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Caffeler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 6. Fernsprecher 951 und 952. Sonntage 19. Dezember 1911. Fernsprecher 951 und 952. 2. Jahrgang.

Insertion «preis«: Die sech«gespaltene Zeil« Mr einheimische SeschSfi« 15 Pfg, für aus­wärtige Inserat« 25 Pf, Reklame,eile für einheimische Geschäft» 49 Pf, für auswärtige D«schäft« 60 Pf. Beilagen für die Sesamtaustage werden mit 5 Mark pro Taufend de. rechnet. Wegen ihrer dichten Verbreitung in der Restden, und der Umgebung sind die Lafseler Neueste» Rachrichte» ein vorzügliche« JnsertionSorgan. SeschäftSstelle: Kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 67«.

DieEpionevonBremen.

Sensationelle Enthüllungen im Leipziger Spionage-Prozeß.

Pariser Mndezvous.

Vor und hinter den Kuliffen der Pariser Diplomaten-Konfercnzen.

Kaum dem Krankenlager entronnen, das ihn mondelang der politischen Bühne fernge­halten, ist Herr Sergej Ssasanow, der Minister ruflischer Auslandpolitik, nach P a - r i s geeilt, um mit dem Kollegen vom Quay d'Orsay traulichen Rats zu pflegen. Als von der Newa-Presse Ssasanows Visite im Elysse und beim Stabe Caillaux' avisiert wurde, schwoll der bis dahin klug gedämpfte Jubel der öffentlichen Meinung Frankreichs über den eben eingestrichnen Marokko-Gewinn zu brau­senden Akkorden an, und selbst Blätter von der wohltemperierten Art desEclair" und des .Echo de Paris" schwelgten in nationalen Hymnen: In dem Gast aus dem Zarenland dürfe Europa den überzeugenden Beweis für die unverrückbar« Freundschaft zwischen west­lichem und östlichem Sehnen schauen, eine Kundmachung von bezwingender Gewalt, die weder vor noch nach dem Kiderlen-Cambon- Tag am vierten November eine Wertminderung erfahren hab«. Inzwischen ist der Traum Wirk­lichkeit geworden: Herr Sergej Ssasanow weilt in Paris, hat im Kreist der ftanzösischen Kol­legen beim Bürger Armand Falliöres vortreff­lich gefrühstückt und bei dieser Gelegenheit dem Präsidenten der Republik vertraulich ins Ohr geflüstert, daß sein Aufenthalt am Strand der Seine wahrscheinlich sogar länger dauern werde, als ursprünglich im Programm vorge­sehen war.

Gleichzeitig mit seinem Nachfolger im Aus­wärtigen Amt machte auch Herr Iswolski (der jetzt als Botschafter des Zaren bei der Ne­gierung der Republik seine Fäden spinnt) im Elysse seine Aufwartung, und eS wird erzählt, daß dies nicht nur aus Gründen der Arti^eit, sondern zu dem sehr realen Zweck geschehe» fei, Herrn Ssasanow bei seinen Tastversuchen im Labyrinth der Seine-Politik ein kundiger Men­tor zu sein. Und noch ein Dritter wurde von FalliöreS, Caillaux, Delcaffse und de Sel- oes als Gast im vorweihnachtlichen Paris mit übersprudelnder Herzlichkeit begrüßt: Der Graf von Benkendorff, der an der Themse die Regierung des Zaren repräsenttert, und von dem in der Sphäre des grünen Tisch's erzählt wird, daß er nicht nur ein Meister des edlen Schachspiels, sondern auch einer der feinsten Köpfe russischer Diplomatie sei, dem es stets besondre Freude bereite, feinen deutschen Kollegen Wolff-Metternich am Schachbrett ebenso matt zu setzen, wie am Spieltisch staats­männischer Kunst. Auch der Mann aus Lon­don ist vermutlich nicht lediglich zu dem Zweck über den Kanal geeilt, um des toten Stolypin Schwager auf der Rekonvaleszentenfehrt zu beglückwünschen; im Gegenteil: - Die Pariser Presse macht gar kein Hehl daraus, daß Gras Benkendorff mit der Weisung nach Paris ge­kommen ist, an dem Rendezvous Ssasanow- de Selbes teilzunehmen.

Offiziell sind also als Akteure in den bevor­stehenden Verhandlungen schon vier Köpfe ge­nannt, und man würde nicht überrascht sein dürfen, wenn man heur oder morgen erführe, daß auch Herr Delcassse (und Möglicherweise noch Englands Botschafter beim Elyste) an den Konferenzen freundlichen Anteil genom­men haben. Daß dies Massenaufgebot diplo­matischer Intelligenzen im Dienst der Triple- Entente erforderlich war, um (wie es heißt) die Harmlosigkeit der Dardanellen- Frage zu beplaudern, will nicht recht ein- lcuchten; will's um f« weniger, als gestern erst am Quay d'Orsay mit deutlich merkbarem Nachdruck erklärt wurde, Frankreich vermöge zurzeit die Dringlichkeit einer Neuregelung der Dardanellen-Frage im Sinne russischer Wün­sche nicht anzuerkennen. Aber wäre selbst das Gegenteil der offiziösen Kundgabe Wirk­lichkeit: Des Dardanellen-Eierkuchens wegen brauchte man nicht ein halbes Dutzend geruhi­ger Leute zu echauffieren! Was Herrn Ssasa­now dirett vom Krankenbett nach Paris getrie­ben, wiegt schwerer, als dies Montaz- Plänchen, dessen Verwirklichung in nicht zu ferner Zeit sich von selbst ergeben muß: Das Orient-Problem in seiner ganzen welt­belastenden Schwere ist's, das in diesen Tagen die Hirne der zum Pariser Rendezvous Ver­sammelten zu stärkster Leistung spornt. Der Brand im fernsten Osten, der Zersetzungspro- |t6 im Reich der Mitte, das Erwachen der Mongolenwelt und die Todeszuckungen der sterbenden Persermacht: All das sind Tinge, die heut an der Newa weit mehr Sorgfalt heischen, als das tragikomische Kriegsspiel im Mittelmeer.

Die edelsten Brusttöne russischer Schwichti- gungSkunü könne« 8iM darübe, binweatäu-

Als vor Jahr und Tag die Herren T r e n ch und Brandon, beide Offiziere int Dienst der englischen Reichsverteidigung, vor dem purpur­farbnen Strafsenat des Leipziger Reichsgerichts standen, um sich wegen Spionage im Bereich der deutschen Küstenverteidigung zu verantwor­ten, vernahm man mit einigem Staunen, daß die beiden Angeklagten fast die gesamte deutsche Ost- und Nordsee-Küste durchforscht hatten, ohne auch nur ein e i n z i g e ö Mal ernstlich behel­ligt zu werden. Mister Trench erklärte bei seiner Vernehmung vorm höchsten deutschen Ge­richt sogar lächelnd, es sei gar nicht schwer, sondern eher ein angenehmer Sport gewesen, D a s zu tun, was im Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich als eines der schwersten Ver­brechen mit höchster Strafe bedroht sei. Da­mals kam auch die Rede auf das ominöse Londoner Nachrichtenbureau, das in Wirklichkeit nichts anderes, als eine große englische Spionage-Zentrale ist, und es war nicht schwer, festzustellen, daß die Her­ren Trench und Brandon ihren patriotischen Opfermut in die Dienste eben dieser Spio- nage-Zenttale gestellt hatten, die dem niedlichen Zweck dient, alles für das englische Heer- und Marine-Wesen für Angriff oder Verteidigung wichtige Material der Kundschafter- und Spio­nage-Ermittlungen sorgfältig zu sammeln, zu sichten und nützlich zu verwerten. Inzwischen sind vor dem Reichsgericht eine Anzahl weite­rer Spionage-Affären verhandelt worden, und auch in diesen Prozessen war (wie eine dämo­nische Macht) immer wieder die geheimnisvolle Londoner Hand" erkennbar, deren Ein­fluß alle Hindennffe spielend zu überwinden schien. Seit zwei Tagen verhandelt nun das Reichsgericht den Prozeß der Spione von Bremen, der die schlimmsten Befürchtungen, die sich an die Tätigkeit der englischen Spio- nagp-Zentrale knüpften, weit in "den Schatten stellt: Der biedreSchiffshändler" Schultz, der eigentliche Manager der Affäre, hat es ver­standen, durch die Macht englischen Goldes das Pflichtbewutztsein deutscher Männer zum übelsten Gegenteil zu wenden und streng­gehütete Geheimnisse der deutschen Marine- Verwaltung ohne sonderliche Schwierigkeiten zu entschleiern. Wie in der Verhandlung vor dem Reichsgericht festgestellt worden ist, hatte Schultz von der Londoner Spionage-Zentrale dem bestimmten Auftrag, über die neuesten, zum Teil noch nicht einmal auf Stapel gelegten deut­schen Linienschiffe und Kreuzer, eine Reihe bestimmter Angaben zu beschaffen, Da­ten, die zu den sorglichst gehüteten Geheimnis­sen unsrer modernen Schiffsbaukunst gehören. Seine Auftraggeber hatten ihn offenbar schon auf das genaueste darüber informieren können, an welchen verschiedenen Stellen der Werf­ten und Fabriken er die Quellen für die ein­zelnen Nachrichten sich erschließen könne. Sie hatten ihm ferner den Aufttag erteilt, wenn möglich feste Korrespondenten zu ge­winnen, die das englische Nachrichtenbureau laufend über alle wichtigen Neuerungen in Kenntnis halten sollten. Daß der vielfach talen­tierteSchiffshändlrr" diese Aufträge in der Hauptsache mit überraschendem Erfolg ausfüh­ren und seinem Londoner Bureau in der Tat wichtiges Material znführen konnte: Das dankt er in erster Linie der Macht des Goldes und der ungenügenden Ueber- w a ch u n g der technischen und strategischen Ge­heimnisse unsrer Marine. Es ist schließlich gleichgiltig, ob der Mann aus Southampton zu fünf, zehn oder fünfzehn Jahren Zuchthaus verurteilt wird: Viel wichttger als das Schick­sal des Spions sind die eindringlichen Lehren, die der deutschen Harmlosigkeit auch dieser Prozeß wieder gebrächt hat, und die (sollte man meinen) doch endlich dazu führen müßten, die verlockende Macht englischen Gol­des mit der unerbittlichen Strenge deutscher Gerechtigkeit nachdrücklicher als bisher zu bekämpfen. »an.

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Schultz und ferne Leute. (Privat-Telegram m.) London, 9. Dezember.

Die Vernehmung der Zeugen im Spionaze- prozeß Schultz und Genossen wurde ge­stern abgebrochen und auf heute ftüh nenn Uhr vertagt. Aller Voraussicht nach, dürfte der Pro­zeß doch länger dauern, als ursprünglich an­genommen wurde, denn die Vernehmung der einzelnen Zeugen schreitet äußerst langsam vor. Im Laufe des gestrigen Tages wurde der aus Thorn zur Vernehmung geladene Pionier zurücktransportiert. Der Zeuge hat als Techniker einer Werft in Geestemünde mit dem Angcklaa- ten Schultze in Verbindung gestanden. Im Ok­tober wurde er zum Militär eingezogen und hat bald darauf um einen längeren Urlaub nachgesucht, um während desselben ht der Spionageaugelegenheit etwas zu unternehmen, vermutlich, um mit der Frau des Schultze in Verbindung zu treten. Infolge­dessen wurde er verhaftet und befindet sich leit dieser Zeit auf der Festung Thorn in Unter­suchungshaft, Di« bisherigen Zeugen-Perneh-

mungen haben bereits soviel ergeben, daß das Nachrichtenbureau der englischen Ma­rine systematisch bemüht war, die deutschen Schiffsbauwerften und Maschinenbauwerkstät­ten, die für die kaiserliche Marine tätig sind, in ein organisiertes Beobachtungsnetz hinein- zuzichcn in derselben Weise, wie dies hinsicht­lich der deutschen Küstenbefestigung schon seit langem durchgeführt wird. Der Angeklagte Schultz fand durch seine geschäftlichen Bezie- Hungen alsSchiffshändler" von vornherein leichten Anschluß an A n g e st e l l t e der ver- schisdensten Kategorien auf unseren großen Privatwerften. Sein zuvorkommendes und freundliches Wesen und seine Trinkfestigkeit brachten ihn dem Auszuhorchenden schnell näher und im übrigen half seine mit englischem Golde sehr gut gefüllte Börse in erwünschter Weise nach, sodaß ihm die Ausführung der ihm über­tragenen Aufträge nicht schwer geworden ist.

ßzeMche Dyrmullt-AnschlSge?

(Privat-Telegram m.)

Leipzig, 9. Dezember.

In Verbindung mit dem zurzeit vor dem Reichsgericht verhandelten Spionageprozeß Schulz und Genossen wird hier eine sensatio­nelle Mitteilung bekannt, die dieser Tage eine rheinische Familie von befreundeter Seite aus Wilhelmshaven erhielt. Es heißt darin: Im Verfolg der Spionageaugelegenheit wurde cs aufgedeckt, daß die Engländer geplant ha­ben, Wilhelmshaven, das heißt: Die in Betracht kommenden Befestigungen Weihnachten in die Luft zu sprengen. Bekanntlich wurden vor einigen Tagen drei Schutzleute wegen Diebstahls verhaftet. Po« diesen hatte der eine kürzlich einen Wertbrief bekommen, dem Postdirettor ist'aber dir Äoche ausgefallen und er hat sich daraufhin an die maßgebende Behörde gewandt, damit der Brief geöffnet wurde. Rach Orffnung des Brief:'; wurde fefigestellt, daß darin fünf» undsiebzigtausend Mark waren, die auS England kamen und für Spionage be­stimmt waren. Bei der darauf erfolgten Haus­suchung bei dem betteftenden Polizisten sind die ganzen Pläne gefunden worden. Der Po- lizeibeamtr soll von seiner Frau getrennt leben, die sich dahin äußerte, der Menschwäre zu allem fähig". (Die Nachricht Singt etwas selt­sam, wird aber in Leipziger Blättern als ver- bürgt und von einwandfreier Seite stammend erzählt. Im Prozeß Schultz ist der Vorfall nicht zur Sprache gekommen.)

Sie Geheimnisse der Säfte.

In welch geschickter Weise England seine Spionage namentlich im deutschen Küsten­gebiet betreiben läßt, beweisen folgende Tat­sachen: Vor drei Jahren haben von Esbjerg aus, wo die englische Manöverflotte gelandet war, englische Offiziere mit Landur­laub auf Fahrrädern haufenweise Schleswig in der Richtung nach dem Nordostseekanal durch­streift und sind erst in Skagen an der Nord- spitze von Jütland wieder zu ihrem Geschwa­der gestoßen. Dir Massenbeurlaubungen (man spricht von fünftausend Mann) glichen beinahe schon einem Landungsmanöver. Ebenso befanden sich lange Zeit an der Neustadter Bucht immer einige Engländer angeblich zu dem Zweck, S p r a ch st u d i e n zu machen. Auch die recht auffällig häufiieAnwesenheit von Engländern in Kiel "selbst dürfte gewiß nicht allein dem Interesse für die deutsche Sprache dienen. Sehr bemerkenswert ist ferner der starke Besuch der Engländer in Helgoland zurzeit der deutschen Flottenmanöver, der auch kaum auf einen Zufall zurückzuführen sein dürste. Auch an unseren Küstenbefestigungs- Plätzen, die dem Schutz der Elbmündung die­nen, tauchen in den Sommermonaten zahlreiche Engländer auf. Sie mieten sich als Bade­gäste in Cuxhaven oder den benachbarten Or­ten Döse und Duhnen ein und spazieren täglich auf dem Deich entlang bis zum Fort Kugel­bake, wo sie die Befestigungen und Batterien sehr eingehend inspizieren. Und all das ge­schieht seit Jahren unter den Augen der deut­schen Marine-Behörden.

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Pose«, 9. Dezember. (Privattele­gramm.) Auf dem hiesigen Bahnhof wurde gestern der Fortifikationsfeldwebel Schröder mit seiner Geliebten in dem Augenblick ver­haftet, als sie im Begriffe waren, nach Ruß­land abzureisen. Auf der Brust des Mädchens wurden Zeichnungen und Pläne der Festung Posen, besonders solche der neuen umgebauten Forts der Festung und Briefe der russische« Militärbehörde gefunden, in denen für die Auslieferung der Papiere sech- zehntausend Rubel, die von Rußland ausge­zahlt werde« sollte«, verspräche« wurden.

schon, daß der Weiße Doppelaar der Reußen gierig seine Fänge nach dem Land des G o l d - nen Löwen ausreckt, kein Dementi die Uebcrzeugung erschüttern, daß Rußland auch das Chaos im chinesischen Völkerkessel für seine Zwecke zu nutzen sucht und bemüht ist, durch die Aufrichtung einer unabhängigen Mongolei einen Pufferstaat unter russi­schem Schutz zu schaffen, der dem Ansturm der (in Petersburg in ihrer ganzen Größe längst erkannten) Gelben Gefahr als starker Damm entgegengestemmt werden kann. Daß Rußland sich für diese Pläne das freundliche Interesse der int Conzern Eduards des Sie­benten geeinten Mächte sichert, ist ein Gebot kluger Vorsicht, dessen Erfüllung die Schaffung starker Rückendeckung gewährleistet. Man darf annehmen, daß Herr Ssasanow aus Paris die angenehme Gewißheit mit heim zur Newa bringen wird, daß im Schoß der Triple-En­tente weder Mißtraue» noch Neid gedeihen und daß Frankreich sowohl als England den Trans­aktionen des Verbündeten im fernen Osten mit wohlwollendem Interesse gegenüberstehen. Und wir? Es ist einigermaßen schmerzlich für uns, all diese Dinge sich vorbereiten zu sehen, ohne in der Rolle des stummen Sta­tisten auch nur vom bescheidensten Lichtschein der Rampe gestreift, ohne um ein Wort, eine Geste bemüht zu werden. Man hat uns (noch vor nicht langer Zeit) die Früchte des Pots­damer Kaiser-Rendezvous als Sieg­prämie deutscher Diplomatenkunst gepriesen, als Meistcrtat Kiderlen'schcr Taktik. Wo welkt nun, da in Paris Rußland, England und Frankreich hinter verschlossnen Türen den Weltenhandel beplaudern, dieser allzufrühe und allzubillige Lorbeer ...? F. H.

Ist das «Ces...?

(Privat-Telegram m.)

Paris, 9. Dezember.

Der zurzeit in Paris weilende russische Mi­nister des Aeußeren, Ssasanow, äußerte sich dem Redakteur desTemps" gegenüber über die politische Lage wie folgt: Rußland, Frank- reich und England haben ein vollständi­ges Nebereinkommen in ihrer Haltung gegenüber der gegenwärtigen Situation erzielt. Tas Uebereinkommen mit England schließt einen Konflikt zwischen England und Rußland bezüglich Persiens für die Zukunft aus. Ueber die Dardancllenfrage erklärte der Minister: Wir haben unsererseits keine darauf bezüglichen Schritte getan; es hat nur et« Austausch von Gesprächen stattgesunden, die durch unsere Befürchtungen motiviert wa­ren, daß die Türkei, die Terminen in die Meerenge versenkt, unseren Handel empfindlich schädigen könne. Das ist alle»! (Wirklich?)

Kassel im Wahlkampf.

Die Versammlung des Konservativen Berelns.

Gestern abend fand int großen Saale des Palais - Restaurant eine öffentliche politische Versammlung des Konservati­ven Vereins statt, in der Landtagsabge­ordneter Generalmajor z. D. von Dlt- furth einen Vortrag über das Thema:Die politische Lage und die Parteien nach' Schluß des Reichstaghielt. Nachdem der Geheime Justizrat W e y h e die Versammlung mit dem Wunsche auf einen ru­higen und sachlich gesührten Wahlkampf eröff­net hatte, begann der Hauptredner seinen Vortrag mit einer Besprechung der Stellung des Liberalismus zur konservativen Partei. Kürzlich habe hier in einer Eisenbahnerversammlung ein Herr Weber den Großgrundbesitz für die herrschende Teuerung verantworttich gemacht. Das sei eine falsche Behauptung, die nur aus Un­kenntnis heraus entstanden sein könne. Der Großgrundbesitzer habe doch sicher nicht darum gebeten, daß es nicht regnen solle, damit die Ernte schlecht ausfalle. Jetzt habe man der konservativen Partei den Vernichtungskrieg angekündigt. Der Streit sei ausgegangen von der Reichsfinanzreform. Aber die vielge­schmähte Finanzreform habe bereits ihre Früch- te gezeitigt, wie der Reichskanzler anerkannt und es der Schatzsekretär erst dieser Tage be­stätigt habe. Der Liberalismus aller Richtun- gen stelle sich ein Armutszeugnis aus. daß er immer wieder auf die Reichsfinanzreform tu* rückgreife und keinen einzigen werbenden Ge­danken aufzubringen wisse. Wem aber komme das Schüren zustatten? Der Sozialdemokratie, der man die Geschäfte besorge, wenn die Bür. gerlichen sich gegenseitig bekämpften. Diesem Hader müsse ein Ziel gesetzt werden. Die Kon­servativen feien bereit,

das Kriegsbeil zu begraben.

Richt rückwärts, sondern in die Zükunft müsse man schauen. Mit den Nationalliberalen hätte man wieder Frieden geschlossen, wenn st« eS den Konservativen nicht unmöglich gemacht