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Nummer 25

Fernsprecher 951 und 952.

Sonnabend, 4. Januar 1913

3. Jahrgang

Fernsprecher 951 und 952.

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I Casseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

Set Aufstieg zur Höhe.

Zagaw, Waugenheim oder Zimmermann?

Das große Rätsel-Raten hat wieder begonnen: Ein Exzellenzen-Stuhl ist frei und vor und hinter den Kulissen wispert's nun, flüstert's und raunt's über die Möglichkeiten des Ausgangs des Rennens. Die Kandidaten­liste ist (wie immer) nicht klein; man sieht aus einmal wieder, daß das Reich, in dem der Mangel an Persönlichkeiten und staatsmänni­schen Talenten täglich schmerzlicher empfunden wird, imgrunde doch einen großen Vorrat an Leuten hat, die sich befähigt und berufen er­achten, Deutschlands auswärtige Politik zum Gipfel des Erfolg-Triumphs emporzuführen. Herr Hans Heinrich, Graf von Bernstorff, Ba­ron von Wangenheim, die Herren von Schoen und von Jagow, der Doktor Rosen und noch einige andre halten sich als Anwärter auf Kiderlen-Waechters Erbe bestens empfohlen, und es klingt diesem Massen-Angebot von Ta­lenten und Genies gegenüber fast wie ein Scherz, daß auch der im Auswärtigen Amt er­graute Herr Geheimrat Zimmermann (unter einem Viertel-Dutzend Exzellenzen als Unter- Staatssekretär erprobt) tief im Busen die leise Hoffnung hegt, des toten Meisters Amt und Nachlaß übernehmen zu dürfen. Wohin des Schicksals Waagen-Zünglein schließlich deuten wird, ist noch verborgen in des Zufalls uner- forschlichem Ratschluß.

Es ist uns inzwischen von emsigen und zu klugem Freundschaft-Dienst allzeit bereiten Fe­dern sehr anschaulich geschildert worden, welche Vorzüge das Reich sich von den einzelnen An­wärtern auf Kiderlen-Waechters Erbe ver­sprechen darf. Wir hörten, daß Herr Hans Heinrich von Bernstorff als Botschafter beim Weißen Haus in Washington das kühle Yankee- Herz bemGerman zurückgewonnen, und daß seine staatsmännische Kunst William Tafts Schwer­fälligkeit mft den Banden der Liebe an's Wlxt- schaft-Fnterefle des deutschen Vaterlands geket­tet habe; vernahmen von Herrn von Jagow, wie er am Tiberstrand die Freude am Drei­bund-Ideal neu gestärkt, und wurden daran er­innert, daß der Herr Baron von Wangen­heim sich des Kaisers Gnade durch Klavier- Akkorde und muntres 8ridgo-Spiel errungen. Drum (so hieß es) dürfe der Erbe Marschall von Bibersteins am Goldnen Horn, der im Tür­kenland kaum warm geworden, und als «Fa­vorit des Kaisers* und als aussichtreichster Kandidat geschätzt werden. Daß der Herr in den Tagen, da er noch als des Reichs Ver­treter in der Hauptstadt Hellas saß, das nicht ganz geräuschlose Werden und Reifen der Bal­kanbund-Pläne gänzlich überhörte, daß in sei­nen zur Berliner Wilhelmstraße gelangenden Balkan-Berichten noch die Friedensglocken läu­teten, als andern Tags schon die Kanonen donnerten: D o S (scheint'S) spielt bei der Wer­tung modernen Diplomaten-Verdienstes keine besondre Rolle.

Daß ein Mann am Grünen Tisch elfenbei­nernen Piano-Tasten schmeichelnde Melodien zu entlocken versteht, ist an sich vielleicht nicht min­der erfreulich, als daß er auch am grünen Tisch des Bridge seinen Meister stellt: Wichtiger indessen darf doch wohl (immer noch) die Mei­sterschaft auf den Tasten der politischen Noten-Klaviatur und am Grünen Tisch der Staats-Kunst erachtet werden, und es klingt deshalb einigermaßen überraschend, wenn man auf den Ruhmesblättern der Wangenheim'schen Diplomaten-Lausbahn liest, der eben erst auf einen der wichtigsten Posten deutscher Ausland- Politik Berufne habe sich mehr als Pianist, denn als Diplomat das Vertrauen und die Huld des Kaifers erworben. Es war vor einigen Tagen an dieser Stelle einmal die Rede von den «Begriff-Maximen*, zu denen ein jedes Zeitalter die Generation der in ihm Lebenden unwillkürlich zu erziehen pflege, und es scheint fast, als sei auch in dem komischen Spiegelbild derConduiten-Liste" einiger Anwärter aus Kiderlens Nachfolge im Amt der Wilhelmstraße die Ausprägung jener eigenartigen Begriffe zu erkennen, die seit fünfundzwanzig Jahren die Signatur unsres politischen und öffentlichen Lebens zu bestimmen pflegen: Der Pianist und Bridge-Spieler Wangenheim ist dem Bereich der Glück-Möglichkeiten viel näher ge­rückt, als der Gesanvte und Botschafter Wan- qenüeim, denn als P i a n i st hat er Gunst und Huld erworben; als Diplomat harrt er noch des ersten Lorbcer-Reisleins!

Der «Aufstieg zur Höhe" ist Zufall- und Glück-Fügung. Der vortreffliche Herr von Pod- inelski war zweifellos ein ausgezeichneter Hu- aren-Kommandeur und stellte bei Felddienst- ibung und Liebesmahl wacker seinen Mann; :ls Minister indessen war er undenkbar, ind er würde auch wohl kaum in seines Da­eins langer Dauer mir der Bürde eines Re-

gienlngamts beladen worden sein, wenn nicht dir edle Kunst des Skatspiels seinen Weg zu jenen Höhen, wo Exzellenzen steh'n, gebahnt hätte Der Graf von Posadowsky-Wehner, in dem das Reich (viel zu früh) seinen tüchtig­sten und produktivsten Sozialpolitiker verloren, würde vermutlich heute noch als Landes-Direk­tor im Posener Land in engender Ressort-Fessel seufzen, wenn nicht anno dreiundneunzig der junge Kaiser beim Einzug in Posen und beim nachfolgenden Landes-Bankett durch den Ober­präsidenten von Millamowitz-Möllendorf auf denGrafen im Bart" aufmerksam gemacht worden wäre, der als Landrat in Rawitsch und Posener Landes-Direktor weit über's Durch­schnitt-Maß hinausreichende Arbeit geleistet. VonSpecky" (dem einstigen Botschafter des Reichs beim Weißen Haus in Washington) wissen wir, daß er als Tennis-Meister Hervor­ragendes leistete, als Diplomat aber kaum den bescheidensten Anforderungen genügte. Den­noch wurde der Freiherr Speck von Sternburg berufen, Theodore Roosevelts stark-zähnige Rauhreiter-Gestalt mit den Banden tennisspie­lender Liebenswürdigkeit zu umstricken. Ter Erfolg hat denn auch gezeigt, was aus der Politik des grünen Rasens" schließlich an rauher Wirklichkeit emporwuchs. Und jetzt rühmt man uns den Meister der Tasten, von dem die Hoffnung träumt, daß er berufen sein werde, den Saiten der Weltpolitik neuen deut­schen Heldensang zu entlocken...! F. H.

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Wer wird Kiderlens Erbe?

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Berlin, 3. Januar.

Wie zuverlässig verlautet, geht in politischen Kreisen das Gerücht, daß der bisherig- Untrr- staatssekretär Zimmermann mit der Lei­tung des Auswärtigen Amts betraut worden fei. Wir haben bereits erwähnt, dass er als der Kandidat des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg galt. Das Gerücht wird durch die Nachricht eines Depeschenbüros bestätigt, das von unterrichteter Seite meldet, die (Ernt«, nun g des neuen Staatssekretärs fei bereits am Donnerstag vormittag vollzogen worden und die amtliche Beröfftnffichung wer­de Freitagabend erfolgen. Das Büro will aus eingeweihten Kreisen mit ziemlicher Bestimmt­heit erfahren haben, daß der Unterftaatsfekretär Zimmermann zum Nachfolger von Kiderlen- Waechter ernannt sei. Allerdings fügt es hin­zu, daß hier und da auch noch der römische Boffchafter, Herr von Jagow, genannt wer- de. Neuerdings wird grade die Kandidatur Jagow sehr lebhaft erörtert. Sie tauchte zum ersten Male bei etikrm Empfang aus. den am Mittwoch abend FürstBülow den Deut­schen Roms in seiner Billa Malta gab und zu dem auch der Boffchafter erschien. Sicheres war indessen nicht zu effahren, da Jagow nie­manden empfing. Der Boffchafter nahm ge­stern abend an dem Reujahrsempfang im Oui rinal teff, doch hat die Taffache, daß er nicht nach Berlin gerufen wurde, nichts zu bedeuten, da der Nachfolger Kiderlens angeblich schon ernannt ist und heute abend bekannt gegeben werden soll.

Neue Erregung Im Skar-Revier!

Tumult iu einer Arbeiter - Versammlung.

Die Verhütung des großen Bergarbeiter- Streiks im Saar-Revier scheint einem Teil der Bergarbeiter nicht angenehm zu fein, denn es macht sich neuerpings eine st a r k e Er­reg u n g unter den Bergleuten bemerkbar, die möglicherweise zu neuen Schwierigkeiten führen kann, da cs sich offenbar um Elemente handelt, die der Beilegung der Streikgefahr widerstrebt haben. Wir erhalten folgende Meldung:

Gegen die Gewerkvereine?

(Privat-Telegram m.)

Sftcrbvütfen, 3. Januar.

Ans den jetzt vorliegenden Berichten über die am Reujahrstag vom Gewerkverein der christlichen Bergarbeiter abgehaltenen drciund- dreißig Veffammlungen geht hervor, daß sich bei einem Teil der Bergarbeiter noch immer große Erregung bemeffbar macht, die sich hauptsächlich gegen die Leitung des Gewerkvereins richtet. In einer Brr sammlnng kam es zu einem großen Tu­mult, der schließlich zu Tätlichkeiten unter den Bergleuten ausartete, sodaß die P o - lizei zur Räumung des Saales fchreiten mußte.

Schwere Streikkämpfe in Rewtzotrk.

Aus R e w y o r k wird uns depeschiert: Der Streik der Konfektionsarbeiter dehnt sich immer weiter aus und erstreckt sich heute auf fast alle Fabriken der Branche. Nach der gestrigen Erstürm«na einer Fabrik wurden

diele Verhaftungen vorgenommen. Siebzig Polizeibeamte bewachen das Newyorker Pa­lais Rockefellers, der sich verborgen hält, weil er der erwarteten Vorladung der Kougreß- kommission für die Untersuchung des Finanz­trusts nicht Folge leisten will.

Ei« NenscherrdMMa im Am«. Der Naturforscher als . . Eroberer. Die jetzige Budget-Debatte in der französi­schen Kammer hat ein seltsames Licht aui'fcie Art geworfen, wie gewisse Abenteurer großen Stils Kolonial-Erwerbungen machen und dabei von den französischen Regierungen unterstützt werden. Der frühere General­gouverneur von Madagaskar und ehemalige Minister Augagneur interpellierte die Re­gierung bei der Beratung der Kolonialkredite über die Affäre der Insel Grotz-Comoro, und gleich bemächtigte sich der Eingeweihten eine entsprechende Heiterkeit, die bald der Ent­rüstung der ganzen Kammer wich, als die Ein­zelheiten der Affäre bekannt wurden.

Kulturpolitik und Verbrechen.

(Telegraphischer Bericht.)

Paris, 3. Januar-

Groß-Comoro, über dessen Tragödie die französische Deputiertenkammer soeben verhan­delte, ist eine Insel des Indischen Ozc­ans, nicht weit von Madagaskar entfernt, mit 86 000 Hektaren und etwa 50 000 Einwohnern. Im Jahre 1885 kam ein Franzose hin, der sich Naturforscher nannte und außer einer Votanisierbüchse und einem Kolonialhelm so ziemlich nichts besaß. Er hieß Humblot und stellte sich dem Sultan vor, dem er zu imponie­ren suchte. Unter anderem damit, daß er den Orden des Offiziers der Akademie, den verbrei­tetsten Orden der Republik, zeigte, und behaup­tete, daß auf der ganzen Welt nur vierzig Per­sonen diese Auszeichnung hätten Der arme Sultan wagte einer derarffgen Persönlichkeit nicht zu widerstehen und zedierte ibm ein Ter­rain von 52000 Hektaren als Eigentum, also mehr als die Hälfte seines Reiches. Herr Humblot war so vorstchffg, sich diese Schenkung in voller gesetzlicher Form ausstel­len zu lassen, wobei allerdings zu bemerken ist, daß der Sultan kein Wort französisch sprach und.daß der Kontrakt nicht ins Arabische'über­setzt worden war. Der Botaniker begann nun in Groß-Comoro ein Schreckensregi­ment, das seine praktischen Ziele hatte. Der größere Teil der Eingeborenen wurde

gu Sklaven gemacht, ein kleinerer Teil von der Insel verjagt. Die Zurückbleibenden mußten für eine Gesell­schaft, die Herr Humblot zur Gewinnung aller Naturprodukte der Insel gegründet hatte, Tag und Nacht ohne Entlohnung arbeiten, wobei auch das bewährte Straffystem zur Er­höhung der Arbeftswilligkeit in Kraft gefetzt wurde. Die französische Regierung war mit dieser billigen Erwerbung einer neuen Ko­lonie so zufrieden, daß sie schon nach vier Jah­ren Humblot zum Generalresidenten ernannte. Der schlaue Botaniker war also zu gleicher Zeit der oberste Funktionär und der erste Geschäftsmann auf der Insel, welche Aem- terkumulierung ibm bei Streitigkeiten gute Dienste leistete. Eine Revolte der Eingebore­nen wurde durch herbeigerufcne französische Soldaten aufs grausamste unter­drückt. Der Sultan, der protestierte, wurde seines Thrones verlustig erklärt und nach einer fernen Insel verbannt. Heute ist also Groß- Comoro französisches Besitztum. Herr Humblot zahlt für seine 52000 Hektar eine Pacht von 3000 Francs. Dafür soll es auf der ganzen Insel nur mehr sechshundert Ein­geborene geben, die nicht vor Hunger starben und durch alle Krankheiten des Elends herun­tergebracht sind.

Parlament und Kolonial-Verbrechen.

Dieser offene Raub zugunsten Frankreichs und die Hintansetzung aller menschlichen und staatlichen Interessen zugunsten eines Aben­teurers Haffen in der Kammer einen spontanen Ausbruch des Gerechtigkeitsgefühls hervorgerufen. Einstimmig wurde eine Tages­ordnung votiert, in der der Kontrakt der Ge­sellschaft von Groß-Comoro mit dem Staate als null und nichtig efflätt wurde. Dies war das einzige, was die gesetzgebende Ver­sammlung tun konnte. Sache des Kolonial­ministers wird es fein, in dieser Affäre, die nur ein flagrantes Beispiel der ungeheuren Kolonienverbrechen ist, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen.

Die internationale Krise.

Roch keine Abrüstung in Sicht?

Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Paris: Das von Rußland an die öfter- rrichffch imgarifche Regierung geftellre Effu-

chen, beiderseits eine Demobilisierung vorzimehmcu, bat nicht den gewünschten Er. folg gehabt. Wie hiesige Blätter zu berichten wissen, ist seitens der Wiener Regierung erklärt worden, daß man an eint Demobilisierung nicht eher herantretcn könne, bis die Frage der albanischen Grenzregulierung erledigt sei. Rußland wird daher seinerseits die augenblick­lich zurückgehaltene Reserve ebenfalls noch w e i t er unter den Waffen belassen.

Wumm geht dm örrGolb? Die Gesundheitsrücksichten des Siebzigjäh» rigen; die Tragödie der finkende« Gunst.

Ganz unerwartet, -ganz überraschend ist vor ein paar Taaeu die Meldung gekommen, daß Kolmar Freiherr von der Goltz, deutscher Generalseldmarschall und türkischer Pascha, schon in diesem Frühjahr aus Gesund­heitsrücksichten in beit Ruhestand treten werde. Aber wie man nun erfährt, stehen hin­ter dieser Meldung Dinge, die keine Gesund- heitsrücksichten sind. Zwar errecht Freiherr von der Goltz in diesem Jahre das Psalmistische Älter von 70 Fahren, aber es hat ihn bis vor kurzem niemals gedrückt. Unser Berliner po­litischer Mitarbeiter erhält denn auch über die eigentlichen Gründe des Mich tritts des Marschalls von unterrichteter Seite Informationen, die toä Gesundheitsrücksichten- Märchen in ganz andcrm Licht erscheinen lassen.

Kiderlen und von der Goltz.

(Vo-n nnserm Berliner R. 8.-Mitarbeiter.) Berlin, 3. Januar Es ist in unterrichteten Kreisen durchaus kein Geheimnis, daß es ganz andere Ur­sachen alsGesundheits-Rücksichten" sind, die den Freiherrn vonxbet Goltz veranlaßt ha­ben, den Wunsch nach seiner Amtsenthebung zu äußern . Ter Generalfeldmarschall fühlt, daß seine Zeit vorüber ist, denn er hat nach Jahren höchsten Ruhmes und höchster Gunst nun doch Enttäuschungen erfahren, die eine Niederlage und eine Bloßstellung für ihn bedeuten. Damit fft nicht gemeint, daß das Versagen der türkischen Armee auf das Konto Dessen fällt, der dieser Armee ihre neue Form und ihre neue Schule gegeben hat. Spätere Tage werden zeigen, daß die Bedeutung des Freiherrn von der Goltz über seine militärische hinausgegangen ist. Es wird sich ent­hüllen, welchen Einfluß der Geueralfcldmar- schall auf die Auslandspolitik des Deutschen Reiches ausgeübt hat. Und er tritt jetzt d a r« m i« den Hintergrund, weil sich hernusgestellt hat. daß dieser Einfluß un­günstig war. Er geht deshalb ins Pri­vatleben, weil die höchste Stelle des Rei­ches sich von den Fehlern dieses Einflusses überzeugt und ihrer Berstimmung dar­über offenkundig Ausdruck gegeben hat. Das Abschiedsgesuch des Freiherrn von der Goltz ist vom Kaffer

ohne Zöger« genehmigt

toorben. Man weiß, daß der verstorbene Staatssekretär von Kiderlen-Waechter bis in die letzten Septembertage hinein nicht an die kriegerischen Absichten des Balkanbundes geglaubt hat. und als die vier Könige den Krieg erklärt hatten, war man im deutschen Auswärtigen Amt der festen Meinung, daß dir Türkei ihre Gegner in wenigen Tagen be­siegt haben werde. Daß Herr von Kiderlen- Waechter dieses Glaubens war, daran trägt der Freiherr von der Goltz die Schuld. Er war in diesem Herbst täglicher Gast des verstorbenen Staatssekretärs, der mit ihm stun­denlang konferierte. Aber ein Tag nach dem andern sah die Hoffnung Beider immer mehr zusammenbrechen. Und es erwies sich, daß der Freiherr von der Goltz doch nicht der gute Ken­ner der Türkei war, für den ihn der Kaiser und Kiderlen Waechter gehalten hatten. Und ein Wiener Blatt hatte recht, ctS es schon vor sechs Wochen einen Artikel über den Feldmarschall von der Goltz übeffchrieb:Die Tragödie der finkendenGunft". Sie ist inzwischen Wirklichkeit geworden, diese Tragödie, und darum geht Kalmar Freiherr von der Goltz im kommenden Frühjahr in Pension. Der Oef- fentlichkeit gegenüber plötzlich und unvermit­telt, dem Eingeweihten dagegen gewissermaßen wie selbstverständlich ...!

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Feldmarschall und Schriftsteller.

Freiherr von der Goltz leistet ja auch heute das Doppelte an Arbeit, das seine dienst- lichen Pflichten erfordern. Er ist einer unseres orj richten Schriftsteller und keine Woch vergeht, daß man nicht da oder dort ein FeuiL le ton oder ein Essay aus seiner Feder trifft. Da«, neben bereitet er eine neue Buchver - öiieFtkjchung vor, ganz adgK'chffö tza»