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Casseler MM Nachrichten

Hessische Abendzeitung

Caffeler Abendzeitung

3. Jahrgang

Sonntag, 16. Februar 1913

Fernsprecher 951 und 952.

Nummer 62

Fernsprecher 951 und 952.

erleichtert aufgeatmet haben

F. H.

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Anlaß, eine solche Kontrolle

zu

verstand es

machen, daß, wenn ein Prozeß gegen ihn

in der Budget-Kommission die Silberlinge des Messe- und Taselgelder-Kapitels der plötzlich zum Gewissenszwang erwachten Sparsamkeit der Opposition widerstandslos geopfert hätte. Daß er's nicht getan, daß er wacker und mannhaft das von ihm als notwendig und un­erläßlich Erkannte verteidigt, und bereit war, lieber Herrn Spahn seinenExzellenzen-Stuhl, als dem Zentrum sein ministerielles Gewissen zu opfern: Das sichert ihm den Bank all Derer, die in der Politik des Reichs den Sieg der Männlichkeit und Tatkraft über zaudernde Schwäche und kümmerliches Kompromiffeln er­sehnen, und wenn der Kanzler Sinn und Ver­ständnis für die Zeichen der Zeit hat, dann wird er am Abend des Tags, da der Großadmiral (und oft als Bewerber um den Kanzlerstuhl Verdächtigte) mit der Faust auf den Tisch hieb,

auch keinen fürchten.

gestrengt werden sollte, dieser Prozeß ihm (dem Fabrikanten) selbst dann, wenn er sreigesprochen werden sollte, viele Scherereien und geschäftliche Schädigungen bereiten würde, da er unter dem öffentlichen Eindruck sicher viele Lieferungen für reichsfiskalische Betriebe verlieren würde. Diese durchaus einleuchtenden Cacklärungen veranlaß­ten den Fabrikanten, dem Willen des Polizei- Assessors nachzukommen und 20000 Mark für diesen Zweck zu opfern. Da L e w i ck i im Rufe eines sehrreichenMannes stand und das Gebaren eines Gentlemans zur Schau trug, war er über dem Verdacht, er könne das Geld für seine persönlichen Zwecke verwenden, erhaben. Nachdem Lewicki diese ersten 20 000 Mark auf so verhältnismäßig leichte Weise errungen hatte, hat er anscheinend Geschmack an der Sache ge­funden, denn er trat bald darauf mft neuen Forderungen hervor, indem er wieder un­ter derselben Drohung das gleiche Manö­ver wiederholte, und zwar erhielt er auf diese Weise einmal 10000 Mark und einmal 21 000 Mark. Buch nach der Versetzung nach Köslin hat dieser noch einmal einen Versuch ge­macht, die gutgehende Geldquelle von neuem in Anspruch zu nehmen, aber der Fabrikant war doch inzwischen von dritter Seite aufgeklärt worden und erstattete Anzeige.

Neue Spionage-Sensationen.

Unterseeboot-Pläne an England verkauft?

Der Polizei-Assessor aber, dem Fabrikanten klar

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Ein Dresdener Direktor verschwunden!

Dresden, 15. Februar. (Privat-Tele. gtamm.) Großes Aufsehen erregte in hie­sigen Finanzkreisen das Verschwinden des Direktors Rudolf Sulzberger der Ver­einigten Fabriken photographischer Papiere und Dresdener Aluminiumfabrik, A.-G., und der Protalbin-Werke in Dresden und Wien, der

gnferttonSpretfe: Dir fec&Sgefpatttne geile für einheimische Geschäfte 15 Piz., für aus. roärttge Inserate 25 Pf. Reklame,eile für einheimische Geschäft« to Pf. für auswärtige Geschäfte 80 Pf. Einfache Beilagen für die wesamtaufiage werden mtt 5 Mark pro Tausend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Residenz und der Umgebung stn» die Lasseler Neuesten Nachrichten ein vorzügliches Jnserttonsorgan. Geschäftsstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW. isriedrtchstratze 18, Telephon: Amt Moritzplatz 12584

gärige: Am Dienstag den elften Februar, nach- mittags, wurde der Diplomingenieur Dr. S e g e l von der Kaiserlichen Werft plötzlich verhaftet. Wie bekannt wird, ist der Grund der Verhaftung darin zu suchen, daß Dr. Segel die Konstruktionspläne von Unter­seebooten an eine fremde Macht, an Eng­land, verkauft hat. Dr. Segel war, im Kon- struftionsbureau beschäftigt, im Besitz der Pläne für die neuesten Unterseeboote.

(Privat-Telegramm.l Danzig, 15. Februar.

Hiesige Blätter berichten über eine Ver­haftung auf der hiesigen Kaiserlichen Werft, über die die zuständigen Stellen sich in Schwei­gen hüllen. Es handelt sich um folgende Vor­

bau einer angeblichen Amerikareise nicht mehr zurückgekehrt ist. Wie verlautet, liegt Vermögensverfall vor. Ob die genannten Gesellschaften geschädigt sind, ist bis­her noch nicht bekannt, da sie jede Auskunft ver- weigern. Wte es heißt, wollte Sulzberger in Amerika eine Fusion mit der Kodak-Gesellschast herbeiführen, doch ist dieses Projekt gescheitert.

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Die Hochzeit im Kaiserhaus.

Der Herzog von Cumberland bleibt fest!

Berlin, 15. Februar. (Pridat-Tele- gramm.) Das englische KönigSpaar mit dem Prinzen von Wales, der Prinzessin Marh und dem Prinzen Albert wird an der Hochzeit im deutschen Kaiserhaus,: teilnehmen. Ein bestimmter Termin für die Hochzeit ist noch nicht festgesetzt; es wird aber angenommen, daß sie noch im kommenden Sommer stattfinden soll. Wie aus Gmunden berichtet wird, äußerte sich der Herzog von Cum­berland dahin, daß er in der zwischen ihm und dem Reiche feit Jahrzehnten strittigen Frage an seinem alten Standpunkte fefthalten werde. Damit ist also erwiesen, daß

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Entschuldigen Sie, bitte...!

Herr von Tirpitz, der starke Mann.

Was zu erwarten war, ist geschehen: Herr bon Tirpitz, der Großadmiral im Reichs- Marineamt, wird nicht in die Lage kommen, den Spediteur für den Auszug aus dem Ma­rine-Amt behelligen zu müssen, weil Zentrum, Polen und Sozialdemokraten ihm in der Bud­get-Kommission die Bewilligung der Tafelgel­der für die Marine-Offiziere schnöde versagt. Am nächsten Dienstag, wenn im sttllen Käm­merlein der Kommission über das Schicksal der Tafel-Silberlinge die Würfel der Abstimmung rollen, werden auf des Zentrums Stühlen keine finstern Verneiner, sondern freundlich lächelnde Geber sitzen, und niemand braucht mehr um des Großadmirals Zukunft-Schicksal zu bangen. Wie war's doch gleich? Herr von Tirpitz hat, als die Mehrheit der Budget-Männer ihm ge­walttätig die Summe der Etat-Forderungen für die Marine verkürzte, erklärt, er werde an dem­selben Tag, der den Willen der Mehrheit zur Tat verwirkliche, aufhören, Staatssekretär des Reichs-Marineamts zu sein, und er hat, als diese schroff geformte Alternative im Kreise der Verneiner einiges Unbehagen weckte, und kluge Taktik den Grollenden zu versöhnen suchte, aller schwichtigenden Liebesmüh' entschlossen abge­winkt. Blieb also die schmerzliche Notwendig­keit: Entweder ... Oder! Und die Mehrheit, geführt vom Zenttum, hat sich nun für das Oder" entschieden: Die Tafelgelder werden, (wenn auch mit knapper Mehrheit nur und mit innerlichem Widerstreben) bewilligt, und Herr von Tirpitz darf sich schmeicheln, mit einem zur rechten Zeit erfolgten Faustschlag auf den Tisch seine Partie in einem Moment kritischer Nacht­frost-Stimmung gewonnen zu haben.

Der Reiz des parlamentarischen Moment­bildchens offenbart sich allerdings weniger auf politischem als auf parlamentarisch -psycho­logischem Gebiet, und man muß anerkennen: Es liegt etwas Herzerfreuendes und Erfrischen­des in der Art, wie die bärttge Exzellenz der Marine den Trumpf ausgespielt. Das Zentrum hat jahrelang mit gütigem Lächeln den Tirpttz- Etat in Kommission un5 Plenum verabschiedet; der Staatssekretär tm Reichs-Marineamt er- freute sich bei Spahn und Erzberger ungetrübter Sympathien, und es wäre sicher auch niemand auf den Philistergedanken gekommen, dem Groß­admiral die Freude am Etatwerk durch das Abknabbern der Marine-Tafelgelder zu vergäl­len, wenn nicht inzwischen das Fähnlein im Winde sich von der Oppositions-Regung nach Norden hätte drängen lassen. Gewiß: Herr von Tirpitz findet auch heut noch Gnade vor dem Auge Peter Spahn's; aber als Staatssekretär des Reichsmarineamts zählt er zum homogenen Kabinett des fünften Kanzlers, und als die Budget-Opposition wegen der Tafe»gelder-Ba- gatelle in den Koller fuhr, geschah's nicht, um den Staatssekretär aus dem Sattel zu heben, sondern um Herrn von Bethmann Hollweg an einer Winzigkeit zu demonstrieren, wie verhäng­nisvoll das Schicksal sich gestalten kann, wenn das Zentrum seine Lenden gürtet Nun, Herr von Tirpitz hat den Hieb pariert, hat dem Kampfruf die ziemende Antwort gefunden, und uns wieder daran glauben lassen, daß man Minister oder Kanzler sein kann, ohne im Vorzimmer der Kanzlei Herrn Spahns Zylin­der als Geßlerhut auszustellen. Vielleicht ist die Erfahrung in der Stille der Budget-Kom­mission nicht ohne nützliche Nachwirkung für den bevorstehenden Etatkampf im Reichs­haus, und Herr von Bethmann darf dann der Nachgeordneten Stelle" danken, daß sie ihm den Weg gezeigt, auf deni männliche Entschlos­senheit zum Ziel zu schreiten pflegt.

Ob die Meß- und Tafelgelder ein uner­läßliches Hauptstück unsres Marine-Etats bil­den, oder ob sie entbehtt werden können, ist angesichts der Kraftprobe, die sie veranlaßt ha­ben, eine Frage von geringerer Bedeutung. Wichtiger ist jedenfalls, daß die aus dem Zorn über unerfüllte Sehnsucht-Wünsche emporge- wachsne Opposition des Zentrums beim ersten Aufmarsch mit ziemender Entschiedenheit zu­rückgewiesen worden ist. Herr von Tirpitz ist sonst nicht der Mann, der mit Kanonen ins Spatzenrohr zu schießen Pflegt, und er würde vermutlich auch bei dem Tafelgelder-Handel mit sich haben reden lassen, wenn die Form des Angriffs weniger provokatorisch, weniger bewußt partei-takttsch beeinflußt gewesen wäre. Aber der Großadmiral im Reichs-Marineamt ist (man mag über seine Flottenvolitik denken, wie man will) ein scharfer Menschenkenner und kundiger Psychologe, und sein Jnsfitrtt witterte hinter der noch mfiichet tastenden Takttk der Oppositton die bevorstehende Kraftprobe zwi­schen Regierung und Zentrum, die, oft drohend avisiert, sicher noch v o r m Lenzbeginn Wirk­lichkeit geworden wäre, wenn Herr von Tirpitz

Die Lewicki-Affäre.

Das Geständnis des Assessors Lewicki.

Wir teilten bereits mit, daß in Kiel ein Fabrikant unter dem Verdacht des Landesver­rats verhaftet, aber später freigelassen worden sei, worauf sich herausgestellt hat, daß der frühere stellvertretende Polizeipräsident R e - gierungsassessor Lewicki dem Fabri­kanten behilflich gewesen sei und dafür Geld, im ganzen etwa 140 000 Mark, genommen habe. Lewicki wurde darauf in seinem neuen Wir­kungskreise Köslin verhaftet und hat auch be­reits ein volles Geständnis abgelegt. Die anfänglichen Gerüchte, daß es sich um Landesverrat oder ähnliche militärische Dinge handele, haben sich nicht bestätigt, viel­mehr ist Lewicki der einzig Schuldige, er hat Erpressungen im großen ausgeübt und dazu seine amtliche Stellung mißbraucht.

Assessor und Fabrikant.

(Bericht unseres A. Mi.-Korrespondenien.) Kiel 15. Februar.

Der unter dem dringenden Verdacht schwerer Erpressung verhaftete Regierungsaffessor L e - toi di i>at bei seiner letzten Vernehmung durch den Untersuchungsrichter ein volles G e - ständniS abgelegt. Nach diesem Geständnis kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß Lewicki die eigentliche treibende Kraft in der ganzen Affäre gewesen ist. Er führte wäh­rend eines Urlaubs des Polizeipräsidenten ver­tretungsweise die Geschäfte und erwarb sich durch die Art und Weise, wie er sich gab. allge­meines Vertrauen. Vor allen Dingen gab er zu erkennen, daß er auch außerdem ft-lüil manches tue, um polizeiliche Scherereien, die ja oft dann auftreten, wenn sie am wenigsten er­wartet werden, zu beseitigen. Lewicki arbeitete dabei mit solcher Sicherheit, daß bei Denen, die mit ihm in Berührung kamen, auch nicht der Schein eines Verdachts erweckt wurde. So hatte er denn auch jenen Fabrikanten, der jetzt gegen ihn die Anzeige wegen Erpressung erstattet hat, in seine Priv atw o hnun g gebeten und ihn dort unter Ausnutzung der Kenntnisse, die dem Polizei-Assessor amtlich bekannt geworden wa­ren, bewogen, einen Betrag von zunächst 20 000 Mark herzugeben. Mit diesen Mitteln wollte er bewirken, daß eine polizeiliche Kon trolle, die angeblich verhängt worden war, wie­der aufgehoben werde. Dem Fabrikanten war eine solche Kontrolle nicht bekannt, und er hatte

Der Danziger Spion vor Gericht.

Zwei Jahre Zuchthaus und Ehrverlust.

Das Reichsgericht verurteilte gestern den Korttoristen Paul Neumann aus Danzig wegen versuchten Verrats militärischer Ge­heimnisse zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrverlust, sowie Stellung unter Polizeiaufsicht. Ein Monat der erlitte­nen Untersuchungshaft wurde ihm auf die Strafe angerechnet. Ueber die Straftat selbst haben Wir bereits berichtet. Die gestrige Pro­zeßverhandlung enttollte ein eigenartiges Bild der Methode des Angeklagten. Es Wird uns darüber berichtet:

Zur Spionage verführt.

(Von unserm Reichsgerichts-Mitarbeiter.)

Leipzig- 15. Februar-

Vor dem zweiten und dritten Straffenate deS Reichsgerichts kam gestern der Spionage­prozeß gegen den Kontoristen Paul Neumann zur Verhandlung. Der Angeklagte Neumann ist am IS. November 1886 in Din'chau geboren. Nach dem Austtttt aus der Schule War er bei einem Gerichtsvollzieher tätig, später ist er zweimal Wegen Betrugs verurteilt Worden und sodann noch wegen einer Körperletzung, verübt gegen einen Mitgefangenen. Nachdem er die letzte Strafe am 19. März 1905 verbüßt hatte, zog er zu feiner Mutter nach Danzig und er­hielt eine Stellung als Schreiber auf einer Werst. Im Jahre 1908 trat er beim 61. In­fanterie-Regiment in Thorn ein, wurde aber bald darauf als dienstuntauglich enttassen. Die Oeffentlichkeit Wurde für die ganze Dauer der Verhandlung ausgeschlossen. Das Urteil lau­tete dahin: Der Angeflagte Wird Wegen ver­suchten Verrats militärischer Geheimnisse zu zwei Jahren Zuchthaus und fünf Jahren Ehrenrechtsverlust verurteilt; Polizeiaufsicht Wird für zulässig erflätt. Von der Untersu­chungshaft Wird ein Monat auf die Strafe an» gerechnet. Die Urteilsgründe hatten folgenden Wortlaut: Ein Freund des Angellagten, der in Graudenz dienende Jäger zu Pferde Hei­ne, hatte dort ein Karabinerschlöß gestohlen und es dem Angeklagten übersandt. Der Ange­klagte hat nun versucht, dieses Schloß einer fremden Macht, der

französischen Botschaft in Berlin auszuliefern Der Versuch ist jedoch nicht ge lungen. Hinter den Briefwechsel, der sich zwi­schen Berlin und Danzig entsponnen hatte, kam die Berliner Kriminalpolizei, und so konn­te schließlich der Angeklagte, als er am 3. No­vember 1912 mittags auf dem Hauptbahnhofe in Danzig mit einem anderen eine Zusammen­kunft hatte, durch den Polizeikommissar Wi- lotzki festgenommen werden. Das Karabiner­schloß ist nach dem Gutachten des vernomme­nen Sachverständigen ein im Interesse der Landesverteidigung geheim zu haltender Ge­genstand, und seine Auslieferung an eine frem­de Macht gefährdet die Interessen der deutschen Landesverteidigung. Bei der Sttafzumessung konnte zunächst die Frage, ob dem Angellagten mildernde Umstände zuzubilligen feien, nicht zugunsten des Angellagten beantwortet Wer­ben. Was dann die innerhalb des ordentlichen Strafrahmens festzusetzende Strafe betrifft, fo ist der Gerichtshof davon ausgegangen, daß der Angeflagte dem verderblichen Einfluß sei­nes Freundes Heine unterlegen ist daß der Plan zur Auslieferung des Gewehrschlosses von Heine gefaßt und ausgearbeitet Wurde und daß der Angeflagte der Verführung des Heine un­terlegen ist. Das fit aber auch das einzige Mo­ment, das zugunsten des Angeklagten ange- fübrt werden tarnt. Es ist deshalb nur die Ver­führung durch Heine zugunsten des Angellag­ten berücksichtigt Worben.

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Liebe auf den ersten Blick?

Die Vorgeschichte der Verlobung der Kaiser­tochter; die erste Begegnung; der gemein» same Lieblingschriftsteller: Wilhelm Raabe; die künftige Position des prinzlichen Paares.

(Von unferm Berliner K. ^V.-Mitarbeiter.)

Berlin- 15. Februar.

Von einer dem Berliner Kaiserhofe nahe­stehenden Seite Werden mir über die Vorge­schichte der Verlobung der Prinzessin Viktoria Luise folgende interessanten Ein­zelheiten mitgeteilt: Wenn da und dort Be­sorgnisse aufgetaucht sind, daß die neue dynasti­sche Verbindung zwischen Hohenzollern und Welfen mehr eine Vernunftehe, mehr Politik als Natur sei, so können diese Besorgnisse aus bester Kenntnis der Verhältnisse zurückgewiesen werden. Hier ist einmal das seltene Geschehnis zu verzeichnen, daß Politik und Liebe, Ver­nunft und Neigung sich auf gleichem Wege treffen. Das fürstliche Brautpaar kennt sich seit dem Tage, da Prinz Ernst August in Berlin seinen Dank für die Teilnahme des Kaisers an dem UnglückseinesBruders abstat­tete. Für beii Prinzen War der Berliner Besuch ein Ereignis, denn als Cumberländer War für ihn der Berliner Hof bisher eine verschlossene Burg gewesen. Als sie sich ihm austat, Wirkte sie mit um so größerem Zauber auf ihn, und im Mittelpunkt dieses Zaubers strahlte ihm das jugendschöne Bild der Kaisertochter entgegen. Aber auch für die Kaifertochter War die Gestalt des Prinzen von anderem Lichte um­geben als die Fürsten, die sie bisher kennen gelernt hatte. Man hatte ihr von dem traatfd: ;i Schicksal des Hauses Cumberland erzählt, und das Mitgefühl, baS sie dadurch naturgemäß einem feiner Angehörigen entgegenbringen mußte, verstärkte sich dadurch, daß der Prinz sozusagen noch im Schatten eines schweren Fa­milienunglückes stand. ES ergab sich bald daß die Möglichkeit zu innigeren Beziehungen zwi­schen den beiden Fürsteukindern gegeben War, als sich herausstellte, daß

ihre geistigen Interessen

in gleicher Richtung liegen. Prinz Ernst Au­gust wie die Prinzessin Viktoria Luise sind enthusiasmierte Freunde der Wagnerschen Musik und auch auf literarischem Gebiete be­gegnen sich ihre Neigungen, da sie alle beide für Wilhelm Raabe schwärmen. Aus seinen Dichtungen kennt die Prinzessin schon das alte Braunschweig, in das sie demnächst einziehen soll. Wenn auch verlautet, daß über die künf­tige Position des Prinzen Ernst August und übet seine Stellung zum Herzogtum Braun­schweig noch nichts festgelegt sei, so darf man doch nicht zweifeln, daß diese Dinge längst ge­nau fest gelegt sind. Es würde auch eine schlechte Kenntnis Wilhelms des Zweiten ver­raten, Wenn man annehmen Wollte, er Werde seine einzige Tochter in eine ungewisse Zu­kunft hineinheiraten lassen. Mehr noch als Deutschland hat übrigens die Kunde von der Verlobung der deutschen Kaisertochter das Ausland überrascht, denn es ist in Berliner Hoskreisen ein offenes Geheimnis, daß es für die Hand der Tochter Wilhelms des Zweiten auch Interessenten außerhalb des Reiches gab. Und Wenn vom Ausland auch noch keine regelrechten Bewerbungen eingelaufen sind, so Waren doch in jüngster Zeit recht sichtbare Vorbereitungen dafür getroffen und einer der Hauptgründe für die plötzliche Be­schleunigung bet Verlobung, die ursprünglich erst für Ostern in Aussicht genommen War, ist vielleicht bas Motiv gewesen, durch die vol­lendete Tatsache der Verlobung einem aus­wärtigen Anttag zuvorzukommen und das für alle Beteiligten peinliche Geschehnis eines- Korbes" zu vermeiden. Das ist nun geschehen, und man darf Wohl Tagen, daß diese Lösung die glücklichste gewesen ist ...!