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COler NM Nachrichten

Casseler Abendzeitung «S3 Hessische Abendzeitung ________

gnferttonäpretfe: Die fe<5»gefpattene Zeile für einheimische Beschilfte 15 Pfg., für aus. roärttge Inserate 25 Pf, Reklamezeile für einheimische BeschLft« 40 Ps, für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 War! pro Tausend be. rechnet. Wegen chrer dichten Berbrettunz in der Refldenz uns der Umgebung find die Lasseier Neueste» Nachrichten ein vorzügliches Jnserttonsorgan. BeschäftSitells: Kölnische Straße 5 Berliner Vertretung: SW., Iriedrichftratze 16, Telephon: Amt Mor'.tzplatz 12584

Nummer 72. Fernsprecher 951 und 952. Freitag, 28. Februar 1913. Fernsprecher 951 und 952. 3. Jahrgang.

Me Casseler Neueften Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Ter AbonnementSpreis beträgt monatlich 50 Pfg. bei freier Zustellung in« Hau». Bestellungen werden lederzett von der Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommen Druckerei, Verlag und Redaktton: Schlachthofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bis 8 Uhr abend». Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bis 8 Uhr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrtchstr. 16, Telephon: Amt Morttzplatz 12584.

Sie Ketzer von Rudolstadt.

SStzen-Dämmerung im Zuknnftftaat?

Die sozialdemokratische Mehrheit des Rudolstadter Landtags hat sich grundsätzlich für die Annahme des Etats erklärt. Bei der Einzelbera­tung wurden die Dotation des Fürsten in Höhe von 300 000 Mark und die Be­amtengehälter bewilligt und ein An­trag angenommen, bei Ordensverlei­hungen besondere Abgaben zu schaffen.

Es geschehen auch heut noch Zeichen und Wunder, und wer sie zu deuten versteht, schaut in ihrem Wesen zwar nicht dämmerige Roman­tik oder erdenfernen Mystizismus, aber man erkennt in ihrem Werden und Weben die sieg­hafte Macht der E r k e n n t n i s, die Ueber- zeugungswucht natürlicher Logik und den Triumph der Vernunft über starren Dogma­tismus und doktrinäre Theorien. Das rote Parlament von Rudolstadt, dessen Erziehung zur Leistung positiver Arbeit am Tag seines Werdens der Regierung im Fürstentum ein un­lösbares Problem dünkte, hat sich überraschend schnell in den Pflichtenkreis parlamentarischer Mehrheit-Herrschaft hineingefunden, hat auf dem Weg zum Ziel des Sehnens den Erden­rest rustikalen Genoffentums ohne schwächlich Zaudern und Erröten preisgegeben und gleich bei der Generalprobe seiner Leistungsfähigkeit als gesetzgebender Faktor im Bereich kleinstaat­licher Enge den Beweis erbracht, daß auch die moderne Sozialdemokratie politisch produktiv und positiv zu arbeiten vermag, wenn sie ihres Macht- und Herrschaftstrebens Ziel nicht in den purpurfarbnen Traumgebilden Ledebour'- scher oder Stadthagen'scher Phantasien erspäht. Die Genossen von Rudolstadt, die des Landtags Willen lenken, haben die Notwendigkeit er­kannt, dem Staat die Mittel zur Erfüllung sei­ner Verwaltungspflichten zu bewilligen, dem Landesfürsten die ihm verfassungsrechtlich zu­stehende Dotation ungekürzt zuzubilligen und den in Dienst und Sold des Staats stehenden Beamten den Genuß ihres Diensteinkommens ungeschmälert zu erhalten: Sie haben damit die Staatsform, in ihrer monarchischen Gestal- mng anerkannt und sich in den Dienst ihres Zwecks (der Landesverwaltung) gestellt.

Der prickelnde Reiz des Ereignisses be­schränkt sich allerdings auf das parteipoli­tisch - psychologische Motiv der Abkehr vom geheiligten Dogma der Negation, denn vom allgemein-politischen Standpunkt aus be­trachtet, gewinnt das Bild schon ein mehr all­tägliches Aussehen. Die Waffe der Mehrheit- Herrschaft im Parlament gibt nicht nur Rechte in die Hand: Sie bürdet ihren Inhabern auch Pflichten auf, uyd eine der wichtigsten und unabweislichsten Pflichten eines Parlaments ist die wirtschaftliche Sicherung des Staatsbetriebs, also die Schaffung und Bewil­ligung derjenigen Mittel, die erforderlich sind, um die Staatsmaschine ungestört und unge­hemmt in Gang zu erhalten. Hätten die parla­mentarischen Machthaber von Rudolstadt, dem Dogma und dem Parteiproramm getreu, der Regierung »jeden Groschen geweigert", dem Fürsten die Zivilliste und den Beamten die^Ge- hälter vorenthalten, dann wäre im kleinen Für- stentümchen zwar noch nicht der Zukunftsstaat aus der von den Tränen der bürgerlichen Ge­sellschaft genetzten Erde emporgewachsen, aber die Situation würde vermutlich doch recht un­erfreulich und brenzlich geworden sein, und die Folgen des zielbewußten Festhaltens am star­ren Dogma der Negation hätten sich mögli­cherweise im Heer der Wähler in dem Aufdäm­mern der Erkenntnis offenbart, daß man zur­zeit mit einer roten Parlaments-Mehrheit im deutschen Vaterland noch keine ernsthafte Po­litik machen kann. Und das wäre doch immer­hin peinlich gewesen. Blieb also als einzi­ger Ausweg aus dem Dilemma der Zwang: Erbringung des Befähigungs-Nachweises zu positiver politischer Arbeit!

Dieser Befähigungs-Nachweis ist nun er­bracht: Schwarzburg-Rudolstadt gedeiht, be». schattet von der Sonne der roten Internatio­nale, munter weiter; die Flutwelle desgroßen Kladderadatsch" hat sich als harmlos Plätschern eines stillen Bächleins entpuppt und Fürst und Regierung empfangen aus schwieliger Genos­senfaust den gleichen Tribut, den vordem der Bourgeois murrend und knickernd seiner Hand entwinden ließ. Das alles hat sich so natürlich, selbstverständlich und folgerichtig entwickelt, daß man fast nicht darüber erstaunt sein kann, und das Ereignis wird auch vermutlich erst dann in seiner ganzen Tragweite entschleiert, wenn im bengalischen Feuerwerk des kommen­den parteipolitischen Ketzergerichts Theorie und Praxis, Dogma und reine Vernunft, Tradition und Notwendigkeit, Phrase und Wertgehalt ge­

geneinander abgewogen werden. Man wird vielleicht im Rat der Zionswächter des Ge- nossentums die Männer von Rudolstadt als Ketzer und Verräter brandmarken, ihre Abkehr von der Unfruchtbarkeit starrer Negation zum Zwang praktischer Arbeit als Verbrechen wider Zielbewußtsein und Tradition anklagen, und, wenn die Glut der Leidenschaften die Kühle der Vernunft besiegt, die Rudolstädrer Parlaments- Beherrscher zu Acht und Bann verdammen. Es ist immer das Vorrecht der Fanatiker, den An­dersgläubigen als Ketzer zu verfluchen, und niemand wird es Herrn Ledebour verargen, wenn er angesichts desVerrats von Rudol­stadt" in den Koller fährt und die Schuldigen vors Tribunal der Feme zerrt. Das Ereignis selbst indessen bleibt, was es ist: Der Beweis sozialdemokratischer Anpassungsfähigkeit an die Forderungen bürgerlicher Staatsordnung. Und dieser Tatbestand braucht nicht nur die Zielbe­wußten unterm Panier der roten Internatio­nale zu erhitzen, sondern er darf auch außer­halb des Grenzsirichs der Zukunftstaat-Jdee zu mancherlei nützlichen Betrachtungen an­regen. . .! F1 H-

Sie internationale Krise. Die allgemeine Spannung dauert an! Die internationale Spannung wegen der

Vorgänge am B a l k a n dauert an, und irgend eine tatsächliche Lösung der Krise ist bis jetzt jedenfalls noch nicht gefunden. Es heißt zwar, daß die F rie d en sv erhand lun- gen zwischen der Türkei und den Verbündeten in den nächsten Tagen wieder ausgenommen werden sollen, doch scheinen die Aussichten neuer Verhandlungen, wenn sie wirklich beginnen sollten, sehr unbestimmt zu sein, während man der morgen in London zusammentretenden Botschafter-Konferenz auf allen Sei­ten mit wenig Zuversicht entgegensieht. Wir verzeichnen folgende Drahtmeldung:

Noch immer keine Einigung!

lP r i v a 1 - T e l e g r a m m.)

Wien- 27 Februar.

Die morgige Botschafter-Konfe­renz in London wird noch keine Lösung der Abgrenzungsfrage Albaniens zu verzeich­nen haben. Zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland dauern die diesbezüglichen Verhand­lungen zwar fort, eine vollständige Einigung ist aber noch in keinem Punkte (auch nicht in der Skutari-Frage) erzielt worden. Die Verhandlungen werden jedoch in äußerst freundschaftlicher Weise fortgesetzt, und es ist (wie man hier glaubt) als sicher anzunehmen, daß sie in allernächster Zeit ein befriedi­gendes Resultat erzielen werden. Nach aus Belgrad vorliegenden Meldungen wird Rußland in der morgigen Sitzung der Lon­doner Botschafter-Konferenz der Forderung Oesterreich-UNgarns nach Ueberlaffung Sku- taris an Albanien seine Zustimmung erteilen. An Serbien soll das Gebiet zwischen der west­lich von Ipek und Dibra zu ziehenden alba­nischen Grenze und dem Wardarfluß bis Sa­loniki angegliedert werden. Außerdem erhält es eine neutralen Ausgang an der Adria.

lieber die Situation auf dem Kriegs­schauplatz berichtet folgendes Privat- Telegramm aus Konstantinopel: Die bulgarische Armee konzentriert sich rück­wärts nach Demotika. Die Bulgaren scheinen noch vor Wiederaufnahme der Friedensvcr- handlungen einen energischen Vorstoß gegen Adnanopel unternehmen zu wollen, um dieses noch vorher in ihre Hand zu bekommen. Bei Bulair soll ein neuer K ampf stattgefunden haben. Einzelheiten fehlen jedoch noch. Eine andere Mitteilung besagt, daß die Kriegs­operationen augenblicklich infolge der schlechten Witterung eingestellt worden seien.

Neue Friedens-Verhandlungen?

Konstantinopel, 27. Februar. (Pri- vat-Telegramm.) Einer Zeitung zufolge sollen die Friedensverhandlungen, wenn Bulgarien nicht neue Verzögerungen we­gen Adrianopcl veranlaßt, am nächsten Montag beginnen. Man glaubt zu wissen, daß geheime Friedensverhandlungen zwischen der Tüttel und den Balkanstaaten im Gange sind, und zwar werden diese von dem bulgari- scheu Gesandten in Petersburg und einem De­legierten der Pforte geführt. Die Verhandlun­gen ständen bereits nahe vor dem Abschluß.

Nervosität an der Grenze!

Frankreich verstärkt die Grenzwacht.

Brüssel, 27. Februar. (Privat - Tele- gram m.) Seit dem Bekanntwerden der deut­schen Heerespläne wird eine erhöhte Tä­tigkeit der ftanzöstschen Militärbehörden mr der belgischen Grenze gemeldet, insbe;on« dere bei Moubeuge, wohin fortgesetzt Exrra- züge mit ungewöhnlichen Pulvermen-

Cd. 96,00

4

37»

181

400

240

240

420 Millionen Mark 4

100 4

Jahr 1906 1908) 1908) 1909) -909» 1910

1911 1912

1913

Die Not der Staatspapiere.

Es war anzunehmen, daß der preußische Staat und das Reich die Absicht hatten, schon im Januar dieses Jahres mit neuen Anlei­hen herauszukommen, wie das auch im Vor­jahr geschah, um sich das Bedürftiis des Kapi- talisten-Publikums nach Uebernahme neuer, fest verzinslicher Wertpapiere (das im Januar stets hervorzutreten pflegt) zunutze zu machen. Durch diese Rechnung haben die Türken ei­nen Strich gemacht: Die Ablehnung der Vor­schläge der Londoner Konferenz durch die Tür­kei erschreckte die Börsen und die Geldmärkte, die auf baldigen Frieden am Balkan gehofft hatten, von neuem sehr; alle Börsenwerte fte- len, und der Kurs unserer heimischen vierpro­zentigen Renten sank unter pari. Unter solchen Umständen war für die Begebung neuer großer Staatsanleihen natürlich ein sehr schlechter Zeitpunkt. Mitte Januar 1912, als die letzte große Staatsanleihe heraus­kam, stand der Kurs der vierprozentigen preu­ßischen Konsols über 102 Prozent; in diesen Tagen erreichte dieser Kurs hingegen nur den Pari-Kurs, und er sank gestern wieder aus 99,80. Aber was hilft es, Geld für staatliche Zwecke wird gebraucht, und es mutz nun auch zu u n g ü n st i g e r e n Bedingungen her­beigeschafft werden. Der hier folgende Ver­gleich erhellt das. Der preußische Staat nahm an Anleihen auf:

140 .. .. 4

würbe keine Anleihe begeben.

Geld um jeden Preir!

Neue Anleihen für Reich und Staat.

In demselben Augenblick, da der Geld­markt in Berlin eine neue merkliche Verstei­fung erfuhr, saßen gestern die Häupter der Hochfinanz und der Finanzverwaltungen vom Reich und Preußen in der Reichsbank zusam­men, um die Ausgabe der neuenAnleihen zu beraten. An der Börse folgte man diesen Verhandlungen mit der gespanntesten Aufmerk­samkeit. Man schien auch ziemlich gut unter­richtet zu fein, wenigstens über den allgemeinen Stand bet Angelegenheit. Mittlerweile haben dann im Laufe des gestrigen Tages die unter Führung der Reichsbank und der preußischen Staatsbank stehenden Konsortien beschlossen, von den Finanzverwallungen 50 Millionen Mark Reichsanleihe und 100 Millionen preußische Staatsanleihe (beide vierprozentig bis 1925 unkündbar) zu überneh­men. Ferner wurden 400 Millionen vierpro­zentige preußische Schatzanweisun­gen übernommen. Die näheren Bedingungen der Anleihe-Uebernahme sind im heutigen H a n d e l s t e i l bekanntgegeben.

gen befördert werden. Mehrere Extrazüge ka­men direkt von Calais, woraus geschlossen wird, daß England einen Teil der Pulver­mengen liefert. Auch werden die französischen Grenzgarnisonen hinsichtlich des Mann­schaftsbestandes bedeutend verstärtt.

98,?5 98,40 94,80

102,00 101,30

100,80

98/0

99,3»

95,60

102,70

102,00

101,40

96,60

Summe Zms Begeb. Kurs Zeickm. Kurs 300 Millionen Mark 3*/, 99,40 100,00

Dreihundertfünfzig Millionen!

Es ist nach dieser Tabelle, seit Jahren nicht entfernt ein so niedriger Preis für eine vierprozentige preußische Anleihe bewilligt wor­den wie diesmal; und es ist mit der Begebung der Anleihe demgemäß diesmal ein großer Verlust für den Staatssäckel verbun­den. Daher nimmt das Reich auch nur sünfzig Millionen zu dem gleichen ungünstigen Kurse an neuer Anleihe auf, und es fragt sich, ob man damit auskommen wird, oder ob noch in diesem Jahre eine neue Reichsan­leihe zu erwarten ist. Ter preußische Staat Hilst sich dadurch, daß er die ganze Summe, die er jetzt braucht, nicht in einer Anleihe begibt, sondern zum größten Tefl in einem kürzer be­fristeten Bord in Schatzscheinen, die nach obiger Meldung mit geringerem Kursverlust zu begeben sind, als langftisttge Anleihen, und die er Wohl später in Anleihen umwandeln will. Wenn oben ein Betrag von 400 Millio­nen solcher Schatzscheine genannt ist, so kommt dabei in BetracÄ, daß hiervon die Hälfte lediglich zum Umtausch von am ersten April fälligen 200 Millionen alten Schatzstbeinen be­nötigt wird. Neu erforderlich sind also zwei­hundert Millionen Mark, so daß die ganze Anleihetransaftion einen Wert von dreihun­dertfünfzig Millionen Mark reprä­sentiert.

9er Abschied hon Berlin.

Die Abreise des dänische« Königspaares.

Berlin, 27. Februar. (Priva t-T ele- gramm.) Das dänische Königspaar hat heute morgen kurz nach acht Uhr Berlin verlas­sen. Zum Abschiede hatte sich der K a i f e r mit der Prinzessin Eitel Friedrich und dem Ehren­

dienste eingefunden. Die Verabschiedung der beiden Herrscher war eine außerordentlich herz­liche. Kaiser Wilhelm unterhielt sich mit dem König sehr angeregt bis zur Abfahrt des Zuges.

Sie Memoiren eines Sultans.

Gedanken u. Erinnerungen eines Entthron­ten; Abdul Hamid über die Ursache« des Erfischen Zusammenbruchs r DieneueZeit!

Ter Erfultan Abdul datnib roar etn tluger Mann, und seine Tagebuch blätter, die von der Monats, fchrift Nord und Süd veröffentlicht werden, würden uns erneut beweisen, wenn sie echt sind, Tor Heraus» gebet der genannten Zeitschrift hat sich allerdings für die Echtheit verbürgen zu können vermeint. Aber er kann düpiert rooiben sein. Immerhin unter» stützen interessante Bemerkungen AbdulS oder Pseudo- Abduls dte publizisttsche Pflicht, aus der Fortsetzung der Beröflenklichung daS eine oder andere zu zitteren.

Der Türke und die Religio«.

In feinen Tagebuchblättern schreibt Abdul Hamid über den Islam: Unser ganzes Unglück ist, daß unser Reich kein abgeschlossenes Ganzes mit einem einheitlichen Religions­element darstellt, daß wir eben die vielen Christen im Laude haben. Es muß das unbe­dingt zerfetzend wirken, wie wir das gleiche Schauspiel auch in anderen Staaten sehen. Ver­schiedene Religionen oder Konfessionen in einem Lande sind vom Uebel: Das sieht mau beispiels­weise am Deutschen Reiche. Die Festigkeit des Staatsgebäudes muß notwendig leiden, wenn in feinem Innern wegen der Religions­bekenntnisse erbitterte Zwistigkeiten ausgefoch­ten werden. An einer anderen Stelle heißt es: Das internationalste Reich der Welt ist unser Osmanisches Reich. Zu uns gehören Türken, Araber, Kurden, Amanten, Bulgaren, Griechen und Neger. Trotzdem sind wir eine durch unfern Glauben geeinigte große Familie. Niemals darf das Osmanentum ru sehr herausgekehrt werden, sondern vor allem, daß wir'Moslems sind; überall und stets soll betont werden, daß ich der Emir-ül-Mumi- nin (der Fürst der Rechtgläubigen), Herrscher der Osmanen erst in zweiter Linie bin, denn die Grundlage unseres ganzen Staatswesens ist uttfere Religion. Leider hat es England mit seiner perfiden Politik fertiggebracht, das Nationalitätsseuer in meinem Reiche zu entfachen.

Patriotismus und Toleranz.

Ueber den Begriff des Patriotismus bemerkt der Exfultan: Immer und immer wie­der beginnen einige europäisch angehauchte junge Männer Patriotismus zu predigen. Niemals soll und darf in unserem Reiche derPatriotismus" die Oberhand gewinnen. Die Liebe zum Glauben und zum Kalifen kommt an allererster Stelle, dann die Liebe zum Heimatland. Die Engländer suchen in den Län- $ern des Islams die Nationalitätsidee zu ver­breiten. um mein Ansehen zu schwächen. Weit ist es sckon in Aegypten gekommen, die ägyp­tischen Patrioten beforgeu, o-hne daß sie es ahnen, die Geschäfte Englands, sie untergraben die Macht des Islams und das Ansehen unse­res osmanischen Kalifats. Abdul Hamid unter­sucht auch den Begriff derT o l e r a u z", und er kommt zu folgenden Bemerkungen: Wenn unserem Islam Intoleranz vorgeworfen wird, so zeugt das von völliger Unkenntnis der Ver­hältnisse. Wäre unsere Religion in den frühe­ren Jahrhunderten nicht so tolerant gewesen, stände es heute um die Festigkeit unseres Rei­ches jedenfalls besser; wir hätten daun alle An­dersgläubigen gezwungen, den Islam anzu­nehmen.

Das Verhängnis des Müßiggangs.

Und dann fährt Abdul Hamid fort: De? Müßiggang ist den weitesten Schichten un­seres Volkes so in Fleisch und Blut übergegan­gen, daß man wohl mit Recht sagen kann: Un­ter ganzes Unglück kommt aus dieser Quelle. Das süße Nichtstun wird als höchstes Glück betrachtet, so daß jeder danach strebt, die­ses vermeintlichen Glückes teilhaftig zu wer­den. Auch an mich trat in der Jugend die Verführung heran, mich dem Nichtstun hinzu- geben Aber als ich erkannte, was der Müßig­gang verschuldet, als ich gesehen, wohin mein Bruder Murad damit gekommen, zum völ­ligen Stumpfsinn und zur Unzurechnungsfähig­keit habe ich mich von dem Joche des Müßig- gangslasters fceigemacht. Was den Türken fehlt und warum sie ins Hintertreffen geraten, das weiß der Erfultan ganz gut, wenn er fchreibt: Das Grundübel von allem ist, daß kein O s - manli arbeitet, um wirkliche Werte zu schaffen. Er ist es gewohnt, den Herrn zu spie­len und andere sich mühen zu lassen. Er lebt und genießt! Unsere jungen Leute glauben, daß sie nichts anderes werden können, als Beamte oder Offiziere, vielleicht zur Not noch Priester. Warum wird kein Türke einmal ein weitsich­tiger Kaufmann, ein Techniker oder ein tüch­tiger Handwerker.. ?

Reichstag unS Mittelstand.

Die Regelung des Submisfionswesens.

Auf der Tagesordnung des gesttigen Schwe- rinstages stand der nationalliberale Antrag auf Regelung des Submifsionswesens, der sich im Wesentlichen den bekannten Vor--