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Nr. 6. — 2. Jahrgang.

Casseler Neueste Nachrichten

Tonntag, 10. Dezember 1011.

hätten. Soff ermann habe kürzlich erst auf dem Berliner Vertretertage jede Sammlungspolitik auf das schärfste zurückgewiesen. Der Redner ist der Ansicht, daß viele Nationalliberale mit ihrem Führer in diesem Punkte nicht einver­standen seien. Auch der Parole Paasch's: „Der Feind steht rechts!- dürfe man nicht folgen, sondern: „Das Vaterland über die Partei!" Weiterhin beschäftigte sich der Redner mit der Stellung der Konservativen zum Zentrum und zur Sozialdemokratie und bedauerte in bezug auf die letzteren die schwankende Hal­tung unserer Behörden, die zu nach­sichtig sei und große Versammlungen unter freiem Himmel gestatte. Die Sozialdemokratie predige ja den Umsturz. Der Redner erinnerte an die Worte des Sozialisten Liebknechts, die er auf feiner Reise durch Amerika gebraucht habe. Er habe darauf aufmerksam gemacht, baß auch die deutsche Kaiserkrone hinweggefegt werde, wie die Krone in Portugal. Die So, zialdemokraten würden aber hundert Jahre alt werden können, und sie würden sich bitter ent­täuscht sehen. Der Deutsche Kaiser stürze nicht beim ersten Schuß davon, wie jener

Portugiesen-Jüngling,

darauf könne man sich verlassen. Die Sozialde­mokratie könne man nicht nur durch geistige Waffen und Ueberredung überwinden, sondern braucht dazu auck fühlbarere Waffen. Der Redner beschäftigte sich dann mit Stich­wahlparolen und erklärt, daß der Arbei­ter nicht zum vierten Stand zu rechnen sei, er sei ein Erzstand: er wendet sich dann gegen die Fortschrittliche Volkspartei und den Hansa- bund. Herr von Ditsurth zählt ferner die Verdienste der Konservativen auf, die sie sich gerade um den Mittelstand erworben haben. Zum Schluß besvricht der Redner noch die M a- rokkopolttik und bedauerte die schwache Haltung der Regierung in dieser Angelegenheit. Die Regierung habe die nationale Begeisterung nicht verstanden, nicht erkannt und gewürdigt und deshalb habe sie diese Begeisterung auch nicht ausnutzen können. Die englische Unver­schämtheit hätte man laut und offen zurück­weisen müssen. Aus einen groben Klotz gebäre ein grober Keil. Unser Gesandte in London hätte nicht englisch, sondern deutsch reden müs­sen. Die Aufrechterhaltung unserer Machtstel­lung und unserer Ebre gehe vor. Man solle uns verschonen mit derPolitik der Liebens­würdigkeiten, die uns doch nur als Schwäche und Kriegsscheu ansgelegt werde. Entschlossenheit und Entschieden­heit wünsche man, eine Politik in Kürassier stiefeln. Alle rechtsstehenden Parteien müßten sich zetzt zusammenschließen und hier in Cassel-Melsungen für den Kandi­daten der Deutsch-Sozialen ihre Stimme ab­geben. (Großer Beifall.)

Die Diskussion

dehnte sich bis ein Uhr nachts aus. Zunächst wandte sich Oberst z. D. Hellwig gegen den Hansabung und dessen Präsidenten Rießer. Professor S a n d r o ck wies darauf hin. daß die Konservativen heute Sammlungsrufe er­schallen ließen. Die Konservativen seien es aber gerade gewesen, die 1909 die Sammlungs- Politik so jäh zerstörten. Der Redner wider­legt dann einige Punkte in den Aussührungen des Hauptredners und bedauert den Wahlauf­ruf der konservativen Partei, der kein Wort der Anerkennung für Handel und Industrie habe. Professor Sandrock verlangt weiter gegensei­tige Anerkennung, er würdigt die großen Ver­dienste des Liberalismus und verwirft die per­sönliche Bekämpfung. Dr. Wi n t e r ft e i n dankt den Konservativen für die Einberufung der Ver. sammlung, die in uneigennütziger Weise erfolgt sen, da der Konservatismus in Cassel keinen Kandidaten ausgestellt habe. Ter Redner tritt für die Wahl des Kandidaten Sattmann ein, der sich bisher bewährt habe und ein echt deutscher Mann sei. Kaufmann Berneburg erklärt sich für die Wahl des Kandidaten Dr. Schröder. Eisenbahnobersekretär Sei­he! wünscht, daß die Nationalliberalen noch

vor der Hauptwahl eine Stichwahlparole aus­geben mögen, im übrigen polemisiert er ge­gen Professor Iandrock. Parteisekretär N ü - bei und Oberlehrer Müller betonten, daß die Nationalliberalen die Stichwahlparole erst nach der Hauptwahl ausgeben werden, da es ja noch nicht feststehe, ob sie überhaupt eine Stichwahlparole auszugeben hätten. Weiter­hin sprachen noch die Herren Seibel und Dr. Breithaupt, der erklärte, daß die deutsche Reichspartei den Konservativen fernstehe und der Hauptredner deshalb für die ersten auch lei­ne Erklärungen abgeben könne. Nunmehr sprach Herr von Ditsurth das Schlußwort.

Set Zollst König.

Rockefeller in seiner wahren Gestalt.

Ans Newpork wird berichtet: Vor der Kongreßkommission, die damit beschäftigt ist, die Wirkungen des Bundeseisenbahngesetzes zu untersuchen, ereignete sich an einem der letz­ten Tage ein dramatischer Zwischen­fall. Es handelte sich darum, zu ergründen, ob die durch John T. R o ck e f e l l e r zu einem System vereinigten Eisenbahnen, die das Er; aus den Mesababergen am Superiorsee be­fördern, zu hohe Frachten berechnen. Dabei kam zu Tage, wie Rockefeller sich dieser Gru­ben und des Eiseilbahnnetzes bemächtigt hat, und wenn die Aussagen der Zeugen auch nicht genau zur Sache gehören, so ließ sie doch die Mehrheit der Kommission zu, weil sie, wie sich der Vorsitzende ausdrückte, glaubte, dadurch der ganzen Menschheit einen Dienst zu erwei­se». Die beiden Zeugen waren die Brüder Leonidas und Alfred Merritt, die diese Lager entdeckt und zuerst bearbeitet haben. Beide gerieten in große Aufregung, als sie er­zählten, wie der alte Oelkönig sie um ihr ganzes Vermögen gebracht hatte, und atemlos lauschten die Abgeordneten und die Zuhörer der Erzählung, die allerdings höchst interessant war. Wie die Merritts be­richteten, fingen sie ganz ohne Mittel an und bauten mit Hilfe des Kredits, den ihnen Freunde und Nachbarn gewährten, verschie­dene Eisenbahnen, bis ihnen während der Pa­nik im Jahre 1893 das Geld ausging. Auf Veranlassung des Pastors Gates, der Rocke- sellers Almosenier ist, wandten sie sich an den „Petroleumkönig", der sie außerordentlich freundlich empfing.

Rockefeller sagte ihnen, er spekuliere nicht und wolle keine Aktien haben, werde ihnen aber die Obligationen für die geplanten Linien abtaufen und ihnen auf diese Weise die Mittel zur Ausbeutung der Gruben und der Konstruktion der erforderlichen Eisenbahnen gewähren. Hoch erfreut kehrten die Brüder nach Duluth zurück und begannen mit der Ausführung ihrer Pläne. Der gute Rockefeller ließ aber nichts von sich hören, der Ankauf der Obligationen wurde von Woche zu Woche, von Monat zu Monat verschoben, und schließlich standen die. Merritts vor der Notwendigkeit, das Unternehmen ganz aufgeben zu müs­sen. Da zeigte der Oelkönig wieder seine Güte und lieh ihnen 430 000 Dollar, wofür, sie ihm die Majorität der Aktien verpfänden mußten. Diese Summe reichte für eine Weile, war aber natürlich nicht genügend, nm die Konstruktion der Eisenbahnen zu vollenden. So kam bereute der Brüder wieder nach New- York und versuchte, Rockefeller zur Erfüllung seines Versprechens, die Obligationen zu kau­fen, zu bewegen. Das gelang ihm aber nicht. Dafür erschien eines Tages Pastor Gates, in dessen Hände Rockefeller die ganze Angelegen­heit gelegt hatte, und machte einen neuen Vorschlag. Er begann mit den Worten, der stolzeste Augenblick seines Lebens wäre gewe­sen, als er vor einigen Tagen der Chikagoer Universität eine Million Dollar überbracht hätte, die ein Geschenk Rockefellers war. Heute aber sei er noch stolzer, denn er habe einen Vorschlag zu machen, den die Merritts gewiß mit Freuden begrüßen würden, und der von

dem Edelmut seines Gönners glänzendes Zeugnis ablege.

Rockefeller habe sich nämlich entschlossen, die Merritts zu reichen Leuten zu machen: Er wolle die sämtlichen Gruben und Eisenbahnen konsolidieren und alle anderen Aktienbe­sitzer ausmerzen, wenn ihm die Merritts dazu helfen würden. Statt freudig zuzustimmen, waren die beiden Brüder über den Vorschlag entrüstet. Alfred antwortete dem Pastor, diese Handlungsweise würde mit Gefängnis bestraft und selbst Rockefeller mit feinem riesigen Ver­mögen könnte ihn nicht dazu veranlassen. Le­onidas wurde noch deutlicher und sagte: „Ge­hen Sie zurück zu Herrn Rockefeller und sagen Sie ihm, daß, wenn ich stehlen will, um mir meinen Lebensunterhalt zu verschaffen, ich für mich selbst stehlen will." Der Pastor war natürlich sehr erstaunt und machte Merritt darauf aufmerksam, daß er durch seinen Wi­derstand seine Millionen verlieren und ge­zwungen werden würde, zu Fuß nach Duluth heimzukehren. Am nächsten Tage erhielt Mer­ritt d>e Aufforderung, das von Rockefeller ge­wahrte Darlehen binnen vierundzwanzig Stunden zurückzuzahlen, und da er das natür­lich nicht konnte, verfielen seine Aktien, und Rockefeller, der nun den Aufsichtsrat beherrsch­te. warf ohne Zögern die Merritts 'lud alle übrigen Aktionäre hinaus. Aus diese Weise kam er in den Besitz der ganzen Erz­gruben und Eisenbahnen, die einen Wert von zwanzig Millionen Dollar be­sitzen. Die Merritts und alle ihre Freunde waren ruiniert.. -as-

Sie VolM Des Tages.

Der alte und der neue Reichstag.

Der Präsident des Reichstags hat nunmehr seine amtliche Tätigkeit abgeschlossen und die aus Grund der parlamentarischen Beschlüsse noch rückständigen Unterschriften vollzogen, so. daß nunmehr die am Dienstag noch zurückge­haltene Auslösuilgserklärung erfolgen konnte. Die kaiserliche Verordnung vom siebenten De­zember über die Auflösung des Reichstags, und die Verordnung vom achten Dezember über die Ansetzung des Termins der Reichstagswah­len auf den zwölften Januar, beide zu Prim- tenau gegeben, wurden am Freitag abend im Reichsanzeiger veröffentlicht. Der fünfzehnte Dezember,ist der durch das Wahlgesetz für den Reichstag bestimmte äußerste Termin für die Auslegung der Wählerlisten. Wahlberech­tigt zum Reichstag ist jeder Deutsche, der das fünfundzwanzigste Lebensjahr zurückgelegt hat, nicht unter Vormundschaft ober im Konkurs ist, keine Armenunterstützung aus öffentlichen Mit­teln bezieht und im Vollgemrß der bürgerlichen Ehrenrechte ist.

Aus dem Reich der Revolutton.

Depeschen aus Schanghai melden: Ter mit den Friedensverhandlungen beauftragte, aus den Delegierten der achtzehn chinesischen und drei Mandschuprovinzen bestehende Ausschuß ist nach Wutschang abgereift. Er besitzt die weitestgehenden Vollmachten. Wenn die Dele­gierten sich zugunsten der Republik aussprechen sollten, so wird Juanschikai dem jungen Kaiser den Rat geben, abzudanken. Weiter wird gemeldet, daß der General Tsckang, der Führer der loyalen Truppen in Nanking ermordet worden sei. Der Waffenstillstand zwischen der chinesischen Regierung und den Revolutionä­ren in Wutschang ist um vierzehn Tage ver­längert worden. Nach einem Bericht aus Sian- fu bestätigt sich die Nachricht von dem Tode der deutschen Frau Beckmann, sowie ihrer zwei Töchter und verschiedener chinesischer Schul­mädchen.

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Aus Berlin wird uns berichtet: Von amtlicher Sette wird erklärt, daß die Mel­dungen anderer Blätter über die Abschaffung bestehender und die Einführung neuer Steuern „reine Phantasiegebilde" sind. (Es

bleibt abzuwarten, inwieweit dieses kategori. sche Dementi Berechtigung fiat.)

Depeschen aus Paris zufolge hat der Mi­nister des Aeußeren, de Selbes. die be­stimmte Absicht ausgesprochen, unmittelbar nach Verabschiedung des deutsch-französischen Abkommens zu demissionieren. Die Stellung des Ministers gilt bekanntlich schon feit Wochen als ernstlich erschüttert.

Neues Dom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichke«.s Ein geheimnisvoller Leichenfund. Das Gerücht von einem Frauenmord rief gestern die Mordkommission nach dem Tempelhof er Felde bei Berlin, wo die Leiche einer fünfundvierzig- bis fünfzigjährigen Frau auf­gefunden worden war. Die Tote wurde als eine in der dortigen Gegend wohlbekannte Frau Mielke sestgestellt. Die Todesursache konnte noch nicht ermittelt werden. Die Leiche wurde in die Leichenhalle geschafft.

£v Eine Schgrlachevidemie in Westfalen. Seit kurzem tritt der Scharlach in Westfalen epidemisch auf. In mehreren Gemeinden des Regierungsbezirks Arnsberg wurden in den letzten Wochen über dreihundert Fälle von Scharlacherkrankungen gemeldet. Glücklicher­weise sind bis jetzt nur ganz vereinzelt Todes­fälle zu verzeichnen, vielmehr nimmt die Krank­heit durchweg einen ziemlich günstigen Verlaus.

Von Wilderern erschossen. Der Gen­darm Reinhardt aus Merseburg fahn­dete gestern zu Pferde nach einem Wilderer. Plötzlich wurden aus dem Hinterhalt mehrere Schüsse auf ihn abgegeben. Eine Kugel traf den Gendarmen, der vom Pferde stürzte, eine zweite streckte das Pferd zu Boden. Rein­hardt wurde tödlich verletzt ins Krankenhaus gebracht. Als der Tat dringend verdächtig wurde ein Maurer aus 'Schadendorf veti hastet.

tss Siebe und Verbrechen. Unter dem Ver­dacht des Giftmordes wurden in Brenna (Posen) ein junger Lehrer und eine Großbe- sitzers-Witwe verhaftet. Sie stehen in dem Ver­dacht, den Ehemann der Witwe, der am ver­gangenen Sonntag beerdigt wurde, durch Gift beseitigt zu haben, weil er den Beiden, die ein Liebesverhältnis unterhielten, im Wege stand. Die Erregung unter der Bevölkerung über den wahrscheinlichen Giftmord ist sehr groß.

Eine verhängnisvolle Einsturz-Kata­strophe. In einer belebten Straße in Lille (Frankreich) erfolgte gestern der Einsturz eines Neubaues, wobei zahlreiche Personen unter den Trümmern begraben wurden. Bislang konnten nur zwei Tote unter den Schuttmassen hervorgezogen werden, doch vermutet man, daß der Katastrophe noch eine ganze Anzahl Personen zum Opfer gefallen sind. Eine Un­tersuchung ist bereits eingeleitet worden.

ur Explosion in einem Kloster. In dem Frauenkloster zu Blaudin bei Tournai (Belgien) erfolgte gestern eine heftige Erplo- sion, bei der eine der Schwestern getötet und die Oberin des Klosters schwer verwundet wurde. Ucber die Ursache der Explosion verlautet noch nichts Bestimmtes; man hofft jedoch, daß die in­zwischen eingeleitete Untersuchung in die ge­heimnisvolle Angelegenheit Licht bringen wird.

Sos Neueste aus Kassel.

Fm BerkehrMereiN Hohenzolleru

Im Saale des Zentral-Hotels hielt gestern abend der Verkehrsverein für das Hoh en z ollern viertel eine Versamm­lung ab, in der wiederum die äußerst bedeu­tungsvolle Frage der besseren Straßen- Beleuchtung und die bevorstehender Stadtverordneten - Wahlen behan­delt wurden. Hoffriseur Grebe eröffnete die Versammlung und teilte mit, daß schon mehr­fach Eingaben an den Magistrat gerichtet wor­den seien, die aber zu keinem Resultat geführt hätten. Auf die erste Eingabe an den Magi-

Tolstoi s Nachlaß.

Tie Siebe als Teufel.

i'3 o n unserm Korrespondenten.» Petersburg, Anfang Dezember.

Der erste Band von Tolstois nach­gelassenen Werken ist jetzt erschienen und bringt aller: eine große Ueberraschung, denn er enthält außer Drei Erzählungen zwei Dramen und Novellen, eine Novelle „Diabo- l u s", die nicht nur durch die künstlerische Kraft der Darstellung zu Tolstois Meisterwer­ken zu rechnen ist, sondern auch sichtlich ein Gegenstück zur „Kreuzer-Sonate" bildet. Es kommt dazu, daß diese Novelle ebenso wie die „Kreuzer-Sonate" im Jahre achtzehnhundert­neunundachtzig versaßt ist. In beiden Novel­len ist das Grundmotiv die Begierde nach einer fremden Frau. Aber die neue Novelle „Diabolus" schildert mehr den Kampf eines Mannes mit der Versuchung. Von den sieben einzelnen Werken, die der erste Bänd der nachgelassenen Schriften enthält, steht diese Novelle bei weitem an erster Stelle. Tolstoi hat hier aber noch nicht die letzte Hand angelegt, denn es sind noch zwei verschiedene Fassungen der Schlußszenen vorhanden. Der Inhalt der Novelle ist folgender: Eugen Jrtenew. der Held der Geschichte, widmet sich dem Landleben, nachdem sein Vater ge­storben war.. Hier in der frischen Landlust er­wacht in ihm die Liebe mit übermächtiger Stärke. Sein Waldwächter Danila verspricht ihm, ihn mit der verheirateten Bauernfrau Stephanida bekannt zu machen. Zwischen beiden entwickeln sich Beziehungen, die den ganzen Sommer hindurch anbalten. Im Herbst fährt her junge Gutsbesitzer in die Stadt und verliebt sich hier in Lisa Annenskaja, die seine Liebe glühend ertoibert.

Die Schilderung dieser Liebe gehört zu Tolstois Meisterleistungen: „Jttenew kam zu ihr und tanzte auf allen Festlichkeiten und Bällen nur mit ihr. Als Lisa fühlte, daß Jr- teneto sie liebte und in Erfahrung bringen wollte, ob seine Liebe erwidert werde, wurde ihre Zuneigung zu ihm völlig krankhaft. Sie sah ihn im Traum und in Wirklichkeit im

dunklen Zimmer, alle anderen verschwanden sür sie; und als er ihr seine Liebe gestand, und sie den Segen erhielten, als sie die ersten Küste austauschten, und die ersten innigen Ge­fühle, da war er ihre Welt, sie hatte keinen anderen Gedanken außer ihm. keine anderen Wünsche, als ihn zu lieben und von ihm ge ­liebt zu werden Sie war stolz auf ihn, selig und gerührt über ihn und über sich selbst und über ihre Liebe • . Eine glückliche Ehe solg te, bis er am Vorabend des Pfingstfestes Ste- phanida wiedersand. Er war unzufrieden darüber und konnte seine Augen doch nicht von dem schwingenden, geschickten, starken Gang ihrer nackten Füße, von ihrem Körper, von ihren Händen, ihren Schultern und ihrem roten Rock abwenden. Die Verführung durch den Teufel in Gestalt einer Frau war mit diesem, Augenblick über ihn gekom­men. Er will sich ihr entziehen, er will die Fran sortschicken, und doch zieht es ihn dort hin. wo er sie treffen kann. Endlich flüchtet er mit seiner Frau vor ihr in die Krim. Aber als er wiederkehrte und Stevfianida wieder- neht, fühlt er. daß er rettungslos verloren fei. . . Nun hat Tolstoi für das Ende zwei Fassungen vorgesehen, nach der einen Fassung tötet er sich selbst, nach der anderen tötet er den „Teufel", der sich seiner Seele bemäch­tigt hat ... -or-

Dss Msmsrr! Denkmal am Rhein.

Die Entscheidung in der Frage des Bis­marck-National-Denkmals bei Bin­gen. die der Hauptausschuß, wie schon gemel­det. in Köln gefällt hat, nämlich des Inhalts, daß der Entwurf des Professors Kreis- Düsteldorf und Hugo Lederers ausgeführt werden soll, wird allgemeine Befriebiauna wel­ken. Diese Meinung hat in der Oeffentlichkeit vielfach Zustimmung gefitnben. Daß auch ber Hauvtausschuß sich auf das Kreis-Leder ersehe Vroiekt einigte, ist um so enreuficber. als es im Preisgericht, das sich so selffam auf Entwürfe ganz anderer Art festgelegt hatte, nur durch vier von sechzehn Stimmen zur Ausführung empfohlen war. Bei dieser Gelegenheit sei üb­rigens auch die Legende zerstört, daß es die „Aestheten" gewesen, die sich namentlich für Hahns schönen, aber ausdruckslosen Entwurf

ins Zeug gelegt hätten. Nein: das haben merk­würdigerweise gerade die Künstler in der Jury getan, während es in Köln eben einer ber „Aestheten" war, ber den größeren Ausschuß von der Unmöglichkeit dieses Projektes und den vorzüglichen Eigenschaften Kreis-Lederers über­zeugte. . . . Run aber müssen die beiden Künst­ler auch alle Kräfte daran setzen, ihr Werk, das vorläufig teils skizzenfiaft war, teils Fehler im Detail zeigte, noch einmal gründlich durchzu­arbeiten. Geschieht das, so wird Lederers sitzende Bismarck-Statue in Kreis' machtvoller Halle vielleicht wirklich einst als ein würdiges Gegenstück zum Hamburger Riesenroland gelten.

Kleines Feuilleton.

Der fruchtbare Hauptmann. Ein neues Drama von Gerhart Hauptmann soll im näch­sten Jahre erscheinen; es führt den Titel: „Gabriel Schillings Flucht".

O- Caruso's Entdecker gestorben. Einen tiefbetrübenden Eindruck machte auf Caruso der plötzliche Tod eines seiner besten Freunde, des Sängers Missien an dem Metropolitan Cfcera House in Newyork, ber Cavitso's Stimme erkannt hatte. Caruso hatte seinen Gönner erst vor fünf Jahren in voll­ständiger Armut auf den Straßen von Neapel wieder getroffen. Er verschaffte ihm eine ein­kommenreiche Stellung. Missien wurde Mitt­woch abend bei einem Diner von einem schwe­ren Unwohlsein betroffen, dem er nach weni­gen Minuten erlag.

tSd Vollmoeller. ber Wundermann. In ber Ausstellungshalle ber Londoner „Olympia" ist man mit fieberhafter Geschäftigkeit am Werke, die komplizierte Bühneneinrichtung für die Aufführung von Vollmoellers wortlosem Dra­ma „Das Wunder" fertigzustellen, das. wie unsere Leser wissen, unter Max Reinhardts 1 Leitung zwei Tage vor dem Weihnachtsfest m«' einem Personal von 2000 Personen und einem Kostenaufwand von 600 000 Mark in Szene gc bett soll. „Das größte Wunder wird es sein " so erflärte Vollmoeller, ber Versal«er des Stük. kes, einem Berichterstatter ber „Dailn Mail", wenn am breinndzwanzigsten Dezember wirk­

lich alles fii und fertig ist." lieber den Autor ‘

der „Turanbot", des derzeitigen Repertoirstücks des „Deutschen Theaters" in Berlin, dessen neuem Werk das Soitboner Publikum mit In­teresse entgegensieht, plaudert sein Londoner Interviewer wie folgt: „Vollmoeller erfreut sich auch als Flieger, Rennautomobi- list und Ingenieur nicht geringen An­sehens. War er es doch, der die Firma be­gründete, die den Züst-Motor baute, und ber vor einigen Jahren bei der Wettfahrt New- hork-Paris den Siegeswagen steuerte. Er war auch einer ber ersten Aviatiker in Deutschland. Jetzt hat er zwar bas Fliegen seinem Bruber überlassen, ber vor wenigen Monaten bei dem Deutschen Rundflug den zweiten Preis ge­wann, aber er bleibt noch immer mit Leib und Seele Ingenieur. „Ich schreibe, weil ich schrei- ben muß," sagte er. „aber wenn mir die Wahl bliebe, mochte ich lieber Motore konstruieren und Flugschiffmobelle entwerfen." Natürlich ist er Feuer und Flamme für fein Stück. „Kann einem Autor denn etwas Besseres passieren?", so schwärmte er, „bie größte Sühne ber Welt, ben berühmtesten Jnszenieruitgskünstler und in Humperbinck einen ber größten Komponisten für die Vertonung seines Werkes!"

Unglaublich! Dem Stad tt Heater in 91 a rau (Schweiz) war es beschieden. eine neue Seite an bem schicksalsreichen Werke Karl Schönfierrs „Glaube und Hei- m a t" zu entdecken. Auf dem umfangreichen Anschlagzettel mit ber Ankündigung des Ss>"- kes in Lavidarschrist heißt es:

Stadttheater Aarau. Direktion: Carl Senges.

Novität. Zum letzten Mal! Novität. Kolossaler Lachersolg!

(Mit Grillvarzer-Preis ausgezeichnet.) Glaube unb Heimat.

Die Tragöbi- eines Volkes (3 Akte) von C' « Schönherr. -> An Vcrsonenzettel schließt sich noch htc kräffio- Anpreisung des Stückes, mit der Herr Dirck'cr Senges „einen interessanten 1bend in A'^sicht stellend", zum Besuch „hoch- nht'tngsvoll" eittlodet. Der Zettel mindestens > seines ' '-Verfolges sicher. Vielleicht aber rucb bie Ausführung. Der Herr Direktor muß cs ja wissen.