Casseler Neueste Nachrichten
Casseler Abendzeitung
Tie Lafseler Neuesten Nachrichten erscheinen wöchentlich sechsmal und zwar abends. Ter LbonnementSpreiS beträgt monatlich 50 Pfg. bet tretet Zustellung in« Hau». Bestellungen werden jederzeit von der LeschästSNelle oder den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachtdofstrabe 28/30. Sprechstunden der Redaktion nur von 7 bi« 8 Uhr abend». Sprechstunden der Auskunft. Stelle: Jeden Mittwoch und Freitag von 6 bi» 8 Uhr abends. Berliner BertretUZg: SW fkriedrichstr. 16, Telephon: Amt Morttzplal, 12584.
Hesstsche Abendzeitung
JnferttonSpretse: Die sechSgespaltene Zeile Mr einheimische »eschäfte 15 Pfg., für au«, wärttge Inserate 25 Pf, Reklamezelle für einheimische Geschäft- 4J Pf, für auswärtige SeschLste M Pf. Einfache Beilagen für die Gesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restde^ und der Umgebung sind die Taffeier Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JNfertiouSorgan. <SeschLft»stelle: Kölnische Strabe 5. Berliner Bertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt Moritzplatz 12584
Nummer 70.
Fernsprecher 951 und 952.
3. Jahrgang
Mittwoch, 26. Februar 1913
Fernsprecher 951 und 952.
SeschSst und... Wicht!
Deutsche Luftschiffe für unsere Gegner?
Als iwr Monden bekannt wurde, daß auf deutsche« Luftschiff-Wersten für England Flugzeuge erbaut würden, ging ein Sturm der Entrüstung durchs deutsche Land. Man erblickte >n der Lieferung deutscher Luftwaffen an eine Macht, deren Unfreundlichkeit gegenüber Deutschland längst aller Zweifel entkleidet, eine G e - fährdung der eignen Sicherheit und sah in dem Werk deutscher Arbeit, begonnen und vollendet im Dienst britischer Rüstungspolitik, eine bedenkliche Verkennung derjenigen Rücksichtnahme, die die Situation auf politischem Gebiet und unser Verhältnis zum Reich der blonden Vettern deutscher Selbstachtung als gebieterische Notwendigkeit erscheinen läßt. Es war nicht fanatischer Chauvinismus, der den dringlichen Warnungen Ausdruck lieh, keine engherzige Philister-Sorge, die m überreizten Phantasie-Gebilden düstre Spuk-Gestalten sah, sondern der nüchterne Ernst der Erkenntnis und das nationale Ehrgefühl der Volksgemein- schastt protestierten gegen Dienstleistungen, die dem Vaterland einst gefährlich werden könnten, und gegen eine Rücksichtnahme auf wirtschaftliche Vorteile, die dem nationalen Eigenintereffe widersprach. Wir totff en nicht, ob die Stimme des Volks dort, wo sie gehört werden sollte, vernommen und beherzigt worden ist; wir wissen auch nicht, ob Vorkehrungen getroffen worden sind, künftighin die Dienstbarmachung deutscher Arbeit tm Rüstungsintereffe unsrer Gegner zu verhüten; wir wiffen nur e i n s : Auf E n g - land folgt jetzt Rußland!
Die russische Regierung, die schon vor zwei Jahren von der Lustfahrzeuggesellschast in Bitterfeld einen Lustkreuzer bezog, hat mit der Ge- sellschast abermals einen Kaufvertrag auf Lieferung eines Luftschiffs abgeschlossen. Das neue Luftschiff (das achtzehnte, das die Gesellschaft baut) soll nicht mit einer Aluminium-Hülle, sondern mit Diagonal-Ballonstoff bezogen werden, und seine Herstellungskosten beziffern sich (dem Wert der modernen Konstruktion entsprechend) auf scchshunderttausend Mark! Es darf vielleicht gesagt werden, daß wir in Rußland nicht in dem gleichen Maße unfern Gegner in einem künftigen Kriege zu erblicken haben, wie etwa in England, dessen Rüstungsmaßnahmen zu Wasser und zu Lande offensichtlich fortlaufend der (jenseits des Kanals nie aus dem Blickbereich entschwundnen) Möglichkeit eines deutsch-englischen Waffengangs angepaßt werden: Aber auch das Zarenreich gehört zu derjenigen Mächte-Gruppierung, die im Dreibund den Gegner und Konkurrenten im inter- nationialen Weltgeschäft und in Deutschland den Führer und Träger der Dreibundmacht erblickt. Die Bismarck'sche Tradition der „guten Beziehungen" zwischen Spree und Newa ist längst zur historischen Reminiszenz geworden, und kein Depeschen-Wechsel und kein Phrasengeklingel kann darüber hinwegtäuschen, daß die Politik des Zarentums, Frankreich und der Bri- tmmacht eng verbündet, Ziele erstrebt, die denjenigen der deutschen Reichspolitik diametral entgegenstehen, und die Entwicklung der Balkan-Krise hat ja erst in den jüngsten Tagen wieder überzeugend dargetan, was Deutschland und der Dreibund von Rußland und seinen Bundgenoffen im Falle wirklicher Gefahr zu erwarten haben.
Wir haben (vielleicht) in Rußland nicht einen von Revanche-Leidenschaft und nationalistischem Fanatismus erfüllten Feind zu erblicken, wie er in Frankreich und England unsre Sicherheit bedroht; aber auch Rußland ist nicht unser Freund, und wenn man selbst das Panflawisten-Geheul der deutschfeindlichen russischen Kriegspreffe nicht allzu tragisch nehmen will: Am Zarenhof s e l b st existiert eine mächtige Partei, die in einem Krieg mit Deutschland die einzige und natürliche Möglichkeit erblickt, über den „deutschen Wall" hinweg Rußland das „historische Uebergewicht" in Europa zurückzuerobern. Sollen nun deutscher Industrie- und Gewerbefleitz, deuffche Arbeit und deutsches Talent diesem Gegner des Reichs inderfelben Weife dienstbar werden, wie sie schon den Briten dienstbar geworden sind? Man wird vielleicht auf Krupp Hinweisen und daran erinnern, daß die Geschosse des Essener Kanonenkönigs nicht nur unfern Freunden, sondern auch unfern Gegnern gegen klingendes Gold verkauft worden sind, trotzdem das Nationalbewußtsein Krupps nie von ernsthafter Kritik angezweifelt worden. Der Vergleich ermangelt indessen der Hattbarkeit, ganz abgesehen davon, daß Dasjenige, was Krupp getan (und tut), noch nicht unbedingt nützlich und nachahmenswert genannt zu werden braucht. Beim Luftschiffbau handelt es sich zudem um die Schaffung einer der w i ch - tieften Verteidigungs- und Angriffswaffen ist nv^-rnen Lukunft-Krieg. und es
würde unverantwortlicher Leichtsinn sein, wenn wir diese Waffe unfern Gegnern ausliefern wollten.
Ein gesetzlicher Einfluß auf den deutschen Luftschiffbau ist schwer zu ermöglichen, widerstrebt auch dem rechtlichen Empfinden, und würde einem Zwang gleichkommen, der sich vielleicht rechtfertigen, in seinen ethischen Motiven aber kaum verteidigen ließe. Es bleibt also nur der Appell an das National-Be- wußtsein und das völkische Empfinden derjenigen Stellen, die über die Arbeitsleistung unsrer Luftschiffbau - Unternehmungen zu enffcheiden haben und ihre Verwertung leiten. Daß sich die Volkssfimmung dagegen erhebt, unfern Gegnern Angriffs- und Verteidigungswaffen in die Hand zu geben, die fit einem Zukunftkriege einmal gegen Deutschland in Aktion treten können, ist ein ganz natürlicher und an sich zu begrüßender Vorgang, in dem sich die lebhafte Anteilnahme der Volksgemeinschaft am Schutz der Reichs-Sicherheit offenbart, und ebenso, wie sich die (stimme der Oeffent- lichkeit seinerzeit scharf gegen die Ueberlaffung deutscher Luftfahrzeuge an England wandte, protestiert sie (geleitet von natürlichem Instinkt) jetzt mit derselben Entschiedenheit gegen die Nutzbarmachung deutscher Arbeit im Dienst russischer Kriegsvorbereitung. Was drängt uns, dem Gegner Waffen zu fchmieden, die eines Tags gegen uns selbst gerichtet sein können: Das Interesse der Völkerfreundschaft oder der Glanz des Goldes? Russisches und deutsches Wesen eint fein Band wirklicher Sympathie. die Politik des Zarenreichs verpflichtet uns nicht zu Dank und Schätzung, sondern zu Vorsicht und Argwohn, und die sechshunderttausend russischen Silberlinge sollten uns nicht in Versuchung führen, diesen Argwohn und diese Vorsicht außeracht zu lassen ...! F. H.
Reue deutsche Zeppelin-Schiffe!
(Von unfetm dp.-Mitarbeiier.)
Friedrichshafen, 25. Februar.
Auf der hiesigen Zeppelinwerst geht ein neuer Zeppelin für die deutsche Heeres- verwaltung seiner Fertigstellung entgegen. Er trägt die Werkstattbezeichnung „L. Z. XVI* und wird nach der Uebernahme durch die Militärbehörde den Namen ,Z. IV" führen. Als Stationsort ist für das Luftschiff Ham. bürg in Aussicht genommen. Auch die Marine wird demnächst einen zweiten Zeppelinkreuzer erhalten. Das Luftschiff ist zwar noch nicht endgültig in Auftrag gegeben, ein Vertreter des Reichsmarineamtes, Mari- nebaumeister Pietzker, weilt aber bereits seit einiger Zeit in Friedrichshafen, um Verhandlungen wegen Ankaufs eines neuen Zeppelinschiffs für die Marine zu pflegen. Für die Beschäftigung der Zeppelinwerke ist also in nächster Zeit gesorgt. Auch Privataufträge liegen vor, so unter anderm von der Delag, der Deutschen Luftschiffahrtsattiengesellschaft, deren in Auftrag gegebenes Luftschiff in allernächster Zeit in Angriff genommen werden soll. Es wird dies „L. Z. XVII" fein, das voraussichtlich auf den Namen „Sachsen" getauft werden wird.
Mexiko in voller Anarchie.
Nach der Erschießung des Präsidenten.
Brüssel, 25. Februar. (Privat- Telegramm.) Der belgische Gesandte in Mexiko telegraphiert hierher, daß in Mexiko völlige Anarchie herrsche. Alle Geschäfte seien geschloffen. Ter Ge- sandte mußte mit seinem gesamten Personal auf die deutsche Gesandtschaft flüchten, da die Gesandtschaft dem Kugelregen ausgesetzt sei. Die Lage sei so kritisch und verworren wie nie zuvor.
Wie uns ein P r i v a t - T e l e g r a m m aus Mexiko berichtet, hat die Obduktion des erschossenen Expräsidenten M a d e r o ergeben, daß Madero durch einen Schuß in den K ops getötet worden ist. Tie Leiche des Vizepräsidenten Suarez wies mehrere tödliche Wunden aus. Die Familie Maderos ersuchte um Herausgabe der Leiche, jedoch hat man diesem Ansuchen mast stattgegeben. Maderos Witwe und deren Tochter haben sich in die japanische Gesandtschaft geflüchtet. Die Regierung hat versprochen, eine strenge Untersuchung einzuleiten und die Schuldigen nach Gebühr zu bestrafen. Ter neue Präsident batte das diplomatische Korps für gestern zu einem Dejeuner erngeladen, es nahm aber niemand daran teil, sondern man gab ihm zu verstehen, daß erst die Ursache des Todes des Präsidenten Madero aufgeklärt werden müsse. Tie Schwester Maderos nannte alle Offiziere: Mörder. Die Leiche Maderos wurde gestern mittag nach dem Mausoleum auf dem französischen Friedhof gebracht. Die Fa
milie MaderoS war anwesend. Die Leiche Suarez' wurde gestern nachmittag nach dem spanischen Friedhof gebracht.
Sie internationale Krise.
Die Lage wird günstiger beurteilt!
Die allgemeine Lage wird in den verschiedenen Hauptstädten Europas auch heute übereinstimmend günstiger beurteilt. Wie uns ein Privattelegramm aus Wien meldet, nehmen die dortigen diplomatischen Kreise an, daß Oesterreich und Rußland in der Frage der Abgrenzung Albaniens vor einer Ver- ständigung stehen. Nach wie vor ist jedoch mit dem Widerstand Serbiens und namentlich Montenegros zu rechnen. Montenegro lehnte aus dem Gefühl der Verstimmung gegen Oesterreich heraus auch das österreichische Angebot dankend ab, eine Sanitätskolonne des Noten Kreuzes zu entsenden. Ueber die Entwicklung der Dinge liegen heute folgende Nachrichten vor:
Berlin, 25. Februar.
Aus hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, daß die deutsche Regierung den Standpunkt einnehme, die Stadt Sili- stria solle, nach Abtretung der strategisch gele- gencn Forts und Höhenzüge an der bulga- risch-rumänischen Grenze, Bulgarien ver- bleiben. Da auch die Mächte der Triple-En- tente diesen Standpunkt einnehmen werden, dürfte in dem Bermittclungsvorschlag der Mächte die Stadt Sillstria Bulgarien überlassen werden. Diese Grenzregulierung dürfte wohl (unter der Voraussetzung gewisser Konzessionen an der Küste des Schwarzen Meeres an Rumänien) auch die Zustimmung Rumäniens finden.
Wien, 25. Februar-
Bei einem diplomatischen Empfang, der gestern abend stattsand, wurde von verschiede, nen Diplomaten darauf hingetoiesen, daß sich eine wesentliche Entspannung voll- zogen habe, so daß mehr als in den letzten Wochen begründete Aussicht vorhanden ist, daß sich alle Fragen, die auf der Tagesordnung stehen, gütlich lösen und der vott- ständigeFriedeim Anzuge ist. Ebenso wurde bekannt, daß nicht nur Rumänien, sondern auch Bulgarien die Vermittlung angenommen haben, ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen. Unter diesen Umständen gewinnt die internationale Lage ein wesentlich günstigeres Aussehen.
Inzwischen wird bekannt, daß sich die Türke i zu erneuten FriedensverHandlungen bereit erklärt hat. Nach Mtttetlungen, die an Berliner amtlicher Stelle vorliegen, hat nämlich die Türkei die Neigung zu erkennen gegeben, von neuem in Friedensverhandlungen einzutreten. Da jüdoch die Balkanstaaten dazu nur dann bereit sind, wenn die Türkei von vornherein auf Adrianopel verzichtet, man aber der Türkei nicht ohne weiteres zumuten kann, diese Festung aufzugeben, so dürste ein Ausweg dahin gewählt werden, daß die Türkei die Botschafter- Versammlung mit der Einleitung von Friedensverhandlungen beauftragt.
Depesche« vom Kriegsschauplatz.
(Privat-Telegramm.) Konstantinopel, 25. Februar.
Seit heute früh lagen nur spärliche Meldungen über die Lage auf dem Kriegsschauplatz vor. Adrianopel wurde auch vorgestern nur schwach bombardiert. Tie türkischen Batterien erwiderten das Feuer. Zu Jnfanstrie- kämpfen ist es seit mehreren Tagen nicht mehr gekommen. In einem Nachtgefecht bei Elbaffan östlich von Tschataldscha hatten die Türken fünf Tote und zweiundzwanzig Verwundete. Die Lage bei Bulair ist unverändert. UeberschtoS-nmungen infolge von Hochwaffer hindern dort die Operationen. Am Schwarzen Meer haben erbitterte Kämpfe zwischen Bulgaren und türkischen Freiwilligen stattgefunden. Die Bulgaren follen schwere Verluste erlitten haben. Eine hiesige Zeitung bringt heute früh die aufsehenerregende Meldung, daß der frühere Großwefir Riamil Pafcha in Alexandria einem Schlaganfall erlegen fei. Irgend eine Bestättgung ber Nachricht, die starke» Zweifeln begegnet, liegt aber noch nicht vor.
Unsere Nachbarn Men.
Frankreichs neue Heeres-Millionen.
Paris, 25. Februar. (Privat-Tele- 6 ra mm. Der Kriegsrninister und der Fi- naniminifter haben in der Finanzkommission des Senats um die Genehmigung nachgesucht, z w e i u n d s i e b z i g Millionen Francs für Luftfahrzeugzwecke. für die Ver
stärkung der Artillerie mit Festungsgeschützen, die eine Reichweite von vierzig Kilometern be. sitzen und andere Heeresverbefferungen in den Etat einzustellen. Die Kommission ist bereit, sämtliche Kredite zu bewilligen.
Me König Friedrich starb.
Am Totenbett des erste« Prentzenkönigs, von Dr. Albert Dresdner.
Eine trübe Stimmung lag im Winter des Jahres 1713 über der preußischen Residenz. Schlechte Zeiten, schwere Zeiten! Das Land war verarmt, die Sitten waren verwil- bert; die üble Günstlingswirtschaft der Wartenbergs hatte die Verwaltung zerrüttet und das Einreihen von Leichtsinn und Lüderlichkeit im staatlichen, wie im gesellschaftlichen Leben nur zu sehr gefördert. Nun waren ja die Wartenbergs endlich gestürzt, und der Graf war im Sommer 1712 bereits verstorben, aber die eingeriffenen Uebelstände waren nicht so leicht wieder zu beseitigen. Und dann: Man wußte, daß im grauen Königsschloß an der Spree zwei Kranke wohnten. Denn die arme Königin Sophie Luise, eine geborene Prinzessin voen Mecklenburg-Schwerin, König Friedrichs dritte Gemahlin, war geistiger Umnachtung verfallen; der König sübst war ein kranker Mann geworden, seitdem er die furchtbare Enttäuschung erlebt hatte, daß fein vermeintlich treuester Freund und erster Minister, der Graf Wartenberg, ihn hfittergangen hatte. Seit jenen Januartagen 1712, da er an der Wiege seines neugeborenen Enkels, der seinen Namen empfing, Tränen des Glückes vergossen hatte, hatte er wenig frohe Tage gehabt, und selbst dem Feste des von ihm eingesetzten hohen Ordens vom Schwarzen Adler konnte et im Januar nicht mehr beiwohnen. Er war nun
ans Zimmer gefesselt,
und nur ab und an erhob er sich, um sich am Fenster seinem Volke zu zeigen. Und dann der Jammer mit der Königin! Man suchte sie in ihren Zimmern festzuhalten, aber sie entwischte den Beobachtem, fand den Weg zum König und klagte ihm, daß ihre Damen und ihre Die- iter sie mißhandelten. Den König erschütterte der Wahn der Armen tief, und doch waren das noch nicht ihre schlimmstenStunden; das waren jene, in denen ihre Tobsuchtsanfälle sie erfaßten .. .! Es war im Monat Februar, als der kranke Fürst in feinem Schlafzimmer schlummernd im Sessel ruhte. Plötzlich schreckte ihn ein Geräusch auf. Es toar wie das Geklirr zerbrochener Fensterscheiben. Vor ihm stand eine Hohe weibliche Gestalt im weißen Gewand mit wild herabhängenden Haaren, deren nackte Arme und Hände mit Blut befleckt waren, und die ihn aus großen Augen wild anftarrte. Jetzt warf sich die gespenstische Gestalt leidenschaftlich auf den König; der Erschreckte rief um Hilfe, die Diener eilten herbei und befreiten ihn. Es war die unglückliche Königin gewesen, die den Weg durch die Galerie gefunden hatte, die von ihren Gemachem zu betten Friedrichs führte. Eine Glastür, auf die sie auf ihrem Wege stieß, zerschlug sie, wobei sie sich an Armen und Händen heftig schnitt. So kam sie zum König, über de» sie sich warf, indem sie ihm schreiend fein Leben vorwarf. König Friedrich war
nutzer sich vor Entsetzen.
Er verstand nicht, wer die Erscheinung gewesen war: Er glaubte, die Todesverkündi. gerin seines Hauses, die „weiße Frau" gesehen zu habm. „Ich habe (so sprach er) die weiße Frau gesehen; ich werde nicht mehr genesen." Und von diesem Tage an bereitete er sich auf den Tod vor. Ost war der Schloßplatz von einer dichten Menschenmenge besetzt, die in Jubelrufe ausbrach, wenn der kranke König sich am Fenster zeigte. Was er auch für Fehler gehabt haben mochte: Er war feinem Hofe und seinen Bürgern ein gütiger Herr gewesen, und wer vom Kronprinzen etwas wußte, dem toar es bekannt, daß er aus anderem Holze ge- sckmitzt war, als fein Vater: Hart, anspruchsvoll und streng. Das hätten dem strengen jungen Herm freilich viele nickt zugetraut, daß das Leiden des Vaters ihm so tief zu Herzen gehe» würde. Tief erschüttert beobachtete er den Fortgang seiner Krankheit, immer blieb er in seiner Nähe, und als am Vormittag des fünf, undzwanzigsten Februar des Königs letzte Stunde gekommen toar, da kniete der Sohn neben seinem Bette, empfing den letzten Vaterkuß und den letzten Vatersegen. Ihm galten Friedrichs letzte Worte: „Mein Sohn, behalte stets Jefum in deinem Herzen." Es war die Mittagsstunde. Die Glocken der Residenz hoben ein dumpfes Geläute an. Der erste Preußenkönig war nicht mehr. Ter neue Herr hieß Friedrich Wilhelm der Erste und eine neue Zeit hatte begonnen. . .!
Sin Stoma im Kino.
Schreckensszenen bei einer Vorstellung.
Paris, 25. Februar. (Privat-Tele«
<3ramm.) In einem Kinotheater in einer Heb nen Gemeinde bei Dünkirchen wohnten gestern etwa fünfhundert Personen den Vorfühmnge,