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Freitag, 14. Februar 1913

Nummer 60

Fernsprecher 951 und 952.

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3. Jahrgang.

Sie reden und reden...!

Weniger für die Galerie, mehr fürs Volk.

Der Mann, der das schöne WortRederitis- ersand, hat sicherlich im Deutschen Reichstag seine Studien gemacht, und es ist einigermaßen erfreulich, daß jetzt Herr Wilhelm Heinrich Psus, Mitglied des Reichstags als Erwähl­ter der Männer von Brandenburg-Westhavel­land und Chefredakteur des sozialdemokratischen Organs für Anhalt, die Gelegenheit wahrge­nommen, dem Parlament des Reichs in den Sozialistischen Monatsheften ein Privatissimum über den Frevel an dem schönen Grundsatz zu lesen, nach dem Reden Silber, Schweigen, in- deffen lautres Gold sein soll. Herr Pöus ist ein wackrer Mann, hat als oft von der Lauge des Radtkalistengrolls Gebrühter Ideal und Wirk­lichkeit klug unterscheiden gelernt und mit den Sturmgesellen im roten Koller manchen heißen Strauß bestanden, und wenn er nun den Sün­dern des Reichstags eine Bußpredigt im Abra­ham a Santa Clara-Stil widmet, so darf man annehmen, daß er damit nicht zuletzt den hun­dertneun Getreuen ins Gewissen reden will, die außer ihm die Bänke der alleräußersten Linken im Palais Paul Wallots bevölkern. Man darf auch finden, daß daS Genrebildchen deS Def- fauer ThebanerS pfhchologifch so zart und effekt­voll abgetönt ist, wie es nur die in der Erkennt­nis des Milieus und im Empfinden persönlicher Eigenart wurzelnde Darstellungskunst vermag. Sodaß auch Diejenigen, denen der erdenferne Himmel der Sozialistischen Monatshefte sich nicht erschlossen, von der Dessauer Mahnung zur Einkehr Gewinn erhoffen dürfen.

Herr Psus nennt das Nebel, an dem der Reichstag krankt: .Zn viel Reden, zu wenig Wille-, und er beruft sich zur Begründung die­ser herben Kritik auf den Ausspruch eines alten Wallothaus-Stammgastes, der einst, als man drinnen im Saal über daS (heut so unterhalt­same) Kapitel .ReichSamt des Innern- plau­derte, an den Leidensgefährten und Dulder­genoffen aus Anhalt die ergrimmte Frage rich­tete:Können Sie mir, Herr Kollega, einen Ort nennen, wo eS n o ch langweiliger wäre, als im Deutschen Reichstag?- Und aus den Reflexio­nen, die Herr Psus an diese Worte knüpft, darf man schließen, daß er der Doktorfrage des grei­sen Tribunen gegenüber stumm geblieben. ES mag auch wirklich schwer sein, den vom Par­lament des Deutschen Reichs aufgestellten Re­kord der Langeweile zu überbieten; allenfalls vielleicht noch im Landtagshaus an der Ber­liner Prinz Albrechtstraße, wo zuweilen (wenn der Eisenbahn-Etat auf der Tagesordnung steht und aus den entferntesten Winkeln der Monar- chie bescheidne Bürger-Sehnsucht,im Zeichen des Verkehrs- erwacht, sich zur Tribüne wagt) ein einziger Abgeordneter murmelnd vorm Redepult steht und in gähnende Saales-Leere seines Wahlkreises Hoffnung und Zuversicht versenkt. Kein Zweifel: Hier handelt's sich nicht um zufällige Erscheinungen, nicht um vor­übergehendes Versinken in trister Alltäglichkeit, sondern es sind Schwächen unsrer parlamentari­schen Kultur und Symptome polittscher V e r- f l a ch u n g, die sich in der Oede parlamentari­scher Langeweile offenbaren, und der alte Herr, der dem Genoffen Psus seinen Kummer klagte, hat wirklich nicht übertrieben.

Und die Ursachen? Herr Psus erzählt uns:Es ist etwas nicht in Ordnung mit der Gestaltung und Handhabung der Dinge im Ple­num des Reichstags. Es werden zu viel Monologe gehalten, über die es zu gar kei­ner Debatte kommt. Man spricht, um ge­sprochen zu haben. Das gilt für alle Parteien, auch für die Sozialdemokraten. Es wird zu viel von der Reichstagstribüne gesprochen, was in die Debatte der Kommissionen gehört. Man re­det zu lange, man wiederholt sich zn oft. ES wird im Reichstag zu viel geschwätzt und zu wenig getan. Resolutionen zwar be­schließt man die Hülle und Fülle, über viele Dutzende wird am Schluß des Etats abge­stimmt: Nicht sehr gewissenhaft, sondern nur, um einen Abschluß zu geben. Infolge der ufer­losen Redeflut kommt dann das Recht der Ini­tiative des Reichstags zu Gesetzgebungsvor- schlügen in ganz unerträglicher Weise zu kurz ...!* Herr Psus hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Es wird im Reichshaus zuviel geredet und zu wenig getan, und wenn man am Schluß einer Tagungs-Periode das Fazit über- blickt, merkt man, ernüchtert und enttäuscht, daß die Leute am Stenographentisch zwar niemals arbeitslos gewesen, daß aber die eigentliche gesetzgeberisch -produktive Tätig­keit des Parlaments im Meer der Worte wie ein Sandkörnchcn im Ozean verschwindet, und man lernt begreifen, daß ein großer Staatsmann einmal die Parlamentedas nützlichste Unterhal- tungsspiel der Völker- genannt. das es den Re­

gierenden ermögliche, in Ruhe Das zu tun, das ihnen ziemend scheine.

Wir erfreuen uns im Reichshaus am Ber­liner Königsplatz einer Spezies von Rednern, die, wenn sie zur Tribüne schreiten, im Nu den Saal entvölkern. Man weiß: Nach drei Stun­den darf man wiederkommen und wird immer noch den Demosthenes droben am Rednerpult am unverdrossnen Zungenwerke sehen. Der weiß und rot gestreifte Reichstag-Kürschner nennt eine stattliche Reihe von andern Namen, deren Träger zu den anerkannten Stammgästen der Tribüne zählen, deren Reden aber eigent­lich mehr Anschauungs-Unterricht als politische Erkenntnis - Offenbarungen stnd: Sie stnd die Lieblinge der Galerien, machen das ReichshauS zur Rennbahn des Temperaments und pflegen die Stenographen vorm Tribünenpult unter der Lawinenflut der Superlative zn begraben. Daß auch Moltke'sche Schweiger die Bänke be- Völkern, mildert zwar den Endeffekt des grau­samen Spiels ein wenig, ist aber doch nur ein dürftiger Trost, bett« ihre Zahl und Bedeu­tung verschwindet als Winzigkeit gegenüber der Schar Derjenigen,' die die ReichstagS-Tribüne als Heimstatt erkoren. Herr Psus hat Recht: Die Masse der Reden deckt die bescheidne Ta­tenleistung zu, wie man die Kümmernis deS Bühnenraums mit prunkendem Kulissen-Flitter überdeckt, und wenn dann zur Feierabendzeit die Spreu vom Weizen geschieden wird, beklagt die Enttäuschung, daß es den Erwählten nicht vergönnt gewesen, tatkräftiger, als es geschehen, des Reiches Wohl zu fördern. Ein Blick in die Sitzungsberichte der parlamentarischen Etat- Unterhaltung zeigt uns, wo des Uebels Wur­zel liegt, und wenn der Reichstag Wert darauf legt, seinen verfassungsrechtlich-parlamentari­schen Ausgaben in dem Maße gerecht zu wer­den, wie seine Wähler es fordern dürfen, dann wird's nützlich sein, wenn er sich daran erinnert, daß Reden zwar als Silber. Taten aber als Gold gewertet werden ...! F. H.

Die Verlobung im Kaiserhaus.

Der Einzug des Brautpaars tu Berlin.

Heute früh um halb neun Uhr trafen auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin die Kai­serin, das Bra u t p a a r und das Prinzen- paar Mar von Baden ein. Der Kaiser war auf dem Bahnhof zum Empfang anwesend. Die Herrschaften fuhren in offenen vierspännige« Equipagen mit Eskorte durch das Branden­burger Tor nach dem Schloß, von einer nach vielen Tausenden zählenden Menschenmenge lebhaft begrüßt, lieber den Einzug erhalten Wir folgenden Bericht:

Ein Freudentag für Berlin.

(Privat-Telegram m.)

Berlin. 13. Februar.

In der vergangenen Nacht war das Ziethen- Husarenregiment. das in Rathenow garnifo- niert, und in dessen Offizierskorps der Prinz von Cumberland als Leutnant eintreten wird, per Bahn nach Berlin überftihrt worden, um dort heute ftüh beim Einzug des Bräutigams unter dem Kommando des Oberstleutnants von Baumbach dem jungen Prinzen die Ehrende- zeugung zu erweisen. Zwei Schwadronen waren vor dem Schloß aufgestellt. Am Pots­damer Bahnhof hatte ferner eine Ehrenkom­pagnie des zweiten Garde-Regiments zu Fuß Aufstellung genommen. Das gesamte Staats­ministerium, der Hofstaat, alle Prinzen und Prinzessinnen, ebenso wie der Oberbürgermei­ster von Berlin waren auf dem Bahnhofe zum Empfang erschienen. In der Nacht war der Potsdamer Empfangsbahnlof in eine Blumen­halle verwandelt und mit Fahnenschmuck, Schil­dern und Standarten geschmückt worden. Auf allen staatlichen u. öffentlichen Gebäuden waren Flaggen gehißt. Die fürstlichen Herrschaften fuhren gleich nach der Ankunft auf dem Bahn­hof in vierspännigen offenen Wagen durch das Brandenburger Tor zum Königlichen Schloß.

Die Thronfolge in Braunschweig.

Berlin, 13. Februar. (Privat-Tele- g r a m m.) Nach zuverlässigen Mitteilungen aus hiesigen Hofkreisen steht es (entgegen den von anderer amtlicher Stelle verbreiteten Nachrichten) fest, daß Prinz Ernst August s o - fort »ach seiner Hochzeit als Herzog von Braunschweig seinen Einzug hal- ten wird. Ein besonderer Verzicht deS Her­zogs von Cumberland auf Hannover wird n ich t verlangt, da man dem greifen Herrn, der seinem Vater bekanntlich auf dem Sterbebett geschworen hat, seinen Anspruch auf Hannover nicht aufzugeben, keinen Gewissenszwang aus­erlegen will. Es ist die Frage, ob Prinz Ernst August einen besonderen Verzicht auf Hannover leisten wird, man nimmt allgemein an, daß der Treueid, den er als preußischer Offi =

zier zu leisten hat, völlig genügt, und auch einen Verzicht auf alle hannoverschen Ansprüche enthält.

Wer hat mm gesiegt?

Die neuesten KriegsmLrchen vom Balkan.

Türken und Bulgaren bemühen sich, Europa von der Größe ihrer Siege zu überzeugen, und wenn man den Berichten auS Konstanti­nopel und Sofia glauben darf, dann gibt's am Balkan überhaupt keine Besiegte, sondern nur Sieger. Unter diesen Umständen ist es natür­lich schwer, ein zutreffendes Bild der wirklichen Sachlage zu erhalten, und man muß sich darauf beschränken, die einander schroff widersprechen­den Berichte aus beiden Lagern zu registrieren. Wir verzeichnen die folgenden Draht-Mel­dungen:

Konstantinopel, 19. Februar.

Laut einer amtlichen Meldung ist bet Feind bei Silivri unter großen Verlusten zurückgeschlagen worden. Vor Bulair wird heftig gekämpft. Gerüchtweise verlautet, daß die türkische« Truppe« Sanhil besetzt haben. Der Bettuch der Bulgare«, bei Ja- niköf die Tschataldschalinie zu durchbrechen, wurde mit ungeheure« Verlusten her Bulgaren zurückgefchlagen.

Konstantinopel, 13. Februar.

Rach hier eingetroffenen Depeschen hält sich die Stadt Skutari noch immer. Nach »er« lnfiteiche« Stürmen in her Nähe von Bara- niol haben die Verbündete« keinen w e i - ter en Sturm mehr gewagt. Wie gemeldet wird, sollen die Montenegriner nicht mehr im Stande sein, weiter kämpfen zu kön­nen. Die Situation der Montenegriner ver­schärfte sich «och dadurch, daß die Serben sich weiger«, sie zu unterstütze«.

Konstantinopel, 13. Februar.

In türkischen Kreisen ist man empört über die übertriebenen bulgarischen SiegeS- nacheichten auf der Galipoli-Halbinsel. Die Pforte erklärt, daß nur zwei türkische Divisio­nen (nicht sechs, wie die Bulgaren behaupten) sich an der militärische« Demonstratto« bei Bulair beteiligt hätten. Die türkischen Ver­luste überschritten nicht achthundert. Die bul­garische Armee sei keinen Schritt vorgerückt und die Türken seien in ihren Stellungen verblieben.

Sofia, 13. Februar.

Ein amtliches Kommunique aus dem Hauptquartter besagt: Alle aus Konstantino- pel kommenden Berichte über die angeblichen Erfolge der Türken übet die Bulgare« find vollständig falsch. Die Türken wurden bei Galipoli vollständig von den Bulgare« geschlagen, die durch einen Gegenangriff mit dem Bajonett den Feind zwangen, Panik- a r t i g zu flüchten. Die Bulgaren rücken un- anfhalffam vor, und die türkische Truppen­landung bei Rodosto wurde verhindert.

Im Anschluß hieran berichtet uns ein Pri - vattelegramm aus Konstantinopel: Hier wird erflärt, der Wiederbeginn der F r i e- densverhandlungen stehe schon in den nächsten Tagen bevor. Der deutsche Botschafter Freiherr von Wangenheim wurde gestern vom Sultan in Privataudienz empfangen. Man mißt diesem Ereignis große Bedeutung bei. Großwesir Mahmud Schewket Pascha erflärte in einem Interview, die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen sei natürlich. In Wirk­lichkeit haben wir (so teilte er mit) die Kollektiv­note der Großmächte mit einem neuen Vor­schläge beantwortet, und auf dieser Basis kön­nen die Verhandlungen fortgesetzt werden.

Reue türkische Friedensbitte?

London, 13. Februar. (Privat - T e- leg ramm.) Offiziell wird bekannt gegeben, daß der türkische Boffchaster Tewftk Pascha ge­stern Sir Edward Grey eine Rote überreicht hat, in der die Mächte um Vermitt­lung gebeten werden. Dieses Ersuchen der Pforte wurde sofort den Botschaftern der übri­gen Mächte mitgeteilt, die ihre Regierungen verständigte« und um Instruktionen baten. Die nächste Sitzung der Boffchaster findet am Freitag statt. Gestern begaben sich die Bot­schafter von Deutschland, Frankreich, Italien und Rußland in das Auswärtige Amt und hatten dort eine lange Nnterredmtg mit Sir Eduard Grey.

Die Revolution in Mexiko.

Reue Kämpfe: Fünfhundert Opfer!

(Privat - Telegramm.)

Mexiko, 12. Februar.

Die Truppen des Präsidenten Madero er­öffneten gestern um sieben Uhr morgens von neuem die Kämpfe mit leichtem Artillerie­feuer. Kanonen, Maschinengewehre und schwe­le Artillerie griffen in den Kampf ein. Die Rebellen rückten gegen neun Uhr unter Diaz

gegen den Nationalpalast vor. Der Geschäfts. Palast einer amerikanischen Firma wurde durch Granaten in Brand geschossen. Diaz und seine Anhänger verschanzten sich für die Nackt in ihren Positionen. Die Zahl der Toten wird auf mindestens fünfhundert, die der Verwundeten auf achthundert geschätzt. Die Rebellen befreiten dreitausend Gefangene.

Das ssnde der Tribunen.

Ermordung des Abgeordneten Schuhmeier.

Die Ermordung des sozialdemokratische« Abgeordneten Schuhmeier in Wien durch den Arbeiter Paul Kunschat hat in ganz Wie« das ungeheuerste Aufsehen und heftigste Ent- rüstung hervorgerufen, den« Schuhmeier er­freute sich in Wien einer Popularität wie we­nige andere Volksvertreter. Er war in Wien als derTribun von Otterkrina- bekannt und erfreute sich wegen feiner politischen und per- sönlichen Eigenschaften auch bei den Gegnern großer Achtung, lieber den Anschlag dem Schuhmeier zum Opfer gefallen, werden noch folgende Einzelheiten bekannt:

Ein Opfer der Rache.

(Telegraphifche Meldungen.)

Wien, 13. Februar.

Abgeordneter Schuhmeier hatte sich am Dienstag abend nach der Sitzung des Par­laments nach Stockerau bei Wien begeben, um dort zugunsten deS sozialdemokrattschen Land­tagskandidaten zu spreche«. Er kam mit dem Abendzug nach Wien zurück, wo er um halb elf llhr am Nordwestbahnhof anlangte. Mit einem Eifenbahnbediensteten ging er dem Ausgange zu. Der Zug war nur fchwach besetzt, und im ganzen befanden sich fünfzig Menschen auf dem Bahnhofe. Als Schuhmeier bei Ausgang am Bahnsteig die Fahrkarte abgegeben hatte, und in die Ankunftshalle trat, sah man, wie ein Mann, der unmittelbar hinter ihm den Bahn­steig verlassen hatte, den Arm erhob. Man hörte eine Detonation, und Schuhmeier fiel, den rechten Arm wie zur Abwehr erhoben, lautlos auf das Gesicht nieder. Der Mörder hatte ihm den Browning direkt an daS rechte Ohr angelegt, und die Shi» gel war nach Durchquerung des Gehirns an der Stirn wieder herausgetreten. Der Tod muß sofort erfolgt fein. Der Mörder, der den rau­chenden Revolver noch in der Hand hielt, schrie laut:

DaS ist meine Rache!"

Dann fügte er hinzu:Richt anrühren. Ich stelle mich selbst.- Er wurde für verhaftet er­klärt und dem Polizeikommiffar auf dem Nord- Westbahnhof vorgeführt. Dort gab et unum­wunden zu, daß er den Abgeordneten Schuh­meier aus Rache ermordet habe. Als Grund zur Tat führte et an, er fei Metallschlei­fer, und da er sich zur christlich-sozialen Partei bekenne, hätten ihn die sozialdemokratischen Ar- beitsgenossen ans mehreren Stellen ver­drängt. Seit anderthalb Fahren sei er des- halb ohne Verdienst. Er habe nunmehr den Plan gefaßt, sich zu rächen und habe sich als Opfer den Abgeordneten Schuhmeier, einen der hervorragendsten Führer der Sozialdemo­kratie, ansersehen. Als seine Ersparnisse bis auf hundert Kronen zusammengeschmolzen wa­ren, schritt er zur Ausführung der Tat. Die Tat Kunschaks stellt sich als reiner politischer Mord dar. Schuhmeier hat seinen Mörder Kunschak gar nicht gekannt und mit ihm selbst nie etwas zu tun gehabt. Dagegen kannte der Ermordete bett 93 r u b e r Kunschaks. der ihn ebenfalls als Feind betrachtete.

Der Mörder im Gefängnis.

Wie u«S ein weiteres Privat-Tele- gramm auS Wien berichtet, hat der Mörder Kunfchak bei feiner gestrigen Vernehmung fein erstes Geständnis wiederholt und folgende Erklärung gegeben: Ich habe alles, waS ich gesagt, wohl überlegt und halte alles in vol­lem Umfange unb in jedem Worte aufrecht, so­wohl daS, was sich auf das Motiv bet Tat als mich bas, was sich auf die Ausführung meines Entschlusses bezieht. Rach dieser Er­klärung wurde der Mörder vom Polizeigefäng- nis nach dem Lanbesgericht überführt. Die Gerüchte, baß bie Ermordung Schubm-iers die Folge eines gegen die sozialistischen Führer ge­richteten Komplotts gewesen sei, -nd daß Ktmschak bei Verübung feiner Tat Mitschuldige gehabt habe, sind, wie die Erhebungen ergeben haben, völlig unbegründet.

Preußen im Reichstag.

Der sozialdemokratis che Wählt e chtssntrag«

Im Reichstag herrschte gestern gähnende Leere! Richt allein im Hause selbst, sondern auch aus der Regieiungsbank, auf der über­haupt niemand Platz genommen hatte. ES war