Nr. 57. — 3. Jahrgang.
ringewöhnt, und zwar macht sich seine schlichtbürgcrliche Erziehung immer noch fühlbar, insofern er sich ganz kameradschaftlich
im Offizier-Korps
bewegt und keineswegs das hochgeborene Mitglied des englischen Königshauses hervorkehrt. Die traditionelle Vorliebe seiner Familie für Pferde hat ihn veranlaßt, einen kleinen Rennstall zu halten, dessen Farben in der kommenden Saison zum erstenmal auf deutschen Bahnen erscheinen werden. Die politische Bedeutung einer Familien - Verbindung zwischen den Fürstenhäusern Hohenzol- lern und Cumberland wäre vor allen Dingen in der Annäherung des welfischen Hauses an die Hohenzollern zu erblicken, und man geht Wohl nicht darin fehl, daß die Regentschaft des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg in Braunschweig in nicht allzu ferner Zeit ihr Ende erreichen wird. Es dürfte ein Weg gefunden werden, den Prinzen Ernst August, der ja rechtmäßig den Titel eines Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg führt, als Herzog in das alte Welfenschloß zu Braunschweig einziehen zu lassen.
Vor der Verlobung...!
Karlsruhe, 10. Februar. (Privat- Telegramm.) Die Gerüchte über eine Berlab u n g der Prinzessin Viktoria Luise mit dem Prinzen von Cumberland finden Bestätigung durch die heute vormittag um zehn Uhr erfolgte Ankunft des Kaisers und der Kaiserin, sowie der Prinzessin Viktoria Luise. Der Prinz von Cumberland, der (wie es heißt) später den Titel eines Herzogs von Cumberland führen wird, ist gleichzeitig in Karlsruhe eingetroffen. Wie man aus unterrichteten Kreisen erfährt, wird die Verlobung heute noch nicht publiziert werden, sondern wahrscheinlich erst morgen. Für den Aufenthalt des Kaiserpaares in Karlsruhe sind drei Tage in Aussicht genommen.
Set Krieg auf dem Balkan.
Neue Türkeufiege bet Tschataldscha!
Das Kriegsglück scheint den Türken im Zweiten Balkankrieg günstiger zu sein als in ven früheren Kämpfen. Die neuesten Depeschen aus Konstantinopel bezeichnen die Stellung der Türken an der ganzen Marmaraküste als sehr günstig und Paffagiere der in Konstantinopel eingetroffenen Dampfer bestätigen diese Auffaflung. Nach ihren Wahrnehmungen ist es den Bulgaren nicht gelungen, auf Gallipoli vorwärts zu kommen. Die Türken beschränken sich dort auf den Schutz der Schanzen von Bulair. Man befürchtet auch, daß die Türken gestern Tschorlu besetzten und die Bulgaren bei ihrem Rückzüge bei Tschataldscha zwölf große Geschütze zurückgelassen haben und sich auch von Siliwri zurückziehen mußten. Ueber die letzten Kämpfe liegen folgende Draht-Nachrichten vor:
Rodosto und Tschataldscha.
(Prtvat-Tclegramm.)
Konstantinopel, 10. Februar.
An der Tschataldschalinie hat gestern ein Neuer Kampf stattgefunden. Die Schlacht dauerte nicht lange. Die Bulgaren zogen sich zurück und ließen vierzig Tote und Verwundete zurück. Ueber achtzig Bulgaren wurden gefangen genommen, darunter ein Oberst. Es bestätigt sich ferner, daß Rodosto und Umgebung in türkischen Händen ist. Ob der Vormarsch der Türken nach Norden schon begonnen hat, ist unbekannt. Bei Silistria fand gestern ein ernster Kampf statt. Die Bulgaren sollen zum Rückzüge gezwungen worden sein,
Casseler Neueste Nachrichten
Dienstag, 11. Februar 1913.
sodaß die gesamte Marmarameerküste nunmehr wieder von den Türken besetzt sein soll.
Kämpfe bei Skutari.
(Amtliche Meldung.)
Cetinse, 10. Februar-
Der rechte Flügel der Kolonne des Generals Martinowitsch besetzte gestern das Dorf Dions Sisi unterhalb der Befestigungen des Tarabosch. Der Tarabofch wurde unausgesetzt bombardiert. Eine serbische Truppenabteilung unter dem Kommando des Obersten Popowiffch und drei montenegrinische Bataillone mit Maschinengewehren und Kanonen rückten gegen Brdica vor und griffen den Feind hefttg an. Rach den von der Armee des Kronprinzen eingetroffenen Nachrichten sind die Türken auf der ganzen Linie geschlagen worden. Das Gerücht, daß in Skutari Mangel an Lebensmitteln besteht, bestätigt sich.
Die türkischen Frauen.
(Privat-Telegram m.)
Konstantinopel, 10. Februar-
In der Stambulcr Universität hielten gestern nachmittag mehrere Tausend türkische trauen eine Versammlung ab. Die Versammlung beschloß die Absendung eines Telegramms an die Armee, die ermahnt wird, tapfer für die Ehre der Nation zu kämpfen. Ferner wurde beschlossen, einen Aufruf an die Mohammedanerinnen des Auslandes um Beihilfe zu senden. Endlich wird in Telegrammen an alle Herrscherinnen Europas gegen die G r e u e l t a t e n des Balkanbundes protestiert. Zum Schluß legten die Frauen ihren Schmuck auf den Tisch des Präsidenten nieder, um ihn dem Vaterland zu opfern.
*
„Europas Großmächte sind einig!"
Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt in ihrer Wochenrundschau: Der von allen Mächten gehegte Wunsch, die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten in Thrazien vermieden zu sehen, hat sich nicht verwirklichen laffe». Unerschüttert aber ist das Verhält- nrs der Mächte untereinander geblieben. Nach wie vor geht ihr Bestreben aus möglichste Beschränkung und Abkürzung der kriegerischen Ereignisse, auf zweckdienliche Mitarbeit an einem baldigen Friedensschluß und auf gemeinsame Lösung der sie dabei interessierenden Fragen, die von der Versammlung der Botschafter in London vordereitel wird. Zur Erreichung dieser Ziele bleiben die Mächte solidarisch in der Bewahrung ihrer Neutralität und des europäischen Einvernehmens.
Aus den Parlamenten.
Der Reichstag und der Justiz-Etat.
Die Sonnabendsitzung der Reichsboten im Reichshaus am Berliner Königsplatz wurde eröffnet durch eine kurze Bemerkung des Abgeordneten Dr. Oertel (kons.), in der er er- klärte, er habe mit seinen Anführungen vom 16. Januar über die Bekämpfung der Sozialdemokratie keineswegs etwa dem Reichskanzler und dem Staatssekretär Delbrück Mangel an persönlichen Mut vorwersen wollen, er habe eine entsprechende Erklärung gegenüber beiden Herren abgegeben. Dann wandte man sich dem Justizetat zu. Die Debatte wurde eröffnet durch den
Abg. Dr. Cohn (Soz.): Das bestehende Recht wird in ungewöhnlich scharfer Weise angewandt, wenn es sich um den Schutz der Arbeitswilligen handelt. Den um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfenden Arbeitern werden strengste Sttafen zudikttert. Das schmähliche Gewerbe der Lockspitzelei gedeiht immer weiter. Wir wünschen ein Recht, das den Aus- fassnngen des Volkes mehr Rechnung trägt.
g________——— --- " Mill
Abg. Dr. Belzer (Ztr.): Das freie Herum- lausen verbrecherischer Irrer ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Wann kommt ein neues Spionagegesetz? Das Uebermaß der Pollzeiverord- nungen muß herabgemindert werden. Die Resolution, daß bei Zwangsversteigerungen Staat und Kommunen das Vorkaufsrecht haben sollen, können wir nicht gutheißen. Dagegen möchte ich unsere Resolution empfehlen, durch ein Gesetz den Zwangsvergleich außerhalb des Konkurses zu ermöglichen.
Die Arteile im Ruhrprozeß wären Wohl nicht so ausgefallen, wenn man dort ansässige Richter genommen hätte. Ich möchte wissen, was aus dem Prozeß Eulenburg wird.
Staatssekretär Dr. Lisco: Der Gesunoheits- zustand des Fürsten Eulenburg wird dauernd kontrolliert. Er ist erneut untersucht, aber als verhandlungfähig nicht befunden worden. Was einen gerichlichen Zwangsvergleich außerhalb des Konkurses anlangt, so werden wir uns bemühen, den geäußerten Wünschen gerecht zu werden. Eine Verschärfung des Spionagege-' setzes wird augenblicklich ausgearbeitet.
Abg. Schiffer-Magdeburg (natl.): Die Richt- ter sind immer nur die Angehörigen ihrer Umwelt und urteilen aus ihr heraus. Daß unsere Justiz Mängel hat, daß auch unsere Richter irren können, wer könnte das bestreiten? Es wird viel zu viel bestraft. Wir müssen Licht und Luft hineinbringen in die Justiz, damit das Volk sich zurechffinden kann. Die Ausgestaltung des Schöffengerichts müßte noch vor der allgemeinen Strafprozeßreform erfolgen. Warum sollen die Lehrer länger von der Justiz ausgeschlossen werden? Eine fernere Frage ist der weitgehendere Schutz des Wahlgeheimnis- fes.. Die Frage des Arbeitswilligenschutzees muß endlich unvoreingenommen geregelt werden. Ich bitte, unsere Resolution betreffend das Vorkaufsrecht der Kommunen und des Staates bei Zwangsversteigerungen anzunehmen.
Nach weiteren Bemerkungen der Abgeordneten Holtschke (kons. ),Warmuth (Rpt.) und Vietmeier (Wirtsch. Vgg.), die sich sämtlich gegen die nationalliberale Resolution aussprechen. wird die Sitzung geschlossen. Die Tagesordnung der heutigen Sitzung umfaßt: Wahl- Prüfungen, Rechnungssachen, Justtzetat (Fortsetzung.)
Die Etat-Debatte im Landtag.
Sm preußischen Abgeordnetenhaus führte man am Sonnabend endlich die Beratung des Etats des Ministeriums des Innern zu Ende. Beim Kapitel .Medizinalwesen" bildeten zwei Punkte den Hauptgegenstand der Debatte: Die Beziehungen der Aerzte beziehungsweise des sogenannten Leipziger Verbandes zu den Krankenkassen und die Abnahme der Geburten. Wesentlich Neues kam aber nicht zutage. Dann begann man noch den Bauetat, wobei der freikonservative Führer von Zedlitz im Einblick auf den Großschiffahrtskanal Berlin-Stettin Kompensationen für Oberschlesien fordette, am besten durch den Ausbau der Oder.
Prinz Adalbett in der Schweiz.
Berlin, 10. Februar. (Privat-Tele- gramm.) Prinz Adalbert von Preu- ß ett, der von seiner Krankheit genesen ist, reiste gestern auf einige Wochen nach der südlichen Schweiz, wo er sich von der überstandenen Krankheit erholen soll. Der Ausenihalt des Prinzen in der Schweiz ist vorläufig auf vier Wochen berechnet. Die Aerzte hosfen, oaß der Prinz dann wieder völlig hergestellt sein wird und feinen Dienst wieder ansnchmen kann.
Kräfteverfall ein, daß das Schlimmste zu befürchten ist. Es besteht keine Hoffnung mehr auf Rettung. Die Bestrebungen der Aerzte sind nur noch darauf gerichtet, die unsäglichen Schmerzen zu linden und die Herztätigkeit -u beleben. Jaihos Ableben wird stündlich er. wartet.
Neues vom Tage.
m Die Wahnsinnstat einer Mutter. In einem Anfall von Geistesstörung versuchte in Hannover die kranke Frau des Arbeiters Hasenbein ihrer siebenjährigen Tochter den HM zu dürchschneiden; sie verletzte das Kind nicht unerheblich. Darauf brachte sie sich selbst mehrere Schnittwunden am Halse bei und verletzte auch noch ihren Ehemann, der ihr das Messer entwinden wollte. Alle drei wurden ins Kran- konhaus gebracht.
rrr Pockenerkrankungen im holländische» Grenzgebiet. Aus Gronau in Westfalen wird der Ausbruch der Pocken im holländischen Grenzgebiet gemeldet. In Gronau stellte i r« die Krankheit an zwei Fabrikarbeitern fest. In Soffer sind fünf Krankheitsfälle zu verzeichnen. Die Krankheit soll durch ausländische Arbeiter eingeschleppt worden sein. Die bis jetzt bekannten Fälle scheinen einigermaßen günstig zu verlaufen.
nr Bom Zuge überfahren. Jn Cronberg im Taunus wurde der Bürgermeister Weil von Kleinschwalbach, als er auf einen schon in Bewegung befindlichen Zug springen wollte, überfahren und lebensgefährlich verletzt. ... Aus einem in voller Fahrt befindlichen Eilzuge stürzte sich zwischen Herford und Bielefeld eine anscheinend geistesgestörte Frau. Sie wurde überfahren und erlitt sehr schwere Verletzungen.
nr Opfer des Spieltisches. Unter dem dringenden Verdacht des Kautionsschwindels wurde in Berlin der neunundvierzig Jahre alte Oberleutnant a. D. Wilhelm Ganger festgenommen. Gauger ist ein Opfer seiner Spielleidenschaft geworden, durch die er in fi- nanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Die Höhe der erschwindelten Gelder ist noch nicht genau festgestellt; sie soll aber ganz beträchtlich sein.
nr Schwere Ausschreitungen auf einer Würzburger Zeche. Auf der Zeche „Dersfeld" bei Würzburg drangen Arbeiter toe-rennicht bewilligter Lohnforderungen in das Büro ein, wo es zu einem lebhaften Kampf kam, bei dem Arbeiter wie auch Beamte verletzt wurden. In einer Wirtschaft versammelten sich die Arbeiter dann' zu einem erneuten Angriff, woran sie jedoch durch die binzukommende Polizei verhindert wurden. Neun Arbeiter wurdm wegen Landfriedensbruch verhaftet.
™ Der Selbstmord eines Bankdirettors. Der Direktor Ernst Schmitt der Filiale Eger der böhmischen Eskomptbank hat sich in der Nacht zum Sonntag in seinem Büro erhängt. Bei einer Revision der Kassenbestände wurde alles in schönster Ordnung vorgefunden. Das Motiv des Selbstmords ist wahrscheinlich Nervosität. da Schmitt schon längere Zen nerven- leidend war.
nr Der Tod in den Bergen. Fünf Studenten versuchten, den Monte Disgrazia in den Veltliner Alpen zu besteigen, als sich Eismassen. auf denen sie standen, loslösten und talwärts zu rollen begannen. Der Führer und drei andere Studenten konnten sich retten. Der Student Vittore Levis stürzte in einen lausend Meter tiefen Abgrund. Die Leiche konnte bisher nicht geborgen werden.
Zar Neueste am Kaste!.
Pfarrer Jatho im Sterben?
Köln, 10. Februar. (P riv at - T e le - gramm.) Das Befinden des Pfarrers Jatho ist hoffnungslos. Nachdem die letzte Knieoperation dem Kranken einige Linderung verschafft hatte, stellte sich aestern ein derartiger
Casseler Feste.
Der Arbeiterfortbildungs Ver- ein zu Cassel sieht gegenwärttg auf vierundfünfzig Jahre seines Bestehens zurück, in denen er an feinem Teile beitrug, das Bildungsniveau des Volkes zu heben. Gestern
sfeuillkton.
Einnspruch.
Richte nie den Wett des Menschen Schnell nach einer kurzen Stunde.
Oben sind bewegte Wellen, Doch die Perle liegt am Grunde.
Otto von Leixner.
Mchners Ko!-jfshrt.
Cin Vortrag des Südpol-Fahrers.
(Bericht unsers Mitarbeiters.)
Berlin, 10. Februar.
Vor der Gesellschaft für Erdkunde hielt am Sonnabend der soeben hierher zurückgekehrte Südpolarforscher und Leiter der deutschen antarktischen Expeditton, Oberleutnant Dr. Filch- n e r, einen Vortrag, in dem er über die Erfolge seiner Expeditton berichtete. Er fühtte aus: Die „Deutschland" begann am 11. Dezember 1911 von Süd-Georgien aus ihre Südfahrt und mußte sich unter wechselnden Eisverhältnissen den Weg erzwingen. Am dreißigsten Januar nachmittags wurde bei 76 Grad 48 Minuten südlicher Breite und 30 Grad 25 -Minuten westlicher Länge Inlandeis gesichtet. Es bot sich als eine 200 bis 300 Meter hohe Erhebung dar, in sanfter Böschung gegen das Meer ziemlich gleichmäßig abfallend und dort in einer senkrechten, etwa dreißig Meter hohen Eiswand abbrechend. Die Fahrt wurde noch am selben Tage in der Längsrichtung dieser Eiswand fottgesetzt, da man Gewißheit Haden wollte, ob man es mit einer Eisbarriere zu tun habe, und man erkannte schließlich, daß es sich nm ein Analogon der Roßbarriere handelte. Am zweiten und dritten Februar wurde die Vahselbucht nochmals erkundet und dem neuentdeckten Lande der Name Prinz-Regent- Luitpold-Land beigelegt.
Da ein Herangehen des Schiffes an das Inlandeis unmöglich war, mußte auf schwimmendem Eiskomplex eine Station errichtet werden. Um diese zu sichern, wurde die „Deutschland" nicht nach Georgien zurückge- sandt, sondern überwinterte in der Vahsel- bucht, Als am dritten Februar unvermutet
günstige Fahrtverhältnisse nach Westen eintraten, entschloß man sich zu einer zweiten Rekog- niszierung des Eisbarrieverandes, welche zu einer Stationserrichtung am östlichen Ende dec Eismasse führte. Am siebzehnten Februar war das Stationshaus im Rohbau vollendet. Am achtzehnten Februar zerstörte am Morgen bei furchtbarer Kälte eine Flutw elle die festgekitteten Eismassen und sprengte diese vom Inlandeis und von der Barriere ab, und zwar mehrere Hundert Quadrattilomeder, darunter auch den Stationsplatz, der rasch abtrieb. Es gelang jedoch, fast das gesamte Stationsmate- rial mit Ausnahme des größten Teils des Stationshauses selbst zu retten. Nachdem die „Deutschland" wegen des schweren Sturmes mehrere Tage auf die hohe See geflüchtet war, konnte man am dreiundzwanztgsten Februar wieder nach der alten Stelle zurücftehren, doch war die Bucht bis zum sechsundzwanzigsten verschwunden. Da eine Landung nicht durchführbar war, wollte man am vierten März nach Süd-Georgien zu rückkehren, um im nächsten Jahre zu einer früheren Zeit wiederzukehren und sofort auf dem Inlandeis zu landen. Am fünften März wurde jedoch die Nordfahrt durch wachsendes Jungeis verzögert, und am ack!en März saß man auf 73 Grad 43 Minuten südlicher Breite und 31 Grad 6 Minuten westlicher Länge definitiv fest.
Die Triftfahrt begann ganz entgegen dem Programm. Sie führte bis zum siebenten Mai nach West-Nord-Wcst, bog dann nach Norden um und behielt diese Richtung bis Anfang Oktober, wo man den 65. Grad südlicher Breite und 42. Grad westlicher Länge erreichte. Erst am sechsundzwanzigsten November kam das Schiff frei. Grade diese Triftfahrt habe jedoch (wie der Vortragende aussühtte) gute Gele- genheit zur Ausführung umfangreicher wissenschaftlicher Beobachtungen geboten. Es wurde das Wachstum des Eises verfolgt. Temperaturbestimmunoen in verschiedenen Tiefen vorgenommen, Strommessungen und Fischzüge mit dem Plantonnetz veranstaltet. Vom dreiundzwanzigsten bis einunddrei- ßigsttn Juni unternahm der Vortragende mit Dr. König und Kling von dem angefrorenen Schiff aus eine Schlittenreise nach dem sogenannten Morell-Land, durch welche dessen
Richtcxistenz nachgewiesen wurde. Kapitän Richard Vahsel starb am achten August nahe dem Polarkreis nach längerer Krankheit. In Buenos Aires wird das Schiff ins Dock gehen, um schließlich so rechtzeitig nach Süd-Georgien zu fahren, um noch in diesem Jahre eine Reise nach den Sandwich-Jnseln zu machen und im Dezember 1913 die Südfahrt nach dem neuentdeckten Lande nochmals anzutreten, wo die Forschungen in der Antarktis fottgefühtt werden sollen. Dr. Filchner verspricht sich von diesem Abschluß der Forschungen einen befriedigenden Erfolg. P. 8.
dL Das Varietee wird hoffähig! Wie wir schon mitgeteilt haben, hat der österreichische Thronfolger in der vergangenen Woche inkognito in Dresden geweilt, wo er mit feiner Gemahlin den Karneval befuchte. Die Abende während seiner Dresdener Anwesenheit verbrachte Erzherzog Franz Ferdinand in zwei Theatern, die der heiteren Kunst dienen: Am Dienstag sah er sich im Dresdener Zentraltheater dm „Lieben Augustin" an und den Abend vorder verlebte der Thronfolger in einem Dresdener Varietee, im Viktoriasalon. wo er Gelegenheit hatte, die Saharet in ihren neuesten Tänzen zu bewundern.
tGd Heinrich Mann auf der Bühne. Heinrich Manns Drama „Die große Liebe" hatte im Lessingtheater in Berlin einen stark bestrittenen Erfolg. Es ist eine ganz lvrische Liebesgeschichte, die der Dichter sicher zu einem ausgezeichneten Roman hätte umgestalten können, wenn er nicht den Ehrgeiz besäße, auch dramatischen Lorbeer pflücken zu wollen. Selbst die zum Teil (Tilla Durieux) glänzende Darstellung des Lessingtheattrs konnte von der dramatischen Begabung Manns nicht überzeugen.
L Bom Kabarett zur Hoföühne. Graf Hülsen. der Generalintendant der preußischen Hofbühnen. hat eben (wie uns aus Berlin gemeldet wird) für das Berliner Hostheater eine interessante Erwerbung gemacht: Er bat das Mitglied des Berliner Linden-Kabaretts. Fräulein Senta Söueland, für die Berliner Hofbühne verpflichtet. Fräulein Söneland. die früher am Komödienhaus engagiert war, ist eine begabte Humoristin, und es ist gewissermaßen pikant, daß die Künstlerin, die erst drei
undzwanzig Jahre alt ist, als „komische^Älte" engagiert wurde.
Eine Offizierstragödie vom Urenkel von Wetthers Lotte. Von unserm Berliner Korrespondenten wird uns geschrieben: Soeben gelangt von einem Berliner Theaterverlag ein Stück zur Versendung an die deuffchen Bühnen, das schon durch die Persönlichkeit seines Verfassers Interesse erweckt. Dieser Verfasser beißt Haus Schmidt - Kestner und ist ein Urenkel Charlotte Kestners, die dem jungen Goethe in Wetzlar zum Urbild von Wetthers Lotte wurde. Hans Schmidt-Kestner war bis vor kurzem noch akttver Offizier, und fein Dramatikerdebut stützt sich auf die Kreise, in die ihn fein bisheriges Leben fühtte. Sein erstes Stück ist eine Offizierstragödie; es führt den Titel „Lutz L ö w e n h a u p t". Die Ur- auffübrung wird noch im Laufe dieser Saison stattfinden.
Löniglichr Schsuspirlr.
Im Hoftbeater wurde gestern statt „Rienzi" wegen plötzlicher Unpäßlichkeit des Herrn Brandenberger der „Fliegende Holländer" gegeben. Dadurch war endlich wieder einmal Fräulein Preißmann Gelegenheit gegeben, in einer ihrer wahrscheinlich besten Wagnerpartten, als Senia nämlich, hervorzutreten. Da die Aenderung des Spielplans so plötzlich erfolgt war, konnte unfer Kritiker leider nicht mehr Gelegenheit nehmen, die Ausführung zu besuchen Wir behalten uns also eine Besprechung dieser Partie (vorausgesetzt, daß die Oper in diesem Spieljahr noch einmal wiederkehrt) für später vor. Wie uns aber von sachkundiger Seite mitgeteilt wird, war die Senia Fräulein Preißmanns von sehr zarter. seelischer Durchdringung. Gesanglich sei besonders die Ballade hervorzuheben, in der Crescendo und Pianissimo feine Abstimmung gezeigt hätten. Für das Dramatische der Partie hatte die Künstlerin die besten Töne gefunden. fo daß eine sehr gute, wohlabgerundtte Leistung zustande gekommen sei. Aus der Reihe der übrigen^Mitwittenden sei wieder besonders der „Holländer" Wuzsls zu nennen; in der musikalischen Leitung habe sich wieder der gute Dirigentengeist Professor Bei« ers ausgezeichnet bewährt-