Einzelbild herunterladen
 

Nr. 57. 3. Jahrgang.

ringewöhnt, und zwar macht sich seine schlichtbürgcrliche Erziehung immer noch fühl­bar, insofern er sich ganz kameradschaftlich

im Offizier-Korps

bewegt und keineswegs das hochgeborene Mit­glied des englischen Königshauses hervorkehrt. Die traditionelle Vorliebe seiner Familie für Pferde hat ihn veranlaßt, einen kleinen Renn­stall zu halten, dessen Farben in der kom­menden Saison zum erstenmal auf deutschen Bahnen erscheinen werden. Die politische Bedeutung einer Familien - Verbin­dung zwischen den Fürstenhäusern Hohenzol- lern und Cumberland wäre vor allen Dingen in der Annäherung des welfischen Hauses an die Hohenzollern zu erblicken, und man geht Wohl nicht darin fehl, daß die Regentschaft des Herzogs Johann Albrecht zu Mecklenburg in Braunschweig in nicht allzu ferner Zeit ihr Ende erreichen wird. Es dürfte ein Weg ge­funden werden, den Prinzen Ernst August, der ja rechtmäßig den Titel eines Herzogs zu Braunschweig und Lüneburg führt, als Her­zog in das alte Welfenschloß zu Braun­schweig einziehen zu lassen.

Vor der Verlobung...!

Karlsruhe, 10. Februar. (Privat- Telegramm.) Die Gerüchte über eine Ber­lab u n g der Prinzessin Viktoria Luise mit dem Prinzen von Cumberland finden Bestätigung durch die heute vormittag um zehn Uhr er­folgte Ankunft des Kaisers und der Kaiserin, sowie der Prinzessin Viktoria Luise. Der Prinz von Cumberland, der (wie es heißt) später den Titel eines Herzogs von Cumber­land führen wird, ist gleichzeitig in Karlsruhe eingetroffen. Wie man aus unter­richteten Kreisen erfährt, wird die Verlobung heute noch nicht publiziert werden, sondern wahrscheinlich erst morgen. Für den Aufenthalt des Kaiserpaares in Karlsruhe sind drei Tage in Aussicht genommen.

Set Krieg auf dem Balkan.

Neue Türkeufiege bet Tschataldscha!

Das Kriegsglück scheint den Türken im Zweiten Balkankrieg günstiger zu sein als in ven früheren Kämpfen. Die neuesten Depeschen aus Konstantinopel bezeichnen die Stellung der Türken an der ganzen Marmaraküste als sehr günstig und Paffagiere der in Kon­stantinopel eingetroffenen Dampfer bestätigen diese Auffaflung. Nach ihren Wahrnehmungen ist es den Bulgaren nicht gelungen, auf Galli­poli vorwärts zu kommen. Die Türken be­schränken sich dort auf den Schutz der Schan­zen von Bulair. Man befürchtet auch, daß die Türken gestern Tschorlu besetzten und die Bulgaren bei ihrem Rückzüge bei Tschataldscha zwölf große Geschütze zurückgelassen haben und sich auch von Siliwri zurückziehen mußten. Ueber die letzten Kämpfe liegen folgende Draht-Nachrichten vor:

Rodosto und Tschataldscha.

(Prtvat-Tclegramm.)

Konstantinopel, 10. Februar.

An der Tschataldschalinie hat gestern ein Neuer Kampf stattgefunden. Die Schlacht dauerte nicht lange. Die Bulgaren zogen sich zurück und ließen vierzig Tote und Verwun­dete zurück. Ueber achtzig Bulgaren wurden gefangen genommen, darunter ein Oberst. Es bestätigt sich ferner, daß Rodosto und Um­gebung in türkischen Händen ist. Ob der Vormarsch der Türken nach Norden schon be­gonnen hat, ist unbekannt. Bei Silistria fand gestern ein ernster Kampf statt. Die Bulgaren sollen zum Rückzüge gezwungen worden sein,

Casseler Neueste Nachrichten

Dienstag, 11. Februar 1913.

sodaß die gesamte Marmarameerküste nun­mehr wieder von den Türken besetzt sein soll.

Kämpfe bei Skutari.

(Amtliche Meldung.)

Cetinse, 10. Februar-

Der rechte Flügel der Kolonne des Generals Martinowitsch besetzte gestern das Dorf Dions Sisi unterhalb der Befestigungen des Tarabosch. Der Tarabofch wurde unausgesetzt bombardiert. Eine serbische Truppenabteilung unter dem Kommando des Obersten Popowiffch und drei montenegrinische Bataillone mit Ma­schinengewehren und Kanonen rückten gegen Brdica vor und griffen den Feind hefttg an. Rach den von der Armee des Kronprinzen ein­getroffenen Nachrichten sind die Türken auf der ganzen Linie geschlagen worden. Das Gerücht, daß in Skutari Mangel an Le­bensmitteln besteht, bestätigt sich.

Die türkischen Frauen.

(Privat-Telegram m.)

Konstantinopel, 10. Februar-

In der Stambulcr Universität hielten gestern nachmittag mehrere Tausend türkische trauen eine Versammlung ab. Die Versammlung be­schloß die Absendung eines Telegramms an die Armee, die ermahnt wird, tapfer für die Ehre der Nation zu kämpfen. Ferner wurde beschlossen, einen Aufruf an die Mohammedane­rinnen des Auslandes um Beihilfe zu senden. Endlich wird in Telegrammen an alle Herrsche­rinnen Europas gegen die G r e u e l t a t e n des Balkanbundes protestiert. Zum Schluß legten die Frauen ihren Schmuck auf den Tisch des Präsidenten nieder, um ihn dem Vaterland zu opfern.

*

Europas Großmächte sind einig!"

Die offiziöse Norddeutsche Allgemeine Zei­tung schreibt in ihrer Wochenrundschau: Der von allen Mächten gehegte Wunsch, die Wieder­aufnahme der Feindseligkeiten in Thrazien vermieden zu sehen, hat sich nicht verwirk­lichen laffe». Unerschüttert aber ist das Verhält- nrs der Mächte untereinander geblieben. Nach wie vor geht ihr Bestreben aus möglichste Be­schränkung und Abkürzung der kriegerischen Er­eignisse, auf zweckdienliche Mitarbeit an einem baldigen Friedensschluß und auf ge­meinsame Lösung der sie dabei interessierenden Fragen, die von der Versammlung der Botschaf­ter in London vordereitel wird. Zur Erreichung dieser Ziele bleiben die Mächte solidarisch in der Bewahrung ihrer Neutralität und des europäischen Einvernehmens.

Aus den Parlamenten.

Der Reichstag und der Justiz-Etat.

Die Sonnabendsitzung der Reichsboten im Reichshaus am Berliner Königsplatz wurde eröffnet durch eine kurze Bemerkung des Ab­geordneten Dr. Oertel (kons.), in der er er- klärte, er habe mit seinen Anführungen vom 16. Januar über die Bekämpfung der Sozial­demokratie keineswegs etwa dem Reichskanzler und dem Staatssekretär Delbrück Mangel an persönlichen Mut vorwersen wollen, er habe eine entsprechende Erklärung gegenüber beiden Herren abgegeben. Dann wandte man sich dem Justizetat zu. Die Debatte wurde eröffnet durch den

Abg. Dr. Cohn (Soz.): Das bestehende Recht wird in ungewöhnlich scharfer Weise an­gewandt, wenn es sich um den Schutz der Ar­beitswilligen handelt. Den um ihre wirt­schaftliche Existenz kämpfenden Arbeitern wer­den strengste Sttafen zudikttert. Das schmäh­liche Gewerbe der Lockspitzelei gedeiht immer weiter. Wir wünschen ein Recht, das den Aus- fassnngen des Volkes mehr Rechnung trägt.

g________ --- " Mill

Abg. Dr. Belzer (Ztr.): Das freie Herum- lausen verbrecherischer Irrer ist eine Gefahr für die Gesellschaft. Wann kommt ein neues Spio­nagegesetz? Das Uebermaß der Pollzeiverord- nungen muß herabgemindert werden. Die Re­solution, daß bei Zwangsversteigerungen Staat und Kommunen das Vorkaufsrecht haben sollen, können wir nicht gutheißen. Dagegen möchte ich unsere Resolution empfehlen, durch ein Gesetz den Zwangsvergleich außerhalb des Konkurses zu ermöglichen.

Die Arteile im Ruhrprozeß wären Wohl nicht so ausgefallen, wenn man dort ansässige Richter genommen hätte. Ich möchte wissen, was aus dem Prozeß Eulen­burg wird.

Staatssekretär Dr. Lisco: Der Gesunoheits- zustand des Fürsten Eulenburg wird dauernd kontrolliert. Er ist erneut untersucht, aber als verhandlungfähig nicht befunden worden. Was einen gerichlichen Zwangsvergleich außerhalb des Konkurses anlangt, so werden wir uns be­mühen, den geäußerten Wünschen gerecht zu werden. Eine Verschärfung des Spionagege-' setzes wird augenblicklich ausgearbeitet.

Abg. Schiffer-Magdeburg (natl.): Die Richt- ter sind immer nur die Angehörigen ihrer Um­welt und urteilen aus ihr heraus. Daß unsere Justiz Mängel hat, daß auch unsere Richter irren können, wer könnte das bestreiten? Es wird viel zu viel bestraft. Wir müssen Licht und Luft hineinbringen in die Justiz, damit das Volk sich zurechffinden kann. Die Ausge­staltung des Schöffengerichts müßte noch vor der allgemeinen Strafprozeßreform erfolgen. Warum sollen die Lehrer länger von der Justiz ausgeschlossen werden? Eine fernere Frage ist der weitgehendere Schutz des Wahlgeheimnis- fes.. Die Frage des Arbeitswilligenschutzees muß endlich unvoreingenommen geregelt wer­den. Ich bitte, unsere Resolution betreffend das Vorkaufsrecht der Kommunen und des Staates bei Zwangsversteigerungen anzu­nehmen.

Nach weiteren Bemerkungen der Abgeord­neten Holtschke (kons. ),Warmuth (Rpt.) und Vietmeier (Wirtsch. Vgg.), die sich sämtlich ge­gen die nationalliberale Resolution ausspre­chen. wird die Sitzung geschlossen. Die Tages­ordnung der heutigen Sitzung umfaßt: Wahl- Prüfungen, Rechnungssachen, Justtzetat (Fort­setzung.)

Die Etat-Debatte im Landtag.

Sm preußischen Abgeordnetenhaus führte man am Sonnabend endlich die Bera­tung des Etats des Ministeriums des Innern zu Ende. Beim Kapitel .Medizinalwesen" bil­deten zwei Punkte den Hauptgegenstand der De­batte: Die Beziehungen der Aerzte beziehungs­weise des sogenannten Leipziger Verbandes zu den Krankenkassen und die Abnahme der Gebur­ten. Wesentlich Neues kam aber nicht zutage. Dann begann man noch den Bauetat, wobei der freikonservative Führer von Zedlitz im Einblick auf den Großschiffahrtskanal Berlin-Stettin Kompensationen für Oberschlesien fordette, am besten durch den Ausbau der Oder.

Prinz Adalbett in der Schweiz.

Berlin, 10. Februar. (Privat-Tele- gramm.) Prinz Adalbert von Preu- ß ett, der von seiner Krankheit genesen ist, reiste gestern auf einige Wochen nach der süd­lichen Schweiz, wo er sich von der überstande­nen Krankheit erholen soll. Der Ausenihalt des Prinzen in der Schweiz ist vorläufig auf vier Wochen berechnet. Die Aerzte hosfen, oaß der Prinz dann wieder völlig hergestellt sein wird und feinen Dienst wieder ansnchmen kann.

Kräfteverfall ein, daß das Schlimmste zu be­fürchten ist. Es besteht keine Hoffnung mehr auf Rettung. Die Bestrebungen der Aerzte sind nur noch darauf gerichtet, die unsäglichen Schmerzen zu linden und die Herztätigkeit -u beleben. Jaihos Ableben wird stündlich er. wartet.

Neues vom Tage.

m Die Wahnsinnstat einer Mutter. In einem Anfall von Geistesstörung versuchte in Hannover die kranke Frau des Arbeiters Hasenbein ihrer siebenjährigen Tochter den HM zu dürchschneiden; sie verletzte das Kind nicht unerheblich. Darauf brachte sie sich selbst meh­rere Schnittwunden am Halse bei und verletzte auch noch ihren Ehemann, der ihr das Messer entwinden wollte. Alle drei wurden ins Kran- konhaus gebracht.

rrr Pockenerkrankungen im holländische» Grenzgebiet. Aus Gronau in Westfalen wird der Ausbruch der Pocken im holländischen Grenzgebiet gemeldet. In Gronau stellte i r« die Krankheit an zwei Fabrikarbeitern fest. In Soffer sind fünf Krankheitsfälle zu verzeichnen. Die Krankheit soll durch ausländische Arbeiter eingeschleppt worden sein. Die bis jetzt be­kannten Fälle scheinen einigermaßen günstig zu verlaufen.

nr Bom Zuge überfahren. Jn Cronberg im Taunus wurde der Bürgermeister Weil von Kleinschwalbach, als er auf einen schon in Bewegung befindlichen Zug springen wollte, überfahren und lebensgefährlich verletzt. ... Aus einem in voller Fahrt befindlichen Eilzuge stürzte sich zwischen Herford und Bielefeld eine anscheinend geistesgestörte Frau. Sie wurde überfahren und erlitt sehr schwere Verletzungen.

nr Opfer des Spieltisches. Unter dem drin­genden Verdacht des Kautionsschwindels wurde in Berlin der neunundvierzig Jahre alte Oberleutnant a. D. Wilhelm Ganger festgenommen. Gauger ist ein Opfer seiner Spielleidenschaft geworden, durch die er in fi- nanzielle Schwierigkeiten geraten ist. Die Höhe der erschwindelten Gelder ist noch nicht genau festgestellt; sie soll aber ganz beträchtlich sein.

nr Schwere Ausschreitungen auf einer Würzburger Zeche. Auf der ZecheDersfeld" bei Würzburg drangen Arbeiter toe-rennicht bewilligter Lohnforderungen in das Büro ein, wo es zu einem lebhaften Kampf kam, bei dem Arbeiter wie auch Beamte verletzt wurden. In einer Wirtschaft versammelten sich die Arbeiter dann' zu einem erneuten Angriff, woran sie jedoch durch die binzukommende Polizei ver­hindert wurden. Neun Arbeiter wurdm wegen Landfriedensbruch verhaftet.

Der Selbstmord eines Bankdirettors. Der Direktor Ernst Schmitt der Filiale Eger der böhmischen Eskomptbank hat sich in der Nacht zum Sonntag in seinem Büro erhängt. Bei einer Revision der Kassenbestände wurde alles in schönster Ordnung vorgefunden. Das Motiv des Selbstmords ist wahrscheinlich Ner­vosität. da Schmitt schon längere Zen nerven- leidend war.

nr Der Tod in den Bergen. Fünf Studen­ten versuchten, den Monte Disgrazia in den Veltliner Alpen zu besteigen, als sich Eismas­sen. auf denen sie standen, loslösten und tal­wärts zu rollen begannen. Der Führer und drei andere Studenten konnten sich retten. Der Student Vittore Levis stürzte in einen lausend Meter tiefen Abgrund. Die Leiche konnte bis­her nicht geborgen werden.

Zar Neueste am Kaste!.

Pfarrer Jatho im Sterben?

Köln, 10. Februar. (P riv at - T e le - gramm.) Das Befinden des Pfarrers Ja­tho ist hoffnungslos. Nachdem die letzte Knieoperation dem Kranken einige Linderung verschafft hatte, stellte sich aestern ein derartiger

Casseler Feste.

Der Arbeiterfortbildungs Ver- ein zu Cassel sieht gegenwärttg auf vier­undfünfzig Jahre seines Bestehens zurück, in denen er an feinem Teile beitrug, das Bil­dungsniveau des Volkes zu heben. Gestern

sfeuillkton.

Einnspruch.

Richte nie den Wett des Menschen Schnell nach einer kurzen Stunde.

Oben sind bewegte Wellen, Doch die Perle liegt am Grunde.

Otto von Leixner.

Mchners Ko!-jfshrt.

Cin Vortrag des Südpol-Fahrers.

(Bericht unsers Mitarbeiters.)

Berlin, 10. Februar.

Vor der Gesellschaft für Erdkunde hielt am Sonnabend der soeben hierher zurückgekehrte Südpolarforscher und Leiter der deutschen ant­arktischen Expeditton, Oberleutnant Dr. Filch- n e r, einen Vortrag, in dem er über die Er­folge seiner Expeditton berichtete. Er fühtte aus: DieDeutschland" begann am 11. Dezem­ber 1911 von Süd-Georgien aus ihre Südfahrt und mußte sich unter wechselnden Eisverhält­nissen den Weg erzwingen. Am dreißigsten Januar nachmittags wurde bei 76 Grad 48 Minuten südlicher Breite und 30 Grad 25 -Mi­nuten westlicher Länge Inlandeis gesichtet. Es bot sich als eine 200 bis 300 Meter hohe Er­hebung dar, in sanfter Böschung gegen das Meer ziemlich gleichmäßig abfallend und dort in einer senkrechten, etwa dreißig Meter hohen Eiswand abbrechend. Die Fahrt wurde noch am selben Tage in der Längsrichtung dieser Eiswand fottgesetzt, da man Gewißheit Haden wollte, ob man es mit einer Eisbarriere zu tun habe, und man erkannte schließlich, daß es sich nm ein Analogon der Roßbarriere han­delte. Am zweiten und dritten Februar wurde die Vahselbucht nochmals erkundet und dem neuentdeckten Lande der Name Prinz-Regent- Luitpold-Land beigelegt.

Da ein Herangehen des Schiffes an das Inlandeis unmöglich war, mußte auf schwim­mendem Eiskomplex eine Station errichtet werden. Um diese zu sichern, wurde die Deutschland" nicht nach Georgien zurückge- sandt, sondern überwinterte in der Vahsel- bucht, Als am dritten Februar unvermutet

günstige Fahrtverhältnisse nach Westen eintra­ten, entschloß man sich zu einer zweiten Rekog- niszierung des Eisbarrieverandes, welche zu einer Stationserrichtung am östlichen Ende dec Eismasse führte. Am siebzehnten Februar war das Stationshaus im Rohbau vollendet. Am achtzehnten Februar zerstörte am Morgen bei furchtbarer Kälte eine Flutw elle die festgekitteten Eismassen und sprengte diese vom Inlandeis und von der Barriere ab, und zwar mehrere Hundert Quadrattilomeder, darunter auch den Stationsplatz, der rasch abtrieb. Es gelang jedoch, fast das gesamte Stationsmate- rial mit Ausnahme des größten Teils des Stationshauses selbst zu retten. Nachdem die Deutschland" wegen des schweren Sturmes mehrere Tage auf die hohe See geflüchtet war, konnte man am dreiundzwanztgsten Februar wieder nach der alten Stelle zurücftehren, doch war die Bucht bis zum sechsundzwanzigsten verschwunden. Da eine Landung nicht durch­führbar war, wollte man am vierten März nach Süd-Georgien zu rückkehren, um im nächsten Jahre zu einer früheren Zeit wiederzukehren und sofort auf dem Inlandeis zu landen. Am fünften März wurde jedoch die Nordfahrt durch wachsendes Jungeis verzögert, und am ack!en März saß man auf 73 Grad 43 Minuten süd­licher Breite und 31 Grad 6 Minuten westlicher Länge definitiv fest.

Die Triftfahrt begann ganz entgegen dem Programm. Sie führte bis zum siebenten Mai nach West-Nord-Wcst, bog dann nach Norden um und behielt diese Richtung bis Anfang Ok­tober, wo man den 65. Grad südlicher Breite und 42. Grad westlicher Länge erreichte. Erst am sechsundzwanzigsten November kam das Schiff frei. Grade diese Triftfahrt habe jedoch (wie der Vortragende aussühtte) gute Gele- genheit zur Ausführung umfangreicher wis­senschaftlicher Beobachtungen ge­boten. Es wurde das Wachstum des Eises verfolgt. Temperaturbestimmunoen in verschie­denen Tiefen vorgenommen, Strommessungen und Fischzüge mit dem Plantonnetz veranstal­tet. Vom dreiundzwanzigsten bis einunddrei- ßigsttn Juni unternahm der Vortragende mit Dr. König und Kling von dem angefrorenen Schiff aus eine Schlittenreise nach dem soge­nannten Morell-Land, durch welche dessen

Richtcxistenz nachgewiesen wurde. Kapitän Richard Vahsel starb am achten August nahe dem Polarkreis nach längerer Krankheit. In Buenos Aires wird das Schiff ins Dock gehen, um schließlich so rechtzeitig nach Süd-Georgien zu fahren, um noch in diesem Jahre eine Reise nach den Sandwich-Jnseln zu machen und im Dezember 1913 die Südfahrt nach dem neu­entdeckten Lande nochmals anzutreten, wo die Forschungen in der Antarktis fottgefühtt wer­den sollen. Dr. Filchner verspricht sich von diesem Abschluß der Forschungen einen befrie­digenden Erfolg. P. 8.

dL Das Varietee wird hoffähig! Wie wir schon mitgeteilt haben, hat der österreichische Thronfolger in der vergangenen Woche inkog­nito in Dresden geweilt, wo er mit feiner Gemahlin den Karneval befuchte. Die Abende während seiner Dresdener Anwesenheit ver­brachte Erzherzog Franz Ferdinand in zwei Theatern, die der heiteren Kunst dienen: Am Dienstag sah er sich im Dresdener Zentral­theater dmLieben Augustin" an und den Abend vorder verlebte der Thronfolger in ei­nem Dresdener Varietee, im Viktoriasalon. wo er Gelegenheit hatte, die Saharet in ihren neuesten Tänzen zu bewundern.

tGd Heinrich Mann auf der Bühne. Heinrich Manns DramaDie große Liebe" hatte im Lessingtheater in Berlin einen stark bestrittenen Erfolg. Es ist eine ganz lvrische Liebesge­schichte, die der Dichter sicher zu einem ausge­zeichneten Roman hätte umgestalten können, wenn er nicht den Ehrgeiz besäße, auch drama­tischen Lorbeer pflücken zu wollen. Selbst die zum Teil (Tilla Durieux) glänzende Darstellung des Lessingtheattrs konnte von der dramatischen Begabung Manns nicht überzeugen.

L Bom Kabarett zur Hoföühne. Graf Hül­sen. der Generalintendant der preußischen Hof­bühnen. hat eben (wie uns aus Berlin gemel­det wird) für das Berliner Hostheater eine in­teressante Erwerbung gemacht: Er bat das Mit­glied des Berliner Linden-Kabaretts. Fräulein Senta Söueland, für die Berliner Hof­bühne verpflichtet. Fräulein Söneland. die früher am Komödienhaus engagiert war, ist eine begabte Humoristin, und es ist gewisser­maßen pikant, daß die Künstlerin, die erst drei­

undzwanzig Jahre alt ist, alskomische^Älte" engagiert wurde.

Eine Offizierstragödie vom Urenkel von Wetthers Lotte. Von unserm Berliner Korre­spondenten wird uns geschrieben: Soeben ge­langt von einem Berliner Theaterverlag ein Stück zur Versendung an die deuffchen Büh­nen, das schon durch die Persönlichkeit seines Verfassers Interesse erweckt. Dieser Verfasser beißt Haus Schmidt - Kestner und ist ein Urenkel Charlotte Kestners, die dem jungen Goethe in Wetzlar zum Urbild von Wetthers Lotte wurde. Hans Schmidt-Kestner war bis vor kurzem noch akttver Offizier, und fein Dramatikerdebut stützt sich auf die Kreise, in die ihn fein bisheriges Leben fühtte. Sein erstes Stück ist eine Offizierstragödie; es führt den TitelLutz L ö w e n h a u p t". Die Ur- auffübrung wird noch im Laufe dieser Saison stattfinden.

Löniglichr Schsuspirlr.

Im Hoftbeater wurde gestern stattRienzi" wegen plötzlicher Unpäßlichkeit des Herrn Brandenberger derFliegende Hollän­der" gegeben. Dadurch war endlich wieder ein­mal Fräulein Preißmann Gelegenheit ge­geben, in einer ihrer wahrscheinlich besten Wagnerpartten, als Senia nämlich, hervorzu­treten. Da die Aenderung des Spielplans so plötzlich erfolgt war, konnte unfer Kritiker lei­der nicht mehr Gelegenheit nehmen, die Aus­führung zu besuchen Wir behalten uns also eine Besprechung dieser Partie (vorausgesetzt, daß die Oper in diesem Spieljahr noch einmal wiederkehrt) für später vor. Wie uns aber von sachkundiger Seite mitgeteilt wird, war die Senia Fräulein Preißmanns von sehr zar­ter. seelischer Durchdringung. Gesanglich sei besonders die Ballade hervorzuheben, in der Crescendo und Pianissimo feine Abstimmung gezeigt hätten. Für das Dramatische der Par­tie hatte die Künstlerin die besten Töne gefun­den. fo daß eine sehr gute, wohlabgerundtte Leistung zustande gekommen sei. Aus der Reihe der übrigen^Mitwittenden sei wieder beson­ders derHolländer" Wuzsls zu nennen; in der musikalischen Leitung habe sich wie­der der gute Dirigentengeist Professor Bei« ers ausgezeichnet bewährt-