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Hessische Abendzeitung
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Sonntag, 3. Dezember 1911
Nummer 307.
Fernsprecher 951 und 952.
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1. Jahrgang.
Zer tote Löwe.
Conrad von Hötzendorff, „Oesterreichs Mvltke", als Opfer der Hofburg-Kabalen.
Was in Oesterreich fast so unfaßbar schien, tote einst in Deutschland Bismarcks Sturz vom Gipfel der Kanzlermacht, ist nun doch, jäh und unvermittelt, Wirklichkeit geworden: Frei- her Conrad von Hötzendorff, der Chef des Generalstabs der östereichisch-ungari- schen Armee, ist, widrigem Geschick gehorchend, aus dem Amt geschieden, und im Habsburger Land fragt man sich bestürzt, wer die Schöpfer- kraft dieses Eisenkovfs ersetzen soll. Und doch hätte man das Schicksal ahnen können: Schon im Märzmond reichte Hötzendorff e'n Gesuch um Enthebung vom Amt bei der Hofburg ein, weil „die Deckung der Heeresbedürfnisse zu Mißverständniffen geführt habe und der Gene- ralstabchef es nicht glaube verantworten zu können, die von ihm verlangten fünfhundert Millionen Kronen für die Bedürfnisse des ge- meinisamen Heeres auf den Betrag von zweihundert Millionen reduzieren zu lassen, da dadurch die Schlagfertigkeit der Armee ernstlich in Frage gestellt werde". Der greise Franz Josef fand damals Mittel und Wege, den Groll des Enttäuschten zu sänstigen und Hötzendorffs bewährte Kraft dem Amt des Armee-Organisators zu erhalten. Inzwischen hat sich allerdings mancherlei ereignet: Schönaichs Rücktritt wurde Franz Josefs achtzigjähriger Müdigkeit vom starken Einfluß der Thronfolger-Partei förmlich abgerungen, und im vertrauten Kreis erzählt man sich in der Weanerstadt, der alte Kaiser habe zur Spätsommerzeit Schönaich nur unter der einen Bedingung den Gegnern ausgeliefert, daß vor'm Jahresschluß auch Hötzendorffs Uebermacht geendet werde. Das ist nun geschehen!
Aber nicht nur Wien ist bestürzt: Auch in Berlin hat die Post vom Sturze Hötzen- dorffs peinlich berührt, und es ist sicher mehr als bloßes Bedauern über den Entschluß eines Wackern Mannes, vom Schauplatz rühmlicher Tat binwegzuschreiten, was in deuffchen politischen Kreisen die Gemüter bewegt: Conrad Hötzendorff ist der eigentliche Schöpfer der modernen österreichffchen Armee, der scharfsinnige und ideenreiche Kopf der gesamten Militärwesens im Verbündeten Reich und die Seele des unter seiner Leitung gänzlich um- gestalteten Generalstabz der Armee der Doppel- Monarchie; ein Mann von eherner Energie und nimmermüder Tatkraft, der die hingebende Arbeit langer Jahre an die Modernisierung und Reorganisation des nationalen Heerwesens verwandte und nach mancherlei Enttäuschungen den Tag sah, da sein Merk von Erfolg gekrönt ward. Als er, vom alternden Kaiser nicht sonderlich froh empfangen, das Amt des Generalstabschefs übernahm, konnte die Donaumonarchie nicht Anspruch darauf erheben, für den entscheidenden Moment kriegerischen Konflikts ausreichend und erfolgsicher gerüstet zu sein: Technische und organisatorische Mängel beeinträchtigten die Schlagkraft des militärischen Apparats in bedenklicher Weise und die nationalistische Buntsckecki gleit der Landesverwaltung machte sich auch im Heer störend und entwicklunghemmend bemerkbar. Dazu kam der schroffe Gegensatz zu Ungarn, der im militärischen Element sich noch schärfer offenbarte, als auf politischem Gebiet, und der infolgedessen den Begriff „gemeinsame Armee" nahezu als Illusion erscheinen ließ. Das war Oesterreichs Heer in den Tagen, da, nach einer überlangen Periode öder Stagnation, Conrad von Hötzendorff ins Amt des Organisators berufen wurde.
Erzherzog Franz Ferdinands scharfes Auge erkannte in Hützendorff schon die Gaben des überragenden Kopfs, als der spätere Generalstabschef der Hofburg-Svbäre noch verborgen war, und der tatkräftigen Unterstützung durch den energischen Thronfolger dankt Hötzendorff auch zum großen Teil den Erfolg feines Werks. Seit die männlich-starke Art des Erben der Kaiserkrone sich in der Leitung der politischen Geschicke der Donau-Monarchie merkbar macht, ist in Oesterreich eine Entwicklung zu völkischer und militärischer Kräftekonzentration erkennbar, an die die Leute der mil- den Schule Franz Josefs in ihren kühnsten Träumen nicht zu denken gewagt hätten, und auch die politischen Verhältnisse haben seitdem im Habsburgerland eine durchaus modern gestaltete Uurwandlung erfahren. Fran; Ferdinand ebnete gemeinsam mit Conrad von Hötzendorff dem Fortschritt die Bah» und Oesterreich erwachte nach langer Untätigkeit und Schwäche aus einem Traum zweifelnder Aengsilichkeit und tastender Ohnmacht. Daß ein solches Werk nicht Zustandekommen konnte, ohne daß Groll und Eifersucht seine Träger
belästigten, ist klar, und es hat auch in Oesterreich nicht an Flüsterern gefehlt, die dem Ohr des greifenden Kaisers das Mißtrauen gegenüber der überall vordrängenden Energie des Thronfolgers predigten, und den Chef des Generalstabs der Armee als den Mann verdächtigten, der in größenwahnsinniger Hast die Reichsgemeinschaft in den wildesten Strudel des Rüstungwettbewerbs dränge und die ruhige Sicherheit bescheidner Entwicklung, die nirgend Argwohn wecke, gefährde. Trotzdem der Serbenlärm und das letzte Balkan-Abenteuer die glänzendste Probe aufs Erempel brachten!
Oesterreich bat noch weniger als wir einen Ueberfluß an Talenten, krankt förmlich am Mangel tatensroher Leute mit Energie und Initiative, und hat in den wenigen Jahren, die seit dem Erwachen aus überlanger Ruh' verflossen, noch keinen Nachwuchs heranzubilden vermocht, der in der Lage wäre, das mühsam Erstrebte zu erhalten und mit sichrer Hand weiter auszubauen. Daß unter diesen Umständen der Rücktritt Conrad von Hötzendorffs von der Leitung der nationalen Heeresorganisation einen Verlust bedeutet, der zurzeit nicht zu ersetzen ist, sehen in Oesterreich auch Diejenigen ein, denen der Mann mit der ehernen Stirn" und den abenteuerlichen Plänen" stets ein Dorn im Auge war, und man fragt sich zweifelnd, ob der Feldmarschall von S ch e m u a, der bisher Litz bescheidnen Funktionen eines Sektionschess im Kriegsministerium verwaltet hat, der Mann ist, um Hötzendorffs Verlust für die Donau-Monarchie erträglich zu gestalten. Hötzendorff hat im Oesterreich Franz Josefs nicht mindere Enttäuschungen erlebt wie Franz Ferdinand, dessen »Politik der starken Hand" noch heut den stärksten Anfeindungen begegnet und auch beim alten Kaiser wenfg Sympathie genießt, trotzdem nicht zu verkennen ist, daß diese Auspeitschung der nationalen Energie zu Kraftbewußtsein und Tatenmut es gewesen ift, die Habsburgs und Oesterreichs Ansehen in der Welt wieder neu gefestigt hat. Deutschland und der Dreibund haben alle Ursache, den Rücktrttt Hötzendorffs zu bedauern, denn unter feinen Händen wuchs Oesterreichs militärische Macht zu einem achtunggebietenden Faktor europäischer Friedenspolitik empor, und es ist ein Experiment, dessen schwere Bedenken man instinktiv fühlt, dieses Instrument des Friedens nach der Eisenfaust einer Hand bescheidner Energie anzuvertrauen. Im Schatten Hötzendorffs wird Marschall Schemua's Persönlichkeit wie in einer Dunkelkammer verschwinden! F. H.
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Die Stimme des Thronfolgers.
Am gestrigen Tage ist eine auffallende Kundgebung des Erzherzog - Thronfolgers Franz Ferdinand erfolgt. Zum erstenmal tritt dieser in solcher Weise in die Oefsent- lichkeit. Er stellte sich in der Kundgebung auf die Seite des scheidenden Chefs des Generalstabs Konrad von Hötzendorff und damit gegen den MinisterdesAeußern, Grafen Aehrenthal, dessen Politik er, wie in politischen Kreisen bekannt, schon lange mißbilligt. Das erwähnte Schreiben kommt aus der Militärkanzlei des Thronfolgers. Diese veröffentlicht das Schriftstück, in dem es heißt:
Wien, 1. Dezember.
Es ist schon lange ein offenes Geheimnis, daß zwischen dem Grafen Aehrenthal und dem Chef des Generalstabs Meinungsverschiedenheiten bestehen. Sie find in der Natur der beiderseitigen Ressorts begründet. Der Minister des Aeufiern benötigt die Armee, um im Bedarfsfalls seine Politik mit Gewalt durchzusetzen. Der Chef des Generalstabs kann anderseits seinem Amt nicht gerecht werden, wenn er nicht die Erscheinungen der äußeren Politft aufmerffam verfolgt und seine Maßnahmen der politischen Konstellation an- vaßt. In den letzten Jahr«, haben die Gegensätze zwischen dem Grafen Aehrenthal und Baron von Hötzendorff derart zugenommen, daß das Verhältnis unhaltbar wurde. Da ein Wechsel in der Person des Ministers des Aentzern deut Kaiser mit Rücklicht auf die allgemeine Lage nicht am Platze schien, mutzte der Chef des Generalstabes zuriicktreten. Tiefe Tatsache ist ungemein bedauerlich. Wer das Verhältnis zwischen dem berufenen Oberkommandierenden der Armee und Konrad von HStzendorf kennt, wird begreifen, wie schwer der Erzherzog Thronfolger den Generalstabschef scheiden ließ. Als gehorsamer Soldat mußte sich aber auch der Thronfolger der Allerhöchsten Entscheidung fügen.
Sine Niederlage der Kriegspartel?
Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Wien: Die gesamte hiesige Presse bespricht an leitender Stelle die Demission des General
stabschefs von Hötzendorff und vertritt vorwiegend die Ansicht, daß der Rücktritt eine Niederlage der Kriegspartei bedeute. Das „Deutsche Volksblatt" tritisiert mit Genugtuung, daß es dem Grafen Aehrenthal gelungen fei, zu verhindern, daß das Ministerium des Aeußern nicht zu einer Filiale des Generalstabes herabgedrückt werde und eine Nebenregierung verhütet habe. Die gestrige Kundgebung des Thronfolgers erregt allgemein großes Auffehen. Eine hochstehende politische Persönlichkeit äußert sich über den Rücktritt des Generalstabschefs wie folgt: Man ist so weit gegangen, Konrad von Hötzendorff als Chef der österreichischen Kriegspartei hinzustellen. Konrad von Hötzendorff hat den Krieg nicht gewollt, er hat aber Vorbereitungen von so umfangreicher Natur treffen wollen, daß sie dem Friedensgedankeu nicht förderlich sein konnten. In militärischen Kreisen verlautet übrigens, daß im Zusammenhang mtt der Demission des Generalstabschefs noch weitere Verabschiedungen hoher Militärpersonen zu erwarten sind.
Der Dreibund am Sude?
Römische Diplomaten-Verhandlungen.
In der Presse ist bereits vor einigen Wochen nach Jnsormationen aus ernsten politischen Kreisen über eine bedenkliche Verstimmung zwischen Oesterreich - Ungarn und Deutschland einerseits und Italien anderseits berichtet. Die Uebertragung des Tripolis- Krieges auf Europa hat Deutschland und Oesterreich veranlaßt, in Rom ihre peinliche Empfindung zu erklären und eine Verantwortung abzulehnen. Die italienische Regierung hat daraufhin gestern geantwortet, sich der Tragweite ihrer Entschließungen voll bewußt zu fein und die Konseguenzen tragen zu wollen. Als eine Bestätigung dieser Nachricht, die den Zerfall des Dreibundes als sicher erscheinen Acht, veröffentlichte geKern bte her österreichischen Regierung nahestehende Wiener „Reichspost" ein Meldung von besonderer Seite aus Rom, die sie von vornherein gegen alle Dementis aufrecht erhält. Es wird uns darüber berichtet:
Wien, 2. Dezember.
Privat-Telegramm.
Die Wiener „Reichspost" brachte gestern aus Rom folgende sensationelle Meldung: In den letzten Tagen haben in Rom Unterredungen stattgefuNden, die sich auf den Ablauf der Dreibund Verträge bezogen und derzeit noch fortdauern. Diese Besprechungen wurden von dem französischen Botschafter beim Quiri- nal, Camille B a r r ö r e, eingeleitet. Die Grundlage der Verhandlungen bildet der Vorschlag, Italien solle den Dreibund verlassen und sich den Allianzen und Freundschaften Frankreichs anschließen. Auf Seite der italienischen Regierung hat die Aussprache eine sympathische Aufnahme gefunden. Der Gedankenaustausch hat zu einer Verständigung in wichtigen Punkten geführt; dabei wurde von italienischer Seite dem Gedanken Ausdruck gegeben, daß Italien unbeschadet einer eventuellen neuen Gruppierung der Mächte ein Ententeverhältnis mit Oesterreich-Ungarn in bezug auf die Balkanfrage, insbesondere Albanien, aufrecht zu erhalten wünsche. In den Verhandlungen wurde von Seite der französischen Diplomatie sehr geschickt die Verstimmung ausgenützt, die gegenwärtig im Schoße der italienischen Regierung gegen Deutschland besteht. Man glaubt auch, daß von den beiden anderen Dreibundstaaten die Proteste gegen eine italienische Dardanellenblockade eingeleitet worden seien und Rußland erst auf Grund von Berliner Informationen jene Schritte unternommen habe.
übliche Scmcatf.
Daß die sensationelle Meldung des Wiener Blattes nicht ohne das übliche Dementi bleiben werde, war vorauszusehen: Das Neue Wiener Abendblatt brachte denn auch schon gestern abend nach Informationen angeblich „leitender italienischer Kreise" die angesichts der Vorgänge der letzten Zeit etwas selffam klingende Versickerung, daß „afle Meldungen, die davon wissen wollten, Italien beabsichtige, aus dem Dreibünde auszutreten, unbedingt falsch seien." Italien, das sich in allen politischen Fragen in Uebereinstimmung mit Deutschland und Oesterreich-Uitaam befinde, sei im Dreibunde und werde int Dreibunde verbleiben. Im Gegensatz zu dieser stark sptimistisch klingenden „Versicherung", öerlaiitet aus Berliner diplomatischen Kreisen, man halte es dort für möglich, daß seitens des französischen Botschafters in Rom, Barröre, eines alten Gegners des Dreibundes, die gegenwärtige Stimmung in Italien aus- genutzt werde, um für den Anschluß Italien- an die Tripleentente Stimmung zu machen. Die nächste Zukunft wird darüber jedenfalls Gewißheit bringen Sicher ist jedenfalls, daß
in Italien die Dreibund-Sympathie längst erkaltet ist Und das ist schließlich doch bai Wichtigste!
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Dezember Premiere.
Des alten Reichstags letzte Kampfes-Tage.
Aus dem Reichstag wird uns geschrieben: Zu früher Stunde trat gestern der Reichstag zusammen, um ein möglichst großes Pensum zu erledigen, indessen hatte dies auf den Besuch des Hauses nicht gerade günstig eingewirkt. Zuerst befaßte man sich mit dem Gesetz über die kleinen Aktien, dessen Geltung man, um überhaupt etwas zustande zu bringen, in der Kommission auf China beschränkt hat. Die Vorlage wurde dann auch in dieser Fassung angenommen, freilich nicht, ohne das der „Silbermann" Arendt auch bei dieser Gelegenheit wieder „seinen prinzipiell ablehnenden Standpunkt begründet hatte, mit dem Erfolg, daß fein Fraktionsgenosse Gamp ihm eine kleine Lektion erteilte. Der Entwurf wurde schließlich in der Kommissionsfassung angenommen, worauf man zur dritten Lesung des Schifsahrtsabgabenge- 1 e t z e s überging. Auch hierbei entspann sich eine nur unbedeutende Debatte, die mit der endgültigen Annahme des Gesetzes in Fassung der zweiten Lesung endete. Geschlossen stimmten gegen das Gesetz nur die Sozialdamo- kraten. Dann fuhr man in der zweiten Lesung des Privatbeap'.tenversiche- rungsgesetzes fort. Hierbei ging cs gleich zu Anfang nicht sonderlich ruhig zu: Es kam zu scharfen, persönlichen Auseinandersetzungen zwischen den Abgeordneten Hoch unb Behrens, die in dieser Lesung gänzlich überflüssig waren und wobei es wiederum an lärmenden Zwischenrufen von der äußersten Linken nicht fehlte. Zu einer eigentlichen Debatte kam es nur an wenigen Punkten, im großen und ganzen wurde alles nach den Kommissionsbeschlüffen erledigt. Der Sitz der .Versicherungsanstalt wird Berlin. Das Einer-, lei der-Diskusion wurde im sväter-m Berlan: der Sitzung durch heitere Szenen unterbrochen: Herr Fleischer hatte in einer Polemik scherzhaft gesagt, man müsse dann nach Oldenburgs Rezept einen Leutnant und zehn Grenadiere gegen das Reichsamt des Innern loslassen, als gerade in diesem Augenblick Herr von Oldenburg auf der Bildfläche erschien.. Ungeheure Heiterkeit unb Rufe: „Der bat fein Stichwort gehört!" waren die Folge. In der Beratung kam man gestern bis zum Paragraphen hundervierundzwanzig. Ob die Hoffnung, heute mit dem Gesetz zu Ende ?u kommen, berechtigt ist, bleibt sehr zweifelhaft, man müßte sich denn die allergrößte Enthaltsamkeit im Reden auferlegen.
Keine MsrMg ZensMon?
Prival-Telegramm.
Im Reichstag wurde gestern die Nachrickk verbreitet, der Reichskanzler habe in den letzten Tagen mit verschiedenen Parteiführern Bc- rprechungcn über die kommende Marokko- dcbatte gepflogen. Diese Tevatte soll allem Anscheine nach kurz fei«. Das Zentrum ist (wie verlautet) bereit, durch den Freiherrn von Hertling nur eine kurze Erklärung abge- hen zu lassen. Die Reichspartei will sich heute darüber schlüssig werden, wie sie sich bei den kommenden Marokkoverhandlungen verhalten soll. Die Nationakliberalen wollen dies am Montag tun. Bon verschiedenen Seiten wurde die Nachricht verbreitet, datz der Reichskanzler nicht das Wort ergreifen werde, sondern dies dem Staatssekretär des Auswärtigen Amts zu überlasse« gedenke. Der Schlnß des Reichstags ist nun definitiv auf den sechsten Dezember festgesetzt worden.
NemMhnAmdertzioölf.
Was die „Seherin von Paris" erzählt.
Von unferm Korrespondenten,
Paris, Anfang Dezember..
Kurz vor Jahresfchluß pflegen die Pariser Wahrsagerinnen auf ihren Dreiftiß zu steigen und zu prophezeien. Von all diesen prophetisch veranlagten Damen ist Madame de Th öd es die bekannteste. Hervorragende Geister, wie Dumas und ©arbeit beehrten sie mit ihrem Vertrauen, und ihre Weissagungen geben immer ins Große In den nächsten Tagen wird Madame de Thvbes ihren Jahresalmanach herausgeben. Für die Leser des „Matin" hat sie aber schon jetzt bte Schleier der Zukunft zerrissen. Was sie in Aussicht stellt, klingt nickt sehr angenehm, und wir werden im nächsten Jahre nicht viel zu lachen haben. Madame de Thäbes weist zunächst mit gerechtem Stolz daraus bin, daß das meiste von dem, was sie zu Beginn des vorigen Jabres vorausgesagt habe, tatsächlich einaeitoffen sei. Da das Jahr neun- zehnhundertelf unter der Herrschaft der Venus stand, (schreibt sie), hatte ich gesagt: Was wird dieser Abendpurpur, in den Venus sich hüllt, für Frankreich bedeuten? Feuer, Blut oder T h r o n f a in m e t! Schon sind unter uns die grauen eifrig am Werk. Sie werden sicheln