CMer MM Nachrichten
Hans Endell.
lin „beuten" ließ. . .
Nr. 22.
Zweiter Jahrgang
1. Beilage.
Sonntag, 31. Dezember 1911.
dem aber befiel ihn in der Silvesternacht auch eine eigenartige Stimmung. Im fpäteren Alter pflegte der Dichter den Silvester zu Haufe zu feiern. Ibsen war ein Mensch, der feine Ansichten auf Psychologische Erfahrungen, aus -Beobachtungen und Tatsachen aufbaute, em Mann von mathematischer Klarheit des Denkens.
Trotzdem aber wollte auch er am Silvesterabend keine Tinte und kein Papier sehen, da dies seine Schaffenskraft stark beeinträchtigte. Auch von Schauspielern, tote Kainz und Matkowsky, von Sängern, tote Caruso, werden allerlei Silvesterscherze erzählt. So soll die Angst Carusos, am Silvesterabend in Gesellschaft schwarzhaariger Leute zu sein, geradezu komisch wirken. An diesem Abend umgibt er sich nur mit blondhaarigen und blauäugigen Menschen, die nach seiner Anschauung glückbringend sind. Er begründet dies mit einer eigenartigen Erzählung. Als Caruso nämlich im Jahre achtzehnhundertdreiundneunzig in Neapel Silvester feierte, war er nur mit blauäugigen Menschen zusammen. Er erhielt daraushin im selben Jahre fein erstes Engagement in Neapel im „Theater nouvo". Ganz ähnlich erging es ihm mit seinem ersten großen Erfolg, der feinen Weltruhm begründete. Es war die Silvesternacht des Jahres achtzehnhundertachtundneunzig: Caruso befand sich damals in Mailand, wo er in Gesellschaft von zehn blonden Damen und vier blonden Herren den Silvester verlebte. Er war sehr vergnügt und sagte: „Wenn mir das Fahr kein Glück bringt, trotzdem ich mit so vielen blonden Menschen zusammensitze, werde ich es niemals haben." Wenige Wochen später sang er im Mailänder „Theater Lirice". Es war der große Abend, an dem er die ganze Welt mit feinem Namen erfüllte, da ein großer Tenor gesunden war. Dagegen hafte et im Jahre achtzehnhundertachtundachtzig, in dem er auf Befehl seines Vaters den Schlosserberuf ergreifen mußte, den Silvester nur in Gesellschaft schwarzhaariger Leute verbracht. Es war der unglücklichste Silvesterabend seines Lebens, und er hat ihm auch nicht viel Glück gebracht. Am Schluß sei noch der Aberglaube eines modernen Staatsmannes erwähnt, der gewiß nicht als rückständig gilt, nämlich des Fürsten Bülow. Fürst Bülow gießt an jedem Silvesterabend Blei, und man erzählt sich, daß er am letzten Silvester, den er als Reichskanzler verlebte, den Bleiguß bei einer Wahrsagerin aus der Potsdamerstraße zu Ber-
England bis zum Jahre 1752 dem fünftmd- zwanzigsten März die Würde des Reujahrstages gegeben. Außer dem „Marrenzahr" gab es aber auch noch ein sogenanntes „Oster- jahr". Wer die Zeit nach diesem einteitte, sür den begann das Fahr mit der Vesper des Karsonnabends, in der die Offerierte geweiht wurde. Viele d e u t f ch e, namentlich auch viele französische Städte, rechneten nach „Öfter« jähren".
Seit wann trinken wir Neujahrs-Punsch 7
Für unsere heutigen Begriffe gehört der Punfch unbedingt zur Silvestertafel. Selbst der Weinkenner und Weinliebhaber zieht am Silvester den Punsch dem edleren Getränk, wie man den Wein wohl nennen kann, vor. Heinrich Heine nannte den Punsch den vierzigsten Mischling unter allen Getränken und meinte,, daß er sich für ein sathrisches Zeitalter vorzüglich eigne. Und doch ist der Punsch nicht immer bei uns zu Hause gewesen: Wir kennen ihn erst seit dem achtzehnten Jahrhundeft. Damals war in England ein Getränk außerordentlich beliebt, das die Engländer wiederum aus Indien herüber gebracht haften. Es hat auch nach der indischen Sprache seinen Namen bekommen, bekanntlich heißt aus hindustanisch Pantsch fünf. Denn aus fünf Bestandteilen setzten die Indier dieses Getränk zusammen, das die Engländer mit wahrer Begeisterung übernahmen und nach Haus brachten. Und noch heute steht der wahre Punschkenner aus dem Standpunkt, daß fünf Bestandteile dazu gehören, um einen wohlschmeckenden und bekömmlichen Punsch zu brauen: Rotwein, Rum, Zulker, Tee und Zitrone, sind die Jnkredienzien, die man zum Punsch unbedingt nötig hat. Der Feinschmecker begnügt sich noch nicht damit, sondern gibt noch allerhand anderes dazu, was seine Zunge und feinen Gaumen besonders reizt. Wir kennen die verwegensten Namen für den Punsch, die sogar zum Teil aus Dichtermunde stammen. Der Berliner „Schloß- punsch" hat seinen Namen angeblich daher, weil er zuerst im Kaiserlichen Schloß getrunken worden ist, und weil lange Zeit die Bereitung dieser Punschaft Geheimnis gewesen ist Es wird auch vielfach behauptet, daß man irgend einen besondern „Kniff" noch heute nicht kennt.
Sie Neujahrs-KLfse.
In den französischen Provinzen, vor allem aber in M a r s e i l l e, ist es alter Brauch, daß die Gäste eines Hauses, die am Silvesterabend sich zu löblichem Tun an eine reich besetzte und sestlich geschmückte Tafel fetzen, sohald die Mitternachtsstunde schlägt, sich gegenseitig umarmen und mehr oder minder herzlich ab küssen. Seit zwei Jahren etwa finbet dieser gar nicht üble Silvesterhrauch auch in Paris Freunde, und, was noch wichtiger ist, Freundinnen, und es sind nicht immer bloß häßliche Damen, die an diesem Abend freies Küssen gewähren. Auch Damen der ersten Kreife proklamierten am einunddreißigsten Dezember neun« zehnhundertzehn das „allgemeine Kußrecht", u. es war eine besonders zarte Aufmerksamkeit, daß man, als um Mitternacht das große Küssen anging, das elektrische Licht abdrehte: Münder und Mündchen sanden sich auch im Dunkeln. In England ist es Sitte, daß, solange die Weihnachtsmistel an der Tür oder unter dem Kronleuchter hängt, jeder Mann, der ins Zimmer tritt, das Recht hat, von den anwesenden Damen den Friedenskuß zu fordern. Und es foll liebenswürdige Familien geben, die die Mistel bis tief in den Januar hinein hängen lassen, sodaß das Küssen gewissermaßen in Permanenz erklärt wird. Die Russen und andere slawische Völker, bei denen der Kutz ohnehin schon etwas lockerer aus den Lippen sitzt als anderswo, umarmen und küssen sich am Neujahrstage mit großer Gründlichkeit. Für sie ist das Küssen sozusagen ein ritueller Brauch, dem sich nicht einmal die heidnisch gesinnten Damen zu entziehen wagen.
Silvester Geheimnisse.
Der Reujahrsaberglauben berühmter Männer.
Sobald das Weihnachtsfest vorüber ist, herrscht fast in allen Ländern Neujahrs- stimmung: Man bereitet sich aus den Empfang des neuen Jahres vor, man denkt an den Silvester, nicht nur an das Vergnügen, das gesellige Seifanunenfein, sondern auch -daran, daß ein bemerkenswerter Zeitabschnitt wiederum verflossen ist. Selbst auf Männer von klugem Verstand und vorurteilslosen Geist hat der Beginn des neuen Jahres von jeher eine suggestive Kraft gehabt, und es ist eine auffällige Erscheinung, daß der Neujahrs- aberglaube auch bet berühmten Leuten sich bemerkbar macht, die fönst durch ihr Mften oder durch ihre Schriften dargetan haben, daß sie im allgemeinen einen schäften Blick für die realen Zustände des Lebens haben. Von Schiller ist bekannt, daß er dem Silvesterabend eine ganz besondere Bedeutung für bas künftige Jahr zuschfteb. Wenn er am Silvesterabend eine gute Nachricht erhielt, fo war bas (wie wir pon Charlotte Lengefelb totff en) für ihn eine üble Vorbedeutung. Schiller meinte, daß bas alteJahr mit einer schlechten Mitteilung abschließen müsse, um einem glücklichen Jahr zu weichen. Auch Goethe war von dem Neujahrsaberglauben nicht frei. Aus einem Briese des Offiziers von Knebel, eines Freundes Gofthes, und der Frau von Stein geht hervor, baß Goethe am Silvester mit größter Spannung aus bas erste Wort lauschte, das ihm nach der zwölften Stunde gesagt wurde. Aus diesem Woft zog er dann für das künftige Jahr allerlei gute oder schlechte Schlüsse. Von modernen Dichtern schemt Henrik Ibsen am allerwenigsten dem Aberglauben zugänglich gewesen zu sein. Trotz-
hinüber ins Zukunftstal, und die Seele klammerte sich (einst wie heut) im Bangen um des Schicksals dunkle Wege an das Hoffen, das den Pfad zum Grabe mit stillen Blumen säumt. Sollten wir, die Menschen der „Kultur-Epoche", es anders tun? Bei Gläser- klang und Böllerschuß das Tiesinnerliche, das Symbolistische des Scheidewegs der Jahre überlärmen und mit kühlem Blick die
Romantik der letzten ^ahresstunde belächeln? Es wäre kein Gewinn. Denn Das, bas in der Menschenseele an Empfinden und Sehnsucht schlummert, ist lautres Gold gegenüber der platten Alltäglichkeit profaner Weltbetrachtung, deren dünne Kulturtünche die Aermlicbkeit des „Systems" nur schwach verdeckt. Bleiben wir die „Romanftker" mit dem warmen Herzen und der Träumerseele: Dann wird der Blick über den Abgrundspalt der Jahreswende immer ein Moment glücklichen Sichselbst-Erinnerns und stiller Einkehr für uns fein. Glücklich Die, die den Tag der Jahreswende verleben tote jeden andern Tag im Erbenjahr: In der sichern Zuversicht auf der Allmacht weise Güte und bie fürsorgliche Führung alles menschlichen Geschicks burch eine starke, weltbeherrschende Hand. Ihnen schlägt nidjt bie Stunde mitternächtigen Bangens, ihnen graut nicht vorm Blick ins dunkle Schleiermeer der Zukunft, denn ihre Seele wirb getragen von bet Zuversicht auf den Schutz, den sie im göttlichen Walten überm Erdgeschrck erblicken und der ihnen Stab und Stütze ist von Kindheittagen an bis zum Greifengrab. In der Silvesternacht wird in den Seelen lebendig, was sonst tief verborgen im Menschenherzen schlummert: Die Hoffnung auf des Schicksals freundliche Fügung, am der Voftehung glückbringende Hand, und auf das Walten jener Mächte, die schützend übers Etdrund ihre Hände breiten, und auch in der kalten Seele des Verweltlichten flammt ein Strahl jenes Empfindens auf, das die Menschheit schon in ihren Unschuldtagen zur Verehrung des Göttlich - Großen, Ewig - Ungekannten
drängte .; .! Fred Heiman.
Neujahr in aller Welt.
Sie Konkurrente« Des Neujahrs.
Dem ersten Januar, der von Julius C ä f ar an des Jahres Spitze gestellt wurde, hat mancher andere Tag diese Ehre strettig machen wollen. Sein erster Rivale war der erste März, der vor Cäsars Bestimmung in Rom als Neujahrstag gegolten hatte. Zu ihm kehrten bie Christen, bie von dem mit wüsten Gelagen und wilbem Mummenschanz gefeierten Januar-Neujahrsfest der heidnischen Römer nichts wissen mochten, schon im fünften Jahrhundert zurück. Den ersten März als Jahresanfang feierte zum Beispiel bie Republik Venedig bis zu ihrem Untergänge, aber daß gerade dieser Neujahrstag viel Anklang gefunden hätte, kann man doch nicht sagen. Weit beliebter war in dieser Hinsicht jedenfalls der sünfundzwanzigste März. Diften Tag. an dem man bas Fest Maftä Veftündtguüg feierte, ließen namentlich die Italiener (einer kirchlichen Verordnung gemäß) gern als des Jahres ersten Tag gelten. Wer sich an diften Neujahrstag hielt, der rechnete nach „M a- rienjahren", und dies tat man im Mittelalter in Deutschland auch in den Diözesen Trier und Köln. Uebftgens hat man auch in
Wem die Glocken läuten...!
In des alten Jahres letzter Stunde.
Der Winter zieht durchs Land, finster und nebelgrau, und weckt in der Menschen Herzen die Sehnsucht nach des Frühlings lachender Helle, »ach Sonnenglück und Blumen- prächt. Und während der eisige Nord heulend durch die Straßen fährt und wild über s kahle Blachfeld braust, träumt drinnen am traulichen Herd die Sehnsucht von des nahenden Lenzen Tagen. In der SMnde der Mtt- ternacht aber, da das alte Jahr im Zeitenmeer versinkt und jubelnder Glocken Klang der Menschheit eines neuen Jahres strahlend Morgenrot kündet, durchzittert auch das stärkste Herz die bange Frage: Was wird an Frohem und Düstrem, an Gram und Glück, an Bösem und Gutem die Zukunft bringen? Und bas neue Jahr, das mit hellem Jubel feinen Einzug hält, begrüßt vom Bangen und Hoffen von Millionen Seelen, rauscht vorüber, ohne •. der Zukunft Rätsel zu entschleiern. Zwölf kurze Monde später: Und abermals werden in der letzten Mitternachtsstunde die Sterblichen mit hangendem Blick ins Dunkel zukünftigen Geschehens schauen und abermals von jener unsichtbaren und doch so gewaltigen Macht, die Erd' und Himmel lenkt, Glück und Frieden erflehen. Es ist die Tragik im Dasein alles Menschlichen, baß
die nächste Stunde der Zukunft vorm Blick der Gegenwart düster und verschleiert liegt und kein Auge der Vorsehung geheimnisvolle Wege je zu ergründen vermag. Ein Empfinden ohnmächtiger Schwäche martert die Seele angesichts des Zufallsspiels, das den König der Erde und den Bettler im Staube dem Schicksal der Minute preisgibt, ohne daß sein Arm des Schicksals Tücken wehren kann. Aus diesem Empfinden heraus gebar der Menschheit Sehnen Religion und Gottesglauben, und immer noch, wenn Menschenohnmacht unter Hafter Schicksalsfaust im Staube niedersank, rettete sich der Hoffnung letztes Regen auf jenes Sehnsuchts- Eiland im brandenden Schicksalsmeer, das allen Sterblichen tief int Seeleninneru ruht: Die Hoffnung auf ein schönres Einst, und das Vertrauen auf der Zukunft freundlichere Tage! Der Atheist und der im Glauben Starke: Sie alle zehren vom Hoffen, und an Beider Grabe blüht noch die Hoffnung aus kalter Erbe. Zwölf bumpfe Glok- kenklänge in dunkler Winternacht: Abschied von einer Spanne Zeit und Dasein, die uns Glück und Leid, stohe und düstre Tage brachte, und die wir nun überwunden haben; sei's im Rausch der Freude, fei's im Gewand der Trauer. Durch die Welt rauscht Gläserklang und Jubelgrutz, und die Menschheit ist eins im gemeinsamen Hoffen auf der Z u l u n f t golbne Tage, wenn auch tief im Herzen
das Bangen vorm Dunkel kommender Zeit den Jubel dämpft. So wars vor Jahftausenden, so wird's bleiben, solang am Scheideweg der Jahre Menschenhoffen und Menschensehnen Herzen und Seelen erfüllen. Was in den vergangenen breihundeftfünfund- sechzig Tagen auch an Herbem unb Grämendem uns bebrüeffe: Nun, da dem alten Jahr bie Abschiedsglocken läuten, ist's vergessen, unb der Täuschungsgedanke eines Jahresabschnitts, den wir doch nur auf dünner Papiergrundlage als rechnerisches Fattum ausgebaut sehe», wirkt Wunder. Das Leid ist vergessen, bie Freude verrauscht, und die Seele wird beherrscht von der starken Hoffnungskraff des jungen Tags im neuen Jahr! Schon die Al- t c n hielten's so, und wenn auch ihre Wünsche und ihr Hoffen anders waren als heut, und ihr Sehnen nicht von der Kultursonne des zwanzigsten Säkulums beherrscht und erwärmt ward: Das Empfinden war das gleiche wie in unfern Tagen, die Hoffnung geleitete auch damals den Sterblichen mit leichter Hand
Kasseler Silvester-Stimmung.
Bilder und Skizze« vom Fuldastrand.
Vorüber, verrauscht... Kaum angebrochen, liegt das Fest schon wieder hinter uns mit seiner Weihestimmung, feinem Lichterglanz, Kinderjubel unb frohem Behagen. Im Fluge sinb sie bahingegangen, bie Feiertage, wie ein einziger Sonntag. ... Was das Verhalten des Wettergottes betrifft, fo haben wir Urfache, mit ihm höchst unzusfteden zu sein. Daß wir diesmal auf den Zauber einer Weihenacht mit Schnee unb Eis würben verzichten müssen, damit hatten wir uns schon abgefunben. Aber „es regnete unb regnete jeglichen Tag", unb bas war doch wirklich zu viel. Wer bas Fest gern durch ein weiteres Wandern in die schlummernde Winternatur begeht, dem wurde seine Freude diesmal im vollen Sinne des Wortes zu Wasser. Statt eines ftöhfichen Ausfluges, der Sinne und Leib stärkt, gab's drei Tage Stubenarrest, den man,allerdings schon ertragen kann, toenn man keine andere Ausgabe hat. als feinen „lebenden Leichnam" bie größte Schonung unb Pflege angebeiben zu lassen, wenn man statt noch zu nachtschla- fenber Zeit aus den Febern zu kriechen, sich eftt burch die Mittagshelle wach kitzeln läßt, gemächlich zwischen den hohen Bergen von Weihnachtsstollen und Zuckerkonfekt einherspaziert unb in süßem Nichtstun bie knappen Pausen zwischen ben einzelnen Mahlzeiten hin- $ üb ringen sucht. Vom Morgen bis zum Abenb wird gesauleuHt unb ge...geffen, tote zu weiland Adams Zeiten.
In der Weihnachtszeit, in der Weihnachtszeit Wandelt sich die Welt zum Paradies ..
Wo liegt bas Schlaraffenland? werden die Kinder gefragt. Und die Antwort lautet: acht Tage hinter Weihnachten. Was Wunder, wenn sich da bei ben Erwachsenen schon nach bent dritten Tag eine ziemliche Festmüdigkeit ein- stellt. Aber weniger ist es die Abneigung gegen bas dolce far niente, als vielmehr eine Rebellion beS „inneren Menschen" gegen bas Uebermaß der Arbeit, bas ihm zugemutet wird. Dieser ewig unzufriedene Geselle, der so oft knurrt, weil er nichts bekommt, ist nun erst recht
unwirsch, wo ihm so viel Auserwähltes unb Leckeres vorgesetzt wirb. Das Viele verstimmt ihn noch nicht einmal so sehr, tote bas Vielerlei, als ba sind: Gänseleber. Pasteten, kanbiefte Früchte, Marzipane unb was dergleichen leichtverdauliche Dinge mehr sind. Unb das Endresultat: eine Magenvefttimmung, die sich gewaschen hat. Gehöftge Portionen Natron und saure Heftnge sind das Ende dieser Weihnachtsmelodei. Der Schädel brummt wie nach einer durchtobten Nacht, unb jedes Haar scheint feinen besonderen Nerv bekommen zu haben, der nun Wert darauf legt, feine Anwesenheit bemerkbar zu machen. Greulich! Unb bas ist alljährlich bas nämliche, immer wieder erzeugt bet Weihnachtskater ben festen Vorsatz: im nächsten Jahr bist bu hübsch vorsichtig im Schleckern all ber Süßigkeiten, stopfst dich nicht so voll mit Stollen, Pfefferkuchen Rüssen unb Aepfeln. Aber toenn es bann toieber soweit ist, sitzt man wieder mit brinn in ber Schlemmerei, ehe man sichs versieht, als gäbe es feinen Magenkatarrh unb kein Schä- beltoeb.
Aber wenn die Folge ber Weihnachtstage allein mit bent physischen Unbehagen abgetan' wäre! Zur leiblichen Not gesellt sich noch eine geistige: ein richtiger Moralischer, ber zuletzt bas häusliche Glück unb den ehelichen Frieden in Trümmer gehen läßt. Denn des Feierns wird man schließlich ebenso überdrüssig wie der vielen leiblichen Genüsse. Alles in ber Welt läßt sich ja bekanntlich ertragen, nur nicht eine Reihe von guten Tagen. Der erste Feieftag verläuft noch so ziemlich in Harmonie unb Freube. Aber bann! Der Hausherr, ber bis bahnt eine liebevolle Nachsicht bei bent Jubel unb Lärm des Kindeftrosses gezeigt, beginnt allgemach nervös zu werde«. Nord oder West, zu Hause ist's heft’, fagt er auch. Aber in Wirklichkeit hält er es in ber häusliche« Lage selten lange aus. und sehnt sich gar bald wieder, ins feindliche Leben hinauszuziehen, sehnt sich nach einer größeren Quantität Zigarren, bie er daheim ber guten Garbinen wegen nicht in Rauch aufgehen lassen darf, nach ber gemütlichen Ecke in 1 ber Stammkneipe, nach seiner Ungebunbenbeii unb manchem anbern freilich fr*t er sichs
möglichst wenig anmerfen zu lassen, er spielt sich gern auf ben häuslichen Ehemann hinaus, Herrgott, brei Tage sind ja keine Ewigkeit, die hält man zur Not schon aus. Aber anders bie bessere Ehehälfte. Sie hat burch das Fest einen Haufen Arbeit gehabt, ein großes Reinemachen ist vorhergegangen, Umstände und Unrast, Anstrengungen und Aufregungen jeder Aft, unb nun tritt bie Reaktion ein. Heber jebe Kleinigkeit regt sie sich auf, zankt mit ben Dienstboten, bie ihrerseits schlecht gelaunt sind, weil sie nicht zufrieden mtt den Weihnachtsgaben, schilt bie Kinder, unb ein Funke genügt, bas Pulverfaß zu entzünben.
Nicht besser geht es ben Kinbern. Ter erste Jubel über ben Gabentisch ist verstummt und an feine- Stelle ein kritisches Betrachten des neuen Spielzeugs getreten. Wissensdurst und Forschersinn regen sich. Ter künftige Techniker unb Ingenieur will ben „MechanichtSnutz" der neuen Eisenbahn, ben Betrieb ber Elektrischen des genaueren untersuchen, unb das Resultat ist, baß bie geprüften Gegenstände ber Wißbegier nicht standhalten und „kaput" gehen, wie der Kinderfachausdruck lautet. Der Nachwuchs weiblichen Geschlechts macht's ebenso. Auch hier ist bald die Hälfte ber neuen Spielsachen in einen vorläufig irreparablen Zustand gebracht. Die allerliebsten Puppen sehen schon gar sehr ramponiert aus, die Kleidchen sind schmutzig geworben, hier ist ein Auge ausgefallen, boft eine Locke, unb ein Arm ober ein Sein sinb aus bem Leim gegangen. Was wohl barin steckt? fragt die Kinbernengier Die kleinen Finger betasten ben Vuvpenleib so grünblich, daß bald ein Loch entsteht, durch bas sich ber ganze Leibesinhalt unaufhaltsam in Gestalt eines Stromes von Holzkleie unb Sägespänen ergießt. Drob ein gewaltiges Wehegftchrei aus mehreren Sinbermäutoen zugleich.
Der Zufall fügt es. daß im selben Augenblick bem jüngeren Brüderchen die müh sam aufgepflanzte Schar' feiner Bleisoldaten umfällt, dem älteren die Triebfeder an feiner neuen Eisenbahn entzweispringt, und die Folge ist ein doppeltes, ein dreifaches Geheul, bem gegenüber ein indianisches Kriegsgeschre- gar nicht aufkommen kann. Mitten hrnftn in ten
Lärm fallen ein paar klatschende Maulschellen, von ber mütterlichen Hand ausgeteilt, erneutes, erhöhtes unb boppelt so lange an- haltenbes Gebrüll, rechts fliegt bie Eisenbahn, links bie Puppenstube in die Ecke. Ein Höl- lenskandal! Eine Kinderhand hat an ben Mechanismus ber Spielbose gerührt, bie dazwischen intoniert: „O du selige, "o bu fröhliche..." Des häuslichen Ungewitters ganze Schwere aber entlabet sich auf ben armen, geplagten Mann, ber nun bie Ehrentitel eines Rabenvaters unb Friedenstörers erhält, heimlich hascht er nach Rock unb Spind, um auSjttrüden. Aber noch erwischt ihn die bessere Ehehälfte, unb erst nach einer Flut von Vorwürfen, daß er an allem Schuld fei, toenn das Familienleben fo unleidlich unb sie selbst eine unglückliche Frau sei, kann er sich zerknirscht in die nächste Kneipe schleichen, um sich bort bei Kognak unb einigen Zigarren toieber einigermaßen von den Freuben unb Leiben des Weih- naditSfefteS zu erholen.
Da hat’s ber Junggeselle boch besser, trotz ber Misere beS Pensionslebens tber bet eignen notleidenden Hauswirtschaft. Schon winkt die Silvesterbowle unb fibeler kann die NeujahrS- nacht kaum werben a!S im Streife froher Zecher, bie bieSmal nur ausnahmsweise auf ber Glocke Schlag achten: die ber feuchtfröhlichen Lust stöhnen können, ohne baß ein als notwendiges Uebel mitgenommenes Ehegefponst die Ganzen unb je Halben zählt. O, alte Burschenherrlichkeit. Welch wonniges Gefühl, bas gespickte Portemonnaie in ber Tasche unb die Lust des Silvesterabends vor sich, den Kopf voll rosenroter Illusionen, die baS so grünblich begossene neue Jahr erfüllen soll. Geruhsame NaMren können aber auch ihre Freude an ben Alljahrsabendstcuden im traulichen Familien- schoße finden. Alle um sich versammelt die Lieben. bie mit vnS den Lebensweg durchs neue Jahr gehen. Das Haus gefüllt vom Dust ber Avselkuchen unb bes würzigen Punsches. Wie wir ihn auch verleben den letzten Tag im alten Jahr, ein Wunsch ist uns allen gemeinsam, daß 1912 baS fein möchte, toaS wir einander um die Wenbestunde zurusen:
ein glückliches neues Jahr!
H. E,