„Ständchen" flotter sein. Den starken Beifall des dankbaren Publikums quittierte der Künstler mit „Winterstürme". Herr Professor Dr. Beier war aui Flügel ein feinfühlender und sinniger Begleiter. Das Haus war gut besucht. G. 0. K.
Kleines Feuilleton.
ü' Hofmannsihal im Zirkus. Im Zirkus Schumann in Berlin fand gestern die Erstaufführung eines alten „Sviels", genannt „Jedermanns Ladung vor Gottes Thron" statt, das Hugo von Hofmannsthal mit der starken Kunst einer rhythmischen Altertumssprache und mit prächtigen Farben erneuert hatte. Ein großer, wenn auch nicht ganz unbestrittener Beifall umstürmte das mittelalterliche Mysterium, dem Max Reinhardt in der Arena einen glänzenden und doch einfachen Rahmen von kräftigen eblen Linien gab. Mit Reinhardt teilte sich Hofmannsthal, der persönlich zu der Aufführung erschienen war, in den Erfolg des Abends.
Eine Leipziger Beethoven-Uraufführung. In Leipzig fand un*er der Leitung Professor Windersteins die Uraufführung von Beethovens Jugendsymvhonie statt, deren Orchesterstimmen der Musikdirektor Stein in Jena im Archiv des früheren studentischen Collegium musicum aufaefunden hatte. Diese E-dur-Symphonie, die deutlich den Einfluß Mozarts und besonders Haydns zeigt, wurde wegen des vor der zweiten Violinstimme befindlichen Vermerks „Par Louis von Beethoven" sowie vor allem wegen der Anklänge an spätere Werke des Meisters allgemein als ein oisher unbekanntes Jugendwerk Beethovens anerkannt.
±G: Der Friedens Nobelpreis für die Sozialisten? Aus Brüssel wird berichtet, daß vermutlich der Friedenspreis der Nodelstistuna in diesem Jähre dem internationalen soztalutt- schen Bureau zugesprochen werden wird, als Tank für seine Haltung in dem beutick-franrö- siscken Konflikt. Das'Bureau h't bekanntlich während der ganzen Dauer der Verhandlungen in Wort und Schrift für den Frieden gewirkt.
±G= Moderne Bilderstürmer. Aus Petersburg wird gemeldet, daß in Zaryzin der berüchtigte Mönch Jliodor aus dem Hofe des Klosters ein grobes Bild Tolstois leit Mitt-
der Polttik und in geschäftlichen Angelegenheiten noch mehr betätigen. Es beginnt eine weibliche Strömung, die rasch noch mehr anwachsen wird. Eine neue Lage wird den Franzosen eine Intelligenz und einen Willen, die gestern noch unbekannt waren, vor Augen fiichren. Ich habe neunzehnhundertzehn geschrieben: Auf dem Gebiete der Liebesleidenschafteu werden sich im kommenden Jahre
erstaunliche Dinge ereignen.
Unter dem Einfluß der Venus werden wir eine Reihe merkwürdigerer Liebesdramen und Herzensaffären haben als früher. Ich will nur das tragische Ende zweier Schönheiten des Genretheaters Voraussagen. Ich hatte zu der einen gesagt: „Hüten Sie sich vor dem Wasser!" Sie hat sich aber nicht genug gehütet Was die andere angeht, so ist sie gegenwärtig noch am Leben. Aber sie hat noch sechs bedrohliche Monate zu überstehen. Wollte Gott, daß ich mich in Bezug auf sie getäuscht hätte, wie ich mich gern auch mit Bezug auf das arme Geschöpf, das in voller Lebensfreude und in der Blüte der Schönheit dahin gegangen ist, getäuscht gehabt haben wollte. (Das geht auf die im Rhein ertrunkene Schauspielerin Lantelme.) Ich hatte das vorige Jahr ein „Dämmerungsiabr" genannt. Auf die Dämmerung folgt die Nacht, die einem leuchtenden Morgenrot vorangeht. Reunzehnhundertzwölf wird das „schwarze Jahr" sein, aber von einer Schwärze, die von Strahlen und von manchem Hellen Schein durchzuckt sein wird. Ein dunkler Himmel hat auch seine lichten Stellen, und mehr als ein neuer Stern wird über Paris ausgehen. Schwarze Nacht. Sturmnacht, eine Nacht, deren Finsternis für Augenblicke von einem Wetterleuchten durchzuckt fein wird, von einem Wet- lerleuchten. auf das Donner und Blitze folgen m erb en. Merkur wird der herrschende Planet sein, aber in gewisser Abhängigkeit vom Marskreise.
Eine wmrderbare Verbindung!
Die Geschäftsleute, die Finanzleute, die Diplomaten werden tüte Kombinationen wie gewöhnlich versuchen, aber dort, wo kiese Kombinationen sich verwirren werden, werden die Kriegsleute das letzte Wort haben. Gewalt und Kanonen beherrschen die Zeit Was uns Franzosen betrifft, so läßt alles darauf schließen, daß wir den Kriegsschicksalen nicht entgehen werden, aber wir werden allem Anschein nach eher am Schluffe als am Anfang von neunzehnbundertzwölf vom Kriege bedroht sein: es sei denn, daß alles noch einmal geschlichtet wird. Wie es aber auch sein mag: Neunzehnhundertdreizehn scheint der äußerste Entsckeibungstennin zu fein. Bis dahin sind die Chancen für den Frieden ebenso groß wie die für den Krieg; jenes Jahr aber wird das wankende Gebäude sicher einstürzen. Die Katastrophe wird nicht nur ganz Europa erschüttern, sondern auch andere Erdteile, vor allem Asien. Wir werden bis zum Paroxis- mus der Gefahr gelangen, wenn bei uns die Erde erzittern wird. Am Ende unserer Prü- runoen werden wir fein, wenn auf dem größten Teile des Landes die wichtigsten Nahrungsmittel und besonders vft Milch kehlen werden. In Aussicht stoben ein harter Winter, ein unfreundlicher Frühling, ein schwüler Sommer, ein rauher Herbst, ein Jahr, das zwar obst- und weiureich, im übrigen aber mittelmäßig fein wird, und dazu noch furchtbar durch eine ungewöhnliche Häufung von Stürmen, von denen der Osten und der Weften mehr betroffen fein werden als der Norden und der Süden
Die Liste der Katastrophen, die die Prophetin den Franzofen ber- spricht, ist unheimlich lang: Ueberall herrschen Feuer und Blut, vor allem in Brest, in Toulon, an der Loire, in Paris; ferner gibt es Verschwörungen und politische Ausnahmegerichte, Verrätereien in Algier und in Tunis, bei denen ausländisches Geld eine Rolle spielt. Be- TJK1 wir miih •
sonders bunt wird es in Paris zugehen: Da gibt es Attentate, Epidemien, Ueberschwem- mungen, und „wenn Menschen von gutem Willen sich nicht einigen können, wird Paris bald nur noch eine Ruine sein!" In einem ganz bestimmten Teile von Paris, zwischen der Kammer, der Bau? von Frankreich und der Porte Saint-Denis, ivirb es eine blutige revolutionäre Erhebung geben. Mabame be Thsbes macht hierüber ziemlich genaue Angaben: „Ich sage, daß cs dort unvorhergesehene zahlreiche Todesfälle geben wird, wie wenn ein Vulkan sich plötzlich öffnete. Paris wird aber trotz des Sturmes sich in feinen täglichen Gewohnheiten nicht stören lassen. Es wird fein übliches Kontingent von Leidenschasrsdramen und von abenteuerlichen Gefchichten haben. Die Kunst und die Wissenschaften werden, obwohl für den Augenblick lahmgelegt, auch ferner zum Ruhme Frankreichs beitragen und Gesprächsstoff liefern. Ich kenne eine Theaterdame, die, nachdem sie durch eine Heirat ihre gesellschaftliche Stellung geändert hat, in
politischer und sozialer 'Hinsicht
eine wichtige Rolle zu spielen berufen ist (gemeint ist offenbar Frau Simone Cafimir- P e r i e r, die in erster, später geschiedener Ehe mit dem Schauspieler Le Bargst verheiratet wart. Ich sage: Eine wichtige Rolle; näher will ich sie aber nicht bezeichnen. Möchte sie sich vor sich selbst und vor den anderen in acht nehmen. Ich sehe eine Zweite, der wir auf dem Boulevard zujubeln. wie sie sich das Leben nimmt, nachdem sie einen getötet bat ..." Von großen Katastrophen bleibt auch das A u s- land nicht verfchont: In Spanien wird es Verschwörungen und Füsilladen geben, aber das Königttim wird noch einmal gerettet werden. Recht Schlimmes wird Deutschland in Aussicht gestellt: Es wird nach dem großen Krach kein herrschendes Preußen mehr geben, und das wird Berlin seinen Gewalttätigkeiten und seiner barbarischen Politik zu verdanken haben. Was sonst noch über die Umwälzungen in Deutschland gesagt wird, läßt sich nicht gut wiederaeben, weil es gegen diverse Paragraphen des Strafgesetzbuches verstößt. Auch England ist von einem bösen Geschick bedroht: Tod, schwere Verwundungen und Feuersbrünste in erschreckender Menge. Und so ist es überall. Es ist eben das „schwarze Fahr", und da läßt sich nichts dagegen machen. Madame be Thtzbes sagt's, und da sie sich im abergläubischen Paris als „Hellseherin" eines woblbe- arünbeten Rufes erfreut, wird's also Wohl nützlich fein, wenn wir am Neuiahrstag neunzehn- hunbertzwölf Afche aus unfer Haupt streuen, und in Ergebung der Dinge harren, die die „Seherin von Paris" uns bescheert...
Gr. M. S.
Sie MM heg Times.
Ter Kamps in der Metall-Industrie.
Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Berlin: Die Situation des Kampfes in der Berliner Metallindustrie hat sich gestern wenig verändert und die Zahl der Ausgefverrten Hatz sich nicht allzusehr vergrößert. In zahlreichen Betrieben nimmt man eine abwartende Haltung ein. und will die Arbeiter. die man zur Fertigstellung der Aufträge notwendig gebraucht, nur im äußersten Notfall entlassen. Am gestrigen abend sammelten sich vor den großen Fabrikbetrieben im Norden ausgesperte Arbeiter an, ohne daß es aber irgend zu Zusammenstößen mit den dort postierten Schutzleuten gekommen wäre.
Die Revolution im Reich der Mitte.
Wie aus Schanghai telegraphiert wird, bestätigt es sich nunmehr, daß die Revolutionäre die wichtige Position des Purpurhügels bei Nanking eingenommen haben. Die revolutionäre Infanterie rückte in drei Kolonnen vor. Die Kaiserlichen befinden sich aus dem Rückzug. Das chinesifche Kaiserhaus hat be-
retts die nötigen Schritte getan, um feine Reichtümer an sicherer Stelle, wo sie den Revolutionären unerreichbar sind, zu deponieren. Das Bankhaus Samuel Montag« u. Co. meldet, daß zweieinhalb Millionen Mark in Gold aus China bereits verfchifst sind, und daß andere Sendungen folgen werden. Der Bestimmungsort der Sendungen ist noch nicht bekannt, dürste aber wahrscheinlich England oder Indien fein. In Hankau sind gestern zwanzigtaufend Mann kaiserlicher Truppen mit zahlreichen Geschützen eingetroffen.
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Aus Worms wird uns berichtet,: In hiesigen nationalliberalen Kreisen wird die Nachricht verbreitet, daß der Reichstagsabgeordnete Freiherr von Heyl keine Kandidatttr für den Reichstag mehr annehmen werde. Diese Absicht wird mit Gesundheitsrücksichten in Zusammenhang gebracht, die es dem Freiherr nicht erlaubten, in die Wahlagitation einzutreten.
Ein Telegramm aus Schanghai bringt die Nachricht, daß der dort vorgestern ermordete chinesische Agent Kassierer einer bedeutenden deutsche n F i r m a war. die in Schanghai eine große Fäkturei unterhält. Einzelheiten über die Vorgänge fehlen noch.
Depefchen aus Petersburg melden: Die Lage in Persien svitzt sich immer mehr zu. Es finden fortgesetzt Landungen russischer Truppen in Enceli statt und auch England bataußer den bereits in Schiras gelandeten vierhundert Mann die gleiche Anzahl Truppen nach Jspahan gesandt. Masir ed Dauleh. der seinerzeit die Einführung des konstitutionellen Regimes bekämpft hatte, ist gestern ermordet worden.
Rttt« t!8m Tage.
(Devekchen der Eoffeler Neueren Nachrichten >
Up Ein Duell im Grünewald. Wie uns ans Berlin gemeldet wird, soll gestern früh gegen acht Uhr im Grünewald ein Duell stattgekunden haben. Die Duellanten und ihre Sekundanten fuhren in Automobilen nach einer hinter Hundekehle gelegenen Lichtung. Als Gegner fallen sich ein Kaufmann und ein bekannter Berliner Künstler gegenüber gestanden haben. Als Waffen waren Pistolen gewählt. Nach mehrmaligem Kugelwechfel soll der Künstler durch einen Schuß leicht am Arm verwundet worden fein. Die Gegner schieden versöhnt vom Kampfplatz.
tu: Ein sonderbares Krieasgerichtsurteil. Das Kriegsgericht der 17. Division in Bremen verurteilte gestern den -aus Ostpreußen stammenden Musketier Heinrich Hoppe wegen Selbstverstümmelung zur gesetzlich niedrigsten Strafe von einem Jahre Gefängnis und zur Versetzung in die zweite Klasse des Soldaten- standes. Hoppe hatte sich auf dem Kasernen- bof den oberen Teil der Ohrmuschel abgeschnit- ten, um vom Militär wieder freizukommen, damit er seine gelähmten Mutter und hie 75jäh- rige Großmutter, die er bisher von seinem geringen Tagelohn erhalten hatte, unterstützen konnte.
up Bergmannslos. Ein schweres Grubenunglück hat.sich am Freitag im oberschlesischen Grubenrevier zugetragen. Auf der Julien- hütte bei Beuthen stand der Bergmann Langer unter dem Förderschacht, als die För- derschale nieberfaufte unb ben Bergmann buchstäblich platt drückte. Der Unglückliche war durch die entsetzlichen Quetschungen vollkommen unkenntlich geworden.
Ein Drama im Schnellzug. Im Schnellzug Bordeaux-Paris der Orleansbahn wurde gestern ein Verbrecher namens Lalanne nach Paris in das Untersuchungsgefängnis transportiert. Es gelang ihm, die Tür zu öffnen, unb er fprang auf bas Trittbrett, um zu entweichen. Der ihn begleitende Gendarmeriewachtmeister eilte ihm nach und nach heftigem Kampfe stürzten beide auf das Gleis. Der Gendarmeriewachtmeister wurde zermalmt, der Verbrecher schwer verwundet.
Kasseler Konzette.
Das gestrige Abonnements Konzert.
Das Programm des gestrigen Abonnements- konzexies machte in feiner stilvollen Zusammensetzung, abgesehen von der traditionellen Länge, dem Leiter der Veranstaltungen. Professor Dr. Beier, alle Ehre. Brahms eröffnete den Abend mit der Symphonie Nr. 2 in D-Dur. Alle übrigen berücksichtigten Komponisten gehörten der durch Wagner' angeführten „Moderne" an. Der letzte der „alten" . Meister, so konnte man fast sagen, war Brahms, dessen Mittelstellung in der Musikgeschichte ihre zwischen den klassischen Meistern unb einem erhofften großen Meister bet Zukunft ihn zu einer Uebergangserscheinung stempelt. Entgegen ollen Neueren blieb der echte, kuorriae und germanische Brahms in der peinlichen Beachtung der bekannten, muffkalisch-formalen Gesetze dem Althergebrachten treu, ohne daß man in feinen Werken tiefen Empsindungs- und Stimmungsaehalt entbehrte. Ter verschlossene, eigenartige Charatter hat it» dem Tonmeister ernste Schaffenskraft zur eh„ men Gewohnheit werden lassen, deshalb sind dem alternden Junggesellen „mit feiner ewig ungestillten Sehnsucht nach einem eigenen Herde, nach Weib und Kind" düstere und tragische Stimmungen am besten gelungen. Um io dankbarer hören wir die Gaben des Meisters, wenn heitere Attorde feine Musik durchdringen.
Dahin gehört auch die zweite Symphonie. Tie Wiedergabe durch unsere königliche Kapelle unter Leitung von Professor Dr. Beier war im großen und ganzen geglückt. Der erste Satz enthielt bezaubernde Klangbilder im Rahmen einer gemütvollen Tonmalerei, den ernsten, leidenschaften Akzenten fehlte das bezwingende rhythmische Element, das mit dem Namen Brahms unlösbar verknüpft ist. Auch die weiteren Sätze erfreuten durch schöne Momente, besonders das graziöse Allegretto. Die thematisch „durchbrochene Arbeit" mit den vielen Haupt- und Nebenthemcn, Motiven und Motivchen, die bald auf jedem Instrument wie- bertebren, erfordern genauestes Zusammenspiel des Orchesters. Nur so kann Brahms restlos erfreuen. Das ist ebenso, man möchte fast sagen noch mehr von den Variationen Eduard Elgar'S, einem bekannten englischen Tondichter, zu fordern. Wir hörten dies« Kom
position hier zum ersten Male; das geistvolle unb von großem Empfindmrgstälent zeugende Werk ist in Deutschland schon sehr bekannt. Ein einmaliges Anhören genügt nicht, um ein vollständiges Urteil abgeben zu können; jedenfalls verrät die vielseitigste Behandlung und Verwendung des Orchesters ganz ben Modernen. Die gestrige Wiedergabe war scheinbar zu wenig vorbereitet. Die mannigfaltigsten. reizvollen Klangbilder, die bald durch leichtflüssige und gefällige Melodien des Streichkörpers in Abwechslung mit den Holzbläsern, bald in toll durcheinander wirbelnden chromatischen Gängen etc. zum Ausdruck kamen, hätten zu einer vollendeten Wiedergabe noch einiger Proben bedurft.
Zum Schluß noch eine Neuigkeit von Hans P f i tz n e r: Ouvertüre zum Weihnachtsmär- chen „Tas Christ-Elflein". Infolge der-ausgedehnten Länge war es mir eigentlich unmöglich, das Werk bis zum Ende mit ungeteiltester Aufmerksamkeit anznhören. Auch hier hörte das Ohr schöne, leichtfaßliche, klangliche Ton- formen, die mit den häufig verwendeten Klarinetten und Piccoloflöten lebhaft an ben Weihnachtstrubel der mit allen mögliche» Kin- berinftrumenten beschenkten Kleinen unter dem Cbristbaum erinnerten. Der schwach? Beifall des Publikums am Schluß des Konzertes war sicher eine Folge der Ermüdung. Wenn's nicht direkt kunstwidrig wäre, so müßte man eigentlich dem gefeierten East Herrn Vogelstrom aus Mannheim danken, daß er mit seinen wirklich allzu bekannten Lobengrin- ftagmenten nickt aufs neue unseren Geist beschwerte. Doch dies nur im Rahmen des gestrigen überlangen Programms. Die herausgerissenen Lohengrin-Opernarien boten wirklich in dieser Aufmachung nichts Neues und ielbft die weitgehendste Phantasie konnte den fehlenden Nymbns des fckeidenben Schwanenritters im Frack unb weißer Binde nickt ersetzen. Wenn's künftig also dock noch Opernarini unb nickt nur Lieder fein muffen, dann wenigstens solche, die hier unbekannt sind, und bereit sind es noch sehr viele. Ueber die Stimme ist sckon bei Vogelstroms Gastspielen ae'vrockftn. (Sine svielend leickte Hobe: die Prägnante Ausivra- che, hauptsächlich in den Strauß'schen Liedern, wandte der Sänger vorteilhaft im Svrechton an und milderte dadurch die farblos und matt klingende Mfttellage. Tas fm
Casseler Neueste Nachrichten
Nr. 307. — 1. Jahrgang.
Sonntag, 3. Dezember 1911.
Lv Eisenbahn Unfall in Schlesien. Bei Bo- barek, in der Nähe von Beuthen. fuhr ein Zug der oberschlefischen Keinbahn bei einer Gleiskreuzung in einen beladenen Zug der oberschlesischen Schmalspurbahn hinein, wobei beide Züge um stürzten. Soweit bisher ermittelt wurde, sind zebn Personen verletzt, darunter mehrere erheblich. Schuld an dem Unglücksfall soll das Versagen der Bremse des elektrischen Kleinbahnzuges fein.
iS Unterschlagungen beim Roten Kreuz in Czernowitz. Der mit der Kassenverwaltmtg des Roten Kreuzes in Czernowitz betraute Landeshilfsämter-Direktor Konstantin Senta ist wegen Veruntreuungen in Hohe von 600 000 Kronen des Vereinsvermögens verhaftet worden. lieber den Verbleib der veruntreuten Gelder ist noch nichts ermittelt worden; jedoch nimmt man an, daß waghalsige Spekulationen den Direktor zu ben Unterschlagungen getrieben haben.
Bauernrcvottc in der Bukowina. In K o s m e st i brach, wie uns aus Czernowitz berichtet wird, eilte Bauernrevolte aus, als die Hinterbliebenen eines Großarundbesitzers von dem Gut des Erblassers Besitz ergreifen wollten. Die Bauern, die sich mit Knütteln und Revolvern bewaffnet hatten, suckten dies zu ' hindern. Drei Gendarmen und ein Ingenieur wurden von den erregten Bauern getötet. Das zur Hilfe herbeigeholte Militär war machtlos.
Rufsischer Winter. Seit einiaen Tagen hat im mittleren Rußland der Winter kräftig eingesetzt. Von verschiedenen Orten werden starke Schneefälle und heftiger Frost gemeldet. Auf der Newa herrscht bceits Eisgang, so daß der Schiffsverkehr nur in beschränktem Maße erfolgen kann.
ur Die Schreckenstat eines Lehrers. In der Ortschaft Vasko h bei Großwardein (Ungarn) hat der Lehrer Mitru seine Frau, die er in flagranti bei einer Untreue ertappte, durch sechs Revolverschüsse getötet, fein dreijähriges Töchterchen ermordet und sich bann erhängt. Alle brei Personen sind tot.
~ Folgen eines Augzusammenstoßes. Gestern mittag wurden (tote uns aus Warschau berichtet wird) infolge Zusammenstoßes eines Schnellzuges und eines Güterzuges aus der Weichselbahn vier Personen schwer und 14 leichter verletzt. Beide Lokomotiven und zehn Wagen wurden zertrümmert. Wen die Schuld an dem Zusammenstoß trifft, konnte noch nicht festgestellt werden, jedoch sind fofort umfangreiche Ermittelungen ungeordnet worden.
Jas Neueste aus Kassel.
LezeMber-TtimmuRg.
Der Monat Dezember mit feinen trüben und kurzen Tagen, in dem die Natur im Winterschlaf liegt, ist doch ein lieblicher und festlicher Monat. Wenn die Sonne auch nicht vom Himmel scheint, so herrscht doch eitel Freude in unseren Herzen. Wie traulich ist die Zeit vor Weihnachten mit all' ihrer Heimlichtuerei der lieben Kleinem dem fröhlichen Rennen . unb Hasten zur Stadt. Wohl -Sem Hause, in dem alles in Liebe und Frieden und ohne Hetzerei abgeht. Im Dezember erreicht die Sonne, deren Abweichung vom Aeguator zu Ansang des Monats 21 Grad 41 Min. beträgt, am 22. und 23- ihre tiefste südliche Abweichung mit 23 Grad 27 Min., um bann sich wieder langsam nach Norden zu wenden und am 31. bereits nur noch 23 Grad 10 Min. unter dem Aeguator dahinzuziehen. Damit nimmt bann auch wieder ihre mittägliche Höhe über dem Horizonte zu. Die Tageslänge beträgt zu Anfang des Monats 8 Stunden 23 Min. und schrumpft bis zum 22. auf 7 Stunden 58 Min. zusammen. Ende des Monats nimmt sie wieder bis auf 8 Stunden 4 Min. zu. Mit dem kürzesten Tage beginnt nach astronomifcher Zählung der Winter, während man meteorologisch die Monate Dezem- tooch zur öffentlichen Beschimpfung ausgestellt habe. Das Bildnis Tolstois wurde von den vorbeigehenden Gläubigen angespuckt, mit Schmutz beworfen und mit wüsten Sckimpfre- den verhöhnt. ... „Heldentaten,, im Reich bet Finsternis!
sQ- Eleonore Düse erkrankt! Depeschen aus Paris zufolge hat sich die berühmte Tragödin Eleonore Düse, die vor einer Woche in Paris angekommen ist, nm dort ein Gastspiel zu absolvieren, genötigt gesehen, von ihrem Vorhaben krankheitshalber Abstand zu nehmen. Die Künstlerin, die schon seit längerer-Zeit an einer Indisposition leidet, hat in einem plötzlichen Anfalle tiefer Melancholie Varis verlassen u. sich nach Rom beae- ben. Wie aus Rom gemeldet wird, soll sich der Zustand immer noch nicht gebessert haben.
eL Der Erfinder des Portland-Zements •$•. Aus London meldet uns ein Pr'vat-Tele- gramm: Im Alter von mehr als hundert Jahren starb am Donnerstag der Erfinder des Portland-Zements, Mr. Isaac Charles Johnson in Graveson. Johnson entstammte einer A rb e it er fa m i l i e unb erfreute sich einer sehr robusten Gesundheit. Er war Absiinenzler und erlernte noch im siebenundachtzigsten Lebensjahre das Radfahren.
Kleine Notizen. Im Park von Sanssouci wurde dieser Tage ein Bildwerk aufge- stellt, das der Kaiser auf der diesjährigen Großen Berliner Kunstausstellung erworben hat, die Figur des Fechters, ein Werk des Berliner Bildhauers Fritz Heinemann. — Die berühmte Damianiscke Z innsammlun g, die wegen ihrer Größe (gegen tausend Nummern) und wegen ihres Reichtums an kostbaren Stücken wobl kaum ihresgleichen hat. ist im königlichen Kunstgewerbemuseum zu Dresden zum erstenmal ausgestellt. — In dem engeren Wettbewerb um die Vollendung des Tomes zu Freiburg in Sachsen (Grnftkircke des sächsischen Konigshaules) ist die Entscheidung zu gunften des Professors Bruno S ck m i tz. Char- lottenbura. gefallen, dessen Entwurf vom Preisgericht zur Ausführung empfohlen wird. — Zwecks zeitgemäßer Weiterführung der Dresdener Sammlungen wurde ein Dresdener Museumsverein gegründet. Das Protektorat wurde dem Prinzen Johann Georg übertragen.