Mer NM Nachrichten
Hessische Abendzeitung
Caffeler Abendzeitung
Kernsprecher 951 und 952.
2. Jahrgang
Sonntag, 31 ♦ Dezember 1911
Nummer 22
Fernsprecher 951 und 952.
Ieutsche Zahr-Manz
CT77
Lum neuen Jahr!
Und immer ftnb’S die gleichen Fragen: Wie weiter nun: Nach recht«? Nach link«? Und immer doch bleibt nicht« zu sagen. Als eben: Geh. versuch'» und ... zwing'«!
ments endlich ans Ziel zu führen.
Und draußen, jenseits des vaterländi. sehen Grenzpfahls? Die .herrlichen Zeiten", dir uns einst von der Zinne der Macht herab feierlich verheißen wurden, meiden immer noch die deutsche Erde; Ferdinand, Graf von Zeppelin, ist heut wie ehedem des zwanzigsten Jahrhunderts größter Deutscher, und die .Genesung der Welt an deutschem Wesen" läßt beharrlich auf sich walten. Wir sahen auch im i alten Jahr durch Worte und Gesten den Argwohn und den Groll der uns Feindlichen stacheln, haben zwölf Monde hindurch abermals I das Stümperwerk einer am grünen Tisch verstaubten Diplomatie erduldet und den KreiS unsrer Neider und Gegner sich weiten sehen. Nie war, solange den Stuhl Bismarcks die Kümmernis berhront, Deutschlands Stellung im Rat der Bölter weniger gefestigt, n i e die Furcht vor der gepanzerten Eifenfaust teutonischer Macht auf dem Erdrund geringer, der Spott über !>en Pbrasenfchwall und den I Kleinmutssinn unsrer Politik allgemeiner, bis- 1 siger und frecher, als heut, und es wirkte or-
sondern Leute mit Hellem Äug' und blanker
__________ _ . Stirn, die Herrn Wermuths goldklimpernde Rückblicke auf das Jahr neunzehnhundertelf. I Etat.Hhmne aufrichtig beargwöhnen. Bliebe noch (als Postskriptum) die Anmerkung, daß
®tt (taflet er Neueste» Nachrichten erscheine» wöchentlich sechsmal ttnb zwar ab en bä. Der rwomrementSpret» betrügt monatlich 60 Psg. bei freier Zustellung ins Hau«. eeftcUungen werben jederzeit von ber Geschäftsstelle oder den Boten entgegengenommcn. Druckerei, «erlag und «edakrtont Schlachthofstrabe 28/30 Sprechstunden der Redaktion von 1—3 Uhr nach. nritiagS, turiftische Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwoch» und Sonnabend» von *—« Uhr abend». Berliner Vertretung: SW. Friedrichstratz, 16, Telephon: Amt IV 676.
dentlich erfrischend, als man in den November- und Dezcmbertagen aus dem Souffleurkasten des Marokko-Theaters das Märlein^vernahm, in der Septembersonne habe das Schwert des Krieges nah über der deutschen Erde gefunkelt. Heut, ruht dies Schwert längst
nun auch dieses Jahr verrauscht, ohne daß der Ministerpräsident in Preußen sich der
Nun, da das Jahr sich rundet, ziemt sich's auch für die Männer politischer Bescheidenheit, den Ertrag mühseliger Arbeit auf seinen W e r t g e ha l t zu prüfen und aus einer Zeitspanne hallender Reden und dürftiger Taten das Fazit nützlicher Selbsterkenntnis zu ziehen. Wenn man nach den Blinkeffetten niedlicher Aeußerlichkeiten das Wertmaß des Tatgeholts bestimmen dürste, hätten | wir Anlaß, auf der Jahre Abschieds- und Ein-1 gangsschwelle in rauschenden Dithyramben zu schwelgen: Herr Theobald von Bethmann Hollweg, in deffen himmelwärts ragender Gestalt das Volk der Deutschen des fünften Kanzlers seltne Eigenart bestaunt, ward zum Dragoner-General erhoben (nachdem der Aufstieg zum Kanzlerstuhl dem längst des bunten Rocks entwöhnten Landwehrkrieger die Sil-
SnferttonSpreife: Die sechägespaNene geUe fite eMhelmlfche «eschäfte 15 »fg., für aus. roärttge Inserate 25 Bf. Rellamezelle für etnhelmtsche •efdjäfte 43 Pf. für auswärtige Geschäfte 63 Pf. Beilagen für bte Gesamtauflage roerben mit 5 Mark pro Taufen» de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in ber Residenz und der Umgebung sind die Caffeler Neuesten Nachrichten ein vorzügliche» JnsertionSorgan. Geschäftsstele: Kölnische Straße 5. Berliner Bertreting: SW. Friedrichstraße 16, Telephon: Amt kV «76.
Stimme von Millionen deutscher Bürger laut und eindringlich zum Kanzler spricht. Daß unsre Reichswirtschaft so behend aus! der ti-fen Wagenspur des Difizits emporze-! wunden ward, danken wir für's erste nur dem freundlichen Optimismus des Säckelmeisters
Wermuib. und es gibt nicht nur Schwarzseher,
von
seine Schulden bezahlt werden sollten, die durch seine Selbstbeköstigung ent. standen waren Ob Lur nun vom Hauptbahnhof aus als blinder Passagier fortge- fabren ist, oder wie er sonst Glatz verlaßen hat, ist noch nicht festgestrllt. Jedenfalls kann man sich auf dem Hauptbahnhof nicht erinnern, einen Mann gesehen zu haben, der Lux ähnlich sah. Man nimmt an, daß er mit dem abends „egen acht Uhr den Hauptbahnhof verlaßenden qua nach Mittenwalde und von dort aus nach Oesterreich geflohen ist. Tie Ponzeibebordrn von Oesterreich und sofort benachrichtigt worden doch fehlt bisher sede «pur. Die Militärbehörde erhielt erst am Freitag früh Kennr- nis von der Flucht und ließ sofort den Donjon und den Schäferberg durch Soldaten absuchen, doch vergebens. Es dürfte voraussichtlich auch keine Aussicht bestehen, den Flüchtling zu sticken. Es zeigt sich auch hier, daß die Fe- stungshastordnung viel zu wenig Handhabe
Tas Konto des innern Reichsgeschäfts (seit Jahren mit der Riefenlast emes jmmzi | gewaltiger anschwellenden <”*' hat im Jahre neunzehnhundcrtclf keine freundlichere Gestaltung erfahren. Die Rubrik Soll weitet sich mit beängstigender Schnelle, und als Haben durften wir eigentlich nur zwei'wirklich beachtliche W-rte buchen: Die Reichs'?andvcrfaffung und den zeitgemäßen Ausbau der sozialen Persichcrungsgesetze. Was daneben noch in hartem Kampf crstrittcn ward, soll zwar nicht unterschätzt werden, fordert aber doch nur die Wertung mittelmäßiger Fer- tigfeit. Ter Bescheidenheit dieser Leistung steht eine umso größere Menge unerfüllten Verlangens gegenüber: Im Reich harren wich- tige gesetzgeberische Arbeiten «.deren Vorbereitung seit Jahren mit betriebsamem Fleiß gefördert worden sind) noch immer der endlichen Vollendung, gar nicht zu reden von den Forderungen der Parteien, aus denen die
berraupen des Majors geworben hatte), und am Wiegenfest von kaiserlicher Huld mit einer Vase bedacht, in der die Leute froher Laune das »Orakel von Hohenfinow" wittern. Beides sichtbarliche Würdigung rühmlicher Verdienste deren Wertinhalt leider mit den zarten Veilchen das Schicksal teilt, im Verborgnen prunken und der Welt profanem Auge unsichtbar bleiben zu müßen. Kurz vorm letzten Tag im alten Jahr wurde dann Herr Alfred von Kiderlen-Waechter mit den Brillanten des hohen Ordens vom Roten Adler beglückt: Auch ein Zeugnis verdienstlicher Leistung und die glitzernde Krönung des völkererregen- den „Scherzs von Agadir". Braucht's mehr, um die Bitterniße von neunzehnhundertrlf versöhnend zu verklären?
TasS »icksal frottich hat die Helden dez alten Jahrs mit ironischen Strichen ins Buch der Volksgeschichte eingezeichnet: Der Kanzler fand seinen Lorbeer nicht aus dem | Feld der Reichsregierung, nicht am Webstuyl des Nationalgefchicks, sondern im Paraderock des Kriegers, dessen Schwert längst seiner Hand entglitten, und der Mann im Auswärtigen Amt ward zum Brillanten-Ritter, als grade der Nachhall des Berliner. Londoner und Pariser Marokkolärms die Hörnerven der Feinde DeutMandS am lieblichsten kitzelte! So trennt bisweilen auch in der Weltgeschichte eines einzigen Zufalls Laune Traumland und Wirklichkeit, Parade- Effekte und nüchterne Lebenswahrheit. Daß unsre politische Bilanz daheim und draußen im Wettbewerb der Völker uns nicht zu hellem Jubel drängt, ist selbst primitivstem Erkenntnisvermögen längst zum Fundamentalsatz aller Ueberzeugung geworden, und cs überrascht des. halb auch einigermaßen, daß die für das Reichsgeschäft Verantwortlichen der kommenden Entladung der in zwei Kummerjahren zu höchster Erregung gestachelten Volksstimmung mit' einem Gleichinut entgegenschauen, als handle es sich nicht um den Gerichtstag über ein als unzulänglich erkanntes Regierungs-System, sondern um irgend eine herzerquickende und unterhaltsame politische Attraktion: Wenn Schwarzseher Sünder sind, wird das deutsche Volk von eitel Heiligen regiert, und wenn die blaue Blum« der Romantik heut noch blüht, prunkt in der Berliner Wilhelm- st ra ß c ihr strahlend Paradies I
-inn Hzsürs sticht im brtitrn Strom dir Leit, Lenst stehst du wirdrr on des Jahres Grenze And klickst zurück und merkst, wie Lust und Leid, Buntfarbig Weinlaud, dunkle Lpheukrinze, Des Frohsinns Kraft, des Anmut» Sitterkeit, Surchmod auch dieser Monde Seigentänze, Wie jetzt ein lichter Tag. und drauf rin trüber, Jm Wrlientakt fast, an dir floß cor ton1!
Lall' denn dem stshrr den grbotnrn Bank ’ Hst auch manch Lirl dir unerreicht gebliebrn. Sein Lebenslchifflein oft im Wogrnürang Aus der rrkornen Lahn seitab getrieben. So lang es nicht zur dunklen Tiefe sank Stehst du im Luch der Hoffnung eingeschrieben. And Sonnengolü und Silderglanz drr Sterne Lockt dich nach Stürmen wieder in die frrnr!
Die Lukunft aber grüß' mit frohem Mut! Latz dich von grauen Sorgen nicht umspinnen; Mit hesten Sinnen steure durch die Mut;
Von blauen Afern grüßen goldne Linnen: And Märchenlsnüe bergen köstlich Gut, Bas kühner Wagemut rinst muß gewinnen. Sur frisch hinaus! Laß deine Segel fchmttlrn And bau auf ihn, der Winde lenkt und Wellen!
Lr führt, die ihm vertraun, zum sichern Strand; Lr wird auch dich zum rechten Port geleiten. Treu schirmt den Wackern seine starke Hand. Wenn haß und Scheelsucht ihm sein «echt bestreiten; Brum weckt' er auch die zorn'ge Kraft im Land, Lu ernster potwehr treu sich zu bereiten.
Was, Peujahr, kommt auf deiner flut geschwommen? Wir heißen furchtlos dich und froh willkommen... I Alwin Römer.
f *) - Knja
Saldos bebürdet» Pflicht entsann, die durch Königswort gelobte wieder in der Scheide, und das Einzige, das Wablrcforrn im Land des Klafsenparla. uns geblieben, ist die Erinnerung an des fünf- ten Kanzlers melodramatisches Bekenntnis über die »ernste und schwere Zeit, die wir durchschritten". Ernster und schwerer in- deffen als diese Sorgenzeit ist in des sterbenden Jahres Abschiedsstunde für uns Alle die düstre Erkenntnis, daß auch die Zeit der
Lur'r SMester-Fahrt.
Noch keine Spur vom Spion Lux.
(Telegraphische Meldungen.)
Ein Privat-Telegramm meldet unS aus Glan: Die Militärbehörde hat über die Flucht des französischen Spions Lux eine strenge Untersuchung eingeleitel, da es nach der ganzen Art der Vorbereitung und Ausführung der Flucht nicht zweifelhaft sein kann, daß Hauptmann Lux Helfershelfer gehabt hat, die sein Entkommen begünstigt und ermöglicht haben.
Uebcr die Flucht des Spions sind inzwr. scheu folgende Einzelheiten festgestellt worden: Hauptmann Lux, der in der Festung feit« amerweise eine recht ausgedehnte Bewegungs- reihcit genoß, hat seine Flucht bekanntlich dadurch bewerkstelligt, daß er die Gitterstäbe eines Fensters durchseilte, durch die Oennung ich hindurchzwängtc, und auf diese Wette ms Freie gelangte. Seine Zivilklerdung hatte ~ur vorher aus dem Fenster zur Erde geworfen Die Bewerkstelligung der Flucht war nicht mit großen Schwierigkeiten verbunden, da einmal die Entfernung vom Fenster bis zur Erde nicht allzu groß war, und außerdem tiefe Dunkelheit herrschte. Unten angelangt, zog er feine Zivilkleidung an und ging durch einen dort angrenzenden Garten bis zur Frankenfteinerftratze und von da aus nach dem Hauptbahnhoj in Glatz. An der Stelle, an der er sich herab- gelaßen hatte, sand man noch seine von ihm abgelegten Kleider. Die Spur nach dem Haupt- bahnbos ist durch einen Polizeihuno sestgestellr worden. Man nimmt nun an, daß Lux ohne Geldmittel gewesen ist, da ihm seine Barmittel abgenommen und auf einer Bank deponiert waren. Lur hatte in seinem Zimmer eine Anweisung auf hundert Mark zurückgclaßen, wo-
schwercn Rot vorübergegangen ist, ohne deutschen Männermut zu heldenhafter Tat zu stählen. Im Schatten dieser Schuld dunkeln Beth- manns purpurne Kriegerstreifen, und Kiderlens Adlerbrillanten flimmern wie Tränen im Ange der Germania ...I F. H.
Sie Dezember-Tragödie.
’ Rewe Opfer der Maffen-Bergifttmg.
(Privat-Telegramm.)
Berlin, 30. Dezember.
Roch immer herrscht im städtischen Männerasyl in der Fröbelstrahe der furchtbare Würgengel und fordert erbarmungslos Opfer. Jm Laufe de« gestrigen Tages und Abends find die Sterblichkeitsziffer und die Zahl der Erkrankungen aufs neue emporgeschnellt, lodaß
etzt siebenundfünfzig Todesfälle und hundertneunundzwanzig Erkrankungen festgestellt worden sind. Jm LeichenschauhauS wurde gestern eine weitere Obduktion vorgeuommen. Es wurde die Leiche des Drehers Richard Becker aus Breslau geöffnet. Tas Resultat war das gleiche, wie bet den Sektionen der bisher ob- duzierten fünf anderen Leichen. Die Ermitte- lung über die Ursache der Maßenvergiftung sind noch im vollen Gange und dürfte kaum vor Montag oder Dienstag nächster Woche ab- geschkoßen fein. Auch die Untersuchung der Fischrestc dürste noch etwa sechs Tage in Anspruch nehmen. Auffällig ist der Umstand, daß eine große Zahl der bisher Erkrankten mit aller Entschiedenheit verneinen, in den letzten Tagen Räucherfisch gegeßen zu haben. Es befinden sich unter den Vergifteten solche, die glauben, nach dem Genüße von Kuchen, Brot oder Obst erkrankt zu fein. Jm Lause deS gestrigen Abends wurden noch einige Personen erkrankt auf der Straße anfgefnnden und ins Krankenhaus gebracht. Es befinden fich darunter auch zwei Frauen.
BergiftungsMe im Rheinland?
(Privat-Telegramm.) Köln, 30. Dezember
Auch in Elberfeld sind Vergiftun« g e n der in Berlin festgestellten Art vorgekom- men. In der Familie eines Schreiners erkrankten vier erwachsene Kinder nach dem Genuß von Bücklingen. Das Familienoberhaupt, sowie ein weiteres Kind, die ebenfalls von dem Fisch gegessen hatten, blieben verschont. Glücklicherweise liegt Besorgnis für das Leben der Erkrankten nicht vor. Ferner wird uns ans Dnisbnrg gemeldet: Der hiesige Bauinspektor Schwartz wurde gestern schwer erkrankt, seine Frau tot im Bett auf- gefunden. Es liegt auch hier (wie es scheint- eine schwere Lebensmittelvergiftung vor. Man hofft, daß der Mann am Leben erhalten werden kann. Die Behörden haben eine umfaßende Untersuchung eingeleitet.