Casseler Abendzeitung
3. Jahrgang.
Fernsprecher 951 und 952.
Sonnabend, 8. Marz 1913
Nummer 79
Fernsprecher 951 und 952.
und
Di« SafTele* Neuesten Nachrichten erscheine« woch-nUich sechlmal und »war abend«. Der AbonnemmtSpreiS beträgt nionatltL « Pfg. bei freier Zustellung In« Hau«. Bestellungen werden jede^eit von der »es«äst«stelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei. Berlag und Redaktion: Echl-chthottrraß- 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 61« 8 Uhr abend«. Sprechstunde- der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 8 bi« 6 Uhr abend«. Berliner Bertretnng: SW, Friedrtchstr. 16, Telephon: Amt Morihpla, 12584.
pel erörtert und auch der nahe Abschluß des Friedens besprochen. Der Großwefir soll Bompard gegenüber wiederholt haben, daß sich die Türkei unter keinen Umständen zur Zahlung einer Kriegsentschädigung bereit erklären könne, lieber werde das Kabinett geschloffen z u r ü <k t r e t e n. Es heißt denn auch, daß der G r o tz w e s i r entschloffen sei, von seinem Amt zurückzutreten.
Jnserttonch-retse- ®U sech«gespalteue Zeile Mr einheimisch« »«schäft» IL Psg., für au«, wertige gerate 25 Pf. Rellamereile für einheimische WWi « W. W» J“*““*1«*
Wir fielt es mit der A E G ? Die Verhandlungen im Schoße der Kommission; neue Wege zu alten Zielen; die Gefahren des ElektrizitLtsmonoPols.
Die Berhandlungen der Sachverständigen- Rommiffion für die Elektrizitätswerk. Frage dauern fort, ohne daß allerdings bisher die Beratungen irgendwie zu stchtbaren Resultaten gediehen wären. Die eingeforderten Gutachten der Spezial-Sachverständigen liegen noch nicht sämtlich vor und eine Entscheidung in der Angelegenheit ist deshalb vorderhand noch nicht zu erwarten. Inzwischen dauern auch die Verhandlungen mit dem Staate fort. Bon sachverständiger Seite wird jetzt nochmal« auf die Gefahren des Monopols hingewiesen
gemacht, und die Pforte dürfte sich nun veranlaßt sehen, bei den Friedensverhandlungen mehr Nachgiebigkeit zu zeige«. Der Ikdam meldet, daß derASschlutzdes Friedens zweifellos für die nächste Zeit bevorfiehe und die Frage einer Kriegsentschädigung auf dem Wege der Lösung begriffen sei.
Die Grundzüge des Friedens.
Konstantinopel, 7. März. (Privat- telegramm.) Von gut unterrichteter Seite werden die Grundzüge mitgcteilt, die von den Mächten angeblich für den Friedensvertrag zwischen der Türkei und den Balkanstaaten festgelegt worden find. Danach wird die Linie Jniada bis Eno die Grenze gegen Bulgarien, doch bleiben Lüle Burgas und die Inseln vor den Dardanellen türkisch. Hinsichtlich der Kriegsensschädigung erkennen die Mächte die Berechttgung der Gründe der Tür- kei an.
Regierungskrise in Sicht?
Konstantinopel, 7. März. (Privat, telegramm.) Der Großwesir hat dem französischen Botschafter Bompard gestern einen Besuch abgestattet. Wie verlautet, wurde in der Unterreduna die Frage von Adriano-
die Armee wirklich für die Sicherheit sorgen können an dem Tage, wo sie bedroht werden, muffen auch die effektiven Friedens bestände in der Lage sein, den neuen Notwendigkeiten gewachsen zu sein, insbesondere allen bei Beginn eines modernen Krieges austau- 'chenden Möglichkeiten die Stirn zu bieten. Die Unterlegenheit unserer Effektivbestande gegenüber den entsprechenden Festsetzungen der großen fremden Armeen wird noch verschärft durch die jüngsten Maßnahmen zur Vermehrung unserer Mionsmittel. Die Sorge für die Sicherbei- des Landes fordert die Erhöhung des Esfekiivbestandes durch eine
Verlängerung de- Dienstdauer.
Der Bericht weist darauf hin, daß die Regierung einen dreißigmonatigen Dienst oder die Einberufung der Kontingente tn zwei Abteilungen als ungenügend oder unpramich abgelehnt hat: Es gibt nur eine Lösung des Problems, nämlich die, die Frankreich durch das gleichzeitige Vorhandensein . dreier Jahrgänge unter den Fahnen einen Fne- densbestand gibt, der nöttg ist für den jcderzei- tigen Schutz und namentlich für die w-scn>- liche Sicherheit zu Beginn der Mobilisierung. Die einzige Abweichung von dem allgemeinen dreijährigen Dienst wird durch das ernste Problem der Entvölkerung gerechtfertigt werden: Soldaten, die Familien mit fünf oder sechs Kindern angehören, dürfen eine Vergünstigung in einer Dienstverkürzung um sechs bis zwölf Monate erhalten. Wir werden damit den Friedensstand der mit der Waffe Dienenden um ungefähr 160000 vermehren können und werden so gleichzeitig mit den günstigen Ergebnissen für die Einheiten der Dek- kungstruppen eine notwendige, genügende und in der gegenwärtigen Stunde imponierende Anstrengung verwirklichen. Diese Anstrengung duldet weder Aufschub in der Ausführung, noch Milderung im Prinzip und in der Anwendung. Die gegenwärtig unter den Fahnen stehenden Jahrgänge werden infolgedessen den Dienst verlängern müssen. Das Expose schließt: Unsere aroße und edle Demokratie hat vor allem den festen Willen, in Kraft, Freiheit und Leben Herr ihrer Geschicke zu sein!
*
Achtundzwanzig Jahre Dienstpflicht.
Wie uns ein Privat-Telegramm aus Paris berichtet, ist in dem neuen Regierungsentwurf für jeden diensttauglichen Franzosen eine ununterbrochene Dienstzeit von drei Jahren in der akttven Armee vorgesehen, elf Jahre in der Reserve der aktiven Armee, sieben Jahre in der Landwehr und sieben Jahre in der Reserve der Landwehr, so daß die Zeit der Wehrpflicht im Ganzen achtundzwanzig Jahre beträgt, und zwar vom einund zwanzigsten bis zum achtundvierzigsten Lebensjahre.
Set Fall von Sanina.
Die Festung Janina von den Griechen erobert; Essad Paschas Armee kriegsgefangen!
Wahrend die europäischen Großmächte sich mühen, den Friedensverhandlungen am Balkan die Wege zu ebnen, während die Diplomatie Türken und Balkanverbündete gleichmäßig auf die „bessere schönere Zeit" vertröstet, die die Sehnsucht nach dem Frieden Ej endlich Verwirklichen soll, hat die lriegsmüde i Türkei abermals eine schwere Riederla- g e erlitten: Die G ri e ch e n sind in I a n i n a eingezogen, auf der Festung weht stolz im Winde die Hellenen-Flagge und Essad Paschas zermürbte und durch furchtbare Strapazen dezimierte Armee ist nunmehr kriegsgefangen. e Die Kapitulation Janinas und die Gefangennahme der Armee Essad Paschas wird selbstverständlich nicht ohne Einfluß auf die Friedensverhandlungen bleiben, denn die Hoffnung | der Türken, daß die Fortsetzung des Krieges ihnen noch Erfolge bringen und ihre Situation t verbessern könnte, ist damit zunichte geworden.
Neber den Fall Janinas erhalten wir folgende Drabt-Meldungen:
Der Kampf um Janina.
(Privat-Telegramm.)
Athen, 7. März.
Infolge des entscheidenden Sieges der Griechen hat der türkische Befehlshaber E s s a-d P a sch a, der die Truppen in der Gegend von Janina zusammeugezogen hat. dem griechischen Kronprinzen gestern die Uebergabe ange- botcn, die sofort angenommen wurde. Nach dem von Essad Pascha unterschriebenen Kapiiu- lationsprotokoll hat sich die aus 33 000 Mann (Offiziere mit einbegriffen) bestehende türkische Armee bedingungslos übergeben. Alle Waffen und das vorhandene Geschützmaterial werden den Griechen ausgeliefert. Der Neberrest der türkischen Monastir-Armee hat sich von Janina nach Albanien z u r ü ck g e z o - gen. da der Kommandant dieses Truppen- k leiles nicht dem Kommando Essad Paschas unk' lerstellt ist. In der Rächt vom Dienstag zum Mittwoch um drei Uhr begann der Generalangriff auf Janina. Er richtete sich gegen die im Westen Janinas gelegenen Forts. Die Kanonade dauerte die ganze Nacht. Gc- , stern früh wurde
Der allgemeine Angriff wieder ausgenommen. Um sieben Uhr morgens wurde Tsocka erobert, wobei vier Geschütze genommen und fünfzig Gefangene gemacht wurden. Um zebn Uhr drängte das Zentrum unter heftigem Feuer gegen Sankt Nikolaus vor, das um elf Uhr von den Türken geräumt wurde, die sich in die Ebene zurückzogen. Sie versuchten später, sich wieder zu sammeln, was die griechische Artillerie verhinderte. Die Türken wurden im Laufe des ganzen Kampfes auf Janina zurückgeschlagen. Die Flucht dauerte bis zur Nacht. Türkische Truppen aus Janina versuchten vergebens, die allgemeine Flucht aufzuholten. Der griechische Kronprinz, die Prinzen und der Generalstab beobachteten den Kampf in der Nähe der Feuerlinie. Die Türken waren bestürzt durch die Plötzlichkeit des von beträchtlichen Streitkräften ausgeführten Angriffes, wichen zurück und begannen in Unordnung gegen Brsoni zu fliehen, da sie brat heftigen Feuer nicht mehr widerstehen konnten.
Die blutige Lehre von Janina.
. Konstantinopel, 7. März. (Privattelegramm.) Die Meldung vom Fall Janinas hat in den hiesigen Regierungskreisen einen niederschmetternden Eindruck
Armee-Skandal in Frankreich?
(Privat - Telegramm.)
Paris, 7. März.
Die Humanite berichtet in einem Artikel über die „Heldentaten« des Divistons-Generals d'Esberey in Marokko und schreibt: Auf einem Vormarsch waren dem General die Verwundeten, die er mit sich führen mußte, hinderlich. Er stellte deshalb an den Militärarzt das Ersuchen, die Verwundettn einfach zu töten. Der Arzt weigette sich jedoch, den Befehl auszuführen. Das gleiche Ersuchen stellte hierauf der General an einen Leutnant und schließlich an einen Adjutanten, die sich aber ebenfalls ablehnend verhielten. Nu» lirtz der General die Verwundeten unter Bewachung von zehn alten Kriegern und dem Kommando eines Adjutanten zurück. Natürlich find alle diese Leute verschwunden. Die Eingeborenen habe« ihnen die Köpfe und andere Gliedmaßen abgeschnitten. Weiter wird berich- tet, daß der General au die franzöfischen Truppen den Befehl gerichtet haben soll, oie Leichen der gefallenen Marokkaner zu verstümmeln. Tie Enthüllungen der Hnmanite sollen in der Kammer erörtert werden.
die Tribüne«
geräumt würden. Neue Stürme waren die Antwort. Bon links wurde dem Pragdenten entgegengeschriern, daß er die Verfassung an- tafte, indem er das Parlament von der Oefsem- lichkeit und vom Volk abschlicße; der Präsident mache sich zum Helfer und Handlanger der Reaktion, die das Land und die Nation verrate. Dem wilden Lärm aus der Linken antwortete gewaltiges Pultdeckel-Gellapper aus der Rechten, Tintenfässer flogen, und etmge Genossen, die im Kreiö um Jaurss versammelt standen, pfiffen auf riesigen Hausschlüsseln. Bleich bis in die Haarwurzeln hinein saß der Präsident auf seinem Stuhl: Eine kurze Konferenz mit den Mitgliedern des Präsidiums, dann öffneten sich die Türen wieder und in hellen Scharen strömte das Publikum herein, um Zeuge ju sein des Kampfes, de» Frankreich um seine Rüstungsverstärkung führt. Mit lautem Lärmen und Gepolter wurden die Tribünen besetzt, das Pultdcüel- und HauSschlüs- sel-Konzert verstummte auf Sekunden und diese kurze Kampfespause benutzte Herr Etienne, der Kriegsminister, um die Begründung des Gesetzentwurfs über dte Einführung der dreijährigen Dienstzeit zu Detlefen.
Die dreijährige Dienstzeit.
In dem gestern in der Kammer vom Kriegsminister Etienne verlesenen Bericht über btc Notwendigkeit der Einführung der dreiiah- rigen Dienstzeit heißt es unter anderm:
tigungsgrad der
elektrotechnischen Großbetriebe
in den letzten Monaten aber unter dem Druck der politischenBeunruhigung merllich abgeflaut, ist, so kann die systematisch erstrebte Vergroße- runa der Nominalkapitalien lediglich den Zweck haben, durch Errichtung neuer Elekirtzttats- werke und Ueberlandzentralen die Etnflutz- sphäre der Elektrokonzerne zu erweitern und die schon begonnene Monopolisierung auszudehnen und zn befestigen. £te Hauptstütze der monopolistischen Bestrebungen bildet die Bequemlichkeit und Saumseligkeit der Verwaltungen der Kommunen und Kommunalverbände. Diese sind sehr oft ohne weiteres mit allen von den großen Gesellschaften vorgeichlagenen Bedingungen einverstanden und lassen pch ohne -bedenken auf langfristige Verträge em, weil sie hierdurch meist aller Sorge um dte Kapitalbeschaffung und Einrichtung der Elettrizitätswerke enthoben ^werden. Dte nachteiligen Wirkungen d'eier Sorglosiglltt zetgen sich oft schon sehr bald. Wenn dte Stadtvater und Verwaltungsbeamten endlich erkennen, daß sie dem Wohlwollen der allmachttgen,Gesellschaften fast bedingungslos ausgeliefert sind, ist es aber meist schon zu spät. Vom Großkapital wird natürlich der Monopolisierungsprozeß nach Kräften gefördett, da ihm eine auf langfristige Lieferungsverträge und auf em großes Netz von abhängigen Elektrizitätszentralen gestützte Industrie immer eine vorteilhafte Kapitalanlage bietet. Hoffenllich erkennt man tn Cassel die Gefahr der Versuchung, ehe es zu spät ist ...i
3er Aufruf an mein Boll.
Gestalte« u. Bilder aus demVölkerfrühttsgj der Aufruf „An mein Volk" nnd seine Verfasser; Erinnerungen großer Vergangenheit.
Endlich war in Breslau die Entscheidung K' "eit. Auch die Zögernden, ja selbst die Wi- ebenden hatte der gewaltige Sturmder Z eit mit fortgerissen. Der Zeitpunkt war gekommen, da der König offen mit feinem Entschluß vor fein Volk hintreten und es zum het- ligen Krieg aufrufen mußte. Wer sollte den Auftuf schreibend Man übertrug ihn zuerst deut Legationsrate Ancillon. Den Pflegte Gneisenau, der feurige, wohl den »Beichtvater zu nennen: Er war ein Dielredner, ein Schön-
Hund in Hand mit der durch die Großbanken energisch geförderten V e r t r u st u n g der elektrotechnischen Großindustrie geht das streben der sührcnden Elektrokonzerne nach Monopolisierung des Jnstallations Materiallieserungs-Geschafts. Die Bilanzen der Aktiengesellschaften der elektrotechnischen Industrie zeigen, daß m diesem relativ jungen Gewerbezweig noch recht bedeutende Gewinne zu erzielen smd, die sich bei der zunehmenden Verwendung von elektrischem Licht und Triebstrom durch monopolistische Einrichtungen geradezu ins Ungemeft fette steigern lassen. Obwohl bei weitem noch nicht alle Monopolwünsche der Großbetriebe er- füüt sind, hat die durchschnittliche Rentabilität der elettrotechnischen Unternehmmi- aen bereits einen recht hohen Grad erreicht, wobei zu berücksichtigen ist, daß in den letzten Jahren durch Aufspeicherung bedeutender offener und stiller Reserven für eventuelle Komunklurschwankungen meist schon ausreichend vorgesorgt worden ist. Haben doch achtundvierztg Gesellschaften, d,e im Jahre 1912 ihre Bilanzen mit drat Vorjahre vergleichbar veröffentlichten, auf ein Aktienkapital von zusammen 458,70 Millionen Mark eine Dividendensumme von 46,65 Millionen Mark ausgeschüttet. Der durchschnittliche Dividendenertrag ist von 10,1 Prozent rat Jahre 1910/11 auf 10,2 Prozent „im Jahre 1911/12 gestiegen. Es ist zu beruchlchttgen. daß die Rentabilität der Großbetriebe noch wesentlich über brat Durchschnitt steht, wahrend »ie Dividende ber mittleren und kleineren Betriebe meist geringer ausfällt. Da der Befchaf-
Es ist die Pflicht aller, in erster Sinne die Pflicht einer Regierung, die sich ihrer B e r- antwortlichkeit bewußt ist, sich der Lösung des militärischen Problems, das Frankreich jetzt gestellt ist, zu widmen. Bei der augenblicklichen europäijchen Lage, wahrend die meisten Völker in voller Aftionsfrerheit Maßregeln zu ergreifen, für notwendig erachten, ist die Stunde für uns gekommen, zu untersu- cheu, ob sich nichts uns gegenüber verändert hat, wenn ja, für unsere militärischen Einrichtungen Maßregeln zu treffen, durch die sie ich den unvorhergesehenen Verpflichtungen anpassen können. Das Exposö erwähnt dann dm Stand der Geburtenzahlen, insbesondere rat Vergleich und in Rückwirkung der jährlichen Kontinaentszahlen: Damit die Nation und
rerSeet Wesen ihrer dichten Verbreitung tn der Äslidsn, und der Umgebung sind die Wfttec Muesten Nachrichten -in vorzügliche« gnserttonrorgan. »eschüftsstelle: «Slnlsch- 3trage 5. Berliner Vertretung: 8W-, Friedrichstraße iS, Telephon: Amt Woritzplatz 12684
Casseler MM Nachrichten
Hessische Abendzeitung__
Der gestrige Kampftag.
Sturmfitzuug der franzöfischen Kammer!
(Privat-Telegramm.)
Paris, 7. März.
Die Woge der nationalen Begeisterung, die in Frankreich den Plan einer gewaltigen Rüstungs Verschärfung rasch in ben Hafen der Wirklichkeit zu tragen schien, ist abgeebbt, und so plötzlich und impulsiv, wie die Regung vaterländischm Opfermuts eingesetzt, hat gestern in Frankreichs Parlament der wilde Kampf entfesselter Leidenschaften die süße Eintracht pattiotischer Volksentflammung abgelöst: Die Einbringung deS Gesetzes über die Wiedereinführung der dreijährigen Dienstzeit in der französischen Deputiertenkammer hat gestern zu Skandalszenen geführt, wie sie selbst in dem an Tumulte gewöhnten Seine-Parlament in solchem Umfange selten sind. Präsident Deschanel eröffnete die Sitzung, indem er dem Kriegöminister Etienne das Wort erteilte. Der Minister begann: „Ich habe die Ehre, dem Hause ...«. Weiter kam er nicht. Ein furchtbarer Tumult brach los. Die Sozialisten und ein Teil der Linken erhoben sich und manifestierten unter ohrenbetäubendem Lärm. Der Deputierte Saillant schrie: „Wir protestieren«, und brausend wiedsrhoften seine Parteigenossen: „W i r p r o t e st i e r e n". Deutlich hörte man den sozialistischen Führer JauröS rufen: „Das ist ein Wahnsinn!« Das ganze Hans war in Bewegung, und man brüllte und gestikulierte von allen Seiten. Colly rief nach dem Regierungstisch hinüber:
„Nichtswürdige Bande!"
Der Kriegsminister blieb unbeweglich auf dem Platte, unfähig ein Wort zu sprechen. Der Präsident läutete unausgesetzt mit seiner Glocke, vermochte aber keine Ruhe zu schaffen. Immer stürmischer wurden die Ritte: „Nieder mit der Reaktion". Man beschimpfte und bedrohte einander, und dann begannen die Sozialisten daS Wort „Reaktion« im Rhythmus unaufhörlich zu wiederholcu: Gin Hexensab- bath, wie ihn die ausschweifendste Phantasie nicht toller und wilder ausdenken kann. Endlich schienen die Kehlen ausgettocknet. es trat eine kleine Pause ein, und der Präsident erklärte in sichtlicher Erregung: „Ich überlasse Denen, die solche ruchlosen Worte in diesem Hause auSae- stoßen haben, die Verantwortung für ihre Handlungsweise. Wir werden dieserbalb an das Land appellieren. Lassen Sie sie gewähren. meine Herren." Die Rechte schrie: „Nieder mit den Verrätern, den P reuß en, sie sollen in den Reichstag gehen.« Natürlich war dies da8 Signal zu einer neuen Gegen- kundgebnng, die mit erhöhter Stärke einsetzte. Während des Tumults hatte der Präsident (wahrscheinlich, um daS Publikum auf den dicht besetzten Tribünen nicht länger Zeuge dieses SkaMmls sein zu lassen) Befehl gegeben, daß
Sturm in der Kammer
Tumult-Szenen in der franzöfischen Kammer wegen der Einführung der dretjührigen Dienstzeit; die Vorlage und ihre Begründung.