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Casseler Abendzeitung

Hessische Abendzeitung

Nummer 1

Fernsprecher 951 und 952.

Dienstag, 5. Dezember 1911

Fernsprecher 951 und 952.

2. Jahrgang

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lehnenden Haltung der persischen Regierung, die diplomatischen Beziehungen nicht abzubre- chen. Auch der persische Gesandte in Peters­burg hat bisher noch leine Weisung erhalten, die Stadt zu verlassen.

Gewähr besingen. Weder uns noch Oesterreich hat die Dreibund-Belastung mit Der fragwür­digen Bürde italienischer Treu» weltpoliti­schen Handel bisher den winzigste Vorteil ge­bracht; wohl aber stand Italien in Algeciras tapfer auf unsrer Gegner Seite, sprach durch Visconti Venosta's Mund die deutschfeindliche Koalition des westlichen Conzerns und ermög­lichte es grade Roms intrigantes Doppel­spiel, Deutschland im Marokko-Handel matt zu setzen. Daß unser Einfluß am Goldnen Horn sich in Mißtrauen wandelte, daß die ganze Welt Mohameds deutschem Geist entfremdet ward und der Orient den Händen deutscher Politik entglitt: Auch das danken wir Ita­lien, dessen Dreibundzugehörigkeit uns d a die Hände fesselte, wo wir tatkräftig hätten han­deln müssen. Wenn Camille BarrLre's Rat­tenfängerkunst es also wirklich vermöchte, Italia vom Dreibund zu verlocken: Wir müß­ten die Ersten fein, die dem Intriganten beim Quirinal freudig Dank zollten und des Dreibunds Götzen-Dämmerung als endliche Erlösung von lähmender Fessel begrüßten.

F. H.

JnserttonSpr-ss«: Die s-chsgespaltene Zetle für einheimisch» Geschäfte 15 Pfg für aus.

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(Boe ttttfettn Korrespondenten.)

Wie in dem amtlichen Bericht des General­oberstabsarztes nachgewiesen wird, fand man in einem Hause nahe der Oase bei Henni zahl­reiche Soldaten des Bersaglieri-RegimentS, das am fechsundzwanztgsten November dort stationiert war, an den Wänden gekreu­zigt vor. Bei einem dieser Gekreuzigten hatte man die Augrnlieder durchstochen, einen starken Bindfaden durchgezogen und diesen dann am Hinterkopfe zufammengeknotet, sodaß die Au­gen gewaltsam aufgosperrt blieben. Einem andern dieser an der Wand hängenden Toten hatte man den Kopf, wieder einem andern die Füße abgeschnitten. Fast jede der gefundenen Leichen zeigte verstümmelte Gliedmaßen. Bei der Ausgrabung der auf dem nahegelegenen arabischen Friedhof lebendig Einge­grabenen, deren Kopf man hatte aus der Erde hervorstehen lassen, wurde konstatiert, daß die Soldaten vor dem Eingraben abscheu­lich verstümmelt worden waren. Eini­gen hatte man den Bauch aufgeschlitzt und die Eingeweide herausgerissen. In der Umgegend deS Platzes, auf dem bei Henni die zahlreichen Verstümmelten gefunden wurden, konnten wei­tere Leichen italienischer Sonaten gefunden werden, die sämtlich verstümmelt waren. So fand man in einem Graben die Leichname von Soldaten, die ursprünglich nur verwundet wa­ren, die man dann in ihrer Hilflosigkeit auf einen Haufen getragen und lebendig rin­ge scharrt hatte, nachdem man noch vorher die' üblichen Verstümmelungen durch Kopfab­hacken, Abhacken der Hände und Füße und Ausstechen der Augen begangen hatte.

Stalien, in Waffen starrend! (P r i v a t«T e l e g r a m m.)

A«S Mailand wird uns depeschiert: Rach offiziöse« Berechnungen sind jetzt itt Italien 885 000 Mann unter Waffen, davon 85 000 t# Tripolis. S« bleiben also für do» Hei- »atland 800000 Mann, während der «st»

Absicht ist löblich, und cs scheint auch, daß alle bürgerlichen Parteien erkannt haben, wie un­günstig die Zeit gewählt wäre, toeiut man jetzt, fünf Wochen vor der Wahl, in den unge­fügigen Landsknechtskoller fahren und die Ri gicrung zu einer Verzweiflungs-Aktion drän­gen würde, die nach Sir Edward Grcn's diplo­matischem Eiertanz wirklich nicht lieblich

anmuten könnte. Inzwischen hat sich auch hin­ter den Kulissen mancherlei ereignet: Heyde- brands wilder Kriegsruf wider den Kanzler Ist in den Wäldern von Klein-Tschunkawe ver­hallt, das Gros der konservativen Partei hat fromme Mäßigung gelobt, und von Westarp bis Gotheiu ist man von der Ueberzeuzung durchdrungen, daß am fünften Dezember kluge Enthaltsamkeit in Rede und Geste die »For­derung des Tages" sei. Wie gesagt: Nütz­licheres könnte nichr geschehen, denn wenn nach der Marokko-Apordeose Reichstag und Kanzler voneinander scheiden, nachdem der »Berg des AergernifleS" überwunden, dann bleibt Herrn Theobald von Bethmann Holl« weg bie Möglichkeit erhalten, erhabnen Haup­te» vor 6U Wähler ru treten und ans dem

Kanzler Kandidate«.

Auf Wiedersehen in der Wilhelmstraße!"

Das Rätselraten um das nabe Schicksal deS fünften Kanzlers und um die neuenKan­didaten für die Wilhelmstraße" dauert an, trotz- dem der Kaiser durch die Art, wie er Herrn Theobald von Bethmann Hollweg zum zwe!- undfünfzigften Wiegenfeste gratulierte, recht offensichtlich bekundet hat, daß derleitende Staatsmann" immer noch das Vertrauen der Krone in ungemindertem Maße besitzt. Trotz­dem wird in hellhörigen politischen Zirkeln heute mehr denn je die Frage erörtert, wer wohl als sechster Kanzler des Deutschen Reichs in das Palais Wilhelmstraße siebenund- flebzig einziehen werde. Einige Namen von Kandidaten" (besonders der des Herrn Tir- pitz) sind ja bereits ernannt worden. Ihnen gesellt sich jetzt ein neuer zu: Graf Anton von Monts, der ehemalige Botschafter in Rom, dessen diplomatische Laufbahn (wie Ein­geweihte wissen wollen) etwas früher endete, als es der Herr Graf selbst gewünscht hatte. Graf Monts steht an der Schwelle der Sechzig. Erst vor drei Jahren heiratete er eine der reich­sten Witwen Deutschlands, Frau Henriette H a- niel von Haimhausen, geborene Ha­ntel, der man einige zwanzig Millionen Mark und einen sehr starken Ehrgeiz nachsagt Es ist kein Geheimnis, daß Graf Monts in den Staatsdienst, und womöglich auf dessen höch­sten Posten, zurückberusen werden möchte. Man wehrt in Haimhausen (es liegt bei Mün­chen) kaum noch lässig mit der Hand ab, wenn alte Freunde sich mit dem Abschiedsgruße:

Auf Wiedersehen im Reichskanzlerpalais!" entfernen. Graf MontS ist nun ohne Zweifel ein sehr kluger und energischer Herr. Ihm im­poniert nichts auf dieser Welt. Als Diplomat kokettierte er gern mit seiner Verachtung irdi­scher Größen und bedachte die Majestäten und Königlichen Hoheiten, bei denen er beglaubigt war, mit Bonmots, die sehr witzig waren, aber keineswegs zur Befestigung der Beziehungen der Höfe, zwischen denen er das Bindeglied bilden sollte, beitrugen. Ernsthaft ist diese Reichskanzlerkandidatur daher kaum diskutabel. Ihr Gelingen würde den Krieg nach allen Seiten bedeuten: Mit dem Reichstage, mit der öffentlichen Meinung, und auch den blutigen Krieg nach außen. Denn Graf Monts ift (so hat ihn ein erfahrener Staatsmann treffend be­urteilt)ein sehr gescheuter Kopf, aber eine durchaus destruktive Natu r". Andre Leute, die sich zurzeit noch im Strahlenkranz allerhöchster Gunst sonnen, sind zwar auchde­struktiv", aber gi scheint, daß man an höchster Stelle nach den Erfahrungen, die mit Kider- lenS schwäbischer Urwüchsigkeit gemacht wor- den find, unterdessen doch eine gewisse Scheu vor denrassigen Temperamenten" empfindet, von denen einmal ein kundiger Staatsmann gesagt hat, ein Stier im Porzeßanladen sei ihnen gegenüber (politisch natürlich!) fast von mimosenhafter Niedlichkeit! Unter diesen Um­ständen dürfte es mit demWiedersehen in der Wilhelmstraße" also noch gute Ärile haben.

Die Stimme des Gewissens?

(Privat-Telegram m.)

Rom, 4. Dezember.

An hiesigen amtlichen Stellen wird mit Entschiedenheit allen Nachrichten über den be­vorstehenden Austritt Italiens aus dem Dreibunde widersprochen. Es wird (wie ver­lautet) demnächst eine amtliche Kundge­bung erscheinen, die über diesen Puntt nicht den geringsten Zweifel läßt und den österrei­chischen Meldungen entgegentritt, wonach Ita­lien anläßlich der Annexion von Bosnien und der Herzogewinn gegen Oesterreich mobili­siert habe. Die Abberufung deS österreichi- fchen - Generalst-ibchefs Conrad von Hötzendorff hat in ganz Italien Be­friedigung hervorgerufen, da man darin einen italienfteundlichen Akt Aehrenthals steht, der aus dieser Weise über die österreichi­sche Kriegspattei den Sieg davongetragen habe.

Der Krieg und seine Opfer.

Bestätigung der türkischen Grausamkeiten.

Die schon aus Tripolis gemeldeten G r e u - eltaten türkisch-arabischer Truppen finden eine Bestätigung durch den soeben eingetrofle- nen Bericht des italienischen Generaloberstabs­arztes. In diesem Bericht ist gleichfalls aus- führlich nachgewiesen, daß die bei Henni auf- aefuttdenen Leichen deS Lazarettoffiziers und der SauitätSmannschaften in der niederträch­tigsten Weffe verstümmelt waren. In dem Bericht deS Generaloberstabsarztes wird ge­sagt:

Rom, 4. Dezember.

Ire Flucht ins Parlament.

Die kommende Marokko-Debatte im Reichstag.

Erst sprach man von einer nahenSensa­tion", von einem zweitenMarokko-Gerichtstag" und vondüstern Unheilwolken", die am fünf­ten Dezembertag auf die spätherbstliche Oede der Wilhelmstraße sich niedersenken würden; heut ist nur noch von einemKehraus" die Rede, von einer Art Apotheose, die weder dem Kanzler noch seinem schwäbischen Adlatus wcb- tun, sondern der Welt nur offenbaren soll, daß der Deuffche Reichstag Wert darauf legt, nach dem Intermezzo im englischen Haus der Gemeinendas letzte Wort" zu haben. Tie

GStzeu-Iämmerung?

Camille Barrsre, der Rattenfänger von Rom.

Otto von Bismarck hat in seines Lebens letzten Tagen den (damals noch achtunggebie­tenden) D r e i b u n d mit einem Drehstuhl ver­glichen, dessen einer Fuß aus den Fugen gelöst fei, und der deshalb sofort erzittere, wenn er belastet werde. Als des Dreibunds Schöpfer diese Worte sprach, stand Eduard der Siebente noch nicht aus der Triumphe Gipfel, war das Gespenst der Triple-Entente noch unsichtbar und Italien wurde beherrscht von den Idea­len der mit Crispi volkstümlich gewordnen Kulturpolitik, die den Strom nationaler Lei­denschaften in den Dienst fiuger Friedensarbeit bannte. Trotzdem erkannte schon damals Bismarcks scharfes Auge deutlich die Schwä­chen der Dreibundmacht in ihrem südlichsten Ausläufer, und der erste Kanzler des Reichs hat auch keinen Augenblick in seinem Leben der Illusion Raum gegeben, als wenn das Frie­densinstrument des Dreimächte-Bundz jemals durch romanische Kraft wirffam werden könne; im Gegenteil: Italiens Angliederung an den Bund der beiden Kaiserreiche erschien Bismarck in der Haupffache als eine Sicherheitsmaß- regel, die für den Bundgenossen im Süden ebenfalls solange werwoll war, als Italien Anlaß hatte, sich als Macht zweiten Ranges ge­gen die Kabalen nachbarlicher Eifersucht zu schützen. Diese Notwendigkeit schwand indes­sen schon, ehe noch des Dreibunds Schöpfer die Augen schloß, und im gleichen Maß, wie Jta- lien des Bundesschutzes durch Deutschland und Oesterreich für seine eigne Sicherheit entbehren konnte, vertieften sich die natürlichen Ge­gensätze zwischen Oesterreich und der jungen Apenninen-Monarchie, die sich in unfern Tagen zu einer Art bewaffneter Kampfbereitschaft- und dxfibntchexschfiK.Dfts- U n» Natürlichkeit in der Jnteressen-Gemetn- schaft des Dreibunds war's, die Bismarck mit dem Wort vom ausgebrochnen Drehstuhlfuß treffend charafierifierte.

In mäßigen Intervallen (je nachdem in Rom grade die politische Stimmung beeinflußt ist) werden wir durch irgend ein zufälliges Er­eignis immer wieder an des alten Kanzler- kluges Wort erinnert: und daß die Tripo­li s-Affä re imgrunde genommen nicbtS anderes ist, alS ein römisches Attentat wider das tönerne Dreibund-Ideal, dürfte nachge- rade auch der Einfalt an Spree und Donau offenbar geworden sein. Nun ist uns in diesen Tagen erzählt worden, man habe in deS No- vember letzten Tagen in Rom über einen et­waigen Abschied Italiens vom Drei- bund und den Anschluß an die französisch- englisch-russifche Allianz so gemütlich geplau. dert wie über irgend ein unterhaltsames Ta- geSgefMchtchen, und es fei in römischen Dtplo- matenstuben sowohl wie in der Presse deutlich das Interesse merkbar, da? man diesem zeit­gemäßen Problem widme. Der Vater deS Gedankens wird diesmal in Herrn Camille Barrsre, dem französischen Botschafter beim Quirinal, vermutet, der als Dreibund-Hasser weit mehr Renommee genießt denn als Diplo­mat, es aberscheinbar dennoch vermocht hat, die temvaramentvollen Enkel der Cäsaren für seine Idee zu erwärmen. Daß die Zeit dazu günstig gewählt wor, ist nicht zu leug­nen: ®ie nordafrikanffche Transaktion der Rö­mer hat di» beiden Hauptmächte des Drei­bunds in eine peinlich-fatale Lage gebracht und sie gezwungen, den Einfluß der Berliner Wilhelmstraße und des Wiener Ballvlatzes als Hemmung Lbeffvannten römischen Verlangens geltend zu machen.

Diese Sachlage in Rom gegen den Drei­bund auszunutzen, konnte selbst einem Talent vom Schlage Barrsre'? nicht schwer, fallen, und man braucht deshalb auch das hurtige Dementi, das alle diese naheliegenden Wahrscheinlichkei- teu mit schöner Selbstverständlichkeit als vor­weihnachtliche Märchen abtut, nicht sonderlich tragisch zu nehmen. Wenn Italien wirllich (wie's in dem Dementi beteuert wird) nicht die Absicht hat, des Dreibunds freudloses Haus zu verlassen, dann ist eben bisher die Erkennt­nis politischer Nützlichkeit über die Sehn­sucht des Herzens siegreich geblieben. Denn daß dem Italien Viktor Emannel's das Drei- bund-Zdeal längst nicht mehr Herzenssache ist, wagt heut selbst kein Römer mehr zu leugnen. Aber auch bei uns braucht kein Hehl daraus gemacht zu werden, daß hie Wirklichkeit der polittschen Praxis sich himmelweit unterschei- det von den Langschönen Phrasen, die dann und wann (gewissermaßen zur Sänsttgung des Grolls gerechter Götter) zum Himmel steigen und di» fossil« Unnatürlichkeit de» Drednächte- Lundr» ril de» Srieden» idealste mrd kicherst,

male Stand 240 000 bis 270 000 Mann beträgt. Von Tripolis laufen hier weiter keine Nach­richten ein. Man führt dies darauf zurück, daß die Sperre an der französisch-tunesischen Gren­ze durchgeführt wird.

Sie Revolution in China.

Depeschen aus Schanghai zufolge haben die Kaiserlichen in Nanking kapituliert, nachdem die Rebellen in die Stadt eingedrun­gen waren. Der Löwenhügel ist erobert und die Hauptstellung der Kaiserlichen, der Petschi- kohügel, zerschossen. General Tschanghouen ist durch das Südtor geflohen, der Generalgouver­neur Tschaugjentschin befindet sich in Sicher­heit. Die Bevölkerung begrüßte die siegreichen Rebellen als Befreier. General Fengkuotschang, der erkrankt ist, wird in Peking erwartet. Es geht das Gerücht, er sei vergiftet worden. Die Tattarenstadt von Nanking ist mit Er­laubnis der Behörden geplündert und eingeäschert worden. Sonst vollzog sich die Besetzung durch die Aufständischen in sehr systematischer Weise. Der Vizekönig Chang und der Tartarengeneral Tiehling haben sich nach der Einnahme von Nanking in das deutsche Konsulat geflüchtet. Duan- schikai hofft, eine Versöhnung innerhalb vier Wochen herbeisühren zu können. Zurzeit werden in Wutschang zwischen Revolutionären und Kaiserlichen Verhandlungen betreffs der Friedensbedingungen gepflogen.

Persien am Ende seiner Tage?

Deutschland ist nicht interessiertste

Vom halbamtlichen Wölfischen Teilegraphen- Bureau wird folgende Depesche verbreitet: In ihrer Wochenrundschau gibt die Norddeutsche Allgemeine Zeitung eine Schilderung der Er- eignisse in Persien während der letzten Zeit und schreibt:

Die russische Besetzung einzelner Tei- le'Persiens scheint angesichts der zuneh­menden inneren Wirren nicht ab wend- bar. Für uns kommt dabei nur in Ke- tracht, daß die Ordnung im Lande wieder­hergestellt und aufrechterhalten wird.

Das heißt mit andern Worten: Wir lassen Rußland in Pefficn freie Hand. Unzwei- felhaft ist diese Haltung eine Folge der Pots­damer Entrevue vom Herbst neunzehnhundert­zehn. Damals wurden (bei dem Besuch des Zaren in Potsdam) die deuffch-russischen Ab­machungen getroffen, die Rußland im nördli­chen Peffien freie Hand geben gegen die Zu- stckerung, die deuffchen Eisenbahn- und Han- delspläne nicht zu stören, vielmehr zu fördern durch Anschlußttnien. Außerdem wurden da­mals noch allgemeine polittsche Verständigun­gen erzielt, die nach offiziösen Andeutungen fast den Charakter des aufgehobenen BiSmarck- fchen RückverfiicherungSvertrageS mtt Rußland haben sollten. Wir ziehen jetzt offenbar Me Konsequenzen der Potsdamer Ab- ; machungen. Vielleicht erleben wir nun auch einmal russische Freundlichkeiten.

Tod odrr Freiheit?

Depeschen aus Teheran lassen die Lage im Lande als außerordentlich bedenklich erschei­nen: Volksmengen durchziehen, von Hun­gersnot und Ruffenhatz getrieben, joh­lend die Stadt. Russischer Tee und Zucker wurden boykotfiert. Der Großkaufmann Meh- med Taghi, ein Getreidehändler, wurde durch fünf Schüsse schwer verwundet. Das Volk be­hauptet, er habe von Rußland Geld erhalten, um eine Teuerung und Unruhen zu veranlaf- fen. In Kaswin soll Prinz Firman Fir­ma ermordet worden sein. Die Demission deS Kabinetts bestätigt sich. Man hat den Ministerpräsidenten Samsam eS Salteneh ge­beten, das Kabinett wieder neu zu bilden, was er vorläufig abgelehnt hat. Da man vom Re­genten auch nichts hört, ist Persien sozusagen ohne Regierung. Am Sonnabend abend kam es in Teheran zu großen Unruhen. Tau­sende von jungen Leuten zogen vor die stem- den Gesandffchasten und riefen:Die Frei­heit oderden Tod!" Es kam zu zahlrei­chen Zusammenstößen mit der Polizei, wobei es viele Verwundete gab. Das Haus des frü­heren Ministers Sadar ed Dauleh, der den Erschah auf der Flucht begleitete,, wurde von der aufgeregten Menge in Brand gesteckt.

Sie Kosaken marschieren!

(Telegraphische Meldungen.)

Rach Depeschen, die heute früh in Tehe­ran cingegangen find, find gestern zweihundert russische Kosaken in Reicht eingetroffen. In Teheran finb fünfhundert, in Kaswin zweihun­dert Kosaken angetommen. Rach einen- Tele­gramm ans Kaswin haben die - -ifchen Truppen in Rescht die dortige perfift Niliz entwaffnet und da» Telegraphen, mt be- setzt. An» allen Teilen der Provinz treffen Telegramme ein, die dem Staatsrat Unter­stützung anbieten. Im Petersburger ouSwär- tüte# Amt» bat mau schlossen, tret ab­