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Rr. 7S. S. Jahrgang

Casseler Neueste Nachrichten

Freitag, 7. März 1913.

strophe desS. 126*, das am 17. November 1905 von dem kleinen Kreuzer »Undine" über­rannt und Lurch die darauf folgende Kessel- erplosion vollständig vernichtet wurde, wobei zweiunddreißig Mann der Besatzung ums Le­ben kamen. Im vorigen Jahre, an, 19. Juli und am 15. September, ereigneten sich zwei gleiche Katastrophen, bei denen die Torpedo­boote von großen Kriegsschiffen gerammt wur­den. Alle diese Unfälle erfolgten während der Nacht. Tie Schuldfragc zu erörtern, ist dabei völlig müßig, denn die Unfälle ergeben sich aus der Natur der Umgebungen. Tie Nacht­manöver abzuschaffen oder sie so einzurichten, daß derartige Verluste vermieden werden, ist natürlich unmöglich. Im Interesse der

Schlagfertigkeit der Flotte

Müssen die Manöver in durchaus kriegsmä­ßiger Weise Lis zur ä u ß e r st e n Grenze des Zulässigen abgehalten werden. Die Uebun- gen müssen sich genau so abwickelu, wie der ernste Kamps, für den sie das Personal und die Führer vorbilden sollen. Dazu gehört naiur- gnnäß völlige Abblendung der Lichter, denn der Wert der Torpedoboote liegt gerade in ihrem plötzlichen Auftreten und ihrer blitz­artigen Wirkung Diese Dunkelheit erhöht einerseits die Schwierigkeit der Manöver, an­dererseits die Gefahr eines Zusammenstoßes. Demnach ist ein Unfall, wenn er trotz der wei­testgehenden Aufmerksamkeit und Vorsicht ein­tritt, als höhere Gewalt zu betrachten. Solange es nötig ist, Torpedoboote kriegsmäßig ini Verein mit großen Schiffen auszubilden, werden gelegentliche Katastrophen nicht ausblei­ben. Solch ein Vorfall ist zweifellos beklagens­wert. zumal wenn er Menschenleben kostet, aber er liegt eben von vornherein in dem ge­fahrvollen Beruf des Seemannes begründet. Jeder Angehörige der deutschen Marine weiß, daß er dem Tode gegenübersteht, aber er weiß auch, daß die. Führer in vollem Verantwort- lichkeitsgefühl in jeder Weise die nötige Auf­merksamkeit und Umsicht anivcnden, um Un­fälle zu vermeiden. Hoffentlich wird es auf diesem Wege gelingen, die schon sehr geringe Zahl von unglücklich verlaufenen Manöver« in unserer Flotte noch mehr cinzuschränken.

Landtag und Menbahnrtat.

Dr. Schröder für die Eisenbahn-Beamten.

Im preußischen Abgeordnetenhaus entledigte man sich gestern zu Beginn der Sitz­ung einer Ehrenpflicht, Vizepräsident Dr.Porfch gedachte unter allgemeiner Teilnahme des schweren Unglücks, das unsere Marine bei Hel­goland betroffen hat. Dann ging man 3um Eisenbahnetat über, wobei der Vizepräsident des Hauses die Abgeordneten bat. sich möglichst kurz zu fassen, da der Etat bereits am acht­zehnten April dem Herrrnhausc zugehen müsse Als erster Redner sprach der

Abg. Dr. Schröder-Cassel (natl.): Angesichts dieser Mahnung werd- ich auf Einzelheiten möglichst wenig eingehen. Die Lage der mitt­leren und unteren Eisenbahnbeamten muß auf- gcbcssert werden. Ich verweise auf die längst notwenige Besserstellung der Werkmeister und Techniker, die am schlechtesten daran sind. Das Rangierpersonal erbittet eine andere Regelung seiner Dienstzeit und namentlich Beschränkung der Nachldienstzeit. Die Budgetkommission ist über die Petitionen der Beamten zur Tages­ordnung übergegangen, anstatt ihre sachliche Berechtigung zu untersuchen. Ans die Dauer wird eine Nachprüfung der Besoldungsordnung die mancherlei Härten und Fehler enthält, nicht zu unigehen sein. Es geht auf die Dauer nicht an, daß die preußischen Assistenten schlechter gestellt sind als die im Reich. Ebenso ist cs ein Mißstand, daß die vortragenden Räte in Preu­ßen und im Reich eine verschiedene Besoldung haben. Alle Vorredner haben das Lob unserer Eisenbahnen gesungen. Großen Anteil an den vortrefflichen Zuständen haben Beamte und

Arbeiter. Darum komm« man auch ihren be­rechtigten Wünschen entgegen

Minister von Breitcnbach: Der Etat bringt eine große Zahl neuer Stellen. 2700 Hilfsbe­amte werden in etatsmäßige Stellen entrücken können. Die Verwaltung ist lebhaft bemüht mit der

Besserstellung der Beamten

und Arbeiter fortzufahren.

Abg. Dr. Barenhorst (freikons.): Die gestern vom Abgeordneten Beyer für b'e Eiscnbahn- arbeiter vorgetragenen Wünsche unterstütze ich nachdrücklich. Ungleichheiten und Härten der neuen Besoldungsordnung müssen beseitigt werden

Abg. Delius iFortschr.): Das Heer der Eisenbahner ist nun auf über 544 000 Mann gestiegen. Die Verwaltung ist gewiß von Wohlwollen für ihre Beamten erfüllt. Aber es bedarf der Nachprüfung der Besoldungsord­nung. wie es unser Antrag will. Namentlich der Kanzleidienst bedarf gründlicher Reform.

Abg. Leinert <Toz.): Es sind nicht nur voc- übergehellde Zulagen notwendig, sondern die Lage der Unterbeamten muß dauernd anfge- befsert werden. Den Eisenbahnarbeitern muß mehr Bewegungsfreiheit eingeräumt werden. Sic stehen gewissermaßen unter Polizeiaussickn und werden zu würdelosen Kreaturen gemacht

Minister von Breitenbach: Ich habe das feste Zutrauen zu Beamten und Arbeitern, daß sie über eine solche Kritik lachen werden. (Siüt, Mischer Beifall.1 Die Rede war ht der Haupt, fache unwahr. (Erneuter stürmischer Beifall bet den bürgerlichen Parteien, Lärm der Sozial­demokraten.) Wenn 30 000 Arbeiter in Be­amtenstellurgen einrücken, spricht Leinert von würdelosen Kreaturen. Ich kann mich als Chef der Verwaltung nur freuen, wenn von sozialdemokratischer Seite solche Exzesse began­gen werden. (Stürmischer Beifall rechts. Lärm der Sozialdemokraten, Ruf des Abg. Lieb­knecht: Exzesse? Gegenrnf des Abg. Hoffmann: Zur Ordnung! Vizepräsident Dr. Krause: Ich habe manche Schärfe in der Rede des Abgeord­neten Leinert zugelassen. Jetzt müssen Sie sich auch die entsprechende Erwiderung gefallen lassen.)

Das Haus vertagt sich darauf bis Donners­tag: Tagesordnung: Fortsetzung.

*

Schwerinstag im Reichshaus.

Herr von Tirpitz machte gestern dem Reichstag in eigener Person Mitteilung von dem schweren Unglück in der deutschen Marine. Mit warmen Worten schloß sich Prä­sident Kaempff dem Nachruf des Staatssekre­tärs an, der, da Schwcrinstag war, bald die Regiernngsbauk verließ. Auf der Tagesord­nung stand der konservative Antrag, der kleine Garnisonen verlangt und ferner verschiedene andere Wünsche betreffend Urlaub, Kontroll­versammlung und Ernteschäden, Servisgelder und so weiter aufsührt. Begründet wurde der Antrag von Herrn von Flemming, der dir ^Schaffung kleiner Garnisonen im Interesse des Mittelstandes befürwortete. Weiter trat der Redner für e ne einmalige Kontrollversamm lüng ein. Tic Sozialdemokraten waren gegen einzelne Punkte des konservativen Antrags, die kleinen Städte hätten von den Garnisonen kei. ncrlei Vorteile und die Forderung der Ver­mehrung des Ernteurlaubs sei eine schwere Anklage gegen die zweijährige Dienstzeit, die also noch zu lang sei. Demgegenüber äußerten die Redner aller bürgerlichen Parteien mehr oder minder ihre Zustimmung.

Re Polittt des Lager.

Eine Kaiserrede in Bremen.

Der Kaiser traf gestern mittag, von 38tL helmshaven kommend, mit Gefolge in Ste­rn e n ein wo er vom Senat, den Spitzen der Behörden und dein Osfizierkorps empfangen

wurde. Er nahm, der Einladung des Senats folgend, das Frühstück im neuen Rathaus ein. wobei der Bürgermeister Dr. Barkhausen eine Begrüßungsrede hielt, in der er auch der Zeit vor hundert Jahren gedachte. Der Kaiser er­widerte mit einer längeren Rede, der wir foL genden Passus entnehmen:

Das Eingreifen der Vorsehung.

Eure Magnifizenz! Ich habe in Königsberg anläßlich der Jahrhundertfeier die erhebendsten Eindrücke miterleben dürfen, und ich bin lest Überzeugt, daß bei dem religiösen Sinn, der die Hansestädte und vor allem Bremen beseelt cs auch hier empfunden wird, daß das, was geschehen ist, durch das Eingreifen der Bor schung, das Eingreifen Gottes, geschehen ist. der die Völker demütigt, der sie aber auch wieder emporhebt. Was ich der Stadt Bremen wünsche, ist, daß sie sich bei dieser Feier erinnere an die göttliche Vorsehung, die uns in diesen hundert Jahren diese Wendung gebracht hat, daß sic sich voll Dankbarkeit erinnert an die große Entwicklung der Ration, an der durch die Blüte von Handel und Schiffahrt auch Bremen großen Anteil hat. Möge die heutige Generation sich würdig zeigen der Vorfahren, ihnen nacheifern und es ihnen gleichtun. Möge auch die heutige Jugend sich die damalige Ju­gend zum Vorbild nehmen in dex Hingabe an das Vaterland. Richt in dem Bestreben, sich möglichst auszuleben, sondern darin liegt ihre Pflicht, für das Vaterland zu lernen und für das Vaterland zu arbeiten. Wie damals ist heute unserem Volke die Aufgabe gestellt, seine Wehrhaftigkeit zu stärken, seine Wehrkraft aus- zubouen und es den Vorfahren vor hundert Jahren gleichzutun an pattiotischer Opferfreu- digkeit und Opferwilligkeit.

Der Abschied des Kaisers.

Kurz nach drei Uhr nachunttags verließ Le. Kaiser (wie aus Bremen telegraphisch ge­meldet wird) Las neue Rathaus und begab sich von dem zahlreich versammelten Publikum herzlichst begrüßt, zum Bahnhofe, von wo..er nach Verabschiedung vom Bürgermeister Dr. Balkhausen im Hofzuge um 3 Uhr 20 Minuten weiterreiste.

Der bayrische Besuch in Berlin.

Berlin, 6. März. (Privattelegramm.) Wie aus Akünchen hierher berichtet wird, ist Prinzregcnt Ludwig von Bayern mit feiner Gemahlin heisse früh uni 6 Uhr 10 Minuten mit Gefolge im Sonderzuge nach Berlin ab­gereist. Die Ankunft in Berlin findet in den ersten Nachmittagsstunden statt. Sämtliche Morgenblätter bringen dem Prinzregenten Willkommengrüße dar. Das BerlinerTage­blatt" schreibt: In dem Besuch des berufenen Repräsentanten des größten deutschen Bundes­staates dokumentiert sich die Zusammeuge­hör i g k e i t des deutschen Südeys mit dem Norden in einem Augenblick, der voll Span­nung und Schwierigkeiten auf innerem und äutzcrm Gebiete ist. Der Prinzregent wird während seines Aufenthaltes in Berlin die bayerischen Reichstags - Abgeordne­ten, soweit sie den bürgerlichen Parteien an­gehören, in besonderer Audienz empfangen.

Trennung von Kirche und Staat, in Schwarz­burg-Rudolstadt? Im Schwarzburg-Rudol- städtischcn Landtag gab, einem Telegramm aus Rudolstadt zufolge, der Staatstninister das Versprechen ab, ein Gesetz über Trennung der Kirche vom Staat vorzulegen, wenn der Landtag dies wünsche. Bekanntlich bewilligte die sozialdemokratische Mehrheit des Landtages jüngst den Etat.

Abgeordneter von Kaphengst P. Depeschen aus Berlin' zufolge, ist gestern der konser­vative Reichstapsabgeordnete Axel von K a-

Hengst, der Vertreter des Wahlkreises Ost- und Weststernberg plötzlich gestorben, von Kap- hengst, der nur ein Alter von zweiundvierzig Jahren erreicht hat, vertrat seinen Wahlkreis seit 1907.

Neuer turnt Lage.

Die Attentäter von Henningsdorf.

Berlin, 6. März. (Privattelegramm.) Die Berliner Kriminalpolizei verhaftete gestern in Velten zwei Arbeiter aus Marwitz unter dem dringenden Verdacht, das schwere Ver­brechen gegen die Automobilisten bei Hen­ningsdorf verübt zu haben. Auch meldete sich bei der Polizei eine Frau, die angab, daß vor einiger Zeit ein übel beleumundeter Arbeiter zu ihrem Mann gekommen sei und ihn ersucht habe, ihm bei der Ausübung eines Verbrechens auf ein Automobil behilflich zu sein. Das Seil, das über die Chaussee gespannt werden sollte, habe er bereits. Wie die Frau weiter angab, habe der Mann ganz offen erklärt, daß nach dem etwaigen Unfall eines Automobils eine Beraubung der Insassen vorgenommen werden sollte. Wie weit die Angaben der Frau zutreffen, wird die weitere Untersuchung er­geben.

Zwei Opfer einer Auto-Katastrophe.

Grotzgerau, 6. März. (Telegraphische Meldung.) Auf der hiesigen Kreisstraße von Langen nach Großgerau fuhr gestern nachmit­tag ein fremdes Automobil gegen einen Baum. Die Insassen, der Kaufmann Otto Dähne und der Kaufmann Gustav Rothweiler wurden herausgeschleudert. Während Rothweiler nur Verstauchungen und leichte Hautabschürfungen erlitt trug Dähne einen Schenkelbruch und innere Verletzungen davon, die seine sofortige Ueberführuna in das hiesige Krankenhauus notwendig machten.

Architekt und Kirchenräuber.

Straßburg, 6. März. (Privat-Tele, gramm.) Ein bekannter Straßburger Ar­chitekt ist unter dem Verdacht des Kirchen­raubes verhaftet worden. Weitere Verhaf­tungen sollen in dieser Angelegenheit bevor­stehen. In der letzten Zeit ereigneten sich in üddeutschland und ganz besonders im Elsaß

zahlreiche Diebstähle in Kirchen. Die Täter hatten es dabei vorwiegend auf wertvolle Bilder und holzgeschnitzte altertümliche Sta­tuen der Kirchenkunst abgesehen. Die sich immer von neuem wiederholenden Diebstähle verursach, ten unter der Landbevölkerung die größte Er- btttcrung. Soweit die Untersuchung bis heute ergeben hat, ist mit den geraubten Gegenstände ein zchwunghafter Handel nach Paris und anderen französischen Orten betrieben wor­den, dessen eigentlicher Organisator der jetzt verhaftete Architekt gewesen fein soll.

ts Henningsdorf macht Schule! Der bet Henningsdorf verübte Anschlag auf das Auto­mobil des Berliner Juweliers Plunz hat int Elsaß Nachahmer gefunden. Auf der Staats­straße zwischen Altdorf und Düttlenheim wurde gestern namittag zwischen zwei Bäume ein Drahtfeil gespannt. Der Autohändler Bugatti fuhr gegen das Seil, ohne bremsen zu können. Der Wagen stürzte um und wurde schwer be­schädigt. Die Insassen blieben glücklicherweise unverletzt.

LL Ein Eisenbahnunglück im Altonaer Bahnhof. Ein von Kiel in Altona eintref- fenber Zug sprang kurz vor der Einfahrt bei dem Stellwerk aus den Schienen. Sechs Wa­gen wurden erheblich beschädigt. Von den Passagieren erlitten einige leichtere Verletzun­gen. Der Betrieb wird durch llmsteigen auf­recht erhalten. Bis jetzt konnte noch nicht fest­gestellt werden, worauf das Unglück zurückzu­führen isi.

Die Chronik bcr Auto-Katastrophen. Bei Kempten im Allgäu fuhr ein dem Mc-

jfeuilleton.

Sinnspruch.

Was dein Ange an anderen sah, Wird anderen nicht an dir entgehen, Wir stehen uns selber viel zu nah', Um unsere Fehler selbst zu sehen.

Tiedge.

Berliner Auto-Apachen.

Nach der Marwitzer Schreckenstat.

(Von unserm P. 8. - Korrespondenten.)

Berlin, 6. März.

Tas übschculiche Attentat, das am Sonntag abend auf der Bennigsdorfer Chaussee verübt wurde, hat uns Berliner mit Angst und Schrei­ten erfüllt. Und nicht nur die mit einem eige­nen Kraftfahrzeug Gesegneten sind nervös ge­worden, auch der bescheidene Futzwanderer steht in dem Verbrechen ein tief beunruhigen des Symptom dafür, daß es mit der persönli­chen Sicherheit auf den Landstraßen in der Nähe von Berlin sehr rasch bergab geht. Und wenn wir vielleicht noch nicht über die große Anzahl von Banditen verfügen, wie Paris, sie sind doch da, und sie sind auch noch nicht ver­schwunden, wenn man einige erwischt und um einen Kopf kürzer macht. Tenn die Großstadt gebiert immer von neuem die unheimlichen Ge­stalten, die mit kalter Berechnung ihren bluti­gen Kampf gegen die Gesellschaft führen. Das Verbrechen von Marwitz hat den zweifelhasteit Vorzug, in seiner Anlage Original zu sein. Aber jener Schimmer von Romantik, der die Taten der Pariser Banditen umwob, der sehlte hier völlig. Ten Franzosen kam es nicht nur auf den nackten Gewinn an. So verurteilens­wert ihre Handlungen waren, sie setzten doch wenigstens das eigene Leben brau, suchten durch einen echt gallischen Elan zu verblüffen und strebten im übrigen danach, wonach noch je ein Pariser strebte, Held des Tages zu sein.

Mit ihrem traurigen Ruhm können sich un­sere Berliner nicht messen. Sie legten uns eine Schlinge nach Art der Wilddiebe und warteten feige im Versteck ab, ob die Opfer schwach ge. nug waren, daß man sich ihnen nähern konnte. Lange genug mag der Plan ausgehcckt gewesen

sein, und genau genug war er vorbereitet, denn aus einem Drahtseil eine Guillotine für Auto­mobilisten zu machen, das war kein so ganz leichtes Stück. Es ist immer für die Menschheit ein Schrecken, wenn ein neues Verbrechen er­sonnen ist. - Denn die leicht erregbare Phanta­sie der moralisch Minderwertigen bemächtigt sich sofort dieser neuen Idee. Ja, man darf sogar annehmen, daß dies nur der erste Anreiz zu Verbrechen ähnlicher Art sein wird. Und wenn erst einmal halbwegs ein Erfolg erzielt wurde, bann pflegt es an Nachfolgern nicht zu fehlen. Wie man sich gegen sie schützen soll? Nun, man ist ihnen ziemlich rettungslos preis- gegeben. Denn welches Aufgebot von Mann­schaften wäre nötig, um die zahllosen nach Ber­lin führenden Landstraßen zu sichern! Und wenn auch unsere Automobilisten vielleicht in Zuftinst vorsicktiger fahren werden, wenn sich am Ende auch bas Verbrechen nicht wieder­holt ... die Freude an abendlicher Fahrt ivirb ihnen bis auf weiteres vergällt sein. .... Aber das jetzige Verbrechen hat auch noch seine sehr persönliche und tragische Seite. Der Juwelier Plunz und seine Frau hatten Jahre lang getrennt von einander' gelebt. Run end­lich war zur Freude der erwachsenen Kinder die Einigung wieder erfolgt, und der gestrige Ausflug war etwas wie eine zweite Hoch­zeit im engsten Freundeskreise. Man hatte sich tagsüber sehr vergnügt, und alle waren nun sroh, daß der Frieden ins Haus wieder einge­kehrt war. Er war nicht allein gekommen. Dicht hinter ihm schritt der Tod und nahm die eben Vereinten mit sich in sein Reich.

" Königliche Schauspiele. Ta Herr Wind­gassen noch iitdisponiert ist, sang Herr Bjur- st 1 ö u vom Herzoglichen Hoftheater in Gotha gestern die Partie des Bacchus. Ter Gast zeigte sich als ein Tenor von recht ansprechenden stimmlichen Mitteln van heldentenoraler Fär­bung, die dem Bacchus gesanglich zu guter Wirkmig verhalfen. Im Duett mit Ariadne hatte der Säuger reckt glückliche Momente. Darstellerisch hatte Herr Bjurströn seiner Aufgabe, bett erlöfenbcn Gott zu gestalten, allerdings auch nicht restlos gerecht werden können. Dazu gehört wohl eine Innerlichkeit, über btc nicht jeder Sänger ohne weiteres ver­fügt. 3onft war die Aufrührung wieder gut.

Besonders Herr Jürgensen als Jourdain und Fräulein H 0 f a ck e r als Zerbinetta tru­gen wieder zu ihrem Gelingen bei.

Das niebcrrheinische Musikfest. Vom 8. bis 10. Juni findet im Kölner Opernhaus das dreitägige niederrheinische Musikfest statt. Es gelangen folgende Hauptwerke zur Ausführung: Tie achte Sinfonie von Gustav Mahler (»Sin­fonie der Tausend"), dieNennte" von Beetho­ven, das Parzenlied von Brahms und zwei Klavier-Konzerte von Beethoven (Es) und Brahms (B) mit Eugen d'Albert. An Verbän­den wirken der Kölner Gürzenich-Chor, der Aachener Chor und das Gürzenich-Orchester, auf 150 Musiker verstärkt, mit.

±2= Eine Ausstellung zur Erinnerung an ben Freiherrn vom Stein. Die Gräfin von der Gvebrn, die letzte Enkelin des Freiherrn vom Stein, hat, sich bereit erklärt, die im Steinschen Archiv befindlichen Andenken an den großen Staatsmann, im Nassauer Schloß, der Ge­burtsstätte des F re Herrn vom Stein, auszu- stelleu. Es befinden sich darunter Briefe vom Königsvaar, vom Zaren, von Blücher, Scharn­horst, Aorck, Gneisenau, Lützow, Metternich und vielen anderen.

Der Generalmajor als Komponist. Tie Erstaufführung des FabelspielsDie vernarrte Prinzeß" von Bierbaum, Musik von Oskar von Chelius, dem Flügeladjutanten des Kaisers, erwärmte im Braunschweiger Hosthea- ter erst im dritten Aft. Chelius erweist sich als Musiker von Kultur, aber das graziöse Text­buch wurde von der Wucht der Wagnerisch be­einflußten Musik erdrückt.

Verdi im Wagnerjahr. Zur smndert- jahrfeier von Verdis Geburtstag bringt die Leipziger Oper einen Verdi-Zyklus, der fol­gende Opern umfassen wird: Ernani, Trouba­dour, Traviata. Rigoletto, Maskenball, Aida, Othello, Falstaff und das Ballett Tie Jahres­zeiten aus der Sizilianischen Vesper.

Ein neues Hardt-Drama. Ernst Hardt, bcr Dichter vonTaittris" undGudrun", Hai ein neues DramaSchirni und Gertraude" vollendet. Auch diesen Stoff hat Hardt dem germanischen Sagenkreise entnommen. Das Werk soll im Oktober in Berlin feine Urauf­führung erleben.

-L Die Engelsburg als Museum. Auf der Engelsburs in Rom ist jetzt ein musikhistorisches

Museum eröffnet worden. Die großartige Sammlung umfaßt nicht weniger als dreitau­send Musikinstrumente, die nach den verschiede­nen Zeitaltern geordnet sind.

In Macht, Gefahr und Eis.

Die Hilfsexpedition für Schröder-Strantz.

Christiania, 6. März. (Privat Tele- Siamm.) Der Leiter der Hilfsexpedition nach Spitzbergen für den deutschen Nordpolfahrer Schröder-Strantz, Kapitän Staxrud, ist mit dem Arzt Bettmann itach Drontheim abgereist. Er hat die gesamte Ausrüstung mit der Eisenbahn vorhin gesandt, um sie von hier aus auf einen schnellfahrenden Dampfer zu verladen, der morgen abend von Drontheim abgehen soll. Das ExpeditionsschiffMartha" wird am Sonntag, den neunten März, in Drontheim erwartet. Am zwölften Mär; wirb das Schiff mit allen Expeditionsteilnehmern in Alpen in Finnmarken eintreffen, um drei Lappen mit zwanzig Renntieren an Bord zu nehtnen. Am vierzehnten oder fünfzehnten Mär; geht dann die Martha wieder in See und wird ebenfalls drei Tage später in Spitz­bergen eintreffen.

Das Südpolar-Drama<

(Telegraphische Meldung.)

Sidney, 6. März-

Professor David erhielt von dem Südpolar- forscher M a w s 0 n ein drahtloses Telegramm, in dem dieser mitteilt, daß Leutnant Rinnis mit einem Hundeoespaun und fast allem Pro­viant in eine unergründliche Gletscher­spalte stürzte. Tr. Merz und Mowson mach­ten sich mit unzureichenden Lebensmitteln auf den Weg nach der Schutzhütte. Merz starb an den Folgen der Unterernährung und Maw so» mußte sich nun allein durch Schnee und Rebel hindurcharbeiten. Wohlbehalten gelangte er schließlich zur Schutzhütte. Das Expeditions­schiffAurora" hatte gewartet, solange eS sich mit seiner Sicherheit vertrug, hatte aher einige Stunden vor Mawsons Ankunft fortfahren müssen. In der Schutzhütte fand Mawson sechs Leute, die zurückgeloffcn waren, um nach ihm zu suchen.