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Nr. 304.

Erster Jahrgang.

Weler NM Nachrichten

2. Beilage.

Donnerstag. 30. November 1911.

Die Tochter der Satans.

Roman, von O. von Brunneck.

81) (Nachdruck verboten )

»Viele Kameraden," fuhr der General fort, jaden dieses Opfer ihrer persönlichen Wünsche gebracht und sind tüchtige, ehrenwerte, zufrie­dene Diener des Staates und des Königs ge­worden. Und glauben Sie mir, mein junger , Freund, der ehrlich erfüllte Dienst tut da Wun- ' der. Er läßt uns unsere persönlichen, egoisti­schen Wünsche vergessen, er läßt die Persönlich­keit in dem Ganzen aufgehen; er heilt Wunden, die unser subjektives Empfinden für unheilbar ansah. Nur der Wille muß vorhanden fein, ehrlich seine Pflicht zu erfüllen. Ein Schwäch­ling allerdings wird unterliegen, aber ich hoffe, daß ich es mit einem Schwächling nicht zu tun habe ... ich hätte mich sonst in Ihnen sehr ge­täuscht."

»Herr General, nicht Schwäche ist es, son- dern meine Ueberzeugung ...

„Lassen Sie uns heute nicht weiter darüber sprechen," unterbrach ihn der General. „Sie kennen jetzt meine Forderung, die nicht die For­derung meiner Person ist, sondern meines 'Standes, dem auch sse angehören. Ich könnte als Ihr Vorgesetzter befehlen, tue es aber nicht, weil ich das Vertrauen in Sie setze, Sie werden selbst die Berechtigung meiner Forderung ein­sehen. Ja, ich will Ihnen auch behilflich sein, über die erste Zeit Ihrer Enttäuschung hin- \ wegzukommen ... Sie sollen nach Berlin zur 1 Schießschule kommandiert werden ... dort werden Sie dienstlich sowohl wie außerdienst­lich des Neuen und Interessanten so viel sehen, daß Ihnen Ihre persönlichen Wünsche klein und wertlos erscheinen werden. Und nach einem halben Jahre hoffe ich, Sie gesund an Leib und Seele, frisch und munter, wiederzu­sehen."

„Wodurch habe ich diese Güte verdient, Herr General," fragte Heino tief bewegt.

„Ich möchte Sie dem Dienst der Armee, dem Dienst des Vaterlandes erhalten, lieber Brauk- hoff. Ich habe Sie als einen tüchtigen, braven, ehrenwerten Offizier kennen gelernt, den ich um seines warmen Herzens willen nur noch um so höher schätze. Enttäuschen Sie meine gute Meinung und Absicht nicht; seien Sie ein Mann, der sein Ziel fest im Auge behält.

„Gibt es denn keine Möglichkeit ...

„Es gibt keine, Leutnant Braukhoff," sagte der General mit leichter Ungeduld. „Sie haben sich zu entscheiden! Die Tochter eines fremd­ländischen Spions kann nicht die Gattin eines preußischen Offiziers werden. Und nun leben Sie wohl... Sie haben mir Ihre Entscheidung innerhalb dreier Tage zu melden, ich hoffe, daß Sie mich nicht zu ernsten Maßregeln zwingen. Ich danke Ihnen... adieu.

Die letzten Worte klangen rauh und heftig. Die Natur, die Gewohnheit des militärischen Vorgesetzten hatte die menschliche Güte des Ge­nerals zurückaedrängt; der Widerspruch Heinos

hatte ihn ungeduldig gemacht und gereizt, zu­mal sich in Heinos Wesen ein gewisser Trotz nicht verkennen ließ.

Der General war Heino so weit entgegenge­kommen, wie es sich nur mit seiner Eigenschaft als Vorgesetzter vertrug. Der Widerspmch Heinos hatte ihn überrascht und verletzt, und so klangen seine letzten Worte schärfer und härter, als sie beabsichttgt waren.

Heino fühlte sich dadurch in seinem tiefsten Gefühlen getroffen und verwundet. Was die gütigen Worte des Generals gut gemacht, das verwischten die scharfen Worte wieder vollstän­dig. Der Trotz und der Stolz wurden aufs neue erweckt. Er verbeugte sich in dienstlicher Form und entfernte sich ohne ein wefteres Wort der Erwiderung.

Auf der Straße angekommen, atmete er tief auf, Die Welt schien ihm ein fremdes Gesicht bekommen zu haben; er versäumte sogar, einige ihm begegnende Kameraden zu grüßen; in Ge­danken versunken, schritt er seiner Wohnung zu.

Siebzehntes Kapitel.

Auf seinem Zimmer angekommen, fand er auf seinem Schreibtisch einen Brief, dessen Adresse eine feine, aber.energische Damenhand­schrift zeigte. Ein freudiger Schrecken durchrie­selte ihn; rasch öffnete er den Brief, seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen, der Brief war von Germaine. Aber seine Freude ver­wandelte sich bald in Kummer, als er den In­halt überflog.

Der Brief lautete:

„Mein teurer Freund! Vor allem laß' mich Dir von ganzem Herzen danken für die Teil­nahme, welche Du mir während meiner Krank­heit erwiesen hast. Deine Grüße und die Blu­men, welche Du mir sandtest, haben mir die gu­ten Menschen, welche mich so fteundlich ver­pflegten. alle übermittelt. Sie sind mir ein rechter Trost in diesen einsamen, trüben Tagen gewesen. Nochmals meinen herzlichen Dank.

Nunmehr, mein lieber Freund, liegt mir die schwere Pflicht des Abschiednehmens ob! Ich verlasse heute das freundliche Forsthaus, um nach Frankreich zu meinen Eltern zurück­zukehren. Zwar ist meine Wunde noch nicht ganz geheilt und ich bin noch recht schwach, aber meine Eltern, namentlich mein Vater, der schwer krank darniederliegt, verlangen nach mir, und da der Weg nach Malmaison, wo sie sich augenblicklich befinden, nicht so weit ist, so habe ich mich entschlossen, ihren Wünschen nachzukommen. Was soll ich auch noch hier? Unser Bleiben in Deutschland ist nach den letzten Ereignissen doch nicht mehr statthaft; Du wirst ja besser als ich wissen, daß man mei­nem Vater den Prozeß machen würde, sowie er sich innerhalb der deutschen Grenzen antref­fen ließe.

Aber das Schwerste ist der Abschied von Dir! Ich habe Dich geliebt, mein teurer Freund — Du weiht es! — und diese Liebe wird mich durch mein Leben begleiten, und die Erinnerung an Deine Liebe wird mein einsa­

mes Leben verschönern. Aber die Deine kann ich nicht werden! Ich weiß es und ich scheide von Dir, um Dich nicht neuen Konflikten und Kämpfen auszusetzen. Ich bitte Dich nicht, mich zu vergessen, oder ich bitte Dich, meiner wie einer Verstorbenen zu gedenken, die man in dieser Welt niemals Wiedersehen wird. Dann wird auch der Schmerz der Trennung mit der Zeit gemildert werden! Du wirst in der Er­füllung Deiner Pflichten, in dem Bewußtsein, Deine Ehre rein und unbefleckt erhalten zu ha­ben, die Befriedigung finden, die Dir Ersatz für das Glück bieten wird, welches Du in un­serer Liebe zu finden glaubtest. Dann wirst Du auch noch einmal glücklich werden, und ich werde mich von Herzen freuen, von Deinem Glück und Wohlergehen zu hören.

Lebe wohl, mein Freund, und habe noch­mals innigsten Dank für Deine Liebe.

Germaine."

Heino rief seinen Burschen.

„Wer hat diesen Brief gebracht?" fragte er. „Ein Waldheger vom Forsthaus Unter den Eichen," entgegnete Heinrich Wilkening.

„Sollte der Mann nicht auf Antwort warten?"

„Nein, Herr Leutnant. Er ist gleich wieder fortgegangen."

„Gib mir einen Zivilanzug und dann hole einen Wagen."

„Herr Leutnant wollen . . .?"

„Ich fahre zum Forsthaus — sag' es Ober­leutnant Borges, meun er nach mir fragen sollte — und nun mach' rasch."

Heinos Entschluß war gefaßt. Er wollte Germaine noch einmal fprechen, ihr sein Leben zu Füßen legen, sie bitten, die ©einige zu wer­den — was lag ihm jetzt noch an seinem Be­ruf, seinem Stand? Der Gedanke, Germaine zu verlieren, sie niemals Wiedersehen zu sollen, erfüllte feine Seels mit heißem Schmerz und ließ alle anderen Gedanken, Empfindungen und Bedenken zurücktreten. Die ernsten Worte des Generals waren vergessen.

Nach einer Viertelstunde saß Heino im Wa­gen und fuhr in raschem Trabe zur Stadt hin­aus. Nach einer Stunde hielt der Wagen vor dem Forsthaus „Unter den Eichen". Heino sprang hinaus und eilte durch den Vorgarten auf das Haus zu, vor dessen Tür der alte Mor- rice saß, behaglich feine Pfeise rauchend.. Ein alter Dachshund lag ihm zu Füßen, der sich beim Nahen des Fremden kläffend erhob.

Der Förster verwies den Hund zur Ruhe; er erkannte Heino wieder.

„Die wollen wohl Mademoiselle besuchen, Herr Leutnant," sagte er. „Ja, da kommen Sie leider zu spät. Mademoiselle ist gestern morgen abgefahren, Herr de Malmaison hatte einen be­quemen Landauer geschickt und der Diener des Herrn Grafen war auch mitgekommen. Sie hatten es eilig, denn Monsieur Louis will nicht gern mit einem deutschen Gendarmen zusam­mentreffen. Uebrigens ein braver Bursche, die­ser Monsieur Louis ... hat seinen Herrn eine

Stunde weit geschleppt, als ihn die Gendarmen angeschoflen hatten." (Fortsetzung folgt.)

«rnites Merlei.

"■’X Ein geheimnisvolles Tier.

Den bekannten Afrikareisendeir H a n S Schomburgk, den Verfasser des Büches: „Wild und Wilde im Herzen Afrikas", hat Karl Hagenbeck mit einer ebenso interes­santen wie geheimnisvollen Aufgabe betraut. Es handelt sich darum, daß Schomburgk ein dem Aus st erben geweihtes Tier, das in nur noch sehr wenigen Exemplaren im Innern Liberias vorkommt, lebend nach Europa bringt. Schomburgk ist soeben von einer Vorexpeditton zurückgekommen: es ist ihnt gelungen, als erster Europäer in verschiedene bisher unerforschte Teile dieser höchst interes­santen Republik zu kommen, und sogar wett bis ins Herz der auch heute noch so gefürchteten Lager des kriegerischen Stammes der G o l a h einzudringen. Leider mußte diese erste Expe ditton infolge der ja bekanntlich in Liberia so schweren Regenzeit unterbrochen werden. Die bisher noch geringen Andeutun­gen über die Ergebnisse der Auffindung des Tiers entstammen einem Interview mit Schomburgk in Antwerpen, das dortige Zeitun­gen gleich nach der Ankunft des Forschungs- teifenben gebracht haben. Jedenfalls ist es sicher, daß Schomburgk nicht nur auf der Fähr­te des Tieres gewesen ist, sondern es auch in nächster Nähe vor sich gehabt hat. Karl Hagen beck rüstet jetzt eine neue Expedition unter der Führung Schomburgks.

*

Der Dauerrekord des Zigarrenrauchers.

Man schreibt uns aus PariS: Wie lau» ge kann man an einer Zigarre rauchen? Um diese wichtige Kultur frage zu lösen, haben die Mitglieder eines fashionablen Pariser Klubs in diesen Tagen ein Wettrauchen abge­halten. Sechs erprobte Raucher nahmen an dem edlen Kampfe teil; im selben Augenblick zündeten alle sechs ihre Zigarre an. Einer der Konkurrenten hatte bereits nach dreißig Minuten sein Kraut in Rauch verwandelt, und wenige Minuten später schieden auch zwei weitere aus. Aber die anderen drei machten dem Tabak Ehre. Einer von ihnen mußte zwar nach zweiundsiebzig Minuten aufgeben: Er hatte sich die Lippen verbrannt. Die beiden letzten aber erzielten sehr ach­tungswerte Zeiten, trotzdem der eine von ihnen schließlich von einem bedauerlichen Miß­geschick heimgesucht wurde: Nach zwei Stunden und zehn Minuten mußte er den Schmerz erleben, seine Zigarre auS- gehen zu sehen. Der „Champion" aber hatte -erst nach zwei Stunden siebzehn Minuten den Genuß seiner Havanna beendet und damit einen Weltrekord aufgestellt, da bei dem Wett­kampf nur eine Zigarre mittleren Formates „zum Start zugelassen" wurde.

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