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Hessische Abendzeitung
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Nummer 305.
Fernsprecher 951 und 952.
Freitag, 1. Dezember 1911.
Fernsprecher 951 und 952.
!♦ Jahrgang.
Fünfunddreißig Pfennige.
Wegen einer Bagatelle ins Zuchthaus!
Ein bayerisches Schwurgericht hat zum No- dembereude einen Sünder, der auf der Straße einer alten Botenfrau die Geldbörse mit f ü n f- unddreißig Reichspfennigen Inhalt entrissen hatte, wegen Straßenraubs auf sechs Jahre dem Zuchthaus überantwortet und dem Schwerverbrecher außerdem die bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von zehn Jahren abgesprochen. Das Urteil hat durch die Höhe und Härte der Strafe, gemessen an der Winzigkeit des durch Las Verbrechen herbeigeführten tatsächlichen Schadens, allgemeines Aufsehen erregt, und es scheint auch, daß dieses Aufsehen nicht der Berechtigung entbehrt, trotzdem offensichtlich kein Atom strafrechtlicher Gesetzmäßigkeit beim Spruch der Richter außeracht gelaffen worden ist. Der Vorgang stellt sich nach den Ergebnissen der Beweisaufnahme in folgendem Zusammenhang dar: Der Taglöhner Lutter aus dem Dörfchen Neumarkt bei Bamberg entwendete im Frühherbst dieses Jahrs einer ihm bekannten Botenfrau, mit der er auf der Landstraße zusammentraf, die Geldbörse aus der Rocktasche, und zwar (tote durch Bekundung der Beraubten festgestellt wurde) unter Anwendung von Gewalt. In der Börse befanden sich zwar nur fünfunddreißig Pfennige in Kupfer- und Nickelmünzen; wegen der Bedrohung erstattete die Frau aber beim nächsten Feldgendarmen Anzeige, und es ergab sich nun durch die amtlichen Ermittlungen, daß die Bedrohung in Verbindung mit dem Fünfunddreißig- Pfennig-Raub sich als Verbrechen des Straßenraubs entpuppte, dessen Ahndung dem Schwurgericht Vorbehalten ist.
Der Paragraph zweihundertneunundvierzig des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich bedroht Den mit Zuchthausstrafe, der „mit Gewalt gegen eine Person, oder unter Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben eine fremde bewegliche Sache einem Andern in der Absicht wegnimmt, sich diese Sache rechtswidrig zuzueignen/ Und im folgenden Paragraphen (im dritten Absatz) heißt es: „Auf Zuchthaus nicht unter fünf Jahren ist zu erkennen, wenn der Raub auf einem öffentlichen Wege, einer Straße, einer Eisenbahn, einem öffentlichen Platz, auf offener See oder auf einer Wasserstraße begangen wird." Der Straßenräuber aus Neumarkt, der die widerrechtliche und ge- waltsame Zueignung von fünfunddreißig Pfennigen mit sechs Jahren Zuchthausstrafe büßen muß, war, als er vor den Schwurrichtern in Bamberg erschien, wegen eines ähnlichen Verbrechens noch nicht vorbestraft, obwohl sein Name im übrigen recht oft im Strafregister der Heimatbehörde zu finden ist. Trotzdem also die verbrecherische Neigung des Verurteilten füglich nicht angezweifelt werden kann: Die sechs Jahre Zuchthausstrafe für die nach dem Buchstaben des Strafgesetzes als schwerer Straßenraub sich qualifizierende Fünf- unddreißig-Pfennig-Bagatelle erscheint dem schlicht-menschlichen Rechtsempfinden so unfaßbar, daß man mit dem kupfermünzen- raubendcn. Schwerverbrecher fast Mitleid fühlt.
Der Fall dürfte in seiner Art wohl auch einzig dastehen, denn es sind (auch in neuerer Zeit) wiederholt Straßenraube der vor den Bamberger Richtern verhandelten Art, Beraubung von warenlaufenden Kindern auf offner Straße am hellichten Tage, Handtäschchen- Raubgeschichten und ähnliche Uebeltatcn von Strafgerichten abgeurteilt worden: Ein Fall ähnlich dem Erkenntnis von Bamberg ist indessen darunter nicht vertreten. Im Empfinden der Beraubten und durch den Raub Geschädigten hat das Verbrechen auch sicher nicht die Erkenntnis der schweren Schuld des Uebel- täters ausgelöst, wie schon die Tatsache beweist, daß die beraubte Botenstau nur deshalb Anzeige erstattete, weil sie sich bedroht sah und Schutz suchte. Ebensowenig wie sein Opfer wird vermutlich der Räuber selbst die strafrechtliche Tragweite seines Verbrechens erkannt haben; hätte cr's, dann würde er wahrscheinlich den Fünfunddreitzig-Pfennig-Raub nicht auf einer öffentlichen Straße begangen und dadurch sein Verbrechen zum schweren Straßenraub gestempelt, sondern etwa eine einsame Wald stelle als Ort der Räubertat gewählt haben, wodurch er in der Vor- stellungswelt strafender Gerechtigkeit sich weniger schuldig gemacht hätte, trotzdem Effeft, Zweck und Ersolg des Raubs in beiden Fällen die gleichen gewesen wären. Die strafrechtliche Uuierschetdung geht in dieser Beziehung so weit, daß der einfache Raub nur mit Zuchthausstrafe schlechthin, bei Straßenraub
dagegen mit Zuchthaus nicht unter fünf Jahren bedroht wird.
Ein ganz nebensächlicher Zufall hätte also das Geschick des Räubers von Neumarkt glimpflicher gestalten können, obwohl das Verbrechen an sich durch den Umstand, daß der Uebeftäter der Botenfrau auf einer öffentlichen Straße ihre fünsunddreißig Pfennige raubte, kaum verhängnisvoller geworden sein dürfte. Hätte Lutter statt der alten Botengängerin einen Bankier beraubt, dessen Portefeuille Hunderttausende in Banknoten barg: Der Fall würde in den Augen der Justiz um keines Hafttags Bedeutung schwerer gewogen haben, wie die unter Anwendung von Gewalt erfolgte Zueignung der fünfunddreißig Kummerpfennige! Es liegt uns sicher fern, das Verbrechen eines oft hinter Kerkermauern Verbannten entschulden, oder für den Uebeftäter gar Mtleid werben zu wollen, aber man wird bei der Betrachtung der seltsamen Gegensätze zwischen Ursache und Wirkung, Absicht und Effekt das fatale Empfinden nicht los, daß dieses Zuchthaus-Schicksal um fünfunddreißig armselige Pfennige in wesentlichen Momenten unterm Buchstaben- zwang des geltenden Strafgesetzes zustande- gekommen ist, unter jenem oft beklagten Zwang, den Justiz und Oeffentlichkeit seit Jahrzehnten beseuszen und der die Justiz in überlangem Drill der Erkenntnis lebensharter Wirklichkeit und der Fähigkeit menschlicher Schwächen- und Leidenschaftswertung stark entfremdet hat. Der Reformrat für die zeitgemäße Umgestaltung unsrer Strafrechts- pflege brütet seit Jahren über einem Chaos reformatorischer Unzulänglichkeiten, und die Hoffnung, daß aus der Kümmernis wirklich noch einmal eine Frucht des Segens aufsprießen könnte, ist fast geschwunden: Der Fall des Räubers von Neumarkt könnte für die Reformatoren der Gerechttgkeft zum Ptüfftein nützlicher Erkenntnis werden!
F. H.
Politische Kulissen Geschichten.
Als man Marokko teilen wollte.
Wie uns aus London berichtet wird, hat die englische Regierung durch eine Note des Staatssekretärs Greh an den deutschen Botschafter Grafen Metternich vom siebenund- zwanziasten November ihre Zustimmung zum Marokkoabkommen erklärt. Die „Pall Mall Gazette" will von einem diplomatischen Mitglied folgende angebliche Richtigstellung der Mitteilungen erhalten haben, daß Joo Chamberlain als Kolonialsekretär Deutsch- land die Teilung Marokkos vorgeschlagen habe:
London, 30. November. Privat-Telegramm.
Die Pall Mall Gazette erzählt: Gegen Ende Oktober achtzehnhundertneunundneunzig habe F ü r st Bülow, der mit Kaiser Wilhelm nach London gekommen war. Lord Salisbury, dem damaligen Premierminister bei einem Besuch bei ihm den Beitritt Englands zum Dreibund vorgeschlagen. Lord Salisbury habe erwidert, England fei bereit, Abkommen über besondere Gegenstände abzu- schließen. könne aber nicht an das Risiko denken, sich in einen Krieg verwickeln zu lassen, wenn seine Interessen nickt berührt würden. Bülow habe darauf Chamberlain den gleichen Vorschlag gemacht und eine ganz andere Antwort erhalten. Einen Monat darnach habe Chamberlain in einer Rede zu Leicester Deutschland das Anerbieten zu etwas mehr als bloßer Freundschaft gemacht, sei aber von Bülow, der mit der burenfreundschaftlichen Meinung von Deutsch- land umgeschwenkt sei, abgefertigt worden. Chamberlain habe dies sehr übel genommen, worauf es neunzehnhundertzwei zu dem scharfen Konflikt zwffchen den beiden Ministern in sehr erbitterten Reden gekommen sei.
Neue Alliauz-Mue in Eicht?
Aus Paris wird uns gemeldet: Die dem Ministerium des Aeußern nahestehende „Liberte" begrüßt freudig die Landsdown'fche Anregung, den Wirkungskreis der Entente cordiale zu erweitern. Herr von Bethmanu werde diesem Thema fraglos einen Teil seiner bevorstehenden Rede widmen, dann werde die Reihe, präzise Erklärungen zu geben, an Frankreich sein. In französischen parlamentarischen Kreisen macht sich eine starke Strömung dahin bemerkbar, der Ratifikation des deutsch-französischen Abkommens keine Debatte vorangehen zu lassen. Jaurös und andere Abgeordnete sind der Meinung, das Parlament würde sich durch eine Kundgebung dieser Art Ehre erwerben. Es soll jedoch jedem die Freiheit bleiben, dem Abkommen zuzustimmen, es abzttlehnen oder der Bb- stimmuna sich zu enthalten. Andererseits WM
die Kammer unmittelbar nach der Ratifikation die Interpellation über die auswärtigen Angelegenheiten beraten, um dem Minister des Aeußern Gelegenheit zu geben, alle zweckmäßigen Erläuterungen vorzubringen.
Kriegsgreue! und Kriegsschreüen.
Italienische Anklagen wider türkische Brutalitäten.
Aus Tripolis wird gemeldet, daß verschiedene Kundschafter feststellten, daß die türkischen Truppen sich aufaelöst hätten. Bei Benghasi erzielten die italienischen Truppen einen großen Erfolg in einem heftigen Kampf. Die Italiener rückten in drei Abteilungen gegen die Beduinen vor. Der Kampf dehnte sich auf einer Scklachtlinie von sieben Kilometern aus. Die Beduinen wurden vollständig zerstreut und blieben zum größten Teil tot und verwundet auf dem Kampfplatz. Die Italiener wandten sich sodann gegen die umliegenden Ortschaften und überschütteten sie mit Granatfeuer. Viele Gebäude wurden zerstört. Auf dem Vormarsch der italienischen Truppen sind angeblich zablreicke Brutalitäten der türkischen Soldateska entdeckt worden. Es geht uns darüber folgende Meldung zu:
Rom, 30. November.
V o n uuserm Korrespondenten
Nach hierher gelangten amtlichen Meldungen fanden vorrückende italienische Truppen bei der Moschee in Henni (wo während des Gefechts cm letzten Sonntag eine Sanitätsko- lonne stationiert war) achtundzwanzig Soldaten leichen, die geradezu b e st i a - lisch zugerichtet worden waren. Einige davon waren aufgespießt, andere über ein Kreuz genagelt, wieder andere er- drosselt und halb verbrannt. In dem benachbarten arabischen Kirchhof, der am letzten Sonntag gleichfalls durch Teile eines Bersag- lieri-Regiments besetzt war, fand man zwei Soldaten, die bei lebendigem Leibe eingegraben waren und zwar so, daß der Kopf aus der Erde hervorfah. Diese Köpfe mit ihren verdrehten Augen boten einen kaum zu beschreibenden Anblick. Einem dieser Soldaten waren noch nachträglich die Augen ausgestochen worden. Beim Ausgraben der Körper stellte sich nach der ärztlichen Untersuchung einwandfrei heraus, daß die Soldaten nicht nur gelebt hatten, sondern, daß man sie vor dem Eingraben noch extra verstümmelte. Dem einen fehlte der Fuß, einem anderen der Arm, einigen beide Hände. Von diesem Zeugnis fast viehischer Gesinnung hat der Stab eine Anzahl amtlicher photographischer Aufnahmen gemacht, die nach Rom ge- schiÄ wurden. Ein Korporal, dem es gelang, der türkischen Gefangenschaft zu etttkommeu, erzählt zu diesen Vorgängen einige Einzelheiten, aus denen hervorgeht, daß sich sowohl reguläre türkische, als auch arabische Truppen an den Greueltaten beteiligten. Auf arabischer Seite wurde im Lager stets ein Teil der Gefangenen den Weibern überlassen, die mit den Männern an Bestialität wetteiferten.
Ist der Friede in Sicht? "Privat-Telegramm.
Depeschen aus Rom berichten: Die von den italienischen Truppen in den letzten Tagen in Tripolis erzielten Erfolge werden wahrscheinlich die Türkei veranlassen, den Frieden zu verlangen. In türkischen Kreisen bäft man dies jedoch für unwahrscheinlich. Sollte sich die letztere Auffassung bestätigen, so würden sich die italienischen Truppen gezwungen sehen, doch noch einen großen Schlag gegen die Türkei auszuführen. Eine gewisse Bestättgung erhält die letztere Auffassung allerdings durch eine Meldung aus Konstantinovel, wonach die Friedensbemühungen des russischen Botsckaf- ters als gescheitert anzusehen seien. Die türkische Regierung habe erklärt, nur dann in Friedensverhandlungen einzutreten, wenn Italien die Souveränität der Türkei in Tripolis garantiere.
Neue Stürme in Portugal?
Portugal am Vorabend schlimmer Ereignisse.
Tie portugiesische Gesandtschaft in Ber- l i n verbreitete gestern eine amtliche Erklärung, in der es heißt: „Entgegen gewissen, tendenziösen Gerückten ist festzustellen, daß alle Vorbereitungen getroffen worden sind, den int nächsten Januar fälligen Coupon der auswärtigen Schuld zu bezahlen, und daß zu diesem Zwecke bereits die notwendigen Summen den mit der Auszahlung beauftragten ausländischen Banken übermittelt worden sind. Das ganze Land ist ruhig. Einige Anarchisten. die Urheber der letzten Lissaboner Tumulte, sind verhaftet worden." In einem seltsamen Gegensatz zu dieser offiziösen Auslassung steht folgende uns zugehende Meldung:
Lissabon, 30. November.
Privat-Telegramm.
Obschon es unmöglich ist. die Bedeutung der letzten Borfälle ab.,uschätzen, besteht kein Zwei
fei, daß sie viel ernster ist, als die Regierung es anerkennen möchte. Das Feuer zwischen Truppen und Zivilisten im Zentrum der Stadt war sehr hefttg. Alle Geschäfte wurden gesperrt und der Straßenbahn- Verkehr wurde aufgehoben. Abteilungen von Kavallerie galoppierten nach allen Teilen der Stadt, nach allen Seiten Säbelhiebe austeilend. Auf dem Bocio-Platze standen Cara- binerie mit den Aufrührern im Handgemenge. Diese besaßen eine Anzahl Flaschen, die mit Dynamit gefüllt waren und den Schrek- ken der Truppen bildeten. Einige dieser Flaschey, wurden geworfen und verursachten furchtbare Explosionen. Die allgemeine Ansicht, daß ernsthafte Ereignisse bevorste- h e n, greift immer mehr um sich. Die Regierung stellte fest, daß die letzten Tumulte das Resultat eines Planes der Monarchisten sei.
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Ein weiteres Privat-Telegramm auS Lissabon berichtet uns: In den letzten Tagen kamen zahlreiche Emissäre der Royalisten in Lissabon und anderen bedeutenden Städten des Landes an. Sie verteilten freigebig Geld und bestechen die anarchistischen Elemente. Es heißt, die Monarchisten bereiteten nunmehr eine große Revolte vor, die zugleich mit dem Einfall der Royalisten an der Grenze beginnen solle. In Lissabon geht übrigens das Gerücht, daß Exkönig Manuel mit einer starken monarchistischen Truppenmacht dicht an der Nordgrenze stehe.
Madame ssurie.
Der Liebesroman einer Fünfzigjähriges.
Es scheint also doch wahr zu fein: Madame Curie. Professor der Sorbonne und Trägerin des Nobel-Preises, hat ihren Liebesroman. Erft drang in die Oeffentlichkeit ein Gerücht, das niemand glauben konnte. Man hielt es für die Rache einer verlassenen Frau, die ihrem Manne entsagen mußte und ihn wenigstens verderben wollte. Madame Curie sollte mit ihrem Assistenten, dem Pro- f cf f o r Langevin, über ganz andere Dinge als Radioaktivität und Pechblende gesprochen haben. Sie sollte mit ihm nach Brüssel entflohen sein. Eine Verleumdung, begangen an einer Frau, die über die „Frivolitäten des Menschenherzens" erhaben war! Eine Unsinnigkeit, geboren int Hirn einer kleinen, unbedeutenden Frau, die natürlich nickts anderes als Liebe sehen konnte und die Beziehungen zweier weltferner Geister sich nur auf die banalste Art erklärte! Aber das Gerücht verstummte nickt. Gewiß war Frau Langevin die Werkmeisterin, die mit sicherem Instinkt die Kampagne dirigierte. Und allen Protesten zum Trotz blieb das Gerückt lebendig nnb verdichtete sich und wurde drohend. Jetzt ist schon ein Prozeß anberaumt, in dem sich die beiden Frauen im Kampfe um den Mann gegenüberstehen, in Wirklichkeit allerdings ein Journalist wegen feiner beleidigenden Artikel angeklagt ist. Und als Vorspiel bekommt der Pariser Boulevard Briese zu lesen, die von Madame Curie geschrieben wurden und nichts Minervenhastes an sich haben. Grausame Briese, in denen
die besiegte Nebenbuhlerin noch tiefer zurückgedrängt wird, erotische Briefe, in denen sich ein Taumel der Sinne kundtut, Briefe einer Liebenden, die nichts als Liebesworte kennt. Zunäckst ist man darüber erstaunt. Wenn je der Gedanke allein, der toissenfchastliche Gedanke und sonst nichts eine Frau beherrschte, so war es bei der sttlleu Frau der Fall, die allen weiblichen Gefühlen fremd geworden fchien. Man kannte die magere, kleine Frau nur mit den Furchen im Gessckt und hn einfachen ickwarzen Kleid, das ihre fahle Haut noch fahler zeigte. Auf keinem Bilde war sie anders zu sehen, als im Laboratorium, mit einem Probiergläschen in der Hand. Nickt mehr fast als ein Requisit unter den vielen Requisiten der Wissenschaft, die den Raum erfüllten. Nie ein anderer Schmuck als eine dünne, schwarze Kette, die aber auch einem vraftischen Zweck dient: Die Uhr festzuhaften. Nur an der Hand der Ebering. Denn die Ehe mit dem linkischen, in der Außenwelt ungeschickten Gelehrten Curie, dessen Assistentin sie, die Fremde, war, ehe sie seine Fran wurde, diese Ehe, die auch mehr eine Geistesehe. als von den Leidenschaften der Sinne durchdrungen schien, die war das einzige, was sie mit den Kindern der Welt verwandt machte.
Dann stirbt Herr Curie, im Sterben so unbeholfen, wie er es int Leben außerhalb des Laboratoriums gewesen sein soll: Ein Lastwagen überfährt ihn am bellen Tage. Und nun wird Frau Curie die Erbin seines Ruhms, dem sie schon zu seinen Lebzeiten gedient, sie erhält seine Lehrkanzel, die Direftion des neu erbauten Radiuminstituts, noch einmal den Nobel-Preis. Und wird, da sie all diese Gipfel erstiegen hat, so müde, so bejahrt, so von der Arbeit zermürbt, wie eS auch ein Mann würde. Und dann gleichsam un Opscr der Venne vinrix, bet Allbcsiegrrin, Die ihre Allmacht ertociictt wollte, nnb sinkt