Einzelbild herunterladen
 

Nr. T. — 2. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichte«

DienStag, 12. Dezember 1911.

erneute finanzielle Schwierig­

lebhaften Gunstbezeugungen.

-a-

-äi

zu danken, mehr Opfer lizei ist der eine Bombe

ger Weife gerecht. Auch beim Vortrag des Psalm leistete sie neben Herrn Zahn Gutes. Mit Fräulein Henkel zusammen spielte sie das feierliche Offertorium aus der ungarischen Krönungsmeffe (Liszts und die Phantasie von Zichy. Fräulein Henkel kann über einen gro­ßen, edlen Ton sowie über eine gut durchgc- bildete Technik verfügen, aber ihr Ansatz ist häßlich, sehr hart, zuweilen sogar kratzend. Das Publikum zeigte sich äußerst beifallsfreu­dig und überschüttete alle Vortragenden mit

daß die Katastrophe nicht noch gefordert hat. Die Lütticher Po- Ansicht, daß von ruchloser Hand gelegt worden ist.

Sie Politik des Soges.

Millionenstrafen für Spione?

Ein Privattelcgramm meldet uns aus Berlin: Wie ein hiesiges Montagblatt

Gesundheit aufS Spiel fetzen, tim nur nicht in den Augen der andern etwas einzubüßen. Wenn die Mode zum Beispiel im Sommer ein DeshabillS vorschreibt, wird die Frau ruhig die Bronchitis mit allen ihren Fol­gen auf sich nehmen, und sie wird sich auch im Winter nicht nach ihrem Gesundheitszustand, sondern nach der Mode des Tages richten, weil cs eben „gesellschaftliche Vorschrift" ist, nicht mit seinem eignen Geiste zu denken, mit seinem eignen Herzen zu empfinden, nach seinen eig­nen Mitteln, seinen eignen Nerven, seiner eig­nen Vernunft zu leben ." Ebenso ketzerische Ansichten vertritt die Infantin in einem „Die vollständige Unabhängigkeit der Frau" überschriebenen Kapitel; man liest dort unter anderm: „Auf die Frage: „Weshalb nimmt der Mann sich das Recht, so zu leben, wie es ihm paßt, und weshalb soll die Frau sich einem alles verbietenden Moralkodex unterwerfen?" antworten die Männer, daß man bei einer le­gitimen Verbindung vor allem die Untreue verhüten muß, damit die Frau nicht des Hau­ses Glück vernichte. Dieser Einwurf könnte aber doch höchstens für die verheirateten Frau­en Geltung haben. Was kann aber die „freien" Frauen hindem, überall und unter allen Um­ständen, genau so, wie es die Männer tun, eine vollständige Unabhängigkeit an den Tag zu le­gen? Es ist längst bewiesen, daß die Frau kein Geschöpf niederer Ordnung, gut allein zur Arterhaltung, ist. Wir sind glücklicherweise weit entfernt von den Theorien eines Schopen­hauer, der da erklärte, daß die Frau mit einer geistigen Kurzsichtigkeit behaftet ist, daß sie

kindisch, seicht und beschränkt ist, daß sie mit Bezug auf Geradheit, Gewis­senhaftigkeit und Rechtlichkeit dem Manne nachsteht, daß es ihr an Verstand und Ueber- legung fehlt, daß sie nie und nimmer imstande ist, sachlich und unparteiisch zu sein itnb so weiter. Wenn auch die Natur die Frau vor­nehmlich zur Mutterschaft bestimmt hat, so ist es doch andererseits ebenso wahr, daß sie eine Auffassungsgabe besitzt, und daß ihr Hirn ge­nau so gut arbeitet wie das des Mannes. Ihre scheinbare „Inferiorität" rührt daher, daß die Frau durch die Gesetze unterdrückt und von den Moralisten schlecht behandelt wird. Daher ihre angeborene Furcht und ihr ge­ringes Selbstvertrauen. Die Wahrheit ist, daß der Mann, der die Suprematie nicht verlieren will, solche Eigenschaften wie Mut und Unab­hängigkeit bei der Frau nicht angenehm' findet. Die Männer wünschten, daß die Frauen sich einzig und allein auf das Hauswesen beschrän ken möchten, während die denkenden und nicht mehr still ergebenen Frauen für ihr Geschlecht genau dieselben Rechte in Anspruch neh­men, die die Männer haben. Die Anhänger des absoluten Feminismus wollen in sozialer Hinsicht überhaupt keinen Unterschied zwischen dem Mann und der Frau gelten lassen. Man braucht nicht so weit zu gehen, und kann doch die Ueberzeuqung haben, daß die Frauen mehr Unabhängigkeit haben müßten und in den Stand gesetzt werden sollten, ihre persönlichen Fähigkeiten zu zeigen ..." Dr. M. S.

lich werden sie diese Summe aber durch Ver­rat des einzigen Mönches, der das Kloster bewohnte, wieder verloren haben. Sicher be­saß jeder von ihnen nur gegen dreihundert Pfund (etwa sechstausend Mark) des zuletzt gelieferten deutschen Lösegeldes, die sie in ihrem Gürtel verwahrt, bei sich trugen. Wer den größten Teil dieses Geldes gespendet hat, ist mir nicht bekannt geworden. Ich weiß nut, daß ich einem Fabrikanten der Textilbranche des Vogtlandes zu Dank verpflichtet bin.

den des Vereins „Lorraine sportive" in der letzten Nacht in der Römerstraße in Streit ge­raten. Während dessen schlich sich ein Herr aus der Begleitung Samains von hinten an Marsch heran, hielt rhm den Revolver an das Ohr und schoß ab. Die Kugel drang dem Hoboisten durch das Gehirn und führte nach wenigen Minuten den Tod herbei. Samain und sein Bruder, den man für den Täter hält, wurden verhaftet.

mutet, daß Schmidt Komplizen hat. Die er­forderlichen Nachforschungen sind bereits einge­leitet.

äs Vierzig Opfer einer Explosion. Gestern abend entstand in dem von etwa tausend Per­sonen besuchten „Wintergarten-Kino" in Lüt­tich während der Vorstellung eine Explosion. Vierzig Personen wurden erheblich verletzt, davon eine tödlich, mehrere andere schwer. Der Zuschauer bemächtigte sich eine lebhafte Panik, und es ist nur der Besonnenheit der Saaldiener

X Der Vesuv grollt. Ein Telegramm aus Neapel meldet, daß der Vesuv von neuem in Tätigkeit getreten ist und starken Aschenregen ausstößt. Die Lava wälzt sich auf die Städte Rest na und Torre del Greco zu, die bereits schweren Schaden erlitten haben. Die elektrische Straßenbahn hat ihren Betrieb eip- stellen müssen. Menschenleben sind jedoch bis­her noch nicht zu beklagen. Die Bevölkerung befindet sich in ungeheurer Aufregung. Tie Be­hörden haben sofort die nötigen Hilfsmittel nach den bedrohten Ortschaften gesandt. Seit vierundzwanzig Stunden geht ununterbrochen Regen nieder.

Rr Der laufende Berg. Aus Huelva (Spanien) wird gemeldet: Ein mit Erzen aus den Minen von Riotinto beladener Zug wurde von herabstürzenden Gesteinmassen erfaßt, wo­bei' die Maschine und die ersten beiden Wagen, in denen sich das Zugpersonal befand, zertrüm­mert wurden. Der Lokomotivführer und der Heizer des Zuges sind tot, das übrige Fahr­personal hat schwere Verletzungen erlitten.

ttr Portugiesische Matrosen-Berschwöruno. In Lissabon ist ein neues Komplott entdeckt worden. Matrosen des portugiesischen Kreu­zers „Sao Gabriel", eines der Kriegs­schiffe, die während der Revolution den Palast des Königs beschossen haben, vereinbarten mit dem 16. Infanterieregiment und einigen Zi­vilisten, einen Nachtangriff auf die revolutio­näre Garde zu unternehmen, die beschuldigt wird, Ausschreitungen bei der Unterdrückung der letzten Tumulte begangen zu haben. Zahl­reiche Personen wurden verhaftet.

hört, erwägt man in maßgebenden Kreisen, dem neuen Reichstag eine Novelle zum Spio- nagegefetz vorzuschlagen, durch die den in Deuffchland verurteilten Spionen außeror­dentlich hohe Bußen (Millionenstrasen) auferlegt werden können, für die die Verurteil­ten so lange als Geisel in Hast behalten werden, bis der von ihnen bediente Staat die auferlegte Buße zahlt ober bie Zahlung burch Hintermänner vermittelt. Die Höhe ber Buße soll nach den Schäden bemessen sein, die der Militärfiskus und im Hintergrund der Steu­erzahler durch den Verrat der militärischen Geheimnisse und die dafür notwendigen Neu­einrichtungen erleidet.

Tie Alldeutschen und Marokko.

In Lübeck fand gestern (wie uns ein P r i - vat-Telegrarnrn berichtet) eine Tagung des gesamten Vorstandes des Alldeut­schen Verbandes statt. Es wurde eine Resolution angenomen, in der darauf hinge­wiesen wird, daß das Deutsche Reich Marokko an Frankreich politisch und damit auch wirt­schaftlich ausgeliefert habe, daß die Kongo-Er­werbungen im Austausch gegen deutsches Land in Kamerun nach dem Urteil sämtlicher Sachverständiger als für das Deutsche Reich unvorteilhaft angesehen werden müßten, und daß die Herabwürdigung ber wohlbegrünbe- tett nationalen Erregung burch ben Reichs­kanzler ben Feinden der nationalen Politik wirksame Waffen in die Hand gegeben habe, die bei den Reichstagswahlen benutzt werden dürften.

Nach den Römern: Die Türken!

Depeschen ans K o n st a n t i n o p e l be­richten, daß der Kriegsminister am letzten Mitt­woch vom Kommandanten von Tripolis eine Depesche erhalten habe, wonach ein italienischer Angriff gegen Snk ei Djuma mit dem vollstän­digen Rückzug der Italiener geendet habe. Die Italiener hätten vierhundert Tote und eine Anzahl Verwundeter am Platze gelassen, während auf türkischer und arabi­scher Seite nur zwanzig Mann getötet und et­wa dreißig verletzt worden seien. Nach einer Depesche von Enver Bxi ist es bei Birud el Djema in der Umgebung von Terna zu einem Kampf mit den Italienern gekommen, in dem diese zweihundert Tote, die Araber einige Tote und Verwundete gehabt haben. Der Kommandant von Benahasi meldet, daß die Italiener innerhalb der Stadtwälle sich in der Defensive halten. (Der Sieg auf den Schlachtfeldern von Tripolis scheint demnach das reine Zufallspiel zu sein.)

ur Ans unglücklicher Liebe... Die am Posener Stadtcheater angestellte Schauspie­lerin Marie Luise Ludwig verübte einen Selbstmordversuch. Sie öffnete sich nach Schluß der Vofftellung „Um eine Million", in der sie mitgewirkt hatte, die Pulsadern und versuchte, sich aus den Fenstern des Bühnenhauses auf die Sttaße hinab zu stürzen; von einem Feuer­wehrmann wurde sie jedoch rechtzettig zurückge­halten. Der Grund zu der Verzweiflungstat ist in einer unglücklichen Zuneigung zu dem Oberregisseur des Theaters, Felix R o s s e r t, zu suchen.

in Sturm im Kanal. Jrn Kanal wütete während des ganzen Sonntags ein heftiger Sturm. Der ben Verkehr zwischen Ostenbe und Dover vermittelnde Dampfer langte in Dover mit sechsstündiger Verspätung an. Mehrere kleine Schiffe und Barken sind gesunken. Ein ans Newcastle kommender Dampfer ist bei Dungeneß auf eine Sandbank aufgelaufen, die Mannschaft konnte gerettet werden. Der Ka­pitän einer Fischerbarke wurde, als er in ben Hasen von Newhaven zurückkehreu wollte, von einer Welle ersaßt unb über Borb gespült.

£ä Die beraubte Prinzessin. In Mont­reux «Schweiz) würbe von einem schweizeri­schen Polizeibeamten mit Hilfe der italieni­schen Polizei ein Ehepaar verhaftet, bas be­schuldigt wird, einer italienischen Prinzessin Wertpapiere unb Schmucksachen im Werte von 640 000 Francs gestohlen zu haben. Die Ver­hafteten wurden ins Lausanner Gefängnis gebracht. Die Untersuchung hat bislang tat­sächliches Material nicht ergeben.

ur Wieder eine Bankier-Tragödie. Großes Aufsehen erregt in Paris der Selbstmord des in der Gesellschaft wohl bekannten Bankiers Felix Thiel, der gestern morgen in seinem Schlafzimmer tot aufgefunden wurde. Er hatte sich burch Einatmen von Leuchtgas das Leben genommen. Bereits vor fünf Jahren war ge­gen Thiel Anklage erhoben worden, damals

gelang es ihm jedoch noch, sich mit seinen Gläu­bigern auf gütlichem Wege zu einigen. An­scheinend haben erneute finanzielle Schwierig-

Die Furcht vor dem Lächerlichen ist so groß, datz ost Männer zu einer Verabredung, die ihnen moralisch oder materiell von Nutzen sein könnte, nicht kommen, weil sie sich nicht ohne bie gerabe üblichen Attribute ber Mobe zu zei­gen wagen, well sie nicht „ben mobernen Hut" besitzen ober nicht das Schuhwerk, das (nach einem Dekret ber Snobs) „unbebtngt erforder­lich" ist. Die Frau gar, bei der die Furcht vor dem Lächerlichen so scharf ausgeprägt, so eng mit der Mode des Tages verbunden ist, Wird ohne weiteres ihre

Liszt-Abend der Mnfikgrnppe Eafsel.

Tie Zahl der Liszt-Feiern in diesem Jah­re, dem hundertsten Geburtsjahre des großen Meisters, ist Legion. Auch hier in Cassel ha­ben wir schon eine Reihe von Liszt-Konzerten, von Aufführungen seiner Werke gehört. Am Sonnabend hatte die Musikgruppe Cas­sel zu ihrem Liszt-Abend geladen, den sie in den traulichen Räumen des Frauenklubs veranstaltete. Bis aus den letzten Platz waren die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten gefüllt, denn neben den Mitgliedern des Ver­eins waren viele Gäste erschienen, jedoch fast ausschließlich Damen. Das Programm wies neben mehreren Lisztffchen Kompositionen auch ein Werk Gözas Grafen Zichy, des Freundes und Schützers Liszt's, „Ungarische Phantasie für Violine unb Klavier" auf. Nach einigen kurzen Begrüßungsworten einer Da­me be§ Vorstanbes, verlas Fräulein Groß- kurth einen Liszt-Artikel, der anläßlich des hundertsten Geburtstages des Künstlers in einem ungariichenBlatte erschienen ist undZeug- nis davon ablegt, wie sehr man Liszt in sei­nem Vaterlande ehrt unb schätzt- Tie musikali­schen Darbietungen lagen in ben Händen ber Damen Henke (Violine». Großkurth (Klavier), L»uckharbt (Gesang) unb bes S'errn Zahn (Harmonium). Eine sympathische Erscheinung ist Fräulein Lauckharbt, die über einen angenehmen klaren, allerdings nur klei­nen Sopran verfügt. Mit sehr viel Wärme und Empfindung fang sie die beiden Lieder „Englein hold im Lockengold" und „Wieder moebf ich Dir begegnen“. Im 23. Psalm, „Mein Gott ist mein Hirte", hätte sie den bra- matischen Einschlag vermeiden müssen. Die Begleitung der Lieder auf dem Klavier hatte Fräulein Großkurth übernommen; sie wurde ihrer Aukaabe in verständnisvoller, feinfübli-

Der bisherige nationalliberale Reichstags­abgeordnete Dr. C o n tz e, Vertreter des Wahl­kreises Minden (Herford-Halle) ist in der Nacht, zum Sonntag in Herford an einem Herzleiden gestorben. Contze war auch für die Neuwahlen als gemeinsamer Kandidat der nationalliberalen und der fortschrittlichen Volkspartei aufgestellt.

In einer Versammlung der Berliner Eisenkonstrukteure wurde gestern mitgeteilt, es fei den Metallindustriellen gelungen, fünfund­siebzig Prozent ber frei gewordenen Stellen mit Arbeitswilligen zu besetzen. Es wurde deshalb beschlossen, den Ausstand so­fort abzubrechen.

Aus Paris wird uns depeschiert: Infol- ae einer leichten Erkrankung des Ministervrä- sidenten Caillaur sind die heutigen Mon­tagsempfänge im Auswärtigen Amte abge­sagt. Caillaux bat sich in der Kammer bereits entschuldigen lassen.

Fräulein Erichsen als MdL.

Tas war gestern wieder ein Schlag ins Wasser! Das einzige Brauchbare der Gästin waren deren hohe Töne im Kopfregister. Selbst auch hier mangelt es dem Organ an überzeu­gendem. dramatischen Element. Die Mittellaae samt dem tiefen Register taugen stimmlich nichts. Hier fehlt dem Organ überhaupt die Stimme, unb jeber Versuch, sie burch den Sprechton zu ersetzen, scheitert infolge des un­bestimmten Tonansatzes und fördert nichts als gepreßte unsichere, slackernde Töne, die be­sonders im Affekt jeden Wohlklang verlieren. Ebenso störend wirkt das laute, geräuschvolle Atmen. Der Darstellerin merkte man wohl die routinierte Bühnenkünstlerin an. Der Gesamteindruck aber reicht niemals hin, um der Sängerin ein Engagement an unsere Bühne zu ermöglichen. . . Auch sonst war die gestrige Vorstellung nicht auf der Höhe. Unrc- gelmäßiakeiten im Orchester und auf der Büh­ne. Hoffentlich werden das nächste Mal die Bühnenmusiker beim Einzug ohne Noten spie­len. ein , fünslinies Notensystem hatten selbst die ihrer Zeit geistig weit vorausgeeil­ten Aeghpter nicht. Im Anzug des Amonasro erscheint der Uebetgang des braunen Armes zur ungeschminkten weißen Hand vollständig unvermittelt. Das prächtige Aussehen des Herrn Gagenburg als König kann das geringe, klanglose Organ wirklich nicht erset­zen. Ganz im Gegensaü dazu wirken die wun­dervollen, szenischen Bilder, die durch die-le­bendige Buntsorbigkeit und die geschickt-be­wegten großen Volksmaffen für das Auge be­sondere Reire bieten. Die Leitung des musi­kalischen Teiles hatte, wie früher. Professor Dr. Beier. G. 0. K.

Sn Muberhänden.

Ingenieur Eduard Richter über feine Erlebnisse in Räuberbanden.

Im Verlage von Oskar Bprn in Leip­zig ist soeben die schon lange angekündigte unb mit Spannung erwartete Broschüre „Meine Erlebnisse in der Gefan­genschaft am Olymp", erschienen, in ber Gbuarb Richter über seine Erlebnisse unter den Räubern sich ausspricht. Wir geben nachfol. genb einige besonbers interessante Stellen wieder: lieber bie Art feiner Gefangennahme, über ben lleberfatt bei einem Quell, sagt Rich­ter: „Wenige Minuten nach Verlassen ber Quelle krachte etwa sechs Meter vor uns ein Schuß und einer ber beiden Gendarmen brach tödlich getroffen mit einem Aufschrei zusam­men. Der zweite Schuß wurde von dem un­verletzten Gendarmen abgegeben, aber fast in demselben Augenblick fiel abermals ein Schuß, und auch meinem zweiten braven Begleiter entrang sich ein Todesschrei. Nachdem nun Richter feinen ersten Schrecken überstanden hatte und eine gewisse Ruhe über ihn gekom­men war, fing er an, seine Umgebung zu beo­bachten. Die Räuber sprachen einen neugrie­chischen Dialekt und als Richter sich in diesen einigermaßen hineingesunden Hatte, konnte er nach und nach sich aneignen, was er im folgen­den schildert:

Besonders charakteristisch war audi ihre streng kirchliche Gesinnung. Morgens unb abends wurde gebetet, und die von der grie­chischen Kirche vorgeschriebenen Bekreuzigun- gen bei Mahlzeiten usw. durften nicht unter­bleiben. Ich habe auch tatsächlich erlebt, daß sie im Gebet den Erfolg ihres Unternehmens erflehten. Im Laufe meiner Gefangenschaft brachten sie gelegentlich von ihren später er­wähnten nächtlichen Streifereien kleine Bro­schüren ritit, die nach Art unserer Traktate Beschreibungen des Lebenslaufes von Heili­gen und christliche Morallehren enthielten. Ich hatte den Eindruck, daß sie gern tiefer in re. ligiöse Fragen eingedrungen wären, wozu al­lerdings ihr Begriffsvermögen nicht genügend geschult und ihr Sprachschatz nicht ausreichend war. Obwohl ihr wildes' schwarzes Haupt- und Barthaar nicht auf sorgfältige Pflege schließen ließ, wuschen unb frisierten sie sich

Kents Dom Tagt.

(Depeschen ber Casseler Neuesten Nachrichten) tz Eine nächtliche Revolverschießerei. Der Hoboist Marsch vom 130. Infanterieregiment in Metz war mit Samain, bem Vorsitzen-

Sos Neueste Bits Wei.

Ser Kupferne Sonntag.

Eine golbene Zeit für die Geschäfts­leute, diese letzten Sonntage vor dem Weih- nachtsfeste! Sie bringen noch mancher Erwar­tung bie Erfüllung, bie das scheidende Jahr bis dahin dem Geschäftsmann schuldig geblie­ben. Zwar müssen sich alle Hände fleißig rüh­ren, trotz Sabbathheiligung unb sonntägigem Ruhebedürfnis, emsiger noch als am Werkeltag. aber dafür fließt auch eines reichen Lohnes glitzernder Strom in die Kaffen: kupfern, silbrig und golden . . . Kling ling, kling ling . . . Was ist das doch für ein köstlich-feiner, ner­venkitzelnder Ton! . . . Bar Geld lacht nicht bloß, es jubelt, es jauchzt auch: kling ling . . . hörst Du's nicht? . . . Der Geschäftsmann hat ein besonders seines Ohr für diese Musik, für diese ^Symphonie der dünnen Metallstimmchen, wenn die blanken Dingerchen klirrend aufs Zahlbrett fallen, und die Zählmaschine dazwi­schen klingt: kling ling . . . bimmm! kling ling . . . bimmm! . . . Da kann er Tag und Nacht zuhören unb wirb nimmer mübe. Nur die kostbarsten Münzen, bie unscheinbaren blauen unb braunen Lappen, machen kein Kling klang. Aber sie knittern leise, wenn der Kassiererin flinke Hände ihnen über die rauhen, geäderten Leiber fahren unb sie in der Kassette bergen. Ein Gefühl wie Wollust geht von diesen schmutzigen Papierfetzen aus, noch prickelnder als das Kling ling ber Metallscheiben . . . Doch bie Freube an ber Einnahme ber blinken­den Schätze ist es nicht allein, die den Reiz

täglich dreimal. Jeder hatte einen Taschen­spiegel, der viel benutzt wurde. Man konnte sie fast eitel nennen. Ihre Schulbildung war recht mangelhaft. Sie lasen silbenmätzig ab- gehackt wie Kinder in der untersten Schul­klasse. Dementsprechend war auch ihre Schrift. Nur der erste Hauptman las annähernd flie­ßend. Der zweite Hauptmann konnte sonder- bgrerweise flott schreiben, aber schlecht lesen.

Der intelligenteste unter ihnen hieß AtHa­nas Strati s. Seine Ansprüche waren bie bescheibensten von allen; er nahm mit ben ge­ringsten Speisen vorlieb. In feinem Auftreten und Bewegungen erinnerte er mich stark an griechische Seeleute. Er sprach nicht viel, son­dern hörte lieber den anderen zu. oft kümmerte er sich gar nicht um die Gespräche. Er war weitaus der Befähigste. Er gehörte zu jenen Menschen, die so überaus kindlich-gutmütig sind, daß sie niemandem einen Wunsch abschla­gen können und imstande sind, ihr letztes Hab und Gut mit anderen zu teilen. Dieses Urteil mag sehr seltsam klingen, wenn man bedenkt, daß es sich auf einen Räuber bezieht, der wahrscheinlich schon viele Menschenleben ver­nichtet hat, aber es läßt sich nur die Wahcheit berichten, obwohl die Tatsachen scheinbar wi­dersinnig sind. Das älteste Mitglied der Ban­de hieß S z v m o. Er mochte gegen Mitte der fünfziger Jahre sein. In ihm erkannte ich den Mann wieder, der mir am Landungsplatz Vrorneri mein Gepäck abgenommen hatte und später neben mir im Wagen saß. Er war der höflichste und ritterlichste von allen.

Die Schilderungen, die dann Inge­nieur Rikchter gibt über seinen ferneren Aufenthalt bei ben Räubern, über die Ver­suche, die gemacht wurden, ihn zu befreien, sind lesenswert, und jene Evisode ist recht spannend, als Soldaten und Gendarmen bis auf hundert Meter an ihn herangekommen waren und durch den Ruf: „Germanos! Ger­manos!" (Deutscher) ihm auf die Fährte zu kommen suchten. Allein es lag einer der Räuber mit gezücktem Dolch neben ihm im Versteck unb bei dem geringsten Laut wäre ihm natürlich das Eisen in die Brust gefahren. Auch die Schilderung ber Höhle, in der man Richter gefangen hielt, hat ihren Reiz. Die Räuber hatten, als sie mich freiließen, 28 000 Pfund «etwas über eine halbe Million Mark) im Kloster Ajos Jorjos deponiert. Wabrsckein-

keiien den Bankier in den Tod getrieben.

Der betrogene Aviatiker. Der bekannte Aviatiker Vedrines hatte vor einigen Ta­gen aus London einen Scheck in Höhe von sünfundzwanzigtauscnd Franks erhalten. Als er das Geld bei einer Pariser Bank abheben wollte, stellte es sich heraus, daß ihm ein ande­rer bereits zuvorgekommen war. Da es sich um eine schwere Urkundenfälschung handelt, bat der Flieger die Angelegenheit der Staats­anwaltschaft übergeben.

rrr Die neueste Affäre der Baronin Vaughan. Die frühere morganatische Gemahlin Khuig Heopolds von Belgien, Baronin Vau­ghan, ist, wie Brüffeler Blätter melden, mit bem Gatten, ben sie nach des Königs Tode nahm, unzufrieden unb beabsichtigt, sich von ihm scheiben zu lassen. Der Ehescheibungs- prozeß gelangt bereits nächsten Donnerstag zur Verhandlung. Man darf einigermaßen gespannt sein, wer ber Nächste ist, ben bie Ba­ronin mit ihrer Hulb zu beglücken gebenlt.

äs Ein Deutscher als Banknotenschwinblcr. Die Brüffeler Polizei verhaftete gestern den zwanzigjährigen Deutschen Aböls Schrnibt aus Köln, ber Banknoten ber feit mehr als fünfzig Jahren verkrachten amcrikanifchen Bunbesbank in Umlauf gesetzt hatte. Bei ber Verhaftung fattb man noch ein Paket mit biefen Banknoten bei ihm. Die Polizei ver-