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COler NM Nachrichten

Caffeler Abendzeitung

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Hessische Abendzeitung

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Nummer 86.

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 16. Marz 1913.

Fernsprecher 951 und 952.

3. Jahrgang.

Politische Rational Kultur.

Im Volke selbst wohnt eines Volkes Kraft!"

Ter Kaiser (am zehnten März) im Berliner Landwehr-Ofstziers-Kastno an die Land wehr- Offiziere:Da» Vaterland erwartet von Ihnen in erster Linie nicht kriegerische Lorbeeren, sondern ein verdienstvolles Wirken al» Staats­bürger. Es rechnet darauf, daß Sie dem deutschen Volke und besonder» der deutschen Jugend mit Rat und Tat und einem charakter- vollen Vorbild treu zur Sette sichen. Ein solches Eintreten für die idealen Lebens- werte wird Sie nm so tüchtiger machen zur Erfüllung Ihrer militärischen Aufgaben ... I"

Die Erinnerung an den Völker-Früh­ling, dessen gewaltige, begeisterung- und heldentat-zeugende Kraft vor hundert Jahren die Preußen-Nation aus dem Sumpf schwäch­lich geduldeter Schmach zu den Gipfeln völki­scher Größe emportrug, lst in diesen Tagen in tausendfachem Echo wieder lebendig geworden: Wir haben die Worte dankbarer Enkel ver­nommen, sahen an den ehernen Denkmälern der Großen jener Zeit Fürsten und Bürger in Ehrfurcht und Bewunderung versunken, und es ist uns gesagt worden, daß die Kraft des Volks und die Liebe zum Vaterland es gewesen, die ein vom SchiÄsal an den Rand des Abgrunds gedrängtes Reich vorm Verhängnis erretteten. Das neunzehnte Jahrhundert, in dessen Mor­gendämmern das Preußen des großen Fried­rich morsch und schwach zusammenbrach, ließ aus der Saat des Kummers und der Sorge Männer erstehen, deren Tatkraft und Begeiste­rung ein verzweifelndes Volk und einen zagen­den König mit sich fortrissen, Persönlichkeiten stählerner Prägung, deren Arm kühn ins Rad des Schicksals griff und deren Entschlußkraft nicht im Moment der Gefahr versagte. Sie waren die lebendgewordne Vorsehung, die nach Wilhelms des Zweiten Wort Preu­ßens Niedergang und Aufstieg gewollt; sie waren die Werkzeuge des Schicksals, die am Trümmern eines an seinen eignen Sünden zugrundegegangnen Staatsgebildes eine neue Welt nationaler Hoffnung erstehen ließen; s i e waren die Persönlichkeiten, deren Namen durch die Jahrhunderte glänzt, und ihnen gebührt der Ruhm, Retter des Vaterlands und Führer der Natton gewesen zu sein!

Hundert Jahre später: Als Friedrich Naumann, dem ein Jahrzehnt hindurch die Massen zugejubelt hatten, nach langen Kämp­fen in den Reichstag einzog, erhofften die Naiven unter den Zeitgenossen den Anbruch einer neuen Aera parlamentarischen Aufstiegs, die endliche Befruchtung des de- zenntenlang dorrenden Ackers politischer Betä­tigung und einen Hochschwung parlamentari­scher Kultur zu nie erstrebten Höhen. Der Traum hat sich indessen nicht erfüllt: Das Mor­genrot ist ausgeblieben und im Getriebe par­lamentarischer Arbeit ist derweil nichts ge­schehen, das mit Recht als sonderlich erfreulich und das Maß normaler Wirkensmöglichkeit er­heblich übersteigend als Beweis für die erhoffte Entwicklung in Anspruch genommen werden könnte. Es scheint sogar, daß in der Werk­statt unsres parlamentarischen Lebens eine ge­wisse Stagnation eingetreten ist, seit die Reihen der Großen, der Führenden und der Kämpfenden sich gelichtet haben und das Heer der Epigonen sich vergeblich müht, in der Mstung der Titanen sich emporzurecken. Nau­manns Schicksal (man kann hier wirklich von einemSchicksal" sprechen) darf in gewis­ser Hinsicht als Bestätigung dieser Befürchtung gelten, denn Naumann stand als freier Tribun der Volkheit zweifellos viel näher als in den Tagen, da er durch die Barre der Partei- Disziplin von der Masse, vom Volk ge­trennt war.

Persönlichkeiten sind überhaupt eine rar« Ware geworden und dort, wo sie auftau­chen, stürzt sich das Rudel der Durchschnittler auf den drohenden Konkurrenten, Nässt die Meute des Alltogkampfs giftig am Weg und dräut der .leitenden Greise" kurulischer Zorn dem Kühnen beim ersten Schritt zur Höhe. Ter Durchschnitt beherrscht die Stunde, und die Verflachung regiert die Geister, und wenn ir­gend. so sind die Früchte dieser Degeneration in unferm politischen Leben zu erkennen, das an dem Mangel wirllicher und in sich ge­schlossener Persönlichkeiten offensichtlich krankt. Es ist sogar vor nicht langer Zeit einmal von kompetenter Seite das Wort von der .Flucht vor der Politik" gefallen, und mancherlei Tat­sachen deuten darauf hin, daß dieser Ausspruch eine innere Berechtigung hat. Schon bei der Kandidatenschau für den neuen Reichstag hat man's gemerft: Ausgeprägte Persönlich, leiten sind für die Lederpfüble im Wallothaus nur in sehr beschränkter Zahl zu werben gewe­sen, trotzdem insgesamt an rund tausend Aus erwählte die Aufforderung ergangen war, sich im einen Platz im Kreise der Auguren zu be­werben. Die .Freude an der Politik" ist im

Schwinden begriffen, denn der polittsche Kampf hat in unfern Tagen Formen angenommen, die die ethische Grundlage und die ästhetische Linie manchmal nur noch undeutlich erkennbar werden lassen, und es ist nicht sonderlich ver­lockend, in Niederungen hinabzusteigen, aus denen die Schwaden der Leidenschaften auf­dampfen.

Daß unser politisches Leben des Bestands ausgeprägter Persönlichkeiten ermangelt, liegt indessen sicherlich weniger an der Seltenheit der Exemplare, als an der Tatsache, daß die Per­sönlichkeiten beim Eintritt ins politische Leben unterm Bann der Parteidisziplin sich zur Op­ferung ihrer Individualität gezwungen sehen oder aber (um sich nicht s e l b st aufgeben zu müssen) von vornherein, abgestotzen von dem partei-politischen Getrieb, es ablehnen, ihr Wissen und Können, ihre Kraft und Vater­landsliebe in den Dienst des Parlamentaris­mus zu stellen. Das ist sehr bedauerlich und wird es solange bleiben, als die bürgerlichen Parteien (trotz der immer mehr wachsenden Zahl der sozialdemokratischen Stimmen) ohne Rücksicht auf die lokalen Verhältnisse in den einzelnen Kreisen bei der Auswahl der Kandi­daten lediglich die Heiligkeit ihres P a r - teiprogramms anerkennen und auf dem Altar des Götzen Dottrinarismus Geist und Erkenntnis bedingungslos opfern. Für Män­ner mit weitem Blick und kühnem Plan ist die­ser lähmende Zwang eine Fessel und sicher nicht geeignet, dem politischen Leben Kräfte zuzu­führen, die über's Durchschnittsmaß hinausrei­chen und deren Jdeenkreis am niedern Gebälk der Partei-Interessen hart anstößt. Sollte es nicht möglich sein, unser parteipolitisches Le­ben mehr zu individualisieren und den Rahmen persönlicher Betätigung für emporstre­bende Kräfte s o zu erweitern, daß auch der Nicht-Nur-Programm-Politiker der politischen Mitarbeit im Kreise ernst strebender Männer Geschmack abzugewinnen und seine Kraft gern und freudig dem Dienst der Volksgesamtheit zu widmen vermag? Ein Rückblick auf die Zeit vor hundert Jahren zeigt uns, w o eines Vol­kes Größe und Kraft, w o die Freude am Va­terland und der bürgerliche National-Gedanke ihre stärksten Wurzeln treiben ...! F. H.

Am Grabe Karl gathos.

Die Beisetzung des Bekenners vom Rhein.

Unter gewaltiger Beteiligung der Bevölke­rung fand gestern in K ö l n nach einer Trauer­feier in der Christuskirche die Beerdigung des Pfarrers I a t b o statt. Am Grab rief Pfarrer Traub aus Dortmund dem Heimgegangenen Gefährten und Gesinnungsgenossen ergreifende Worte in die Ewigkeit nach, lieber die Bei­setzung Jathos geht uns folgender Draht- hericht zu:

Die Beisetzung in Melaten.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Köln, 15. März.

Gestern nachmittag wurde Karl I a 1 h o auf dem hiesigen Friedhof Melaten zur letzten Ruhe gebettet. Die Gedächtnisfeier fand in der Christuskirche, seiner ehemaligen Wirkungs­stätte, statt, woselbst auch die sterblichen Ueber- reste aufgebahrt waren. Hier hielt Pfarrer Radecke-Köln eine ergreifende Gedächtnis­rede. Alle die Kirche umgebenden Straßen waren mit Menschenmassen angefüllt und mußten infolgedessen polizeilich abgesperrt werden. Den Leichenzug eröffnete der Jatho- Chor, der die Jathogottesdienste außerhalb der evangelischen Landeskirche verschönern half, und die evangelische Volksjugend. Hinter dem Sarge schritten die beiden Kölner liberalen Pfarrer Radecke und Jathos Nachfolger, Pfarrer Becker. Dann folgten die Ange­hörigen des Verstorbenen und eine ganze Reihe rheinischer liberaler Pfarrer und Superinten­denten im Talar. Hinter diesen kamen die nach Tausenden zählenden Freunde des Verstor­benen. Zehntaufende bildeten auf dem Wege zum Friedhöfe Spalier.

Traub und Becker am Grabe.

Auf dem Friedhof Melaten wurde Pfarrer Jatho von seinem Nachfolger, Pfarrer Becker, mtt kirchlichen Ehren beerdigt. Nach Pfarrer Becker sprach der persönliche Freund Jathos, Pfarrer Traub- Dorttnu d, der ihm einen warmen Nachruf hielt. Nur langsam ging dann die Jathogeme- 'e auseinander, in­dem sie an dem Grabe des Heimgegangenen borbeibefilierte und dem nun entschlafenen einstigen Führer noch eine letzte Ehrung erwies.

Erdbeben-Katastrophe in Asten?

Ostafieu als Herd des Erdbebens.

Leipzig, 15. März. (Privat-Tele­gram m.) Auf der hiesigen Erdbebenwarte ist gestern nach längerer Ruhepause ein kehr

heftiges Erdbeben verzeichnet wortzen. Es hat in einer Entferunng von 8500 Kilome­tern, also vielleicht in Ostasien, stattgefun­den. Die Erschütterungen des Seismographen waren ungewöhnlich stark, woraus geschloffen wird, daß es sich um eine schwere Erdbeben- Katastrophe handelt.

Sie Zaunkönige am Balkan.

In große Forderungen der Verbündeten.

Die offiziöse bulgarische Depeschen-Agen- tur gibt nun ebenfalls die Friedensbe­dingungen der Balkanstaaten an die Türkei bekannt. Die Forderungen der Verbündeten decken sich völlig mit den gestern bereits von uns mitgeteilten, in dem serbischen Regierungs­organ veröffentlichten Friedensbedingungen. In diplomatischen Kreisen haben diese Forde­rungen allgemeine Unzufriedenheit her­vorgerufen; man hält die Friedensbedingun­gen für weit übertrieben und befürchtet, daß an den Forderungencher Balkanstaaten die Sriedensaktion der Mächte scheitern wird, mit dieser Möglichkeit gerechnet wird, be­weisen folgende, uns zugegangene Drahtmel- dungen:

Konstantinopel, 15. März.

Die Pforte beschloß, den Mächten ein Me­morandum zu übermitteln, in dem die Un­möglichkeit der Zahlung einer Kriegs­entschädigung dargelegt wird. Der Tanin erklärt in kategorischer Form, daß die Frie- denSbediugungen der verbündeten Ballan­staaten unannehmbar seien. Die An­nahme derartiger Forderungen heiße den Todeskampf der Türkei noch um einige Jahre verlängern. Man müsse es da­her vorziehen, lieber mit der Waffe in der Hand, als auf der Folterbank zu sterben.

Konstantinopel, 15. März.

Der Grvßwesir Mahmud Schewkct Ba- fcha erhielt von dem Kommandanten von Adria nopel, Schükri-Pascha, ein Tele­gramm, worin dieser die Lage der Festung alS eine sehr düstere schildert. Ein gro­ßer Teil der Bevölkerung sei von der C h o - lern befallen. Es fehle an Aerzten und Heilmitteln, und das Pferdefleisch sei aufge­braucht, sodaß Hungersnot drohe und auch die Munition gehe zu Ende. Schükri- Pascha selbst sei erkrankt. Auch die Stim­mung unter den Truppen gebe zu Besorgnis­sen Anlaß.

Konstantinopel, 15. März.

Zufolge der Depesche Schükri-Paschas an den Grvßwesir trat gestern abend der K r i e g s r a t zusammen. Rach längerer Beratung soll eine Depesche an Schükri-Pa­scha abgegangen sein, die geheime Instruktio­nen enthielt, mit den Bulgaren wegen einer ehrenvollen Kapitulation Adri­an o p el S in Verhandlungen einzutreten. Eine Bestätigung dieser Nachricht liegt an­derweitig noch nicht vor, doch wird in Pf-rte- kreisen bestätigt, daß aus Adrianopel sehr beunruhigende Nachrichten vorlägen.

Wie uns aus Paris berichtet wird, be­fürchtet man dort ein Scheitern der Frie­densaktion der Großmächte aus zwei Gründen: Wegen der Forderung der Alliierten auf Abtretung von S k u t a r i, der Oesterreich entschiedenen Widerspruch entgegensetzt und wegen des Anspruchs auf eine Kriegsent­schädigung, die für diejenigen Mächte, die Gläubiger der Türkei sind, unannehmbar sei. Man hält die Ansprüche der Alliierten für weit übertrieben und rechnet mit der Möglichkeit, daß nun die Großmächte die beiden kriegfüh­renden Parteien ihrem Schicksal über­lassen werden.

Der letzte Rest von Hoffnung?

Wien, 15. März. (Privattelegramm.) Wie in hiesigen diplomatischen Kreisen verlau­tet, werden die Mächte demnächst die Bedingun­gen, unter denen die Balkanstaaten die Frie­densverhandlungen aufzunehmen be­reit sind, der türkischen Regierung mitteilen. Die Lage wird vonTagzuTaghoffnungs- loser, doch nimmt man an, daß die Türkei nicht die Absicht hat, diese Bedingungen als Verhandlungsbasis zu akzeptieren. Sollte bte Türkei die Bedingungen der Balkanstaaten für eine Verhandlungsbasis nicht annehmen, so werden die sechs Großmächte energische Schritte unternehmen, um eine Fortführung des Krieges auf jeden Fall zu verhindern.

Sie Vermögenssteuer gefallen?

Die Bundesstaaten gegen Preußen.

S erlitt, 15. März. (Privat - Telr- gramm.) In der in Berlin abgehaltenen Fi­nanzminister-Konferenz sollen (wie von unter- richteter Seite behauptet wird) die mittleren Bundesstaaten mit ihrem Widerstand gegen d>e von Preußen borgcftMngenc Vermögens­

Zuwachssteuer durchgedrungen fein. Den schärfsten Widerstand gegen die preußischen Pläne leistete Sachsen. Auch ein Spiritusmo­nopol wird nicht zu den neuen Steuerquelleu gehören.

Set Frauenkieg in England.

Bilder und Szenen von der Walstatt.

Man ist in London, sonst einer der ge­ordnetsten Städte der Welt, heute seines Le­bens nicht mehr sicher! Und dazu braucht man nicht gerade ein Kabinettminister zu fein.- Der gewöhnliche Sterbliche genügt. Die Suffraget­ten haben denCivil War" erklärt, den Bür­gerkrieg. Und zwar gleich dem ganzen männlichen Geschlecht. Und sie halten Wort! Die Stinkbomben, die sie schleudern, bezeugen's zur Genüge. An allen Ecken und Plätzen ge­wahrt man Gruppen streitbarer Frauen mit den grünvioletten Abzeichen, Schärpen und Hü­ten. Düstere Pläne scheinen sie zu schmieden. Mrs. Pankhurst, ihre tapfere Generalin ist's, die ihre Leidenschaften zur höchsten Kraftentfal­tung spornt.

Mrs. Pankhurst und ihre Armee.

Von unserm L. ^.-Korrespondenten.)

London, 15. März.

Der Sufsragetien-Krieg ist tragisch und komisch zugleich. Der Engländer, sonst die verkörperte Ritterlichkeit gegen die Frau, hat's gründlich satt. Theater anzuzünden und Hacken nach Ministern zu schleudern, das geht noch an. Aber seine Geschäftsbriefe durch boshafte Säuren zu zerstören, Nietzpulver, Pfeffer und Explosionskapfeln in Kuverts senden, und gar seine heißgeliebten Golfplätze verunstalten: Das geht denn doch über den Spaß! Sein ge­wöhnliches Phlegma läßt ihn im Stich. In den öffentlichen Parks spielen sich jetzt seltsame Szenen ab. Von Holzkockeln halten wütende Suffragetten bei flatternden Bannern auswen­dig gelernte Ansprachen an riesige Volks­massen. Rach jedem Satz kommt es zu erbitter­ten Widersprüchen, dröhnenden Lachsalven und gellenden Schmährufen.Rot"!Blödsinn"!, hallt es von allen Seiten. Aber eine echte Suff­ragette läßt sich nicht so leicht ins Bockshorn ja­gen,Votes kor Women werd ich rufen bis an mein Ende!" schreit sie.Ihr meint uns mit Pulver und Dynamit einschuchtern zu können?" ruft ein dicker Herr mit rotem glattrasiertem Gesicht, grauem Haar und weißer Weste, der verkörperte John Bull.Wir werden Euch das Leben unmöglich machen!" brüllt die kräftige Stimmdame und die Federn auf ihrem Hute tanzen.Es soll Euch in Zukunft unmöglich fein, einen Schritt zu tun, ohne Euer Leben zu gefährden." John Bull wendet sich an einen Mann in Blau, der ruhig lächelnd zuhört. Warum verhaften Sie sie nicht? Gefähr­liche Drohung!"Ich darf nicht," erklärt der Polizist lammgeduldig,sie hat ja

noch nichts getan!

Kaum ist derBobbie" zu Ende, da fliegt auch schon ein Zeitungsbündel und ein dickes Buch John Bull an den Kopf. In seiner Er­regung hat er den Stock gegen die Dame erho­ben: Pfui, das war ungalant! Suffra­getten wollen ritterlich behandelt werden! Der Mann in Blau bahnt sich ruhig eine Gasse durch die Menge, schreitet zum Sockel vor und faßt die Suffragette am Handgelenk:Sie haben sich gegen das Gesetz vergangen, kommen Sie mit mir!"Lassen Sie augenblicklich meine Hand los! Ich geh schon!" Der Polizist ist ein Gentleman ... chevaleresk läßt er des Fräu­leins Hand los: Bum! hat er eine Ohrfeige sitzen. Eine solche Ohrfeige, daß ihm das Ge­sicht glüht, daß ihm für den Augenblick Hören und Sehen zu vergehen scheinen. Die Dame weicht rasch ein paar Schritte zurück, zieht sich behend ein Schühlein aus und ehe sick's der Bobbie versieht und sie am Arm packt, bat er das Schühlein auch schon am Kopf. Aber ein Londoner Polizist ist rasch gefaßt: Energifkb ergreift er die mutige Kämpferin am Arm. daß sie aufscbreit und voll Schmer, in die Menge beult:Seht, wie er mick mißhandelt, fo kann sich nut ein Untier von Monn an einer Fran vergreifen!" Worauf sie ihn in die Hand zu beißen berfutbt. Aber diesmal ist Bobbie auf der Hut: Er hütet sieb, seinen eisernen Griff zu lockern, zehrt die Stimmdame fort und ver­schwindet zuletzt mit ihr in einem Auto. Roch von der Tür des Autos ruft sie die Leute an.

Er entführt mich ins Hollowav-Ge- fängnis!" (((breit sie frohlockend)aber Hungerstreiken werde ich, bis Englands Kulturschande aller Welt offenbar wird ...!"

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Das Suffragetten-Arsenal.

Wie Depeschen aus London melden, ist das letzte dramatische Ereignis im Kampf der Polizei gegen die Suffragetten die Konfiszie­rung eines ganzen Waffenarfenals der Suffragetten. In einem Atelier in Rotting Hill suchte und fand die Polizei eine Künstlerin Olive Hooken, die beschuldigt wird, Ende Fe­bruar mit anderen den Versuch gemacht zu ha­ben, einen Pavillon in Roehampton i n