Nr. 10.
Zweiter Jahrgang.
Weler Neueste Nachrichten
2. Beilage.
Freitag, 15. Dezember 1911. \
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Hasso hat den Wunsch ausgesprochen, daß ich mich eleganter kleide — ich wäre das ihm und seinen Gästen schuldig.
Ich' hatte nur die Antwort, daß ich meinen Anzug nach meinen Verhältnissen einrichte, die mir ein „Mehr" nicht gestalteten.
Ich wollte ihm dadurch auch gleich zu erkennen geben, daß ich nicht die Absicht habe, das sehr reichlich bemessene Nadelgeld, das er mir in mein Arbeitskörbchen legte, zu verbrauchen. Das fehlte noch, daß ich Geld von ihm annehme. Ost ist es mir schon, als müßte ach an dem Bissen, den ich an seinem Tische esse, ersticken.
Mama findet mich albern, und selbst Delia sagt: „Ich ginge zu weit," als ob sie das tun würde, sie, die doch so viel besser zu ihm gepaßt hätte, als ich.
Mama ist für einige Monate nach dem Süden abgereist. Jbr Lebenswunsch hat sich, wie sie sagt, erfüllt. Hasso hat ihr natürlich die Reise ermöglicht, und ich schäme mich, daß sie es von ihm angenommen hat.
Delia ist nicht mitgereist, obwohl es ihr Hasso angeboten. Ich hätte ihr die Hände dafür küssen mögen. Aber sie ist so kühl, meine Schwester, daß ich es nicht wagte. Sie zählt zwölf Jahre mehr als ich, und sie ist so ernst.
Delia ist mit unserer alten Dienerin allein in Mamas Wohnung in der Stadt geblieben. Von Zeit zu Zeit kommt sie zu uns, aber nie benutzt sie den Wagen, den ihr Hasso anbietet. Dann fühle ich, daß sie doch meine Schwester ist.
Jobst ist auf Urlaub hier. Er ist ein guter Junge, aber ich wünschte, Hasso hätte ihn nicht eingeladen, zudem liegt er'ganz in den Banden der kleinen Bredow, die in unverantwortlicher Weise mit ihm kokettiert. Es gibt überhaupt hier so viel zu kokettieren- Da ist zuerst ein junger Maler, der die kleine Rena, und ich fürchte, auch mich malen soll. Er heißt Guido Wattenburg und trägt ein Sammetjackett und eine feuerrote Kravatte. Er macht mir den Hof. und Hasso lächelt dann so malt» tiös. daß ich nicht anders kann, als gerade recht freundlich zu dem Maler zu sein. Er hat noch einen Freund mitgebracht, der ist ganz nett.
Hasso hat die beiden in Köln zum letzten Karneval kennen gelernt und hat sie eingeladen. einige Zeit hier in aller Stille ihrer Kunst zu leben. Davon habe ich bisher nichts bemerkt.
wie Frau Dötte sagt, hier eingebrochen. Ich verhasst mich paiüv. Was geht mich schließlich die ganze Sache an? —'
Ich grüble dieser Frage nach, und da »dämmert es dann so langsam herauf wie ein Vorwurf, und ein Gefühl nagt mir in der Brust wie ein scharfer Stachel, den ich umfonst zu entfernen suche. Ich will mich bezwingen, ich will diese schreckliche Gleichgültigkeit ablegen, sie sollen nicht über mich lachen., sie sollen ncht ahnen, die fremden Frauen und Männer, die ich als meine Gäste grüße, daß ich fremd im eigenen Hause bin, daß ich nicht mehr Rechte auf der Hassenburg hübe, als eine hergelaufene Bettlerin. Nein, sie sollen glauben, daß ich glücklich bin, vor allen die stolze Esther, die mit so mitleidigem "Lächeln, als wäre ich ein unmündiges Kind, auf mich herabsieht-
Wer Esther ist? Das ist schwer zu sagen — eine hohe, schlanke Frauengestalt mit großen, nachtschwarzen Augen und einer Fülle roter Locken, die sich um ein seines, blasses Antlitz ringeln. Außerdem ist sie noch Hassos Cousine, die augenblicklich hier mit Mutter und Schwester als Logierbesuch eingezogen sind. Ich mag sie nicht, diese Esther, in ihrem Blick glimmt etwas wie verhaltne Glut, die mir auf die Nerven fällt. Denselben Blick hat die Mutter, Frau von Bredow, oder Tante Julia, wie Hasso merkwürdig familiär zu ihr sagt.
Oft ist es mir, als müsse aus diesen beiden dunklen Augenpaaren heraus eine Gefahr für mich erwachsen, riesengroß — furchtbar. —
Lächerlich! Mich ängstigen Schreckbilder, die nur in meiner aufgeregten Phantasie bestehen. — Esthers Schwester, Manon, gefällt mir besser, obwohl ich bis jetzt auch aus diesem Mädchen nicht recht klug werden kann. Sie ist siehzehn Jahre alt, dabei aber von einer erstaunlichen Welterfahrenheit und einer Rücksichtslosigkeit, die alles übertrifft, was ich bisher gesehen, aber es scheint mir doch, als wäre in allem, was sie sagt, doch ein Fünkchen Wahrheit.
Ich verstehe Hasso nicht, daß er gerade diese Familie zu sich eingeladen hat. Frau Dötte sagt zwar — ich hätte zufällig, wie sie es dem alten Haushofmeister erzählte — das täte Hasso aus Mitleid, weil die Bredows nichts, absolut gar nichts hätten und nicht recht wüßten, wo sie hin sollten, aber ich meine. man kann armen Verwandten auch anders helfen, als daß man sie zu sich ins Haus ladet. Zudem sehen mir die Bredows gar nicht so aus, als wären sie arm.
Das rauscht von seidenen Gewändern und duftigen Spitzen, das glitzert und schillert von Perlen und bunten Steinen um sie her, daß ich an diese Armut nicht glauben kann.
Wie armselig komme ich mir diesen auffallenden Frauengestalten gegenüber vor. Mehr als ein einfaches, weißes Wollkleid erlaube ich mir nicht- Sie stammen noch aus meiner bescheidenen und doch fo glücklichen Mädchen- zeit.
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Gericht mtz Recht.
cä3 Rechtsanwalt Güth vor seinen Richtern. In dem aufsehenerregenden Prozeß gegen den früheren Rechtsanwalt Güth aus Wiesbaden wurde gestern von der Strafkammer in Wiesbaden das Urteil gesprochen. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten eine Gefängnisstrafe viln drei Jahren, ihm die
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bürgerlichen Ehrenrechte auf die gleiche Dauer abzuerfennen und von der erlittenen Unter« fuchungshast drei Monate von der Strafe in Abzug zu bringen. Das Gericht verutteitte Güth zu zweieinhalb Jahren Gefängnis und drei Jahren Ehrverlust; drei Monate werden ihm auf die Untersuchungshaft angerechnet. Güth erhärte, er würde das Urteil angenommen haben, wenn man ihm nicht die bürgerlichen Ehrenrechte abgesprochen hätte. Da dies aber geschehen, werde er Revision einlegen.
Wittshausgeschichten norm Reichsge richt. Man schreibt uns aus Leipzig: Das Hinauswerfen eines Gastes füllte kein Wirt ohne die nötige Vorsicht bewirken, da er sich sonst unter Umständen schwerer Bestrafung ausfetzt. Dies hat der Oberkellner Mar Wolter, der GefchäftSsührer in einem Afchin- ger-Restaurant in Berlin ist, nicht beachtet. Er ist im Juni vom Landgericht in Oerlin wegen fahrlässiger Tötung zu sech? j uaten Gefängnis verurteilt worden Am 29. Januar, früh um zwei Uhr, als schon Feierabend geboten worden war, betrat der Arbeiter K r a c z e w s k i in reduzierter Kleidung das Lokal und verlangte Bier. Als man ihm sagte, er könne nichts mehr bekommen, machte er Schwierigkeiten. Da er nicht sogleich das Lokal verließ, faßte der Angeklagte ihn an den Schultern und stieß ihn mit Wucht zur Tür hinaus. Der Mann, der nicht wußte, daß eine Stufe zur Straße führte, stolperte, fiel nach rückwärts auf das Pflaster und schlug mit dem Hinterkopf derart auf das Eisengitter des dort befindlichen Kellerschachtes, daß es krachte. Zeugen haben das Verhalten des Angeklagten als roh empfunden. Kraczewski hatte einen Schädelbruch und eine Gehirnerschütterung erlitten, und ist nach einer Operation gestorben. Das Gericht ließ es dahin gestellt fein, ob der Angeklagte sich für berechtigt halten konnte, den Gast gewaltsam aus dem Lokale zu entfernen; es hielt ihn fchon deshalb für strafbar, weil er beim Hinauswerfen die nötige Vorsicht unter Berücksichtigung der baulichen Verhältnisse, insbesondere des Vorhandenseins der Treppenstufe und des Kellergitters, außer Acht gelassen hat. Die R e v i f i o n des Angeklagten wurde gestern vom Reichsgericht verworfen, da mit Recht eine Fahrlässigkeit des Angeklagten angenommen worden fei.
c§3 Ein amerikanischer Sensationsprozeß. Aus N e w y o r k wird uns berichtet: In dem Prozeß aegen den Dr. E l a r k H h d e, der an« geklagt ist, feinen Schwiegervater, den Millionär S ope vergiftet zu haben, ereignete sich ein fenfationeOer Zwischenfall. Seit gestern ist nämlich einer der Gefchworenen fpurlos verschwunden, und man vermutet, daß er in die Angelegenheit verwickelt ist. Der Prozeß dauert jetzt bereits einen Monat. Jeden Abend wurden die Geschworenen nach Schluß der Verhandlungen in ihre verfchiede- nen Hotels gebracht und dort militärisch bewacht, sodaß sie untereinander keine Besprechungen abhalten konnten.
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Eine flammende Röte zuckte über mein Antlitz, ich fühlte, wie mir der Atem stockte, wie siw alles mit mir im Kreise drehte. Er hatte recht. Wer 'wollte ihn hindern, rohe Gewalt zu brauchen, wenn er wollte.
Ich wunderte mich über die Ruhe, die plötzlich über mich kam, ich verschränkte die Arme über der Brust und maß ihn kühl vom Scheitel bis zur Sohle. ' - ' J .
„Was dich hindert?" sagte ich langsam, „die Rohheit, die in der eben ausgesprochenen Gesinnung liegt und an die ich nicht glaube, und dann mein eigener Wille."
„Dein Wille?" Wie hohnisch.es über seine Lippen kam. Kannte er dessen Schwachheit, wußte er, daß dieser Wille infolge meiner Erziehung auf sehr schwankenden Füßen stand?
„Eines schützt mich," sagte ich, weit das Fenster öffnend. „Schau da hinab. Ein einziger Sturz in die Tiefe rettet mich von der Schmach und Schande, die für mich in deinen Liebkosungen liegt. Nun wage es ..."
„Du mißverstehst mich immer wieder aufs neue," sagte er ernst. „Ich wollte dir nur vorführen, wie sehr ich auf alle deine Intentionen eingehe, und daß es nur bei dir liegen wird, durch das Eingehen auf meine Wünsche ein erträgliches Verhältnis zwischen uns zu schassen. Latz uns doch Frieden machen, Jolande. Ueber- nimm deine Pflichten nach autzen hin, wie es sich für die Frau, die ich nun einmal geheiratet habe, gehört, und ich bin zufrieden. Du kannst ganz sicher fein, datz ich mich dir nie auch nur um einen Schritt mehr nähern werde, als es der Verkehr nach autzen hin vorschreibt. Willst du gut sein, willst du es versuchen, selbst wenn es dir auch schwer wird?"
Der Ton in seiner Stimme verwirrte mich. Härte reizt meinen Trotz ... der Weichheit bin sch nicht gewachsen . „Ich will es versuchen," sage ich langsam. ... Ich bin so müde von dem unnützen Kamps, und ich fühle, datz er es weiß, daß er meine Ohnmacht fühlt.
„Ich danke dir," sagte er beinahe herzlich. Dieses Mal küßt er meine Hand nicht. Er nickt nur leicht mit dem Kopfe, dann geht er.
Ich blicke ihm nach. Wie hoch und stolz seine Gestalt ist, ein echter deutscher Recke. An der Tür blickt er zurück. Es ist spät geworden," lächelt er liebenswürdig, „bei Tisch will ich dich näher über unser» Besuch informieren. Du hast kaum Zeit zur Toilette."
Und ich kämme mein Haar und sebe die Goldfunken der Sonne darüber hintanzcn und es fällt eine Träne darauf, heiß und schwer, und sie leuchtet dort wie frisches rotes Herzensblut. Ich weine um die Sklavelckette, die mich an einen ungeliebten, harten, kaltherzigen Mann fiir immer fesselt.
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