Nr. 306.
Erster Jahrgang. ----------■■
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1. Beilage.
Sonnabend, 2. Dezember 1911.
Verblichene Sterne.
In den Asylen der Vergessenen.
Von unferm Korrespondenten.
Paris, Ende November.
Das hefteie Paris, die Stadt tollster Lust ttuö unsinnigster Verschwendung, ist auch der Strand, wo alle gescheiterten E x i st e n - 3 en angeschwemmt werden. In der Rue Montmartre, vor einer Taverne, wo sich die Vergnügungsreisendcu aller Nationen zusam- menfinbett, lockt allabendlich ein Riesenschild mit mannshohen Lettern: „Le beau Rigo". Ich trete in den gewaltigen Kuppelsaal. um den sich weite Galerien ziehen. Ein Brausen von tausend lachenden und plaudernden Menschen schlägt mir entgegen, ein babyloni- Iches Sprachgewirr, in das sich das Kreischen lustiger Lebedamen mischt. Das Dröhnen eines Gong überrönt den Lärm und kündet den Beginn der Musikstücke an. Die irritierenden, lasziven, langgezogenen Rhythmen irgend eines „VaJee lente" schweben durch den Raum. Doch die Sensation des Abends steht noch bevor: Man erkennt dies au der erwartungsvollen Miene der Gäste, die ungeduldig nach der Musilestrade starren. Endlich, gegen zehn Uhr, nach einem formidablen Orchestertufch, hält der famose Rigo seinen Einzug. Riga, der Held des berühmtesten Liebesabtenteuers, das die chronique scandaleuse jahrelang beschäftigte, das Idol überspannter Uankce- damen, der glutäugige Zigeuner, der
Prinzeffinnen den Kops verdrehte.
Das ist von Rigo geblieben ...? Dieses kleine dürre Männchen von fünfzig Jahren, das jetzt mit der affektierten Geste einer ausrangierten Lheaterkokette, die ihre letzte Benefizvorstellung gibt, auf das Podium hüpft? Mager wie ein Zaunstecken, glatzköpfig, den Schnurrbart zu einer kurzen Kratzbürste gestutzt, das Gesicht quittengelb und hager, so dreht er sich selbstgefällig im Kreife, fiedelt mit dem Gebühren eines Halluzinierten, reckt sich bei fchmachtenden Stellen auf die Fußspitzen, blickt dann wieder mit starrem Lächeln auf das Publikum, dabei feine Zähne weisend ... Armer, schöner Rigo, die Liebesmüh ist vergebens! Und ihn begrüßt das grausam-spöttische Lachen der Frauen, denen er nicht mehr gefährlich ist, die höhnische Nachsicht der Männer, die einst vielleicht mit geheimem Neid den Don Juan vergangener Zeiten betrachteten. Armer schöner Rigo! Nun bist du nichts mehr als eine halbe „Attraktion", eine Programmnummer, die vielleicht noch eine kurze Weile ihre Schuldigkeit tun wird. Denn dem stumpfen Neid der Menge tut es wohl, einen Günstling des Glückes entthront zu sehen. Und diese Menge hat für dich nur noch das böfe Wort übrig, das man bei Lafontaine findet, da zu Winterbeginn die leichtsinnige Grille bei ihrer fparsamen Nachbarin anklopft: „Eh bien, danse maintenant ...!" Ein anderes Bild. In einer kahlen Kammer der Passage Beaux- Arts haust eine
andere ehemalige Berühmtheit, nun ein „Gestrandeter". Er nagt am Hungertuche, weil man ihn ... nicht hungern läßt. Dies klingt wie ein tolles Paradoxon und ist doch nur traurige Wahrheit. Der arme Teufel in der kahlen Kammer ist Succi,der Hun- gerkünstler, der einst die ganze Welt bereiste und durch fein Fasten ein hübsches Stück Geld verdiente. Doch man ward seiner müde, nur das Neueste und Sensationelle ist in der Welt der Artisten beständig. Seit Fahren sand Succi kein Engagement mehr. In seiner Not dachte er an Paris, wo er vor fünfundzwanzig Fahren Triumphe gefeiert. Damals fab er im Grand-Palais ganz Paris vorbeidefilieren; noch größere Erfolge hatte er in Troyes, wo
selbst er sich auf einige Tage lebendig begraben ließ; hieraus in Rouen, wo er achtzig Stunden lang aus einer Säule unbeweglich aufrecht verharrte und fo das Wunder des heiligen Simeon erneuerte. Seine letzte Hoffnung beim Sonnenuntergang seines Ruhmes sollte nicht ganz getäuscht werden: Bon einem Vergnü- gungsetablisfement des Montmartre erhielt er einen ziemlich günstigen Engagementsantrag. Aber die Polizei verbot sein Auftreten: es sei „ein unmoralisches Schauspiel, einen Menschen leiden zu sehen!" Alle Proteste des armen Succi halfen nichts, und er, der während der Zeit feiner Produktionen durch sechzehn- hundertvierzig Tage hindurch hungerte (mehr als vier Jahre» sieht sich das Recht auf weiteres Hungern verwehrt und muß nun betteln, um nicht Hungers zu sterben! Lebendiges Strandgut der Weltstadt ...
F. F.
Achttausend MM«.
Königs-, Fürsten- und Bürger-Kinder.
In einem interessanten Artikel, der sich mit der morganatischen Heirat des österreichischen Erzherzogs Fran; Carl beschäftigt, weist eine englische Wochenschrift nach, daß es zurzeit etwa achttausend lebende Persönlichkeiten gibt, die ihren Titel und Rang der „Unregelmäßigkeit" ihrer Herkunft danken. In dem Hause Sachfen-Koburg-Go- tha zählt man fast ebenso viele morganatische Ehen wie reguläre Heiraten. Die B r a g a n - za sind verschwägert mit den Grafen von Li- miniares; die Bonaparte mit den Castel- Becchio, Hadot, Bschevet, Orx, Labenne, David, Valewski, Leon, Schoenfeld, Wietersheim; die Bourbonen mit den Crequi, Langlois de Villepaille, d'Orvigny, Vernonillet, Saint- Andrä, Jffoundun, San-Ricardo, Castura, Seckendorfs, Rocca-Guilieme und Espina; die Orleans mit den Chinchon, Villemonble, Montesson, Saint-Albin, Saint-Farre, Miche- lot, Hatteville und Vanröal; die kaiserliche Familie von Rußland mit den Mussin, Weli- koi, Narischkm, Kniazew, Juriewski, Hohenfel- sen, Belewskoi, Burenin und Dolgoruki. Das einzige Land, in dem die morganatischen Ehen seltener sind, ist nach der Meinung des erwähnten Blattes England. Darin geht das erwähnte Blatt aber entschieden zu weit; denn die englischen Prinzen waren keineswegs immer Muster menschlicher Tugend.
Unbestritten ist allerdings, daß Heinrich der Achte als Junggeselle starb, daß die Stuarts die Welt durch ihre Keutschheit in Erstaunen gesetzt haben und daß die große Elisabeth ihren Ruhmestitel als jungfräuliche Königin verdient. Andererseits ist keins der englischen Geschlechter, die sich im Laufe der Geschichte in die Herrschaft über Europa geteilt haben, von Mefal- l i a n c e n frei geblieben. Bekannt ist, daß die gegenwärtige Königin von England, eine Fürstin Teck, morganatischen Ursprungs ist, und die englische Prinzessin Viktoria Ena, die mit Alfons XIII. den Thron Spaniens teilt, ist ebenfalls aus einer Familie hervorgegangen, die nicht „ebenbürtig" war; war doch ihre Großmutter väterlicherfeits ein einfaches Fräulein Julie Hauckc. Auch fönst bietet die Geschichte Englands zahlreiche Beispiele morganatischer Verbindungen. Georg der Vierte hatte aus einer Liebschaft mitFrau v.Gerepstow einen Sohn, der den Namen Georg Nord erhielt und der als Oberst in russischen Diensten starb. Wilhelm der Vierte erfreute sich einer reichen Kiiwerschar. die ihm Dorothea Jordan geschenkt hatte, und die alle als Grasen und Gräfinnen von Münster angesehene Verbindungen innerhalb der englischen Peerschast
eingingen. Man sieht also, daß die Engländer im Unrecht sind, wenn sie verächtlich von der „linken Hand" sprechen. -ie-
Aus aller Welt.
Gebrochene Herzen vor Gericht.
Man schreibt uns aus Paris: Vor dem hiesigen Zivilgericht endete in sehr unromanti- scher Weise ein Liebesroman mit der Verurteilung eines Deutschen namens Otto Kramer zur Zahlung eines Schadenersatzes von zweitausend Frank an Fräulein Felicie Mercey wegen Bruchs des Eheversprechens. Herr Kramer hatte der Dame, die er im Jahre ncunzchnhunderteins kennen lernte, und die auf feine Veranlassung ihre Stellung aufgab, seine Freundin wurde und im Vorort Enghien Wohnung nahm, nach vierjährigem Zusammenleben die Ehe versprochen, wenn sie zum Protestantismus übertrete und die deutsche Sprache erlerne. Fräulein Mercey ging auf alles ein, lernte in einem deutschen Pensionat Deutsch sprechen, trat zum evangelischen Bekenntnis über und wurde auch von der Familie Kramers mit offenen Armen empfangen. Alles schien in bester Ordnung zu sein, und vor drei Jahren im März erhielt die glückliche Braut einen Brief, in dem die Hochzeit für Mai angekündigt wurde. Aber sie mußte eine herbe Enttäuschung erleben. Denn die Heirat fand nicht mit ihr, sondern ... mit einer jungen, reichen Amerikanerin statt, der Schwester von Kramers Sozius. In einem Briefe teilte der anderen Sinnes gewordene Bräutigam Fräulein Mercey mit, er habe für sie keine Liebe, sondern nur „Freundschaftsgefühle". Fräulein Mercey, die ihr „gebrochenes Herz" sehr geschäftstüchtig mit zehntausend Franks bewertete, ging weinend zum Kadi, verlangte Schadenersatz, und wurde nun auch vom Gericht durch die Zuerkennung von zweitausend Franks für die „Wunde ihrer Seele" angemessen entschädigt.
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Ein Krösus von heute.
Wie ein Märchen aus „Tausendundeiner Rächt" klingen die Geschichten, die Pearsons Magäzinr von dem Maharadscha oder Gaek- war von Baroda, Sajädschi Rao d em Dritten, erzählt. Unter den indischen Potentaten, die sich auf dem Durbar von Dehli um Georg des Fünften scharen werden, ist Sajädschi Rao einer der reichsten. Sein Einkommen wurde schon vor fünfzehn Fahren auf sechzehn Millionen Rupien geschätzt. Die Palankine für feine von fünfhundert Sklaven und Kornaks bedienten fünfzig Elefanten sind von Gold und von Silber und über und über mit den herrlichsten Edelsteinen besetzt; die Schabracken und das Zaumzeug sind aus einem kostbaren Goldgewebe gefertigt. Bei festlichen Gelegenheiten trögt der Maharadscha einen Halsschmuck im Werte von fünf Millionen Mark; in diesem Schmuck befindet sich ein Diamant von hundertfünfundzwanzig Karat, der einst Napoleon gehört haben soll. Der Fürst besitzt aber außerdem noch andere Schmucksachen, die insgesamt auf vierzig Millionen geschätzt werden, und in feinem Arsenal steht eine große Kanone von massivem Silber, deren Wert zwei Millionen betragen soll. Unter den anderen wunderbaren Dingen. die in den Schatzkammern des Palastes aufgespeichert sind, verdienen eine besondere Erwähnung noch die mit echten Perlen durchwirkten Teppiche, die ursprünglich als Hülle für das Grabmal Mohammeds bestimmt waren. Trotz feines fabelhaften Reichtums ist der Kaekwar ein fparsamer, beinahe geiziger
Herr: Er gibt jährlich nicht mehr als drei Millionen aus, was als eine wahre Lappalie bezeichnet werden muß.
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Adam und Eva im Pelz.
Unter dem Titel „Morgendämmern der Liebe" kam vor einigen Tagen in einem großen Londoner Varietee ein Ballet zur Erstaufführung, in dem die Geschichte der ersten Menschen und das Erwachen der Sf'be pantomimisch und choreographisch dargestellt wurde. Aus dem Programm stand der Akt als eine „künstlerische Phantasie" bezeichnet, aber das Ballet war weniger phantastisch als stark realistisch, und die „Naturwahrheit" ging so weit, Adam und Eva mit ... Feigenblättern auftreten zu lassen. Das erste Menschenpaar, verkörpert durch Mlle. Nhdia Nerigne und Ivan Petrow (was jetzt in London tanzt, und es wird an allen Ecken und Enden getanzt, mutz russische Namen tragen) konnte sich dieser schönen und gewiß billigen Kostüme aber nicht lange erfreuen, denn die Kunde von beit biblischen Geschehnissen im Varietee, vom Avfelbiß und der Verführung des Mannes, kam dem Reverend Mayer, der durch feinen erfolgreichen Protest gegen den großen Borkamps Johnson- Wells so allgemein bekannt wurde, zu Obren. Reverend Meyer besuchte die fragliche Music Hall, verließ sie entsetzt und setzte sich sofort mit der Londoner Polizei in Verbindung. Eine Kommission besah sich nunmehr die versübreri- schen und volksverderblichen Vorkommnisse im Garten Eden, und die Folge davon war, daß die Direktion des Varietees einen gehörigen Rüffel bekam. Adam und Eva erhielten der Jahreszeit entfprechend ... Pelze, mit denen sie ihre nackten Glieder bedecken konnten, und das „Erwachen der Liebe" vollzieht sich mim mehr in höchst respektabler Weise.
Papst Pius und vis Seherin.
Wie aus Rom berichtet wird, hat Papst Pius soeben ein Handschreiben an eine hoch- betagte schweizerische Nonne namens Frey gerichtet, die sich während ihres halbhundcrtjähri- aeit Klosterlebens in der Zisterzienserabtei von Viterbo einen großen Ruf als Hellfeherin erworben hat. Die Gabe der Weissagung und des zweiten Gesichts, die Schwester Frev in so hohem Grade auszeichnet, hat dafür gesorgt, daß die Klosterzelle, in der Schwester Frey seit Jahren ein schweres Siechtum erduldet, von Besuchern nicht leer wird, und unter denen der Adel wie die hohe Geistlichkeit gleich stark vertreten sind. Sie enthüllt ihren Besuchern nicht nur Geheimnisse privater Natur, sondern sie soll auch Pius dem Zehnten eine Reihe von sein Pontifikat betreffenden Ereignissen vorausgesagt haben. Daß sie die Ermordung des Präsidenten Carnot und des Königs Humbert seiner Zeit im Augenblick des Geschehens mit allen Einzelheiten den in ihrer Zelle versammelten Schwestern in der Trance schilderte, soll bewiesen fein. Der Papst hat den Kardinal Caffetta mit der Ueberreichung des Handfchreibens betraut, in dem er die hellseherische Nonne wegen ihrer bewundernswerten christlichen Ergebung belobt und feinem Bedauern Ausdruck gibt, daß es ihm unmöglich sei, als einfacher Pilger zu ihr zu wallfahren. Er hat deshalb den Kardinal Cassetta beauftragt, an feiner Stelle die Messe in der Zelle der Seherin zu zelebrieren.
Im Interesse' der Vermeidung von Verzögerungen bitten wir Zusendungen an die Re- daktion nicht unter der Adresse eines Redakteurs, sondern nur „An die Redaktion der Casseler Neuesten Nachrichten" auszuliesern.
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