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Hessische Abendzeitung
Casseler Abendzeitung
1. Jahrgang
Sonnabend, 2. Dezember 1911
Femsprecher 951 und 952.
Nummer 306
Fernsprecher 951 und 952.
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Meldung:
Wien, 1. Dezember.
berichtet:
Berlin, 1. Dezember.
Privat-Telegram m.
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Wie uns weiter aus Berlin berichtet wird, traten bei dem gestrigen Nachmittags- schichtwechsel der großen Metallwerke bereits
D>e Easteler Neueste» Nüchrichtm erschetneu wöcherttltch fed)3mc! und poar abenb». Der StbonnementSpre« beträgt monutlich 50 Pfz. bei freier Zustellung ins Hau«. Bestellungen werben jederzeit von der EeschüfiSstelle ober den Boten entgegengenommen. Druckerei, Verlag und Redaktion: Schlachttzofstratz« 28,'S! Sprechstunden der Redaktion von 1—3 Uhr nach, mittag», juristische Sprechstunden für unsere Abonnenten Mittwoch» und Sonnabend» von 6—8 Uhr abend». Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.
Privat-Telegram m.
In der gestrigen Versammlung machte sich von Anfang an eine kriegerische Stimmung geltend. Die Vergleichsvorschläge, die vierzehn Paragraphen umfassen, erschienen der Versammlung nicht genügend spezialisiert und nicht als eine gute Grundlage für einen Frieden von Dauer. Es wurde deshalb mit großer Mehrheit die Ablehnung beschlossen, zugleich aber die Bereitwilligkeit erklärt, weiter zu verhandeln. Dieser Beschluß hat zur Folge, daß die Metallindustriellen gestern abend sechzig Prozent ihrer Arbeiter aussperrten. Es werden davon rund hunderttausend Mann betroffen. Die Arbeitgeber wollen heute noch eine neue Besprechung abhalten, doch ist anzunehmen, daß sie an ihrem Beschlüsse festhalten werden. Die Metallarbeiter hielten gestern abend einige dreißig Versammlungen ab, in denen über die Lage Bericht erstattet wurde. Die Ablehnung der Vergleichsvorschläge erfolgte in der gestrigen Arbeiterversammlung mit der erdrückenden Mehrheit von 1662 gegen 882 Stimmen. Die Erregung in der Arbeiterschaft ist infolge der gestern abend bereits erfolgten Aussperrungen aufs höchste gestiegen; anderseits ist man allerdings entschlossen, den Kampf mit allen Mitteln weiterzuführen.
Nach der Aussperrung: Generalstreik?
Bielefeld-Wiedenbrück für die vereinigten bürgerlichen Parteien zum Reichstag, und an einem der letzten Tage hat er in der alten Leinenweberstadt Bielefeld vor einer von Tausenden besuchten Wählerversammlung seine Kandidatenrede gehalten. Man darf diesen Tag, der einen frühern Staats- und Reichsminister, einen der besten Köpfe, die die Berliner Regierungszentrale je besessen, als Mitbewerber um einen Platz im Deutschen Reichstag vor begeisterten Wählern auf der Rednertribüne sah, als ein über des Alltags Höhe weit hinauSragendes Ereignis unsres politischen Lebens werten und darf (ohne sich trügerischer Hoffnung hinzugeben) von diesem Tage eine Wirkung erhoffen, die sicher nicht ohne belebenden und kräftigenden Einfluß auf das öde Blachfeld parlamentarischer Kümmernis bleiben wird. Was man von Bismarck ersehnte, von Dernburg erhoffte und von andern feierabend- müden Exzellenzen wünschen mochte, ist bei Posadowsky einfach-schlichte Wirklichkeit geworden, und eine stille Ahnung sagt, daß aus dieser Hoffnung-Erfüllung reiche Früchte sprießen werden.
Schon die Kandidatenrede des Naumburger Domherrn im Land der roten Erde berechtigt zu diesem Hoffens Der Mann, der einst selbst am Webstuhl deutscher Reichsgeschichte faß, der Jahre hindurch der beredte Anwalt der Regierungspolitik gegenüber dem Volksparlament war. und die wie kaum ein andrer in der Corona der Elfhundert, die um die Lederpfühle im Hause Wallots sich erhitzen, Licht und Schatten des herrschenden Regimes aus eigner Erfahrung kennt: Der Minister außer Diensten hat auf der Kandidatentribünc der Bielefelder Wählerversammlung Worte freimütiger Kritik so rückbaltslos und männlich, so vornehm-sachlich und doch so scharf-zergliedernd gesprochen, wie sie entschlossener und überzeugter auch kein um Wählerapplaus ringender Mann des bürgerlichen Freisinns hätte hören lassen können, und es ehrt diese starke Persönlichkeit (die in der Schwüle der Regierungsatmosphäre auch
entließen alle zur Ablösung gekommenen Arbeiter, so daß bereits um fünf Uhr nachmittags etwa fünfunddreißigtausend M a n n feierten. Ob die seckzigprozentige Aussperrung seitens der Arbeiterschaft mit dem Generalstreik beantwortet werden wird, ist noch nicht entschieden, wird aber als wahrscheinlich krachtet.
Pssa als Kandidat.
Minister außer Dienst im Reichstag.
Jahre hindurch hat der Gras von Posa- dowsky-Wehner, der einzige schöpferische Kopf, der seit zwei Dezennien im Reichsamt des Innern saß, das stille Dasein des Naumburger Domherrn ertragen, kaum noch berührt von dem Wellenschlag des Lebens, in dessen Mittelpunkt und auf dessen Höhe er einst stand. Es ist noch in guter Erinnerung, wie er seinerzeit, als Bernhard Bülows Stern am hellsten glänzte, plötzlich aus dem Strahlenkreis fürstlicher Gnade verbannt und der beklemmenden Stille der Naumburger Domherrnpfründe überantwortet ward. Das Anekdötchen von den zwei Lieblingsdackeln, die dem höfisch ungelenken und der konventionellen Form grundsätzlich abholden „Grafen im Bart" bei einem Vortrag an hoher Stelle hindernd im Wege standen und die rasche Entschlossenheit des Staatssekretärs empfindlich spüren mußten, gleichzeitig aber auch durch ihre Schmerzens- schrcie das ministerielle Schicksal der Exzellenz besiegelt haben sollen, ist wohl dem Fabelreich entnommen, wenngleich feststeht, daß sich Posa im Hofe nie sonderlicher Sympathien erfreut hat. Die Ursache seines Sturzes indessen wurzelte in der Gegnerschaft, die dem Staatssekre- :är des Reichsamts des Innern im Kabinett ireb in der Wilhelmstraße hindernd im Weg stand, und man war deshalb nicht sonderlich überrascht, als man seinerzeit beim großen „Reinemachen" auch Posadowsky aus der Liste der Erwählten gestrichen sand. Darüber sind nun Jahre vergangen, und der Mann, von dem das zwanzigste Jahrhundert noch lange und rüstige Arbeit erhoffen dürste, vereinsamte in dem kleinen Städten an der Saale. Blieb aber auch als Domherr Hellen Ohrs und scharfen Blicks, und ward manchem Bedrängten in dunkler Stunde zum verständnisvollen und teilnehmenden Beichtiger.
In diesen Tagen hat nun der Staatsminister außer Diensten den ersten Schritt auf aliver- trautcm Pfad getan: Er ist wieder hineiuge- trctcn in die Arena politischen Kampfs, die 'er vor Jahren, dem Gebot höher» Willens gehorchend, verließ. Diesmal allerdings nicht als Beamter des Reichs oder des Staats, nicht als Demosthenes der Regierungsbank in den Parlamentshäusern am Berliner Königsplatz oder an der Prinz-Albrecht-Straße, sondern als freier Mann und Bürger, der vom Vertrauen des Volks gerufen ward, der Anwalt seiner Rechte zu sein: Graf Posadowsky- Wehner kandidiert im westfälischen Wahlkreis
3nfertlon8pretfe: Die sechrgefpaltene Zeile für einheimische Geschäfte 15 Psg.. für auswärtige Inserate 25 Pf„ Retlamezeile für einheimische Geschäfte ti Pft für auswärtige Geschäfte 60 Pf. Beilage» für Me Gesamtauflage werden nttt 5 Mark pro Tausend berechnet. Wegen Ihrer dichten «erbrettung in der Residenz und der Umgebung sind die L-sseler Neuesten Nachrichten etn vorzügliche» SnferttonSorgan. Geschäftsstelle: «kölnische Straße 5. Berliner Vertretung: SW, Friedrichstraße 16, Telephon: Amt IV 676.
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stcr an seine Wähler die Bitte richtete, ihn „rein menschlich als den Mann zu nehmen, der im öffentlichen Leben manches lernte und vieles vergaß". Er sei gekommen, nicht um ein Parlamentsmandat zu werben, nicht von politischem Ehrgeiz gestachelt, sondern von dem Gedanken geleitet, „eine staatliche Pflicht zu erfüllen". Man möchte wünschen, daß unter den Elfhundert, die von der Parteien Emsigkeit für den zwölften Januar dem Heer der Wähler als „Männer des Vertrauens" empfohlen werden, ein jeglicher von sich sagen könnte, was Graf Posadowsky in Bielefeld vor Tausenden als seines Strebens Ziel offenbarte.
Der illustre Kandidat der Bielefelder Reichstagswähler hat sich in seiner Präsentationsrede sehr eingehend mit der Misere unsrer auswärtigen Politik beschäftigt, und seine Kritik dieses Schmerzenskinds modernster Reichsarbeit deckt sich so restlos und ausschließlich mit dem innersten Empfinden der Volksseele, daß schon allein dadurch dir Fabel zefftört wird, als sei es den Regierenden nicht vergönnt, auf der Höhe der Macht und Erhabenheit die Stimmung der Masse in ihrer Ursprünglichkeit zu erkennen und die Wirkungen der weise gegängelten deutschen Vorsehung aus das Volkszemüt in ihren taffächlichen Aeuße- rungen richtig abzuschätzen. Posadowsky (der es doch wissen dürfte) sprach in Bielefeld offen aus, daß die auswärtige Politik keine Geheimwissenschaft sei und -^tz der Zunftbetrieb im diplomatischen Geschäft nicht als Gewähr für den Erfolg angesprochen werden dürfe. Daß diese Auffassung berechtigt ist, beweist die ganze Geschichte der deutschen auswärtigen Politik in den letzten drei Jahrzehnten. Auch Posadowskys Kritik an dem zwar mondelang ausgedehnten, an tatsächlichen Erfolgen aber sichtlich kümmerlichen Marokko-Handel erfaßte das Uebel im der Wurzel: Es sei bedauerlich, daß das Schachspiel zweier Diplomaten so lange Handel und Verkehr mit Unruhe und Sorge belasten durfte! Nach der Bielefelder Premiere darf man sich schon heut des Tages freuen, da dieser einsttge Minister als Erwählter des Volksvertrauens im Reichsparlament seine Kraft zum Besten des Vaterlands nutzbar machen kann. Und es bleibt nur ein Bedauern: Daß der „Graf im Bart" der Einzige ist im Kreise feiernder Minister, der sich stark und rüstig fühlt, der Volksgemeinschaft seine Kräfte zu widmen. F. H.
Reichstags-Potpourri.
Ferien- und Kampfftimmung im Reichstag.
Aus dem Reichstag wird uns geschrieben: In den hohen Hallen des Reichshauses weht zwar schon Ferienluft, jedoch die Freifahrkarten haben grade vor den Wahlen besondere Reize, die man tunlichst lange andauern lassen möchte. Darum bat es der Reichstag auch nicht so eilig mit der Herbeiführung des formellen Ferienbeginns. Ein Gerücht wollte gestern sogar wissen, man gedenke etwa bis Mitte Dezember sich seines alten Mandatslebens zu freuen, das beißt: Zwischendurch auf Wahlreisen kostenlos und bequem durch die Lande zu fahren, im Reichstag aber nur blitzartig Gastspielrollen zu geben . . . bei wichtigen Abstimmungen und als Zeugen des „Knalleffekts", des letzten Marokko- und England-Akts mit dem Reichskanzler als Tröger der Hauptrolle. Hofft man doch von diesem Tag in unterschiedlichen Parteilagern, daß er triebkräftiges Wasser auf die Wahlmühlen liefern werde und Erinnerungen an die verfängliche Finanzreform wohltätiger „Ueberflutung" anheimgebe, so da« die einigermaßen in Mißkredit gebrachten blauschwarzen Parteifarben durch die schwarz-werß- rote Trikolore gedeckt werden. Auf den Gelet-
Die Nachricht vom Rücktritt Hötzendorsss, der als der „Moltke Oesterreich-Ungarns" galt, hat in politischen und parlamentarischen Kreisen allgemeines Aufsehen hervorgerufen. Hötzendorff wurde gestern in aller Form seines Amtes enthoben und wird wahrscheinlich zum Armeeinspektor ernannt werden. Die Nachricht ist geeignet, große Sensation hervorzurufen und wird in unterrichteten Kreisen als der größte Fehler bezeichnet, den Graf Aehrenthal machen konnte. Freiherr von Hötzendorff war bekanntlich ein hervorragender Vertrauensmann des Thronfolgers und gilt als vorzüglicher Militär, der allerdings von jeher auf dem Standpunkt gestanden hat, daß Oesterreich Italien gegenüber gar nicht vorsichtig genug sein könne.
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sen der Kouloirgespräche glitzerte denn gestern auch bereits der Lichtschein dieser Sensation Vor den wenigen im Sitzungssaal Zurückgebliebenen zuckten aber ebenfalls Blitze.
Abgeordneter Be h r e n s von der Wirtschaftlichen Vereinigung entfesselte die Funkengarben durch den massiven Satz: „Die behördliche Aussicht über private Versicberungs- kaffen ist eine Wohlsahrtseinrichtung, verglichen mit der „Knutenwirtschaft" der Sozialdemokratie." Prompt sauste aus deren zornschäumenden Reihen der schneidende Ruf nach rechts: „Unverschämter Lügner!" Nicht genug damit. Der streitbare Arthur Stadthagen eilte zur Rednerbühne, um noch etliche Privatblitze auf den christlich-sozialen Führer und seine engern Freunde hinabzuschmettern. „Unter dem Tiere st eben", „die Beweismethode alter Wei- her", „das Gebühren bezahlter, geschäftsmäßiger Hetzer . . .!": Ein milder Hinweis des präsidierenden Abgeordneten Spabn, daß das Hilfskassengesetz zur Diskussion stehe, dämmte zum Glück solche Springflut kollegialer Liebenswürdigkeiten erfolgreich ab, sonst hätte die nicht gerade fundamental belangreiche Frage der Bekämpfung von Schwindelkasten noch etliche Wahlbroschüren gefüllt. Auch die weitere Debatte war so wie so von Kampfstimmung durchweht. Auf praktisch un- aleich größeren Wert hat aber das Pensionsversicherungsgesetz für Angestellte Anspruch, dessen nunmehr angesetzte zweite Lesung der Reichstag am wenigsten im Durchpeitschungs - Verfahren bewerkstelligen könnte. -ir- ■
Lie kommende Marokko-Sensation.
Privat-Telegram m.
Berlin, 1. Dezember.
Gestern abend hat man sich im Reichstag dahin verständigt, daß die Marokko-Debatte für den nach st en Dienstag auf die Tagesordnung gesetzt werden soll. ES ist jetzt bestimmt, daß für die Konservativen nicht Herr v. Heydebrand, sondern Graf Westarp sprechen wird. Für die Nationallibernlen wird der Abgeordnete Bassermann und für das Zentrum Freiherr von Hertling sprechen. Ueber die Frage, ob man sich auf kurze Erklärungen beschränken soll, oder ob die auswärtige Politik breit und ausführlich zu behandeln sei, werden die Fraktionen sich erst in den nächsten Tagen schlüssig werden. In die Debatte am nächsten Dienstag wird auch Herr von K i - derlen-Waechter aktiv eingreifen, um seinem englischen Kollegen Grey entsprechend zu antworten. Vom Reichskanzler verlautet, daß er die Marokkodebatte dazu benutzen werde, um die jüngst von ihm hart angegriffenen Konservativen zu versöhnen.
Zwischen Zwei Machten.
Franz Josef und Franz Ferdinand.
In Oesterreich ist abermals ein wichtiger P e r s o n a l w e ch s e l in hoher Kommandostelle eingetreten, weil der Minister des Auswärtigen nicht einverstanden ist mit den von der militärischen Leitung getroffenen Maßnahmen gegen etwa von Italien zu besorgende Ueberraschungen. Es ist bekannt, daß in Tirol starke Truppenverschiebungen nach der Grenze stattgefunden haben, die natürlich in Italien sehr beunruhigt haben. Oesterreich will nicht dulden, daß Italien unter irgend einem Vorwande sich in der europäischen Türkei betätigt, und um diesem Willen Nachdruck zu geben, deutete es durch Maßregeln an, daß cs cventtiell auch zu handeln entschlossen sei. Das scheint zu diplomatischen Verhandlungen geführt zu haben, deren Ergebnis der Rücktritt des Generalstabschefs Conrad von Hötzendorff ist. Wir erhalten folgende
nicht das winzigste Atom an Werten freier
Männlichkeit und starker Ueberzcugungskraft verlor), daß der nach Jahren Mer Zurückge- „............... „
»oaenhett wieder vor das Voll tretende Mini-die erste» AuSfverrunaen ein. Die Werke
Geheimrat Metzer in Kassel.
Die gestrige Berfammluug des HansabnndeS
im Stadlparksaal.
Eine solche spontane Kundgebung, wie fu gestern abend dem Präsidenten des Hansabun- des, Geheimrat Professor Dr. R i e tz e r aus Berlin, im Stadtparksaal zu teil wurde, hat diese Stätte, auf der die politischen Ansichten so oft aufeinanderplatzen, seit langem nicht gesehen. Händeklatschen und Bravorufe wollten kein Ende nehmen, als Geheimrat Rießer seinen Vortrag geschloffen hatte. Nachdem Obermeister Kniest die (auch von vielen Damen besuchte) Versammlung als zweiter Vorsitzender (in Verhinderung des erkrankten Geheimrats Pfeiffer) eröffnet hatte, nahm Professor Rießer sofort das Wort. Seinem Vortrag hatte er den Titel „In letzter Stun- d e" gegeben. Den Ausführungen fei folgendes entnommen: Letzthin habe er in den Zeitungen eine Notiz gelesen, wonach ein höherer Regierungsbeamter aesagt haben soll: Die Frage, ob die Industrie für unser Vaterland von Nutzen sei wäre zweifelhaft. Wenn diese Nachricht auf Wahrheit beruhen würde, müßte man dagegen Stellung nehmen. Die Geschichte beweise, daß die Industrie Daseinsberechtigung habe. Aber Industrie und Landwirtschaft gehörten zusammen. Die Industrie träte in die Bresche, um den überschüssigen Teil unserer Bevölkerung zu ernähren. Die Industrie bezahle beute die ausländische Einfuhr mit ihrer eigenen Arbeit. Würde man die ausländische Einfuhr mit barer Münze bezahlen, würde man nach und nach verarmen. Die Industrie sei im Laufe der Jahre zu einem mächtigen Faktor geworden. Während in den sechziger Jahren die Landwirtschaft sechzig Prozent
der Bevöllerung umfaßte, fei sie heute auf 28 Prozent herabgesunken. Mit der Entwicklung der Industrie sei das Heer der Industriearbeiter gewachsen und der wirtschaftliche Kampf ztoischen Kapital und Arbeit habe fchärfere ff Dirnen angenommen. Es werde eine Hauptaufgabe fein, das richtige Verhältnis zwischen den beiden Faktoren beizustellen. Wesentlich zur Verschärfung der Lage habe auch der Bund der Landwirte (er meine natürlich immer die Führung des Bundes) beigetragen, der mit persönlichen Verunglimpfungen des Gegners kämpfe und eine ähnliche Agitation wie die Sorialdemokratie beliebe. Durch den Bund der
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Privat-Telegram m.
Die seit langem bestehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Kaiser Franz Joses und dem Thronfolger Erzherzog 'Franz Ferdinand, haben das zweite Opfer gefordert: Bereits bei der Demission des Kriegsministers von Schönaich wußte man in interessierten Kreisen, daß auch die Tage des Generalstabchefs Conrad von Hötzendorff gezählt seien. Damals schon wurde erzählt, daß der Kaiser, als er dem Drängen des Thronfolgers nachgab und in die -Demission des Kriegsministers einwilligte, die Bedingung daran knüpfte, daß der Chef des Generalstabes in absehbarer Zeit gleichfalls seine Demission nehmen müsse. Graf Aehrenthal sah sich bald veranlaßt, ebenso wir Kriegsminister von Schönaich, gegen die übertriebenen Herausforderungen des Generalstabschefs Stellung zu nehmen. Auch die vom Generalstabschef durchgeführteTruppenkon- zentration in Südtirol, die in Italien peinlich berührte, hat nicht die Billigung des Grafen Aehrenthal. Hötzendorff hat deshalb dem Kaiser schon vor einer Woche feine Demifsion angeboten; der Kaiser ließ indessen damals der Form halber Hötzendorff eine Woche Bedenkzeit. Gestern hat nun der Generalstabsches sein Demissionsgesuch in einer Audienz beim Kaiser wiederholt. Als sein Nachfolge: gilt der Fcldmarfchall Blasius von Sche- mua, bisher Sektionschef im Kriegsministerium.
Riesen-ANssherruug kn Berlin.
Hunderttausend Berliner Metallarbeiter von der Aussperrung bedroht!
Die Situation in der Berliner Metall-Industrie hat sich seit gestern erheblich verschlimmert, da der Verband der Metallarbeiter gestern nach mehfftündiger Beratung beschlossen hat, die Bedingungen der Arbeitgeber abzulehnen. Der Verband ist jedoch zu weiteren Verhandlungen bereit. Dem von den Arbeitgebern getroffenen Abkommen zufolge wurde gestern abend fettens der dem Verbände Berliner Metallindustrieller angeschlossenen Fabriken die A u s s p e r r u n g von sechzig Prozent der Arbeiter in die Wege geleitet, lieber die gestrigen Verhandlungen wird uns