COler NM Nachrichten
Caffeler Abendzeitung
Ti« Caffeler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Der AbonncmentSpreiS beträgt monatlich 50 Pig. bei freier Zustellung in» Hau». Bestellungen werden jederzeit von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, 83erlag und Redaltton: Schlachthofftraße 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bi» 8 Uhr abend». Sprechstunden der Auskunft ■ Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bi3 8 Uhr abend». Berliner Bertrctung: SW, Friedrich»! 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.
Hessische Abendzeitung
Jnsertion-preise: Die sechSgefpaltene Zelle für einheimische Geschäfte 15 Psg., für auswärtige Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische Geschäfte 40 Pf, für auswärtige Geschäfte SO Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Dausend be. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung stnd die Caffeler Neuesten Nachrichten -in vorzügliche» JnsertionSorgan. «eschäftSstelle: »ölnische Strabe 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12684
Nummer 86.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonntag, 16. Marz 1913.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang.
Politische Rational Kultur.
„Im Volke selbst wohnt eines Volkes Kraft!"
Ter Kaiser (am zehnten März) im Berliner Landwehr-Ofstziers-Kastno an die Land wehr- Offiziere: „Da» Vaterland erwartet von Ihnen in erster Linie nicht kriegerische Lorbeeren, sondern ein verdienstvolles Wirken al» Staatsbürger. Es rechnet darauf, daß Sie dem deutschen Volke und besonder» der deutschen Jugend mit Rat und Tat und einem charakter- vollen Vorbild treu zur Sette sichen. Ein solches Eintreten für die idealen Lebens- werte wird Sie nm so tüchtiger machen zur Erfüllung Ihrer militärischen Aufgaben ... I"
Die Erinnerung an den Völker-Frühling, dessen gewaltige, begeisterung- und heldentat-zeugende Kraft vor hundert Jahren die Preußen-Nation aus dem Sumpf schwächlich geduldeter Schmach zu den Gipfeln völkischer Größe emportrug, lst in diesen Tagen in tausendfachem Echo wieder lebendig geworden: Wir haben die Worte dankbarer Enkel vernommen, sahen an den ehernen Denkmälern der Großen jener Zeit Fürsten und Bürger in Ehrfurcht und Bewunderung versunken, und es ist uns gesagt worden, daß die Kraft des Volks und die Liebe zum Vaterland es gewesen, die ein vom SchiÄsal an den Rand des Abgrunds gedrängtes Reich vorm Verhängnis erretteten. Das neunzehnte Jahrhundert, in dessen Morgendämmern das Preußen des großen Friedrich morsch und schwach zusammenbrach, ließ aus der Saat des Kummers und der Sorge Männer erstehen, deren Tatkraft und Begeisterung ein verzweifelndes Volk und einen zagenden König mit sich fortrissen, Persönlichkeiten stählerner Prägung, deren Arm kühn ins Rad des Schicksals griff und deren Entschlußkraft nicht im Moment der Gefahr versagte. Sie waren die lebendgewordne Vorsehung, die nach Wilhelms des Zweiten Wort Preußens Niedergang und Aufstieg gewollt; sie waren die Werkzeuge des Schicksals, die am Trümmern eines an seinen eignen Sünden zugrundegegangnen Staatsgebildes eine neue Welt nationaler Hoffnung erstehen ließen; s i e waren die Persönlichkeiten, deren Namen durch die Jahrhunderte glänzt, und ihnen gebührt der Ruhm, Retter des Vaterlands und Führer der Natton gewesen zu sein!
Hundert Jahre später: Als Friedrich Naumann, dem ein Jahrzehnt hindurch die Massen zugejubelt hatten, nach langen Kämpfen in den Reichstag einzog, erhofften die Naiven unter den Zeitgenossen den Anbruch einer neuen Aera parlamentarischen Aufstiegs, die endliche Befruchtung des de- zenntenlang dorrenden Ackers politischer Betätigung und einen Hochschwung parlamentarischer Kultur zu nie erstrebten Höhen. Der Traum hat sich indessen nicht erfüllt: Das Morgenrot ist ausgeblieben und im Getriebe parlamentarischer Arbeit ist derweil nichts geschehen, das mit Recht als sonderlich erfreulich und das Maß normaler Wirkensmöglichkeit erheblich übersteigend als Beweis für die erhoffte Entwicklung in Anspruch genommen werden könnte. Es scheint sogar, daß in der Werkstatt unsres parlamentarischen Lebens eine gewisse Stagnation eingetreten ist, seit die Reihen der Großen, der Führenden und der Kämpfenden sich gelichtet haben und das Heer der Epigonen sich vergeblich müht, in der Mstung der Titanen sich emporzurecken. Naumanns Schicksal (man kann hier wirklich von einem „Schicksal" sprechen) darf in gewisser Hinsicht als Bestätigung dieser Befürchtung gelten, denn Naumann stand als freier Tribun der Volkheit zweifellos viel näher als in den Tagen, da er durch die Barre der Partei- Disziplin von der Masse, vom Volk getrennt war.
Persönlichkeiten sind überhaupt eine rar« Ware geworden und dort, wo sie auftauchen, stürzt sich das Rudel der Durchschnittler auf den drohenden Konkurrenten, Nässt die Meute des Alltogkampfs giftig am Weg und dräut der .leitenden Greise" kurulischer Zorn dem Kühnen beim ersten Schritt zur Höhe. Ter Durchschnitt beherrscht die Stunde, und die Verflachung regiert die Geister, und wenn irgend. so sind die Früchte dieser Degeneration in unferm politischen Leben zu erkennen, das an dem Mangel wirllicher und in sich geschlossener Persönlichkeiten offensichtlich krankt. Es ist sogar vor nicht langer Zeit einmal von kompetenter Seite das Wort von der .Flucht vor der Politik" gefallen, und mancherlei Tatsachen deuten darauf hin, daß dieser Ausspruch eine innere Berechtigung hat. Schon bei der Kandidatenschau für den neuen Reichstag hat man's gemerft: Ausgeprägte Persönlich, leiten sind für die Lederpfüble im Wallothaus nur in sehr beschränkter Zahl zu werben gewesen, trotzdem insgesamt an rund tausend Aus erwählte die Aufforderung ergangen war, sich ■im einen Platz im Kreise der Auguren zu bewerben. Die .Freude an der Politik" ist im
Schwinden begriffen, denn der polittsche Kampf hat in unfern Tagen Formen angenommen, die die ethische Grundlage und die ästhetische Linie manchmal nur noch undeutlich erkennbar werden lassen, und es ist nicht sonderlich verlockend, in Niederungen hinabzusteigen, aus denen die Schwaden der Leidenschaften aufdampfen.
Daß unser politisches Leben des Bestands ausgeprägter Persönlichkeiten ermangelt, liegt indessen sicherlich weniger an der Seltenheit der Exemplare, als an der Tatsache, daß die Persönlichkeiten beim Eintritt ins politische Leben unterm Bann der Parteidisziplin sich zur Opferung ihrer Individualität gezwungen sehen oder aber (um sich nicht s e l b st aufgeben zu müssen) von vornherein, abgestotzen von dem partei-politischen Getrieb, es ablehnen, ihr Wissen und Können, ihre Kraft und Vaterlandsliebe in den Dienst des Parlamentarismus zu stellen. Das ist sehr bedauerlich und wird es solange bleiben, als die bürgerlichen Parteien (trotz der immer mehr wachsenden Zahl der sozialdemokratischen Stimmen) ohne Rücksicht auf die lokalen Verhältnisse in den einzelnen Kreisen bei der Auswahl der Kandidaten lediglich die Heiligkeit ihres P a r - teiprogramms anerkennen und auf dem Altar des Götzen Dottrinarismus Geist und Erkenntnis bedingungslos opfern. Für Männer mit weitem Blick und kühnem Plan ist dieser lähmende Zwang eine Fessel und sicher nicht geeignet, dem politischen Leben Kräfte zuzuführen, die über's Durchschnittsmaß hinausreichen und deren Jdeenkreis am niedern Gebälk der Partei-Interessen hart anstößt. Sollte es nicht möglich sein, unser parteipolitisches Leben mehr zu individualisieren und den Rahmen persönlicher Betätigung für emporstrebende Kräfte s o zu erweitern, daß auch der Nicht-Nur-Programm-Politiker der politischen Mitarbeit im Kreise ernst strebender Männer Geschmack abzugewinnen und seine Kraft gern und freudig dem Dienst der Volksgesamtheit zu widmen vermag? Ein Rückblick auf die Zeit vor hundert Jahren zeigt uns, w o eines Volkes Größe und Kraft, w o die Freude am Vaterland und der bürgerliche National-Gedanke ihre stärksten Wurzeln treiben ...! F. H.
Am Grabe Karl gathos.
Die Beisetzung des Bekenners vom Rhein.
Unter gewaltiger Beteiligung der Bevölkerung fand gestern in K ö l n nach einer Trauerfeier in der Christuskirche die Beerdigung des Pfarrers I a t b o statt. Am Grab rief Pfarrer Traub aus Dortmund dem Heimgegangenen Gefährten und Gesinnungsgenossen ergreifende Worte in die Ewigkeit nach, lieber die Beisetzung Jathos geht uns folgender Draht- hericht zu:
Die Beisetzung in Melaten.
(P r i v a t - T e l e g r a m m.)
Köln, 15. März.
Gestern nachmittag wurde Karl I a 1 h o auf dem hiesigen Friedhof Melaten zur letzten Ruhe gebettet. Die Gedächtnisfeier fand in der Christuskirche, seiner ehemaligen Wirkungsstätte, statt, woselbst auch die sterblichen Ueber- reste aufgebahrt waren. Hier hielt Pfarrer Radecke-Köln eine ergreifende Gedächtnisrede. Alle die Kirche umgebenden Straßen waren mit Menschenmassen angefüllt und mußten infolgedessen polizeilich abgesperrt werden. Den Leichenzug eröffnete der Jatho- Chor, der die Jathogottesdienste außerhalb der evangelischen Landeskirche verschönern half, und die evangelische Volksjugend. Hinter dem Sarge schritten die beiden Kölner liberalen Pfarrer Radecke und Jathos Nachfolger, Pfarrer Becker. Dann folgten die Angehörigen des Verstorbenen und eine ganze Reihe rheinischer liberaler Pfarrer und Superintendenten im Talar. Hinter diesen kamen die nach Tausenden zählenden Freunde des Verstorbenen. Zehntaufende bildeten auf dem Wege zum Friedhöfe Spalier.
Traub und Becker am Grabe.
Auf dem Friedhof Melaten wurde Pfarrer Jatho von seinem Nachfolger, Pfarrer Becker, mtt kirchlichen Ehren beerdigt. Nach Pfarrer Becker sprach der persönliche Freund Jathos, Pfarrer Traub- Dorttnu d, der ihm einen warmen Nachruf hielt. Nur langsam ging dann die Jathogeme- 'e auseinander, indem sie an dem Grabe des Heimgegangenen borbeibefilierte und dem nun entschlafenen einstigen Führer noch eine letzte Ehrung erwies.
Erdbeben-Katastrophe in Asten?
Ostafieu als Herd des Erdbebens.
Leipzig, 15. März. (Privat-Telegram m.) Auf der hiesigen Erdbebenwarte ist gestern nach längerer Ruhepause ein kehr
heftiges Erdbeben verzeichnet wortzen. Es hat in einer Entferunng von 8500 Kilometern, also vielleicht in Ostasien, stattgefunden. Die Erschütterungen des Seismographen waren ungewöhnlich stark, woraus geschloffen wird, daß es sich um eine schwere Erdbeben- Katastrophe handelt.
Sie Zaunkönige am Balkan.
In große Forderungen der Verbündeten.
Die offiziöse bulgarische Depeschen-Agen- tur gibt nun ebenfalls die Friedensbedingungen der Balkanstaaten an die Türkei bekannt. Die Forderungen der Verbündeten decken sich völlig mit den gestern bereits von uns mitgeteilten, in dem serbischen Regierungsorgan veröffentlichten Friedensbedingungen. In diplomatischen Kreisen haben diese Forderungen allgemeine Unzufriedenheit hervorgerufen; man hält die Friedensbedingungen für weit übertrieben und befürchtet, daß an den Forderungencher Balkanstaaten die Sriedensaktion der Mächte scheitern wird, aß mit dieser Möglichkeit gerechnet wird, beweisen folgende, uns zugegangene Drahtmel- dungen:
Konstantinopel, 15. März.
Die Pforte beschloß, den Mächten ein Memorandum zu übermitteln, in dem die Unmöglichkeit der Zahlung einer Kriegsentschädigung dargelegt wird. Der Tanin erklärt in kategorischer Form, daß die Frie- denSbediugungen der verbündeten Ballanstaaten unannehmbar seien. Die Annahme derartiger Forderungen heiße den Todeskampf der Türkei noch um einige Jahre verlängern. Man müsse es daher vorziehen, lieber mit der Waffe in der Hand, als auf der Folterbank zu sterben.
Konstantinopel, 15. März.
Der Grvßwesir Mahmud Schewkct Ba- fcha erhielt von dem Kommandanten von Adria nopel, Schükri-Pascha, ein Telegramm, worin dieser die Lage der Festung alS eine sehr düstere schildert. Ein großer Teil der Bevölkerung sei von der C h o - lern befallen. Es fehle an Aerzten und Heilmitteln, und das Pferdefleisch sei aufgebraucht, sodaß Hungersnot drohe und auch die Munition gehe zu Ende. Schükri- Pascha selbst sei erkrankt. Auch die Stimmung unter den Truppen gebe zu Besorgnissen Anlaß.
Konstantinopel, 15. März.
Zufolge der Depesche Schükri-Paschas an den Grvßwesir trat gestern abend der K r i e g s r a t zusammen. Rach längerer Beratung soll eine Depesche an Schükri-Pascha abgegangen sein, die geheime Instruktionen enthielt, mit den Bulgaren wegen einer ehrenvollen Kapitulation Adrian o p el S in Verhandlungen einzutreten. Eine Bestätigung dieser Nachricht liegt anderweitig noch nicht vor, doch wird in Pf-rte- kreisen bestätigt, daß aus Adrianopel sehr beunruhigende Nachrichten vorlägen.
Wie uns aus Paris berichtet wird, befürchtet man dort ein Scheitern der Friedensaktion der Großmächte aus zwei Gründen: Wegen der Forderung der Alliierten auf Abtretung von S k u t a r i, der Oesterreich entschiedenen Widerspruch entgegensetzt und wegen des Anspruchs auf eine Kriegsentschädigung, die für diejenigen Mächte, die Gläubiger der Türkei sind, unannehmbar sei. Man hält die Ansprüche der Alliierten für weit übertrieben und rechnet mit der Möglichkeit, daß nun die Großmächte die beiden kriegführenden Parteien ihrem Schicksal überlassen werden.
Der letzte Rest von Hoffnung?
Wien, 15. März. (Privattelegramm.) Wie in hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, werden die Mächte demnächst die Bedingungen, unter denen die Balkanstaaten die Friedensverhandlungen aufzunehmen bereit sind, der türkischen Regierung mitteilen. Die Lage wird vonTagzuTaghoffnungs- loser, doch nimmt man an, daß die Türkei nicht die Absicht hat, diese Bedingungen als Verhandlungsbasis zu akzeptieren. Sollte bte Türkei die Bedingungen der Balkanstaaten für eine Verhandlungsbasis nicht annehmen, so werden die sechs Großmächte energische Schritte unternehmen, um eine Fortführung des Krieges auf jeden Fall zu verhindern.
Sie Vermögenssteuer gefallen?
Die Bundesstaaten gegen Preußen.
S erlitt, 15. März. (Privat - Telr- gramm.) In der in Berlin abgehaltenen Finanzminister-Konferenz sollen (wie von unter- richteter Seite behauptet wird) die mittleren Bundesstaaten mit ihrem Widerstand gegen d>e von Preußen borgcftMngenc Vermögens
Zuwachssteuer durchgedrungen fein. Den schärfsten Widerstand gegen die preußischen Pläne leistete Sachsen. Auch ein Spiritusmonopol wird nicht zu den neuen Steuerquelleu gehören.
Set Frauenkieg in England.
Bilder und Szenen von der Walstatt.
Man ist in London, sonst einer der geordnetsten Städte der Welt, heute seines Lebens nicht mehr sicher! Und dazu braucht man nicht gerade ein Kabinettminister zu fein.- Der gewöhnliche Sterbliche genügt. Die Suffragetten haben den „Civil War" erklärt, den Bürgerkrieg. Und zwar gleich dem ganzen männlichen Geschlecht. Und sie halten Wort! Die Stinkbomben, die sie schleudern, bezeugen's zur Genüge. An allen Ecken und Plätzen gewahrt man Gruppen streitbarer Frauen mit den grünvioletten Abzeichen, Schärpen und Hüten. Düstere Pläne scheinen sie zu schmieden. Mrs. Pankhurst, ihre tapfere Generalin ist's, die ihre Leidenschaften zur höchsten Kraftentfaltung spornt.
Mrs. Pankhurst und ihre Armee.
Von unserm L. ^.-Korrespondenten.)
London, 15. März.
Der Sufsragetien-Krieg ist tragisch und komisch zugleich. Der Engländer, sonst die verkörperte Ritterlichkeit gegen die Frau, hat's gründlich satt. Theater anzuzünden und Hacken nach Ministern zu schleudern, das geht noch an. Aber seine Geschäftsbriefe durch boshafte Säuren zu zerstören, Nietzpulver, Pfeffer und Explosionskapfeln in Kuverts senden, und gar seine heißgeliebten Golfplätze verunstalten: Das geht denn doch über den Spaß! Sein gewöhnliches Phlegma läßt ihn im Stich. In den öffentlichen Parks spielen sich jetzt seltsame Szenen ab. Von Holzkockeln halten wütende Suffragetten bei flatternden Bannern auswendig gelernte Ansprachen an riesige Volksmassen. Rach jedem Satz kommt es zu erbitterten Widersprüchen, dröhnenden Lachsalven und gellenden Schmährufen. „Rot"! „Blödsinn"!, hallt es von allen Seiten. Aber eine echte Suffragette läßt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen, „Votes kor Women werd ich rufen bis an mein Ende!" schreit sie. „Ihr meint uns mit Pulver und Dynamit einschuchtern zu können?" ruft ein dicker Herr mit rotem glattrasiertem Gesicht, grauem Haar und weißer Weste, der verkörperte John Bull. „Wir werden Euch das Leben unmöglich machen!" brüllt die kräftige Stimmdame und die Federn auf ihrem Hute tanzen. „Es soll Euch in Zukunft unmöglich fein, einen Schritt zu tun, ohne Euer Leben zu gefährden." John Bull wendet sich an einen Mann in Blau, der ruhig lächelnd zuhört. „Warum verhaften Sie sie nicht? Gefährliche Drohung!" „Ich darf nicht," erklärt der Polizist lammgeduldig, „sie hat ja
noch nichts getan!
Kaum ist der „Bobbie" zu Ende, da fliegt auch schon ein Zeitungsbündel und ein dickes Buch John Bull an den Kopf. In seiner Erregung hat er den Stock gegen die Dame erhoben: Pfui, das war ungalant! Suffragetten wollen ritterlich behandelt werden! Der Mann in Blau bahnt sich ruhig eine Gasse durch die Menge, schreitet zum Sockel vor und faßt die Suffragette am Handgelenk: „Sie haben sich gegen das Gesetz vergangen, kommen Sie mit mir!" „Lassen Sie augenblicklich meine Hand los! Ich geh schon!" Der Polizist ist ein Gentleman ... chevaleresk läßt er des Fräuleins Hand los: Bum! hat er eine Ohrfeige sitzen. Eine solche Ohrfeige, daß ihm das Gesicht glüht, daß ihm für den Augenblick Hören und Sehen zu vergehen scheinen. Die Dame weicht rasch ein paar Schritte zurück, zieht sich behend ein Schühlein aus und ehe sick's der Bobbie versieht und sie am Arm packt, bat er das Schühlein auch schon am Kopf. Aber ein Londoner Polizist ist rasch gefaßt: Energifkb ergreift er die mutige Kämpferin am Arm. daß sie aufscbreit und voll Schmer, in die Menge beult: „Seht, wie er mick mißhandelt, fo kann sich nut ein Untier von Monn an einer Fran vergreifen!" Worauf sie ihn in die Hand zu beißen berfutbt. Aber diesmal ist Bobbie auf der Hut: Er hütet sieb, seinen eisernen Griff zu lockern, zehrt die Stimmdame fort und verschwindet zuletzt mit ihr in einem Auto. Roch von der Tür des Autos ruft sie die Leute an.
Er entführt mich ins Hollowav-Ge- fängnis!" (((breit sie frohlockend) „aber Hungerstreiken werde ich, bis Englands Kulturschande aller Welt offenbar wird ...!"
e
Das Suffragetten-Arsenal.
Wie Depeschen aus London melden, ist das letzte dramatische Ereignis im Kampf der Polizei gegen die Suffragetten die Konfiszierung eines ganzen Waffenarfenals der Suffragetten. In einem Atelier in Rotting Hill suchte und fand die Polizei eine Künstlerin Olive Hooken, die beschuldigt wird, Ende Februar mit anderen den Versuch gemacht zu haben, einen Pavillon in Roehampton i n