ter Attentäter soll sich Skina nennet und erklärt haben, daß er den König deshalb getötet habe, weil er ihm eine Geldunterstift jung, die er von ihm erbeten hatte, verweige'/ hat. Ter Täter gehört dem f o z i a l i st i scheu Verein von Balona an. Der nigsutörder ist ein Mann von ungefähr vierzig Jahren. Ueber seinen Beruf äußert et nichts Er gißt nur an, Sozialist zu fein und aus sozialistischen Ideen heraus die Tat begangen zu haben. Don anderer Seite wird allerdings behauptet, daß der Mörder ein Grieche ift. Ms« glaubt, daß er geistesgestört ist Trotz der Aufregung, die infolge des Vorfalles in der Stadt herrscht, bleiben die Truppen in den Kasernen. Die Geschäfte find geschlossen und der Verkehr ruht vollständig. Alle Kirchen- glockcn läuten. Der Kronprinz wird Epirus sobald als möglich verlassen. Auch die Königin wird nach Saloniki abreisen. Ueber den Mör­der des Königs laufet? in der Stadt die wider­sprechendsten Gerüchte um, doch ist die Persön­lichkeit des Verbrechers bisher noch nicht mit Sicherheit festgestellt.

Die Teilnahme Europas.

(Telegraphische Meldungen.)

Berlin, 19. März.

Die Morgenblätter gedenken mit aufrichti­gem Mitgefühl des dahingemordeten- uios von Griechenland, der (wie das Berliner Tageblatt schreibt) in langen schwierigen Jah­ren Geduld und kluge AuSdauer be­saß. Die Kreuzzeitung sagt: Drei Herrscher­häuser trauern mit: Das Dänische, dem der ""'ortete entsproßen ist, das russische, dem

seine Gattin entstammt, und unser deut­sches, das dem jetzigen König die Gemahlin gegeben hat.

London, 19. März.

Als die Königin-Mutter die amtliche Mit­teilung vom Tode ihres Bruders erhielt, war sie ganz niedergeschmettert. Dem König wurde nach Schloß Windsor gemeldet, daß der König der Hellenen nicht weit von seiner Wohnung erschossen worden sei und daß der Mörder sich nur ungefähr zwei Yards von ihm entfernt befunden habe. Der Bür­germeister von Windsor sprach dem König und der Königin im Schlosse sein Beileid aus.

*

Aus König Georgs Leben.

Georg der Erste, König der Hellenen, war am Weihnachtsabend des Jahres 1845 zu Ko­penhagen als zweiter Sohn des Königs Chri­stian des Neunten von Dänemark und der Kö­nigin Luise, einer Prinzessin von Hessen- Cassel, geboren. Als dänischer Prinz führte er den Namen Wilhelm und widmete sich dem Seedienst. Aus Empfehlung Englands wurde er als Kandidat für den durch den Sturz Otto des Ersten erledigten griechischen Thron von Frankreich und Rußland günstig ausgenommen und am dreißigsten März 1863 von der griechischen Nationalversammlung einstimmig unter dem Namen Georg der Erste »um König gewählt. Durch ein Protokoll der drei Schutzmächte (zu London am fünften Juni) wurde die Thronfolge geregelt; tags darauf nahm Georg der Erste die Krone an und wurde am siebenundzwanzigsten Juni von der griechischen Nationalversammlung für volljäh­rig erklärt. Nachdem er durch einen Vertrag seinem jüngeren Bruder Waldemar den Vor­rang in der dänischen Erbfolge eingeräumt batte, landete er am dreißigsten Oftober im Piräus und hielt seinen feierlichen Einzug in Athen, wo er tags darauf vor der Na­tionalversammlung den Eid auf die Verfassung leistete und die Regierung übernahm. Die an leine Thronbesteigung sich knüpfende Vereini- fitmg der Ionischen Inseln mit Griechenland, seine am siebenundzwanzigsten Oktober 1867 ersolate Vermählung mit der russischen Groß­fürstin Olga, Tochter des Grosürsten Konstantin Nikolajewitsch, und die Erziehung feiner Kinder in der griechisch-katholischen Kir­che (während er selbst evangelisch blieb) dienten dazu,

feinen Tyron zu befestigen.

An den nationalen Wünschen, die auf eine Ver­einigung aller unter türkischer Herrschaft befind­lichen griechischen Länder mit Griechenland b-.ntielten, batte er immer lebhaften Anteil ge­nommen und sie zu fördern gesucht. So erreichte r es. durch die Konvention von 1881 sein Land strcfi den größten Teil von Thessalien und A:neit Teil von Cvirus verarößert zu 'eben. Als konstitutioneller Regent ''elt er sich fast stets von einem direkten Ein- -eifen in die inneren Parteikämvfe fern. Nur r5 die Boliiik ^elvann's' Griechenland in im» ier größere finanzielle Schwieriakeiten zu "Hirten drohte, oab er am neunundtwanttgsteu Februar 1892 diesem den Abschied. Auch in der "rage der Vereinigung Kretas mit Griechenland tarn er der nationalen Be­wegung entgegen, die 1897 zu dem für Grie­chenland unglücklich verlaufenen Kriege mit der Türkei führte. Die dadurch hervorae- rufene Mißstimmung gab am fechsundswan- üafien Februar 189» zwei ehemaligen Solda­ten VeranlaKunq v* einem Attentat auf sen König, Has erkalalys blieb. Späterhin brach eine antidynoltifche Bewegung <t»5, die bekanntlich damit endete, daß fämtlich» Prinzen mit dem Kronvrinre" an der Spitze aus der Armee austreten mußten. Erst der gegenwär- "ae Krieg bat in dem Verhalten gegenüber ^em griechifchen ^»N'^haufe »inen sichtbaren '^mfchwuna herteiaesiihrt. Der Kronprinz übernahm d»s-rtownrando über die Armee. > nd die übrigen Brinzen traten ebenfalls wie­der in da? Heer ein.

*

R3nig Konstantin von Griechenland.

Der seitherige Kronprinz, fetzige König Konstantin von Griechenland, ist am ein- undzwanzigsten Juli 1868 geboren. Er ver­mählte sich 1889 mit der Prinzessin Sophie von Preußen, einer Schwester des Deut­schen Kaisers. Dieser Ehe sind fünf Kinder entsprossen. Von den vier Geschwistern des neuen Königs hat Prinz Andreas ebenfalls eine Deutsche zur Frau, nämlich die Prinzessin Alice von Battenberg.

Kriegerruhm des Griechentums vernichtete, schien der Thron der Dynastie Holstein aller Stützen entkleidet, und nur die dumpfe Resig- nation, die der kriegerischen Niederlage folgte, rettete Georg den Ersten vor dem Zorn der Nation. Sechzehn Jahre hindurch hat er nach diesem schwersten Schicksalsschlag seines Kö­nigtums den Gefahren getrotzt, die sich im eig­nen Land wider Thron und Krone erhoben, und erst als in den Herbsttagen neunzehnhun- dertzwölf in den Schluchten des Balkan die ersten Kanonenschüsse als Ouvertüre des Völ­kerdramas im Südosten Europas aufblitzten, sah der Vielgeprüfte den späten Morgen neuer Hoffnung aufdämmern. Es ist ihm nicht be- schieden gewesen, das ersehnte Ziel zu erreichen: Nah am Gipfel des Ruhms, mit alterswelker Hand nach dem Siegerlorbeer langend, hat das Schicksal ihn aus diesem Leben enisührt und eine Königstragödie hat, düster und furchtbar, ihren Abschluß gefunden ...! F.H.

Fst die Republik bedroht?

Das Kabinett Befand fst gestürzt.

Wie uns aus Paris berichtet wird, fand gestern abend im Senat die Abstimmung über das Wahlreformgesetz statt. Das Ministerium Briand hatte damit die Vertrauensfrage verknüpft. Der Senat lehnte das Gesetz mit 161 gegen 128 Stimmen a 6. Das Ministerium muß also demissionieren. In den Wandel- gängeu nennt man als Kandidaten für den neuen Ministerpräsidenten Bar - thou, Pichon und Clemenceau. Erst wenige Wochen steht Poincaree an der Spitze der französischen Republik, und schon ist sein erstes Kabinett von einer schweren Krise hinweggefegt worden. Die Frage der Verhält­niswahl, die nun schon seit Jahren die öffent­liche Meinung Frankreichs beschäftigt, und be­reits mehrere Kabinette teils direft, teils in­direkt hat scheitern lassen, ist auch dem zwei­ten Kabinett Briands verhängnisvoll gewor­den, denn der Senat bat dem Ministerpräsiden­ten das erbetene Vettrauensvottim versagt. An sich brauchte ja Briand ein ablehnendes Votum des Senats nicht unter allen Umständen tragisch zu nehmen, denn bisher war es in Frankreich üblich, nur in der Kammer die Vertrauens­frage zu stellen, eine Niederlage im Senat da­gegen ruhig einzustecken. Bei der Wichtigkeit der Wahlreformvorlage erscheint es indessen ge­rechtfertigt, daß Herr Briand diesmal eine Aus­nahme macht. Nun, da der Senat die Verhält­niswahl zu Fall gebracht, ist die ganze franzö­sische Staatsmaschinerie sozusagen still ge­legt. Um die Frage der Verhältniswahl drehte sich die ganze innere Polittk der letzten Jahre. Sie bildete den wichtigsten Punkt in den Programmen verschiedener Kabinette, und all diese Arbeit und

all diese Kämpfe

sollen vergeblich gewesen sein? Ist auch die Fra­ge der Verhältniswahl zunächst eine rein inner- französische Angelegenheit, so gewinnt sie doch durch die jetzige Krise eine erhöhte Bedeutung. Hwar: Ob Herr Briand oder ein anderer an der Spitze des Kabinetts steht, ist ziemlich gleich­gültig; schon aber erbeben sich Stimmen, die verlangen, daß man den ganzen Senat befestigen solle. Wenn nun auch (ganz be­sonders in der französischen Küche) nichts so heiß gegessen wird, tote es gekocht war, so sind doch solche revolutionären Forderungen gerade im gegenwärtigen Augenblick nicht ungefährlich. Die Frage der dreijäbrigen Dienstzeft hat den französischen Chauvinismus aufs Höchste gestei­gert: Chauvinismus und Deutschen­hetze gehen aber in Frankreich meist Hand in Hand mit gewissen antirepublikanischen Ten­denzen. Ein Stoß, der sich zunächst gegen den Senat richtet, könnte unter diesen Umständen schließlich der ganzen Republik gefährlich werden und Prinz Viktor Napoleon mag deshalb mit stillem Behagen der weiteren Ent­wickelung der Dinge entgegenbarren. denn das Eine läßt sich nicht leugnen: Die Republik durchbangt zurzeit in Frankreich eine schwere Krise, und niemand weiß, was aus dieser Krise an Zukunfts-Ereignissen her­vorgehen wird...! °n.

Der Sturz des Kabinetts.

(Prtvat-Telearamm.)

Paris, 19. März.

Ministerpräsident Aristide Briand hat die Demission des Kabinetts sofort nach der Se- naiSsitzung im Clyfee bekannt gegeben. Poin- caret wird zunächst, wie üblich, die Präsidenten deS Parlaments konsultieren. Zum Sturz des Kabinetts bringen die Morgenblätter fämtlich längere Kommentare, in denen zumeist das B e» dauern über den Rücktritt ausgedrückt und der Ansicht Raum gegeben wird, daß dadurch die innere Sage Frankreichs ver­wickelter geworden fei. Ter Figaro schreibt: Briand kann nunmehr einige Zeit ausruhen. Humanitä sagt: Der Scnat hat es gewollt. Er trägt die Verantwortung für die arrnie nn-