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Nr. 3.

zwei« «r Jahrgang.

CÄklerReM NlchrWtm

1. Beilage^

Donnerstag, 7. Dezember 1911.

zwischen zwei Frauen.

Wie Frau Langevin Frau Curies Liebesbriefe entdeckte.

(Don uttfeim Lorresvondente:r.) Paris, 5. Dezember.

EZ ist bereits berichtet worden, daß der Ehebruchsprozeß, den die Gattin des Profes­sors Langevin gegen ihren Mann und die liebesfrohe Witwe des Radiumentdeckers Curie angestrengt hatte, nicht zur Verhand­lung kommen wird. Die verlassene Ehesrau hatte gar nicht die Absicht, einen Skandal ber- vorzurufen: Sie wollte nur ihre vier Kinder, die von dem gewissenlosen Vater weggebracht worden waren, wiederhaben. Da nun Lange­vin, nachdem er sich anfangs gegen ein solches Ansinnen energisch gesträubt hatte, sich bereit er­klärt hat, die Kinder herauszugeben und alle Alimentierungspflichten anzuerkennen, ist seine Frau entschlossen, in die von ihm verlangte Scheidung einzuwilligen und sich ohne viel Aufhebens von ihm zu trennen. Es ist, wie letzt feststebt, überhaupt nicht die Schuld der Frau Langevin gewesen, daß die ganze Affäre, in der die Nobelpreisdame Curie eine recht eigentümliche Rolle gespielt hat, an die Oesfcnt- lichkeit gelangte; ganz unbeteiligt war sie vor allem an der Veröffentlichung der von Hatz er­füllten Liebesbriefe des Pärckens Lange­vin-Curie: Man weiß fetzt, daß diese Veröffent­lichung ihr von ihren Anwälten förmlich ab­gezwungen wurde, nachdem die Herren ge­merkt hatten, daß die Gegenpartei ihrer Klien­tin zahlreiche prozessualische Fallen zu stellen versuchte. Man erfährt jetzt awr wie der Briefwechsel des Professors und seiner etwas antiquierten Freundin in die Hände der be­trogenen Gattin fiel, und wie infolgedessen

das Innenleben der Frau Curie gewissermaßen „mit Radium durchleuchtet' wer­den konnte; es ist dies eine höchst amüsante Geschickte, die wie ein Sherlock Holmes-Roman anmutet. Frau Langevin die von dem Liebes­verhältnis eine dunkle Ahnung hatte, über­raschte eines Tages ihren Mann, während er einen Brief schrieb; er versteckte den Brief, als 5e ins Zimmer trat, und verlies bald daraus as Haus. Die Frau verfolgte ihn, obne daß er etwas merkte, und sah. wie er auf einem Postamt den Briet in den Briefkasten warf. Bald nachdem der Gatte das Postamt verlassen hatte, trat sie selbst ein, und es gelang ihr unter irgend einem glaubhaft klingenden Vor­wand, von der Posibeamtin den Brief heraus­zubekommen. Durch den Brief erlangte sie die Gewitzheit daß ibr Mann sie mit Frau Curie betrog. Jetzt wollte sie nur nock feststellen: Wo das Pärcken sich zu treffen pflegte. Auch das brachte sie heraus: Professor Langevin wurde eines Tages krank und mußte das Bett hüten; seine Frau durchsuchte während dieser Zeit seine Kleidunasstücke und fand in einer Tasche einen Schlüssel, den sie nickt kannte; sie mutmaßte aber sofort, daß es der Scklüssel zum .Paradies der Liebe' sein müsse. Da sie die Adrcb'e bereits kannte mackte sie P* sofort auf den Weg, Um das Liebesnest ui erschließen, in der sickern Erwartung, daß sie dort man­cherlei Jntcressaittes finden würde. Als sie ie- dock vor dem Hause band geriet sie in große Verlegenheit. Sie konnte die Pförtnerin nickt fragen, wo daS betreffende Zimmer sich befinde, aber sie erinnerte sich plönlick daß Frau Curie, mit der sie befreundet gewesen war. ihr eines Tages gesagt hatte, daß sie eine besondere

Vorliebe für die obcrn Stockwerke

eines Hauses habe, da man dort ungestört ar­beiten könne, und daß ihr Gardinen und Vor­hänge als Mikrobenfänger ein Greuel seien. Frau Langevin schaute in die Höhe und . . . sah im vierten Stock des Hanfes ein paar gar- dineNlose Fenster. Ohne mit der Pförtnerin zu spreckcn, stieg sic rasch die Treppen hinauf; ans dem Flur des vierten Stockwerks geriet sie je­doch in neue Verlegenheit: Es befanden sich hier mckrcre Türen, und sie durste sich nicht irren, wenn sie sich nicht den größten Unan­nehmlichkeiten aussetzen wollte. Da kam ihr wieder die Erleuchttrng. Vor einer der Türen lag eine Matte, und Frau Langevin sagte ■TTO—II »..»! «■■1MUWWUI ■!! I »UMI ——W

< sich, daß in einem Hause, in dem fast nur ! ärmere Arbeiterfamilien wohnten, nur zwei Bourgeois, wie ihr Mann und die Curie, das Bedürfnis fühlen konnten, sich vor dem Ein- ttitt in die Wohnung die Schuhe zu reinigen. Kurz entschlossen steckte sie jetzt den Scklüssel ins Schloß, und ... sie hatte gefunden, was sie suchte: Wenige Minuten später ver­ließ die Schülerin des großen Sherlock Holmes mit einem Päckchen Briefen in der Hand das Haus. Als später Frau Curie die Herausgabe' der Briefe verlangte und mit. einer Einbruchs-- anzeige drohte, erklätte Frau Langevin kühl, daß ihr Mann die betreffende Wohnung gemie­tet habe, daß sie sich also, als sie eindrang, ge­wissermaßen nur in ihrem eignen Hause befun­den habe, und daß es einen Diebstahl zwischen Eheleuten nicht gebe. Da aber die Veröffent­lichung der Briefe durchaus verhindert werden sollte, begab sich ein berühmter Professor der 3 ar6ottne angsterfüllt zum Polizei- vräfekten und bat ihn. die Wohnung der Frau Langevin von Kriminalbeamten durchsuchen und die Briefe mit Bescklag belegen zu lassen. „Aus welchem Grunde denn?' fragte Herr Le- pine. „Weil die Ehre der Universität auf dem Spiele stebt!' „Wirklich?' Das ist ungefähr dieselbe Sprache, die gewisse Gene­rale zurzeit der DrevsuS Affäre führten.' Und die Haussuchung unterblieb ... Dr. M. 8.

Sie Schönen von Srrl.

Eitl russisches PostämtS-Jdyll.

Aus Petersburg wird uns geschrieben: Das Postamt zu Orel ist in des Wortes in­haltreichster Bedeutung ein regelrechtes Hei- ratsbureau. ttttb die Sprechstunden des Di­rektors sind überlaufen von Heiratskandidaten, die die schönen Telephonistinnen und Beamtin­nen des Kaiserlichen Postanztes zu Orel heira­ten wollen. Schon seit Monaten bildet da? Postamt eine „Sehenswürdigkeit'. Die jungen Mädcken. die da aus- und einaeben, sind scklank wie die Gazellen und alle bildschön, gleichgül­tig. ob sie blond, braun oder schwarz sind. Man steht in dem Postamt an den Schaltern, um Briefmarken zu kaufen. Geld abzusckicken und andere postalische Maßnahmen zu treffen. Da öffnet sich eine Tür des Postamtes und heraus treten acht, zehn oder zwölf junge Mädchen. Die Wirkung ist erstaunlich. Kein Mensch sieht mehr auf seine Bestellungen, man läßt die Marken liegen und sieht nur nach den jungen Beamtinnen, die da in blendender Schönheit vorübergehen, um sich nack Häuft zu begeben. Der Sckalterraum war bis dahin überfüllt: Sofort verschwindet die Hälfte der Vostbesucker, um auf der Straße den Schönheiten einen Blick nachwerfen zu können. Man sagt, der Direktor habe einen ästhetisch ausgebildeten Schönheitssinn und lege den grötzten Wert darauf, daß die anznstellenden Beamtinnen vor allen Dingen den Anforderungen der Schön­heit entsprächen. Der Zustrom schöner Mäd­chen nach Orel läßt darum nichts zu wünschen übrig: Es werden vierzig Beamtinnen be­nötigt. Nach einer oberflächlicken Nebersickt sind aber mindestens zweihundert Damen dort angestellt. Jeder Posten ist drei- bis vier­mal besetzt, denn es wird wenig Wett darauf gelegt, daß möglichst viel gearbeitet. wird. Die jungen Damen dürfen sich aber nur mit Zu­stimmung des Direktors verheiraten.

Es spielen sich darum nach den Schilderun­gen eines örtlichen Blattes amüsante Szenen in dem Direktorzimmer ab: Da kam eines TagS der Großgrundbesitzer und Millionär T a m b u- r o w zu dem allgewaltigen Direktor. Unten stand seine prächtige Eguipage mit dem großen dicken Kutscher und vier Dienern in prachtvoller Livree. Der Millionär, ein dicker und unbe­weglicher Mensch, begab sich in daS Direftions- zimmer. Dort entwickelte sich folgendes Zwie­gespräch: „Ich möchte eine von Ihren schönen Mädchen heiraten. Geben Sie mir eine zur Frau, lieber Direktor, ich werde mich erkenntlich erweisen.' (Umschreibung für ein größeres Trinkgeld.) „Was heißt daS,. eines von den Mädchen?' fragt der Direktor. „Welche lie­ben Sie von ihnen. Sie müssen doch eine be­stimmte im Sinne haben.' Der Direktor ist weich gestimmt, denn er weiß, daß Tamburow

reich und freigebig ist. Inzwischen bringen die Diener Flaschen mit Chamvagner. Man setzt sich und stößt an. „Irgend eine möchte ich haben,' sagt der Millionär, „sie sind alle schön und gefallen mir alle.' Man trinkt wei­ter und freut sich des guten Tropfens. Endlich in luftiger Stimmung befiehlt der Direktor, daß fünfundzwanzig Damen hereinkommen mögen. Er fragt sie, welche von ihnen den Millionär heiraten will. Alle kichern und . . . keine spricht ein Wott. Nach langen Be- sprechungett kehrt der Millionär, glücklich heim. Eine hat sich bereit erklärt, ihm als Gattin auf seinen prachtvollen Landsitz zu folgen. Die an­deren vierundzwanzig erhalten prächtige Ge­schenke und werden zur Hochzeit eingeladen. Jeden Tag kommen neue Heiratskandidaten und der Direktor hat viel zu tun, alle Wunsche zu befriedigen. -or-

Aus all« Welt.

Las Verbrechen e-nes Dieners.

In Breslau ist ein schweres Verbrechen verübt worden, dem ein im K'mdesalter stehen­des Mifochen zum Opfer gefallen ist. Die elf­jährige .stänke Tochter der Witwe des Amts­richters wurde in ihrem Bett, das in Brand geraten war, tot aufgesunden. Zunächst wurde angenommen, daß ein unglücklicher Zufall den Tod herbeigeftihrt habe. Jetzt hat ein ju­gendlicher Diener gestanden, das Kind ermordet zu haben, lieber den Unfall werden folgende Einzelheiten berichtet: Am Sonn­abend abend brach ein Schlafzimmerbrand in der Wohnung der Witwe des Amtsrichters Ham an in der Fisckergasse aus. Die elf- jähttge. ettranfte Locktet Erika Haman wurde mit schweren Kopfwunden bewußtlos aus dem brennenden Bett geborgen, ft a r b aber schon in derselben Nacht. Ursprünglich wurde ange­nommen. die Kopfwunden seien bei Flucktver- sucken vor dem Brand durch Ausschlagen auf die Betttant- entstanden. Diese Annahme er* schüttette alsbald die Auffindung eines blu­tigen Hammers. Nack eingehender'Uwer- suckung gestand der fünfzehnjährige Diener der Familie Haman. namens Erich Renner, den Erika häufig geneckt batte, daß er das Mädcken aus Racke dafür ermordet ha­be. Fünf Hammersckläge habe er Enka auf den Hinterkopf versetzt und dann das Bett, um die Spuren seines Verbreckens zu verwischen, angezündet. Wie verlauttt. find Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des iunaett Mörders rege geworden, und er soll deshalb auf seinen Geisteszustand untersucht werden.

Miß Müller aus Chicaco.

Man schreibt uns aus London: Die Dollarprinzessinncn haben jetzt anscheinend das Prinzip, stolz an den Titeln und Kronen Euro­pas vorüberzugehen. Vor einigen Wochen hielt sich in London eine millionenreiche Miß mit dem wenig amerikanischen Namen Müller auf. Trotz dieses gewöhnlichen deutschen Na­mens wollte sich aber der H e r z o g v o n C h e- fter, der elfte Herzog dieses Hauses, herbei­laffen, der „schlichten Müllerin' seine Krone zu verleihen und dafür seine etwas geschwächte Geldkassette aufs neue zu beleben. Die junge Miß, die von Natur aus sehr lustigen Tem­peraments zu sein scheint, ließ sich das lächelnd gefallen und widersprach auch scheinbar nicht den Gerückten, daß sie in kurzer Zeit ihren deutschen Namen mit dem englischen Herzogs­titel vettanscht haben werde. Vor einigen Wo­chen veranstaltete der Herzog einen Ball, zu dem auch Miß Müller ihr Erscheinen zugefagt hatte. Der Ball wurde aufs prächtt'aste vorbe- reitet, denn der Herzog hatte die Absicht, sich an diesem Tage mit der Dollarprinzessin zu verloben. Er hatte dies im Vertrauen seinen nächsten Freunden mitgeteilt und zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß „Fräulein Müller aus Chieago' gern Amerika mH Eng­land unter so günstigen Umständen vertauschen würde. Der Ball begann pünktlich um die fest­gesetzte Stunde. Alle waren neugierig rechtzei- tlg erschienen, nur. . . die Hauptperson fehlte.

Miß Müller ließ auf sich warten. Der Herzog dachte nicht anders, als daß d:es wider einer ihrer lustigen Streiche sei, mit' denen sie ihn schon oft genasfühtt hatte. Er verschob darum den offiziellen Beginn der Festlichkeit aus km> ze Zeit. Als aber Viertelstunde^ um Viertel­stunde verrann, ohne daß die zukünftige Braut erschienen wäre, sandte er einen Diener in die Pension mit der Anfrage, wo denn Miß .Mül­ler bliebe. Hier war man über diese Frage sebr erstaunt und gab die tröstliche Auskunft, daß Miß Müller bereits am Morgen in aller Früh« ...nach Amerika ab gedampft sei. Man mußte also die Verlobung ohne die Braut feiern. Trotzdem der Herzog die Nach­richt von der Abreise seiner „Braut' gsheimzu- halten verfuckre. hatte sie sich doch auf dem Balle wie ein Lauffeuer verbrettet, und nirgends gab es so viel schadenfrohe Gesichter wie in dem Ballsaal an diesem Abend. . .

Richter Lynch.

Aus Newno rk wird uns geschrieben: Int Land der Lhuckgenckte. und -war in. C en­terb ille, einer Stadt in Maryland, ist in der vergangenen Woche zum ersten Mal wieder die „Wipuing-Post'. eine Art Pranger, wo öf­fentliche Auspeitschungen borgenommen wer­den, zur Anwendung gebracht worden. Und zwar wurde die Strafe an einem Gefangenen namens Lawrenee St in er bollstreckt, der feine Frau berbrügelt batte und deshalb zu sccks Scklägen berurteiti worden war. Stiner perlanate, daß seine Frau herbeigeschasst wer­den sollte, damit sie der Vollziehung der Strafe beiwohne. Als Grund hierfür gab er an. er verdiene, daß seine Frau seiner Demütigung beiwohne. Diesem eigenartigen Verlangen wurde Folge gegeben: Die Frau erhielt in der Nähe der WiPving.Post einen Stickt und sah von dort aus der Ausbeitsckung ibres Gatten zu. Mr. Stiner unterzog sich der Strafe, ohne zu zucken, und schien weniaer d-ckon berührt zu fein, als seine Frau, die bitterlich weinte. Der Oberkörper des Geschlagenen wurde dann. mit einem Tuche bedeckt und der Mann nach feiner Zelle gebracht, wo Aerzte ihm bie Striemen mit Salben einrieben und ihm Erfriscknuaen reich­ten. Der Mann wurde hieraus entlassen und von seiner Frau in Empfang genommen, die sich durch die Strafe völlig versöhnt fühlte, . ,

Kr^ss dstm Flirt!

Wie amerikanische Blätter erzählen, hat in den Vereinigten Staaten ein regelrechter Kreuzkrieg gegen das Flirten ein­gesetzt, und das sonniae Kalifornien gebt mit dieser überraschenden Neuheit den Nordstaaten voran. Mr. Sebastian, der Polizeipräsident von Los Angelos, läßt sich nicht von der Tat­sacke abschrecken, daß die ersten Versuche zur Hebung der Sittlichkeit in dieser Hinsicht vor kür,em in Chicago, das die von Los Angelos erfolgte Anregung sofort nachgeahmt batte, zu einem schmählicken Fiasko führte. . Auch in Los Angelos selbst wurde der erste weibliche Polizekbeamte, der in den Dienst des polizeilichen Kreuzzuges gegen das Flirten ge­stellt wurde, übel zuaericktet. Der weibliche Polizist hatte sich nämlich in auffallend elegan­ter Toilette auf die Promenade der fashio- nablen Welt von Los Angelos begeben und dott eine Anzahl Männer, die zndrinalich wur­den. von auf Beute lauernden Detektiven ver­haften lassen. Die enthärten Eheaattinnen der Opfer hatten den weiblicken „Agent provo- catcur* kürz darauf . . . wüst verprügelt, so daß der Kreuzzug gegen das Flirten ein plötzliches Ende gefunden hatte. Präsident Se­bastian hat nun einen verlockend schönen Jüngling in den Dienst bet Polizei gestellt, bet in eleganter Kleidung nach dem Verfahren seines weiblichen Vorbildes Ausschau nach Da­men halten soll, die sich der Unsitte de? Flir­tens befleißigen. Man hostt, daß der Adonis zahlreiche Verhaftungen vornehmen wird.

Die „Casseler Neueste Nachrichten" sind unter Nr. 951 und 952. an das Fermp'rech- i.nett angeschlossen.

Hessische Vmgen.

Die Burgen als mittelalterliche Trutzvesten.

Im Niodirhefvsrben Touri stenveretn iZweiq. vrrein SofTeO hielt gefiern abend Ingenieur E Happel auS Gaffet einen Beitrag übet da« Tema: .Die hessischen Bürgen alt mittelalterliche Trutzvesten" Ter Redner, der durch sein e Burgen- künde in weiten Streifen bekannt und als Schrift- fieller mehrfach hervorgetreten ist, fand mit seinen Ausführungen. die wir hier folgen lassen, bei den zahlreich erschienenen Zuhörern ledhasten BetfaG.

Eine absolut selbständige Rolle haben die Burgen des Mittelalters nie gespielt, im Gegenteil, mit Burgen allein, selbst mit den Besatzungen derselben, konnte die Stra­tegie der ewigen Fehde jener unruhigen Zei­ten nicht rechnen, die Entscheidung lag genau wie heute in der Feldschlacht. Dennoch Wa­rrn die Burgen ein Hatter Körper, der den Kriegern viel schwere Aufgaben stellte, aber der eigentliche Krieger des Mittelalters, der Ritter, sah sein« Ausgabe nickst in der Belage­rung, sondern im freien, offenen Blachfelde, wo er seine ganzen militärischen Tugenden entwickeln konnte. Die Belagerung paßte nicht für den Reiter, sie siel mehr dem Fußvolke zu, und dieses spielte im ganzen Mttelalter eine nur sehr untergeordnete Rolle, weil es nicht diszipliniert und einexerziett war. In römi­schen Zeiten war Vas anders gewesen, da haute der Zetttuttone seine Leute unerbittlich mit einer starken Weinrebe über den Körper, wenn sich die Disziplin zu lockern schien, und wenn beim Friedensdrill sich der rechte Erfolg nicht nack Wunsch zeigen wollte. Dieser Drill, den ein stoßkrästiges. attives Heer nicht entbeh­ren kann, macht« die römischen Legionen un­überwindlich Und sichette dem Vaterlands die Weltherrschaft. AuS wirtschaftspolitischen Gründen, mit dem totalen Niedergang der römischen Finanzen, mußt« der sinkend« Staat bU RaluraXttetimcttttna cfatreten laflea. und

damit ging der Drill, der alle? hochhrelt, und die bcwähtte Disziplin verloren.

Der einstmals hochstehende Staat brach gleich einem morschen Holzgerüst in sich zu­sammen, und die Trümmer begruben für im­mer die einstmals strahlende Organisation der alten römischen . Streitmacht. Obgleich nun zahlreiche barbarische Völker das Erbe dieses Staates antraten, so wurde doch vieles geret­tet und zum Segen der Völker weiter verwer­tet, nur daS römische Kriegswesen war tot für alle Zeiten. Mft der Aufrichtung der Ka- rolingffcken Monarchie wurde tn ganz Deutsch­land, und so auch beinns in Hessen, das neue Kttegswesen nach längerer Vorentwickelung eingeführt und gesetzlich festgelegt. Dieses Kttegswesen hatte jedoch mit dem römischen keine Verwandtschaft. da auch heute noch die geringe Finanzwittschaft ein diszipliniertes stehende? Heer (abgesehen von der an Zahl geringen Leibwache, eeffra) nicht gestattete. Da­gegen konnte der König den Freien seines Lande? aufgeben, das jeder zehnte oder auch fünfzehnte von ihnen sich fix und fettig mit Trutz- und Sckutzwaffen auf Kosten der ande­ren gewappnet zu stellen hatte. Schließlich wurde daS Krftgettum in den Familien der bewäbtten Streiter erblick, und diese wucksen sick. in enger Anlehnung an den Landesberrn, den Herzog oder Grafen, zum feudalen Ritter aus, der durch das ganze Mittelalter hindurch her bevorzugte Qualitätskrieger geblieben ist. Diese Ritter hatten eine hohe persönliche Kriegsausbildung, aber Drill und Friedens­übungen waren unbekannt, und deshalb konn­ten sie auch nur als Retter voll zur Geltung kommen, da Fußvolk mit den Waffen jener Zeiten nur in geschlossener, einexerzietter Ko­lonne auftreten konnte, so wie «3 dis römi­schen Hotten auch getan hatten.

Das Waffenwesen hatte fett jenen Zeiten bi? 800 nach Christi keinen Fortschritt gezeitigt. AuS den vorbeickrieLenen Gründen aad «1

überhaupt kein Fußvolk, wenn wir die aller­dings ' zahlreichen, halb bewaffneten Troß- knechft nicht als Krieger ansehen wollen. Aller­dings gab es zu allen Zeiten neben den Rit­tern Pfeil- und BogensMtzen zu Fuß, aber sie waren und blieben eine leichte Hilfswaffe mit Nebenfunktionen. Entscheidungen konnten ihnen nicht zufallen. Aus allen den vorbefchrie- henen Gründen, besonders aber, weil die we­nigen Qualitätskrieger, die Ritter, zerstreut im Lande wohnten, erklärt es sich, daß die aftiben Feldheere des Mittelalters nach heutigen Be­griffen so wenig Mannschaften führten. Mit 5000 bis 9000 Mann führte Barbarossa seine Kriege in Italien, und hier in Hessen mag Heinrich der Vierte gegen Otto von Nordheim wohl höchstens 3000 Mann beieinander gehabt haben. Die Ritter erbauten sich schon in den ältesten Zeiten seste Häuser, die Burgen, aber sie erbauten diese mit ausdrücklicher Ge­nehmigung ihrer direkten Landesherren, mei­stens an ftrategffch wichtigen Plätzen, zunächst an Straßen und dann an Landesgrenzen. Tie Fehden der Ritter untereinander sind meistrnS Kriegstaien, die der Ritter im Interesse sei­nes Lehnsherrn aussocht, natürlich tat er die­ses nicht umsonst, sondern für treu geleistete Dienste erhielt der Ritter seinen Dank und auch reichen materiellen Lohn. Das Befitzrecht, das die Ritterfamilien an ihren Burgen hatten, vererbte sich zwar, aber der Landesherr bestä­tigte bei Erbschaften jedesmal die Belehnung mit dem Vorbehalt, daß ihm das Schloß in Kriegszeiten offen stehe und daß er sehr oft noch einen besonderen ritterlichen Burgmann neben dem Rttter in die Burg einsetztc. Dieses hielt aber den Ritter nicht ab, dennoch einzelne in den Burgen genau dezeichntte Teile wieder an Dritte, Vierte und noch mehr zu verpfän­den. Natürlich hatten auch diese Gauetzben (Mitbewohner) der Dura ihr Oeffnungsrecht, umsomehr, alS sie wohl selbst ta bet Burg Wohnung nahmen.

So wohnte zum Beispiel im Jähre 1332 ein korveyischer Burgamtmann auf dem Kogel- berge bei Volkmarsen, als der. Erzbischof von Köln die Rave von Papenbeim als feine Burg­leute daselbst einführte. Reben diesen beiden sind alS weitere Burgmänner (famuli ac ca- strenses in Castro Cogelberg) der Erstister Köln im Jahre 1342, Albert, genannt Dick­beier und Heinrich von Broveck in einer Ur­kunde angeführt. Alle diese Burgbewohner, die natürlich nicht feindlichen Landesherren angehören durften, verband «ht Burgfrieden, den alle beschwören mutzten. Die hessische Ge­schichte verzeichnet uns unter anderen den Fall, daß einmal ein Mainzischer Lehnsmann Rein­hard von Dallwig auf der Weidekburg seinem Lehnsherrn untreu wurde und' die Schlösser Wetdekberg und Naumburg im Jahre 1437 dem Landgrasen zu Hessen, also dem Feinde der Höckstister, zu Lehen austrug. Hiergegen konnte Mainz, das in letzter Zeit gegen Hessen mehrere empfindliche Niederlagen erlitten hatte, einstweilen nichts unternehmen, aber sein Be­sitzrecht hat es, wie die spätere Gesckichte zeigt, dennoch nicht aufgegebeu. Gegenüber diesen Geschlechtsburgen gab es auch noch solche, die der Landgraf direkt auf eigene Kosten erbaute und sie mit adeligen Amtleuten besetzte, wie zum Beispiel der Ludwigstein an der Werra, der die hessische Grenze gegen die Hansteiner auf dem Eichsfelde zu sichern berufen war. Auck der Wiederaufbau der Schanenburg bei Zierenberg geschah seinerzeit durch den Land­grafen aus ähnlichen Gründen. Abgesehen von einigen Ausnahmen und von den Fehden ge­wisser Familien untereinander batten die hes- fischen Burgen fast immer dem Landes- be;m. dem Interesse des Lehnsherrn zu dienen, und w dieser passiven Rolle hatten die Burgen alS Trutzfesten gegen den Feind doch eine grptz« Rolle, denn mtt den damaligen B»f-»genings. Mitteln waren tu fast uneimrehnroc-

E Happel CasaeL