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Caffeler Abendzeitung
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Hessische Abendzeitung
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Rümmer 35.
3. Jahrgang
Donnerstag, 16. Januar 1913.
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«
Sie Snm und der Staat.
Gewiß: Die Postverwaltung, der Lehrberuf, gierung an einem der nächsten Tage selbst könnt. Die montenegrinischen Truppen wurden ba5 Erziehungwesen, die Armen- und Waisen- das Wort ergreifen. von den Türken inwilderFlucht zurückge-
Auf dem Weg zu neuen Zielen.
Wie aus einer soeben veröffentlichten amtlichen Statistik hervorgeht, sind zurzeit' von den etwa zehn Millionen erwerbstätigen deutschen Frauen rund sechzehntausend im Dienst des S t a a t eS und der K o m m u n e n beschäftigt, davon neun Prozent in mittleren und höheren Stellungen. Es läßt sich nicht leugnen: Die Frau hat hn letzten Jahrzehnt auch innerhallb der deut - s ck! e n Reichgrenzen in der praktischen Verwirklichung ihres Anspruchs auf Gleichstellung mit dem Manne hinsichtlich der Nutzbarmachung intellektueller Kräfte im Dienst der Allgemein- bett außerordentliche Erfolge erstritten, und das philiströs« Vorurteil, daS noch Im Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der ihre Le, henSexistenz selbst begründenden Frau überall beim Eintritt ins öffentliche Leben begegnete, gehört nun der Großvaterzeit an. Der sozial denkenden, sozial fühlenden und sozial geschulten Frau unsrer Zeit ist die Bahn zur Verwer- tung ihrer Talente auf allen Gebieten des vom freien Wettbewerb der Kräfte beherrschten bürgerlichen Lebens weit geöffnet; die geheiligten Räume der Amtstube haben sich der Tüchtigkeit- der Frau erschlossen, und selbst dort, wo Kleinlichkeit oder Voreingenommenheit der neuen Zeit mit ihren modernen Lehen- und Dafein-Auffassungen noch eifersüchttg den Eintritt wehren, regt sich beffre Erkenntnis und ge- rechtere Würdigung der sozialen Strömungen, die die Frau von heute in den allgemeinen Erwerbkampf hineingetrieben. Wir befinden uns im Beginn einer wirtschaftlichen EvolutionS-Periode, und dem zwanzigsten Jahrhundert wird die Aufgabe zufallen, sich dieser Entwicklung anzupassen.
Auch der Staat wird nicht umhin können, dem großen sozialen Umwandlung-Prozeß, den unsre Generation in seinen Anfangstadien schaut, Rechnung zu tragen, denn grade der Staats-Organismus alS der Träger des nationalen SozialgedankenS und der Repräsentant des ftäcksten Wirtschastintereffes, wird von der fortschreitenden Umwertung der sozialen Werte in erster Linie betroffen, und es ergibt sich also für eine kluge und weitausschauende staatliche Wirtschaftpolitik von selbst die Notwendigkeit, dsr in ihren Wirkungen längst erkennbar gew ordnen Entwicklung nicht Hemmungen entgegenzustemmen, sondern sie verständig zu fördern und ihre Kraft sich nutzbar zu machen. Die dem Auge am nächsten liegende Entwicklungform deS sozialen Umwandlung-ProzeffeS wird in der unaufhaltsam fortschreitenden Verallgemeinerung des FrauenerwerbS und in der langsam, aber beständig zunehmenden Verwendung der Frauenkraft im Dienst des Staats und der Kommune sichtbar, und wenn grade auf diesem Gebiete der Frauenarbeit bisher die Geltendmachung ihrer Vor- züge erschwert (teilweise sogar unmöglich ge- ma<Ä> wurde, so liegt das in erster Linie am Wesen der staatlichen und kommunalen Verwaltung - Organisation und an der jahrhun- derte-atten Tradition, deren Mauerwälle noch der neuen Zeit trotzten, als auf andern Gebieten des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens der Erwerbarbeit der Frau längst die ihr ziemende Anerkennung und Wertung zuteil wurde.
Aber auch für den Bereich der Staats- und Kommunalverwaltung ist die Zeit des Mor- gendammerns gekommen: Die »Frau in Amt und Würden" gehört zur Gegenwatt, ebenso wie die Telegraphie ohne Draht und die Erobe. tung der Lust, und wenn auch erst ein Anfang gemacht ist, fo darf dock heute schon gesagt werden, daß die Aussichten für bete Frau, im Staats- ober Komm ihre Kräfte nutzbar zu machen, sich im allgemeinen recht günstig gestalten, und daß die Möglichkeit besteht, der Frauenarbeit allmählich immer weitere Gebiete amtlicher Tätigkeit zu erschließen. Auf dem vor einiger Zett in Berlin versammelt gewesnen Allgemeinen Frauenbildung-Tag sind die Aussichten, die sich für die gebildete Frau beim Eintritt in die amtliche Laufbahn ergeben, sehr eingehend erörtert worden, und man muß gestehen: Tie heute gehobnen Möglichkeiten bedeuten, ge» messen selbst an der jüngsten Vergangenheit, sehr viel, wenn auf der andern Sette auch nicht verkannt werden soll, daß die Schwierigkeiten, die sich der Frau beim Betteten der amtlichen Laufbahn entgegenstellen, immer noch beträchtlich genug sind, um die volle Entfaltung her Kräfte empfindlich zu beeinträchttgen. Alles, was auf diesem Gebiet erreicht ward, mußte erstritten werden, und daher kommt es hfnn auch, daß auch heut noch der Weg eng und das Ziel wett ist.
fflege und die staatliche Strafvollstreckung haben der Frau die Möglichkeit amtlicher Betätigung gewähtt; wir sehen sogar an zwölf höhern Schulen mit amtlichem Charatter Frauen als Leiterinnen und Vorgesetzte männlicher Lehrttäfte, und schätzen in der Armen- und Waisenpflege die Helfer-, Erzieher- und Fürsorge-Tätigkeit der Frau als das versöhnende Element in des Lebens Tiefen: dessen- ungeachtet gewinnt es den Anschein, als ob der Frauenarbeit tm Dienst des Staats und der Kommune immer nu$ widerstrebend Raum gewähtt werde. Materiell und sozial mögen also die Aussichten für die der amtlichen Tätigkeit sich widmende Frau noch so günstig ein: Vom allgemein - kulturellen und g e - ellschaftr-sozialen Standpunkt aus betrachtet, können sie (ein wirtschaftlicher Teil- Effekt der modernen Frauenbewegung) nur alS Bruchstück eineS Erfolgs bewertet werden, dessen Jdealgehalt das Maß deS bisher Erreichten weit übersteigt. Es liegt vielleicht in der Natur der Dache und im Wesen der Dinge elbft, daß bet Fortschritt, dessen Vorhandensein wir fühlen und erkennen, in der Sphäre staatlich-amtlicher Lebensäuberungen sich wesentlich päter durchsetzt als dort, wo daS freie Spiel der Kräfte ungehemmt sich regt: Die Entwicklung an sich aber kann dadurch nicht aufgehalten werden, und vielleicht sieht des zwanzigsten JahrhundettS Abend in nalurgewotd. ner Wirklichkeit, was wir, die Kinder einer altern Zeit, als fernes Ideal bestaunen ...!
F. H.
Der Fanatiker von Eolmar.
Das Wetterlv • Echo im Reichstag.
Die tolle Chauvinisten-Komödie des Col- marer Fanatikers Weiter!«, die wir in un- ernt gestrigen Leitattikel ziemend gewürdigt iahen, hat gestern auch im Reichstag daS entsprechende Echo gefunden. Bei der Beratung des Haushaltsplanes des ReichSamt« deS Innern ergriffen zwei Redner, der Nattonallihe- rale Kölsch und bet Freisinnige Müller-Meiningen, die Gelegenheit, sich mit Wetterls und seiner Tätigkeit in Frankreich zu befassen und der Entrüstung des deutschen Volkes darüber Ausdruck zu verleihen, daß dieser Gastfreund hoher Straßburger Regierungsbeamter und deutscher Reichstagsabgeordneter sich nicht scheut, die Revanchelust der Franzosen aufzustacheln.
Die Rechte schwieg...!
(Privat-Telegramm.)
Berlin- 15- Januar.
Die gestrigen Reden her Abgeordneten Kölsch und Müller-Meiningen gegen den Revanche-Apostel WetterlS fanden im Reichstag einen recht eigenartigen Widerhall. Beide Male ertönte lebhafter Beifall aus dem Hause, an dem sich sogar em Teil der Sozialdemokraten beteiligte, was immerhin etwas besagen will, während sich die Rechte vollständig stumm verhielt. Man betrachtet im Reichstag allgemein in nationalen Kreisen den neuesten Fall Wetterls lediglich als eine Folgeerscheinung der geradezu unglaublichen Nachgiebigkeit der reichsländischen Regierung seit vier Jahren, und der Reichsregierung in der Frage der Verfassungsänderung, die in dem Hirn eines Fanatikers vom Schlage Wetterlss jedes Verständnis dafür erlöschen ließ, wie weit ein Deutschenfeind im äußersten Falle gehen darf. Bezüglich der Grenzen des Möglichen gibt es bei Wetterl« kein Unterscheidungsvermögen, weil man seit langem in Straßburg und Berlin überhaupt nicht mehr daran dachte, die Dämme gegen den Uebermut der Franzos- linge aufzurichten, sondern bas Bestehende noch niederriß. Nachdem der Abgeordnete Kölsch als erster den Fall Wetterls angeschnitten hatte, Wäre es sehr angezeigt gewesen, wenn auch der konservative Redner, Graf Westarp, Siel- lung zu der Affäre genommen hätte. Aber b i c Rechte schwieg sich aus. Lag etwa eine Verpflichtung vor, den Fanatiker von Eolmar zu schonen? Das wäre wirklich sehr traurig! Io gab man Herrn Müller-Meiningen die Waffe in die Hand, mit Recht spitze Bemerkungen über die Rechte und besonders über den Grafen Westarp zu machen.
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WetterlL im Reichsland-Parlament.
Strastburg i. E., 15. Januar. (Privat- Telegramm.) Ter elsässisch-lothringische Landtag eröffnete mit ber gestrigen Sitzung, in der sich der Abgeordnete W e 11 e r 16 einer besonderen Aufmerksamkeit erfreute, und in der die Wahl des neuen Präsidiums vorgenommen wurde, seine diesjährige Tagung Offizielle Eröffnungsreden wurden nickt gehalten; deshalb kam auch der Fall W e11 erle nickt zur Sprache. Wie verlautet, wild jedoch die Re-
Die Stunde des Schicksals.
Am Vorabend «euer Battankämpfe?
Wir verzeichneten die vom Londoner Reuttr- Büro verbrettete Meldung über bett Abbruch der Londoner Friedensverhandlungen und die Wiederaufnahme des Krieges am Balkan. Die Nachricht ist zwar offiziell noch nicht bestätigt, und den neuesten Meldungen aus London zufolge hat auch die dortige türkische Mission bis zur Stunde noch keinerlei Mitteilungen und Instruktionen über ihre Abreise erhalten, ttotzdem kann kaum noch daran gezweifelt werden, daß sowohl die Friedenskonferenz wie die Botschafter-Reunion gescheite r t ist und daß die Wiederaufnahme der Feindseligkeiten jedenAitgenblick erfolgen kann. Wir erhalten darüber folgende Privgt- Telegramme:
London, 15. Januar.
Die Friedens-Konferenz ist zwar nicht offiziell abgebrochen worden, aber es bestätigt fich, datz die Delegierten der Verbündeten ihren eigenen Regierungen empfohlen habe», den Waffenstillstand ohne weiteres aufzuheben» falls die Antwort der Pforte unbefriedigend ausfalle« sollte. Für heute steht eine weitere RSunion der Botschafter bevor.
Sofia) 15. Januar-
König Ferdinand ist gestern abend in Begleitung aller Minister nach Mustapha Pascha abgereist. Dort sind bereits der Generalstabschef der Armee, sowie die Oberkommandanten der Truppen eingetroffe», «m Kriegsrat abzuhalten, wahrscheinlich über die Erneuerung der kriegerischen Operationen. Gestern machte fich hier »och eine optimistische Auffassung über die Lage bemerkbar.
Bukarest, 15. Januar.
Offiziös wird bekanntgegeben: Rumänien mobilisiert nicht, die Anterhand- lungen zwischen «ns und Bulgarien dauern fort und haben bisher keinen Verlauf genommen, der zu alarmierenden Schlußfolgerungen führen könnte. Minister Filipeseu ist als Privatmann nach Konstantinopel gereist. Die Nachricht von seiner Demission entspricht nicht de» Tatsachen. Die Stimmung in Rumänien ist gegenwärtig etwas ruhiger.
Trotz dieser beunruhigenden Nachrichten hält man in Wiener und Petersburger politischen Kreisen an ber Auffassung fest, daß eine Wiederaufnahme des Krieges nicht zu befürchten sei. In einer Petersburger offiziösen Korrespondenz wirb sogar gesagt, eine Fortsetzung des Krieges sei ebenso unwahrscheinlich wie die Annahme, daß durch die rumänisch-bulgarische Frage ein neuer Abschnitt der Balkan- krise eröffnet werden könnte. Die Mächte be- tteiben (so heißt es in ber Mitteilung) ihre Aufgabe, Frieben zu stiften, mit einer Aufrichtigkeit und Eindringlichkeit, von benen man sich die Uebertoinbung auch ber letzten Widerstände versprechen darf.
Kronprinz und Minister.
(Privat-Telegramm.)
Belgrad, 15. Januar.
Trotz des Dementis der Krisengerüchte bleibt die Tatsache bestehen, baß zwischen dem Kriegsmini st er bezw. ber Regierung unb bem Oberkommando, dem Kronprinzen Alexander, ein schwerer Kompetenzkonflikt auSgebrochen ist. Das Oberkommando hatte eine Anzahl von Offizieren wegen besonderer Verdienste in dessen Feldzug zu außerordentlichen Beförderungen vorgefchlagen, weil verfassungsmäßig ihm allein das Bor- schlagSreckt für Beförderungen zustehe. Das Oberkommando, also der Kronprinz, wiederum beruft sich auf gewisse Spezialbestimmungen, die dieses Recht ber Kompetenz dem Oberkommando zuweisen. Das Ministerium (in dem auch der Finanzminister auf die Schwierigkeiten solcher Beförderungen hinwies) erklärte sich in dieser Frage mtt dem Kriegsminister s o l i d a - risch und verlangte, daß überhaupt nur noch Offiziere befördert werden sollen, die das Recht darauf im ordentlichen Wege durch Ablegung ber vorschriftsmäßigen Prüfung erworben hätten. Der Konflikt erregt großes Aufsehen.
Hat der Krieg schon begonnen?
Rom, 15. Januar. (Privat-Telegram m.) Hier eingegangene Depeschen aus Durazzo-Bari berichte», daß die Montenegriner gestern bei einem Angriff gegen Drika in der Nähe von Skutari von der türkischen Garnison geschlagen würben und tausend Tote unb über sechshundert Verwundete hatte«. Tie Verluste der Türken find nicht be
trieben.
Kitte Präsldelltill gefällig...?
Marie Denizard, die Elysee-Kaudidati».
(Von unferm Korrespondenten.)
Paris, 15. Januar.
Die deutschen Frauenrechtlerinnen werben mit Vergnügen hören, baß eine ihrer Kolleginnen jenseits der Vogesen den, sage unb schreibe »männlichen" Mut hat, mit Rlbot, Deschanel und Poincarö um den P r ä s i d e n t e » st u h l im Ellfee zu konkurrieren. Ob sich die würdigen Herren aus der hohen Politik darüber sonderlich aufregen, war bisher nicht festzustellen: Wahrscheinlich werden sie für ihre Rivalin nicht viel mehr übrig haben, als ein liebenswürdiges Lächeln. Da die junge und graziöse Konkurrentin tatsächlich dem schönem Geschlechte angehört und nicht bloß aus Mangel an echt weiblichen Reizen in die kampffrohen Reihen der französischen Suffragette^ eingetreten ist, braucht dieses liebenswürdig-diplomatische Lä- cheln durchaus kein moquantes zu sein. Im übrigen nimmt Mademoiselle Marie Deni- z a r v ihre Sache gehörig ernst und zeigt schon dadurch, daß sie eine moderne Frau Ist. Sie hält die Idee aufrecht, daß der Kongreß von Versailles sehr wohl eine Frau zum Staatsoberhaupt wählen könne. Zwar spreche die Verfassung von dem Präsidenten der Republik; aber ob neben dieses Maskulinum nicht mit ber Zeit ein Femininum treten könne, darüber brauche nur eines Tages ebenderselbe Kongreß zu entscheiden, da er souveräne Rechte besitze und die fionftitutton abänbem (ober, wie es Fräulein Denizard nennt: „ausgestaltens könne. Wenn die Frauen das fett langem erstrebte Wahlrecht hätten unb
in Kammer und Senat
den ihnen gebührenden Einfluß bekämen, ließe sich neben so vielem anderen auch dieser Punkt ihres Reformprogramms durchführen. Außerdem: Hätten nicht die Königin Viftorla und gar Katharina die Große und Maria Theresia ihre Länder ausgezeichnet regiert? Befänden sich nicht die Königin Wilhelmina und die Großher- zogin von Luxemburg an der Spitze ihrer Staaten und habe nicht in Frankreich selbst so manche Königin anstelle ihres minderjährigen Sohnes die Regierung vortrefflich geführt?! Was aber den Frauen aus den Herrscherfarm- lien recht sei, müsse den „Präsidentinnen" billig fein. Wie man sieht: Mademoiselle Denizard fährt mit schwerem geschichtlichen und logischen Geschütz auf. Selbstredend hat sie auch eine „politische Vergangenheit", unb wenn diese noch nicht durch gewichtige Marksteine bezeichnet wird wie die Laufbahn ber oben genannten „ernsthaften" Herren, so verspricht bte kühne Kandidatin, es während der nächsten siebe» Tage an Eifer nicht fehlen zu lassen. Die dies- mali-e Kandidatur soll nämlich nur eine Plato- nische sein, sozusagen eine Probe aufs Erem- pel: erst gegen Ablauf des kommenden Sep- tennats denken die französischen Suffraaettes an entscheidende Taten. Einiges Persönliche von der Prästdenffchaftskandidatln? Nun, Mademoiselle Marie Denizard ist jung, sagen wir dis- kreterweise:
Zwischen zwanzig «nd dreißig
Jahren alt, eine große, schlanke Brünette mit energischen Gesichtszügen, auf denen mitunter das malitiöfe Lächeln der überlegenen Klugheit spielt. Sie ist lebhaften, echt gallischen Temperaments unb eine brillante Rednerin. Bei den-letzten Kammerwahlen ließ sie sich im Departement Somme in sämtlichen Wahlbezirken als Kandidatin aufstellen; ferner kandidierte sie bei den jüngsten Stadtratswahlen in Amiens. Am dreißigsten September 1910 wurde eine Gesetzinttiative. die von ihr auögearbeitet worden war, unb die Wahl unb Wählbarkeit ber Frauen betrifft, von dem Generalrat des Somme-Departements einstimmig angenommen: Kein geringerer als der fetzige, als hervorragender Kopf hekamtte Finanzminlster Klotz hatte ihr dabei seine Unterstützimg geliehen. Desgleichen zeichnete Fräulein Denizard als Mitarbeiterin des offiziellen Rapports über das Stimmrecht und die Wählbarkeit der Frauen, der von dem Abgeordneten Dufsaussov der De- putiettenkammer überreicht Worben ist und demnächst zur Beratung gelangen soll. Erwähnen wir schließlich, daß die tapfere Frauenrechtlerin fett einigen zehn Jahren zahlreiche Schriften über das feminine soziale und politische Programm verfaßt hat und darin ihre Thesen mit nicht geringem Aufwand von Gelehrsamkeit vertritt. Wie man hört, gedenkt Mademoiselle Denizard, fich nicht eher zu verheiraten, als dis sie ins ElffeepalaiS eingezogen tft. 0. K,
Prinz Napoleon als Kandidat.
(Privat-Telegramm.)
Paris, 15. Januar.
Soeben hat nun auch PrinzViktorNa» poleon seine Kandidatur für den Präsi- dentschaftSposten der Republik anmelde» lassen. Das Echo de Paris veröffentlicht ein