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Casseler Neueste Nachrichten

Nr. 306. L Jahrgang.

Landwirte sei eine Verrohung des poli­tischen Tons entstanden und mit ihm habe eine Jnteressenp o litik begonnen. Der Bund der Landwirte sei zum bösen Geist der Konservativen Partei und unserer Wirtsckasts- oolitik geworden. Er spiele die einzelnen Grup­pen gegeneinander aus und schaffe dadurch jene Unzufriedenheit und Erbitterung, die einer Förderung der Sozialdemokratie gleichkämen. Der Bund der Landwirte betone auch mittel- standsfreundlich zu sein, aber er war es, der dem Mittelstand, den Fleischern, Bäckern und so weiter, die Teuerung in die Schuhe gescho­ben habe. Der Hansabund, aus solchen Ver­hältnissen heraus gebildet, erstrebe ein ge­meinsames Arbeiten aller Er- tterbsgruppen, nicht auseinander und gegeneinander, sondern

für und miteinander sei die Parole.

Da der Hansabund keine politische Partei fei, müsse er alle bürgerlichen Kandidaten bei der bevorstehenden Reichstagswahl unterstützen, so­weit sie (nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten) für Gewerbe, Handel und Indu­strie im Sinne des Hanlabundes wirken. Im Casseler Wahlkreis habe man als sol­chen Kandidaten Herrn Geheimrat Schröder erkannt, den man mit allen Kräften unterstützen werde. Der Hansabund sei von dem Bewußt­sein durchdrungen, daß der moderne Staat nur gedeihen könne, wenn der Grundsatz seiner Tä­tigkeit die Entwicklung aller Erwerbsstände «einschließlich der Landwirtschaft) bilde. Er vertrete aber auch den Grundsatz, dar; alle selbst­ständigen und ausschlaggebenden Stellen im Konsular- und diplomatischen Dienst nur mit Versauen besetzt werden sollen, die auch wirklich tüchtig seien. Geheimrat Rietzer kam dann auf die Tätigkeit des Hansabundes während seines beinahe dreijährigen Bestehens zu sprechen. Insbesondere hob er den vom Hansabund ver­faßten Entwurf einer Reichssubmis- fionsordnung hervor, der bereits von Hildesheim für ein ortsstatutarisches Gesetz vor­bildlich gewesen sei. Aber erfreulich fei es, daß die Nationalliberale Partei diesen Entwurf in den nächsten Tagen im Reichstag als Jnitiaiiv- Antrag einbrinaen wolle, damit er noch in die­ser Session zur Erledigung gelange. Der Hansa­bund habe ferner

Submissionszentralen

^eingerichtet, um alle Vorgänge auf dem Gebiew heS Submissionswesens genau verfolgen und bestehende Mißstände beseitigen zu können. Der Bund habe letzthin auch einen großen Mittel- standskongreß einberufen und ferner Zentral­stellen für den Detaillistenverband geschaffen. Durch all diese Tätigkeit habe er bewiesen, daß er nicht nur für das Großkapital arbeite. Dem- aegenüber habe der Bund der Landwirte nichts kür den Mittelstand getan, obwohl er sich jetzt den Anschein gebe, als sei er mittelstands­freundlich. Der Hansabund sei auch wegen sei­ner Stellung zur Kanalfrage angegriffen worden. Aber aus den Reiben des Hansabun­des stammten die WorteKein Kanitz. keine Kähne" nicht. Der Hansabund halte ein aus­gebautes Kanalsystem für erforderlich und not­wendig. weil er der Anstichs sei. daß die aus­ländische Konkurrenz mit Aussicht auf Erfolg nur dann bekämpft werden könne, wenn es ge­linge, die Generalunkosten der Industrie -u verringern. Mit dem Grafen Vosadowsky stimmt der Redner überein, daß die Sozial­demokratie nur aeistia und sittlich überwunden werden könne. Das könne aescheben durch eine allen Erwerbsaruvven oleichmäßia Rechnung tragende Wirtschastsvolitik. Der Redner be­handelte dann kurz das

Wahlrecht in Preußen, daS auf den Großgrundbesitz zugcschnitten sei und gab die Wünsche des Hansabundes kund: Man verlange freie Bahn im Staatsleben, so­wie freie Bahn im Wirtschaftsleben, man wün­sche ferner weniger Bevormundung und weni­ger Äureaukratie. Vor allem möchte er der Be­amtenschaft, die hinter keiner der Welt zurück- zustehen brauche, ans Herz legen, bei der Be­

antwortung von Eingaben und so weiter zu be­denken, daß Zeit Geld ist. Der Hansabund wünsche, daß zum Kampfe für die höchsten Gü­ter, zur Abwehr jeder Angriffe und jeder Be­vormundung das gesamte Bürgertum in einheitlicher Front auf dem Plane erscheine. Die Aussichten seien gut. 220 Mit­glieder des Hansabundes seien als Reichstags­kandidaten aufgestellt, darunter 62 aus dem Kaufmanns-, Gewerbe- und Angestelltenstand. Man sei sich darin einig, daß nicht abermals fünf Jahre das kaudinische Joch getragen werden dürfe. Differenzen seien jetzt nicht mehr am Platze, sondern nur der eiserne Wille zur Macht. Möge dieser Wille zur Tat werden. Obermeister Kniest nahm Veranlassung Herrn Geheimrat Rieß er noch besonderen Dank abzu­statten. Hierauf machte der Geschäftsführer des Hansabundes in Cassel, Herr Schade, einige geschäftliche Mitteilungen, worauf die Ver­sammlung geschlossen wurde. -so»

Zis Politik d« Tages.

Dreihundertsechzig Millionen für die Flotte!

Wie uns aus Berlin berichtet wird, ist für die zu erwartende Verstärkung der deutschen Flotte der Betrag von dreibundert- sechzig Millionen Mark in Aussicht ge­nommen. Dieser Betrag soll, soweit die bis­herigen Pläne erkennen lassen, auf sechs I a h r e verteilt werden, sodaß auf jedes Jahr sechzig Millionen Mark entfallen. Gelöst ist noch nicht die Dcckungssragc. Das Reichsschatz­amt ist der Ansicht, daß, um die Mittel für die Flottenvergrößerung aufzubringen, es neuer Clnuahmequellen bedürfe, während von anderer Seite auf die steigenden Einnahmen des Reichs hingewiesen wird, die ohne neue Steuerquellen eine derartige Mehrausgabe gestatteten. Eine Entscheidung in dieser Richtung ist noch nicht getroffen.

Strafprozeßreform und Reichstag.

Ein Privattelegramm meldet uns aus Berlin: Im Reichstag hat gestern eine aus Vertrauensmännern aller Fraktionen gebildete freie Kommission getagt, um zur klei­nen Strafgesetznovelle Stellung zu nehmen, die bis zur dritten Lesung gediehen ist. Bekanntlich sind große Meinungsverschie­denheiten entstanden dadurch, daß die in der zweiten Lesung beschlossene Lex Wagner noch eine erhebliche Verschärfung für Belei­digungen durch die Presse vorsieht. Man war sich klar darüber, daß bei Aufrechterhal­tung dieser Bestimmung eine Verabschiedung der Novelle bei der kurz bemessenen Frist, die der Reichstag noch vor sich bat, sehr zweifelhaft sein müsse. Es soll deshalb der Versuch ge­macht werden, die vielen vorteilhaften Bestim­mungen der Novelle, über die man sich im all­gemeinen einig ist, unter Umgehung der stritti­gen Punkte zur Verabschiedung zu bringen.

Statthalterwechsel im Reichsland?

Berliner Blätter bringen aus Straß­burg i. E. folgende Meldung: Ein Wechsel auf den Statthalterposten in Elsatz-Lo- thringen ist (wie von sonst gut unterrichteter Stelle verlautet) in den ersten Monaten des neuen Jahres zu erwarten. Der Rücktritt des bald siebzigjährigen Herrn von Wedel käme nicht überraschend. Schon vor Verabschiedung der neuen Verfassung verlautete, daß int Statt­halter-Palais zu Straßburg bald ein neuer Mann einziehen würde. Für den Rücktritt Wedels sind wohl überwiegend persönliche Gründe maßgebend. Völlig unbekannt ist noch, wer Wedels Nachfolger sein wird. (Wir bemerken demgegenüber, daß Erzellenz von We­del vor nicht langer Zeit erst denCasseler Neuesten Nachrichten" auf telegraphische Anfrage mitqeteilt bat, alle Gerüchte über sei­nen angeblich bevorstehenden Rücktritt beruhten auf K o m b i n a t i o n.)

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Aus Darmstadt wird uns berichtet: Der Zusammentritt des hessischen Land­tags ist durch großherzogliche Verordnung .................. um mim....... im........um nimmi m

vom gestrigen Tage auf den zwölften Dezember angesetzt worden. Die feierliche Eröffnung des Landtages wird am zwanzigsten Dezember stattfinden.

Ein Privat-Telegramm meldet uns aus Petersburg: Die Polizei verhaftete gestern sechsundzwanzig Personen, die einen bewaffneten Ueberfall auf ein Non­nenkloster vorhatten, um es zu berauben. Unter den Verhafteten befinden sich Studenten, Studentinnen und Arbeiter.

Im englischen Konsulat in P e k i n g ist ein Telegramm eingelausen, mit der Meldung, daß in Ming Jan Fu eine revolutionäre Erhebung ausgebrochen sei. Diesmal ist es eine mohammedanische Mission die von den Rebellen angegriffen wurde. Auch sollen drei französische Missionare und mehrere zum Chri­stentum übergetretene Chinesen in der Provinz ermordet worden sein.

Depeschen aus Casablanca zufolge ist der deutsche KreuzerBerlin" gestern auf der Rückreise von Agadir dort eingetrofsen und wird nach zweitägigem Aufenthalt nach Tan­ger weiter gehen.

Nwks vom Tage.

(Depeschen der Casseler Neuesten Nachrichten.)

X Neues vom Konkurse Paasch. Der Kon­kurs der altangesehenen Berliner Bankfirma Herman Paasch hat eine überraschende Wen­dung genommen. Wie sich jetzt herausgestellt hat, hat der kürzlich in Groß-Lichterfelde ver­storbene Inhaber, der Bankier Hermann Paasch, riesige Depotunterschlagungen began­gen. derenHöbe noch nicht feststeht. Rach sach­verständiger Schätzung sollen mindestens sechs­hunderttausend Mark veruntreut sein, die Paasch meist von kleineren Leuten, namentlich aus der Provinz, anvertraut worden waren.

rr Ein rätselhafter KiudeSmord. Unweit des Bahnhofes Bottrop (Kreis Reckling­hausen) wurden die Leichen zweier neugebore­ner Kinder gefunden, die in ein wollenes Tuch eingehüllt waren. Es liegt ein doppelter Kin­desmord vor. Die Polizei vermutet, daß die Leichen mit der Bahn nach Bottrop gesandt wurden und dort nachts im Gebüsch am Bahn­hof versteckt worden sind. Die sofort eingelei­tete Untersuchung hat bislang zu einem Ergeb­nis nicht geführt.

rr Die Saccharin-Schmuggler von Görlitz. Ein umfangreicher Saccharinschmuggel wurde in Görlitz entdeckt. Die Polizei beschlagnahmte einen Koffer, der einen Zentner Saccharin ent­hielt. Der Besitzer des Koffers wurde verhaf­tet. Drei andere Schmuggler, die mit der Ware aus Dresden kamen, sind nach Maffers- dorf in Böhmen entkommen.

er Der Raubmord von Pierrcvillers. In Pierrevillers (im Landkrcije Metz) wur­de vorgestern der reiche, angesehene Privatier Eugen Guilpart in seinem Hause ermordet. Der noch unbekannte Täter ist von hinten in das Haus eingedrungen und hat veraeblich versucht, den Geldschrank aufzubrechen. Die Polizei hat angeblich eine Spur des Mörders entdeckt, doch werden die Ergebnisse der Untersuchung streng aebeim gehalten, damit nicht durch vorzeitiges Bekanntwerden die Verhaftung des Täters ver­eitelt wird.

Gattenmörder, und doch . . . freigefpro- chen! Das Schwurgericht in. Reichender!, (Böhmen) sprach den Gastwirt Werner aus Barschen frei, der feine zänkische Gattin niedergeschossen hatte. Das Urteil erregt in der ganzen Umgebung allgemeines Aufsehen, da man mit einer empfindlichen Bestrafung des Gastwirts gerechnet hatte.

Tie Opfer des letzten Sturmes. Nach den jetzigen Feststellungen sind während des letzten Sturmwetters in der Nordsee auf der Fahrt von und nach der Elbmündung 74 Per­sonen ums Leben gekommen. Eine große An­zahl von kleineren Fabrzeugen ist der verhee­renden Gewalt von Wind und Wellen zum

Sonnabend, 2. Dezember 1911.

Opfer gefallen, lieber den Verbleib einiger Schiffe liegen noch keine Nachrichten vor; man befürchtet, daß sie mit Mann und Maus un­tergegangen sind.

Einbrecher in einer französische« Kirche. In die Dreifaltigkeitskirche in Cherbourg (Frankreich) wurde in der Nacht zum Don. nerstag ein frecher Einbruch verübt. Den Die- ben, von denen man bis jetzt noch keine Spur hat, fielen verschiedene, sehr wertvolle Kunst- gegenstände in die Hände.

~ Die geprellten Diebe. In die Galerie für Maße und Gewichte des Museums für schöne Künste in Paris drangen fünf Diebe ein mit der Absicht, das Muster-Metermaß, das aus Platin hergestellt ist und einen enormen Wert hat, zu stehlen. Die Diebe wußten jedoch nicht, daß dieser kostbare Stab in einem Geldschrank untergebracht ist, und nahmen das für die Oef- fentlichkeit besttmmte Metermaaß mit, das eine gute Nachbilduitg des Originals ist und aus vernickeltem Kupfer besteht. Bis jetzt ist es trotz aller angestellten Ermittelungen noch nicht gelungen, den Platinliebhabern auf die Spur zu kommen.

" Der französische Kolonial-Skandal. Im Zusammenhang mit dem Udschda-Skan- d a l sind gestern in Paris zwei weitere Ver­haftungen vorgenommen worden. Es handelt sich um einen Mann und eine Frauensperson, die nach Belgien geflüchtet waren, gestern aber nach Paris zurückgekehrt sind. Bei ihrer An­kunft auf dem Bahnhof wurden sie von Krimi­nalbeamten in Empfang genommen und dem Untersuchungsgefängnis zugeführt. Wie ver­lautet, sollen weitere aussehenerregende Ver­haftungen bevorstehen.

~ Der Streik der Pariser Droschkenchauf­feure. Der Pariser Chauffeurstreik dauert an. Truppen von Streikenden durchziehen die Straßen und fordern von den Führern der int Betrieb befindlichen Kraftwagen die Karte des Streikkomitees, die ihnen Fahtterlaubnis gibt, zur Einsicht. Drei Chauffeure, die sich toeigerten, die Karten zu zeigen, wurden halb- tot geprügelt, ihre Wagen wurden schwer be­schädigt. Der Streik wird voraussichtlich noch längere Zeit dauern, da die Gesellschaften nicht nachgeben wollen.

~ Ein hartes Urteil. DaS Kriegsgericht in Lille verhandelte gestern gegen den Solda­ten M o t t a i s wegen Gehorsamsverweige­rung. Als Zeuge war der Soldat Beuze- b e c erschienen. Beuzebec warf dem Gerichts- Präsidenten sein Käppi an den Kopf. Ohne weiteres Verfahren verurteilte das Kriegsge­richt ihn deshalb zum Tode.

~ Sich selbst gerichtet! Gestern früh fand man auf einem Bahngleis in London einen entsetzlich verstümmelten Toten, in dem man bei der Rekognoszierung den Arbeiter Her­mann Cooper erkannte. Cooper hatte kürz­lich den Zirkusdirektor Georg Sanger ermor­det. Wie aus einem an seinen Vater gerichte­ten Brief hervorgeht, hat di- Reue über feine unüberlegte Tat den Unglücklichen in den Tod getrieben.

3ns Neueste aus Fasse!.

Adolf von Meuzel.

Bolksvortrag von Professor Knacksuß.

Im großen Saale der Stadt Stockholm sprach gestern abend Professor Knackfuß vor einer überaus zahlreichen Zuhörerschaft (der Saal war bis auf den allerletzten Winkel gefüllt) über Adolf von Menzel. In einigen einleitenden Sätzen äußerte er sich über die Entstehung des Kunstwerks, insbesondere des Gemäldes, und ging dann zu der Wirkung des eckten Kunstwerks auf den einzelnen Menschen über. Es werde heute soviel von Kunst­verständnis gesprochen; daS sei ein ganz verkehrter Ausdruck. Es komme nicht auf das sogenannte Kunstverständnis an, sondern nut darauf, ob man bei der Besprechung eines Gemäldes, beim Anhören eines Musikwerkes

Mazatt.

Die Hallwachs-Vorträge.

Gestern setzte Herr Musikdirektor Hall- fv a ch s seine am vorigen Mittwoch Begonnene dreiteilige Vortragsserie über Mozart fort. Auch diesmal war der Saal des Leiemuseums von einer großen Zuhärerschar gefüllt, und wie­derum begegnete der Vortragende lebhaftem Interesse. Er sprach an diesem Abend über Figaros Hochzeit" und denDon Juan". Bei­des, so sagte er, sind Werke, die in der Ge­schichte der Kunst einzig dastehen. An dem Aus­gangspunkt einer neuen Kunstepoche sind sie entstanden. Beide sind aus deutschem Geist ge­boren. restlos durchlebt von deutschem Leben und durchglüht von Italiens warmer Sonne. Rur ein Künstler, der ganz Deutscher war. und den süßen Zauber der italienischen Musik aus sich hatte wirken lassen, konnte diese Werke schaffen. Der echte Geist des heiteren Hellenis­mus beseelt sie, und von reinem Menschentum ist ihr stofflicher Inhalt erfüllt. Die Bücher beider Opern, desFigaro" fowohl wie des ..Ton Juan" behandeln romanische Stoffe. Dieser Umstand läßt uns begreifen, daß Mo­zarts Charakterisierungskunft und sein musika­lisches Genie anfangs so erkannt worden sind. In seiner OperDie Entführung aus dem Se­rail" steckt der Künstler noch zum großen Teil in der traditionellen Kompositionsart: anders imFigaro": hier gibt er sich vollkommen per­sönlich und lebt sich in dem Werk gewisser­maßen aus. Die ersten Aufführungen von Beaumarchais'Mariage de Figaro" in Paris erregten ein ungeheures Aufsehen wegen der Satire, die das Werk auf Hof und Adel ent­hielt. Auf diesem Weg lernt auch Mozart den Stoff kennen.

In dem Libretto folgt die Oper dem Lust­spiel Schritt für Schritt, nur die politifchen Momente mußten natürlich ausgeschaltet wer­den, weil es für sie keinen musikalischen Aus­druck gab. Mozarts Kunst Handhabte den Stoff meisterlich, verwischte die harten Konturen, wirkte überall ausgleichend und hob die Ma­terie aus ihrer begrenzten Welt ins Freie: in das Reich der Liebe. Ein Wunderwerk ist die Oper in deklamatorischer Beziehung geworden, und prächtig die Verschmelzung von Wort und Form... Der Vorttagende ging sodann sehr

ausführlich auf die Charaktere in der Figaro- Oper ein und illustrierte seine Ausführungen zum Teil am Klavier. Der Zauber der Musik desFigaro", sagte er dann weiter, liegt nicht in ihren einzelnen Teilen, sondern in dem Werk als Ganzes genommen. Die Melodie ist von wahrhaft Rasael'schem Schwung. Die Frauen­gestalten der Oper und Mozarts überhaupt, haben eine auffallende Aehnlichkeit mit denen Gottfried Kellers: in unserer ganzen Literatur gibt es keine Frauenaestalten wieder von solch bestrickendem Reiz. DerFigaro" ist eine ko­mische Oper, und doch nicht im Sinne der ita­lienischen opera buffa, denn ttirnenbS verfällt Mozart in denTon des niedrigenBurlesken und der Spaßmacherei, und die Personen, obgleich mit komischem Einschlag, sind doch immer Men­schen von Fleisch und Blut, und nur aus dem Kern ihrer Natur heraus ist ihr Handeln zu verstehen. Die Orchestermusik weist neue Momente aus. Ganz neu war zum Beispiel die Benutzung der Blasinstrumente. Das Or­chester dient nicht nur zur Begleitung der Sing» stimm; wie früher. Es beteiligt sich auch an der allgemeinen Charakterisierung. Was hier die Jnstrumentationsmusik leistet, beweist schon die wunderbare Klangschönheit der Ouvertüre. Der Schöpfer aber schaut wie mit lächelnder Miene auf das bunte Weltgetriebe. Ueberall ist künstlerisches Spiel und daher wahre echte Kunst.

DerDon Juan"-Stoff ist eine Materie von erstaunlicher Fruchtbarkeit und lockend wie das Faustmotiv. Hunderte haben ihn zu be­zwingen versucht, und viele andere werden's noch tun. ImDon Juan" schufen sich die ro­manischen Völker den Ausdruck für den Geist des Sinnenlebens. In Spanien entstand zur­zeit eine künstlerische Bearbeitung des Stoffes, von dort wanderte sie nach Italien. In Deutschland stand man dagegen der Don Inan- Gestalt lange sehr verständnislos gegenüber. Erst vor zwanzig Jahren hat man in München durch Possarts Verdienst eine von echtem Stil­gefühl getragene Aufführung von Mozarts Oper veranstaltet. Ihre größte Wirkung liegt in der Vermischung des Heiteren mit dem Grausigen. Mozarts Vielfertigkeit und Ge­nialität zeigt sich nicht nur in der Charakteri­sierungskunst, sondern auch vor allem darin, daß er zuerst als Deutscher den Ausdruck des

romanischen Elements in seiner gigantischen Größe erkannt hat. Wie Mozarts Leben, ist das WeA ein großes Rätsel. Nie wieder Bat er solche Töne gefunden, solche lebensvollen Gestalten geschaffen, über die die Titelfigur am Schluß weit hinausragt. Die ganze Er­scheinung desDon Juan" ist überhaupt schwer zu fassen. Es wird behauptet, in dem Mozart- scheuDon Juan" stecke kein bewußtes titani­sches Ringen, wie im Faust, sondern etwas Dämonisches. Das ist eine verkehrte Ansicht, die auch zu einer gänzlich falschen Auffassung der Rolle geführt hat. Daher legen viele Dar­steller allerlei Grüblerisches in diese Gestalt, über der doch eine olympische Heiterkeit lagert. Das ist eben eine gänzliche Verkennung des ro­manischen Wesens. Ein Darsteller, der das Wesen des Don Juan am wirksamsten erfaßt, ist Francesco d'Andrade gewesen. Mit der Figur ist doch eine Lebensbejahung verkörpert, die sich der christlichen Lebensverneinung entgegensetzen will ... Zum Schluß faßte der Vortragende die Wirkung der beiden Opern als Ausfluß des Mozattschen Kunstwesens zu­sammen, das in ihnen in seinem hellsten Lichte ersttahlte... H. E.

Kleines FemLeton.

HO Ein Gastspiel von Frl. Buchholz-Berlin. Obgleich die Sängerin vom Berliner Opern- hanse kam, kann nach ihrer gestrigen Leistung die Hofbühne Cassels kein Wirkungsfeld für Frl. Buchbolz werden, selbst dann nicht, wenn all die vielen Schwächen mit der begreiflichen Aufregung entschuldigt werden könnten. Für die Partie derMarie" in LortzingsWaffen­schmied" genügt eine liebliche Bühnenerscbei- nung allein nicht. Das gesangstechnische Kön­nen derganz kleinen" Stimme ist wohl ach­tenswert und könnte erst durch weiteres, fort­gesetztes Studium zu bühnenreifen Resultaten führe».

OO Dr. Zulauf wird in Bayreuth dirigieren! Herr Musikdireftor Dr. Zulauf ist, wie wir erfahren, schon jetzt für die nächstjährigen Bayreuther Festspiele verpflichtet worden. Es ist bereits das dritte Mal, daß der geschätzte Dirigent unseres Hoftheaters da­hin berufen wird, sicher ein Beweis für feine musikalischen Fähigkeiten.

tQ- Neue Werke von Schönherr. Karl Schön­herr hat zwei neue Dramen aus dem Ti­roler Bauernleben geschrieben; das eine behan­delt die Frage der Fruchtbarkeit und wird wahrscheinlich auch diesen Namen tragen, das andere heißtTiroler Bauern von 1 80 9". Beide sind in drei Akte gegliedert, eine Einteilung, die Schönherr auch allen seinen zukünftigen Bühnenarbeiten geben will. Er wird demnächst auch eines feiner ersten Werke, denSonnenwendtag", in drei Akte umar­beiten.

Der neue Beyerlein. Franz Adam Bey­erleins neues LustspielDas Wunder des heiligen Perenz", erlebte gestern in Leip­zig im Alten Stadttheater seine Uraufführung. Beverlein hat ein Motiv des italienischen No­vellisten Skraparola verwendet.

Eine Siegesallee für St. Petersburg. In den Großstädten Rußlands findet die Ber­liner Siegesallee jetzt ihre ersten Nach­ahmungen. Der Präsident der Reichsduma, Rodsjanko, hat der Stadtverwaltung in St. Petersburg einen Vorschlag vorgelegt, zum dreihundertjährigen Regierungsjubiläum des russischen Kaiserbauses Romanow nach dem Beispiele Berlins eine Siegesallee zwischen Tutschkow und der Börsenbrücke längs des Aleränder-Prospektes anzulegen. Längs der Allee sollen alle Herrscher aus dem Hause Ro­manow und die Bildnisse ihrer wichtigsten Mit- arbeiter Aufstellung finden.

Kleine Mitteilungen. Aus Nürnberg wird berichtet: Das Preisgericht zur Erlan­gung von Entwürfen für ein Denkmal Kö­nig Ludwigs des Zweiten hat unter zwanzig Entwürfen den ersten Breis dem Bild* Bauer und Professor an der Münchener Kunst­gewerbeschule, M. Heilmeier, zuerkannt. -- Aus Budapest wird berichtet: In den ersten Tagen des Dezember wird hier das mit einem Kostenaufwand von mehreren hunderttausend Kronen erbaute neue Kunstinstitut zur Pflege und Popularisierung der Volksoper eröff­net werden. Das neue Tbeater befindet sich im volkreichsten Bezirk von Budapest und verfolgt in erster Reihe den Zweck, die Arbeiterbevölke­rung der Hauptstadt von dem Besuch der in ge­radezu erschreckender Weise sich vermehrenden Kinemawgraphentheater abwendig zu machen und für Musik und Gesang zu gewinnen. J