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Casseler Abendzeitung HM Hessische Abendzeitung_____

$te Sageier 91eneften Nachrichten erscheinen wöchentlich sechrmnl und pvar abend». Der LbsnnementSpretr beträgt monatlich 50 Pfz. bet freier ZusteLml- tnS H-uS. Bestellungen werden federzeN von der WeschLftSstelle oder den Beten «ntgegengenommen. Sruderet. Verlag und Redaktion: Echlachthofslrabe 28/30. Evrechstunden der Redaktion von 13 Uhr nach, mittags, juristische Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwochs und Sonnabends von «8 utr abends. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 18, Telephon: Amt IV 676.

Nummer 5. Fernsprecher 551 und 952. Sonnabend, 8. Dezember 1811» Fernsprecher 951 und 952. 2. Jahrgang»

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F. H.

Waltet . , .!

Pariser ANamaten-Rendezvous.

Sasanow, Selves, Brenkendorf, Iswolski.

Seit etwa acht Tagen weilt der russische Mi­nister des Auswärtigen, der Schwager des jünaft ermordeten Premierministers Stolypin, Sasanow, in Paris, offenbar zu dem Zweck, mit der Leitung der französischen aus. wärtigcn Politik wegen den schwebenden voli- tiscken Fragen zu verhandeln. In unterrichte, ten politischen Kreisen wird der Anwesenheit Sasanows große Bedeutung beigemessen, um so mehr, als an den Verhandlungen in Paris auch Botschafter Iswolski, der frühere russische Minister des Aeutzern. und der russische Bot­schafter in London teilnchmen. Wir erhalten darüber folgende Meldungen:

Wehrvorlagen! Wenn ein Finanzmini­ster den Stand der Reichswirtschaft in Jubel- Hymnen feiert, muß entweder das Glück uns verfolgen, oder ... der Zweck die Mittel hei­ligen sollen. Vom Glück in finanziellen Din­gen sind wir bisher mit wundernswerter Hart­näckigkeit gemieden worden; bleibt also nur die eine Deutung, daß Wermuths Dithyramben der edlen Absicht galten, der Sorgen düstre Schatten aus dem Gesichtskreis des Volksge­wissens hinwegzuscheuchen. Der andre Akt spielt in der Wilhelmstraße: Herr von Beth- mann Hollweg müßte ein Tor sein, wenn er die Stimnmng des Moment- nicht nutzen würde, die Stimmung nationaler Be« geisteruna. deren Vibriere« n am Laa

Paris, 8. Dezember. (Privat-Telegram m.s

Der russische Minister des Aeutzern, Sasa- n o w , wird heute und morgen die angekündig­ten Konferenzen mit dem französischen Minister des Aeutzern, de Selves, über alle auf der Tagesordnung stehenden wichtigen politischen Fragen haben. Der russische Botschafter in London, Graf Benkcndorf, und der Pari­ser Botschafter Iswolski nehmen an den Besprechungen teil. Man legt den heutigen Verhandlungen der vier Diplomaten in poli­tischen Kreisen große Bedeutung bei. Präsident Falliöres gab gestern Sasanow zu Ehren ein Frühstück, zu dem auch der Ministerpräsident Eaillaur, der Minister des Aeutzern de Selves und der russische Botschafter Iswolski Einladungen erhalten hatten. In einigen Mor- gcnblättern wird behauptet, daß sich die heute und morgen stattfindenden Divlomaten-Konfe- renzen in der Hauptsache um die Dardanellen­frage drehen werden. Frankreich sei prinzipiell geneigt, die Forderung Rußlands nach Erlan­gung der freien Durchfahrt durch die Dardanel­len bei der Pforte zu unterstützen. Sasanow gab gestern dem Präsidenten Falliörez im Bei­sein des Ministerpräsidenten Caillaux, des Mi- nisters des Aeutzern, de Selves, und des Bot­schafters Iswolski in halbstündigem Gespräch den Zweck seines Besuchs bekannt, der vielleicht länger dauern werde, als geplant war.

*

Ein weiteres Privat - Telegramm berichtet uns aus P a r i s : Es wird in unter, richtete« Kreisen als ausgeschlossen betrachtet, daß SasanowS Besuch (der sich auf etwa acht Tage erstrecken soll) lediglich der Regelung der Tardanellensrage gelte. Die Tatsache, daß der Londoner Botschafter Rußlands zu den Konferenzen hinzugezogen werden wird, beu­tet man vielmehr in dem Sinne, daß gelegent­lich der bevorstehenden Konferenzen wichtige, die Triple-Entente berührende Frage« behandelt werden, nutet denen die persi- sche, chinesische und türkisch-italie­nische Angelegenheit den breitesten Raum einnehmen dürften.

Sturm In der Berliner Konfektion.

Lärmszenen, Tumulte und Demonstrationen.

Der Streik in der Berliner Tamen- Konfektion dürfte in Kürze beendet sein. Die Einigungsverhandlungen sollen heute wie­der ausgenommen werden. Wenn ti auch nicht

Es bleibt abzuwarten, inwieweit die gestri­gen Vorgänge auf die Gestaltung der Streik­lage eiüwirken werden. Daß der Streik noch lauge andauern kann, ist indessen kaum anzu- nebmen, da sowohl seitens der Unternehmer wie der streikenden Schneider das Bedürfnis nach einer Beilegung der Differenzen (die das ganze Weihnachtsgeschäft der Kon- fektionsbrancke ernstlich gefährden) immer fühlbarer wird. Gestern streikten etwa fünf­undzwanzigtausend Schneider und Ge­hilfen und guck die meisten Klein- und Haus- betricke sind von dem Streik in Mitleiden­schaft gezogen. Definitive Entscheidungen wer­den für den morgigen Sonnabend erwartet.

Applaus vom fünften Dezember war sicherlich nicht schwer errungen, hätte schon in des No­vember ersten Tagen durch's Wallothaus rauschen dürfen und wäre dann höher zu schätzen gewesen als setzt, wo er im parlamen­tarischen Schlußakkord beinahe schon verhallt.

Vertraute der Wilhelmstraße freilich wol­len wissen, der Kanzler habe am letzten Diens­tag im deutschen Volksempfinden den Prüfstein für seine Wahlparole gesucht und sei vomj Erfolg befriedigt. Ist das wirklich der Fall (und beim Mangel aller Varianten zum im jungen Lenz proklamiertenSchutz der natio­nalen Arbeit" klingt die Deutung nicht un­wahrscheinlich). dann darf man in der Opti­misten- und Wahlattacke des Herrn Wer­muth im Reichstag wohl die klingende Musik zu des Kanzlers Wahllampfrüstung wittern: Der Säckelmeister des Reichs hat unsre Finanzwirtschast in Farben gemalt, wie sie in diesem Rosenrot seit Jahren nicht mehr zu bewundern waren; der Kanzler des Reichs hat von den Pflichten deutscher Wehrhaftigkeit und von der Einmütigkeit in großen nationalen Fragen gesprochen- macht, addiert: Ankün­digung und Begründung neuer

Marr mti) Regst?

Des fünfte« Kanzlers Wahl-Barole.

Es ist etwas Wundersames um das Da­sein des Mannes, der als Kanzler des Reichs und preußischer Premier-Minister derselben Aufgabe gegenübersteht, die einst Bismarcks Riesenkraft in ihrer ganzen Wucht erforderte. Seit Wochen, seit Monden hören wir, daß des fünften Kanzlers Schicksalstunde nun unabwendbar nah gekommen, daß Beth- mann Hollwegs Zauderpolitik auch an höchster Stelle längst aller Sympathie ermangle und die Oede des Reichsgeschäfts mählig auch dort als Aergernis empfunden werde, wo man bisher geneigt war, die Leistung bescheidner Kraft freundlich zu schätzen. Nach dem neunten No­vembertag und dem Mene-Tekel des parlamen­tarischen Kronprinzen-Abenteuers weissagten die politischen Seher Sturm und Wetterschlag; sprach mau von derFronde tatenfrohcr Ju­gend" gegen die Schwächlichkeit matten Greisen­tums und zitierte des alten Franz Josef verleg­nes Wort an Schönaich (als der Kriegsminifter sich über die Kabalen Franz Ferdinands be-. schwerte):Ich kann den Herrn Neffen doch nicht fortschicken!" Das Gewitter hat sich in­dessen verzogen: Am Abend des düstren Tags stand der Herr Kanzler von der Familientafel im Zollernschloß als Sieger auf und quittierte ein paar Tage später mit ergebnem Dank über den Empfang der kaiserlichen Wiegenfest-Vase aus dem edlen Ton der Cadiner Erde. Und eben hat Herr von Bethmann Hollweg den alten Reichstag zu Grab geleitet; denselben Reichstag, von dem man wähnte, er werde noch für des Kanzlers Scheideftunde Tränen suchen müssen.

Das alles hat sich so geräuschlos, so ohne alle Erregung und mit einer so offensichtlich geflissentlichen Selbstverständlichkeit abgespielt, daß man fast an ein Märchen glauben möchte, wenn nicht ... im Schnee des Januar das Gespenst desTags von Philippi" sicht­bar würde. Herr von Bethmann Hollweg ge­hört zu den Leuten, die das Glück weder an der Wiege, noch am Werkstuhl geküßt hat. Am neunten Novömber warf er die elementarsten Gesetze kluger Wahltaktik polternd über den Haufen, erklärte dem Majordomus der Wil­helmstraße kühnlich den Krieg und mußte sich abends von wohlmeinenden Freunden sagen lassen, seine Attacke wider Heydebrand habe das niedliche Bildchen vom Elefanten im Porzellan­laden tief in den Schatten gestellt. Knapp vier Wochen später (an derselbe« Stelle) rührt er mit dem schweren Wort philosophischer Zunge hart an Aller Herzen, glättet die Zornfal- ten auf den Sttrnen der um Heydebrand Ge­scharten und wird ohne sonderlich Bemühen in der Schätzung des Auslands zumEiscnmann" erhoben, der immer tiefer in die Matze bis- marckscher Stiefelwucht hincinwachse. Der

nach der marokkanischen Abschiedsrede im alten Reichstag aus allen Regungen öffentlicher Mei­nung ersvähen konnte.

Es trifft eben ni ch.t zu, daß unsre Ration unter der nivellierenden Wucht des zwanzig­sten Jahrhunderts begeisterungsarm geworden sei und an den Idealen der Väter kühl vor- Lbcrgehe: Neunzehnhundertsechs entflammte Bernhard Dernburgs derbe Urwüchsigkeit den fnror teutonicus zur Hellen Lohe; neun­zehnhundertelf wird's vielleicht Herr Theobald von Bethmann mit der Barden-Laute ver­suchen. Englands Flottenbau bleibt unge- mindett in Zahl und Stärke, Frankreich re­formiert seine Armee vom Fundament bis zum First, leitet den Millionen-Zufluß der schwar­zen Rasse möglicherweise in die Sicherungs­kanäle nationaler Verteidigung, und Ruß­land ist, schneller, als man's ahnen konnte, von der Wunde des Japanerschwerts genesen: Grund genug, um auch zwischen Maß und Me­mel die Wacht zu stärken und der Meer-Herr­schaft englischer Uebermacht stärkere Hemmun­gen entgegenzustemmen. Der fünfte Kanzler ist kein leidenschaft-glühender Kämpfer, kein fana­tischer Nationalist; aber er ist ein Kopf kühlster Nüchternheit, und grade die Nüchternheit des Empfindens muß ihm sagen, daß am Kampftag von Philippi keine Trutzburg iün s o stark und sicher schirmen kann, als das Ver­antwortungsgefühl der Nation. Von dieser Erkenntnis bis zur Formung der Wahlparole:Stärkerer Schutz dem Reich, Sicherung der nationalen Arbeit bis in der Erde fernste Win­kel!" ist's nicht weit, nachdem Herr Wermuth als Herold so heldenhaft seines Amtes ge-

$te Frbsrtzaftsstimer für dke Fletts?

(Telegramm unsers Korrespondenten.) Berlin, 8. Dezember.

In der Presse ist behauptet worden, daß dem neuen Reichstag schon bald nach dem Zu­sammentritt eine Vorlage über die Einfüh. rung einer Erbschaftssteuer zugehen werde. Wie ich zuverlässig erfahre, eilt diese Meldung zwar den Tatsachen etwas voraus, sicher ist indessen, daß sie sich bestätigen wird. Ein zustimmender Beschluß der Verbün­deten Regierungen, .ruf die Erbschaftssteuer zurückzugreifen, liegt allerdings noch nicht vor, aber der Reichsschatzsekretär ist in dieser Frage einer Mehrheit im Bundesrat sicher. Das die Reichs-Regierung gerade auf die Erbschaftssteuer zurückkommt, hat sei- neu Grund in keiner andern Rücksicht als in der bittcrn Notwendigkeit, da eine andre Einnah­mequelle im gegenwärtigen Augenblick nicht zu entdecken war. Es ist vorauszusehen, daß sich auch Konservative und Zentrum die­ser Einsicht nicht verschließen und ihre Haltung in der Frage der Erbschaftssteuer einer Revi­sion unterziehen werden. Geplant ist allerdings, in der «eiten Vorlage Erleichterungen und Aus nahme-Brstimmungen für den landwirt­schaftlichen Besitz vorzusehen. Ferner er- wägt matt, nach derselben Quelle, dem Reichs­tag die Aufhebung der Zünd Hölz- ch e n st e u e r und der Fahrkarten st euer vorzuschlagen und die Ausfälle aus diesen Steu­ern zum größten Teil durch die Erbschafts­steuer zu decke«. Endlich solle« die Mehr- erträqnisse der neuen Steuer zum rascheren Ausbau ber Flotte verwandt werden. (In erster Linie ist eine vermehrte Kiellegung größerer Panzerkreuzer und die In­dienststellung eines dritten Reservege­schwaders ins Auge gefaßt.

zum Abschluß eines von den Arbeitern ge­orderten festen Lohntarifes kommen wird, so rürften die Wünsche der Arbeiter auf Er­höhung der Löhne doch ein gewisses Entgegen­kommen finden. Die Zahl der Kleinbetriebe, in denen augenblicklich noch gearbeitet wird, ist nur eine ganz geringe. Gestern nachmittag, als eine Verständigung schon nahe erzielt war, ist es zu einer Spaltungim Lager der Mei- ster und Werkstätten-Jnhaber gekommen:

Berlin, 8. Dezember.

(P r i v a t - T e l e g r a m m.)

Eine Anzahl Meister, die geneigt sind, auf Grund der Fabrikantenvorschläge die Arbeit wieder aufzunehmen, hatte zu gestern nachmittag eine Versammlung einberufen. Ob­gleich der Zutritt nur gegen Karten gestattet war, hatten sich zahlreiche Vertreter der Ge­genpartei eingefunden und es kam zu der­artigen Tumulten, daß der Wirt die ganze Gesellschaft aus dem Lokal verwies. Darauf zogen die arbeitsunwilligen Meister in ein an­deres Etablissement und forderten dort zu ener­gischem F e st h a l t e n an den einmal aufge­stellten Bedingungen auf. Die Einberufer der ersten Versammlung traten an drei Stellen zu­sammen und beschlossen die Gründung eines neuen Vereins. In der gestrigen Versamm- hing der Arbeitswilligen waren etwa drei­tausend Personen anwesend. Dem Ein­berufer wurde es indessen durch ohrenbe­täubenden Lärm unmöglich gemacht, die Versammlung zn eröffnen. Als dann gar der Streikleiter erschien und eine Ansprache an die Versammlung richtete, verließen die Einberufer unter höhnischen Zurufen der Versammlung den Saal. Der Wirt verweigerte jetzt den Saal, worauf die Streikenden zu einem anderen Saal marschierten und dort die Versammlung fort­setzten.

Die kommende Welfen Sensattsu.

Der Cumberländer Herzog und die Welfen.

Die Rheinisch-Wesffälisebe Zeitung hat (wie wir schon berichteten) in jüngster Zeit schwere Vorwürfe gegen den in Gmunden lebenden Herzog Ernst August von, Cumber­land erhoben, den sie beschuldigte, daß er trotz feiner Versicherung, keine feindseligen Handlungen gegen die bestehende Staatsord­nung zu unternehmen, die radikal-welsifche Deutsche Volkszeitung" in Hannover fortdau­ernd finanziell unterstütze und dadurch direkt und indirekt eine staatsfeindliche A g i - tation fördere, die das Ziel veffolge. die be­stehende Staatsordnung in Deutschland umzu- stürzen und das alte Königreich Hannover un­ter der Herrschaft des Cumberländer Herzogs wieder aufzurichten. Von kompetenter und durchaus unparteiischer Seite wird uns dazu aus Hannover geschrieben:

Hannover, 8. Dezember.

Die Anklagen, die das Essener Blatt gegen den Herzog von Cumberland erhoben hat und noch fortwährend erhebt, kann man, sowohl nach der politischen, wie auch nach der recht­lichen und moralischen Seite hin nicht ernst nehmen. DieDeutsche Volkszeitung" m Han- novkr. das Orasn der Welftnvartei. ist auf die

finanzielle Unterstützung der Parteiangehöri­gen direkt angewiesen, da das Unterneh­men sonst nicht zu halten sein würde. Tatsache ist auch, daß das Blatt sortdauernd von dem Herzog von Cumberland nahe stehender Seite Zuwendungen erhält; unzutreffend in­dessen ist die Behauptung des Essener Blattes, der Herzog selb st habe sich an dieser Finanz­aktion beteiligt. Dahingegen ist es ein offenes Geheimnis, daß unter der Beamtenschaft und in der Umgebung des Herzogs sich zahlreiche Personen befinden, die für die Erhaltung und die Bedürfnisse des welfischen Organs in Han­nover Opfer gebracht haben und wahrscheinlich auch heute noch bringen. Ob das mit oder ohne Zustimmung Ernst Augusts geschieht, läßt sich mit Bestimmtheit nicht sagen; ebensowenig, ob der Herzog von diesen Dingen überhaupt Kenntnis hat. Inzwischen soll nun auf die fortdauernden neuen Anschuldigungen der all­deutschen Presse tatsächlich ein Verfahren gegen einige w elfische Blätter in Vorbereitung sein, und es verlautet in unter­richteten Kreisen, daß diese Gelegenheit sowohl von wölfischer als auch von alldeutscher Seite benutzt werden soll, um durch die Vorbringung eines großen Beweis Materials die Sachlage in allen Einzelheiten zu beleuchten. Wird eine öffentliche Anklage nicht erhoben werden, dann ist beabsichtiat. im Wege der Privatklage die ganze Affäre vor Gericht zu ziehen. Was bei dem bevorstehenden foren­sischen Schauspiel herauskommen wird, saßt sich heute noch nicht absehen; eine politische Sensation ist aber zum mindesten zu er­warten. Es fragt sich nur, ob sie für die Be­teiligten erfreulich oder peinlich sein wird.

-e-

Rußland hungert!

Die Opfer bet Hungersnot in Rußland. (Von unserm Korrespondenten.)

Petersburg, Anfang Dezember.

Während Rußlands Politik im Osten, in Persien, ar den Dardanellen Triumphe und Lorbeeren sucht, schreitet durch das Reich der Zaren wieder einmal der bleiche Hunger. Diesmal istnur" ein kleiner Teil des Reiches betroffen worden: Sechzehn Gouverne­ments an der Wolga und in Westsibirien. An Fläche kommen diese Gouvernements eini­gen westeuroväischen Staaten gleich, ihre Be­völkerungsziffer beträgt acht Millionen. Trotz der üblichen Beschönigungen der Regie­rungen haben wir es mit einer wirklichen Hun­gersnot zu tun. gegen die jeder westeuropäische Nofftand völlig verbleicht. Denn der russische Bauer verfügt über keine Hilfsquellen, er lebt höchst kümmerlich von der Hand in den Mund, und wenn er von einer Mißernte betroffen wird, bann ist er mit einem Schlage ein Bett­ler. Er kann seine Felder nicht bestellen, weil er kein Saatgetreide hat. Um fein Leben zu fristen, mutz er sein Pferd und fein Vieh los­schlagen, für das er überdies kein Futter bat. Und wenn der Erlös verzehrt ist, steht er eben vor dem Richter und er verfällt dem Hunger- typhus und dem S c o r b u t, die sich in den Dörfern bereits zu regen beginnen. Schon walten ftirckterliche Zustände und unsägliches Elend. Ganze Dörfer nähren sich von Baum­rinde. Moos und wilden Wurzeln. In der Tat ist die Lage der bedauernswerten Leute trostlos. Die Hilfe der Regierung ist unge­nügend und zudem höchst mangelhaft organi- siett; ein Teil der angewiesenen Summen ge­langt überhaupt nicht zu den Notleidenden und mit den zur Verfügung gestellten Getreidevor­räten wird seitens der Provinzialbeamten schamloser Mißbrauch getrieben.

Private Hilfsaktionen aber sind vom Premier­minister kategorisch untersagt worden, da die Regierung in der ewigen Furcht lebt, man könnte in die Dörferunliebsame Ideen" tragen und die Bauern .aufwiegeln". Infolge­dessen hat die russifche Gesellschaft, die bilssbe- reiteste her Welt, bisher keine Kopeke für die Notleidenden aufgebracht. Sie mag ihr Geld nicht den Regierungsstellen anverträuen, da sie durch bittere Erfahrungen gewitzigt ist. Herr Bokowgow aber stellt sich auf den hergebrachten Standpunkt, daß es gar nicht so schlimm fei, Im wesentlichen handle es sich umUcbertrei- bunaen bet Presse"; er fand sogar den eigen-