Am Lebensfaden.
Tas Buch Eulalias von Bourbon.
Bet dem lebhatren Au'fehen, baJ der Zwist zwischen Höntg Alfous und seiner Zante, der Infantin Eulalia erregt, dürste eS von Interesse sein, einige Einzelheiten über den Inhalt und die Tendenz deS Werkes zu erfahren, da« die Infantin demnächst veröffentlicht, und dar die Ursache jener kategorischen Telegramme? des Königs oon Spanten an die Schwester feines Vaters bildet.
Di« Infantin von Spanien, die das letzte Jahrzehnt ihres Lebens fast ausschließlich in Paris verbrachte, hat iwie wir schon berichteten) bie Absage an den spanischen Königshof mit einem gewissen Gefühl der Erleichterung abgesandt, denn die Freiheit von höfischem Zwang auf geistigem Gebiete stimmt auch mit der Richtung ihres Werkes überein, das durchaus nichts mit den berüchtigten Memoiren von Prinzessinnen gemein hat, sondern in der Hauptsache rein philosophischen ?nhaltes ist. Tas Buch soll den Titel „Am ebensfaben" erhalten und gibt in Form von Reflexionen eine Weltanschauung, deren Grundlagen der Wert der Persönlichkeit und die Entwicklung des Individuums bildet. Französische Schriftsteller, die Gelegenheit gehabt haben, das Manuskript kennen zu lernen, sprechen mit rückhaltloser Anerkennung von dem strengen, klaren und reinen Stil, der wirren Sentimentalitäten ausweicht und in seiner sicheren, schmucklosen Knappheit an die Kommentare Cäsars und an die „Memoiren von St. Helena^ gemahnen soll. Die Hauptkapitel beschäftigen sich mit dem Wege zum Glück des Menschen, mit der Erziehung des Willens, mit der
Umtbhüngigkeit der Frau, mit dem Ausgleich der Klassengegensätze durch Erziehung und Bildung, mit dem Sozialismus, mit Religion, Ehe, mit Vorurteilen und den Gefahren der Tradition. Jules Bois, der die Infantin in Paris ausgesucht hat, vermittelt einen charakteristischen Einhlick in die Geisteswelt, in der diese Prinzessin lebt: Er nennt ein paar Werke, die er bei seinem Besuche mit Notizen bedeckt auf dem Schreibtisch der Infantin sah- Da lag ein Band Plato, „Seneca und St. Paul" von Aubert in, die Essays von Emerfo n und von Montaigne, Ibsen, schwedische Bücher, anscheinend Swedenborg, und daneben die Pro- legomena von Kant. Und mit solcher Lektüre stimmt auch die Tendenz ihres Werkes überein Die Infantin hat sich von den Vorurteilen ihres Standes in stiller Geistesarbeit freigemacht; Charakter, Reinheit des Herzens und der Wert des Individuums sind die letzten Ziele ihrer Philosophie. „Ich habe keine große Vorliebe für die „Repräsentation-, äußerte sie sich ohne besondere Zurückhaltung. „Die Repräsentation an sich ist etwas Unzureichendes, sie muß eine innere, schaffende Bedeutung haben, ohne das verkleinert sie nur ein willensbegabtes Wesen." Mit der ruhigen Klarheit des Verstandes lehnt sie
die Angst vor der Umwelt
ab, die Furcht vor der Lächerlichkeit, die Gefahren aller Vorurteile. Sie, die von einem der größten und traditionsreichsten Geschlechter abstammt, will den Menschen nur nach seinem eigenen Wert beurteilt wissen, und sie bekämpft die Bestrebungen der „Traditionalisten-, die nach ihrer Ansicht „eine schwierige und verderbliche Arbeit verrichten". Die Infantin ist auch nicht darüber im Zweifel, aus welchen Gründen die Veröffentlichung ihres Werkes, das sich mit der spanischen Königsfa- milie nicht im geringsten beschäftigt, in Madrid Empörung hervorzerufen Hai. „Mein Buch fall unterdrückt werden, weil ein Abschnitt sich mit der Ehescheidung beschäftigt, die es in Spanien nicht gibt, und weil ich eine posi
tive Moral suche, die abseits der Religion steht, also etwas, was die Jesuiten nie zugeben können. Wahrscheinlich wird man mich exkommunizieren." In ihrem Werke walten in der Tai frecheitliche Ideen. Die Infantin lehnt es ab, „ein irdisches Band als „heilig" anzusehen, die Ehe beruht auf einem Vertrag, und jeden Vertrag muß man verbessern, ändern, und, wenn es not tut, auch brechen können". Daher fordert sie eine Gesetzgebung, die
eine rationelle Ehescheidung zuläßt, ein gerechtes Gesetz, das beiden Teilen die Möglichkeit gibt, nach strenger Selbstprü- sung eine Gemeinschaft auszugeben, die nach ernstem Wollen vielleicht gescheitert ist. Das Recht der Frau wird energisch vertreten, ihre Rechte an das Leben dürfen hinter denen des Mannes nicht zurückstehen; nur so kann die Frau „nützliche Mitarbeiterin" werden, ohne aufzuhören, eine treue Gefährtin in Freud jmb Leid zu sein. Besonders interessant sind die Kapitel, die sich mit dem Sozialismus beschäftigen, dem diese Prinzessin freundlich ge- genübersteht, vorausgesetzt, daß er „die Vereinfachung des Lebens" erstrebt und „die Geistigkeit zum letzten Ziele erhebt". Der Arbeiter gilt ihr als der „große Mittler der nationalen Kraft". Die Infantin, die sich mit Stolz glückliche Großnnttter nennt, will mit ihrem Werke beweisen, daß „selbst eine Frau meines Alters nicht unnütz zu sein braucht". Der eigentliche Grund des schroffen Vorgehens des Königs von Spanien dürfte übrigens darin zu suchen sein, daß die Infantin in den Kapiteln des Buches, die von der Notwendigkeit erleichterter Ehescheidung handeln, die Geschichte ihrer eignen unglücklichen Ehe mit dem Prinzen Anton von Orleans in sehr realistischer Darstellung als Beispiel herangezogen hat. Die Prinzessin spricht in diesen Mitteilungen sich sehr bitter aus; aber soll man von einer Frau, die alle Bitternisse einer unglücklichen Ehe hat ouskosten müssen, verlangen, daß sie in Dihyramben schwelge ...? **
AbrntLlmr Grosse.
Der „Held" der neuesten Spionage-Affäre.
Die Engländer haben bei ihrem Spionagefang, wenigstens soweit es sich um Deutsche handelt, nicht gerade besondrcs Gluck. Vor wenigen Monaten wurde eine ziemlich harmlose Afsäre, die des Mainzer Leutnants Helm, furchtbar aufgebauscht, dann kam ein sehr wenig „seriöser" Spion, der Hochstapler Max Schultz aus Frankfurt am Main an die Reihe und jetzt haben sie den berühmten „Kapitän Grosse" bei einer angeblichen Spionage abgefatzt. Herr Grosse, dem der Vorwurf gemacht wird, militärische Geheimnisse Englands an Deutschland verraten zu wollen, ist indessen den deutschen Gerichten längst kein Unbekannter mehr, denn vor kaum zwei Monaten erst hat sich die dritte Strafkammer des Landgerichts I Berlin mit seiner Persönlichkeit befaßt. Grosse ist kein deutscher Offizier, weder des Landheeres noch der See, sondern ein ehemaliger Seemann der Handelsmarine, der allerdings als Einjähriger gedient und sich das Befähigungszeugnis für große Fahrten erworben bat. Er ist aber bei unteren beiden großen Schiffahrtsgesellschaften, dem Norddeuffchen Lloyd und der Hapag, sowie dem dieser Gesellschaft angeschilossenen Konzern niemals gefahren, sondern hat sich Zeit seines Lebens auf kleineren deutschen Schiffen herumgedrückt, mit Ausnahme der Zeit, die er auf chinesischen Schiffen oder ... im.Gefängnis verbrachte. In Singapore war er wegen Ausgabe falschen Papiergeldes zu der schweren Strafe von zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden und hat davon ehrlich und redlich fünf Jahre abgesessen.
Nr. 4.
Zweiter Jahrgang.
Dann erschien er auf einmal in Berlin auf der Bildfläche und machte Geldgeschäfte großen Stils. Es gelang ihm, an den Herzog Borwin von Mecklenburg heranzu- kommen und sich dessen Vertrauen so zu erringen, daß er Generalvollmacht dieses jungen Fürsten erhielt. Allerdings hat die Herrlichkeit nicht lange gedauert und Grosse sah sich genötigt, sehr schwierige finanzielle Transaktionen zu machen. Dabei sollte er eine. Reibe von prominenten Berliner Persönlichkeiten, darunter den früheren Gouverneur Jesko von P u t t k a m-t r ,■ um mehrere tausend Mark betrogen haben Bei der Verhandlung vor der Strafkammer zeigte sich Grosse als ein sehr redegewandter Mann, der sich so geschickt verteidigte. daß das Gericht in den Betrugsfällen zur Freisprechung kam. Seine großen Geschäfte blieben straflos, dagegen wurde er wegen einer recht untergeordneten Sacke (er hatte seine auf Abzahlung gekauften Möbel weiter verkauft) zu e in e m M o n.a t G c f ä n g n i s verurteilt, eine Strafe, die allerdings durch die erlittene Untersuchungshaft als verbüßt betrachtet wurde. Grosse, der sich in Deutschland verheiratet hat (seine Mitgistaffäre war ebenfalls höchst mysteriös), ging dann nach England, too*er nun nach kurzer Zeit unter dem Verdacht der Spionage in Portsmouth verhaftet wurde. Daß Grosse irgendwie „beauftragter" Spion gewesen fein kann, erscheint nach Lage der Sache undenkbar; wabrscheinlick wird sich auch seine „Spionage" letzten Endes als ein neuer Trick seines Verbrechergenies entpuppen, -ae-
Am aller Welt.
Abschied vom Waüotharrs.
Sie sind gegangen! Das Reichshaus ist leer. Scheuerfrauen tummeln sich, wo man sich eben noch politische Bosheiten an den Kopf warf. Die Reichstagsboten von neun- zehnhundertsteben sind nicht mehr. Es waren trübe Äugenblicke, diese letzten Tage der scheidenden „M. d. R.“ Augenblicke voll böser Ahnungen und wehmütiger Erinnerungen. Gar mancher ging feuchten Auges noch einmal durch alle Räume, Säle und Sälchen. Leise zitterte seine Hand, als er zum letzten Male den bronzenen Zigarrenanzünder in Tätigkeit setzte, düster stellte er in der Bibliothek das letzte Werk, in dem er eben noch geblättert hatte, in das hohe Regal zurück. Ein westdeutscher Oberlehrer, der gar keine Aussicht hat, wiedergewählt zu werden, schluchzte sogar auf. als er seinen Schubkasten leeren mußte. Mit einem breiteren Lächeln zogen nur die von dannen, die freiioillig auf ein neues Mandat verzichtet haben, und . . . deren sind nicht wenige. Einer ging nach dem anderen, langsam, bedächtigen Schrittes, keiner frohen Herzens. Was wird die Wahl bringen? sann jeder in seinem Innern. Nur ganz wenige starke Seelen schwangen sich zu einer Art Galgenhumor auf. Sie ließen absichtlich irgend einen Gegenstand im Kasten liegen, und sagten so leicht hin: „Ach, den hebe ich mir hier auf, bis ich im Februar wiederkom- me!" Ob sich das Schicksal betrügen lassen wird? Herzliche Glückwünsche geben die Fraktionsdiener den Scheidenden mit auf den Weg . . . Einer nach dem anderen ist verschwunden. Da öffnet sich noch einmal die Tür. Ein Professor, der sich besonders für Rechnungssachen interessierte, erscheint auf der Treppe. Er ist der letzte, er weilte, so lange es nut anging, im Wallotbau. Jetzt drehen die Diener aber schon die Lichter aus. Seine Augen sind rot. Er blickt immer und immer wieder nach dem Reichshause zurück. Er möchte so gern noch Abgeordneter bleiben, aber feine eigenen Parteifreunde haben ihn nicht
!♦ Beilage.
Freitag, 8. Dezember 1911.
mehr ausgestellt. Sein Wahlkreis ist einer befreundeten Partei abgetreten worden . . .
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$er Älttb der Verbrecher.
Der Berliner Verbrechergesangverein der „Kalnpen" läßt wieder etwas von sich hören. Am Dienstag abend wurde eine Gesellschaft jugendlicher Einbrecher, die aus fünfzehn Köpfen bestand und über hundert Einbruchs- diebsiähle verübt hat, verhaftet. Die jungen Einbrecher hatten sich unter der Führung der bereits vorbestraften Arbeitsburschen Franz Krisch und Hermann Borch zusammengetan, um gemeinschaftlich besonders den Schaufenstereinbruch zu betreiben. Der Bande gehörten auch einige frühere Mitglieder des „Gesangvereins der Kalupen" an, der (wie erinnerlich) von der Kriminalpolizei bei einem Zechgelage überrascht wurde, nachdem er bei einem Juwelier in der Andreasstraße für zehntausend Mark Gold- und Silberfachen erbeutet batte. Tie Nachfolger der „Kalupen" brachten ihre Beute regelmäßig zu einem Schankwirt in der Neuen Königstraße. Von dort aus verkauften sie sie später. Die Gesellschaft bestand erst seit einem Monat. Durch die Eifersucht der beiden Führer bekam die Kriminalpolizei Kenntnis von der Tätigkeit der Gesellschaft. Die beiden Führer gerieten wegen eines Mädchens in einen Streit der damit endete, daß sich zwei feindliche Lager bildeten. Der Führer der „älteren" Gesellschaft offenbarte sich vorgestern der Kriminalpolizei und machte über die ganze Gesellschaft so genaue Angaben, daß es gelang, die Mitglieder beider Parteien zu ermitteln und zu verhaften. Ter Bande sollen als „Ehrengäste" zahlreiche Halbweltlerinnen angehört haben.
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Der Tod m den Zchsnzgräbe«.
Rasch und still tritt der Tod die wackeren kleinen Piemontesen und Toscaner an, die in den Sckanzgräben um Tripolis Wachen, essen, schlafen und leben. Der französifcke Korrespondent Gaston Chörau erzählt mit wenigen eindringlichen Worten von diesem Leben und Kämpfen im Schatten des Todes: Wie man stirbt? Einfach, wortlos, wie der Zufall es will. Vor einigen Tagen war einer unserer Kameraden nach Messri gegangen. Es war ein ungewöhnlich heißer Tag. Er nähert sich einem Soldaten, der eine Zitrone zerschneidet, um sich an dem sauren Saft zu laben. „Wo haben Sie die Zitrone her, ich möchte mir auch eine holen." Der braune, kleine Piemontese lächelt. Er öffnet den Mund, um zu antworten. Aber kein Laut kommt über die Lippen, und er finkt plötzlich zu Boden. Eine Kugel kam geflogen . . . Sie war dem kleinen Zitronenesser durch den linken Arm gegangen, drang in die Brust und traf das Herz. Die Kameraden in den Schanzgräben nicken fchweigend. Keiner wundert sich, keiner klagt. Sie kommen herbei und nehmen die Leiche. Zuerst werden die kleinen persönlichen Habseligketten des Toten geborgen. Ein Ledersäckchen, wahrscheinlich das Portemonnaie, ein Taschenmesser, vielleicht ein buntes Taschentuch, ein kleines Amulett, das der junge Krieger am Halse trug. Morgen wird man diese traurigen Reliquien in ein kleines Paket schnüren und heimwärts schicke«: Der alten Mutter, die vergebens auf die Rückkehr ihres Sohnes wartet. Ein Kamerad hat dem Toten die Augen zugedrückt, ein anderer faltet die erftarrenben Hande. Und ohne Zeitverlust, gleich hinter den Schanzgräben, gräbt man die Grube, bettet den Körper, steht einige Sekunden still am Grabe: Daun rollt der Sand herab, und die Grube ist geschlossen. Und der Tod schreitet weiter, unerbittlich, grausam und hart . . .
Mchimbengo-Dschumbi.
Interview mit einem LandSmann vom Kongo.
„Uuahuahuahua krex, krex, krex . . .
Ich Hatte mir gerade den Tee bringen lassen und mich mit einer Zigarette im Schaukelstuhl niedergelassen, um zehn Minuten Dänuner- „stunde" zu halten, als diese schauerlichen, heulenden Töne auf dem Korridor erschallten.
Johanna, das Mädchen, stieß einen gellenden Schrei aus . . . einen richtigen Kreischer.
Ich stürzte aus meiner Behaglichkeit auf und an die Türe:
Was ist denn los? Warum schreien Sie denn so?"
Zitternd wie Espenlaub stand das Mädchen an der Wand und sah angstvoll nach der Entreetüre. Im Halbdunkel erkannte ich eine eigentümliche Gestalt.
„Uuahuahuahua krex, krex, krex . . ." heulte es wieder. Jetzt wurde auch mir ganz unheimlich. Ich riß mit der einen Hand die elektrische .Taschenlampe, mit der anderen meine Browningpistole heraus: Knips In dem Lichtkegel meiner strahlenden Glühlampe erblickte ich einen Neger mit fletschenden, weißen Zähnen. Er grinste . . .
„Was wollen Sie denn hier?"
Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf. Ich ließ die Pistole in die Tasche, fallen und griff nach dem Portemonnaie. . . Richtig ... der Neger verzog grinsend sein Gesicht. „Moio, moto dsching bum bum, pi . . ."
Ich fand nur Zwei- und Drei-Markstücke. Egal. Es galt, diesen Kerl auf alle Fälle so schntll wie möglich los zu werden.
„Hier haben Sie zwei Mark und jetzt gehen Sie!"
„Bujo bschenka ndschambimbo" . . . heulte der Schwarze, blieb stehen und betrachtete sich das Silberstück, das er in feinen affenartigen Fingern hin- und herdrehte, von allen Seiten. Plötzlich enffpannte sich fein aufgeregtes Gesicht. Den braunen Zeigefinger auf der Münze, sah er mich ergriffen an und sagte ganz deutlich: „Kai . . . ferr . . .
„Jawohl, das ist der Teuffche Kaiser."
„Rix ... nix ... unserr Kaiserr . . . mein Kaiser.. . Hurrah Hurrah!" Er gerät in einen aukeitcten Freudentaumel und ehe
ich es verhindern kann, beginnt er auf dem Korridor eine Art afrikanischen Schuhplattler, klatscht sich auf die Schenkel, pfeift durch die Zähne und wackelt mit den Ohren, daß die darin bängenben Ringe klappern. Npch einer Weile beruhigt er sich.
„Wieso ist das Ihr Kaiser?" frage ich.
„Hurra, Hurra . . . mein Kaiserr ... ich daitsch . . . Hurrah, Hurrah. dschenga bumba ... Kongo, Kongo ..."
Mir geht ein Licht auf. Sollte dieser Mensch . . .? „Sie sind wohl vom Kongo, wenn ich Sie recht verstehe?"
Wnigo, wuj, oui, nein, nix mehr französisch. jetzt daitsch... nix mehr Fallen, jetzt Kaiserrr! Kongo daitsch!"
Also wirklich: Ein Landsmann vom Kongo, ein srischgebackener Deutscher! Mein Entschluß ist gefaßt: ich werde mit meinem neuen Landsgenossen Brüderschaft trinken ... ich habe schon mit ganz anderen Leuten Brüderschaft getrunken, mit viel schwärzeren. Ich hole ihn also herein in die gute Stube. Dort im vollen Scheine des Lichtes besehe ich mir mein Exemplar. Ein Bad könnte nicht schaden. Am imponierendsten an diesem ganzen Kerl, der auf Streichbolzbeinen aufgebaut ist, ist unstreitig das Gebiß . . . ein wahres Gorillagebiß mit fchräg gegeneinander gestellten Zahnreihen.
Wir fetzen uns. Ich biete ihm einen Stuhl an, aber er kauert sich auf den Boden, vergißt mich völlig und hott irgendwo aus einer Falte feiner unbeschreiblichen Gewandung eine gelbe Schachtel heraus. Auf dem Deckel lese ich: Guttal in. Er versucht die Schachtel zu offnen: da es-nicht gleich geht, klemmt er sie zwischen die Zähne und . . . ratsch ... ist der Teckel ab. Eifrig wie ein Kind, das eine Backschüsse! ausputzt, fährt er dann mit dem Finger in die Schachtel und führt etwas Schwarzes zum Munde. Ein vergnügtes Schmunzeln geht über fein Gesicht. Plötzlich scheint er sich meiner wieder zu erinnern. Er hebt langsam den Kops und sieht mich stillvergnügt undvlinzenlndan:„Wichse, Wichse... gutt Stiesellwichse . . . cioheioh . . . gutt auch für Zähne."
Das fcheint wahr zu sein. Ich fasse heimlich den Enffchluß, auch „Guttalin. zu fressen!
' »Wo haben Sie daS denn her $"
„Uifafa . . . getauft!"
„Dann müssen Sie doch Geld haben?"
„Uitra bembafchingaschumba , . . Nix Geld . . . fo gekauft!" (Er macht eine klauende Gebärde). „Odschimbengo-Dschumbi ui Geld. Obschimbengo-Dschumbi Heimweh nachKongo."
„Obschimbengo-Dschumbi ... so heißen Sie wohl?" Er nickt. „Kann man das auch auf Deutsch..."
„Ogafafa . . . Odschimbengo • Dschumbi heißt daitsch: kühner Kinderfresfer!"
„Also, der kühne Kinderfresser hat Heimweh nach dem Kongo. Ist es denn dort fo schön?"
„Oihooihooiho . . . scheen, ferr scheen . . . Sumpf, bitt scheener Sumpf guttulülululululu großes Sumpf, nur Sumpf gullululululu- lululu . . ."
„Nur Sumpf?"
„Nur Sumpf! . . . und, und Sand, Sand, heißes Sand. So heiß, daß man kann Kinb- chen b’rauf braten. Oiooio." Odschimbengo-, Dschumbi reibt fick in Erinnerung vergangener Genüsse den Bauch und fletscht grinsend die Zähne.
Plötzlich wird sein Blick, der in eine Ecke gerichtet ist, ganz starr. Regungslos verharrt er einige Augenblicke. Ich folge der Richtung seines Blicks: sie geht nach dem Spiegel. Od- schimbengo-Dschumbi rührt sich leise und beginnt zu winseln. Er versucht, die Hand mit der Guttalinschachtel gegen das Bild im Spiegel zu heben. Aber, als er sieht, daß fein Gegner dasselbe tut, stößt er ein klägliches Geheul aus, springt auf, und ehe ich mich's noch versehe, stürzt der „kühne Kindersresser" beulend zum Zimmer hinaus und in rasender Flucht über den Korridor die Treppe hinunter.
„Guttalin-Schachtel" und Zweimarkstück fallen klirrend irgendwo in die Ecke.
Obschimbengo-Dschumbi ist wie fortgeblasen. . . Schade. Er scheint ein gefügiger Bursche zu sein. Ich hätte ihn doch bitten können, am 12. Januar für feinen fchwarzen Wahlkreis zu kandidiere». Oder sich als Aus- tauschprofeflor verwenden zu lassen. Na, das nächste Mal . . . Johanna, das Mädchen, hat sich wieder in ben Besitz ihrer Guttattn-Büchse gesetzt. Es stellt sich heraus, baß Obschimben- go-Dfchumbi feine Lebensmittel bei uns „gekauft" hat.
DaS Zweimarkstück toerhe ick, auf bie Spar
kasse bringen. Dort soll es Zinsen tragen unb sich im Laufe der Zeit zu einer Million auswachsen. „Man muß bie Zukunftsmöglichkeiten bebenken", hat ber Herr Reichskanzler gesagt. Lanzelot.
Die Zeitung und ihre Leser.
Ein amüsantes unb doch in mancher Beziehung nur allzu wahres Klagelied über bie Unbankbarkett bes Redakteurberufes stimmt bie „Newyork World" in einer Betrachtung an, bie sich mit bem Verhältnis ber Zeitung zu ihren Lesern beschäftigt: „Eine Zeitung rebigieren ist eine höchst angenehme Beschäftigung. Bringt bas Blatt zu viel Politik, so wollen die Leser nichts bavon wissen, bringt es zu wenig, so rümpfen sie bie Rase. Sind die Buchstaben zu klein, so kann man nicht lesen, sind sie zu groß, so steht zu wenig zum Lesen drin. Veröffentlicht man Telegramme, so w.eoen sie als Schwindel betrachtet; veröf- jentlicht man keine, so ist man nicht ernsthaft und unterdrückt wichtige Nachrichten ans Poli- ttschen Gründen. Bringt matt hin unb toieber ein Bonmot, fo ist bie Zeitung nur für flache Köpfe gemacht; bringt man keines, so ist das Blatt von humorlosen Gesellen rebigiert Bringt man originelle Berichte, so wirb einem vorgeworfen, bie Dinge nicht ernst zu nehmen; bringt man sachliche Berichte, so bietet man keine Unterhaltung unb nicht mehr, als man auch in anberen Blättern lesen kann. Berichtet man unparteiisch über eine Versammlung, so soll man lieber überhaupt schweigen: schweigt man, so fälscht man bie Tatsachen. Bringt man bie Biographie eines großen Mannes ober Politikers, so ist man parteiisch; bringt man sie nicht, bekümmett man sich um gar nichts. Veröffentlicht man einen Artikel für bie Frauen, fo sinb die Männer untufricben, unb ebenso umgekehrt. Geht ber Chefredakteur in die Kirche, so ist er klerikal; geht er nicht in bie Kirche, so ist es ein Mensch ohne Glauben unb Gewissen. Bleibt man in der Redaktion an ber Arbeit, so hat man Angst, sich öffentlich zu zeigen; geht man aus und besucht man Casös, so täte man besser, sein Blatt zu rebigieren. Bezahlt der Redakteur seine Lieferanten langsam, fo ist er ein vertrauensunwürdiger Mann. Bezahlt er sie pünktlich, so urteilen bie Leute, daß er sein Geld gestohlerr habe..,