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COIer Neueste Nachrichten

Casseler Abendzeitung Hessische Abendzeitung

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Nummer 4. Fernsprecher 951 und 952. Freitag, 8. Dezember 1911. Fernsprecher 951 und 952. 2. Jahrgang.

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Infantin Eulalia.

Das Buch einer hochfürstlichen Demokratin.

Erst sprach man von denTagebuchplättern eines kapriziösen Blaustrumpfs", und lächelte darüber. Nun sind's die ethisch verbrämten Memoiren einer Verlornen", und die arge Welt harrt mit angehaltnem Atem der süßen Dinge, die da kommen sollen: Das ist so ungefähr die Geschichte der Tante Eula­lia, die in des dreizehnten Alfonsos zottes­gnädiger Majestät den Chef des erlauchten Hauses und den Neffen ihrer Königlichen Ho­heit verehrt. Eulalia von Bourbon, Infantin von Spanien, war schon in den Jahren, da sie (noch im Flügelkleide) im Labyrinth des Es- torial der Jugend Lust und Fröhlichkeit im Bann steifer Etikette verkümmern fühlte, der Schrecken der Auguren, die Sorge der Lakeien und der Kummer der erlauchten Schpe. Isa­bellas rassige Tochter achtete weder Tradition noch Ideal; ihre tollen Jugendstreiche sind noch heute die düsterste Erinnerung würdiger Pa­lastmatronen, die zu Isabellas Zeit am Bour­bonenhof in des Daseins Maienblüte strahl­ten, und man atmete im Eskorial erleichtert auf, als bald nach Alfonsos ManNbarwerdung Tante Eulalia sich entschied, der Heimat zu entsagen und im fröhlichen Paris des Lebens Glück in vollen Zügen zu genießen. Die En­kelin des stolzen fünften Karl erkühnte sich, während sie noch am Hofe Philipps des Würdi­gen sich langweilte, ihr Haar tizian-golden fär­ben zu lassen, das Entsetzen der Hofgesellschaft- frevelnd herauszusordern irnb aller teuren Bande fromme Scheu lächelnd abzustreifen. Im Ahnensaal der Bourbonen spukte es seit diesen Tagen, und die alten Herren und Da­men im goldglitzernden Rahmen bruhigten sich erst, als die der starren Zucht der Ahnen längst entwachsne Enkelin Spaniens Erde verlassen.

In Paris hat Tante Eulalia dem Leben ge­geben, was des Löbens war, ihre zweihundert- scchzigtauscnd Pesetas Jahresapanage mit Lust und Liebe genutzt und (menschlich betrach­tet) dein Haufe der Bourbonen mindestens ebensoviel Ehre geworben, wie andre er­lauchte Träger dieses Namens, di« mit dem äußern Schein der Hoheit-Würde des Daseins tollsten Wirbel klüger deckten. Tante Eulalia blickt heut auf siebenundvierzig Jahre eines erst spät glück-versonnten Lebens zurück: Ihr Haar ist noch immer tizian-golden, ihr Lebens­mut ist ungebrochen, und ihr Geist hat inmit­ten des Sünden-Babels an der Seine die Kon- zentrationskraft gewonnen, manche von der ernsten Kritik mit Achtung genannte Pro­ben produktiver Arbeit der Oeffentlich- kett übergeben zu können. Paris, die alles nivellierende Brandunzswoge mo­dern-weltstädtischer Kultur, hat der Infantin von Spanien Anarchisten und Sozialisten, re­volutionäre Berserker und antimilitaristische Fanatiker in den Weg geführt, undmit allen (behauptet Tante Eulalia) habe ich Stunden hoher geistiger Anregung, Momente innerer Erhebung verlebt, und noch heute zähle ich, Karls des Fünften Enkelin, unter den Anar­chisten viele Freunde!" Wenn Eulalia Müller oder Desdemona Schulze also sprechen würde, könnte man's eine Marotte nennen und dar­über die Achseln zucken; spricht aber eine Prin­zessin des Hauses Bourbon, eine Infantin von Spanien, von Leuten, in deren Taschen der Durchschnittsmensch ohne weiteres ein kleines Arsenal von Bomben, Dolchen und Pistolen wittert, wie von lieben Weggefährten, dann hat die Welt ein Recht, erstaunt zu sein, und fragend nach der Wissenschaft zu schauen, de­ren seidenzarte Klügelkunst uns im zwanzig­sten Jahrhundert alle Seltsamkeiten mensch­licher Irrung mit Urberzeugungskraft und schönem Schwung alsAusflüsse psychischer Veranlagung" zu deuten pflegt.

Eine Prinzessin, die Memoiren schreibt, ist immer verdächtig: Luise Montignoso war's, Alcie Chimay war's, und Dutzende vor ihnen, deren Namen nur noch wie ein Schatten in der Erinnerung haften. Das hat man offenbar auch am Bourbonenhof des dreizehnten Alfonso erkannt: Der Chef des Hauses dekretierte tele­graphisch nach Paris, daß die Herausgabe des Eulalia-Buchs zu unterbleiben habe, bis die Allerhöchste Sanktion gnädigst erteilt werde. Und Tante Eulalia drahtete umgehend zurück: Bedaure sehr, lieber Neffe, ich wohne in Paris und wähne mich Eurer Majestät Allergnädig­ster Vormundschaft unterdessen entwachsen! Sturm im Eskorial, lang ausgedehnte Haus­minister- und Diplomaien-Konferenzen, dring­licher und beschwörender Depeschenwechsel zwi­schen Madrid und Paris, in piano und for- tissimo: Vergebens, Tante Eulalia, die Sieben­undvierzigjährige im goldblonden Haar, trotzte Bourbon, trotzte dem Bannfluch der erlauchten Sippe und lächelte über das nahe Verhängnis

einer tränenreichen Familien-Katastrophe. Ihr Buch wird erscheinen, wird in wenig Tagen zu Hunderttausenden fiebernd-gespannter Leser sprechen, dem schmunzelnden Verleger über Nacht Millionen blanker Francs ins Haus tragen und der sensation-witternden Welt er­zählen, wie die Infantin von Spanien in stillen Stunden . . . harmlos - geschnörkelte Randbemerkungen zu philosophischen, religiö­sen und sozialen Alltagsfragen auf's kronen- gezierte Büttenpapier kritzelte! Und da­rum der Lärm, darum die Störung des süßen Familien-Jdylls in Enas traulichem Heim, und d a r u m die Aufpeitschuug der Spät­herbst-Langeweile zu lauernder Erregung! Das Intermezzo hätte ohne den lauten Lärm an­genehmer unterhalten können. Aber Eulalia von Bourbon hat auf ihren Skizzenblättern auch den Purpur gelüftet, der den Fürsten und seine Makel deckt, indem sie von ihrem Gatten wie vom Dämon des Bösen sprach. Und das hätte sie n i ch t tun sollen (spricht die Ge­rechtigkeit menschlicher Schätzung), denn was droben auf den Höhen niedrig scheint, soll De­nen drunten im Tal dennoch hoch und ragend bleiben . . .! F. H.

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Wittelsbüch und BaurbM.

Wie aus München berichtet wird, hat dort der Konflikt int spanischen Königshaus, das bekanntlich mit der bayrischen Königsfa­milie eng verwandt ist, aufs peinlichste über­rascht. Prinzessin Eulalie ist eine Tochter der Königin Isabella der Zweiten und eine Schwe­ster der Prinzessin Maria de la Paz, Gemahlin des Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern. Die Infantin ist auch Ehrendame des königlich bayrischen Dheresien-Ordens und pflegte bisher alljährlich einige Wochen in München zu ver­bringen. Der Grund dafür, daß König Al- phons sich plötzlich zum Zensor der literarischen Werke seiner Tante aufschwingt, ist (wie in Münchner Hofkreisen verlautet) nichts ande­res, als «die Befürchtung, daß in dem Bucke verschiedenes veröffentlicht weiden könnte, was für den spanischen Hof unangenehm wird. Man fürchtet in Madrid auch Enthüllungen über die sonderbaren Erlebnisse der Jnfanttn bei ihrer Ehescheidung; auch sollen in dem Buch die unglücklichen Ehen an sürstlichen Höfen be­handelt sein. Unwillkürlich denkt man dabei an den König von Sachsen, mit dem die Jnfanttn Eulalia ebenfalls stüher in Korre­spondenz stand. Indes hat die Infantin auch dieses Kapitel bei aller Schärfe gegen die be­stehenden Einttchtungen in ihrem Buche (sie spricht der Gestattung der Mederverehelichung der Geschiedenen das Wort) sehr diskret be­handelt. Das Buch der Prinzessin Eulalia ist übrigens nicht ihr Erstlingswerk, denn sie hat für deutsche und französische Blätter unter ei­nem Pseudonym sehr beachtete Beschreibungen und Feuilletons gescbtteben. Sie ist Demokra­tin mit fürstlichem Titel und eine begeisterte Wagnerianerin. Ueberhanpt schwärmt sie für Musik und Kunst und nimmt fast in je­dem Jahre an den Richarb-Wagner-Festspielen im Prinz-Regenten-Tbeatcr teil. Daß die Jn­fanttn sich nicht viel aus Rang und Titel macht, wußte man seit langen Jahren in Münchner Hoflreisen. In ihrer Offenheit machte sie dar­aus nie ein Hehl. Sie drängte ihre demokrati­schen Meinungen und Ansichten niemandem auf, aber sie verleugnete sie auch nicht, wenn darauf die Rede kam. Gerade wegen ihrer Of­fenheit war die Jnfanttn in München sebr be­liebt. Die Drobung des Königs Alphons auf Entziehung der Apanage der Infantin ist kaum ernst zu nehmen, denn die Tante Eulalia ist sehr reich und dabei recht anspruchslos.

Friede in de? Metall-flnduktrie.

Das Ende der Berliner Aussperrungen.

In Berlin haben gestern von zehn Uhr vor­mittags bis in die Nachmittagsstunden Ver­handlungen zwischen den Metallarbei­tern und den Unternehmern stattgefun­den, die sich um die am Dienstag in zwölfstün­diger Arbeit zwischen den Delegierten beider Parteien festgelegten neuen Bedingungen dreh­ten. In den gleichzeitig stattfindenden Ver­trauensmännerversammlungen des Verbandes der Metallarbeiter wurden insgesamt 2529 Stimmen abgegeben, davon waren 712 Stim­men für die A n nähme. 1817 Stimmen für die Ablehnung der Vereinbarungen. So­mit gelten die Differenzen der Berliner Metall­industrie für beigelegt und die AuSsper- rungcn haben ihr Oitbe gefunden, lieber den Gang der Verhandlungen wird berichtet:

Berlin, 7. Dezember.

(Privat-Telegram m.t

Gestern vormittag fand in den Sälen der Neuen Welt" in der Hasenheide die Versamm­lung der Vertrauensleute der Metallarbeiter statt, zu der auch viele Frauen erschienen waren. Das Referat hielt der Leiter der Zen- tralstelle des Deuffchen Metallarbeiterverban­des, Adolf Cohen. Er trug die neuen Ver­einbarungen vor, skizzierte sie eingehend und empfahl zum Schluß ihre Annahme. Wäh­rend seiner Red« wurde Coden mebriack durch

Zwischenrufe unterbrochen. Es hatte sich gleich zu Anfang unter den Teilnehmern der Ver­sammlung eine scharfe Oppofition ge­gen die Einigung und gegen die Annah- nter der vorgeschlagenen Bedingungen geltend gemacht. Um ein Uhr erfolgte die Abstimmung, die das (bereits oben mitgeteilte) Resultat er­gab. Als von der Leittmg der Versammlung bekannt gegeben wurde, daß die Vereinbarung selbst mit großer Majorität abgelehnt worden war, daß aber trotzdem unter den obwalten­den Stimmverhältnissen eine Fortführung des Streiks nicht möglich sein werde, entstand g r o- ßer Lärm; es fielen Worte wieSchie­ber",Schwindel",Betrug" und so weiter. Man beruhigte sich indessen bald, und ohne besondere Zwischenfälle gingen die Teil­nehmer der Versammlung auseinander. Tie Arbeit in den Fabriken dürste am Montag be­reits im vollen Umfang wieder aufgenommcn werden. Tatsächlich ausgesperrt waren in den letzten Tagen 56000 Metallarbeiter.

Jas Mos im fernen Ästen.

Die Abdankung des chinesischen Regenten.

Einem Reuterteleqramm aus Peking zu­folge hat Prinz Tschun die Regent­schaft nieder gelegt. Die bisherigen Großsekretäre Hsu-Si-ckang und Shih-hsü sind zu Vormündern des Kaisers ernannt worden. Die Regentschaft fällt fort. Die Re­gierung geht in die Hände des Ministerpräsi­denten über, während die Kaiserin-Witwe und der Kaiser Audienzen abhalten und die zeremo­niellen Funktivnen ausüben. Die Kaiserin- Witwe hat ein Edikt erlassen, daß der Regent infolge der Unruhen im Lande seinen Ver­zicht gegeben habe und daß der Thron dem Wunsch nach einer repräsentativen Regierung Nachkommen werde. Weiter wird berichtet:

Peking, 7. Dezember.

(P r i v a 1 - T e l e g r a m m.)

Die Polizei nahm kn der Nacht vom Mow- tag zum Dienstag fünfzig Verhaftungen von Revolutionären vor, die Bomben gegen das Südtor am Eingänge der Tartarenstadt, die nördlich von Peking gelegen ist, geworfen hat­ten. Die allgemeine Stimmung in Peking wird immer unsicherer, namentlich seit dem Falle von Nanking und infolge der besorgnis­erregenden Lage in den Provinzen, wo das Piratenwesen in vollster Blüte steht. ES wird bekannt, daß der allgemein beliebte Gouver­neur der Provinz Kwei-chow, weil er sich wei­gerte, die von den Revolutionären angebotene Stellung eines Präsidenten von Kwei-chow anzunehmen, unter sicherer Bedeckung nach Schanghai transportiert worden ist. Da die Führer der Kaiserlichen und der Aufständischen in Hankau bisher nicht imstande waren, zu einer endgültigen Entscheidung zu kommen, ist der Waffenstillstand auf weitere drei Tage ausgedehnt worden.

Sine ««abhängige Mongolei?

Depeschen aus Petersburg berichten: Die Unabhänaigkettserklärung der Mongo­lei ist den hiesigen polittsckcn Kreifen als sehnlichst erwartetes Ereignis sehr will­kommen. In diplomatischen Kreisen ver­schweigt man keineswegs, daß sowohl der auf der Rückreise von Peking nach Lhassa begrif­fene Dalai Lama, als auch fein Vertreter in der Mongolei, Chutuchta von Urga, treu erge­bene Freunde Rußlands sind. Man er­wartet hier, daß an die Spitze der Mongolei sich ein Weltlicker Herrscher stellen wird, der gleichfalls bei Rußland Schutz suchen werde. In Kreisen, die in der ostasiatischen Politik Rußlands gut versiert sind, herrscht ausge­sprochene Neigung, den günstigen Augenblick zu erfassen und die Unabhängigkeitserflarung der Mongolei anzuerkennen. Jnzwifchen ist (einem andern Telegramm zufolge) bereits eine mongolische Deputation nach Petersburg unterwegs, um von der russischen Regierung die Anerkennung der Unabhängigkeit der Mon­golei zu erwirken. Erfolgt diese Anerkennung, dann wird dadurch die Lage in Asien noch komplizierter und gefährlicher.

Sturm ht der Duma.

(Telegraphischer Bericht.)

Petersburg, 7. Dezember.

Die gestrige Abendsitzung der Duma verlief äußerst stürmisch. Ter sozialistische Depu­tierte Gegeffchori benutzte die Besprechung der Interpellation über die Ermordung Sto­lypins dazu, die Ursachen der Auflösung der zweiten Duma zn erörtern. Die Mitglieder der Rechten lärmten, um die Rede z« verhin­dern. Der Präsident mutzte schlietzlich die Sitzung abbrechen. Rach Wiederaufnahme der Sitzung weigerte sich Gegeffmori, dem der Prä­sident das Wort entzogen hatte, die Tribüne zu verlassen, weshalb die Sitzung abermals un­terbrochen wurde. Rach der Wiedereröffnung dauerte der Lärm fort. Drei Sozialisten wur­den von fünfzehn Sitzungen ausgeschlossen. Un­

ter fortdauerndem Lärm endete die Sitzung erst um die Mitternachtsstunde. Die Verhandlun­gen werden heute fortgesetzt werden.

PMischeMÜrchen-Seit?

Hinter den Kulissen der Weltgeschichte.

Nach Marokko nun Tripolis, dessen Schicksal in Wirklichkeit lediglich ...Deutsch­land aus des Unheils Tiefen heraufbeschwo­ren hat: Einhochgestellter Italiener" (die hochgestellten" Leute überschauen das Gestrüpp der Politik bekanntlich so klar wie ein Kohl- gärtcheitt hat's demJournal de Geneve" er­zählt. Dieser illustre Gewährsmann hat an­geblich sogar Tag und Stunde genannt, da ein bekannter, französischer Diplomat dem Herrn der römischen Consulta die aus englischer Quelle stammewbe Hiobspost ins Ohr geflüstert haben soll, Deutschland hege die Absicht, die Cyrenaika zu besetzen, um im Norden Afrikas für immer festen Fuß zu fassen. Diese Kunde habe dann Herrn Giolitti veran­laßt, schleunigst den Kriegs-und den Marinem!- nister zu sich zu beordern, um mit ihnen die Möglichkeit einer forcierten nordafrikanischen Aktion zu erörtern, die dem Zweck dienen solle, demdrohenden Handstreich" des nördlichen Dreibundgenossen zuvorzukommen. Ein paar Tage später erfuhr dann die mitten im schön­sten Sommerfrieben schlummernde Welt, daß die Enkel der Caesaren den Söhnen Osmans den Krieg erklärt hatten. So wenigstens er» zählt's der Gewährsmann des Genfer Blattes. Es erübrigt sich, zu bemerken, daß es sich um ein Märchen handelt, das nicht einmal ge- ickiickt erfunden ist; der römische Münchhausen ist's auch nickt, der der Geschichte die interessan­te Folie gibt: Das Charakteristische der Situation ist vielmehr die deutlich erkenn­bare Tatsache des Mißtrauens gegen­über Deutschland, und der nickt minder deutlicke Hinweis auf Englands Ver­di e n st als freundnackbarlicher Warner.

Man darf der raffiniert geschliffenen Diplo­matie der Londoner Downing-Street allerlei komplizierte Kabalen und vom Zweck geheiligte Jntriguen zutrauen: Daß aber wirklich ir­gend ein angelsächsischer Gespensterseher auf den Gedanken hätte kommen können, hinter der stillen Bescheidenheit der Berliner Wilhelm- straße schwarze Pläne gegen Osmans Hoheit im Norden des schwarzen Erdteils zu vermu­ten, fft etwas so Unfaßbares, daß man entwe­der an einen Scherz oder an ein Hirngespinst krankhafter Einfalt denken muß. Freilich: Die verschwiegnen Wege britischer Wkltvolitik sind verschlungen, wie die Pfade eines Irrgartens, und es wäre allenfalls darauf hinzuweisen, daß England in neuerer Zeit ein Interesse daran haben konnte, durch irgend ein Abenteuer der Türkei freiere Hand in Aegypten zu gewinnen, sodaß also (wenn wirklich ein englischer Diplomat der Erstnder des Mär­chens vomgeplanten Handstteick Deuffchlands gegen die Cyrenaika" gewesen ist) die Mög­lichkeit der Annahme bliebe, daß hier etwa der Wuüsch der Vater des Gedankens gewesen sein könnte. Die Wirklichkeit hat inzwiscken das Märchen zwar korrigiert, aber eS bleibt für uns doch immer eine nützliche Erinnerung. daß man sogar in des Dreibunds freudlosem Bruderhaus uns einer Politik fähig erachtet, die nicht nur nicht klug, sondern auch (nach Lage der Sache) gleichbedeutend mit der Ent­fachung des Kriegsbrands gewesen wäre. Und immer wieder: England als Mephistophe­les. als Säemann des Mißtrauens und als Un­ruhstifter ! -an.

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Ein Privattelcgramm meldet unS aus Wien: Der römische Korrespondent der Reichspost" versichert aus das Bestimmteste, datz seine Meldung über den beabsichtigten Austritt Italiens aus dem Drei­bund ttotz aller Dementts auf Wahrheit be­ruhe und datz tatsächlich diesbezüglich im Palais der französischen Botschaft in Rom Ver­handlungen stattgcsunden haben, über deren Resultat in unterrichteten Kreisen allerdings strengstes Stillschweigen beobachtet wird.

3m Zeppelin rum Pol?

Nansen und Hergesell über die geplante Polärfahrt Zeppelins.

Wie wir seinerzeit mitgetetlt haben, fand die ge­plante Polarfahrt mit Zeppelin-Luftschiffen in Professor Tr. Wilhelm Sievers, dem bekannten Gießener Geologen, einen scharfen KrUiker, der in Peter- manns Mitteilungen die Unm öglichkeit des Unter­nehmen» erweisen wollte. Tiefer Angriff hat jetzt den langjährigen Mitarbeiter Z-ppelinS, Geheimrat Tr. Her- gesell auf den Plan gerufen, der nun an gleicher Stells über das Unternehmen und seine Vorbedingungen interessante Mitteilungen macht.

Geheimrat Hergesell betont in seinen Aus­führungen vor allem, daß nicht der gegen­wärtige Stand der Lustschiffahrt für eine Kritik in Betracht kommt, sondern daß erst an die wissenschaftliche Expedition gegangen wer­ben soll, wenn das Luftschiff starren Systems .n bestimmter Weise entwickelt ist. Vierer­lei soll vorher geleistet werden: eine große, ja beinahe vollkommene Betriebssicher­heit muß vorhanden sein, die wesentlich von