Rr. 7S. — S. Jahrgang
Casseler Neueste Nachrichten
Freitag, 7. März 1913.
strophe des „S. 126*, das am 17. November 1905 von dem kleinen Kreuzer »Undine" überrannt und Lurch die darauf folgende Kessel- erplosion vollständig vernichtet wurde, wobei zweiunddreißig Mann der Besatzung ums Leben kamen. Im vorigen Jahre, an, 19. Juli und am 15. September, ereigneten sich zwei gleiche Katastrophen, bei denen die Torpedoboote von großen Kriegsschiffen gerammt wurden. Alle diese Unfälle erfolgten während der Nacht. Tie Schuldfragc zu erörtern, ist dabei völlig müßig, denn die Unfälle ergeben sich aus der Natur der Umgebungen. Tie Nachtmanöver abzuschaffen oder sie so einzurichten, daß derartige Verluste vermieden werden, ist natürlich unmöglich. Im Interesse der
Schlagfertigkeit der Flotte
Müssen die Manöver in durchaus kriegsmäßiger Weise Lis zur ä u ß e r st e n Grenze des Zulässigen abgehalten werden. Die Uebun- gen müssen sich genau so abwickelu, wie der ernste Kamps, für den sie das Personal und die Führer vorbilden sollen. Dazu gehört naiur- gnnäß völlige Abblendung der Lichter, denn der Wert der Torpedoboote liegt gerade in ihrem plötzlichen Auftreten und ihrer blitzartigen Wirkung Diese Dunkelheit erhöht einerseits die Schwierigkeit der Manöver, andererseits die Gefahr eines Zusammenstoßes. Demnach ist ein Unfall, wenn er trotz der weitestgehenden Aufmerksamkeit und Vorsicht eintritt, als höhere Gewalt zu betrachten. Solange es nötig ist, Torpedoboote kriegsmäßig ini Verein mit großen Schiffen auszubilden, werden gelegentliche Katastrophen nicht ausbleiben. Solch ein Vorfall ist zweifellos beklagenswert. zumal wenn er Menschenleben kostet, aber er liegt eben von vornherein in dem gefahrvollen Beruf des Seemannes begründet. Jeder Angehörige der deutschen Marine weiß, daß er dem Tode gegenübersteht, aber er weiß auch, daß die. Führer in vollem Verantwort- lichkeitsgefühl in jeder Weise die nötige Aufmerksamkeit und Umsicht anivcnden, um Unfälle zu vermeiden. Hoffentlich wird es auf diesem Wege gelingen, die schon sehr geringe Zahl von unglücklich verlaufenen Manöver« in unserer Flotte noch mehr cinzuschränken.
Landtag und Menbahnrtat.
Dr. Schröder für die Eisenbahn-Beamten.
Im preußischen Abgeordnetenhaus entledigte man sich gestern zu Beginn der Sitzung einer Ehrenpflicht, Vizepräsident Dr.Porfch gedachte unter allgemeiner Teilnahme des schweren Unglücks, das unsere Marine bei Helgoland betroffen hat. Dann ging man 3um Eisenbahnetat über, wobei der Vizepräsident des Hauses die Abgeordneten bat. sich möglichst kurz zu fassen, da der Etat bereits am achtzehnten April dem Herrrnhausc zugehen müsse Als erster Redner sprach der
Abg. Dr. Schröder-Cassel (natl.): Angesichts dieser Mahnung werd- ich auf Einzelheiten möglichst wenig eingehen. Die Lage der mittleren und unteren Eisenbahnbeamten muß auf- gcbcssert werden. Ich verweise auf die längst notwenige Besserstellung der Werkmeister und Techniker, die am schlechtesten daran sind. Das Rangierpersonal erbittet eine andere Regelung seiner Dienstzeit und namentlich Beschränkung der Nachldienstzeit. Die Budgetkommission ist über die Petitionen der Beamten zur Tagesordnung übergegangen, anstatt ihre sachliche Berechtigung zu untersuchen. Ans die Dauer wird eine Nachprüfung der Besoldungsordnung die mancherlei Härten und Fehler enthält, nicht zu unigehen sein. Es geht auf die Dauer nicht an, daß die preußischen Assistenten schlechter gestellt sind als die im Reich. Ebenso ist cs ein Mißstand, daß die vortragenden Räte in Preußen und im Reich eine verschiedene Besoldung haben. Alle Vorredner haben das Lob unserer Eisenbahnen gesungen. Großen Anteil an den vortrefflichen Zuständen haben Beamte und
Arbeiter. Darum komm« man auch ihren berechtigten Wünschen entgegen
Minister von Breitcnbach: Der Etat bringt eine große Zahl neuer Stellen. 2700 Hilfsbeamte werden in etatsmäßige Stellen entrücken können. Die Verwaltung ist lebhaft bemüht mit der
Besserstellung der Beamten
und Arbeiter fortzufahren.
Abg. Dr. Barenhorst (freikons.): Die gestern vom Abgeordneten Beyer für b'e Eiscnbahn- arbeiter vorgetragenen Wünsche unterstütze ich nachdrücklich. Ungleichheiten und Härten der neuen Besoldungsordnung müssen beseitigt werden
Abg. Delius iFortschr.): Das Heer der Eisenbahner ist nun auf über 544 000 Mann gestiegen. Die Verwaltung ist gewiß von Wohlwollen für ihre Beamten erfüllt. Aber es bedarf der Nachprüfung der Besoldungsordnung. wie es unser Antrag will. Namentlich der Kanzleidienst bedarf gründlicher Reform.
Abg. Leinert <Toz.): Es sind nicht nur voc- übergehellde Zulagen notwendig, sondern die Lage der Unterbeamten muß dauernd anfge- befsert werden. Den Eisenbahnarbeitern muß mehr Bewegungsfreiheit eingeräumt werden. Sic stehen gewissermaßen unter Polizeiaussickn und werden zu würdelosen Kreaturen gemacht
Minister von Breitenbach: Ich habe das feste Zutrauen zu Beamten und Arbeitern, daß sie über eine solche Kritik lachen werden. (Siüt, Mischer Beifall.1 Die Rede war ht der Haupt, fache unwahr. (Erneuter stürmischer Beifall bet den bürgerlichen Parteien, Lärm der Sozialdemokraten.) Wenn 30 000 Arbeiter in Beamtenstellurgen einrücken, spricht Leinert von würdelosen Kreaturen. Ich kann mich als Chef der Verwaltung nur freuen, wenn von sozialdemokratischer Seite solche Exzesse begangen werden. (Stürmischer Beifall rechts. Lärm der Sozialdemokraten, Ruf des Abg. Liebknecht: Exzesse? Gegenrnf des Abg. Hoffmann: Zur Ordnung! Vizepräsident Dr. Krause: Ich habe manche Schärfe in der Rede des Abgeordneten Leinert zugelassen. Jetzt müssen Sie sich auch die entsprechende Erwiderung gefallen lassen.)
Das Haus vertagt sich darauf bis Donnerstag: Tagesordnung: Fortsetzung.
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Schwerinstag im Reichshaus.
Herr von Tirpitz machte gestern dem Reichstag in eigener Person Mitteilung von dem schweren Unglück in der deutschen Marine. Mit warmen Worten schloß sich Präsident Kaempff dem Nachruf des Staatssekretärs an, der, da Schwcrinstag war, bald die Regiernngsbauk verließ. Auf der Tagesordnung stand der konservative Antrag, der kleine Garnisonen verlangt und ferner verschiedene andere Wünsche betreffend Urlaub, Kontrollversammlung und Ernteschäden, Servisgelder und so weiter aufsührt. Begründet wurde der Antrag von Herrn von Flemming, der dir ^Schaffung kleiner Garnisonen im Interesse des Mittelstandes befürwortete. Weiter trat der Redner für e ne einmalige Kontrollversamm lüng ein. Tic Sozialdemokraten waren gegen einzelne Punkte des konservativen Antrags, die kleinen Städte hätten von den Garnisonen kei. ncrlei Vorteile und die Forderung der Vermehrung des Ernteurlaubs sei eine schwere Anklage gegen die zweijährige Dienstzeit, die also noch zu lang sei. Demgegenüber äußerten die Redner aller bürgerlichen Parteien mehr oder minder ihre Zustimmung.
Re Polittt des Lager.
Eine Kaiserrede in Bremen.
Der Kaiser traf gestern mittag, von 38tL helmshaven kommend, mit Gefolge in Stern e n ein wo er vom Senat, den Spitzen der Behörden und dein Osfizierkorps empfangen
wurde. Er nahm, der Einladung des Senats folgend, das Frühstück im neuen Rathaus ein. wobei der Bürgermeister Dr. Barkhausen eine Begrüßungsrede hielt, in der er auch der Zeit vor hundert Jahren gedachte. Der Kaiser erwiderte mit einer längeren Rede, der wir foL genden Passus entnehmen:
Das Eingreifen der Vorsehung.
Eure Magnifizenz! Ich habe in Königsberg anläßlich der Jahrhundertfeier die erhebendsten Eindrücke miterleben dürfen, und ich bin lest Überzeugt, daß bei dem religiösen Sinn, der die Hansestädte und vor allem Bremen beseelt cs auch hier empfunden wird, daß das, was geschehen ist, durch das Eingreifen der Bor schung, das Eingreifen Gottes, geschehen ist. der die Völker demütigt, der sie aber auch wieder emporhebt. Was ich der Stadt Bremen wünsche, ist, daß sie sich bei dieser Feier erinnere an die göttliche Vorsehung, die uns in diesen hundert Jahren diese Wendung gebracht hat, daß sic sich voll Dankbarkeit erinnert an die große Entwicklung der Ration, an der durch die Blüte von Handel und Schiffahrt auch Bremen großen Anteil hat. Möge die heutige Generation sich würdig zeigen der Vorfahren, ihnen nacheifern und es ihnen gleichtun. Möge auch die heutige Jugend sich die damalige Jugend zum Vorbild nehmen in dex Hingabe an das Vaterland. Richt in dem Bestreben, sich möglichst auszuleben, sondern darin liegt ihre Pflicht, für das Vaterland zu lernen und für das Vaterland zu arbeiten. Wie damals ist heute unserem Volke die Aufgabe gestellt, seine Wehrhaftigkeit zu stärken, seine Wehrkraft aus- zubouen und es den Vorfahren vor hundert Jahren gleichzutun an pattiotischer Opferfreu- digkeit und Opferwilligkeit.
Der Abschied des Kaisers.
Kurz nach drei Uhr nachunttags verließ Le. Kaiser (wie aus Bremen telegraphisch gemeldet wird) Las neue Rathaus und begab sich von dem zahlreich versammelten Publikum herzlichst begrüßt, zum Bahnhofe, von wo..er nach Verabschiedung vom Bürgermeister Dr. Balkhausen im Hofzuge um 3 Uhr 20 Minuten weiterreiste.
Der bayrische Besuch in Berlin.
Berlin, 6. März. (Privattelegramm.) Wie aus Akünchen hierher berichtet wird, ist Prinzregcnt Ludwig von Bayern mit feiner Gemahlin heisse früh uni 6 Uhr 10 Minuten mit Gefolge im Sonderzuge nach Berlin abgereist. Die Ankunft in Berlin findet in den ersten Nachmittagsstunden statt. Sämtliche Morgenblätter bringen dem Prinzregenten Willkommengrüße dar. Das Berliner „Tageblatt" schreibt: In dem Besuch des berufenen Repräsentanten des größten deutschen Bundesstaates dokumentiert sich die Zusammeugehör i g k e i t des deutschen Südeys mit dem Norden in einem Augenblick, der voll Spannung und Schwierigkeiten auf innerem und äutzcrm Gebiete ist. Der Prinzregent wird während seines Aufenthaltes in Berlin die bayerischen Reichstags - Abgeordneten, soweit sie den bürgerlichen Parteien angehören, in besonderer Audienz empfangen.
Trennung von Kirche und Staat, in Schwarzburg-Rudolstadt? Im Schwarzburg-Rudol- städtischcn Landtag gab, einem Telegramm aus Rudolstadt zufolge, der Staatstninister das Versprechen ab, ein Gesetz über Trennung der Kirche vom Staat vorzulegen, wenn der Landtag dies wünsche. Bekanntlich bewilligte die sozialdemokratische Mehrheit des Landtages jüngst den Etat.
Abgeordneter von Kaphengst P. Depeschen aus Berlin' zufolge, ist gestern der konservative Reichstapsabgeordnete Axel von K a-
Hengst, der Vertreter des Wahlkreises Ost- und Weststernberg plötzlich gestorben, von Kap- hengst, der nur ein Alter von zweiundvierzig Jahren erreicht hat, vertrat seinen Wahlkreis seit 1907.
Neuer turnt Lage.
Die Attentäter von Henningsdorf.
Berlin, 6. März. (Privattelegramm.) Die Berliner Kriminalpolizei verhaftete gestern in Velten zwei Arbeiter aus Marwitz unter dem dringenden Verdacht, das schwere Verbrechen gegen die Automobilisten bei Henningsdorf verübt zu haben. Auch meldete sich bei der Polizei eine Frau, die angab, daß vor einiger Zeit ein übel beleumundeter Arbeiter zu ihrem Mann gekommen sei und ihn ersucht habe, ihm bei der Ausübung eines Verbrechens auf ein Automobil behilflich zu sein. Das Seil, das über die Chaussee gespannt werden sollte, habe er bereits. Wie die Frau weiter angab, habe der Mann ganz offen erklärt, daß nach dem etwaigen Unfall eines Automobils eine Beraubung der Insassen vorgenommen werden sollte. Wie weit die Angaben der Frau zutreffen, wird die weitere Untersuchung ergeben.
Zwei Opfer einer Auto-Katastrophe.
Grotzgerau, 6. März. (Telegraphische Meldung.) Auf der hiesigen Kreisstraße von Langen nach Großgerau fuhr gestern nachmittag ein fremdes Automobil gegen einen Baum. Die Insassen, der Kaufmann Otto Dähne und der Kaufmann Gustav Rothweiler wurden herausgeschleudert. Während Rothweiler nur Verstauchungen und leichte Hautabschürfungen erlitt trug Dähne einen Schenkelbruch und innere Verletzungen davon, die seine sofortige Ueberführuna in das hiesige Krankenhauus notwendig machten.
Architekt und Kirchenräuber.
Straßburg, 6. März. (Privat-Tele, gramm.) Ein bekannter Straßburger Architekt ist unter dem Verdacht des Kirchenraubes verhaftet worden. Weitere Verhaftungen sollen in dieser Angelegenheit bevorstehen. In der letzten Zeit ereigneten sich in üddeutschland und ganz besonders im Elsaß
zahlreiche Diebstähle in Kirchen. Die Täter hatten es dabei vorwiegend auf wertvolle Bilder und holzgeschnitzte altertümliche Statuen der Kirchenkunst abgesehen. Die sich immer von neuem wiederholenden Diebstähle verursach, ten unter der Landbevölkerung die größte Er- btttcrung. Soweit die Untersuchung bis heute ergeben hat, ist mit den geraubten Gegenstände ein zchwunghafter Handel nach Paris und anderen französischen Orten betrieben worden, dessen eigentlicher Organisator der jetzt verhaftete Architekt gewesen fein soll.
ts Henningsdorf macht Schule! Der bet Henningsdorf verübte Anschlag auf das Automobil des Berliner Juweliers Plunz hat int Elsaß Nachahmer gefunden. Auf der Staatsstraße zwischen Altdorf und Düttlenheim wurde gestern namittag zwischen zwei Bäume ein Drahtfeil gespannt. Der Autohändler Bugatti fuhr gegen das Seil, ohne bremsen zu können. Der Wagen stürzte um und wurde schwer beschädigt. Die Insassen blieben glücklicherweise unverletzt.
LL Ein Eisenbahnunglück im Altonaer Bahnhof. Ein von Kiel in Altona eintref- fenber Zug sprang kurz vor der Einfahrt bei dem Stellwerk aus den Schienen. Sechs Wagen wurden erheblich beschädigt. Von den Passagieren erlitten einige leichtere Verletzungen. Der Betrieb wird durch llmsteigen aufrecht erhalten. Bis jetzt konnte noch nicht festgestellt werden, worauf das Unglück zurückzuführen isi.
yä Die Chronik bcr Auto-Katastrophen. Bei Kempten im Allgäu fuhr ein dem Mc-
jfeuilleton.
Sinnspruch.
Was dein Ange an anderen sah, Wird anderen nicht an dir entgehen, Wir stehen uns selber viel zu nah', Um unsere Fehler selbst zu sehen.
Tiedge.
Berliner Auto-Apachen.
Nach der Marwitzer Schreckenstat.
(Von unserm P. 8. - Korrespondenten.)
Berlin, 6. März.
Tas übschculiche Attentat, das am Sonntag abend auf der Bennigsdorfer Chaussee verübt wurde, hat uns Berliner mit Angst und Schreiten erfüllt. Und nicht nur die mit einem eigenen Kraftfahrzeug Gesegneten sind nervös geworden, auch der bescheidene Futzwanderer steht in dem Verbrechen ein tief beunruhigen des Symptom dafür, daß es mit der persönlichen Sicherheit auf den Landstraßen in der Nähe von Berlin sehr rasch bergab geht. Und wenn wir vielleicht noch nicht über die große Anzahl von Banditen verfügen, wie Paris, sie sind doch da, und sie sind auch noch nicht verschwunden, wenn man einige erwischt und um einen Kopf kürzer macht. Tenn die Großstadt gebiert immer von neuem die unheimlichen Gestalten, die mit kalter Berechnung ihren blutigen Kampf gegen die Gesellschaft führen. Das Verbrechen von Marwitz hat den zweifelhasteit Vorzug, in seiner Anlage Original zu sein. Aber jener Schimmer von Romantik, der die Taten der Pariser Banditen umwob, der sehlte hier völlig. Ten Franzosen kam es nicht nur auf den nackten Gewinn an. So verurteilenswert ihre Handlungen waren, sie setzten doch wenigstens das eigene Leben brau, suchten durch einen echt gallischen Elan zu verblüffen und strebten im übrigen danach, wonach noch je ein Pariser strebte, Held des Tages zu sein.
Mit ihrem traurigen Ruhm können sich unsere Berliner nicht messen. Sie legten uns eine Schlinge nach Art der Wilddiebe und warteten feige im Versteck ab, ob die Opfer schwach ge. nug waren, daß man sich ihnen nähern konnte. Lange genug mag der Plan ausgehcckt gewesen
sein, und genau genug war er vorbereitet, denn aus einem Drahtseil eine Guillotine für Automobilisten zu machen, das war kein so ganz leichtes Stück. Es ist immer für die Menschheit ein Schrecken, wenn ein neues Verbrechen ersonnen ist. - Denn die leicht erregbare Phantasie der moralisch Minderwertigen bemächtigt sich sofort dieser neuen Idee. Ja, man darf sogar annehmen, daß dies nur der erste Anreiz zu Verbrechen ähnlicher Art sein wird. Und wenn erst einmal halbwegs ein Erfolg erzielt wurde, bann pflegt es an Nachfolgern nicht zu fehlen. Wie man sich gegen sie schützen soll? Nun, man ist ihnen ziemlich rettungslos preis- gegeben. Denn welches Aufgebot von Mannschaften wäre nötig, um die zahllosen nach Berlin führenden Landstraßen zu sichern! Und wenn auch unsere Automobilisten vielleicht in Zuftinst vorsicktiger fahren werden, wenn sich am Ende auch bas Verbrechen nicht wiederholt ... die Freude an abendlicher Fahrt ivirb ihnen bis auf weiteres vergällt sein. .... Aber das jetzige Verbrechen hat auch noch seine sehr persönliche und tragische Seite. Der Juwelier Plunz und seine Frau hatten Jahre lang getrennt von einander' gelebt. Run endlich war zur Freude der erwachsenen Kinder die Einigung wieder erfolgt, und der gestrige Ausflug war etwas wie eine zweite Hochzeit im engsten Freundeskreise. Man hatte sich tagsüber sehr vergnügt, und alle waren nun sroh, daß der Frieden ins Haus wieder eingekehrt war. Er war nicht allein gekommen. Dicht hinter ihm schritt der Tod und nahm die eben Vereinten mit sich in sein Reich.
" Königliche Schauspiele. Ta Herr Windgassen noch iitdisponiert ist, sang Herr Bjur- st 1 ö u vom Herzoglichen Hoftheater in Gotha gestern die Partie des Bacchus. Ter Gast zeigte sich als ein Tenor von recht ansprechenden stimmlichen Mitteln van heldentenoraler Färbung, die dem Bacchus gesanglich zu guter Wirkmig verhalfen. Im Duett mit Ariadne hatte der Säuger reckt glückliche Momente. Darstellerisch hatte Herr Bjurströn seiner Aufgabe, bett erlöfenbcn Gott zu gestalten, allerdings auch nicht restlos gerecht werden können. Dazu gehört wohl eine Innerlichkeit, über btc nicht jeder Sänger ohne weiteres verfügt. 3onft war die Aufrührung wieder gut.
Besonders Herr Jürgensen als Jourdain und Fräulein H 0 f a ck e r als Zerbinetta trugen wieder zu ihrem Gelingen bei.
Das niebcrrheinische Musikfest. Vom 8. bis 10. Juni findet im Kölner Opernhaus das dreitägige niederrheinische Musikfest statt. Es gelangen folgende Hauptwerke zur Ausführung: Tie achte Sinfonie von Gustav Mahler (»Sinfonie der Tausend"), die „Nennte" von Beethoven, das Parzenlied von Brahms und zwei Klavier-Konzerte von Beethoven (Es) und Brahms (B) mit Eugen d'Albert. An Verbänden wirken der Kölner Gürzenich-Chor, der Aachener Chor und das Gürzenich-Orchester, auf 150 Musiker verstärkt, mit.
±2= Eine Ausstellung zur Erinnerung an ben Freiherrn vom Stein. Die Gräfin von der Gvebrn, die letzte Enkelin des Freiherrn vom Stein, hat, sich bereit erklärt, die im Steinschen Archiv befindlichen Andenken an den großen Staatsmann, im Nassauer Schloß, der Geburtsstätte des F re Herrn vom Stein, auszu- stelleu. Es befinden sich darunter Briefe vom Königsvaar, vom Zaren, von Blücher, Scharnhorst, Aorck, Gneisenau, Lützow, Metternich und vielen anderen.
Der Generalmajor als Komponist. Tie Erstaufführung des Fabelspiels „Die vernarrte Prinzeß" von Bierbaum, Musik von Oskar von Chelius, dem Flügeladjutanten des Kaisers, erwärmte im Braunschweiger Hosthea- ter erst im dritten Aft. Chelius erweist sich als Musiker von Kultur, aber das graziöse Textbuch wurde von der Wucht der Wagnerisch beeinflußten Musik erdrückt.
Verdi im Wagnerjahr. Zur smndert- jahrfeier von Verdis Geburtstag bringt die Leipziger Oper einen Verdi-Zyklus, der folgende Opern umfassen wird: Ernani, Troubadour, Traviata. Rigoletto, Maskenball, Aida, Othello, Falstaff und das Ballett Tie Jahreszeiten aus der Sizilianischen Vesper.
Ein neues Hardt-Drama. Ernst Hardt, bcr Dichter von „Taittris" und „Gudrun", Hai ein neues Drama „Schirni und Gertraude" vollendet. Auch diesen Stoff hat Hardt dem germanischen Sagenkreise entnommen. Das Werk soll im Oktober in Berlin feine Uraufführung erleben.
-L Die Engelsburg als Museum. Auf der Engelsburs in Rom ist jetzt ein musikhistorisches
Museum eröffnet worden. Die großartige Sammlung umfaßt nicht weniger als dreitausend Musikinstrumente, die nach den verschiedenen Zeitaltern geordnet sind.
In Macht, Gefahr und Eis.
Die Hilfsexpedition für Schröder-Strantz.
Christiania, 6. März. (Privat • Tele- Siamm.) Der Leiter der Hilfsexpedition nach Spitzbergen für den deutschen Nordpolfahrer Schröder-Strantz, Kapitän Staxrud, ist mit dem Arzt Bettmann itach Drontheim abgereist. Er hat die gesamte Ausrüstung mit der Eisenbahn vorhin gesandt, um sie von hier aus auf einen schnellfahrenden Dampfer zu verladen, der morgen abend von Drontheim abgehen soll. Das Expeditionsschiff „Martha" wird am Sonntag, den neunten März, in Drontheim erwartet. Am zwölften Mär; wirb das Schiff mit allen Expeditionsteilnehmern in Alpen in Finnmarken eintreffen, um drei Lappen mit zwanzig Renntieren an Bord zu nehtnen. Am vierzehnten oder fünfzehnten Mär; geht dann die Martha wieder in See und wird ebenfalls drei Tage später in Spitzbergen eintreffen.
Das Südpolar-Drama<
(Telegraphische Meldung.)
Sidney, 6. März-
Professor David erhielt von dem Südpolar- forscher M a w s 0 n ein drahtloses Telegramm, in dem dieser mitteilt, daß Leutnant Rinnis mit einem Hundeoespaun und fast allem Proviant in eine unergründliche Gletscherspalte stürzte. Tr. Merz und Mowson machten sich mit unzureichenden Lebensmitteln auf den Weg nach der Schutzhütte. Merz starb an den Folgen der Unterernährung und Maw so» mußte sich nun allein durch Schnee und Rebel hindurcharbeiten. Wohlbehalten gelangte er schließlich zur Schutzhütte. Das Expeditionsschiff „Aurora" hatte gewartet, solange eS sich mit seiner Sicherheit vertrug, hatte aher einige Stunden vor Mawsons Ankunft fortfahren müssen. In der Schutzhütte fand Mawson sechs Leute, die zurückgeloffcn waren, um nach ihm zu suchen.