Sonntag, 7. Dezember 1913,
Nummer 1.
WW MONN
Wochenbeilaqe zu den Caffeler Neuesten Nachrichten.
Bos war der sührstr brr Laute! Sir Iproth’e, bas erste ftrhrsmort; Hin Djrrirn nun trag' ich bas trautr, Tieffelige Geheimnis fort.
Das rrstk Liebeswort.
PUein wo btrg’ ich mrinr öilonnr, Bah ich fit wohl behüten mag?
Bein Licht verhülle, ISft'ge gönnt! Verstummt. tSrmbewtgttr Tag.
- -El ----
öSeltfern fei meines Glückes fWbt
Legraben, wo fie nichts urrrftt Anü nur burdj pacht unb heii'ge Mir Des [üfjtn Wortes pachhall weht.
Ctael saBlchMk.
r von den Behörden herdeigeholte Ge- richtsarzl halte als Todesursache „Herzschlag" angegeben. Vielleicht hatte er recht.
Ein einziger Mensch stimmte diesem
Befund nicht zu, aber er schüttelte erst einen Tag später zweifelnd den Stopf, als er bei sich im verschlossenen Zimmer den letzten Bries seines Freundes las ... eine Stimme ans dem Grabe.
Und wenn er diesen Brief dem gerichtlichen Sachverständigen gezeigt hätte, würde das wissenschaftliche Gutachten doch nicht anders ausge- faüens ein. aber vielleicht hätte der Arzt den Ueberreicher des Briefes mitleidig betrachtet rind dann, mit dem Ringer bezeichnend auf die Stirn tippend, gemurmelt: Armer Kerl!
Sv urteilt man gewöhnlich über Dinge, die mau nicht versteht, u. deshalb sprach der Rreunb des Toten mit niemand über den Brief, den er erhalten hatte, sondern verbrannte ihn. Aber in dieser Nacht konnte et nicht schlafen, denn der Inhalt des Schreibens blieb ihm ständig vor Auaen.
Lieber Rreunb! Heute schreibe ich dir vielleicht zum lebten Male. Ein kurzes Jahr ist seit meiner Heirat vergangen, ein Jahr und zwei Tage des Himmels aus Erden, und doch fühle ich, daß alles vorüber ist. Glück. Freude und Lxben. Wie habe ich versucht, gegen den Schatten anzukämpsen, der mich umspinnt, aber beute fühle ich. daß er stärker ist als ich, daß jeder Widerstand Torheit wäre. Mein Weib .. wie schön das Hingt, und heute nacht, wenn ich an den Schatten denke schöner als je ... mein Weib ist zu Bett gegangen, und ich, ich fitze hier, jung, kräftig und gesund und ... schreibe meinen letzten Willen
Ich werde auch bald zur Ruhe gehen. Gott weiß, ob ich noch einmal erwache. Ich habe den festen Glauben, daß dies die letzte Nacht meines Lebens ist, und deshalb schreibe ich dir diesen Brief Aber was mich auch treffen möge ... ich habe es verdient.
Erinnerst du dich noch des 12. Juli vor zwei Jahren? Du vielleicht nicht, aber für mich war es der verhauanisvollste Tag meines Lebens. Vielleicht gelingt es mir. dir die einzelnen Ereignisse ins Gedächwis zurückzurufen l
Ich war abgespannt und nervös, als du mich besuchtest und verlangte nach Zerstreuungen. Wir gingen hinaus in irgend einen Vergnügungspark. und dort besuchten wir die Vorstellung eines Schlangenbeschwörers. Wir glaubten irgend ein Zauberstück zu sehen und erlebten das größte Wunder das wir je geschaut.
Als wir in dem Zelte saßen und den Araber mit seinen windenden schlängelnden Reptilien betrachteten, da erwachte in meiner Seele der seltsame Wunsch, diese feuchten glatten Schlangenleiber in die Hand zu nehmen, sie um HalS und Nacken zu schlingen.
Plötzlich tauchte hinter dem Araber ein Frauenkopf auf, dessen Augenpaar starr auf
Exotische Liebe.
Novelle, von Alfred Brie.
mich gerichtet war. Ein sonderbares Gefühl durchrieselte mich, ich ahnte, daß ick hier machtlos einem stärkeren Willen gegenüberftand. Ich versuchte dagegen anzukämpsen und der Vorstellung zu folgen ... unmöglich.
Als wir das Zelt verlassen wollten, tastete eine Hand nach meiner und eine Stimme flüsterte mir im Halbdunkel ins Ohr: „Erwarte mich in drei Stunden!" Ich blickte überrascht guf, aber ich sah nur einen Schatten, der im Innern des Zeltes verschwand. Auf dem Heimwege fiel es dir auf, wie schweigsam ich war. Ich kämpfte, ob ich der geheimnisvollen Einladung Folge leisten sollte. Wozu? Ich war ja doch nicht Herr meiner Entschlüsse und kurz nach Mitternacht wanderte ich wieder hinaus na ebb em Vergnügungspark.
Vor dem Zelte bes Gauklers wartete ich lange Zeit vergebens. Eben wollte ich mich erheben und kopfschüttelnd den Heimweg antreten, als ick ein Geräusch hinter mir hörte Langsam kam die Araberin aus dem Dunkel der Nacht auf mich zu. und wieder fühlte ich, wie eine fremde Macht sich meines Willens bemächtigte, tote ich widerstandslos dem Kommenden entgegenfebaute. Langsam mit ihren gleitenden schlangenähnlichen Bewegungen kam die Araberin näher, scklang die Arme um meinen Hals ... „Da bin ich!"
Ich sprach kein Wort, ich küßte fie, weil ich wußte, daß fie danach verlangte. Und dann fühlte ick, wie ihr Körper fick an mich schmiegte und ich wußte nickt mehr, als daß ich fie in meinen Armen hielt, daß wir zusammengehörten, setzt und in alle Zukunft. Wie ein Traum verstossen die Stunden, und als ich von ihr Abschied nahm, versprach ich, wiederzukommen. Sie war das Weib und die Sklavin des Schlangenbeschwörers, und als fie mir sagte, daß sie nun nur noch mir gehöre, wagte ich keinen Widerspruch. Immer und immer wieder kehrte ick zu ihr zurück, und eines Tages nahm ich sie mit mir.
Du kennst mich und weißt, daß ich ein Mann bin, der alles, was er tut, auch verantwortet und es haßt, sich auf Kosten anderer rein zu waschen. Ich will niemand die Schuld geben, aber ich war es nicht, der ihr sagte, sic solle mir folgen. Wir hatten keine Verabredung getroffen, aber eines Tages reiften wir eben ab lieber die Zeit, die nun folgte, kann ich dir wenig sagen.
Ob ich sie liebte, ich weiß es nicht, aber ich glaubte nicht leben zu können, wenn ich nicht ihre zarten scklankxn Glieder fühlte, die sich zärtlich an mich schmiegten. Drei Monate vergingen, und mählich begann der Zauber, mit dem sie mich umsponnen hatte, zu tierblaff en. Unvermittelt fragte fie mich eines Tages: „Liebst du mich noch, Herr?" Und als ich natürlich bejahte. umschlang sie mich wild mit beiden Armen. „Höre, mein Herr und Gebieter. Der Mann, dem ich gehörte, bevor ick dich kannte, weiß wo ich bin. Er wußte auch, daß ich mit
dir fortging und feine letzt«» Kette verein „Wenn der Fremde, bee b* tMK Mr je untren wird, befehle ich dir, zu mir zurückzukehren.
werde dich töten, und dein Geist soll ihm ständig folgen!“ Diese Worte sagte er mir, Herr, und er lügt nie!“ Ich versuchte zu lachen unb sie auf andere 0eban$e» gu Mtagm. Aber fie blieb ernst. „Ich liebe dich, Herr, und beschwöre dich, mir treu zu bleiben. Wenn du mir die Treue brichst, muß ich ihm gehorchen, und er wird mich töten. Niemals, das verspreche Ich dir, werde ich dann deinen Weg kreuzen, aber am 12 Juli, an dem Tage, da wir uns das erstemal sahen, werde ich dir erscheinen und werde dich an unsere Liebe erinnern."
Einige Zeit später mußte Ich in geschäftlichen Angelegenheiten dringend verreisen. Weinend bat sie, mich begleiten zu dürfen, aber ich blieb hart.
Und auf einer meiner Reisen lernte ich mein Weib kennen...
Lange kämpfte ich mit mir selbst unb ich glaube, daß ich nie zu ihr ein Wort von Liebe gesprochen hätte, wenn eines Tages mir nicht ein Zufall verraten hätte, daß sie mich liebe. Da hörte ich auf zu kämpfen. Ich sehnte mich nach einem Heim, einer Frau, die mich verstand. und ... ich hielt um sie an. Strahlend gab sie mir ihr Jawort, und nun, tadele mich, wenn du es kannst, ich brachte es nicht Übers Herz, ihr von der Araberin zu erzählen. Ich tat, was ich konnte, und mehr. Ich sorgte ausreichend für deren Zukunft und kehrte nickt mehr nach Spanten zurück. Ich habe sie nie wieder gesehen.
Am 2. Juli heiratete ich Rellh, meine angebetete Frau, und unsere Hochzeitsreise fiihrte uns nach Paris. Am 13. Juli, deS Morgens, als ich gewöhnlich die Zeitungen durchblätterte, blieb mein Blick ans einigen fettgedruckten Seilen hängen.
Mhsteriöse Ermordung einer Araberin!
Ohne zu lesen, wußte Ich, wer der Mörder und wer das Opfer war....
Vorige Woche kehrten wir endlich nach Hause zurück, und bei einem Spaziergange äußerte meine Frau den Wunsch, den Vergnü- gungspark zu besuchen. Ich Tor! Hatte ich tiergefien, daß cs das verhängnisvolle Datum, der 12. Juli, war, oder trieb mich das unerbittliche Geschick dazu, diese Stätte wieder aufzusu- chen? Ich werde nie den Anblick tiergeffen. der. mein Blut zu EiS gerinnen ließ.
In dem Zelte saß, umgeben von feiner Schlange, der Araber. Ick versucht«, so schnell als möglich wieder das Freie zu gewinnen, ober die nachströmende Menge stieß mich im Gegenteil immer weiter nach vorn. Natürlich hatte der Araber mich längst bemerft. Jetzt begann die letzte Nummer deS Programms. Ein« riesige Boa Eonstrletor wand sich durch da» Publikum und sammelte Geld «in, daS ihr auf den stachen Kopf gelegt wurde, imb da» sie stet» ihrem Herrn auf die Bühne bracht«. Und st«