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Nummer 7. Fernsprecher 951 und 952. Dienstag, 12. Dezember 1911. Fernsprecher 951 und 952. 2. Jahrgang.
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Kultur-Schande.
Randbemerkungen zum Spionage-Prozeß Schultz und Genoffen.
Heut oder morgen wird das Leipziger Reichsgericht über den „Sch lsss h ändler Schultz' aus Southampton und seine An- klagebank-Genossen das Urteil sprechen, das die Schuldigen wahrscheinlich auf Jahre hinaus dem Zuchthaus überantwortet. Da das höchste deutsche Gericht es im Interesse der Reichsgericht über den „Schiffshändler" Verhandlung hinter verschloffnen Türen zu führen, so ist die Oeffentlichkeit leider nur zumteil über das gradezu märchenhaft anmutende System des englischen Spionagebe- trie-bs unterrichtet worden: Wahrheit und Dichtung verwirren sich in einem seltsam-grotesken Bilde, und man fühlt nur instinktiv, daß das Verbrechen, das hier aufgedeckt worden, eine verhänignisvolle Gefahr in sich barg, die sich in irgend einem zufälligen Moment mit voller Wucht, jäh und unvermittelt, über dem Reich entladen konnte. Diesem Gedanken will auch das Reichsmarineamt Rechnung tragen: Es soll nach beendetem Prozeß eine amtliche Darstellung der in der Beweisaufnahme ermittelten Tatsachen über Wesen, System und Bedeutung der englischen Spionage der Oeffentlichkeit übergeben werden, um im Volk selbst die Aufmerksamkeit für diese heimliche Gefahr zu wecken und das Publikum gewissermaßen zum Selbst hü ter nationaler Verteidigungs- und Wehrgeheimniffe zu erziehen.
Der Gedanke verdient Anerkennung, und es ist nur zu bedauern, daß man nicht schon früher daran gegangen ist, auf diesem natürlichen und naheliegenden Wege einem Uebel entgegenzu- treten, das sich in der Zeit des allgemeinen Rü- stunzwettbewerbs zn einer ernsten Gefahr entwickelt hat. Eins muß als grundsätzlich bestehende, gewiffermaßen völkerrechtlich 'anerkannte Auffaflung vorausgeschickt werden: Der Spion aus Eigennutz, der Landesverräter im Sold fremder Auftraggeber, ist immer ein Verbrecher, und zwar ein Verbrecher aus gemeinen Motiven; der .Gentleman- Spion" indeffcn, der opfermutige Patriot, der seinem Vaterland zu dienen glaubt, wenn er (selbst unter Aflistenz des gemeinen Verbrechens) tm fremden Land Kundschafterdienste leistet, gilt vor der Gerechtigkeit des Staates, gegen deffen Sicherheit sich seine Kabalen richten, zwar auch als Verbrecher, genießt aber auf der andern Seite selbst vor dieser Gerechtigkeit die Achtung des Märtyrers und wird im" Vaterland als Held gefeiert. Die Herren Trench, Brandon und Steward, die sämtlich auf deutscher Erde Spionage getrieben haben, erfreuen sich jenseits des Kanals der Wertschätzung hochgemuter Patrioten, die dem Dienst des Vaterlands mutig das eigne Schicksal opferten. Vermutlich wird auch dem Herrn Schultz aus Southampton der Lorbeerkranz des Helden nicht vorenthalten werden, wenn er (bei irgend einem fest-feierlichen Anlaß als Geisel internationaler Höflichkeit dem Zuchthaus entronnen) die Heimat wiedersieht.
Herr Schultz ist nur Einer der Vielen (und nach Persönlichkcits- und Arbeitsart sicher nicht einer der „klassischsten"), die in England jahraus jahrein ihre Kraft dem Dienst des Vaterlands in der Rolle des Spions widmen, und je intensiver der Rüstungwettbewerb der Völker und Nationen sich zu Wasser und zu Lande äußert, umso wichtiger (und demgemäß patriotischer) wird für sie alle die Spionage, ohne di« heut offenbar die Generalstäbe und Marine- Strategen nicht mehr glauben auskommen zu können. Es ist deshalb auch ein frommer Wahn, wenn man glaubt, das Wesen der Spio- nage dadurch bekämpfen zu können, daß man sein Geheimnis entschleiert und jeden Deutschen gewiffermaßen zum Sherlock Holmes erzieht, der mit Argusaugen Küstenstrich und Festungszemäuer bewacht. Nützlich ist der Gedanke nur insoweit, als er der Oeffentlichkeit überzeugend vor Augen hält, wie widrig, nichtig und unmoralisch im- grunde jede Spionage ist; mag sie nun aus patriotischen Motiven oder aus gemeinem Eigennutz betrieben werden. Das Betrübliche ist ferner die Tatsache, daß nicht etwa England allein die Spionage im größten Maßstab betreiben läßt: Wir selbst machen's nicht besser (wahrscheinlich auch nicht erfolgreicher) und das Gleiche tun sämtliche andre Staaten, je nach dem Grade des vorhandnen „Interesses" und der Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel.
Daß in den letzten Jahren ein förmlicher internationaler Wettbewerb im Spionieren
merkbar ist, erklärt sich unschwer aus den verschärften Rüstungsanstrengungen, die naturgemäß das gegenseitige Mißtrauen bis zum Kulminationspunkt getrieben haben. Jahr um Jahr werden für das edle Kundschaftergewerbe Millionen geopfert, die in der Hauptsache in die Taschen moralisch-minderwertiger Subjekte fließen, da der Spion aus Vaterlandsliebe sich seine. „Arbeit" ja nicht bezahlen läßt. Eine jede Macht empfindet sicherlich auch die „Notwendigkeit" der Spionage als eine in materieller und moralischer Hinsicht drückende Last, und eine jede würde zweifellos gern bereit sein, auf den Gewinn aus diesem anrüchigen Geschäft zu verzichten, wenn ... der Nachbar es ebenfalls tun würde. Wenn also das schmutzige Kundschaftergewerbe ganz aus dem Milieu des Kultur-Jahrhunderts verschwinden soll, dann wird's erforderlich fein, daß sich die Nationen, die Anfpruch darauf erheben, ihre Machtstützen innerhalb der Grenzen kultureller Gesittung errichtet zu haben, darüber verständigen! etwa in dem Sinne, wie man sich vor Jahrzehnten über den Schutz menschlicher Liebestätigkeit im Kriege geeint hat. Damals galt's einer Kulturtat der Menschlichkeit; heut gilt's eine Tat internationaler Sittlichkeit: Denn die Spionage ist (mag sie nun aus edlen oder gemeinen Motiven betrieben werden) ein Schandfleck unsrer Kultur, deffen Brandmalpunkte in dem Prozeß wider die Spione von Bremen mit erschreckender Deutlichkeit aller Welt offenbar geworden sind.
F. H.
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Neue Wonaoe-ZeusatroneK.
Die Aufdeckung eines Spionage-Komplotts.
(P r i v a t - T e l e g r a m m.)
Hamburg, 11. Dezember.
Durch den augenblicklich vor dem Reichsgericht in Leipzig verhandelten Spionage- Prozeß ist man einer über ganz Deutschland verzweigten, in englischen Diensten stehenden Spionagebande auf die Spur gekommen. Die Spur zeigt nach Wilhelmshaven, wo (wie sich jetzt herausgestellt hat) eine ganze Spionage schar sich zentralisiert hatte. Wie bereits gemeldet, ist dort der Schutzmann Wilhelm Glauhs mit mehreren Komplizen unter dem Verdacht der Spionage verhaftet worden. Die sofort vor- genommene eingehende Untersuchung ergab die Notwendigkeit, mehrere Personen zu verhaften, die in einem Gartenhause unangemeldet wohnten . Man wollte in der Nacht zum Sonntag das Nest ausnehmcn. Als man aber dort in das von Beamten umzingelte Haus eindrang, fand man keine Spur mehr von den Verdächtigen vor; sie waren auf unerklärliche Weise verschwunden. Gleichzeitig entdeckte man im Militärgefängnis, daß auch der verhaftete Schutzmann GlauhS entflohen war, vermutlich mit Hilfe der bereits aus dem Gartenhaus« entwichenen Helfershelfer, die (wie sich später herausgestellt hat) durch einen unterirdischen Gang nach einer nahegelegenen Villa entflohen waren. Alle Spuren der Flüchtigen weisen nach Hamburg. Glauhs wird von der Behörde als der Leiter der Bande angesehn. Ueber die Flucht des Schutzmanns Glauhs berichtet man uns aus
«
Wilhelmshaven, 11. Dezember.
(Privat - Telegramm.)
In der Nacht zum Sonntag ist der wegen Hochverrats und schweren EinbrnchSdicbstahls verhaftete Schutzmann Glauhs aus dem Militärgefängnis a u s g e b r o ch e n. Er hat seine Zelle gewaltsam geöffnet und das nicht vergitterte Oberlichtfenster erbrochen. Tann ist er mittelst einer vier Meter langen Latte, die ihm seine Helfershelfer reichten, aus dem Fenster in den Hof gesprungen, wo er eine Mauer erkletterte und so ins Freie gelangte. Man vermutet, daß Glauhs nach Holland geflüchtet ist. Der Regierungspräsident hat auf die Ergreifung des Entflohenen fünfhundert Maick Belohnung ausgesetzt. Glauhs ist dringend verdächtig, der eigentliche Organisator der in Wilhelmshaven entdeckten, in englischen Diensten stehenden Spionagebande zu sein, die (wie inzwischen sestgestellt ist) schon seit einem halben Jahr in Deutschland, und zwar vorwiegend im Küstengebiet und au der westlichen Rcichsgrenze tätig ist. Die Bande, die offenbar über reichliche Geldmittel verfügt hat, unterhielt Mitarbeiter und Vigilanten an fast allen strategisch wichtigen Plätzen, und es wird erst möglich sein, den ganzen Umfang des verbrecherischen Treibens festzustellen, wenn die Prüfung der beschlagnahmten Korrespondenzen und Lusreichnunaen der Bande abgeschlossen
sein wird. Wie es heißt, ist bisber die Mitschuld von etwa! dreißig Personen festgestellt, deren Verhaftung bevorsteht.
Bomben-Attentate gegen Richter.
Die Rache eines Fabrikanten?
Wie wir schon kurz in einem Teil der Sonntags-Ausgabe mitgeteilt haben, ist in München-Gladbach im Rheinland ein verbrecherischer Anschlag gleichzeitig gegen drei Beamte des Gerichts in München-Gladbach verübt worden. Zwei Staatsanwälten und einem Landgerichtsdirektor wurden H ö l l e n m a s ch i u en in Paketform ins Haus gesandt, und es ist nur einem glücklichen Zufall zu danken, daß nicht eine verheerende Explosion erfolgte. Ein Fabrikant wurde unter dem Verdachte, der Absender der gefährlichen Pakete zu fein, verhaftet. Ueber den Vorfall liegen folgende Meldungen vor:
München-Gladbach, 11. Dezember.
(Privat - Telegramm.)
Dem Ersten Staatsanwalt Ma n t r l l, der in dem Meineidsprozetz gegen den Kaiserdeputierten Bergmann Schroeder und Genossen viel genannt wurde, und dem Staatsanwalt Bor ch a r d, sowie dem Landgerichtsdirektor P a u ck s ch wurden drei Pakete in Rollenform geschickt, deren jedes etwa fünfzig Gramm Sprengpulver und Messing- und Bleistücke enthielt. Die Sprengpakete waren mit Zündern versehen, die zweifellos hätten zünden müssen, wenn der Bindfaden abgerissen und nicht durchschnitten worden wäre. Die drei Personen wären sonst sicher getötet oder schwer verletzt worden. Unter dem Verdachte, die Höllenmaschinen an die drei Gerichtsfunktionäre gesendet zu haben, wurde der Papierhül- senfabrikant Friedrich Pritzsch« verhaftet. Es scheint sich um einen Racheakt zu handeln, da der Verdächtige, der die Tat jedoch leugnet, sich seit längerer Zeit wegen verschiedener Delikte vor den Gerichten zn verantworten hatte. Im Laufe der Erhebungen verdichteten sich die Verdachtsgründe gegen Pritzsche immer mehr. Bei einer Haussuchung in der Wohnung des Verhafteten fand man Kordeln und Papierproben, die mit den bei den Sprenghülfen benutzten genau übereinstimmen. Die drei Beamten hatten vor einiger Zeit von unbekannter Seite Briefe eigentümlichen Inhalts erhalten. Sie wurden warnend daraus hingewieseu, daß ihre letzte Stunde bald geschlagen habe.
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München-Gladbach, 11. Dezember. (Privattelegramm.) Der Mordanschlag gegen die drei Justizbeamten bildet hier fortgesetzt daS Gesprächsthema. Der verhaftete Fabrikant Pritzsche l e u gn e t trotz des ihn stark belastenden Materials fortgesetzt. Die Sprcng- rollen wurden den drei Adreflaten bereits am sechsten Dezember zugestellt. Die Empfänger beobachteten jedoch bis zum Sonnabend Stillschweigen, um den Gang der Untersuchung nicht zu erschweren. Es bestätigt sich, daß Pritzsche in mehrere Prozesse verwickelt gewesen ist, in denen LandgerichtSdirettor Paucksch, und die Staatsanwälte Montell und Borchard fungierten. Pritsche ,der in den vierziger Jahren steht, verheiratet und Vater mehrerer Kinder ist, bestreitet zwar die Täterschaft entschieden, aber eine zweite Haussuchung, die gestern in seiner Wohnung und in seinem Geschäftslokal von der Kriminalpolizei vorgenom- men wurde, förderte weitere sehr gravierende Verdachtsmomente zutage.
blue Wendung in der Wettpolttlk?
Spaltung zwischen Rußland und England.
Die Dardanellenfrage, um die seit Wochen gerungen wird, scheint möglicherweise zu einer gänzlichen Wandlung der Welt- Politik den Anlaß geben zu sollen: Zwischen Rußland und England droht eine ernstliche Spaltung, deren Endwirkungen sich zurzeit noch zar nicht absehen lassen. Wir verzeichnen folgende sensationelle Meldung:
Konstantinopel, 11. Dezember.
(Privat-Telegram m.)
In hiesigen unterrichteten Kreisen verlautet, daß Rußland die Entente mit England als gekündigt ansehen werde, falls Großbritannien seine Zustimmung zur Oefsung der Dardanellen verweigern sollte.
Der Gegensatz zwischen Russen und Briten ist uralt und in der Natur der Dinge begründet. Rußland strebt nach Konstantinopel, sucht die Angehörigen des orthodoxen Glaubens auf dem Balkan sich anzugliedern und von den Dardanellen aus das östliche Mittelmeer und in ihm den Weg von Europa nach Asien zu beherrschen. Englands Welt- stelluna steht und fällt mit der Kontrolle über
den Suez-Kanal. Ihr könnte keine ernstere Gefahr drohen, als eine starke russische Flotte mit der Basis im Aegäischen Meer. Als noch Benjamin Disraeli die auswärtige Politik in Loudon bestimmte, und die Kosaken nach Plewua vor Stambul erschienen, bereitete sich England zum Kriege vor und nötigte Rußland, den Berliner Kongreß zu beschicken. Erst die Ednardsche Politik mit ihrem fanatischen Deutschenhaß hat in der Revaler Zusammenkunft den Ausgleich der englischen und ruft sischeu Orientpolitik gesucht. Als vor kurzem Herr Ssasanow die Dardanellenfrage wieder aufrollte, hat er sicher in der Downing Street keine freundlichen Gefühle erweckt. Sir Edward Grey suchte seinem Kollegen von der Newa, so weit es ging, entgegenzukommen. Aber die spezifisch englischen Interessen müssen den Konzessionen in dieser Frage eine Grenze setzen. Wenn Rußland tatsächlich jetzt gegen England die Oeffnung der Meerengen durchsetzen wollte, würden sich daraus Konsequenzen für die gesamte Konstellation der Mächte ergeben, die augenblicklich noch gar nicht aüznsehen sind.
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Aus Paris meldet uns ein Privat« telegramm: Der russische Minister des Aeußern, Ssasanow, hat gestern abend über Berlin die Heimreise nach Petersburg angetreten. Auf dem Bahnhose verabschiedete er sich in herzlichster Weise von Herrn de Selves, der ihm das Geleit gegeben hatte. Wie es heißt, soll Ssasanow von den Ausschlüssen, die er über die schwebenden Fragen von. seinem Pariser Kollegen erhalten hat, vollauf befried ig t sein.
$ss Such der Fufauti«.
,',9tm Lebensfaden", von Eulalia von Bourbon.
(Von unfernt Korrespondenten.)
Aus bem vielbesprochenen, nur tm Manuskript vorhandenen Buche der Infantin Eulalia von Spanten, das unter dem Pseudonym einer „(Bräfln von SttrUa" bereits in Druck gegeben war, als der König von Spanien die Beröffentlichung verbot, werden in der literarischen Beilage d-S Pariser „Figaro" ein paar interessante phtlosophtsche und «thtsch-moralische Betrachtungen über wichtige Problem« unsrer Zeit mitgetetlt In einem „DieFurcht vor bemLächerlichen" überschriebenen Kapitel schreibt die Prinzessin sehr klug und sreimütig Die Furcht vor dem Lächerlichen ist in den Augen vieler Leute eine furchtbare und mächtige Waffe. Von Denen, die Sklaven der Gesetze über den „guten Ton" und die „jeweilige Mode sind, geschickt gehandhabt, hindert uns diese Masse, die Furcht vor dem Lächerlichen, oft, unfein eignen Empfindungen zu folgen, und läßt uns nicht selten sogar gegen unsere eignen Interessen handeln. Viele Leute deren gesellschaftliche Stellung nicht unabhängig genutz oder deren moralische Kraft nur wenig entwickelt ist, vergiften sich ihr Leben mit der Sorge um Das, was man „sagen wird." Wenn diese Leute begreifen könnten, daß Das, was einfach und aufrichtig ist, nimals lächerlich sein kamt, wenn die Eitelkeit ihrer Eigenliebe sie einsehen ließe, daß die Kritik nie zu vermeiden ist, daß sie bei gesund empfindenden Menschen nur das Selbstvertrauen erhöht, und daß sie in vielen Fällen uns dem Ziele, das wir erreichen wollen, nur näher bringt, würden sie nicht nur für sich s e l b st das Urteil anderer nicht fürchten, sondern auch aufhören, andere Leute, unter dem Vorwande des gesellschaftlich Schicklichen, nach ihrem Silbe modeln zu wollen. Sie würden mit Emerson sagen: „Ich muß daS tun, was ich für passend erachte, und nicht das, was ich nach der Ansicht der Leute tun müßte." Sie würden sich auch der Worte La Bruh- 6re8 erinnern: „Man muß bandeln wie die andern ... eine verdächtige Maxime, die fast immer bedeutet: Man muß töricht handeln." Ein moderner Denker bemerkt (unter dem Schleier der Anonymität) mit Geist: „Mutz man, wenn man zur guten Gesellschaft gehören will, dazu oft noch mit Solchen, die gar nicht dazu gehören, auf die eigne Persönlichkeit verzichten?
Eine „gute Gesellschaft" dieser Art ist nichts als Torheit und Schwindel. Wo kommt denn in solchen Fällen die Eigenliebe hin? Man wage doch zu sagen, was man denkt, wenn man überhaupt etwas denkt." Ich möchte hinzufügen: Man wage auch zu tun, was einem richtig scheint oder nützlich und vernünftig dünkt; man entziehe sich vorgefaßten Ansichten, lasse sich nicht durch die Urteile Andrer beeinflussen, bleibe von außen kommenden Suggestionen gegenüber unabhängig, werde sich seines eignen Wertes bewußt, kurz: Beseitige die Furcht vor dem Lächerlichen, die gar manchmal schon, wenn sie zu sehr übertrieben wurde, die schönsten Hoffnungen vernichtet, das aufgehende Glück des Einen und das mögliche Glück des Andern getötet hat. Weshalb denn ein so fader Respekt vor „dem, was man tun darf" und eine so sinnlose Furcht vor „dem, was man nicht tun darf"? Eßt ihr denn nicht Das, was ihr gern essen möget, und trinkt ihr nicht, was euch gefällt? Woher also diese Leuchelei in der Oeffentlichkeit?