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Caffeler Abendzeitung

2. Jahrgang.

Fernsprecher 951 «n> 952.

Sonnabend, 30. Dezember 1911

Nummer 21

Fernsprecher 951 und 952.

3nfertton8pretfe: $U fect>8gefpaUciif Bette tto eta«etatfd)t ««fchLst« U «ffr. aas- roärttne Inserate 25 Pf, Reklame,«tl« für «tn-etmtsch« »eschüfle 40 Pf, für autoarttge EeschLfte 60 Pf. Beilagen für die Oefamtaultag« werden ntü 5 Mark pro laufen» de- rechnet Wegen ihrer dichten «erbrettung in der «eftoen, und der Umgebung sln» die Tnfleler Neuesten Nachrichten ein vsr,ügltche, JnfertionSsrgan. »efchLftSstelle, «öluische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Bmt rV 676.

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CaMer NM Nchrichtm

MMM Hessische Abendzeitung

Set Tod im Racht-Ml.

Die Opfer der Berliner Maffenvergistung.

Der Tod hat reiche Emte gehalten: Fünf­zig der Aermsten der Armen, heimatlose Bettler, hungernde Verzweifelnde, die der Weihnacht Freuden nicht gesehen, Unterlegne des Schicksals, die der Walstatt des Daseins­kampfs als Besiegte entronnen, sind seiner Si­chel zum Opfer gefallen, und jeder neue Tag erhöht noch die erschreckende Zahl der Toten und Sterbenden; eine grauenweckende Kata­strophe in des alten Jahres letzten Tagen! Die Kinder des Elends, die im Berliner Nachtasyl kommunaler Bannherzigkeit still cinkchren und am andern Tag in der Morgenfrühe ebenso schweigend das schützende Obdach verlosten, um sich oufs neue vom Strom des Lebens durch des Schicksals tiefste Schluchten wirbeln zu las­sen, sind dem Verhängnis zur leichten Beute geworden: Die Armseligkeit einer dürftigen Genußfreude, die das düstre Dasein der Asyl­bewohner für Minuten mit dem Schein flüch­tigen Behagens verllären mochte, trug den Tod in seiner unerbittlichsten Grausamkeit ins Haus der Armut, und ehe noch die Sorge behördli. cher Obhut erwachte, geleitete man schon die ersten Leichen in des Todes kalte Kammer. Eine erschütternde Tragödie des Elends, eine furcht­bare Anklage wider die menschliche Gesellschaft und eine Katastrophe von brutalster Schicksals­härte.

Noch weiß man nicht, von wannen das Verhängnis kam; fest steht nur, daß die Ge­meinschaft des Elends, die sich Abend um Abend in den kahlen Sälen des Obdachlosen- Ashls fn der Berliner Fröbelstraße versammelt um das Dunkel der Nacht unterm Schutzdach menschlicher Barmherzigkeit zu überdauern, die kärglichen Genüsse der Armut brüderlich zu teilen pflegt, und daß auf dies« Weise auch das Unheil, das der eine Schicksalgenosse in der Hand der Armut trug, zum Verhängnis so Vieler geworden ist. Die kommunale Är- menfürsorge der Reichshauptstadt gewährt den Armen, die weder Heimat noch Ruhstatt haben, nicht nur ein schützend Obdach wider die Unbil­den der Winternacht: Sie bietet den Hungern­den, die sich in der Dämmerstunde zu vielen Hunderten vor den Toren der Asyle drängen, auch eine kräftigende Abendsuppe, um den siechen Körpern die manchmal tagelang entbehrte Stär­kung zu ermöglichen. Aber auch hier gilt das Wort, das schon Christus im Angesicht der verzweifelnden Menge hungernder Menschen sprach: Was ist das für so Viele? Die Ber­liner Armenfürforge arbeitet seit Jahren mit einem Millionen-Etat und sie hat Einrichtun­gen geschaffen, die in ihrer Art als mustergiil- tig gerühmt werden dürfen, und den­noch: Sie hat weder dem Elend erfolgreich zu steuern vermocht, noch hat sie es erreicht, das bleiche Gespenst des Hungertods aus der prun­kenden Weltstadt an der Spree zu verbannen.

Die Berliner Nachtasyle für des Elends Opfer reichen noch nicht aus, den fünften Teil der wirklich Armen und Obdachlosen vor den Unbilden der Winternacht zu schützen, und ich erinnere mich noch heut mit Entsetzen eines Nundgangs durch die Asylstätten im nördlichsten Berlin, der des menschlichen Elends schrecklichste Abgrundtiefen dem Auge offenbar werden ließ: Unter alten Wagenplan-Decken,

Sackleinen und Lumpen nächtigten in den eng­sten Winkeln öder Dachräume, durch die leichte Ziegeldecke notdürftig gegen Sturm und Wet­ter geschützt, sechzig, achtzig und hundert Men­schen; Greife, Kinder, Frauen und Männer, eng aneinandergedrängt im Bewußtsein der Solidarität des Elends! Man muß die star­ren, entsetzten Blicke dieser Aermsten der Ar-, men gesehen haben, als bei einer Siallaterne trübem Schein der Herberger die Decken und Lumpen lüstete, und vor den Augen der er. schrocken Auffahrenden der Polizei-Helm blink­te! Richt Hunderte, Tausende irren Tag um Tag durch die Straßen Berlins, die nicht wissen, wo sie am Abend ihr Haupt werden zur Ruhe niederlegen können, und die von den Mittagstunden an schon die Pforten der Asyle belagern. Daß unter diesen Umständen die Nachtasyle der Armut bei weitem nicht aus­reichen, um auch nur einem bescheidnen Teil der Obdachlosen Unterkunft zu gewähren; daß die Suppe der Barmherzigkeit noch nicht ein Zehntel des wiUiesten Hungers stillen kann und daß also die Möglichkeit einer wirk­lichen und durchgreifenden Fürsorge durch technische und organisatiorische Mängel gehemmt wird: Das alles ergibt sich als na- türliche Folge der bestehenden Verhältnisse.

Eine Abendsuppe im Armen-Asyl macht ei­nen Menschen, der vieNcicht tagelang hungernd und frierend durch die Straßen irrte, noch nicht satt, und man kann cs also brgreislich finden,

daß die Armen, die zum Nachtasyl des Elends als zur letzten Hoffnung ihre Zuflucht nehmen, bemüht sind, durch den Erwerb irgend eines billigen, hungerstillenden Nahrungmittels die kräftigende Wirkung der Asylsuppe zu erhöhen. Man hat festgestcllt, daß Asylisten, die gewisser­maßen zu denStammgästen- der kommunalen Armenfürsorge gehören, im Asyl selbst und vor seinen Pforten einen regÄrechten Handel mit Lebensmitteln betrieben haben, die sie irgendwo in der Nachbarschaft, vielleicht in rauchigen Destillen oder schmutzigen Kellerlä­den. für billiges Geld erstanden. Die Armut zahlt keine Rekordpreise: sie wirbt mit des Pfennigs kupferner Dürftigkeit um des Le­bens dringlichste Nahrung und Notdurft, und cs liegt nahe, mit diesem Zwang zum bil­ligsten Erwerb des Unentbehrlichsten auch die furchtbare Katastrophe in Zusammenhang zu bringen, die jetzt die Seelen der menschlich Mitfühlenden erschüttert und die Nächstenliebe zu harter Selbstanklage peitscht. Die Toten der Armut werden dem Reich der Schatten nicht mehr entfliehen; vielleicht wird an ihrer einsa­men Bahre nicht einmal eine Träne rinnen, und die Heimsuchung in des alten Jahres letz­ten Stunden wird mit dem SUvestertag im Meer der Vergangenheit und des Vergessens versinken. Eins aber schreit am Massengrab der Toten aus dem Nachtasyl als Stimme des Menschengewissen u. als Forderung der Kultur zum Himmel: Schutz den Aermsten der Armen vor des Schicksals b r u t a l st e r Härte, tatkräf­tiger Ausbau der Obdachlosen-Für- sorge und Vermehrung der öffentlichen A r - men.Spei sean st alten, die den Hun­gernden vor den Krallen der Verzweiflung be­wahren! F. H.

*

Da« Geheimnis des Massensterbens.

Noch immer keine sichere Aufklärung!

(P r i v a t-- T e l e g r a m m.)

Berlin, 29. Dezember.

Bis zwölf Uhr nachts waren insgesamt vierundachtzig Erkrankungen be­kannt, von denen fich siebenundsechzig im Asyl vierzehn auf offener Straße, zwei in Herms­dorf an der Nordbahn und einer in Potsdam ereignet haben. Von diesen vlerundachtzig Er­krankten sind bereits fünfzig gestor- 6en, davon einer in Potsdam. Der ersten Obduktion, die am Mittwoch vorgenommen wurde, sind gestern im Leichenschauhaufe vier weitere gefolgt. Das Ergebnis dieser Obduk­tion ist insoweit positiv, als die GerichtSärzte erflärten, daß sich Anhaltspunkte dafür, daß eine Fischvergiftung den Tod herbeige­führt habe, nicht ergeben haben. Das will allerdings noch nicht besagen, daß bet anderen Todesfällen nicht doch eine Fischvergiftung die Todesursache ist, aber eS steht fest, daß bei den bisherigen fünf Obduftionen der Leichen keine Spur von Fischvergiftung gefunden worden ist. Die Todesursache ist eine andere, aber es ist den Aerzten unmög­lich, anzugeben, was eigentlich die Todesursa­che ist. Man steht vor einem Räffel. In der PotsdamerHerberge zur Heimat" wurde ge­stern ein zugewanderter Mann eingeliefert, der sich in Krämpfen wandt und auf dem Trans­port nach dem Krankenhause starb. Der Tote wurde laut Vorgefundenen Papieren als der Arbeiter Gramer identtfiziert. Er­kundigungen ergaben, daß Gramer am Heilig­abend aus Berlin nach Potsdam zugereist kam und folgende Krankheftserscheinungen zeigte: Er klagte beim Schlafengehen über heftige Schmerzen im Magen, litt unter krampfhaften Zuckungen und hatte starke Schweißabsonde­rungen. lieber eine Weile vermochte er nicht mehr zu sprechen und starb kurze Zeit darauf.

Zm Krankenha«« Friedrichshain

ist für die unter BergiftungSerschcinungen Er. krankten ein besonderer Saal freigemacht worden, aus dem die anderen Kranken enffcrnt wurden. In diesem Saale liegen alle zusam­men. Der Eindruck, den selbst ein kurzer Besuch dort macht, ist d e p r i m i e r e u d. Es übt na­türlich keine sehr günstige Wirkung auf die Kranken aus, wenn sie sehen, daß rechts und links ein Leidensgcnofse nach dem andern un­ter großen Qualen stirbt. Rach polizeilicher Feststellung lagen gestern bis zu den Abend­stunden noch etwa dreißig Asylisten in den verschiedenen Krankenhäusern und ihr Zu­stand ist bei dem größten Teil so bedenklich, daß nur ein ganz geringer Prozent­satz mtt dem Leben davonkommen dürste. Auch ein Asyl-Aufseher ist schwer erkrankt.

*

Berlin, 29. Dezember. (Privat - Te­legramm.) In bei vorvergangenen Nacht übernachteten in einer Scheune im benachbar­ten Hermsdorf drei obdachlose Leute. Als

gestern vormittag einer der Obdachlosen er­wachte, sah er seine beiden Kameraden, sich vor Schmerzen wälzend, neben sich liegen; bald darauf waren sie tot. Sie waren (wie ihr Kamerad mitgeteiTt hat) mit diesen vor einigen Tagen in einem Asyl in Berlin gewesen. Man darf nicht zweifeln, daß es sich auch in diesem Falle um Vergiftungen der bekannten Art handelt.

Mn Krieg auf dem Balkan?

Pessimistische Stimmung in Bulgarien.

Ein Privattelegramm meldet uns aus Sofia: In bulgarischen Militärkreisen ist man sehr pessimistisch gestimmt und glaubt, daß ein baldiger Krieg auf dem Balkan losbrechen wird. Der bis in die kleinsten Ein­zelheiten ausgearbeitete Operattonsplan der buftiarischen Armee, der in Kraft treten sollte, wenn die Situation auf dem Balkan eine be­drohliche Wendung nehmen würde, hat infol­gedessen entsprechende Veränderungen erfah­ren. Nach diesem Plane wird die bulgarische Militärmacht in zwei Lager geteilt; das klei- nere wird an der serbischen Grenze Aufstellung nehmen, während das andere mtt dem Ein­marsch in die Türkei beginnen wird. Man ist in bulgarischen Offizierkreisen überzeugt, daß spätestens das kommende Frühjahr ernste krie­gerische Verwicklungen auf dem Balkan brin­gen werde, da die Spannung der Beziehungen zwischen der Türkei und den kleineren Balkan­staaten aufs höchste gestiegen sei.

MilMr-Skandal in Sofia.

(Privat-Telegramm.)

Ein weiteres Telegramm aus Sofia be­richtet uns: Auf dem. hiesigen Militärkom­mando ist eine B etrug s a sfär e aufgedeckt worden, durch die mehrere höhere bulga- rische Offiziere schwer kompromittiert sind! Die Militärs sollen sich riesige Unter, schleife bei Bestellungen von Kriegsmaterial zuschulden haben kommen lassen. Wie hoch sich die Summe der unterschlagenen Gelder beläuft, ist noch nicht bekannt. Die Militärbehörde ver­suchte zuerst, die Angelegenheit zu vertuschen, mutzte aber schließlich doch eine Untersuchung einleiten, als sich die Presse der Sache an­nahm. Ueber das Ergebnis der Untersuchung wird zwar strengstes Stillschweigen bewahrt, doch ist soviel bekannt geworden, daß in der Affäre außer verschiedenen Regimentskomman­deuren auch zwei Generäle verwickelt sind, deren Autzerdiewststellung bevorsteht. Di« Schuldigen sollen vor em Kriegsgericht gestellt werden.

Lexa Aeyrenthals Schwanengesang?

Aus Wien wird uns telegraphisch gemel­det: Aus dem gestern im Viererausschuß der ungarischen Delegation gehaltenen Erposs des Ministers des Aeußern, Grafen Aehren- thal ist ersichtlich, daß Oesterreich-Ungarn in Uebereinstimmung mit den andern Mächten auf schleunige Beendigung des türkisch-ita­lienischen Krieges drängt, der bei län­gerer Dauer nicht ungefährlich werden könne. Der Friede (erklärte Graf Aehrenthal) müsse aber für beide Teile ehrenvoll sein und weder der statns quo aus dem Balkan noch die Kraft und Autorität der Türkei dürften ge­schwächt werden. Was die Maroftofrage an­belangt, so hat gestern Aehrenthal die von ver­schiedenen Seiten ausgestreute Legende, als ha. be Oesterreich-Ungarn sich in dieser schweren Zeit als Bundesgenosse Deuffchlands nicht be­währt, fast gar nicht gestreift. Er betonte le­diglich, daß der Abschluß des Abkommens Oesterreich-Ungarn mit Genugtuung er­füllt habe.

Budapest, 29. Dezember. (Privat- Telegramm.) Die hiesigen Blätter der Koffuth-Pattei bezeichnen die gestrige Rede des Ministers des Aeußern Graf Aehrenthal als die letzte, die Er in seiner amtlichen Eigen­schaft gehalten habe. Sie werfen dem Mi­nister vor, daß er das gute Einverneh­men mit Deutschland getrübt und eine Annäherung des denffchen Bundesgenos­sen an Rußland verursacht habe.

Die Revolution triumphiert!

Die Mandschu-Tynastie unterwirft sich.

In den chinesffchen Wirren ist eine entschei­dende Wendung eingetreten: Nach einem Reutertelegramm aus Peking verbrachten die Kaiserinwitwe, Juanschikai und die Mand- schuprinzen denganzen gestrigen Vormittag da. mit, die von der Friedenskonferenz in Schang­hai gemachten Vorschläge zu beraten. Nach längeren, zum Teil erregten Auseinandersetzung gen wurde der Thron sich dahin schlüssig, die Forderungen der Revolutionäre anzuneh­men. Infolgedessen ließ der Thron dem Ka­binett die Weisung zukommen, das notwendige Reglement für die Einberufung der neuen Konferenz auszuarbeiten und die Delegierten der Friedenskonftrenz in Schang­hai davon zu verständigen, daß der Thron die

Entscheidungen dieser neuen repräsentativen Konferenz annehme, welche Regierungsform te auch beschließen möge. In Zusammenhang hiermit wird uns noch gemeldet:

Brüssel, 29. Dezember.

(Privat.Telegram m.)

DieAgence d'extrSme Orient" bringt fol­gende Mitteilung aus Si n k i a n g: Wir er- ahren, daß die Mohammedaner dieser Provinz unter dem Einfluß der Fremden eine revolu­tionäre Agitation betreiben. Es ist eine Versammlung ab gehalten worden, an der dreißigtausend Personen trilnahmen und in der der entschiedene Wunsch ausgesprochen wur­de, mit den Revolutionären von Kansu und Scheust in Verbindung zu treten. Zahlrei­ch e Unruhen ereignen sich in dieser Provinz. Auch T i b e t ist in die Bewegung eingetrcten. Rach einer Meldung aus Schanghai wurde der frühere koreanische Kronprinz, Prinz M i n gestern von Revolutionären aus der fran­zösischen Niederlassung in Schanghai herausge­lockt, mehree Stunden lang gefangen gehalten und gezwungen, einen größeren Scheck für den republikanischen Fonds auszuschreibcn. Prinz Min, dessen Reichtum bekannt ist, ist japani­scher Staatsbürger und der japanische Konsul hat infolgedessen eine Untersuchung ein­geleitet.

Neue Gefahre« in Sicht?

(Privat-Telegramm.)

Eine Depesche aus Peking von heute früh meldet: Huanschikai hat gestern nach dem ge­heimen Kronrat die Dynastie vor die Alterna­tive gestellt, entweder jetzt das gesamte Pri­vatvermögen mtt Einschluß jenes der Prinzen, für die vor einigen Tagen aufgelegte patriotische Anleihe in Höhe von dreißig Mil­lionen Taels herzugeben, oder seinen Rück­tritt und den seines Kabinetts anzunehmen. Die Kaiserin-Wtwe und die Prinzen haben das erftere Ansinnen abgelehnt, und Manscht- kai soll daraufhin heute sein Abschiedsge- s u ch eingereicht haben. Läßt die Dynastie Nuanschikai wirklich gehen, so wird Wohl der Ausbruch einer allgemeinen Anarchie im Norden die unmittelbare Folge sein.

Spion ßitr entflöhe»!

Der Ausbruch aus der Festung Glast. (Telegraphische Meldungen.)

Depeschen aus Gl atz melden: Der französische Spion Hauptmann Lux ist aus der Festung entflohen und bis- her noch nicht ergriffen worden. Nach Auskunft bei der Militärverwaltung hat er seine Flucht gestern vormittag bewerkstel- lrgt. Er soll sich an Bindfäden, die zum Verschnüren von Packeten dienten, an der FestungSmouer herabgelasscn haben.

lieber die Flucht des im Juni dieses Jah­res zu sechs Jahren Festung verurteilten Spions werden uns aus Glatz telegraphisch folgende Einzelheiten berichtet: Haupt­mann Lux befand sich im Festungsgesäng- nis in einer Abteilung, bestehend aus zwei Zimmern, zusammen mit einem andern Ge­fangenen, der während der Weihnachtsfeiertaze von seinem Gerichtsherrn beurlaubt war. Lux war somit allein und hatte genügend Be­wegungsfreiheit. Von feinem Zimmer aus ge­langte er in der Nacht zum Donnerstag auf den an seinem Zimmer vorbeiführenden Kor­ridor, ging dort entlang, erbrach eine fest verschlossene Tür und durchfeilte zwei Gitter eines Fensters. Lux als schmächti­ger Mensch zwängte sich in seiner Festungshaft- fleiduug durch die Oeffnung hindurch, nachdem er seine Zivilkleidung aus dem Fenster ge. warfen hatte. Dann befestigte er einen aus Hand- und Bettüchern gedrehten Strick an einem noch nicht angefeilten Eisenstab und ließ sich zur Erde hinab. Die Flucht war also nicht mit großen Schwierigkeiten Verbundes, Nach anderen Meldungen, die viel Wahrschein­lichkeit für sich haben, soll Lux schon borge« stern nachmittag entflohen sein. Die Mili- tärbehörde verweigert jede Auskunft über den Vorfall, dessen Einzelheiten jedenfalls auch der Aufklärung bedürfen, da die Affäre einen recht mysteriösen Eindruck macht.

Safiermann in Kassel.

Die gestrige polttische Versammlung im Stadtparksaal.

Gestern abend fand im großen Stadtpark­saal eine von der nationalliberalen Partei und der fottschrittlichen Vollspartei einberufene öffentliche polittsche Versammlung statt, in der der Führer der nationalliberalen Partei, Ju­stizrat Basfermann -Mannheim, über die bevorstehenden Reichstagswahlen sprach. Es war voxauszusehen, daß die Versammlung au«