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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
2. Jahrgang
Dienstag, IS. Dezember 1911
Fernsprecher 951 und 952.
Nummer 13
Fernsprecher 951 und 952.
gesprochen
Peking, 18. Dezember.
Die Frauen gegen den Minister.
Resolution.
erlin tagende,
mberufen vom
abgehalten. Den Ministern Sir Edward Grey und Lloyd George wurde großer
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(Privat-Telegramm.)
Hankau, 18, Dezember.
Rom, 18. Dezember. (Privat - Tele. gramm.) Die „Tribuna" veröffentlicht ci« Telegramm, in dem mitgeteilt wird, daß die Führer der albanesischen revolutionären Bewegung demnächst eine Versammlung abhalten werden, auf der eine allgemeine Erhebung in Albanien für das nächste Frühjahr beschlossen werden soll. Die Stimmung unter den Albanesen ist derart erregt, daß mit der Gefahr einer gefährlichen revolutionären Erhebung gerechnet werden müsse.
riums Bombe« aufgesunden wurden. Eine davon lag unter einem Tisch in der Ecke nahe dem Arbeitszimmer des Großwesirs. Die aufgefundenen Bomben waren mit einer so starken Sprengladung versehen, daß sie bei einer Explosion großen Schaden angerichtet haben würden. Infolge dieser Bombenfunde wurden verschärfte Maßnahmen getroffen. Er wird der Polizei nunmehr zur Pflicht gemacht, auf. den Straßen alle Leute, die Pakete tragen, oder einen verdächtigen Eindruck machen, an Ort und Stelle zu untersuchen.
Ein Protest der Berliner Frauen.
Im Berliner Architektenhause hatte sich am Sonnabend eine große Zahl Berliner Frauen versammelt, um auf Einladung der internationalen abolutionistischen Föderation gegen den Erlaß des Ministers des Innern zu protestieren, der bekanntlich fordert, daß bei Unverheirateten weiblichen Geschlechts vor der Feuerbestattung die Virginität (Jungfräulichkeit) oder das Fehlen derselben festzustellcn sei. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, die die Ausführungen der Vortragenden wie folgt zusammenfaßt:
Bomben am Goldnen Horn.
Ein Attentatsversuch gegen den Großwesir. (Privat-Telegramm.)
Konstantinopel, 18. Dezember.
f ü r das Frauenstimmrecht eintraten. Nach Annahme einer Resolution verließen die beiden Minister den Saal. Kaum halten die Minister aber die Straße betreten, um in ihre Automobile zu steigen, als ein Mann, etwa fünf Schritte von Llohd George entfernt, mit aller Wucht eine Sardinenbüchse gegen ihn schleuderte, die den Minister oberhalb des linken Auges und an der Lippe traf. Der Minister wankte. Str Grey und einige andere Herren fingen ihn auf und jetzt sah man, daß Lloyd George aus einer klaffenden Wunde an der linken Stirnseite blutete. Eine halbe Stunde später wurde der Mann verhaftet, der die Sardinenbüchse geworfen hatte. Er erklärte, daß er den Ministern einen Denkzettel habe geben wollen, weil sie „die Erteilung des Stimmrechts an die Frauen verzögerten".
Die im Architektenhaus in B Frauenvcrsammlung. err Berliner Zweigverein der Internationalen abolutionistischen Föderation, erhebt Protest
Di« Lage der bei Hanyanq befindlichen kaiserlichen Truppen hat sich infolge Verstärkung ihrer Armatur mit deutschem Kriegsmaterial bedeutend verbessert. Tie Regierung in Peking hat aus Deutschland ungefähr siebzig Kanonen bezogen, die per Schiff unter deutscher Führung in Tientsin angekommen sind. Ein deutscher Ossi- zier soll die Geschütze der kaiserlichen Artillerie geleitet haben. Aus diesem Grunde werden an die deutschen Handelshäuser mas- fenhast Drohbriefe von den Revolutionären gesandt und der Boykott deutscher Waren ist bereits für die nächsten Tage in Aussicht genommen.
(Privat-Telegramm.)
Admiral Sa hat eine.» Interviewer gegenüber erklärt, daß die Mandschudynastic verloren ist, und daß bet Krieg bis zum Sturz der Monarchie dauern wird. Die Re. gierung habe von Anfang der Bewegung an eine Unmenge Fehler begangen und alle Gele, genheilen, sich dem Aufstand gegenüber zu be. hauHen, unausgenutzt Vorbeigehen lassen. Admiral Sa glaubt, daß, wenn der Frieden nicht in Kürze wieder hergestellt ist, neue Wirren von unübersehbarer Tragweite folgen werden, durch die die Unabhängigkeit des Landes in Frage gestellt werde. Seine persönliche Haltung sei durchaus neutral; er diene weder den Kaiserlichen noch den Revolutionären. Dr. Sunyatsen, der geistige Leiter der Revolution in China und Homor Loa, der amerikanische militärische Berater der Revolutionäre, find am Sonnabend in Penang getan- bet In Schanghai gewinnt die Ueberzeugung, daß ein Frieden bald zustande kommen wird, immer festeren Boden.
Die Fahne der Revolution.
Wie aus Peking berichtet wird, zeigt die Fahne der Revolution und der Republik ein blaues Feld mit einem großen roten Kreuz. Dieses Kreuz teilt die Fläche in vier Teile. In dem obersten Feld auswärts befindet sich eine weiß« Figur, eine Art stilisierter Rose mit achtzehn Blättern oder ein Stern mit achtzehn Strahlen. Diese Strahlen sind das Symbol für die achtzehn chinesischen Provinzen (die Mandschurei nicht mitgerechnet). Die ganze Zeichnung stellt den von den Chinesen erfundenen Kompaß dar. Die javanische Regierung sendet zwei Bevollmächtigte nacb China, um eine Beendigung der Kämpfe zu vermitteln und eine europäische Intervention zu verhindern.
Maudschu-Kanouen-aus Seutschland?
SnferttonSprelfe: ®U sechSgespallene Zell, für einheimische Seschüst, 15 Pfg., für <nt«- wärtlge Inserate 25 Pf„ Rellameieile für elntjetmtfd)« S-schütt« M Pf„ für auswärtige Seschüst« 63 Pf. Beilagen für die Sesamtauflage werden mit 5 Mark pro Tausend berechnet. Wegen ihrer dichten «erbreitung in der Residenz und der Umgebung sind bte Sasseler Neuesten Nachrichten etn vorzüglich-« JnsertionSorgan. S-schüftSstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW„ Friedrichstraße ich Telephon: «ml IV <76.
angebot des Verbandes für die schwer heimgesuchten deutschen Brüder in Brasilien hatte aber jedenfalls mit den politischen Zielen der alldeutschen Agitation nicht das mindeste zu tun, sondern es entsprang sicher (genau wie die Hilfsbereitschaft andrer Deutscher) dem rein-menschlichen Empfinden des Mitleids und der brüderlichen Anteilnahme am Schicksal unglücklicher Landsleute auf fremder Erde. Herr von Kiderlen indessen ist andrer Ueberzeugung: Er hat die Beteiligung des Verbandes an den Sammlungen als „nicht erwünscht" abgelehnt, von der Sorge geleitet, daß „möglicherweise die Tendenz des Verbandes zu irrigen Auslegungen hinsichtlich des Zwecks der deutschen Hilfsaktion Anlaß geben könnte".
Mit andern Worten: Man fürchtet im deutschen Auswärtigen Amt, fremder Argwohn könne aus dem melodischen Klingen alldeutschen Goldes folgern, daß Deutschland in Brasilien mehr als lediglich die Unterstützung der bedrängten Landsleute erstrebe; eine Kohlen- Station etwa, einen Pachtvertrag für neunund- ncunzig Jahre Dauer oder ähnlich Unerhörtes! Der Fall ist so seltsam, daß man ihn fast ein Rätsel nennen möchte, und er ist auf der andern Seite so überaus charakteristisch für die Nervosität der Wilhelmstraße, ein so überzeugendes Beweisstück wider das Märchen vom „eiskalten Schwaben", daß man ihn nicht einfach als Rätsel begraben, sondern um Aufklärung über die hier maßgeblich gewesnen Beweggründe bitten muß. Daß ausgerechnet dem Alldeutschen Verband das Mißgeschick passiert, von Herrn v. Kiderlen unwirsch zurückgewiesen zu werden, ist des Schicksals grimmigste Ironie, denn grade die Alldeutschen waren es, die dem „starken Mann der Wilhelmstraße" zur Sommerzeit Blumen auf den Weg streuten. Ist aus dem starken Mann von gestern so plötzlich über Nacht ein nervös zitternder Schwichtiger geworden, der e.t mit r*v gehaltncm Atem über's Erdrund' horcht, bevor er einem Werk deutscher Barmherzigkeit das Grenztor öffnet? Die Wandlung wäre zu jäh, zu unvermittelt, denn zwischen Abend und Morgen schrumpfen doch Helden nicht zu Zwergen! Der Fall beweist nur, daß selbst Kider- lens schwäbische Eiseskälte in der hitzigen Hast unsres Reichsgeschäfts in Schwaden aufgegangen ist: Ein Opfer der Nervosität, die überall im Reich den Tatmut schreckt!
F. H.
gegen die in den Ausführungsanweisungen des Ministers des Innern zu dem Gesetz betreffend die Feuerbestattung enthaltene Bestimmung: der Befund einer Virginität ist zu erwähnen. Diese Untersuchung ist vom juristischen Standpunkt zwecklos, vom medizinischen Standpunkt wertlos, da die einwandfreie Konstatierung, ob Virginität vorliegt, für den gewissenhaften Arzt unmöglich ist, und vom menschlichen und ethischen Gesichtspunkt als ein Eingriff in das intimste Privatleben einer Verstorbenen durchaus zu verwerfen. Durch die Aufnahme einer derartigen Begutachtung in den Totenschein wird der üblen Nachrede Tür u. Tor öffnet. Die anwesenden Frauen Berlins richten daher an den Herrn Minister des Innern die dringende Bitte, die genannte Bestimmung, die das Gefübl ihrer weiblichen Würde, wie ihr ethisches Empfinden aufs tiefste verletzt, streichen zu wollen.
SardinevbLchfe und Frauenstimmrecht.
(Privat-Telegramm.)
London, 18. Dezember.
Am Sonnabend abend wurde hier eine Versammlung des Liberalen Frauenvereins zu Gunsten des Frauenstimmrechts
„„„ „ w „ _____ . ______ Hiesige Blätter melden, daß in den Büros
Beifall aeivendet für ihre Reden, in benejj siei des Großwesirats und des Kriegsmunste-
Die Mandschu-Dynastie gefallen!
Das neue China: Blau-rot-weiß.
Depeschen aus Schanghai melden: Die Verhandlungen der revolutionären Führer haben bisher zu folgenden Resultaten geführt: Die Mandschudynastic wird abgc- schafft. China wird Republik und Nu. a n s ch i k a i erster Präsident. Vizepräsident wird Dr. Sunjatsen. Das erste Kabinett wird von der republikanischen Kammer gewählt. Ein weiteres Telegramm meldet: Der Rebellenführer Wutingfang hat sich mit Rockefel- ler in Verbindung gesetzt, um ihn um finanzielle Unterstützung zu bitten. Rockefeller hat ihm eine insofern günstige Antwort zulommen lassen, indem er ihm versprach, sein Möglichstes dabei zu tun, um die Ausnahme einer Anleihe zugunsten der Revolution zu bewerkstelligen. Ueber die augenblickliche Lage hat sich der kaiserliche Admiral Sa wie folgt aus-
Wasserkanten-Sensationen.
Sensationelle Enthüllungen über Umtriebe englischer Spione an der Nordseeküste. ^Telegraphische Meldungen.) Wie wir seinerzeit mitgeteilt haben, war im Sommer dieses Jahres die englische Flotte in der Nordsee zusammengezogcn, und es ist auch bekannt, daß die Marokkoverhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich eventuell zum Anlaß genommen werden sollten, über Deutschlands Marine und die deutsche Küste herzufallen. Die englischen Minister haben im Unterhaus zugegeben, daß man „dicht vor dem Aeußersten" gestanden habe. Ueber das britische Programm und dessen Ein- zelheiten wurden bisher nur Andeutungen gemacht, die aber erkennen ließen, daß unsere Reichsregierung von den gefährlichen Machen- schäften viel gewußt hat und sich darauf einrichtete. Wahrscheinlich haben die sofortigen Gegenmaßregeln wesentlich dazu beigetragen, den englischen Vorstoß zu vereiteln. Im Kriege sind „alle Mittel recht"; aus dem Prozeß Schultz und anderen Vorfällen kennen wir di« Ungeniertheit der englischen Spionage, auch ist über den Wilhelmshavener Spionagefall man« cbes bekannt geworden, so daß ein kühner Kombinationspolitiker aus diesen Materialien schon etwas machen konnte. Ob es sich nur um solche Fertigkeit handelt, oder ob die Rheinisch- Westfälisckie Zeitung den wirklichen Sachverhalt erfahren hat, ist im Augenblick nicht zu prüfen, jedenfalls werden die Veröffentlichungen des Blattes von sich reden machen. Das Essener Blatt bringt nämlich folgende sensationelle Mitteilungen über den
Anschlag aus Wilhelmshaven.
Von einem Offizier aus einer Stadt an der Nord, fee, der „aus bester Quelle" schöptt, erhalten wir folgende Mitteilungen, die die Nachricht unseres Düsseldorfer Gewährsmannes aus Wilhelmsbavener höheren M ar ine. kreisen über die Pläne einer Vernichtung Wilhelmshavens einigermaßen bestätigen:
Allmählich werden hier Einzelheiten über die Spionage-Angelegenheit bekannt, an der neben dem kürzlich entflohenen Schutzmann Glauß leider auch eine Reihe von Angehörigen der kaiserlichen Marine beteiligt find. Was man in eingeweihten Kreisen über die Sache hört, klingt geradezu ungeheuerlich, und die ärgsten Befürchtungen, die man hegen konnte, werden übertroffen. Man wird sich erinnern, daß in der kritischen Zeit kurz vor Abschluß des Marokko- Abkommens (es war dies die dritte gefährliche Phase im Verlauf der Verhandlungen) daS erste Geschwader der Hochseeflotte, in dem sich die sämtlichen sieben bisher fertigen deutschen großen Linienschiffe der „Naffau"- und der „Ostfriesland"-Klaffe befinden, längere Zeit Uebungen zwischen Helgoland und der Jade vornahm, ohne, wie dies sonst der Fall war, abends nach Wilhelmshaven zurückzukehren. Nur ein Routinedampfer vermittelte den täglichen Verkehr zwischen Geschwader und Kriegshafen, während die beiden Dreadnought-Divisionen sich ständig auf hoher See hielten. Warrn damals auch die Faber- schen Enthüllungen noch nicht erfolgt, so wußte man bei uns doch, daß man auf der Hut sein mußte, und so wurde dieses auffällige Verweilen des Gcfchwadcrs in See meist als Vorsichtsmaßregel gegen einen eventuellen U e b e r- fall von Westen her ausgclegt. Tatsächlich lagen die Dinge aber anders, und wie ernst sie lagen, darüber hört man aus bester Quelle folgendes:
Spione in unserer Marine?
Wiederholt einlauftnde Wertfendungen an einige Deckoffiziere und Obermaat« der Kaiserlichen Marine erregten bet der Post- vchörde Verdacht, und man schritt schließlich
Jezember Stimmungen.
Nervosität in der Berliner Wilhelmstraße. , ;
Zu dem von uns mttgeteilten Zwischenfall Kiderlen 1 Alldeutscher Verband tut die „Norddeutsche Allgemeine ■ Zeitung" kund: „Das Auswärtige Amt hatte im Interesse ] der Hilfsaktion für Blumenau Einladungen zu einer . Besprechung an bekannte private Wohltäter ergehen ( lassen. Eins nachträglich von dritter Seite angeregte > Hinzuziehung des Alldeutschen Verbandes zu i dieser Besprechung wurde im Hinblick auf den Kreis der ( Eingeladenen, da in diesen reinen Wohltätigkeitssache . f ' auch andere politische Vereine nicht eingeladen seien, für untunlich erklärt". DaS Dementi bestätigt also 1 die erste Meldung durchaus. 1
Als Herr Alfred von Kiderlen-Waech- i ter von Bukarest her zur Wilhelmstraße zog, i atmete man im Reiche auf: Nach Wilhelm von j Schoens schaler Limonadepolitik erhoffte man ; von dem „eiskalten Schwaben" eine Umkehr zum System der Teutoncnfaust, von der man ■ erwarten durfte, daß sie auch dem (durch ■ Tschirschky und Schoen nicht sonderlich geförderten) Ansehen des Auswärtigen Amts zu- ■ gutekommen werde. Aus dem „Mann mit der 1 gelben Weste", der vor nicht langer Zeit erst im Wallothaus als Verteidiger der Rechtschaffen- : heit des auswärtigen Reichsgeschästs laute Heiterkeit geweckt und den Karikaturisten will- kommnen Stoff zu grimmigem Spott geliehen hatte, wurde (kaum in der Sphäre der Wilhelmstraße warm geworden) ein Kämpe sagenumwobnen Heldentums, von dem die Rede ging, daß über seinem Arbeitstisch die Worte „Nil admirari“, in glitzernd Erz für ewige Zeiten eingegraben, als Wahrspruch schwäbischer Wucht und unerschüterlicher Ruhe prangten. Manches auch, das der neue Mann tut Auswärtigen Amt in offiziösen und anbent Druckspalten als Zeichen emsiger Wirffamkeit der Oeffentlichkeit offenbarte, schien geeignet, die Sage vom „rüstig emporwachsenden Jünger Bismarck'scher Schule" zu erhärten, und selbst das Agadir-Abenteuer mit seinen überraschenden Schluß-Effekte'.'. zeigte uns im. ersten.' und zweiten Akt Herrn Alfred von Kiderlen noch als starken Mann, dessen Nerven, Schiffstauen gleich, die gewaltigste Erschütterung spielend zu überwinden schienen.
Daß der Handel mit Jules C a m b o n nicht s o zum Abschluß kam, wie's der Manager der Panther-Fahrt nach Agadir gemäß der Wahrscheinlichkeit-Kalkulation erhofft hatte, war nicht allein Kiderlen's Schuld: Nachdem in Berlin, London und Paris der Enthüllung Schleusen sich geöffnet, darf's als hinreichend erwiesen gelten, daß die Rückwärts-Konzentra- tion unsrer Marokkopolitik Stimmungen und Machteinheiten zuzuschrciben ist, deren Regulierung sich dem Einfluß-Bereich des Staatssekretärs entzog. Es ist gesagt worden, daß Herr von Kiderlen die Hemmung der von ihm als nützlich und notwendig erkannten Politik mit dem Abschiedsgesuch habe beantworten müssen, und daß er durch die Duldung eines schwächlichen Kompromisses die kaum wieder aufkeimende Stabilität unsrer Reichspolitik abermals im entscheidenden Entwicklungsmoment gefährdet habe. Ob dieser Vorwurf berechtigt ist oder nicht, wird sich erst nachprüfen lassen, wenn die Wirkungen der nun endlich abgeschlossnen Aktion erkennbar werden; bestimmte Anzeichen (die sch o n h eu t merkbar sind) lassen allerdings nicht erwarten, daß wir uns dieser Wirkungen einmal zu freuen haben werden. Es gewinnt vielmehr den Anschein, daß die Sorgenwochen der Marokko- Krise im Bereich der Berliner Wilhelmstraße einen Zustand hochgradiger Nervosität erzeugt haben, dessen wenig erfreuliche Aeußerungen durch das unerbauliche Marokko- Nachspiel in drei Parlamenten offenbar noch verschärft worden sind. Man höre und staune: Der Spätsommer des nun zu Ende gehen- itn Unheiljahrs hat nicht nur den sechzig Millionen Deutschen im Bereich der dreifarb- nen Grenzpfähle, sondern auch unfern deutschen Landsleuten in der südbrastlianischen Kolonie Blumenau ernste Heimsuchung gebracht: Eine verheerende Hochflut hat den größten Teil der Kolonie verwüstet und Hunderte deutscher Familien sind durch die Katastrophe wirtschaftlich ruiniert worden. Deutsche Hilssfrcudigkeit hat sich sofort ans Werk gemacht, durch Sammlungen in der Heimat unter Führung des Reichs den vom Unglück schwer betroffnen Landsleuten in der Fremde Unterstützung und Beistand zuteil werden zu lassen, und unter Denen, die sich bereit erklärten, für die gute Sache zu wirken, befand sich auch der Alldeutsche Verband. Der Verband ist bekanntlich eine politische Gruppe, deren Programm den nationalistischen Gedanken zum Mittelpunkt aller politischen Arbeit stempelt und deren Ideale (ob mit oder ohne Berechtigung, soll hier nicht untersucht werden) mancherlei Anfeindung begegnen. Das Lilfs-