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3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

Sonntag, 9. März 1913

Nummer 80

Fernsprecher 951 und 952.

L

den

herrlichen Villa Aufenthalt nahm. Dort soll ich die Exkaiserin bei einem Spaziergange er- ncuterkältet und sich eine schwere Lungen­entzündung zugezogen haben. Die Exkaiserin steht im siebenundachtzigsten Lebensjahre.

War lieft Kaiser Wilhelm?

Wie der Deutsche Kaiser sich informiert.

Ser Kanzler alr Zauberer?

Vertrauliche Konferenzen beim Kanzler. Wie ans Berlin berichtet wird,

Dte Saffeler Neuesten Nachrichten erfcf)einen wöchentlich fechSrnal uns zwar abends. Der AdonnementSpretS beträgt monatlich K Piz. bet freier Zustellung in» Hau«. Bestellungen werden jederzeit von der Gefchäft-stelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaltton: Schlachthofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktton nur von 7 bi« 8 Uhr abend«. Sprechstunden der Auskunft - Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bl« H Uhr abend«. Berliner Verttetung: SW, Friedrichstr. 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584.

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gen, daß der Kaiser nur ein einziges Berliner Blatt den Lokal-Anzeiger,unzerschnitten zu Gesicht bekomme. Tatsache ist. daß der Kaiser sozusagen auf alle Berliner Blätter abonniert ist und daß sie täglich, ebenso wie die wichttgen

Sie Tragödie einer Mutter.

Zwei Opfer irrenden Mntterstolzes.

In Paris erregt augenblicklich ein ev- schütterndes Drama, das sich in den besten Kreisen abspielte, lebhaftes Aufsehen. Ein junger Offizier, der Sohn einer vornehmen Aristokratenfamilie, verliebte sich in eine kleine Verkäuferin und wollte die Erwählt« seines Herzens heiraten. Die Mutter widersetzte sich aber dem Plane des Sohnes mit allen Kräften und mit aller List. Sie veranlaßte schließlich einen Freund ihres Sohnes, sich mtt ihr ins

gatten die gestrigen Konferenzen des Reichskanzlers mit de« Partei- 1 führern der Deckung der Kosten 1 der Heeres-Vorlage. Es wird ange» ' uommen, daß durch die Kriegssteuer 800 Millionen aufgebracht werden ' können. Für die Deckung der dau­ernden Ausgaben soll weder eine Di- videndenstener noch eine Kotierungs­steuer auf Annahme rechnen können. Mehr Aussichten auf Annahme soll dagegen die Erbanfallsteuer haben.

Im Hause Wallots am Berliner Kö­nigsplatz herrschte am Freitag eine Geschäftig­keit und Bewegungshast, wie man sie sonst nur bei parlamentarischen Sensationen oder an Diäten-Zahltagen gewöhnt ist: Im dämmrigen Saal gähnende Leere, in den Wandelgängen überall eifrig plaudernde, tuschelnde und ge­stikulierende Gruppen, und in der Fraktions­zimmer allerheiligster Stille großer Greisenrat hinter verschloflner Tür. Drinnen in der Rede­stube standen Herr Noske und Herr Oertel am Tribunenpult, die Tagesordnung verzeich­nete lakonisch den drittetz Tag der Kolonial- Debatte, und auf der Bundesrats-Estrade blät­terte Herr Dottor Solf gelangweilt in einigen Aktenbündeln: Alltag im Reichshaus! Umso muntrer hastete das Leben außerhalb des Sitzungssaales: Man sah draußen auf den Gängen würdige Wahlkreis-Mandatare in sicht­lich erregter Unterhaltung, die tm Kollegenkreis und im Entenpfuhl allgemein als Urbilder ger­manischen Phlegmas geschätzt und geliebt wer­den; man staunte über die Eile, die des Kanz­lers rechte Hand, der Unterstaalssekretär Wahn­schaffe, entwickelte, um den vertraulichen Ver­kehr zwischen den Ratsstube« der Fraktionen und den Bundesratszimmern im Reichshaus zu vermitteln; man nahm wahr, wie die dop- pelt-gepolsterte Tür zum Kabinett des Kanzlers sich in mäßigen Intervallen öffnete und schloß und wie jedesmal, wenn die Tempelpforte sich in ehernen Angeln drehte, ein M. d. R., sichtlich echauffiert und etwas verwirrt, aus dem Aller­heiligsten herausttat in den Atmungsbereich der profanen Welt, um im nächsten Augenblick von rudelweise harrenden Fraktions-Kollegen stürmisch begrüßt, mit Fragen überschüttet und, wie von einer Eskorte geleitet, ins Frakttons- zimmer abgeführt zu werden.

Das war der Tag der »vertraulichen Besprechungen". Der Kanzler hat (an einem Freitag hob man dasParlament von Philippi" aus der Taufe, an einem Frei­tag schichtete Herr von Bethmann Hollweg das wirtschaftliche Fundament für die neuen Rüstungspläne: Er ist also nicht abergläu­bisch!) am siebenten Märztag mit den Herren von Hehdebrandt und von Kanitz, Spahn und Gröber, Wassermann und Paasche, und sogar mit dem Demokraten-Schwaben Payer verhan­delt, freundwillig assistiert vom bayrischen Kol­legen Hertling, der zwischen dem Diner beim Grafen Lerchenfeld und dem Vesperbrot noch Zeit fand, den goldlitzen-verbrämten Galafrack mit dem . Gehrock zu vertauschen und im Frak- tionszimmcr des Zentrums den einstigen Par­teigenossen Spahn und Gröber das nationale Gewissen zu schärfen. Daß Herr von Beth-

dessen Milliarden-Jdee der einmaligen Vermö­gensabgabe von der Maas bis zur Memc., von Hehdebrandt bis Payer als Meisterschach­zug des Genies gepriesen wird (obgleich der Vater des Gedankens auf h ö h e r n Gipfeln thront), werden sich die Wegführer parlamen­tarischer Politik ein traulich Rendezvous ge­ben und zwischen Braten und Käse dürste dann, wenn sonst nichts Schlimmes sich ereignet, die Entscheidung fallen. Am Montag heißt Herr Doktor Kühn im Reichsschatzamt die Finanz­minister der Bundesstaaten willkommen: Die Herren, die in den kalten Tagen des Januar enttäuscht und verdrossen vom Berliner Kühn- Konzil heimkehrten in die Stille derPro­

mann Hollweg den Kreis dervertraulichen Besprechungen" so weit gezogen, daß er von der dämmerigsten Ostelbier-Ecke der Rechten bis zum radikalen Flügel des Freisinns den Arm gereckt und um Freundschaft und Liebe gewor­ben, beweist, daß der Einsatz des Spiels nicht gering ist; beweist auch, daß der Kanzler die Verantwortungslast für das in Aussicht ge­nommene Steuer-Opfer der Ration nicht auf schmale Mehrheit-Schultern laden möchte und läßt ahnen, daß die Dinge,, die nun kommen werden, nicht als Kinderfviel zu schätzen sind. Die Herren, die gestern dem leitenden Staats­mann im weichen Klubstuhl gegenübersaßen, um aus des Kanzlers Mund die Steuerpläne und Milliarden-Probleme der Regierung zu erlauschen, sind zwar zu unverbrüchlichem Schweigen bis zum Tag ostiziöser Offenbarung verpflichtet worden, aber durch den Türspalt dämmerig-traulicher Fraktionszimmer ist doch ein leiser Hauch des Geheimnisses zum hel­len Ohr der Neugier gedrungen: Und die Zeichendeuter versichern, stolz und triumphie­rend, nie seit Bestehen des Reichs habe das Hirn der Steuersucher emsiger und fruchtbarer gearbeitet als grade jetzt.

Was am Freitag im Niedersinken frühen Märzabcnds sorglich vorbereitet, soll am Sonn­abend beim intimen Diner im Kanzlerhaus gefördert und (tunlichst) zum Abschluß gebracht werden. Am Tisch des leitenden Staatsmanns,

vinz", werden diesmal nur auszuwählen brauchen, was ihnen die Geberlaune der ein« mütiglich am Kanzlertisch zum Abendbrot Ver­sammelten in reichlicher Fülle beschett: Erb- anfall-, Dividenden-, Kotierungs- oder Vermö­genszuwachssteuer. Die, einmaligeKriegs­steuer", die nur die Vermögen von fünfzehn­tausend Mark abwärts verschonen soll, wird (nach den Berechnungen der Schatzamt-Geheim­räte) ohne allzu fühlbare Hätten achthundert Millionen erbringen, und was nach dieser gold- nen Hochflut nationaler Ovferfreudigkeit noch an dauernden Ausgaben Jahr um Jahr zu decken bleibt, kann Zuversicht und Tatenmut nicht schrecken. Der Schleier desgroßen Ge­heimnisses" soll erst gelüsetet werden, wenn (nach vettraulichen Konferenzen, Bundesrats­geplauder. Wilhelmstraßen-Diner und Finanz- minister-Rendezvous) alle Steine des An­stoßes und selbst die kleinsten Stäubchen parteipolitischen Aergernisses aus dem Weg ge­räumt find. Dann, heißt es, werden wir der Offenbarung harren dürfen. Und Herrn von Btthmanns emsige Trabanten flüstern schon heut, die Regung ungeahnter Kanzler-Energie werde als Siegerpreis die Erbanfall- Steuer heimbringen. Wir dürfen also wie­der ... wun d er g ubi g weis-ni F. H.

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hiesigen politischen Kreisen wird in folge des Falles der Festung Janina die «age auf dem Balkan wieder als viel ernster angesehen und in Anbetracht des energische« Einsetzens Serbiens kür die Er­oberung SkutariS auch die weitere Verschär­fung des Verhältnisses Oesterreich Ungarns ,u Serbien befürchtet. Hier herrfcht die An­sicht vor, daß die FrühlingSmowtte noch große Komplikationen auf dem Bal kan bringen werden und daß die Gefahr sich eher vergrößert als vermindett hat.

Inzwischen gähtt es auch im türkischen O f - fiz iersko rp s. Ein Privattelegramm aus Konstantinopel berichtet uns darüber'- D« Pfotte erhielt die vertrauliche Mitteilung, daß ich eine größere Anzahl Offiziere, die der Liga angehören. eigenmächtig von thren an der Tschataldschalinie siebenden Truppenkorpern entfernt hätten und nach Konstantinovel gekom­men seien, nm die Ermordung Rasim Pa- chas zu rächen und die leitenden .. icnner des junqtürkischen Komitees unschädlich zu ma­chen Der Sicherheitsdienst in Konstantinovel und auf der Pfotte hat deshalb eine erhebliche Verstärkung erfahren.

Demonstration gegen den Dreibund.

Konstantinopel, 8. März. (Privat- Telegramm.) Aus Anlaß deS vorgestngen dreihunderttShrigen Jubiläums des Hauses Romanow fanden auf der hiesigen russischen Boffchaft große Festlichkeiten statt. Ent­gegen dem sonstigen Brauch nahmen dte Bo.- schaftrr der Tttple-Entente i« großer Uniform an der kirchlichen Feier teil, während die Ver­treter der anderen Staaten in gewöhnlichem Besuchsanznge erschienen waren. Dieser Vor­fall erregt in hiesigen diplomatischen Kreisen großes Aufsehen, umso mehr als ent­gegen dem sonstigen Brauch es verabsäumt worden war, sich vorher mit dem Doyen Mark­grafen Pallavizini ins Einvernehmen zu setzen. Man faßt dieses Vottommnis alS offene Demonstration gegen den Drei-

bund auf.

Kaiferinssugemsim Sterben? ^Frankreichs einstige Kaiserin schwer krank!

(Privat-Telegram m)

Paris- 7. März.

In dem Befinden der Exkaiserin Eu- genie ist eine erhebliche Verschlimme­rung eingetreten und es wird stündlich mtt dem Ableben der greisen Fürstin gerechnet. Die Exkaiserin litt in den Monaten ^anuar und Februar an einem ziemlich heftigen Brom chialkatarrh. Erst Anfang März erholte ne sich soweit, daß sie Chislehurst in England ver­lassen und die Reise nach dem Süden antreten konnte. Die Kaiserin hielt sich drei Tage in Paris auf und setzte dann die Fahtt nach Kap Matti« sott, wo sie mit ihrem Gefolge in ihrer

verlangten damals eine Frist von drei Monaten zur Ausarbeitung der Vorlage. Die Arbeiten wurden aber so energisch geför­dert, daß die Entwürfe schon zwischen dem zwanzigsten und fünfundzwanzigsten März fer­tig sein werden. Man kann also in der Tat damit rechnen, daß sowohl die militärischen, wie die finanziellen Gesetzentwürfe um den ersten April herum veröffentlicht werden können.

Gefahr rechnet.

Die Vorgeschichte der Heeresvorlage.

Zur V o r g e s ch i ch t e der Rüstungsvorlage wird von unterrichteter Seite berichtet, daß die Entscheidung des Kaisers in einer großen militärischen Beratung gefallen ist, dte am fünfundzwanzigsten Januar in, Berlin statt- fand Die beteiligten militärischen RessottS

Äuslandsblätter,

vollständig und ««zerschnitte« aus seinen Frühstückstisch gelegt werden. Ob er sie alle liest, wieviel er aus jedem Blatte liest: Das freilich ist eine andere Frage, das ist vor allen Dingen eine Frage der Zeit. Jeder einzelne Zeitungsleser wetß ja, wieviel Zeit er sich nehmen müßte, wenn er ferne Zei­tung von A bis Z genau studieren wollte. Da der Kaiker aber eine der meistbeschäfttgten Per­sönlichkeiten ist, findet er natürlich auch nur Zeit, die Blätter zuüberfliegen". Daß das andererseits aber gar nicht oberflächlich ge­schieht, wird dadurch erwiesen, daß die täglichen Tischgäste des Kaisers immer wieder erstaunt sind, wie sehr und wie intim der Kaiser über alle aktuellen Vorgänge auf dem Gebiete von Kunst, Wissenschaft und Technik orientiert ist. Außer den Zeitungen stehen dem Kaiser natür­lich noch andere Informationsquellen zur Ver­fügung Er ist Abonnent des Wolffschen Tele­graphenbureaus und erhält außerdem auch die wichtigen Ausschnitte aus den Zeitungen, die das Auswärtige Amt und das preußische Ministerium des Innern für i^e Ar­chive zurechtmachen. Dadurch ist vielleicht das Märchen entstanden, daß der Kaiser über­haupt nur Ausschmtte lese. Die Ausschnitte, die er vom Auswärtigen Amt und vom Mini- stettum des Innern bekommt, bat er meistens schon in den Zeitungen selber gelesen. Selbst­verständlich wird er auch von allen bemerkens­werten Telegrammen, die durch unsere Divio- matte geben, in Kenntnis gesetzt. Die Infor­mationsquellen des Kaisers und also durchaus nicht einseittg beschränkt, und wenn kaiserliche Aeußerungen gelegentlich das Gegenteil vermu­ten lassen, so rübrt das nur daher, daß sich die eigenartige Persönlichkeit des Kaisers auch darin kundgibt, daß er einzelnen Informatio­nen mehr glaubt als anderen, und daß er manchmal gewisse Dinge nicht glauben und nicÄ hören mag ...!

Die Affäre des Cadiner Gutspächters S o h st hat wiederum dazu geführt, daß sich in der Oesfentlichkeit mancherlei un- richttge Anschauungen über die Quel­len gebildet haben, aus denen die Jih formationen des Kaisers , fließem Von sehr gut unterttchtttcr Seite hören wir heute über die Informations­quellen des Kaisers das Folgende: Jeder einzelne Staatsbürger informiert sich über die täglichen Geschehnisse aus den Spal­ten der Z e i t u n g, die er liest. Vcm Zett zu Zeit taucht nun immer wieder die Auffassung aus, daß Kaiser Wilhelm aus dem Grunde gelegentlich sich als unzutreffend in- formiett erwiesen habe, weil er keine Zeimngen zu Gesicht bekomme. Es verlautete, daß ihm nurAusschnitte über die wichtigsten Vor­gänge vorgelegt würden, Ausschnitte, die na­türlich zuvor die Zensur des diensttuenden Oberhofmarschalls oder Flügeladsutanten pas­siert haben sollten. Auf diese Weise Ware es natürlich leicht möglich, dem Kaiser gewisse Nachrichten und Zeitungsartikel vorzuent- halten. Man vergißt aber dabei zu berück­sichtigen, wie diese Ausschnitte eigentlich herge­stellt werden sollten und vor allen Dingen, w ann sie angefertigt werden sollten. Der Kai­ser pflegt in der Regel morgens schon zu emem Zeitpunkt aufzustehen, an dem die reichshaupt- siädtischen Morgenblätter gerade erst erschienen sind Das erste, was der Kaiser nun nach dem Aufstehen tut, ist aber, daß er sich über die ak- . tuellsten Ereignisse durch die Lektüre orien- tiert. Zwischen der Zeit des Erscheinens der Blätter und dem Termin, zu dem der Kaiser nach der Leftüre verlangt, ist der Zeitraum so knapp und karg bemessen, daß auch der eiligste Zensor nicht in der Lage wäre, auch nur die wichtigsten Blätter daraufhin zu bearbeiten, was von ihnen dem Kaiser vorgelogt oder vor­enthalten werden soll. Nein, das Gerücht von

Zeitungsausschnitten ist ebenso eme Le- d e, wie jene geschickt lanzierten Meldun-

Die drohende Gefahr tm Osten. (Informationen unsres K. v.-Korrespondenten.)

Berlin. 8. März.

Die vertraulichen Mitteilungen, die der Kanzler am Freitag nachmittag den zu einer besonderen Beratung nach dem Reichstage ge­ladenen Bettretern der bürgerlichen Parteien machte, bezogen sich (wie ich von beftunterttch- tetcr parlamentarischer Seite erfahre) auf die allgemeine Weltlage und die Möglich­keit. das; auch das Deut scke Reich veran­laßt werden könnte, die Richtlinien keiner Poli­tik durch Einsetzung seiner Wehrkraft zu vertre­ten. Neber die Einzelheiten der Aufklärungen, die der Kanzler den Parteifübrern gab, wird selbfwerständlich tiefstes Schweigen be- wahtt. doch ist zu ermatten, daß demnächst schon in der Kommission seitens des Staats­sekretärs von Jagow Hinweise erfolgen, die zur Begründung einer schnellen Durch­führung der HeereSverstärkung ausreichcn werden Daß der Schwerpunkt der Konfliktmöglichkeiten sich vom Westen nach dem Osten verschoben hat, wurde schon aus den offi­ziösen Darstellungen erkennbar, mit denen die Oeffentlichkeit von der bevorstehenden Milliar­denabgabe in Kenntnis gesetzt wurde. Es hieß darin, daß große Mittel zur Verstärkung der

Festungen t« den Ostnrarken des Reichs erforderlich geworden feien. Wäh­rend die Haltung der russischen Regierung ge­gen die deuffcke nach wie vor durchaus fried- lich und freundschaftlich ist, und dem ausge­zeichneten Verhältnisse enffpttcht, in dem Kai­ser und Zar zu einander stehen, flnd in Ruß­land doch bekannte Unterströmun­gen zu gefährlichem Einfluß gelangt, so daß man nicht zu wissen vermag, ob die Kriegspattei plötzlich zur Macht gelangt. Tie jüngsten Probemobilmachungen in Polen und in Kurland haben Fingerzeige gegeben, daß in der ruffischen Kttegsverwallung große Un­ruhe herrscht. Wenn somit au?b keine d i - rette Veranlassung zu Kriegsbefürchtungen gegeben ist, so liegen doch zwingende Notwen­digkeiten vor, in östlicher Richtung noch mehr als früher auf der Hut zu sein, und diesen Not­wendigkeiten soll die neue HeereSvorlagr und die Schnelligkeit ihrer Durchführung Rechnung tragen. Jedenfalls steht es fest, daß wir mit der russischen Gefahr zu rechnen haben, und cs unterliegt keinem Zweifel, daß man auch in der Reichsregierung mit dieser

War Jamm ein Mrneiekel?

Es drohe« neue Balkan-Gefahren!

Es war vorauszusehen, daß die Eroberung Janinas durch die Griechen die Situation am Balkan wieder verwickelter gestalten werde, denn der griechische Waffenerfola mußte notwendigerweise dazu führen, die all­gemeine Lage zu verschärfen, da Griechenland durch den in langen und verlustreichen Kämp­fen erzwunqeuen Fall der Festung seine An­sprüche wesentlich begünstigt sieht und mfolge- dessen mit mehr Nachdruck als bisher die Be­rücksichtigung dieser Ansprüche betreiben kann. Dadurch ist ein neues Gefahren-Moment tn den Balkanwirrwarr hineingetragen worden, dessen Wirkungen sich bereits deutlich offenba­ren. Es liegen uns darüber folgende Draht­meldungen vor:

Konstantinopel. 8. März.

Der Großwesir Mahmud Tckefket Pascha will einen raschen Frieden, hat aber nur den kleinsten Teil des jungtürkischen Komitees für sich. Der größere Teil ist ent­schieden kriegerisch. ES wäre also fein Wunder, wenn in den nächsten Tagen ein neues Kabinett ans Ruder käme. In diesem Falle würde Said Malim Pascha, der jetzige Minister des Beußrren, wahrscheinlich Großwestr werden. Dieser ist energisch, jedoch wenig erfahren. In den nächsten Tagen wird es sich entscheiden, welche Komitee­partei stärker ist.

Petsrs-nrg, 8. Marz

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